Tagebuch eines Vampirs - Im Licht der Ewigkeit - Lisa J. Smith - E-Book

Tagebuch eines Vampirs - Im Licht der Ewigkeit E-Book

Lisa J. Smith

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Beschreibung

Die Rache an Stefanos Mörder hat einen hohen Preis: Elenas Tod. Doch die Himmlischen Wächter geben ihr eine letzte Chance: Wenn es Elena gelingt, Fell’s Church vor der tödlichen Spirale aus Liebe, Leidenschaft und Zerstörung zu bewahren, die ihre Beziehung zu den Salvatore-Brüdern einst in Gang setzte, darf sie weiterleben. Doch das heißt für Elena nicht nur, in die Zeit ihres letzten Highschool-Jahres zurück zu reisen, sondern auch, Stefano und Damon zu entsagen! Ist Elena bereit für die Vergangenheit – und eine Zukunft ohne ihre große Liebe?

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Seitenzahl: 308

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Foto: © privat

DIEAUTORIN

Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10 000 Büchern im Norden Kaliforniens.

Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:

Die Tagebuch eines Vampirs-Serie

Im Zwielicht (Bd. 1)

Bei Dämmerung (Bd. 2)

In der Dunkelheit (Bd. 3)

In der Schattenwelt (Bd. 4)

Rückkehr bei Nacht (Bd. 5)

Seelen der Finsternis (Bd. 6)

Schwarze Mitternacht (Bd. 7)

Jagd im Abendrot (Bd. 8)

Jagd im Mondlicht (Bd. 9)

Jagd im Morgengrauen (Bd. 10)

Dunkle Ewigkeit (Bd. 11)

Im Bann der Ewigkeit (Bd. 12)

The Vampire Diaries– Stefan’s Diaries

Am Anfang der Ewigkeit (Band 1)

Nur ein Tropfen Blut (Band 2)

Rache ist nicht genug (Band 3)

Nebel der Vergangenheit (Band 4)

Die Night World-Reihe

Engel der Verdammnis

Prinz des Schattenreichs

Jägerin der Dunkelheit

Retter der Nacht

Gefährten des Zwielichts

Töchter der Finsternis

Schwestern der Dunkelheit

Kriegerin der Nacht

Der Magische Zirkel

Die Ankunft (Band 1)

Der Verrat (Band 2)

Die Erlösung (Band 3)

Der Abgrund (Band 4)

Die Hexenjagd (Band 5)

Visionen der Nacht

Die dunkle Gabe (Band 1)

Der geheime Bund (Band 2)

Der tödliche Bann (Band 3)

Das Dunkle Spiel

Die Gejagte (Band 1)

Die Beute (Band 2)

Die Entscheidung (Band 3)

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Juli 2015

© 2013 by Alloy Entertainment and L. J. Smith

Published by Arrangement with Rights People, London.

Die amerikanische Originalausgabe erschien

2014 unter dem Titel »The Vampire Diaries:

The Salvation: The Unmasked« bei HarperCollins

Publishers, New York.

© 2015 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Michaela Link

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung und Artwork © Birgit Gitschier,

Augsburg unter Verwendung eines Motivs von

Shutterstock (© Nina Buday)

he ∙ Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-13041-1

www.cbt-buecher.de

»Genau da werde ich den Kräutergarten anlegen«, erklärte Bonnie und ließ den Blick über ihren neuen Garten schweifen. Das Grün des Grases reichte bis zum Rand einer kurvigen Landstraße. Eine kleine Fläche im Halbschatten war der perfekte Platz, um Kräuter für ihre Zauber und Amulette zu ziehen. Jenseits der Straße erhoben sich schneebedeckte Berge – echte Berge, viel höher als die sanften Hügel von Virginia.

Zander schlang ihr von hinten die Arme um die Taille und bettete das Kinn auf ihrer Schulter. Bonnie lehnte sich behaglich an seinen warmen, starken Körper. Genüsslich sog sie die frische Luft von Colorado ein und sagte zu ihm: »Es ist absolut zauberhaft hier.«

Sie waren erst vor ein paar Tagen angekommen, und jeden Morgen, wenn Bonnie die Augen aufschlug, staunte sie über ihr Glück. Zander zuliebe war sie hierhergezogen, denn sie hätte es niemals ertragen, ihn zu verlieren, aber dass es ihr tatsächlich gefallen könnte, damit hatte sie nie gerechnet. Noch im Flugzeug war ihr mulmig zumute gewesen. Bonnie hatte noch nie zuvor so weit von ihrer Familie entfernt gelebt, war nie länger als ein paar Monate irgendwo gewesen, wo sie nicht schnell zu ihrer Mom oder einer ihrer Schwestern fahren konnte, wenn sie sie brauchte. Und sie hatte immer ihre anderen Schwestern an ihrer Seite gehabt, die, die sie sich selbst ausgesucht hatte: Elena und Meredith.

Bonnie fühlte sich wie eine Verräterin, weil sie Elena und Meredith verlassen hatte. Sie hatten ihr versichert, dass sie es verstünden und dass sie jederzeit telefonieren könnten. Aber das erleichterte Bonnies Gewissen keineswegs. Stefano, Elenas wahre Liebe, war gestorben. Meredith war in einen Vampir verwandelt worden. Es war bestimmt nicht richtig, dass Bonnie sie gerade jetzt im Stich ließ. Aber es fühlte sich richtig an, hier zu sein. Über ihr wölbte sich der Himmel von Colorado so strahlend blau und klar, dass Bonnie den Eindruck hatte, sie brauche nur die Arme über den Kopf zu strecken, um in die unendliche Weite abzuheben.

Dieser endlose Himmel, das offene Land und die Natur gaben Bonnie das Gefühl, vor Kraft zu platzen.

»Ich werde mit jedem Tag stärker«, sagte sie, verschränkte ihre Finger mit Zanders und zog seine Arme fester um sich.

»Mmhmm«, stimmte Zander zu und küsste sie sanft auf den Hals. »Die Landschaft hier ist so voller Leben. Jared hat mir erzählt, dass er als Wolf letzte Nacht in den Bergen meilenweit gelaufen ist, ohne dass er um irgendein Auto oder Haus einen Bogen hätte machen müssen. Ziemlich cool.«

Er zog sie an der Hand herum und Bonnie folgte ihm ins Haus. Unser Haus. Wie großartig!, dachte sie. Ihre früheren Wohnungen hatten ihr zwar auch gefallen, aber bei diesem kleinen, weißen Ranchhaus gab es keine Nachbarn, die sich über Lärm beklagten, keinen Vermieter, der Regeln aufstellte. Es gehörte ihnen.

»Hier können wir tun und lassen, was wir wollen«, sagte sie glücklich zu Zander.

Er schaute sie mit seinem breiten, umwerfenden Lächeln an. »Und was wünschen Sie zu tun, Miss Bonnie?«

Bonnie grinste. »Oh, ich hätte da so einige Ideen«, erwiderte sie verschmitzt und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen, während sie die Augen schloss.

Sie spürte das gleiche vertraute Prickeln, das Zanders Küsse ihr immer bescherten, aber jetzt war es noch aufregender: Jetzt waren sie verheiratet. Bis dass der Tod uns scheide. Er gehörte ihr.

Sie öffnete die Augen wieder und schaute in Zanders faszinierende ozeanblaue Augen. Ein Glücksgefühl durchfuhr sie. Sie lenkte etwas von Zanders Energie in sich selbst und konzentrierte sich. Als sie den Wesenskern ihres süßen, fröhlichen Ehemannes spürte, überkam sie tiefe Freude. Im Kamin stoben violette und grüne Funken auf und füllten den Raum mit Licht und Farbe.

»Wunderschön«, sagte Zander. »Wie ein winziges Feuerwerk.«

Bonnie wollte gerade etwas erwidern wie: So fühle ich mich ständig mit dir– wie ein Feuerwerk – kitschig, aber die Wahrheit –, als ihr Handy klingelte.

Meredith. Zweifellos wollte ihre Freundin wissen, wie die Flitterwochen gewesen waren und wie Colorado war. Immer noch lächelnd nahm Bonnie das Gespräch an: »Hey! Wie geht’s?«

Eine Pause folgte. Dann erklang Meredith’ Stimme, dünn und rau. »Bonnie?«

»Meredith?« Bonnie versteifte sich, ihre Freundin klang gebrochen.

»Es geht um Elena«, sagte Meredith so leise, dass sie kaum zu verstehen war. »Kannst du nach Hause kommen?«

Damon saß auf Elenas Bettkante und schloss kurz die Augen. Er war so müde, erschöpft bis in die Knochen, schlimmer als je zuvor. Stundenlang saß er schon hier, Elenas Hand in seiner, hatte sie stumm angefleht, weiterzuatmen, hatte ihr Herz angefleht, weiterzuschlagen.

Hatte Elena angefleht, aufzuwachen.

Und sie hatte weitergeatmet, irgendwie, obwohl jeder langsame, rasselnde Atemzug so klang, als wäre er der letzte. Den ganzen Weg über den Atlantik von Paris zurück nach Virginia hatte sie weitergeatmet. Er konnte ihr Herz schlagen hören, schwach und unregelmäßig.

Aber sie war immer noch bewusstlos. Es spielte keine Rolle, wie sehr Damon wollte, dass sie aufwachte. Es spielte keine Rolle, ob er Elena eindringlich darum bat, oder ob er die halb vergessenen Gebete seiner Kindheit hervorkramte und einen Gott anflehte, der sich mit Sicherheit schon vor langer Zeit von ihm abgewendet hatte. Nichts, was Damon tat, spielte eine Rolle.

Sanft strich er eine lange Locke von Elenas Wange. Das einst leuchtende Gold war jetzt dumpfer, verheddert und verfilzt, und ihre Wangen waren bleich. Sie schien dem Tod so nahe zu sein, dass Damon das Herz wehtat.

Er zog seine Hand von Elenas Gesicht zurück und presste sich kurz die Faust auf die Brust. Dort, wo er sonst durch das Band zwischen ihnen Elenas Gefühle spürte, war nur ein dumpfer, leerer Schmerz. Seit Elena das Bewusstsein verloren hatte, war die Verbindung zwischen ihnen gekappt.

»Komm, so schnell du kannst«, sagte Meredith im Wohnzimmer. Am anderen Ende der Leitung hörte er Bonnies bekümmerte Stimme. Sie versprach, alles stehen und liegen zu lassen und das erste Flugzeug zu nehmen, das nach Virginia ging. Als Meredith schließlich auflegte, war es zunächst ganz still, bevor sie tränenreich schniefte.

Sie setzte ihre Hoffnung auf die Zauberkräfte des kleinen Rotkäppchens, das wusste er. Und selbst Damon musste zugeben, dass in ihm ein verräterischer kleiner Funke von Hoffnung glimmte – immerhin war Bonnie jetzt ziemlich mächtig –, aber tief im Innern war ihm klar, dass nicht einmal Bonnie in der Lage sein würde zu helfen. Die Wächter hatten sich entschieden, und Elena war dem Untergang geweiht.

Damon stand auf und durchquerte das Schlafzimmer, um aus dem offenen Fenster zu schauen. Draußen ging die Sonne unter. Die Enge des Raumes erdrückte ihn. Es war eine Qual, Elena stumm und reglos hinter ihm im Bett zu wissen.

Genug. Egal, wie lange er an ihrem Bett saß, es half ihr nicht. Damon war nutzlos. Er musste hier raus, weg von Elenas flachen Atemzügen und dem schwachen, furchtbaren Geruch des Todes, der langsam den Raum erfüllte.

Damon konzentrierte sich und spürte, wie sein Körper sich verdichtete, wie seine Knochen sich verbogen. Seidige schwarze Federn sprossen aus seiner neuen Gestalt. Ein paar Sekunden später breitete eine glänzende schwarze Krähe die Flügel weit aus und segelte durch das Fenster in die Nacht hinaus.

Er ließ sich von der Abendbrise tragen und flog Richtung Fluss. Über ihm brauten sich dunkelgraue Wolken zusammen, ein Spiegelbild seiner Gefühle.

Ohne bewusst dieses Ziel anzusteuern, schwebte er bald über Stefanos Grab am Flussufer. Damon landete und schlüpfte geschmeidig wieder in seine natürliche Gestalt. Er schaute sich um. Erst vor ein paar Wochen war Stefano beerdigt worden, aber es war bereits Gras an der Stelle gewachsen, wo sein jüngerer Bruder lag. Als Damon das Grab betrachtete, wurde der Schmerz in seiner Brust stärker.

Er bückte sich und legte eine Hand auf den Boden. Die Erde war trocken und zerbröselte unter seinen Fingern. »Es tut mir leid, kleiner Bruder«, murmelte er. »Ich habe dich im Stich gelassen. Ich habe Elena im Stich gelassen.«

Dann richtete er sich abrupt auf und fragte sich, was er da eigentlich tat. Tot war tot. Stefano konnte ihm nicht mehr verzeihen, so sehr es Damon auch quälte.

Wie viel Zeit sie damit vergeudet hatten, einander zu hassen! Jetzt konnte Damon zugeben, dass es seine Schuld gewesen war. Er hatte seinem jüngeren Bruder aus zahlreichen Gründen gegrollt. Allen voran dem, dass ihr Vater Stefano mehr geliebt hatte als ihn. Und nach jenem schrecklichen Tag, an dem sie einander getötet hatten, hatte sein Hass sich noch verstärkt. In all den Jahrhunderten, in denen er beobachtet hatte, wie Stefano an seinem Vampirismus litt und sich versagte, Menschen zu töten, war Damon selbst immer verbitterter geworden. Sogar noch als Monster war Stefano tugendhafter gewesen, als Damon es als Mensch je war, und dafür hatte er seinen Bruder verabscheut.

Erst mit Jacks Auftauchen hatte sich Damons Hass auf Stefano endgültig aufgelöst. Jack. Damons Kiefer verkrampfte sich vor Zorn, und wie zur Antwort grollte ein Donner.

Jack Daltry hatte so getan, als sei er ein Mensch, der einen bösartigen, uralten Vampir jagte. Aber das war eine Lüge gewesen: Stattdessen hatte der Wissenschaftler eine neue, schnellere und stärkere Vampirrasse erschaffen und es sich zur Aufgabe gemacht, ältere Vampire zu vernichten. Darunter auch Stefano, Catarina und Damon.

Als Stefano getötet worden war, hatte Damon sich auf einem anderen Kontinent aufgehalten. Erst zu Stefanos Beerdigung war er nach Hause gekommen – und hatte Elenas Verfall hilflos miterlebt. Damon rieb sich die Brust und zuckte zusammen bei der Erinnerung daran, wie ihn Elenas Schmerz durch das magische Band zwischen ihnen nach Hause gezogen hatte. Er hatte sofort gewusst, dass Stefano tot war. Nichts sonst hätte Elena so sehr wehtun können.

Damons und Elenas Band war die Wurzel dessen, was jetzt mit Elena geschah. Die Wächter hatten sie miteinander verbunden, um Damon unter Kontrolle zu halten. Sie waren zu Recht davon ausgegangen, dass es Damon davon abhalten würde, seinen schlimmsten Neigungen zu folgen. Sie hatten ihm klargemacht: Wenn er von unfreiwilligen Opfern trank, würde Elena leiden. Wenn er einen Menschen tötete, würde Elena sterben.

Dicke Regentropfen fielen vom Himmel und die helle Erde am Flussufer wurde schmutzig braun. Damon schob die Hände in seine Taschen und wandte sich wieder dem Grab seines Bruders zu. »Ich habe es nicht gewusst«, sagte er leise.

Alles, was sie gewollt hatten, was ihn und Elena verzehrt hatte, war Rache gewesen. Und sie hatten Erfolg gehabt. Sie hatten Jack zur Strecke gebracht, Damon hatte ihn getötet und Stefanos Ermordung gerächt.

Nach Jacks Tod war Elena endlich zur Ruhe und über Stefanos Verlust hinweggekommen. Sie hatte sich Damon zugewandt, und zum ersten Mal hatten sie einander lieben können, ohne das Gefühl zu haben, Stefano zu betrügen. Damon wusste, dass er sie nicht verdiente. Die Seele, die er früher einmal gehabt hatte, war vor langer Zeit zerstört worden. Aber Elena hatte ihn trotzdem gewollt.

Sie hatten zwei herrliche Wochen miteinander verbracht, waren gereist, waren hingerissen voneinander gewesen. Dann war Elena zusammengebrochen, hatte sich vor Schmerz gekrümmt, und Mylea, jene Wächterin mit dem kalten Gesicht, die sie aneinandergebunden hatte, war erschienen.

Damon war der Meinung gewesen, Jack Daltry töten zu dürfen, weil dieser ein Vampir war. Das Tötungsverbot galt für Menschen, Monster dagegen waren Freiwild für Damon. Welch ein Narr er gewesen war. Jack hatte sich selbst zum Vampir gemacht und mithilfe wissenschaftlicher Methoden die Stärke und Wildheit der Vampire kopiert. Gleichzeitig hatte er sich der traditionellen Schwächen der Vampire entledigt: Holz, Feuer, Sonnenlicht.

Er hatte sich durch sterbliche Mittel verwandelt. Er war nie gestorben – sein menschliches Leben hatte nie geendet. Jack war kein echter Vampir, nur eine Imitation. In ihm war kein Tropfen Magie. Insofern hatte Damon das Abkommen mit den Wächtern gebrochen. Und jetzt bezahlte er dafür den Preis.

Elena lag im Sterben.

Damon hatte sie nach Dalcrest gebracht. Irgendetwas sagte ihm, dass sie am liebsten hier sein würde, unter den Menschen, die sie liebte.

Sie hatten gemeinsam gegen unsterbliche Monster gekämpft, gemeinsam die Welt gerettet. Ein Teil von ihm hoffte, vielleicht törichterweise, dass sie auch gemeinsam Elena retten konnten.

Aber seit sie hier waren, hatte sich nichts geändert, und er hatte schreckliche Angst, dass seine Hoffnung sich nicht erfüllen würde. Vielleicht hatten sie keinen Einfluss mehr auf Elena. Damon schauderte bei dem Gedanken und zog die Schultern gegen den prasselnden Regen hoch.

»Stefano«, flüsterte er und starrte die regennasse Erde auf dem Grab seines Bruders an. »Was kann ich tun?« Er hatte versucht, ihr sein Blut einzuflößen. Sie hätte es nicht gewollt, aber besser ein Vampir als tot. Doch als sie etwas davon schluckte, hatte es nichts bewirkt.

Zorn stieg in ihm auf und über ihm krachte der Donner. Damon blickte gen Himmel. Wasser strömte ihm durchs Haar und durchnässte seine Kleider. »Mylea!«, rief er, und seine Stimme klang rau und gebrochen im Sturm. »Ich ergebe mich! Bestrafe mich, egal, womit. Nur sag mir, was ich tun soll!« Er hielt kurz den Atem an und wartete auf irgendein Zeichen der Wächter. Tränen rannen ihm übers Gesicht, ein wenig wärmer als die Regentropfen. »Bitte«, flüsterte er. »Rette sie.«

Er bekam keine Antwort, hörte nichts als die Geräusche des Flusses und des Regens. Falls die Wächterin ihn hören konnte, war es ihr gleichgültig.

Meredith strich der schlafenden Elena über die kalte, klebrige Stirn. Elena hatte dunkle Ringe unter den Augen, ein krasser Gegensatz zu ihrer bleichen Haut. Meredith konnte den Blick nicht von ihrem Gesicht losreißen, erfüllt von der unwirklichen Hoffnung, dass irgendetwas geschehen würde. Dass Elena vielleicht plötzlich das Gesicht verziehen würde, leicht mürrisch, wie sonst immer beim frühmorgendlichen Erwachen.

Da versteifte sich Meredith und starrte Elena an. Hatten ihre Lider geflattert?

»Elena?« Meredith hielt ihre Stimme sanft und ruhig. »Kannst du mich hören?«

Keine Antwort. Natürlich. Sie hatten schon tagelang versucht, Elena auf jede erdenkliche Weise zu wecken – zuerst Damon in Paris, und seit sie wieder hier waren Meredith.

Aber ohne Erfolg. Elena lag still und passiv wie eine Schaufensterpuppe da, und nur ihr flacher, stetiger Atem zeigte an, dass sie noch lebte.

Damon hatte erzählt, dass Elena, bevor sie ins Koma gefallen war, schreckliche Schmerzen gelitten hatte. Meredith war dankbar, das nicht mitbekommen zu haben, dankbar, dass Elena jetzt nicht mehr litt. Aber diese stumme, bleiche Kreatur machte Meredith schreckliche Angst. Das konnte nicht Elena sein. Nicht die clevere, charmante Elena, die so viel überwunden hatte, die Meredith seit ihrer Kindheit näherstand als eine leibliche Schwester.

Meredith erhob sich von dem Stuhl neben dem großen weißen Bett. Sie konnte Elena nicht länger ansehen. Stattdessen begann sie, im Schlafzimmer gründlich aufzuräumen: Bücher vom Nachttisch in die Regale, Schuhe ordentlich unten in den Kleiderschrank. Sie konzentrierte sich restlos auf das, was sie tat. Sie würde nicht an die reglose Gestalt im Bett denken.

Meredith’ Zähne schlugen dumpf aufeinander, und sie strich sich unwillkürlich mit der Zunge über das Zahnfleisch. Sie würde bald in den Wald verschwinden müssen, um zu trinken, aber sie konnte Elena jetzt nicht allein lassen.

Allein. Die Reihen lichteten sich. Stefano war tot. Elena lag im Sterben. Alaric, Bonnie und Matt waren auf dem Weg hierher: Bonnie von ihrem neuen Zuhause, Alaric von einer akademischen Konferenz, Matt von einem Besuch bei den Eltern von Jasmine, seiner Freundin. Und wer wusste schon, wo Damon war. Seit Stunden war er verschwunden.

Meredith griff nach einem dünnen Schal mit silbernem Muster und faltete ihn ordentlich zusammen. Den hatte Elena bei ihrem letzten Treffen mit Meredith getragen. »Ich weiß es endlich«, hatte sie Meredith erklärt, und ihr Gesicht war so voller Glück gewesen, dass die Erinnerung daran wehtat. »Stefano will, dass ich lebe. Er will, dass ich glücklich bin. Ich darf Damon jetzt lieben … es ist in Ordnung.«

Meredith blinzelte heftig, um nicht zu weinen. Elena hatte sich geirrt. Nichts war in Ordnung.

Sie umklammerte den Schal und zog eine Schublade auf, um ihn hineinzustopfen. Als sie das weinrote Buch darin sah, hielt sie inne. Wer hätte gedacht, dass die so selbstbewusste, erwachsene Elena Gilbert in ihrem Nachttisch ein Highschool-Jahrbuch aufbewahrte?

Zaghaft nahm sie das Buch aus der Schublade und blätterte darin. Ihr erstes Highschool-Jahr. Und zugleich das letzte richtige Jahrbuch, bevor sich alles verändert hatte. Im Abschlussjahr hatte es zwei Jahrbücher gegeben. Das erste hatte eine Gedenkseite für Elena Gilbert und Sue Carson enthalten. Das andere – das für die veränderte Welt, welche die Wächter erschaffen hatten – zeigte nichts als Klassen, Schulteams und Clubs. Keines von beiden fühlte sich jetzt echt an. Aber von ihrem ersten Jahr auf der Highschool gab es nur eine Version des Jahrbuchs.

Ihr eigenes Gesicht, viel jünger, lächelte ihr von einem Foto des jährlichen Schulballs entgegen. Elena war natürlich die Klassen-Queen gewesen und Ausschussmitglied für den Ball der Unterstufe. Aus dem Debattierclub waren Meredith, Elena und Bonnie zwar nach ungefähr einem Monat schon wieder ausgetreten, aber sie waren noch auf dem Foto abgebildet und grinsten wie Bekloppte. Ein Schnappschuss von Matt auf dem Footballfeld, als er mit entschlossenem Gesichtsausdruck einen Angriff abwehrte. Es wirkte alles so normal.

Sie blätterte ganz nach hinten und erkannte ihre eigene Handschrift.

Liebe Elena,

meine beste Freundin und Schwester, danke, dass du immer für mich da bist. Ich werde mich immer an die Picknicks oben bei Hot Springs erinnern. Und daran, wie wir zur Verbindungsparty an der Uni von Virginia gefahren sind. Oder wie Matt und die Jungs deine Geburtstagsübernachtungsparty aufgemischt haben. Und ich werde nie vergessen, wie wir uns für den Ball zurechtgemacht haben– du, ich, Bonnie und Caroline–, was noch besser war als der Ball selbst!

Ich wünsche dir einen mega-fantastischen Sommer in Paris, du Glückspilz, und denk dran: Nur noch ein Jahr bis zur FREIHEIT!!!

Küsschen,

Meredith

Eine ganz normale Jahrbuchnachricht zwischen zwei normalen Mädchen. Bevor sich alles verändert hatte und nichts jemals wieder normal gewesen war. Bevor die Gebrüder Salvatore nach Fell’s Church gekommen waren. Elena und Meredith hatten diese Freiheit, die sie in der Notiz erwähnte, nicht bekommen, die Freiheit, erwachsen zu werden und das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Auch Bonnie nicht oder Matt, ebenso wenig wie die Menschen, in die sie sich später verliebt hatten.

Stattdessen waren sie alle in den Sog des Übernatürlichen geraten: Vampire und Werwölfe, Dämonen und Wächter. Die Aufgabe, die Welt zu retten, Wache zu stehen zwischen dem Alltagsleben und der dunklen Seite, hatte sie alle wie Geiseln im Griff gehabt.

Elena noch mehr als die anderen, dachte Meredith und warf einen verstohlenen Blick aufs Bett. Elenas Brust bewegte sich beinah unmerklich, während ihr langsam rasselnder Atem laut die Stille des Raumes durchschnitt. Elena hatte niemals eine wirkliche Chance gehabt, nicht seit sie sich in Stefano Salvatore verliebt hatte.

Die Schlafzimmertür öffnete sich knarrend und Damon kam leise und geschmeidig herein. Rasch warf er einen besorgten Blick zum Bett, dann lehnte er sich gegen die Wand, als sei er plötzlich zu müde, um aufrecht zu stehen. Meredith fing seinen Blick aus rot geränderten Augen auf, und sie fragte sich, ob er geweint hatte. Damon mochte toben oder sich von Bitterkeit verschlingen lassen, er weinte jedoch niemals.

Aber vielleicht tat er es jetzt, da alles zu Ende ging, doch.

Matt bretterte mit einem Rad über den Bordstein, parkte schief und stürzte aus dem Wagen. »Ich wusste, dass das eines Tages passieren würde«, knirschte er mit zusammengebissenen Zähnen, während er über den Gehweg zu Elenas Wohnung stürmte. »Ich wusste, dass Stefano und Damon es schaffen würden, sie umzubringen.«

Jasmine folgte etwas langsamer und mit ernstem Blick. »Sag das nicht«, murmelte sie und legte ihm eine Hand auf den Arm, während sie auf den Aufzug warteten. »Elena ist nicht tot. Wir dürfen sie nicht aufgeben.«

Matt biss sich auf die Lippe und schwieg während der Fahrt nach oben. Auf dem Flur war kein Geräusch zu hören, und er zögerte einen Moment, bevor er kräftig an die Wohnungstür klopfte.

»Erwarte stets das Schlimmste, was du dir nur vorstellen kannst«, flüsterte er, seine Stimme heiser vor Zorn, »denn genau das trifft dann ein. Immer.« Jasmine atmete tief durch und hob die Hand, um ihn erneut zu berühren, doch in diesem Moment ging die Tür auf.

Damon stand auf der Schwelle, sein bleiches Gesicht verkniffen, sein dunkles Haar zerzaust. Er sah menschlicher aus, als Matt ihn je zuvor gesehen hatte. Noch bevor irgendjemand etwas sagte, ballte Matt die Faust und ließ sie in Damons Gesicht krachen.

Damons Kopf prallte leicht zurück, und er blinzelte überrascht. Auf seiner weißen Wange zeichnete sich ein roter Abdruck ab.

»Ich hätte nie gedacht, dass du das draufhast«, bemerkte er mit einem dünnen, freudlosen Lächeln. Er berührte vorsichtig seine Wange, dann ließ er seine Hand sinken und das Lächeln verschwand. »Wahrscheinlich hab ich’s verdient.«

»Ja, der Meinung bin ich auch«, erklärte Matt und drängte sich an ihm vorbei in die Wohnung. In der Tür zu Elenas Schlafzimmer blieb er stehen. Bei ihrem Anblick krampfte sich sein Herz zusammen.

Als er klein war, hatte es an der Route 40 einen Vergnügungspark mit Märchenthemen gegeben. Matts Dad war manchmal samstags mit ihm dorthin gegangen. Seit Jahren hatte er nicht mehr daran gedacht. Aber jetzt fiel es ihm wieder ein. So still und stumm erinnerte Elena ihn an Dornröschen im Feensaal. Die blonde Prinzessin, wie ein Opfer aufgebahrt, reglos. Unveränderlich bleich und schön. In Matts Augen hatte sie tot ausgesehen.

Jasmine schob sich an ihm vorbei ins Schlafzimmer und fühlte Elena den Puls, dann zog sie ein Augenlid hoch, um ihre Pupillen zu betrachten. Sie biss sich auf die Lippe und schaute zu Matt zurück. Er konnte das Bedauern in ihrem Gesicht sehen.

»Die Ärzte in Paris standen vor einem Rätsel«, berichtete Damon. »So etwas hatten sie noch nie gesehen. Ich habe sie dort vorsichtshalber ins Krankenhaus gebracht, bevor ich einen Flug nach Hause gebucht habe. Aber es war zwecklos.«

»Logisch«, antwortete Matt. Sein Mund fühlte sich trocken an, seine Stimme klang belegt. »Die Wächter würden nicht mit irgendeiner menschlichen Krankheit herumpfuschen. Wenn sie ihr das verpasst haben, sind sie die Einzigen, die es in Ordnung bringen können. Und wir müssen sie dazu zwingen.«

Noch während er den letzten Satz aussprach, überkam ihn kalte Hoffnungslosigkeit. Was hatten sie den Wächtern anzubieten? Was konnte diese kaltäugigen, emotionslosen Richter dazu bewegen, ihnen Elena zurückzugeben?

»Okay, wie habt ihr die Wächter dazu gebracht, herzukommen, als Elena sich auf das ursprüngliche Abkommen mit ihnen geeinigt hat?«, erkundigte sich Meredith. »Vielleicht können wir sie überzeugen …« Sie verstummte, als sie sich deutlich vor Augen führte, dass nichts, was sie zu sagen hatten, die Wächter des Himmlischen Hofs zu irgendetwas bewegen würde. Auf Elena hatten sie nur deshalb gehört, weil sie nützlich für sie war.

Damon biss die Zähne zusammen und versuchte, nicht die Fassung zu verlieren. Sie verschwendeten ihre Zeit, dessen war er sich sicher. Die Himmlischen Wächter hatten kein Interesse daran, ihnen zu helfen.

»Dieser kleine Wächter, Andrés, ist in Trance gefallen und hat ihnen übermittelt, dass Elena mich getötet hätte«, erklärte er tonlos. »Das hat Mylea sofort auf den Plan gerufen. Bedauerlicherweise fehlen uns hier in der Gegend jetzt irdische Wächter.«

»Sie haben dich gerettet. Komisch, nicht wahr, dass alle sterben außer dir, Damon?«, bemerkte Matt und sah ihn aus rot geäderten Augen an. »Andrés, Stefano. Und jetzt …« Er verstummte und sein Mund wurde schmal.

In Damon flammte Hass auf, und er stellte sich kurz vor, Matt das Genick zu brechen. Er konnte sich mühelos den schockierten Ausdruck in den blauen Augen des Jungen ausmalen, das Knacken seines Rückgrats. Dann sackten seine Schultern herab und sein Zorn verpuffte. Er verdiente Matts Verachtung. Matt hatte nur die Wahrheit ausgesprochen. Was Damon am Besten konnte, war Überleben, und jetzt hatte er – fast – alle überlebt, die ihn jemals trotz seiner Fehler geliebt hatten. Wenn Elena starb, gab es niemanden mehr.

Aber darüber wollte er nicht nachdenken. Er hörte, wie sich Schritte der Wohnungstür näherten, und stand auf. Sofort erkannte er die schnellen, leichten Schritte und die gleichmäßigen, schweren Schritte, die im Flur folgten. Die Tür wurde geöffnet und Bonnie kam hereingeplatzt.

»Wir sind so schnell wir konnten hergekommen«, stieß sie hervor. »Auf dem Flughafen ging es zu wie im Zoo, und dann der Verkehr auf dem Weg von Richmond …« Sie brach ab. »Oh, Meredith.« Sie stürzte durch den Raum in die Arme ihrer Freundin.

Einen Moment lang klammerten sie sich aneinander, Bonnie vergrub ihr Gesicht an Meredith’ Schulter, dann hob sie den Kopf und reckte das Kinn entschlossen vor. »Also, kaum bin ich ein paar Wochen weg, schon bricht hier alles zusammen?«, sagte sie. In ihren Augen glänzten Tränen, aber ihr Ton war lässig, sogar scherzhaft.

Braves Mädchen. Damon wusste, dass das kleine Rotkäppchen tapfer bleiben würde, obwohl sie genauso viel Angst hatte wie alle anderen.

Zander lehnte in der Tür und beobachtete sie geduldig. Sein langes, weißblondes Haar fiel ihm über die Stirn, sein Blick war ernst.

Bonnie ließ Meredith los und holte tief Luft. »Also, was kann ich tun?«

»Nun«, erwiderte Meredith, »wir denken, dass es dir wahrscheinlich am ehesten gelingen wird, eine Verbindung zu Mylea oder den anderen Himmlischen Wächtern herzustellen. Wenn du in Trance fallen und sie erreichen kannst, können wir sie vielleicht davon überzeugen, Elena zu retten.«

Bonnie verzog das Gesicht. »Das habe ich schon versucht«, berichtete sie. »Seit du mich angerufen hast. Aber … nichts. Falls sie mich hören können, reagieren sie nicht.«

»Es wird auch nicht funktionieren«, warf Damon ein, der sich nicht länger bremsen konnte. Warum sollten die Wächter ihnen zuhören? Wenn sie Elena dies antaten, hatten die Wächter sie und ihre Kräfte abgeschrieben. Und an irgendeinem anderen der Gruppe hatten sie niemals auch nur das geringste Interesse gehabt – außer an Damon selbst, als sie ihn töten wollten.

»Hast du eine bessere Idee?«, blaffte Matt ihn an.

»Versuch lieber, mit Elena in Kontakt zu treten«, sagte Damon schnell. Der Gedanke war ihm gerade erst gekommen, während er gesprochen hatte. »Du hast das schon mal getan, als Nicolaus sie in seiner Gewalt hatte, und damals hatten wir nichts, nicht einmal ihren Körper. Jetzt haben wir immerhin noch sie selbst, auch wenn wir sie … einfach nicht erreichen können.« Ihm war beklommen zumute, als er den Satz beendete.

Was immer Bonnie in seiner Stimme hörte, ihre Miene wurde weicher. »Ich werde es versuchen«, versprach sie und ging zu Elenas Bett.

Die Art, wie Elenas Hände auf der Brust gefaltet waren, erinnerte so sehr an eine Leiche, dass Damon das Gesicht verzog.

»Oh, Elena«,sagte Bonnie mit Tränen in den Augen. Sie berührte Elena sanft an der Stirn.

Die anderen traten hinter sie. Matt und Jasmine stellten sich auf die gegenüberliegende Seite des Bettes. Matt schaute nur kurz auf Elena hinab und starrte dann die Wand an. Jasmine ergriff seine Hand und drückte sie fest. Zander lehnte an der Wand und hielt einen Beutel mit Bonnies Utensilien in der Hand, während Meredith schwankend am Fußende des Bettes stand und nervös die Hände knetete. Damon verharrte in der Tür.

ENDE DER LESEPROBE