Tagebuch eines Vampirs - Jagd im Abendrot - Lisa J. Smith - E-Book

Tagebuch eines Vampirs - Jagd im Abendrot E-Book

Lisa J. Smith

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8,99 €

Beschreibung

Die Spiegel Besteller-Romanvorlage zur beliebten TV-Serie "The Vampire Diaries".

Über 600 Jahre ist es her, dass die Brüder Stefano und Damon zu erbitterten Feinden wurden – und zu Vampiren. Der Kampf der Rivalen ist noch immer nicht entschieden. Denn das Grauen hat viele Gesichter ...

Elena, Stefano, Damon und ihre Freunde haben die Dunkle Dimension glücklich hinter sich gelassen und wollen im Hier und Jetzt endlich ein »normales« Leben beginnen. Da kommt ihnen der gemeinsame Start am College gerade recht: Neue Freundschaften bringen frischen Wind in die Clique. Aber vor allem auch – frisches Blut ... Schon bald überschlagen sich die Ereignisse und erneut geraten die Freunde in einen dunklen Sog aus Liebe, Hass und Leidenschaft – denn die finsteren Mächte des Bösen sind noch lange nicht besiegt!

Leidenschaftlich und blutdürstig, die Tagebücher eines Vampirs sind ein fesselnder Pageturner mit Suchtgefahr!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 480

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Die Autorin

Foto: © privat

Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10000 Büchern im Norden Kaliforniens.

Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:

Die Tagebuch eines Vampirs-Serie

Im Zwielicht (Band 1, 30497)

Bei Dämmerung (Band 2, 30498)

In der Dunkelheit (Band 3, 30499)

In der Schattenwelt (Band 4, 30500)

Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)

Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)

Schwarze Mitternacht (Band 7, 38012)

Die Night World-Reihe

Engel der Verdammnis (30633)

Prinz des Schattenreichs (30634)

Jägerin der Dunkelheit (30635)

Retter der Nacht (30712)

Gefährten des Zwielichts (30713)

Töchter der Finsternis (30714)

Der Magische Zirkel

Die Ankunft (Band 1, 30660)

Der Verrat (Band 2, 30661)

Die Erlösung (Band 3, 30662)

Visionen der Nacht

Die dunkle Gabe (Band 1, 38000)

Der geheime Bund (Band 2, 38001)

Der tödliche Bann (Band 3, 38002)

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch März 2012

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2011 by L. J. Smith

Published by Arrangement with Rights People, London.

Die amerikanische Originalausgabe erschien

2011 unter dem Titel »The Vampire Diaries:

The Hunters: Phantom« bei HarperCollins Publishers, NewYork.

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe bei cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung © bürosüd°, München

he · Herstellung: AnG

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-06728-1V002

www.cbt-jugendbuch.de

Kapitel Eins

Elena Gilbert trat auf den weichen Rasen; sie spürte, wie die biegsamen Halme unter ihren Fußsohlen nachgaben. In kleinen Beeten wuchsen scharlachrote Rosen und violetter Rittersporn, und über ihr wölbte sich ein gewaltiger Baldachin, von dem unzählige hell leuchtende Laternen hingen. Auf der Terrasse vor ihr standen zwei runde, weiße Marmorspringbrunnen, die ihre Wasserfontänen hoch in die Luft spritzten. Alles war schön, elegant und irgendwie vertraut.

Das ist Blodwedds Ballsaal, sagte ihr eine innere Stimme. Aber als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte es auf dem Rasen von lachenden, tanzenden Partygästen nur so gewimmelt. Jetzt waren sie fort, doch die Spuren ihrer Anwesenheit waren nicht zu übersehen: Leere Gläser standen auf den Tischen am Rande des Rasens; ein seidenes Umhangtuch war über einen Stuhl geworfen; ein einsamer, hochhackiger Schuh lag auf einem der Springbrunnenbassins.

Und noch etwas war anders: Beim letzten Mal war die Szene von jenem höllischen, roten Licht erhellt gewesen, das alles in der Dunklen Dimension beleuchtete– das Blautöne purpur färbte, Weiß wie Rosa erscheinen ließ und Rosa die samtige Farbe von Blut verlieh. Jetzt dagegen leuchtete über allem ein klares Licht, und ein voller weißer Mond wanderte gelassen über den Himmel.

Ein Wispern hinter ihr, eine Bewegung, und Elena begriff mit leisem Schrecken, dass sie nicht allein war. Plötzlich war eine dunkle Gestalt daund kam auf sie zu.

Damon. Natürlich ist es Damon, dachte Elena mit einem Lächeln. Wenn irgendjemand hier unerwartet bei ihr auftauchte, hier, an einem Ort, der sich anfühlte wie das Ende der Welt– oder zumindest wie die Stunde nach dem Ende einer guten Party–, dann musste es Damon sein. Gott, er war so schön, Schwarz auf Schwarz: weiches schwarzes Haar, Augen schwarz wie die Mitternacht, schwarze Jeans und eine glatte schwarze Lederjacke.

Als ihre Blicke sich trafen, war sie so froh, ihn zu sehen, dass sie kaum Luft bekam. Sie warf sich in seine Arme, umschlang seinen Hals und spürte die geschmeidigen harten Muskeln seiner Arme und seiner Brust.

»Damon«, sagte sie, und aus irgendeinem Grund zitterte ihre Stimme. Nein, sie zitterte am ganzen Leib, und Damon strich ihr über Arme und Schultern, um sie zu beruhigen.

»Was ist los, Prinzessin? Sag mir nicht, dass du Angst hast.« Er grinste sie lässig an und seine Hände waren stark und ruhig.

»Ich habe Angst«, antwortete sie.

»Aber wovor hast du Angst?«

Diese Frage verwirrte sie für einen Moment. Dann legte sie langsam ihre Wange an seine und antwortete: »Ich habe Angst, dass das nur ein Traum ist.«

»Ich werde dir ein Geheimnis verraten, Prinzessin«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Du und ich, wir sind das einzig Reale hier. Alles andere ist der Traum.«

»Nur du und ich?«, wiederholte Elena, und ein unbehaglicher Gedanke nagte an ihr, als habe sie irgendetwas vergessen– oder irgendjemanden. Ein Ascheflöckchen landete auf ihrem Kleid, und sie wischte es geistesabwesend weg.

»Nur wir beide, Elena«, sagte Damon scharf. »Du bist mein. Ich bin dein. Wir lieben einander seit Anbeginn der Zeit.«

Natürlich, das musste der Grund sein, warum sie zitterte– es war vor Glück. Er gehörte ihr. Sie gehörte ihm. Sie gehörten zusammen.

Sie flüsterte nur ein einziges Wort: »Ja.«

Dann küsste er sie.

Seine Lippen waren weich wie Seide. Der Kuss wurde leidenschaftlicher und sie legte den Kopf in den Nacken, entblößte ihre Kehle und erwartete das Gefühl jenes zweifachen Wespenstichs, den sie so viele Male von ihm empfangen hatte.

Als er nicht kam, öffnete sie fragend die Augen. Der Mond schien so hell wie eh und je, und der Geruch von Rosen hing schwer in der Luft. Aber Damons gemeißelte Züge waren bleich unter seinem dunklen Haar, und auf den Schultern seiner Jacke waren jetzt ebenfalls Ascheflöckchen gelandet. Ganz plötzlich fügten sich die kleinen Zweifel, die an ihr genagt hatten, zu einem großen zusammen.

Oh nein. Oh nein.

»Damon.« Sie keuchte auf und sah ihn verzweifelt an, während ihr Tränen in die Augen traten. »Du kannst nicht hier sein, Damon. Du bist… tot.«

»Seit mehr als sechshundert Jahren, Prinzessin.« Damon schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Weitere Asche fiel herab, wie ein feiner, grauer Regen– die gleiche graue Asche, die Damons Leichnam unter sich begraben hatte, Welten und Dimensionen entfernt.

»Damon, du bist… du bist tot. Nicht untot, sondern… fort.«

»Nein, Elena…« Er begann zu flackern und zu verblassen wie eine verglimmende Glühbirne.

»Doch. Oh doch! Ich habe dich in den Armen gehalten, als du gestorben bist…« Elena schluchzte hilflos. Sie konnte Damons Arme jetzt gar nicht mehr spüren. Er verschwand in dem schimmernden Licht.

»Hör mir zu, Elena…«

Sie hielt Mondlicht in den Armen. Der Schmerz zerriss ihr das Herz.

»Du brauchst mich nur zu rufen«, erklang Damons Stimme. »Du brauchst mich…«

Seine Stimme verlor sich im Rauschen des Windes, der durch die Bäume fuhr.

Elena riss die Augen auf. Wie durch einen Nebel stellte sie fest, dass sie sich in einem sonnendurchfluteten Raum befand und eine riesige Krähe auf dem Sims eines offenen Fensters hockte. Der Vogel neigte den Kopf zur Seite, stieß ein Krächzen aus und beobachtete sie mit glänzenden Augen.

Ein kalter Schauder überlief Elena. »Damon?«, flüsterte sie.

Aber die Krähe breitete nur die Flügel aus und flog davon.

Kapitel Zwei

Liebes Tagebuch,

ICHBINZUHAUSE! Ich wage kaum, es zu glauben, aber ich bin tatsächlich hier.

Das Gefühl beim Aufwachen war überaus seltsam. Ich wusste nicht, wo ich war, und habe einfach hier gelegen und den sauberen Duft der frischen Laken gerochen und versucht herauszufinden, warum alles so vertraut wirkte.

Ich war nicht in Lady Ulmas Herrenhaus. Dort hatte ich auf glattestem Satin geschlafen, eingekuschelt in weichsten Samt, und die Luft hatte nach Weihrauch gerochen. Und ich war auch nicht in der Pension: Mrs Flowers wäscht ihr Bettzeug mit einer merkwürdig riechenden Kräutermixtur, von der Bonnie behauptet, sie schütze vor bösen Einflüssen und schenke gute Träume.

Und plötzlich wusste ich es. Ich war zu Hause. Die Wächter hatten es geschafft! Sie hatten mich heimgebracht.

Alles und nichts hat sich verändert. Es ist dasselbe Zimmer, in dem ich schon als Baby geschlafen habe: mit meiner Ankleidekommode und dem Schaukelstuhl aus poliertem Kirschholz; mit dem kleinen schwarz-weißen Stoffhund auf dem Regal, den Matt in unserem ersten Highschooljahr auf dem Winterjahrmarkt gewonnen hat; mit meinem Rollladen-Sekretär und seinen winzigen Fächern; mit dem verschnörkelten viktorianischen Spiegel über meiner Kommode und den Postern von Monet und Klimt aus dem Museum, in das Tante Judith mich in Washington, D.C., geschleppt hat. Selbst mein Kamm und meine Bürste liegen ordentlich Seite an Seite auf meiner Ankleidekommode. Es ist alles so, wie es immer war.

Ich bin aufgestanden und habe mit dem silbernen Brieföffner von meinem Sekretär das Geheimfach im Boden des Kleiderschranks aufgestemmt– mein altes Versteck–, und ich habe dieses Tagebuch darin gefunden, genau dort, wo ich es vor so vielen Monaten versteckt hatte. Den letzten Eintrag hatte ich vor dem Gründungstag im November geschrieben, bevor ich … gestorben war. Bevor ich mein Zuhause verließ und nie mehr zurückkehrte. Bis jetzt.

Dieser Eintrag erzählt alle Einzelheiten unseres Plans, mein anderes Tagebuch zurückzustehlen. Caroline hatte es mir geklaut und war wild entschlossen, auf der Feier zum Gründungstag öffentlich daraus vorzulesen– obwohl oder weil sie genau wusste, dass sie damit mein Leben ruinieren würde. Aber am Tag darauf bin ich im Wickery Creek ertrunken und als Vampir wiederauferstanden. Und danach bin ich erneut gestorben und als Mensch zurückgekehrt, und ich bin in die Dunkle Dimension gereist und habe tausend Abenteuer erlebt. Und mein altes Tagebuch hat genau da gelegen, wo ich es versteckt hatte, und hat dort die ganze Zeit auf mich gewartet.

Die andere Elena, die die Wächter in die Erinnerungen der Menschen von Fell’s Church eingepflanzt haben, war in all diesen Monaten hier, ist zur Schule gegangen und hat ein normales Leben geführt. Doch diese Elena hat nicht in das Tagebuch geschrieben. Ich bin erleichtert, wirklich. Wie unheimlich wäre es, Tagebucheinträge in meiner Handschrift zu sehen und mich nicht an das zu erinnern, wovon sie erzählen? Obwohl das vielleicht sogar hilfreich wäre. Ich habe nämlich keine Ahnung, was für alle anderen in Fell’s Church geschehen ist, in den vielen Monaten seit jenem Gründungstag.

Ganz Fell’s Church hat einen Neuanfang bekommen. Die Kitsune hatten diese Stadt aus purer Bosheit vernichtet. Sie hatten Kinder gegen ihre Eltern aufgebracht und Menschen dazu verleitet, sich selbst und alle, die sie liebten, zu zerstören.

Aber jetzt ist all das gar nicht geschehen.

Wenn die Wächter wirklich Wort gehalten haben, sind all jene, die gestorben waren, wieder lebendig: Vickie Bennett und Sue Carson, die Ärmsten, von Nicolaus und Tyler Smallwood ermordet; der abscheuliche Mr Tanner; alle Unschuldigen, die die Kitsune getötet oder deren Tod sie verschuldet hatten. Ich. Alle wieder zurück. Alles wieder auf Anfang.

Und bis auf mich und meine engsten Freunde– Meredith, Bonnie, Matt, Stefano, mein Liebster, und Mrs Flowers– weiß niemand, dass das Leben seit dem Gründungstag nicht wie gewöhnlich weitergegangen ist.

Wir haben alle eine zweite Chance bekommen. Wir haben es geschafft. Wir haben alle gerettet.

Alle bis auf Damon. Am Ende hat er uns gerettet– aber wir konnten ihn nicht retten. Wie sehr wir es auch versucht haben oder wie verzweifelt wir gefleht haben, es gab keine Möglichkeit für die Wächter, ihn zurückzubringen. Vampire werden nicht wiedergeboren. Sie kommen nicht in den Himmel oder die Hölle oder in irgendeine Art von Jenseits. Sie… verschwinden einfach.

Elena hörte für einen Moment auf zu schreiben und holte tief Luft. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber sie beugte sich trotzdem wieder über das Tagebuch. Sie musste die ganze Wahrheit aufschreiben– was für einen Sinn hatte es sonst, überhaupt ein Tagebuch zu führen?

Damon ist in meinen Armen gestorben. Es war qualvoll zu erleben, wie er mir entglitt.

Ich kann nicht glauben, dass er fort ist. Es gab niemanden, der so lebendig war wie Damon– niemanden, der das Leben mehr liebte als er. Jetzt wird er niemals wissen…

In diesem Moment flog überraschend die Tür zu Elenas Zimmer auf. Elena erschrak, schlug mit einem Ruck das Tagebuch zu und blieb stocksteif auf dem Bett liegen. Aber der eindringende Wirbelwind war nur ihre kleine Schwester Margaret. Sie trug einen rosafarbenen Schlafanzug mit Blumenmuster, und das seidige flachsblonde Haar stand ihr von der Mitte des Kopfes ab wie die Schwanzfedern einer aufgebrachten Drossel. Die Fünfjährige bremste erst ab, als sie fast bei Elena war– und stürzte sich dann mit einem Sprung auf sie.

Sie landete mitten auf ihrer älteren Schwester und raubte ihr fast den Atem. Margarets Wangen waren nass, ihre Augen glänzten und sie umklammerte Elena fest mit ihren kleinen Händen.

Elena hielt sie genauso fest. Sie spürte das Gewicht ihrer kleinen Schwester und atmete den süßen Duft von Babyshampoo und Play-Doh ein.

»Ich hab dich vermisst!«, rief Margaret, und ihre Stimme war fast ein Schluchzen. »Elena! Ich hab dich so sehr vermisst!«

»Was?« Trotz ihrer Bemühung um einen unbeschwerten Tonfall konnte Elena das Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken. Schlagartig begriff sie, dass sie selbst Margaret seit fast zehn Monaten nicht gesehen hatte– zumindest nicht wirklich gesehen hatte. Aber das konnte Margaret ja nicht wissen! »Du hast mich seit dem Schlafengehen so sehr vermisst, dass du gleich losgerannt bist, um mich zu suchen?«

Margaret rückte leicht von Elena ab und starrte sie an. Ihre klaren blauen Augen hatten einen so intensiven Ausdruck, einen so wissenden Ausdruck, dass Elena ein Schauder überlief.

Aber Margaret sagte kein Wort. Sie hielt Elena einfach noch fester, schmiegte sich an sie und bettete den Kopf auf Elenas Schulter. »Ich hatte einen schlimmen Traum. Ich habe geträumt, du hättest mich verlassen. Du bist weggegangen.« Das letzte Wort war mehr ein Heulen.

»Oh, Margaret«, sagte Elena und umarmte das warme, weiche Bündel, »es war nur ein Traum. Ich gehe nirgendwohin.« Sie schloss die Augen und betete, dass ihre Schwester tatsächlich nur einen Albtraum gehabt hatte und nicht irgendwie durch die Maschen des Zaubers gerutscht war, den die Wächter gestrickt hatten.

»Okay meine Kleine, Zeit aufzustehen«, meinte Elena nach einigen Sekunden und kitzelte Margaret dabei sanft. »Wir werden uns jetzt zusammen ein sagenhaftes Frühstück genehmigen. Was meinst du, soll ich dir Pfannkuchen backen?«

Jetzt richtete Margaret sich auf und sah Elena wieder mit großen blauen Augen an. »Onkel Robert macht Waffeln«, sagte sie. »Du weißt doch, er macht am Wochenende immer Waffeln.«

Onkel Robert. Richtig. Er und Tante Judith hatten nach Elenas Tod geheiratet. »Sicher, Schätzchen«, erwiderte sie leichthin. »Ich habe nur für eine Sekunde vergessen, dass heute Sonntag ist.«

Jetzt, da Margaret es erwähnt hatte, konnte sie jemanden unten in der Küche hören. Und etwas Köstliches riechen, das dort gebrutzelt wurde. Sie schnupperte. »Ist das Schinken?«

Margaret nickte. »Wer zuerst in der Küche ist!«

Elena lachte und streckte sich. »Gib mir eine Minute, um richtig wach zu werden. Ich treffe dich dann unten.« Ich kann wieder mit Tante Judith reden, begriff sie mit einem plötzlichen Glücksgefühl.

Margaret sprang auf. An der Tür hielt sie inne und drehte sich noch einmal um. »Du kommst doch wirklich runter, oder?«, fragte sie zögernd.

»Ich komme wirklich«, bestätigte Elena, und Margaret lächelte und verschwand im Flur.

Während Elena ihr nachschaute, wurde ihr einmal mehr bewusst, was für eine erstaunliche zweite– nein, eigentlich dritte– Chance sie bekommen hatte. Für einen Moment sog Elena einfach die Essenz ihres geliebten Zuhauses ein: Der Ort, von dem sie nie gedacht hätte, dass sie jemals wieder dort leben würde. Sie konnte Margarets helle Stimme von unten hören, als sie glücklich drauflosplapperte, und das dunklere Dröhnen von Robert, der ihr antwortete. Nach allem, was geschehen war, hatte sie ein solches Glück, endlich wieder zu Hause zu sein. Was konnte es Schöneres geben?

Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie kniff sie energisch zusammen. Was für ein dummer Gedanke! Was es Schöneres geben konnte? Wenn die Krähe auf ihrem Fenstersims Damon gewesen wäre, hätte sie gewusst, dass er irgendwo da draußen war, bereit, sein strahlend-lässiges Lächeln aufblitzen zu lassen– oder auch sie ganz bewusst zu ärgern. Also, das wäre noch schöner gewesen.

Elena öffnete die Augen und blinzelte einige Male heftig, um die Tränen zu vertreiben. Sie durfte nicht zusammenbrechen. Nicht jetzt. Nicht kurz bevor sie ihre Familie wiedersah. Jetzt würde sie lächeln und lachen und alle umarmen. Später konnte sie dann immer noch zusammenbrechen und sich dem scharfen Schmerz in ihr ergeben und sich erlauben zu schluchzen. Schließlich hatte sie alle Zeit der Welt, um Damon zu betrauern. Denn sein Verlust würde nie, niemals aufhören wehzutun.

Kapitel Drei

Die helle Morgensonne schien auf die lange, gewundene Einfahrt, die zur Garage hinter der Pension führte. Weiße Wolkenfetzen huschten über den hellblauen Himmel. Es war eine so friedliche Szene, die den Gedanken unmöglich machte, dass an diesem Ort jemals etwas Schlimmes passiert sein sollte.

Als ich das letzte Mal hier war, dachte Stefano, während er seine Sonnenbrille aufsetzte, war es eine Trümmerwüste.

Die Kitsune hatten Fell’s Church in ein Schlachtfeld verwandelt. Kinder hatten ihre Eltern bedroht, junge Mädchen hatten sich selbst verstümmelt und die Stadt war in Chaos versunken. Blut auf den Straßen, überall Schmerz und Leid.

Da öffnete sich hinter ihm die Haustür. Als Stefano sich umdrehte, sah er Mrs Flowers herauskommen. Die alte Dame trug ein langes schwarzes Kleid, und ihre Augen wurden von einem Strohhut beschirmt, der mit künstlichen Blumen übersät war. Sie sah müde und ausgezehrt aus, aber ihr Lächeln war so sanft wie immer.

»Stefano«, sagte sie. »Die Welt ist hier heute Morgen genauso, wie sie sein sollte.« Mrs Flowers trat näher und schaute ihm ins Gesicht, und ihre scharfen blauen Augen waren voller Mitgefühl. Sie sah aus, als wolle sie ihn etwas fragen, schien im letzten Moment jedoch ihre Meinung zu ändern und erklärte stattdessen: »Meredith hat angerufen und Matt ebenfalls. Es ist wirklich ein Wunder, dass wir alle diese Strapazen überlebt haben.« Sie zögerte, dann drückte sie ihm den Arm.

»Fast alle.«

In Stefanos Brust krampfte sich etwas schmerzhaft zusammen. Er wollte nicht über Damon reden. Er konnte es nicht, noch nicht. Stattdessen senkte er den Kopf. »Wir stehen tief in Ihrer Schuld, Mrs Flowers«, sagte er und wählte seine Worte sorgfältig. »Ohne Sie hätten wir die Kitsune niemals besiegen können– Sie waren diejenige, die sie in Schach gehalten und die Stadt verteidigt hat. Keiner von uns wird das je vergessen.«

Mrs Flowers’ Lächeln vertiefte sich, und ein unerwartetes Grübchen tauchte in einer ihrer Wangen auf. »Vielen Dank, Stefano«, sagte sie auf die gleiche förmliche Weise. »Es gibt niemanden, an dessen Seite ich lieber gekämpft hätte als an deiner und an der der anderen.« Sie seufzte und tätschelte ihm die Schulter. »Obwohl ich zu guter Letzt wohl doch alt werden muss; ich verspüre das Bedürfnis, den größten Teil des Tages in einem Sessel im Garten zu dösen. Der Kampf gegen das Böse verlangt mir mehr ab als früher.«

Stefano bot ihr seinen Arm, um ihr die Verandastufen hinunterzuhelfen, und sie lächelte ihn erneut an. »Sag Elena, dass ich diese Teeplätzchen backen werde, die sie so gern isst, sobald sie sich bereit fühlt, ihre Familie zu verlassen und zu Besuch zu kommen«, sagte sie und wandte sich dann ihrem Rosengarten zu.

Elena und ihre Familie. Stefano stellte sich vor, wie das seidige blonde Haar seiner liebsten Elena über ihre Schultern fiel, während die kleine Margaret auf ihrem Schoß saß. Elena hatte eine weitere Chance auf ein menschliches Leben bekommen, und das war es alles wert gewesen.

Dass Elena ihr Leben überhaupt verloren hatte, war Stefanos Schuld gewesen– er wusste das mit einer schonungslosen Gewissheit, die im Innern an ihm nagte. Seinetwegen war Catarina nach Fell’s Church gekommen, und Catarina hatte Elena schließlich zerstört. Doch diesmal würde er dafür sorgen, dass Elena beschützt wurde.

Stefano warf einen letzten Blick auf Mrs Flowers in ihrem Rosengarten, straffte die Schultern und ging in den Wald. Am Waldrand sangen die Vögel im Sonnenschein, aber bald wurde es ruhiger. Stefano ging tief in den Wald hinein, dorthin, wo uralte Eichen wuchsen und das Unterholz dicht war. Wo niemand ihn sehen würde. Wo er jagen konnte.

An einer kleinen, mehrere Kilometer vom Haus entfernten Lichtung blieb er stehen, nahm seine Sonnenbrille ab und lauschte. Ganz in der Nähe knisterte etwas leise unter einem Busch. Er konzentrierte sich und streckte seinen Geist aus. Es war ein Kaninchen. Sein kleines Herz hämmerte schnell, denn es suchte nach seiner eigenen Morgenmahlzeit.

Stefano richtete seinen Geist auf das Tier. Komm zu mir, dachte er, sanft und überzeugend. Er spürte, wie das Kaninchen sich für einen Moment versteifte; dann hoppelte es langsam unter dem Busch hervor, und seine Augen waren glasig.

Das Kaninchen kam folgsam zu ihm und blieb– nach einem weiteren geistigen Anstoß Stefanos– zu seinen Füßen stehen. Stefano hob es hoch und drehte es um, sodass er an die zarte Kehle herankam, an der der Puls des Tieres flatterte. Mit einer stummen Entschuldigung überließ Stefano sich seinem Hunger und versenkte seine Reißzähne in die pulsierende Kehle des Tieres. Er schmeckte das Blut– und versuchte, nicht zusammenzuzucken, während er es langsam trank.

Als die Kitsune Fell’s Church bedroht hatten, bestanden Elena, Bonnie, Meredith und Matt darauf, dass er von ihnen trank– sie wussten, dass menschliches Blut ihn so stark wie nichts anderes für den Kampf machte. Und ihr Blut war beinahe überirdisch gewesen: Meredith’ feurig und stark; Matts rein und gesund; Bonnies süß wie ein Dessert; Elenas berauschend und belebend. Trotz des abscheulichen Kaninchengeschmacks in seinem Mund kribbelten seine Reißzähne bei der Erinnerung an diese Mahlzeiten.

Doch ab jetzt gibt es kein menschliches Blut mehr, sagte er sich energisch. Er konnte diese Grenze nicht immer wieder überschreiten– nicht solange keine unmittelbare Gefahr drohte, selbst wenn seine Freunde dazu bereit gewesen wären. Er wusste, wie schmerzhaft der Wechsel von menschlichem zu tierischem Blut war. Er erinnerte sich an die Zeit, da er das erste Mal aufgehört hatte, menschliches Blut zu trinken: schmerzende Zähne, Übelkeit, Reizbarkeit, das Gefühl, dass er hungerte, selbst wenn er eigentlich satt war… Aber es war die einzige Möglichkeit.

Als der Herzschlag des Kaninchens endgültig zum Stillstand kam, löste Stefano sich sanft von dem Tier. Für einen Moment hielt er den schlaffen Körper in seinen Händen, dann legte er ihn auf den Boden und bedeckte ihn mit Blättern. Danke, Kleiner, dachte er. Er hatte immer noch Hunger, aber ein genommenes Leben an diesem Morgen reichte.

Damon hätte gelacht. Stefano konnte ihn beinahe hören. Nobler Stefano, würde er spotten, mit zu Schlitzen verengten schwarzen Augen, die Stefano halb geringschätzig, halb zuneigungsvoll anblickten. Du Narr versäumst den besten Teil deines Vampirdaseins, während du mit deinem Gewissen ringst.

Als wären diese Gedanken von beschwörender Kraft gewesen, krächzte über ihm plötzlich eine Krähe. Für einen Moment wartete Stefano nur darauf, dass der Vogel zur Erde stürzen und sich in seinen Bruder verwandeln würde. Als nichts dergleichen geschah, stieß Stefano ein kurzes Lachen über seine eigene Dummheit aus und war überrascht, dass es beinahe wie ein Schluchzen klang.

Damon würde niemals zurückkommen. Sein Bruder war fort. Nach Jahrhunderten der Verbitterung hatten sie gerade erst mit dem Versuch begonnen, die hassliebenden Wogen ihrer Beziehung zu glätten; sie hatten sich zusammengetan, um gegen das Böse zu kämpfen, das immer wieder aufs Neue Fell’s Church aufsuchte– und gemeinsam hatten sie Elena beschützt. Aber jetzt war Damon tot. Und Stefano war der Einzige, der Elena und ihre Freunde noch beschützen konnte.

Eine unbestimmte Angst erwachte in seiner Brust. Es gab so vieles, was schiefgehen konnte. Menschen waren verletzbar. Und nun, da Elena über keine speziellen Kräfte mehr verfügte, war sie so verletzbar wie alle anderen.

Bei diesem Gedanken wurde ihm schwindlig. Sofort setzte er sich in Bewegung und rannte direkt auf Elenas Haus am anderen Ende des Waldes zu. Er trug jetzt die Verantwortung für Elena. Und er würde niemals zulassen, dass ihr noch einmal ein Leid angetan wurde.

Der obere Treppenabsatz sah fast genauso aus, wie Elena ihn in Erinnerung hatte: glänzendes, dunkles Holz mit einem orientalischen Läufer, einigen kleinen Tischchen mit Nippessachen und Fotografien darauf, und vor dem großen Panoramafenster stand ein Sofa, von dem aus man einen Blick auf die Einfahrt hatte.

Aber auf halbem Weg die Treppe hinunter hielt Elena inne, denn sie entdeckte etwas Neues. Unter den silbergerahmten Fotos, die hier an der Wand hingen, war auch ein Bild von ihr selbst, Meredith und Bonnie, die Gesichter dicht beieinander. Sie trugen einen Talar und ein Barett mit Quaste, grinsten breit und schwangen stolz ihre Diplome. Elena nahm das Foto von der Wand und sah es sich genauer an. Offensichtlich hatte sie ihren Abschluss an der Highschool gemacht.

Es war ein seltsames Gefühl, diese andere Elena zu sehen, wie sie mit ihren besten Freundinnen um die Wette lächelte– das blonde Haar zu einem eleganten französischen Zopf zurückgebunden, die cremefarbene Haut vor Aufregung gerötet. Elena konnte sich an nichts von alldem erinnern. Und diese andere Elena sah so sorglos aus, so voller Glück und Hoffnung und Erwartungen, was die Zukunft betraf. Diese Elena wusste nichts von dem Grauen der Dunklen Dimension oder von dem Chaos, das die Kitsune angerichtet hatten. Diese Elena war glücklich.

Während sie nun ihren Blick rasch über die anderen Fotos gleiten ließ, entdeckte Elena einige weitere, die sie noch nicht kannte. Anscheinend war diese andere Elena Königin des Winterballs gewesen, obwohl Elena sich genau daran erinnerte, dass nach ihrem Tod Caroline die Krone dieses Balls getragen hatte. Auf dem Foto war jedoch Elena die in himmelblaue Seide gehüllte Königin, umringt von ihrem Hofstaat: Bonnie luftig und zauberhaft in glänzendem, blauem Taft; Meredith elegant in Schwarz; die enttäuschte Caroline in einem engen, silberfarbenen Kleid, das wenig von ihrer Figur der Fantasie überließ; und Sue Carson, die hübsch und quicklebendig in Hellrosa direkt in die Kamera lächelte. Einmal mehr brannten Tränen in Elenas Augen. Sie hatten sie gerettet. Elena, Meredith, Bonnie und Matt und Stefano hatten Sue Carson gerettet.

Dann fiel Elenas Blick auf ein anderes Foto, das Tante Judith in einem langen Hochzeitskleid aus Spitze zeigte, während Robert stolz in einem Cut neben ihr stand. Auch diese andere Elena, offensichtlich die Brautjungfer, war darauf in einem blattgrünen Kleid und mit einem Strauß rosa Rosen im Arm zu sehen. Neben ihr stand Margaret, den glänzenden, blonden Schopf schüchtern gesenkt, während sie mit einer Hand Elenas Kleid umklammert hielt. Sie selbst trug ein ausgestelltes, weißes Blumenmädchenkleid mit einer breiten, grünen Schärpe, und hielt in ihrer freien Hand einen Korb mit Rosen.

Elenas Hände zitterten ein wenig, als sie das Bild wieder an die Wand hängte. Offensichtlich hatten sich alle bestens amüsiert. Es war so traurig, dass sie nicht wirklich dabei gewesen war.

Unten klapperte Geschirr, und sie hörte Tante Judith lachen. Schnell schob Elena all die beklemmenden Gefühle beiseite, die diese fremde Vergangenheit in ihr auslöste– sie würde sich daran gewöhnen müssen– und eilte die Treppe hinunter. Bereit für ihre Zukunft.

Im Esszimmer schenkte Tante Judith gerade aus einem blauen Krug Orangensaft ein, während Robert etwas Teig in das Waffeleisen löffelte. Margaret kniete hinter ihrem Stuhl und ließ ihr Stoffkaninchen ein angeregtes Gespräch mit einem Spielzeugtiger führen.

Eine Woge der Freude stieg in Elenas Brust auf, und sie umarmte Tante Judith stürmisch und wirbelte sie herum. Der Orangensaft ergoss sich in einem weiten Bogen auf den Boden.

»Elena!«, schimpfte Tante Judith, halb lachend. »Was ist los mit dir?«

»Nichts! Ich hab dich einfach lieb, Tante Judith«, rief sie und zog sie noch fester an sich. »Ich habe dich wirklich lieb.«

»Oh«, antwortete Tante Judith mit einem sanften Ausdruck in den Augen. »Oh, Elena, ich hab dich auch lieb.«

»Und was für ein wunderschöner Tag«, sagte Elena und drehte sich mit einer Pirouette nach ihrer kleinen Schwester um. »Ein wunderbarer Tag, um am Leben zu sein.« Sie küsste Margaret auf den blonden Schopf. Tante Judith griff nach den Papierhandtüchern.

Robert räusperte sich. »Dürfen wir daraus schließen, dass du uns verziehen hast, dass wir dir am letzten Wochenende Hausarrest gegeben haben?«

Oh. Elena überlegte krampfhaft, wie sie darauf am besten reagieren sollte. Nachdem sie monatelang allein gelebt hatte, erschien ihr die Idee, ausgerechnet von Tante Judith und Robert Hausarrest zu bekommen, geradezu lächerlich. Trotzdem riss sie die Augen auf und machte eine zerknirschte Miene. »Es tut mir wirklich leid, Tante Judith und Robert. Es wird nicht wieder vorkommen.« Was immeresauch war.

Roberts Schultern entspannten sich. »Dann wollen wir kein Wort mehr darüber verlieren«, erklärte er mit offensichtlicher Erleichterung. Er schob eine heiße Waffel auf ihren Teller und reichte ihr den Sirup. »Hast du für heute etwas Schönes geplant?«

»Stefano holt mich nach dem Frühstück ab«, antwortete Elena, dann hielt sie inne. Als sie das letzte Mal mit Tante Judith gesprochen hatte, nach dem katastrophalen Gründungsfest, waren sie und Robert absolut gegen Stefano gewesen. Sie hatten wie die meisten in der Stadt den Verdacht gehegt, er sei für Mr Tanners Tod verantwortlich.

Aber in dieser Welt, hier und jetzt, schienen sie keinerlei Probleme mit Stefano zu haben, denn Robert nickte nur. Und überhaupt, so rief sie sich ins Gedächtnis, wenn die Wächter getan hatten, worum sie sie gebeten hatte, war Mr Tanner am Leben. Also konnte gar niemand Stefano verdächtigen, ihn getötet zu haben… Oh, es war alles so kompliziert!

Erleichtert fuhr Elena fort: »Wir werden in der Stadt rumhängen und uns vielleicht mit Meredith und den anderen treffen.« Sie konnte es kaum erwarten, die Stadt wieder so zu sehen, wie sie früher war, hübsch, ordentlich und sicher. Sie konnte es kaum erwarten, mit Stefano zusammen zu sein und ausnahmsweise einmal nicht gegen etwas schrecklich Böses zu kämpfen. Sie konnte es kaum erwarten, einfach ein ganz normales Paar mit ihm abzugeben.

Tante Judith grinste. »Also, ein ganz gewöhnlicher, fauler Tag, hm? Ich freue mich so für dich, dass du einen schönen Sommer hast, bevor du aufs College gehst, Elena. Du hast das ganze letzte Jahr über so hart gearbeitet.«

»Mmm«, machte Elena vage– und sich über ihre Waffel her. Sie hoffte, dass die Wächter ihr wie gewünscht einen Platz in Dalcrest verschafft hatten, einem kleinen, zwei Stunden entfernten College.

»Komm, setz dich an den Tisch, Maggie«, sagte Robert, während er Butter auf die Waffel des kleinen Mädchens strich. Margaret kletterte auf ihren Stuhl, und Elena lächelte, als sie Roberts liebevolles Gesicht betrachtete. Margaret war offensichtlich sein Liebling.

Da knurrte Margaret plötzlich und feuerte den Spielzeugtiger quer über den Tisch direkt auf Elena zu. Elena zuckte zusammen. Ihre kleine Schwester fauchte, und auf ihrem Gesicht lag für einen Moment etwas Wildes.

»Er will dich mit seinen großen Zähnen fressen«, krächzte Margaret mit ihrer Kleinmädchenstimme heiser, um möglichst furchterregend zu klingen. »Er kommt, um dich zu holen.«

»Margaret!«, tadelte Tante Judith, während Elena schauderte. Der wilde Ausdruck auf Margarets Gesicht erinnerte sie an die Kitsune und an die Mädchen, die sie in den Wahnsinn getrieben hatten. Aber dann grinste Margaret verschmitzt, stand schnell auf und ließ den Tiger sich an Elenas Arm schmiegen.

Es klingelte an der Tür. Elena stopfte sich den letzten Bissen Waffel in den Mund. »Das ist Stefano«, murmelte sie. »Wir sehen uns später.« Sie wischte sich die Lippen ab und überprüfte im Spiegel des Flurs ihr Haar, bevor sie die Tür öffnete.

Und da stand Stefano, so gut aussehend wie immer: elegante, römische Züge, hohe Wangenknochen, eine klassische gerade Nase, ein sinnlicher Mund. Er hielt seine Sonnenbrille lose in einer Hand und seine juwelgrünen Augen blickten voller Liebe in ihre. Unwillkürlich zauberte sich ein breites Lächeln auf Elenas Züge.

Oh, Stefano, sandte sie ihm ihre Gedankenbotschaft, ich liebe dich. Ich liebe dich! Es ist so wunderbar, wieder zu Hause zu sein. Ich kann zwar nicht aufhören, daran zu denken, dass Damon fort ist, und ich vermisse ihn und wünsche mir, wir hätten irgendetwas anders machen und ihn retten können– und ich würde auch gar nicht aufhören wollen, an ihn zu denken, aber zugleich kann ich auch nicht anders, als glücklich zu sein.

Moment. Plötzlich fühlte sie sich, als wäre sie hart auf die Bremse gestiegen und gegen einen Sicherheitsgurt geschleudert worden.

Denn obwohl Elena die Worte aussandte und mit ihnen eine gewaltige Welle von Zuneigung und Liebe, kam von Stefano keine Reaktion, keine Erwiderung ihrer Gefühle. Als sei da eine unsichtbare Mauer zwischen ihr und Stefano, die verhinderte, dass ihre Gedanken ihn erreichten.

»Elena?«, fragte Stefano laut, und sein Lächeln geriet ins Wanken.

Oh. Da dämmerte ihr etwas, worüber sie bis jetzt noch nicht einmal nachgedacht hatte.

Als die Wächter ihr ihre Kräfte genommen hatten, mussten sie alles genommen haben. Einschließlich ihrer telepathischen Verbindung zu Stefano. Diese hatte zwar noch eine Weile gehalten nach ihrer Ankunft hier… Elena konnte ihn noch hören und seinen Geist erreichen, als sie schon längst keine Verbindung mehr zu Bonnie hatte. Aber jetzt war auch das telepathische Band zu ihm vollkommen zerstört.

Sie beugte sich vor, packte sein Hemd, zog ihn an sich und küsste ihn entschlossen.

Oh, Gott sei Dank, dachte sie. Da war es, das vertraute, tröstende Gefühl, als ihr Geist sich mit dem Stefanos verband. Stefanos Lippen verzogen sich unter ihren zu einem Lächeln.

Ich dachte schon, ich hätte dich verloren, sandte sie ihm, und könnte dich auch auf diese Weise nicht mehr erreichen. Sie wusste, dass ihre Gedanken bei Stefano nun zwar nicht mehr als Worte ankamen, wie über ihre frühere telepathische Verbindung, aber als Bilder und Gefühle. Im Gegenzug spürte sie von ihm einen wortlosen, stetigen Strom unerschütterlicher Liebe.

Da räusperte sich hinter ihnen jemand. Elena ließ Stefano widerstrebend los und drehte sich um. Tante Judith beobachtete sie.

Stefano richtete sich mit verlegen erröteten Wangen auf, einen Hauch von Furcht in den Augen. Elena grinste. Es war einfach zu komisch: Da war er durch die Hölle gegangen– buchstäblich–, und hatte tatsächlich immer noch Angst davor, Elenas Tante zu verärgern. Sie legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, um ihm zu signalisieren, dass Tante Judith ihre Beziehung jetzt akzeptierte. Aber das herzliche Lächeln und die Begrüßung ihrer Tante sprachen bereits für sich.

»Hallo, Stefano, schön dich zu sehen!« Dann wandte sie sich an Elena: »Meinst du, du wirst bis sechs zurück sein? Robert hat nämlich noch eine überraschende Sitzung am Abend, also dachte ich, dass du, Margaret und ich vielleicht zu einem Mädelsabend ausgehen könnten.« Sie wirkte hoffnungsvoll und zögerlich zugleich, wie jemand, der an eine Tür klopfte und damit rechnete, dass sie ihm vor der Nase zugeschlagen werden könnte. Schuldgefühle krampften Elenas Magen zusammen. Bin ich Tante Judith in diesem Sommer aus dem Weg gegangen?

Sie konnte sich gut vorstellen, dass sie– wäre sie nicht gestorben– von ihrer Familie vielleicht genervt gewesen wäre, die sie am liebsten zu Hause wissen wollte. Aber nach allem, was Elena durchgemacht hatte, wusste sie, wie viel Glück es bedeutete, Tante Judith und Robert zu haben. Und wie es schien, hatte Elena eine Menge wiedergutzumachen.

»Klingt nach jede Menge Spaß!«, rief sie fröhlich und setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Darf ich Bonnie und Meredith einladen? Sie finden einen Mädelsabend bestimmt auch toll.« Und es wäre nett, dachte sie, Freundinnen um sich zu haben, die genauso wenig Ahnung hatten, was in dieser offiziellen Version von Fell’s Church eigentlich alles passiert war.

»Wunderbar. Ich gebe dir dann noch Bescheid, wo es hingehen soll«, erwiderte Tante Judith glücklich und entspannt. »Dann viel Spaß ihr zwei.«

Gerade als Elena zur Tür hinauswollte, kam Margaret aus der Küche gerannt. »Elena!«, rief sie und schlang die Arme fest um Elenas Taille. Elena beugte sich hinunter und küsste sie auf den Kopf.

»Bis später, mein Häschen«, sagte sie.

Doch Margaret gab Elena und Stefano mit ihren kleinen Händen ein Zeichen, dass sie sich hinknien sollten. Dann hielt sie die Lippen direkt an ihre Ohren. »Vergesst diesmal bitte nicht, zurückzukommen«, flüsterte sie, bevor sie wieder in der Küche verschwand.

Für einen Moment kniete Elena wie erstarrt da. Stefano nahm ihre Hand und zog sie hoch, und selbst ohne ihre telepathische Verbindung wusste sie, dass sie den gleichen Gedanken hatten.

Als sie in sicherer Entfernung vom Haus waren, fasste Stefano sie an den Schultern. Er sah sie mit seinen leuchtend grünen Augen an und beugte sich vor, um einen leichten Kuss auf ihre Lippen zu hauchen.

»Margaret ist ein kleines Mädchen«, sagte er energisch. »Es könnte gut sein, dass sie einfach nicht will, dass ihre große Schwester weggeht. Vielleicht ist sie auch traurig, weil du aufs College gehen wirst.«

»Vielleicht«, murmelte Elena, während Stefano sie in die Arme nahm. Sie atmete seinen grünen, an einen Wald erinnernden Duft ein und spürte, wie ihre Atmung sich verlangsamte und der Knoten in ihrem Magen sich lockerte.

»Und wenn nicht«, fügte sie langsam hinzu, »werden wir es in Ordnung bringen. Wie immer. Aber jetzt will ich erst mal sehen, was uns die Wächter beschert haben.«

Kapitel Vier

Es waren die kleinen Veränderungen, die Elena am meisten überraschten. Sie hatte erwartet, dass die Wächter Fell’s Church so erstrahlen ließen, als hätte es die Kitsune nie gegeben. Und genau das hatten sie getan. Aber…

Als sie die Stadt das letzte Mal gesehen hatte, lag wahrscheinlich ein Viertel der Häuser in Trümmern: Sie waren verbrannt oder explodiert, einige vollkommen zerstört, andere nur zur Hälfte, und die Absperrbänder der Polizei hatten trostlos vor dem gebaumelt, was von ihren Eingängen übrig geblieben war. Auf den Hausruinen und rundherum waren Bäume und Büsche seltsam in die Länge gewachsen, Kletterpflanzen hatten sich um die Trümmer gelegt und den Straßen der kleinen Stadt das Aussehen eines uralten Dschungels verliehen.

Jetzt sah Fell’s Church– zum größten Teil– wieder genauso aus, wie Elena es in Erinnerung hatte. Eine kleine Südstaatenstadt wie aus dem Bilderbuch, mit Häusern, deren große Veranden von sorgfältig gepflegten Blumenbeeten und riesigen alten Bäumen umgeben waren. Die Sonne schien, und die Luft war warm und erfüllt von dem Versprechen auf einen heißen und feuchten Sommertag, wie er für Virginia typisch ist.

Einige Häuserblocks entfernt erklang das gedämpfte Dröhnen eines Rasenmähers, und der Geruch von frisch gemähtem Gras lag in der Luft. Die Kinder im Haus an der Ecke hatten ihr Badminton-Set herausgeschleppt und schlugen einen Federball hin und her; das kleinste Mädchen winkte Elena und Stefano zu, als sie vorbeigingen. Das alles schien Elena geradewegs zu jenen langen Julitagen zurückzuführen, die sie in all den früheren Sommern ihres Lebens so sehr genossen hatte.

Doch Elena hatte nicht darum gebeten, ihr altes Leben zurückzubekommen. Ihre genauen Worte waren gewesen: Ich will ein neues Leben und mein echtes, altes Leben hinter mir lassen. Sie hatte gewollt, dass Fell’s Church so war, wie es sich entwickelt hätte, im Laufe der Monate, wenn das Böse zu Beginn ihres Abschlussjahres niemals in die Stadt gekommen wäre.

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass all die kleinen, damit einhergehenden Veränderungen sie so verwirren würden. In der Mitte des nächsten Blocks waren die schmalen Häuser im Kolonialstil in einem überraschenden Rosaton gestrichen worden, und die alte Eiche auf dem Rasen vor einem der Häuser war gefällt und durch Büsche ersetzt worden, die bereits blühten.

»Huh.« Elena drehte sich zu Stefano um, als sie an dem Haus vorbeikamen. »Ms McCloskey muss gestorben oder in ein Pflegeheim gezogen sein.« Stefano sah sie verständnislos an. »Sie hätte niemals zugelassen, dass man ihr Haus in dieser Farbe streicht. Dort müssen jetzt andere Leute leben«, erklärte sie mit einem leichten Schaudern.

»Was ist los?«, fragte Stefano. Er spürte sofort, dass etwas auf Elenas Stimmung drückte.

»Nichts, es ist nur…« Elena versuchte zu lächeln, während sie sich eine seidige Haarsträhne hinters Ohr strich. »Sie hat mir, als ich klein war, immer Plätzchen geschenkt. Es ist eine seltsame Vorstellung, dass sie vielleicht eines natürlichen Todes gestorben ist, während wir fort waren.«

Stefano nickte, und sie gingen schweigend durch das kleine Stadtzentrum von Fell’s Church. Gerade wollte Elena ihn darauf aufmerksam machen, dass ihr Lieblingscafé einer Drogerie hatte Platz machen müssen, als sie etwas anderes noch mehr überraschte. Sie packte Stefano am Arm. »Stefano. Sieh mal!«

Isobel Saitou und Jim Brycekamen direkt auf sie zu.

»Isobel! Jim!«, rief Elena glücklich und rannte ihnen entgegen. Aber Isobel verhielt sich seltsam steif und Jim sah sie nur neugierig an.

»Hm, hi?«, sagte Isobel zögerlich.

Elena hielt inne. Hoppla. Hatte sie Isobel in diesem Leben überhaupt gekannt? Natürlich waren sie in die gleiche Schule gegangen. Jim hatte sogar ein paar Dates mit Meredith gehabt, bevor er und Isobel ein Paar wurden, aber Elena hatte ihn nie wirklich kennengelernt. War es tatsächlich möglich, dass sie noch nie mit der stillen, fleißigen Isobel Saitou zu tun gehabt hatte, bevor die Kitsune in die Stadt gekommen waren?

Elenas Gedanken überschlugen sich. Sie suchte krampfhaft nach einer Lösung, wie sie sich aus dieser Situation retten konnte, ohne komplett verrückt zu wirken. Trotzdem stieg ein warmes Summen des Glücks in ihrer Brust auf und hielt sie davon ab, das Problem allzu ernst zu nehmen. Isobel ging es gut. Und dabei hatte sie unter den Kitsune so sehr gelitten: Sie hatte sich auf schreckliche Weise gepierct und ihre eigene Zunge so übel gespalten, dass sie nur noch leise nuschelnd sprechen konnte, selbst nachdem sie sich von dem Bann der Kitsune erholt hatte. Schlimmer noch, die Kitsune-Göttin selbst war die ganze Zeit über in Isobels Haus gewesen und hatte sich als Isobels Großmutter ausgegeben.

Und der arme Jim… Von den Malach infiziert, hatte er sein eigenes Fleisch gegessen. Doch nun war er hier, hochgewachsen, gut aussehend und sorglos– wenn vielleicht auch etwas verwirrt.

Stefano lächelte breit, und dann begann Elena plötzlich zu kichern und konnte gar nicht mehr aufhören. »Entschuldigung, Leute, ich bin einfach… so froh darüber, vertraute Gesichter aus der Schule zu sehen. Ich muss die gute alte Robert-Lee-High wohl echt vermissen. Wer hätte das gedacht?«

Es war eine ziemlich lahme Erklärung, aber Isobel und Jim nickten und lächelten. Jim räusperte sich unbeholfen und sagte: »Ja, es war ein richtig gutes Jahr, was?«

Elena lachte erneut. Sie konnte einfach nicht anders. Ein richtig gutes Jahr.

Sie plauderten einige Minuten, bevor Elena beiläufig fragte: »Wie geht es deiner Großmutter, Isobel?«

Isobel sah sie verständnislos an. »Meiner Großmutter?«, wiederholte sie. »Du musst mich mit jemand anderem verwechseln. Meine beiden Großmütter sind schon seit Jahren tot.«

»Oh, Entschuldigung, mein Fehler.« Elena verabschiedete sich und schaffte es, sich gerade noch zu beherrschen, bis Isobel und Jim außer Hörweite waren. Dann packte sie Stefano an den Armen, zog ihn an sich und gab ihm einen innigen Kuss. Sie empfanden beide das Gleiche: helle Freude und Triumph.

»Wir haben es geschafft«, rief sie, nachdem sie ihre Lippen wieder von Stefanos getrennt hatte. »Es geht ihnen gut! Und nicht nur ihnen.« Geradezu feierlich blickte sie in seine smaragdgrünen Augen, die so ernst und warm waren. »Wir haben etwas Wichtiges und Wunderbares geschafft, nicht wahr?«

»Ja«, stimmte Stefano ihr zu. Aber es entging Elena nicht, dass dabei in seiner Stimme etwas Hartes lag.

Schweigend gingen sie Hand in Hand weiter. Sie schlugen den Weg zum Stadtrand ein, überquerten die Wickery Bridge und stiegen den Hügel zum Friedhof hinauf. Auf dem alten Friedhof gingen sie an der zerstörten Kirche vorbei, in der Catarina sich versteckt hatte, und liefen weiter hinunter in das kleine Tal, in dem sich der neuere Teil des Friedhofs befand.

Schließlich setzten Elena und Stefano sich in das frisch gemähte Gras neben dem großen, marmornen Grabstein, in den der Name »Gilbert« eingemeißelt war.

»Hi, Mom. Hi, Dad«, flüsterte Elena. »Es tut mir leid, dass ich so lange nicht hier war.«

Damals, in ihrem alten Leben, hatte sie das Grab ihrer Eltern oft besucht, nur um mit den beiden zu reden. Sie hatte das Gefühl gehabt, als könnten sie Elena irgendwie hören, als würden sie ihr von dort, wo sie jetzt waren, Gutes wünschen. Sie hatte sich immer erleichtert gefühlt, wenn sie ihnen von ihren Sorgen erzählen konnte. Und bevor ihr Leben so kompliziert geworden war, hatte sie ihnen alles erzählt.

Sie streckte eine Hand aus und berührte sanft die Namen und Daten, die in den Grabstein gemeißelt waren. Dann senkte sie den Kopf.

»Es ist meine Schuld, dass sie tot sind«, murmelte sie. Stefano gab einen leisen Laut von sich, der Widerspruch signalisierte, und sie drehte sich zu ihm um. »Es ist meine Schuld«, wiederholte sie, und ihre Augen brannten. »Die Wächter haben mir den Hergang erzählt.«

Stefano seufzte und küsste sie auf die Stirn. »Die Wächter wollten dich töten«, erwiderte er. »Um dich zu einer von ihnen zu machen. Und stattdessen haben sie versehentlich deine Eltern getötet. Es ist ebenso wenig deine Schuld, als hätten sie auf dich geschossen und ihr Ziel verfehlt.«

»Aber ich habe meinen Vater in jenem kritischen Augenblick abgelenkt und den Aufprall verschuldet«, sagte Elena und ließ die Schultern hängen.

»Die Wächter selbst haben von einer ›missglückten Mission‹ gesprochen«, entgegnete Stefano, »und würden alles dafür tun, dass es nicht nach ihrer Schuld klingt. Sie geben Fehler nicht gerne zu. Tatsache ist aber, dass der Unfall, bei dem deine Eltern ums Leben kamen, nicht passiert wäre, wenn die Wächter nicht eingegriffen hätten.«

Elena senkte die Lider, um die Tränen zu verbergen, die in ihren Augen schwammen. Was Stefano sagt, ist wahr, dachte sie. Trotzdem gelang es ihr nicht, den meineSchuldmeineSchuldmeineSchuld-Chor in ihrem Kopf zum Schweigen bringen.

Da bemerkte sie einige wilde Veilchen, die links von ihr wuchsen, und sie pflückte sie zusammen mit einigen Butterblumen. Stefano schloss sich ihr an und reichte ihr ein Sträußchen Akelei mit gelben glockenförmigen Blüten, das sie ihrem winzigen Wildblumenstrauß hinzufügen konnte.

»Damon hat den Wächtern nie vertraut«, bemerkte er leise. »Nun, natürlich nicht– sie halten nicht viel von Vampiren. Aber darüber hinaus…« Er griff nach einem Stängel wilder Möhre, der neben einem nahen Grabstein wuchs. »Damon hatte ziemlich fein geschärfte Sinne, um Lügen aufzuspüren– Lügen, die Leute sich selbst einredeten, und Lügen, die sie anderen Leuten auftischten. Als wir Kinder waren, hatten wir einen Privatlehrer– einen Priester. Ich mochte ihn, mein Vater vertraute ihm, aber Damon hatte für ihn nur Verachtung übrig. Als der Mann mit dem Gold meines Vaters und einer jungen Dame aus der Nachbarschaft davonlief, war Damon als Einziger nicht überrascht.« Stefano lächelte Elena an. »Er sagte, die Augen des Priesters seien falsch gewesen. Und dass er zu glatt gesprochen habe.« Stefano zuckte die Achseln. »Meinem Vater und mir ist das nie aufgefallen. Aber Damon.«

Elena lächelte zittrig. »Er wusste immer genau, wenn ich nicht ganz ehrlich zu ihm war.« Plötzlich blitzte eine Erinnerung in ihr auf: an Damons dunkle schwarze Augen, die in ihre schauten, seine Pupillen erweitert wie die einer Katze, den Kopf zur Seite geneigt, als ihre Lippen sich trafen. Sie wandte den Blick von Stefanos warmen grünen Augen ab, die so anders waren als Damons dunkle, und wand den dicken Stängel der wilden Möhre um die Blumen in ihrer Hand. Als der Strauß zusammengebunden war, legte sie ihn auf das Grab ihrer Eltern.

»Ich vermisse ihn«, sagte Stefano leise. »Es gab eine Zeit, da hätte ich gedacht… eine Zeit, da sein Tod vielleicht eine Erleichterung gewesen wäre. Aber ich bin so dankbar, dass wir zueinander gefunden haben– dass wir wieder Brüder waren– bevor er starb.« Er legte Elena sanft eine Hand unters Kinn und hob ihren Kopf, sodass sie ihm in die Augen sehen musste. »Ich weiß doch, dass du ihn geliebt hast, Elena. Es ist in Ordnung. Du brauchst dich nicht mehr zu verstellen.«

Elena stieß einen leisen Schmerzenslaut aus.

Es war, als sei da ein dunkles Loch in ihr. Sie konnte lachen und lächeln und über die wiederhergestellte Stadt staunen; sie konnte ihre Familie lieben; aber die ganze Zeit über war da dieser dumpfe Schmerz, dieses schreckliche Gefühl des Verlustes.

Endlich ließ Elena ihren Tränen freien Lauf und fiel in Stefanos Arme.

»Oh, meine Liebste«, murmelte er. Dann brach seine Stimme und sie weinten zusammen und fanden Trost in der Wärme des anderen.

Lange Zeit war feine Asche gefallen. Jetzt versiegte sie endlich, und der kleine Mond der Unterwelt war mit einer dicken, klebrigen Ascheschicht bedeckt. Hier und da sammelte sich schillernde Flüssigkeit auf der verkohlten Schwärze und färbte sie mit den Regenbogenfarben einer Ölschicht.

Nichts bewegte sich. Jetzt, da der Große Baum verfallen war, war nichts Lebendiges mehr an diesem Ort.

Tief unter der staubigen Ascheoberfläche des zerstörten Mondes lag ein Körper. Sein vergiftetes Blut hatte zu fließen aufgehört, und er verharrte regungslos, ohne zu fühlen, ohne zu sehen. Aber die Tropfen der Flüssigkeit, die seine Haut durchtränkten, nährten ihn, und ein leises Pulsieren magischen Lebens war nie verstummt. Ab und zu erhob sich in ihm ein Flackern von Bewusstsein. Er hatte vergessen, wie er gestorben war. Aber irgendwo tief in ihm war eine Stimme, eine helle, süße Stimme, die er gut kannte und die ihm sagte: Schließ jetzt die Augen. Lass los. Lass los. Geh. Es war tröstlich, und sein letzter Bewusstseinsfunke hielt sich noch für einen Moment länger, nur um es zu hören. Er konnte sich nicht daran erinnern, wessen Stimme es war, obwohl etwas in ihr an Sonnenlicht erinnerte, an Gold und Lapislazuli.

Lass los. Er glitt davon, der letzte Funke verblasste, aber es war in Ordnung. Es war warm und bequem, und er war jetzt bereit loszulassen. Die Stimme würde ihn den ganzen Weg führen… wohin er auch ging.

Doch gerade als das Flackern von Bewusstsein zum letzten Mal erlöschen wollte, sprach in ihm eine andere Stimme– eine schärfere Stimme, die Stimme einer Person, die es gewohnt war, dass ihre Befehle befolgt wurden.

Sie braucht dich. Sie ist in Gefahr.

Er konnte nicht loslassen. Noch nicht. Diese Stimme zog schmerzhaft an ihm und hielt ihn im Leben fest.

Und dann veränderte sich alles mit einem plötzlichen Schock. Mit einem Mal war ihm eiskalt, als sei er aus diesem sanften, behaglichen Ort gerissen worden. Alles tat weh.

Tief in der Asche zuckten seine Finger.

Kapitel Fünf

»Bist du schon aufgeregt, weil Alaric morgen kommt?«, fragte Matt. »Er bringt Sabrina mit, diese Wissenschaftlerin, mit der er befreundet ist, richtig?«

Meredith trat ihm gegen die Brust.

»Uff!« Matt taumelte rückwärts– ihm blieb trotz seiner Schutzweste die Luft weg. Meredith ließ einen Roundhouse-Kick in Matts Seite folgen, und er fiel auf die Knie und schaffte es kaum noch, sich auf die Hände zu stützen und einen direkten Hieb in sein Gesicht abzublocken.

»Au!«, rief er. »Meredith, Auszeit, okay?«

Geschmeidig ließ Meredith sich in Tigerhaltung zurückfallen. Ihr Gewicht lag auf dem hinteren Bein, während der vordere Fuß nur mit den Zehen aufsetzte. Ihr Gesicht war gelassen, ihre Augen kühl und wachsam. Beim geringsten Anzeichen für eine plötzliche Bewegung ihres Gegners würde sie losspringen.

Als sie Matt vor dem gemeinsamen Kampftraining– er wollte ihr helfen, sich als Jägerin in Topform zu halten– Helm, Mundschutz, Handschuhe, Schienbeinschützer und eine Weste ausgehändigt hatte, war ihm das merkwürdig vorgekommen, denn sie selbst trug nur einen glatten, schwarzen Trainingsanzug.

Aber jetzt dämmerte ihm der Sinn seiner Ausrüstung. Er war zu keinem einzigen Angriff gekommen, geschweige denn zu einem Treffer, während sie gnadenlos auf ihn eingedroschen hatte. Matt schob eine Hand unter die Weste und rieb sich kläglich die Seite. Er hoffte, dass sie ihm keine Rippe gebrochen hatte.

»Bist du wieder so weit?«, fragte Meredith herausfordernd.

»Bitte… nein, Meredith«, antwortete Matt und hob zum Zeichen seiner Kapitulation die Hände. »Lass uns eine Pause machen. Ich fühle mich, als hättest du stundenlang auf mich eingeschlagen.«

Meredith ging zu dem kleinen Kühlschrank in der Ecke des Fitnessraums, warf Matt eine Wasserflasche zu und ließ sich dann neben ihn auf die Matte sinken. »Tut mit leid. Schätze, ich hab mich einfach mitreißen lassen. Ich habe noch nie zuvor mit einem Freund gekämpft.«

Matt nahm einen großen Schluck, sah sich um und schüttelte den Kopf. »Wie hast du dieses Goldstück nur so lange geheim halten können?« Der Keller ihres Elternhauses war zu einem perfekten Kampfsportstudio umgebaut worden: an den Wänden hingen verschiedene Wurfsterne, Messer, Schwerter und Stäbe; in einer Ecke war zwischen Boden und Decke ein Punchingball eingespannt, und in einer anderen lehnte ein gepolsterter Dummy. Der Boden war mit Matten ausgelegt und eine Wand vollkommen verspiegelt. In der Mitte der gegenüberliegenden Wand hing derStab: eine spezielle Waffe, um gegen übernatürliche Erscheinungen aller Art zu kämpfen. Er war in Meredith’ Familie von einer Generationen an die nächste weitervererbt worden. Der Kampfstab war ebenso elegant wie tödlich– während der Griff in der Mitte mit Edelsteinverzierungen geschmückt war, ragten aus den spitzen Eisenholzenden zu beiden Seiten giftgetränkte Dornen aus Silber, Eisen, Eschenholz und anderen Materialien. Matt beäugte die Waffe mit gehörigem Respekt.

»Nun«, sagte Meredith und erhob sich wieder, »die Familie Suarez hat sich immer gut darauf verstanden, Geheimnisse zu hüten.« Sie begann einen Taekwondo- Formenlauf: Rückwärtsstellung, doppelter Handkantenblock, linke Kampfstellung, umgedrehter Fauststoß. Dabei war sie in ihrer Trainingskleidung so anmutig wie eine schlanke, schwarze Katze.

Nach einer Verschnaufpause verschloss Matt seine Wasserflasche wieder, rappelte sich hoch und begann, ihre Bewegungen nachzuahmen. Linker doppelter Vorwärtstritt, linker Seitwärtsblock, doppelter Fauststoß. Er wusste, dass er einen halben Herzschlag hinterherhinkte und fühlte sich neben ihr ungelenk und unbeholfen, aber er gab sich Mühe und konzentrierte sich. Er war immer ein guter Sportler gewesen und würde sich nicht so leicht geschlagen geben.

»Außerdem habe ich meine Dates zum Schulball auch nicht gerade mit hierher gebracht«, bemerkte Meredith nach einem weiteren Lauf halb lächelnd. »Es war also nicht so schwer, den Keller zu verstecken.« Sie beobachtete Matt im Spiegel. »Nein, blocke mit der linken Hand etwas tiefer und mit der rechten Hand höher, so.« Sie zeigte es ihm noch einmal, und er machte es ihr nach.

»Okay, alles klar«, sagte er und konzentrierte sich jetzt vor allem auf seine Bewegungen und weniger auf seine Worte. »Aber du hättest uns davon erzählen können. Wir sind deine besten Freunde.« Er schob den linken Fuß vorwärts und ahmte Meredith’ mit dem Ellbogen nach hinten geführten Schlag nach. »Zumindest hättest du es uns nach der ganzen Sache mit Nicolaus und Catarina erzählen können«, räumte er ein. »Vorher hätten wir dich wahrscheinlich für verrückt gehalten.«

Meredith zuckte die Achseln und ließ die Hände sinken, und Matt folgte ihrem Beispiel, bevor er begriff, dass diese Gesten nicht Teil der Taekwondo-Übung waren.

Jetzt standen sie Seite an Seite und starrten einander im Spiegel an. Meredith’ kühles, elegantes Gesicht wirkte blass und erschöpft. »Mir ist von klein auf eingeschärft worden, mein Erbe als Jägerin als ein tiefes, dunkles Geheimnis zu hüten«, sagte sie. »Es kam nicht infrage, davon überhaupt irgendjemandemzu erzählen. Nicht einmal Alaric weiß davon.«

Matt wandte sich von Meredith’ Spiegelbild ab, um sie direkt anzustarren. Alaric und Meredith waren praktisch verlobt. So ernst war es Matt mit noch keinem Mädchen gewesen– diejenige, die ihm am meisten bedeutet hatte, war Elena, und das hatte offensichtlich nicht funktioniert–, aber er hatte sich immer vorgestellt, dass man jemandem, dem sein Herz gehörte, alles erzählte.

»Beschäftigt sich Alaric nicht mit Parapsychologie? Meinst du nicht, er würde es verstehen?«

Stirnrunzelnd zuckte Meredith erneut die Achseln. »Wahrscheinlich«, antwortete sie und klang dabei etwas verärgert, »aber ich will nicht etwas sein, das er studiert oder erforscht. Und ebenso wenig will ich, dass er ausflippt. Aber da du und die anderen es jetzt wisst, werde ich es ihm wohl erzählen müssen.«

»Hmm.« Matt rieb sich noch einmal seine schmerzende Seite. »Ist das der Grund, warum du mich so aggressiv angegangen bist? Weil du Angst davor hast, es ihm zu erzählen?«

Meredith sah ihn jetzt direkt an. Ihre Gesichtszüge waren immer noch angespannt, aber ihre Augen leuchteten schelmisch. »Aggressiv?«, fragte sie honigsüß und nahm wieder Tigerhaltung ein. Matt spürte, wie ein Lächeln an seinen Mundwinkeln zupfte. »Das war noch gar nichts.«

Elena sah sich in dem Restaurant, das Judith für den Mädelsabend ausgesucht hatte, mit einer Art entsetzter Heiterkeit um. Altmodische, piepende Videospiel-Maschinenungetüme wetteiferten mit mindestens ebenso altmodischen Spielautomaten wie Whac-A-Mole und Skee-Ball um die Gunst der Kunden. Über jedem Tisch tanzten leuchtend bunte Luftballonsträuße, und aus den verschiedenen Ecken drangen die unterschiedlichsten Lieder aus den Mündern der singenden Kellner, während sie Pizza um Pizza servierten. Unzählige Kinder, es schienen Hunderte zu sein, rannten kreischend und lachend umher.

Stefano hatte sie zum Restaurant begleitet, sich dann aber geweigert, mit hineinzukommen, nachdem er nur einen kurzen Blick auf dieses ganze Chaos geworfen hatte.

»Ach, ich störe doch nur bei eurem Mädelsabend«, hatte er vage bemerkt und war dann so schnell verschwunden, dass Elena ihn der Nutzung seiner Vampirkräfte verdächtigte.

»Verräter«, hatte sie gemurmelt, bevor sie argwöhnisch die leuchtend pinkfarbene Tür geöffnet hatte. Nach ihrer gemeinsamen Zeit auf dem Friedhof fühlte sie sich stärker und glücklicher, aber hier hätte sie doch gern ein wenig Unterstützung gehabt.

»Willkommen in Happytown«, zirpte eine Platzanweiserin unnatürlich fröhlich. »Einen Tisch für eine Person, oder kommen Sie zu einer Party?«

Elena unterdrückte ein Schaudern. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass tatsächlich irgendjemand ein solches Lokal allein aufsuchen wollte. »