Tagebuch eines Vampirs - Jagd im Morgengrauen - Lisa J. Smith - E-Book

Tagebuch eines Vampirs - Jagd im Morgengrauen E-Book

Lisa J. Smith

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8,99 €

Beschreibung

Die Spiegel Besteller-Romanvorlage zur beliebten TV-Serie "The Vampire Diaries".

Dramatisch, packend, leidenschaftlich – das furiose Finale des Vampir-Bestsellers!
Showdown auf dem Campus von Dalcrest College: Nicolaus, der älteste und mächtigste aller Vampire, ist wieder zum Leben erwacht – und hat nur eines im Sinn: Elena und ihre Gefährten zu vernichten! Eine atemlose Jagd beginnt, und es gibt nur eine Chance, dem Bösen zu entrinnen: Elena muss sich endgültig zwischen Stefano und Damon entscheiden – und sie muss sich ihrem Schicksal stellen, denn als Wächterin hat sie die Macht, Nicolaus zu besiegen. Doch das Geheimnis ihrer Vergangenheit fordert einen folgenschweren Entschluss ...

Leidenschaftlich und blutdürstig, die Tagebücher eines Vampirs sind ein fesselnder Pageturner mit Suchtgefahr!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 436

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Foto: © privat

Die Autorin

Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10000 Büchern im Norden Kaliforniens.

Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:

Die Tagebuch eines Vampirs-Serie

Im Zwielicht (Band 1, 30497)

Bei Dämmerung (Band 2, 30498)

In der Dunkelheit (Band 3, 30499)

In der Schattenwelt (Band 4, 30500)

Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)

Seelen der Finsternis (Band 6, 30703)

Schwarze Mitternacht (Band 7, 38012)

Jagd im Abendrot (Band 8, 38016)

Jagd im Mondlicht (Band 9, 38027)

The Vampire Diaries– Stefan’s Diaries

Am Anfang der Ewigkeit (Band1, 38017)

Nur ein Tropfen Blut (Band2, 38025)

Rache ist nicht genug (Band 3, 38031)

Nebel der Vergangenheit (Band4, 38032)

Die Night World-Reihe

Engel der Verdammnis (30633)

Prinz des Schattenreichs (30634)

Jägerin der Dunkelheit (30635)

Retter der Nacht (30712)

Gefährten des Zwielichts (30713)

Töchter der Finsternis (30714)

Schwestern der Dunkelheit (38013)

Kriegerin der Nacht (38015)

Der Magische Zirkel

Die Ankunft (Band 1, 30660)

Der Verrat (Band 2, 30661)

Die Erlösung (Band 3, 30662)

Visionen der Nacht

Die dunkle Gabe (Band 1, 38000)

Der geheime Bund (Band 2, 38001)

Der tödliche Bann (Band 3, 38002)

Das Dunkle Spiel

Die Gejagte (Band 1, 38022)

Die Beute (Band 2, 38021)

Die Entscheidung (Band 3, 38023)

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch Mai 2013

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2012 by L. J. Smith

Published by Arrangement with Rights People, London.

Die amerikanische Originalausgabe erschien

2012 unter dem Titel »The Vampire Diaries:

The Hunters: Destiny Rising« bei HarperCollins Publishers, New York.

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe bei cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung: © Birgit Gitschier, Augsburg

Artwork unter Verwendung eines Motivs von Istockphoto (fmbackx)

he ∙ Herstellung: JH

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-09299-3V003

www.cbt-jugendbuch.de

Kapitel Eins

Liebes Tagebuch,

gestern Nacht hatte ich einen beängstigenden Traum. Alles war wieder genauso, wie ich es ein paar Stunden zuvor erlebt hatte. Ich befand mich in dem unterirdischen Versammlungsraum der Vitale Society und war in Ethans Gewalt, sein Messer kalt an meiner Kehle. Stefano und Damon fixierten uns wachsam und voller Anspannung; sie warteten auf den richtigen Moment, um sich auf ihn zu stürzen und mich zu retten. Aber ich wusste, dass sie trotz ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit zu spät kommen würden; ich wusste, dass Ethan mir die Kehle aufschneiden und ich sterben würde.

Da lag so viel Schmerz in Stefanos Augen. Es brach mir das Herz zu wissen, wie sehr ihn mein Tod peinigen würde. Ich hasste den Gedanken zu sterben, ohne dass Stefano erfuhr, dass ich mich für ihn entschieden hatte– nur für ihn–, und dass all meine Unentschlossenheit hinter mir lag.

Ethan zog mich noch näher an sich, sein Arm schloss sich eng und unnachgiebig um meine Kehle wie ein Band aus Stahl. Ich spürte, wie die kalte Klinge in mein Fleisch schnitt.

Plötzlich fiel Ethan wie vom Blitz getroffen um. Meredith stand mit wehendem Haar und dem wild entschlossenen Gesichtsausdruck einer Rachegöttin hinter ihm und hielt ihren Kampfstab hoch, mit dem sie Ethan einen tödlichen Stoß ins Herz versetzt hatte.

Eigentlich hätte dies ein Moment des Glücks und der Erleichterung sein sollen. Im wahren Leben war es auch genau das gewesen: der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich überlebt hatte, dass ich mich in Stefanos Armen wiederfinden würde.

Aber im Traum war Meredith’ Gesicht hinter einem Blitz aus purem weißen Licht verborgen. Mir wurde immer kälter und kälter und zugleich gefroren meine Gefühle. Meine Menschlichkeit entglitt mir und etwas Hartes und Unbeugsames… irgendetwas anderes… trat an ihre Stelle.

In der Hitze des Gefechts hatte ich verdrängt, was James mir kurz zuvor offenbart hatte: dass meine Eltern mich den Wächtern versprochen hatten, dass es mir bestimmt war, eine von ihnen zu werden. Und jetzt waren sie gekommen, um ihren Anspruch geltend zu machen.

Ich erwachte in panischer Angst.

Elena Gilbert hielt inne und hob gedankenverloren ihren Stift an. Es widerstrebte ihr, noch mehr zu schreiben. Wenn sie in Worte fasste, wovor sie sich am meisten fürchtete, würde ihr diese Gefahr nur noch bedrohlicher erscheinen.

Sie sah sich in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim um, ihrem neuen Zuhause. Bonnie und Meredith waren da gewesen, während sie geschlafen hatte. Bonnies Decke war zurückgeschlagen und ihr Laptop war von ihrem Schreibtisch verschwunden. Die Unordnung in Meredith’ Teil des Zimmers bewies, wie erschöpft Meredith gewesen sein musste: Die blutbefleckten Kleider, die sie beim Kampf gegen Ethan und seine Vampirmeute getragen hatte, lagen noch auf dem Boden verstreut. Ihre Waffen waren über das Bett verteilt, größtenteils auf eine Seite geschoben, als hätte die Vampirjägerin sich zum Schlafen zwischen ihnen eingerollt.

Elena seufzte. Vielleicht konnte Meredith verstehen, wie sie sich fühlte. Meredith wusste, wie es war, ein vorbestimmtes Schicksal zu haben; sie wusste, wie es war, zu entdecken, dass die eigenen Hoffnungen und Träume letztendlich nicht zählten.

Aber Meredith hatte ihr persönliches Schicksal willkommen geheißen. Jetzt gab es nichts Wichtigeres mehr für sie, als Ungeheuer zu jagen und Unschuldige zu beschützen.

Elena bezweifelte, dass sie selbst eine ähnliche Erfüllung in ihrem Schicksal finden würde. Sie seufzte unglücklich und setzte den Stift wieder auf die Seite ihres Tagebuchs.

Ich will keine Wächterin werden.Die Wächter haben meine Eltern getötet, und ich glaube nicht, dass ich jemals darüber hinwegkomme. Wären sie nicht gewesen, würden meine Eltern noch immer leben, und ich müsste mir nicht ständig um die Leute, die ich liebe, Sorgen machen. Die Wächter glauben nur an eines: ihre eigene Ordnung. Nicht an Gerechtigkeit. Und nicht an Liebe.

So will ich niemals werden. Ich will niemals eine von ihnen sein.

Aber habe ich überhaupt eine Wahl? James sprach davon, als sei es einfach etwas, das mir zustoßen würde– etwas, das ich nicht würde verhindern können. Als würde ich plötzlich in den Besitz von gewissen Kräften kommen, mich verändern und für alles bereit sein, was noch an schrecklichen Dingen geschehen würde.

Elena rieb sich mit dem Handrücken übers Gesicht. Obwohl sie lange geschlafen hatte, brannten ihre Augen.

Ich habe noch niemandem davon erzählt.Meredith und Damon wissen zwar, dass ich nach dem Treffen mit James völlig aufgelöst war, aber sie wissen nicht, warum. Letzte Nacht ist so vieles geschehen, dass für eine Erklärung gar keine Gelegenheit war.

Ich muss mit Stefano darüber reden. Ich weiß, dass es mir dann… besser gehen wird.

Aber ich habe Angst, es ihm zu sagen.

Nachdem Stefano und ich Schluss gemacht hatten, war es Damon, der mir zu erkennen half, welchen Weg ich einschlagen musste. Der eine Weg führte ins Tageslicht, zu einem beinah normalen, beinah menschlichen Leben mit Stefano. Der andere führte in die Nacht, wo mich Abenteuer und der Rausch der Macht willkommen hießen, welche nur die Dunkelheit bereithält. Zusammen mit Damon.

Ich habe das Licht gewählt. Und Stefano. Aber wenn es mir bestimmt ist, eine Wächterin zu werden, ist der Weg in die Dunkelheit dann nicht bereits vorgezeichnet? Werde ich mich in eine Person verwandeln, die das Undenkbare tut– und ohne mit der Wimper zu zucken das Leben von Menschen nimmt, die so liebevoll und rein sind wie meine Eltern? Wie normal, wie menschlich könnte ich als Wächterin denn noch leben?

Das Geräusch eines Schlüssels in der Tür riss Elena aus ihren Gedanken. Hastig klappte sie das in Samt gebundene Tagebuch zu und schob es unter ihre Matratze.

»Hallo«, begrüßte sie Meredith.

»Selber Hallo«, erwiderte Meredith grinsend. Elena war sich sicher, dass ihre Freundin nur wenige Stunden geschlafen hatte– sie war mit Stefano und Damon auf Vampirjagd gegangen, nachdem Elena sich schlafen gelegt hatte, und sie war bereits erneut unterwegs gewesen, als Elena endlich erwacht war–, und dennoch wirkte sie frisch und voller Tatendrang, ihre grauen Augen leuchteten, und ihre olivfarbenen Wangen waren leicht gerötet.

Energisch schob Elena ihre eigenen Ängste beiseite und lächelte zurück.

»Na, meine Superheldin, hast du mal wieder den ganzen Tag die Welt gerettet?«, witzelte Elena.

Meredith zog eine Augenbraue hoch. »Wenn du es genau wissen willst: Ich komme gerade aus dem Lesesaal der Bibliothek. Hast du keine Seminararbeiten abzugeben?«

Elenas Augen weiteten sich. Bei all dem, was in letzter Zeit geschehen war, hatte sie ihre Kurse völlig vergessen. Dabei war sie bis jetzt eine fleißige Studentin gewesen und auf der Highschool hatte sie zu den besten Schülerinnen gehört. Waren denn tatsächlichirgendwelche Arbeiten fällig, die sie verschwitzt hatte?

Aber was spielt das noch für eine Rolle?, schoss es ihr entmutigend durch den Kopf. Als Wächterin wird das Studium sowieso nicht mehr wichtig sein.

»Hey«, sagte Meredith aufmunternd, ohne von Elenas wahren Sorgen zu ahnen. Meredith rieb ihrer Freundin die Schulter. »Mach dir deswegen keine Gedanken. Das wirst du alles locker aufholen.«

Elena schluckte und nickte. »Auf jeden Fall«, antwortete sie und zwang sich zu einem Lächeln.

»Aber gestern Nacht habe ich mit Damon und Stefano tatsächlich ein wenig die Welt gerettet«, fuhr Meredith beinah verschämt fort. »Im Wald am Campus haben wir vier Vampire getötet.« Behutsam nahm sie ihren Kampfstab vom Bett. »Es fühlt sich wirklich gut an, das zu tun, wofür ich ausgebildet wurde. Wofür ich geboren wurde.«

Bei diesen Worten zuckte Elena innerlich zusammen: Und wofür wurde ich geboren? Aber eines musste sie Meredith unbedingt noch sagen. »Du hast mich ebenfalls gerettet«, stellte Elena fest. »Und dafür danke ich dir.«

Ein warmer Ausdruck trat in Meredith’ Augen. »Gern geschehen«, erwiderte sie leichthin. »Schließlich brauchen wir dich hier– das weißt du.« Sie verstaute ihren Stab in dem schwarzen Samtfutteral. »Ich treffe mich gleich mit Stefano und Matt in der Bibliothek, um die Leichen aus dem geheimen Kellerraum der Vitale Society zu schaffen. Bonnie meinte, ihr Verriegelungszauber würde nicht sehr lange halten, und jetzt, da es dunkel ist, sollten wir möglichst schnell versuchen, sie loswerden.«

Angst durchzuckte Elena. »Aber was ist, wenn die anderen Vampire zurückgekommen sind?«, fragte sie. »Matt hat doch gesagt, er glaube, es gebe mehr als einen Eingang.«

Meredith zuckte die Achseln. »Deshalb nehme ich ja meinen Stab mit«, entgegnete sie. »Es sind nicht mehr viele von Ethans Vampiren übrig und sie sind zum größten Teil Neulinge. Stefano und ich werden mit ihnen fertig.«

»Und was ist mit Damon, begleitet er euch nicht?« Elena kletterte aus ihrem Bett.

»Ich dachte, ihr beide, du und Stefano, wärt wieder zusammen«, sagte Meredith. Sie sah Elena fragend an.

»Das sind wir auch«, antwortete Elena und spürte, dass ihr Gesicht heiß wurde. »Zumindest glaube ich das. Ich versuche… nichts zu tun, um das zu vermasseln. Damon und ich sind Freunde. Hoffe ich. Ich dachte nur, du hättest gesagt, Damon sei vorhin bei euch gewesen, auf der Jagd nach den Vampiren.«

»Das war er auch«, nickte Meredith. »Und er hat den Kampf sichtlich genossen. Aber im Laufe der Nacht ist er immer stiller geworden. Er wirkte ein wenig…« Sie zögerte. »Ich weiß nicht, müde vielleicht.« Meredith zuckte die Achseln und ihr Tonfall wurde unbeschwerter. »Du kennst Damon ja. Er wird nur zu seinen eigenen Bedingungen helfen.«

Elena griff nach ihrer Jacke. »Ich komme mit dir.« Sie wollte Stefano sehen, ohne Damon. Wenn sie zusammen mit Stefano den Weg ins Tageslicht gehen wollte– Wächterin hin, Wächterin her–, dann musste sie ihre Geheimnisse offenbaren und sich Stefano stellen.

Als Elena und Meredith in der Bibliothek ankamen, waren Stefano und Matt bereits dort und warteten in dem spärlich eingerichteten Raum, an dessen Tür Forschungsamt stand. Stefano sah Elena mit einem flüchtigen, ernsten Lächeln in die Augen, das sie schüchtern erwiderte. Ihretwegen hatte er in den letzten paar Wochen eine Menge durchgemacht, und sie waren in jüngster Zeit so oft voneinander getrennt gewesen, dass es sich beinah so anfühlte, als würden sie völlig neu anfangen.

Matt, der neben ihm saß, sah schrecklich aus. Hager und bleich umklammerte er mit düsterem Gesichtsausdruck eine große Taschenlampe. Sein Blick war trostlos und zugleich gehetzt. Natürlich war es ein Sieg, die Vampire der Vitale Society zu vernichten– aber es waren auch Matts Freunde gewesen. Er hatte Ethan bewundert und hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er etwas anderes sein könnte als ein Mensch. Elena trat neben ihn, drückte ihm den Arm und versuchte, ihn stumm zu trösten. Sein Arm verkrampfte sich unter ihren Fingern, aber er rückte eine Spur näher an sie heran.

»Also, dann los, nach unten«, sagte Meredith energisch. Sie und Stefano rollten den kleinen Teppich in der Mitte des Raums beiseite, um die Falltür darunter freizulegen. Sie war noch immer bestreut mit den Kräutern des Verriegelungs- und Abwehrzaubers, den Bonnie im Morgengrauen hastig gewoben hatte. Dennoch ließ sich die Tür leicht anheben. Anscheinend war der Zauber bereits verflogen.

Als die vier die Stufen hinunterkletterten, sah Elena sich neugierig um. In der Nacht zuvor war sie in solcher Panik gewesen, dass sie nicht viel von ihrer Umgebung wahrgenommen hatte. Die erste Treppe war ziemlich schlicht, hölzern und ein wenig klapprig und führte zu einem Kellergeschoss, in dem sich Bücherregale aneinanderreihten.

»Das Magazin«, murmelte Meredith. »Zur Tarnung.«

Die darauf folgende Treppe war ganz ähnlich, wenn auch weniger wackelig als die erste, und das Geländer fühlte sich glatter an unter Elenas Hand. Als sie den unteren Treppenabsatz erreichten, erstreckte sich zu beiden Seiten ein langer, leerer Flur in die Dunkelheit. Es war hier deutlich kälter und Elena schauderte. Sie griff nach Stefanos Hand. Er sah sie nicht an; sein Blick war ganz auf die vor ihnen liegenden Stufen der dritten Treppe konzentriert, aber nach einem Moment drückte er beruhigend ihre Finger. Bei seiner Berührung entspannte sich Elena. Alles wird gut, dachte sie.

Die dritte Treppe war sehr solide und bestand aus einem schweren, polierten dunklen Holz, das unter dem fahlen Licht der Taschenlampen glänzte. Das Geländer war rundherum mit Schnitzereien verziert. Elena konnte den Kopf einer Schlange erkennen, den in die Länge gezogenen Körper eines laufenden Fuchses und andere Gestalten, die schwerer einzuordnen waren.

Als sie endlich die unterste Stufe der letzten Treppe erreichten, standen sie vor den kunstvoll geschnitzten Doppeltüren, die in den geheimen Versammlungsraum der Vitale Society führten. Die Schnitzereien zeigten die gleichen Motive, die Elena auf dem Geländer gesehen hatte: sich fortbewegende Tiere, in sich verwundene Schlangen, gekrümmte, mystische Symbole. In der Mitte jeder Tür prangte ein großes, stilisiertes V.

Die Türen waren mit Ketten verriegelt, genauso wie sie sie zurückgelassen hatten. Stefano zog die Ketten mühelos auseinander und ließ sie mit einem schweren Aufprall zu Boden fallen. Meredith riss die Türen weit auf.

Ein durchdringender, beinahe metallischer Geruch nach Blut schlug ihnen entgegen. Der Raum stank nach Tod.

Matt umklammerte seine Taschenlampe, bis Meredith einen Lichtschalter gefunden hatte und die Szene vor ihren Augen hell erleuchtet wurde: Der Altar lag auf der Seite, die steinerne Schale mit Blut einige Schritte davon entfernt zerschmettert; ausgelöschte Fackeln hatten lange, schmierige schwarze Rußstreifen auf den Wänden hinterlassen; Vampirleichen lagen schlaff in klebrigen halbgetrockneten Blutlachen, ihre Kehlen aufgerissen von Stefanos oder Damons Reißzähnen, ihre Oberkörper durchstoßen von Meredith’ Kampfstab. Elena betrachtete besorgt Matts bleiches Gesicht. Er war während des Kampfes nicht hier unten gewesen; er hatte das Massaker nicht mit angesehen. Und er hatte diese Leute gekannt, hatte diesen Raum gekannt, ihn selbst für die Zeremonie geschmückt.

Matt schaute sich um und schluckte. Nach einem Moment runzelte er die Stirn und fragte mit gebrochener Stimme: »Wo ist Ethan?«

Elenas Blick flog zu der Stelle vor dem Altar, wo Ethan, der Anführer der Vitale Society, ihr ein Messer an die Kehle gesetzt hatte. Die Stelle, an der Meredith ihn mit ihrem Stab getötet hatte. Meredith sog scharf die Luft ein.

Der Boden war dunkel von Ethans Blut, aber sein Leichnam war nirgends zu sehen.

Kapitel Zwei

Warmes, süßes Blut füllte Damons Mund und entflammte seine Sinne. Mit einer Hand strich er über das weiche goldene Haar des Mädchens, während er den Mund fester auf ihren zarten Hals presste. Er konnte spüren, wie das Blut unter ihrer Haut mit dem stetigen Schlag ihres Herzens pulsierte. Er saugte ihren Lebenssaft mit großen, befriedigenden Schlucken in sich hinein.

Warum nur hatte er jemals aufgehört, das zu tun?

Natürlich kannte er den Grund: Elena. Während des letzten Jahres hatte sich alles nur um sie gedreht.

Er hatte zwar trotzdem gelegentlich seine Macht genutzt, um sich seine Opfer gefügig zu machen, doch stets in dem unbehaglichen Bewusstsein, dass Elena es missfallen würde; das Bild ihrer blauen Augen, die ihn ernst und strafend musterten, hatte ihn gebremst. Er wusste, dass er ihr auf diese Weise nie würde genügen können. Nicht im Vergleich zu seinem kleinen Bruder. Dem Eichhörnchenfresser.

Und als es so aussah, als hätten Stefano und Elena sich vielleicht für immer getrennt, als es so aussah, als würde sie möglicherweise seine Prinzessin der Dunkelheit werden, hatte er ganz damit aufgehört, frisches Blut zu trinken– und sich stattdessen von dem kalten, alten, faden Blut aus Krankenhauskonserven ernährt. Er hatte sogar dieses widerliche Tierblut versucht, von dem sein Bruder lebte. Bei der Erinnerung daran drehte sich Damon der Magen um und er nahm noch einen tiefen, erfrischenden Schluck von dem Mädchen.

Genau das war es, was das Vampirdasein ausmachte: Man musste Leben in sich hineinsaugen, menschliches Leben, um das eigene übernatürliche Leben aufrechtzuerhalten. Alles andere– das tote, konservierte Konservenblut oder das Blut von Tieren– führte dazu, dass man nur noch ein Schatten seiner selbst war und die eigenen Kräfte versiegten.

Das würde er nie wieder vergessen. Damon hatte sich verloren, aber jetzt hatte er sich wiedergefunden.

Das Mädchen regte sich in seinen Armen mit einem leisen, fragenden Laut, und er sandte ihr die nötige Dosis Macht, um sie wieder zu besänftigen und ganz fügsam und still werden zu lassen. Wie hieß sie noch gleich? Tonya? Tabby? Tally? Er würde ihr nicht wehtun. Nicht dauerhaft. Er hatte schon seit langer Zeit niemandem mehr wehgetan, von dem er getrunken hatte– jedenfalls nicht sehr, nicht wenn er bei Verstand war. Nein, dieses Mädchen würde den Wald verlassen und in ihr Wohnheim zurückkehren mit nichts weiter als einem leichten Anflug von Schwindel und der vagen Vorstellung davon, den Abend mit einem faszinierenden Mann verbracht zu haben, an dessen Gesicht sie sich nicht recht erinnern konnte.

Es würde ihr gut gehen.

Aber hatte er sie vielleicht nur ausgewählt, weil ihr langes goldenes Haar, ihre blauen Augen und ihre zarte Haut ihn an Elena erinnerten? Und wenn schon, das ging niemanden etwas an.

Schließlich ließ er sie los und gab ihr sanften Halt, als sie schwankte. Sie war köstlich– wenn auch kein Vergleich zu Elenas Blut, nicht annähernd so süß und berauschend–, aber es wäre unklug, heute Nacht noch mehr zu trinken.

Ein hübsches Mädchen, gewiss. Er legte ihr das lange Haar sorgfältig um die Schultern, um die Bisswunden an ihrem Hals zu verbergen, und sie blinzelte ihn mit benommenen, großen Augen an.

Verdammt, diese Augen waren falsch. Sie müssten dunkler sein, ein klares Lapislazuli, umrahmt von schweren Wimpern. Und jetzt, bei näherer Betrachtung, fiel ihm auf, dass ihr Haar offensichtlich gefärbt war.

Das Mädchen lächelte ihn zögernd und unsicher an.

»Du gehst besser zurück in dein Zimmer«, sagte Damon und sandte seine Macht aus. »Du wirst dich nicht daran erinnern, dass du mir begegnet bist. Du wirst nicht wissen, was passiert ist.«

»Ich gehe besser zurück«, echote sie. Auch ihre Stimme war falsch, das falsche Timbre, der falsche Ton, ganz und gar nicht richtig. Ihre Miene hellte sich auf. »Mein Freund wartet auf mich«, fügte sie hinzu.

In diesem Moment zerbrach etwas in Damon. Binnen eines Sekundenbruchteils hatte er das Mädchen wieder grob gepackt und bohrte ihr erneut die Zähne in den Hals. Diesmal jedoch ohne Vorsicht oder Raffinesse. Zornig schluckte er ihr kräftiges, heißes Blut. Ihm war klar, dass er sie bestrafte– und dass es ihm Vergnügen bereitete.

Jetzt, da sie nicht länger unter seinem Bann stand, schrie sie und wehrte sich und schlug mit den Fäusten auf seinen Rücken. Doch Damon hatte sie fest im Griff und bohrte seine Reißzähne nur noch tiefer in ihren Hals, um noch schneller noch mehr Blut zu trinken. Ihre Schläge wurden immer schwächer und sie taumelte in seinen Armen.

Als sie erschlaffte, ließ er sie fallen, und sie landete mit einem schweren Aufprall auf dem Waldboden.

Für einen Moment starrte er in den dunklen Wald um sich herum und lauschte auf das stetige Zirpen der Grillen. Das Mädchen lag reglos zu seinen Füßen. Obwohl er seit vielen Jahrhunderten nicht mehr atmen musste, keuchte er, und ihm war beinah schwindlig.

Er berührte seine eigenen Lippen, und als er die Hand sinken ließ, war sie rot und tropfnass. Es war lange her, seit er das letzte Mal derartig die Kontrolle über sich verloren hatte. Hunderte von Jahren wahrscheinlich. Er starrte auf den ausgelaugten Körper zu seinen Füßen. Das Mädchen sah jetzt so klein aus, ihr Gesicht unschuldig und leer, die Wimpern lagen dunkel auf ihren bleichen Wangen.

Damon war sich nicht sicher, ob sie lebte oder tot war. Und er wollte es auch nicht herausfinden.

Er wich einige Schritte von dem Mädchen zurück und fühlte sich seltsam unsicher, bevor er sich umdrehte und davonrannte, schnell und lautlos durch die Dunkelheit des Waldes, wo er nur auf das Hämmern seines eigenen Herzens lauschte.

Damon hatte immer schon getan, was er wollte. Er würde sich bestimmt nicht mit Schuldgefühlen wegen etwas herumschlagen, das für einen Vampir natürlich war. Das war Stefanos Sache. Aber während er rannte, nagte ein seltsames Gefühl in seiner Magengrube, etwas völliges Untypisches, das mehr zu sein schien als nur ein paar kleine Gewissensbisse.

»Aber ihr habt doch gesagt, Ethan sei tot«, murmelte Bonnie. Sie spürte, dass Meredith neben ihr zusammenzuckte, und biss sich auf die Zunge. Natürlich würde es Meredith empfindlich treffen, sollte Ethan möglicherweise überlebt haben; sie hatte ihn getötet, oder jedenfalls hatte sie gedacht, dass sie ihn getötet hatte. Meredith’ Miene war jetzt hart und undurchschaubar.

»Ich hätte ihm den Kopf abschlagen sollen, um sicherzugehen«, sagte Meredith, während sie ihre Taschenlampe von einer Seite zur anderen bewegte, um die steinernen Mauern des Tunnels zu beleuchten. Bonnie nickte und begriff, dass Meredith zornig war.

Meredith hatte sie telefonisch über Ethans Verschwinden alarmiert. Bonnie war gerade beim Abendessen gewesen, zusammen mit Zander. Ein süßes, unbeschwertes Treffen: Hamburger und Cola und Zander, der unter dem Tisch sanft ihr Bein mit seinen Füßen umklammerte, während er heimlich ihre Pommes stahl.

Und jetzt waren sie und Zander hier und suchten gemeinsam mit Meredith und Matt in den geheimen, unterirdischen Tunneln des Campus nach Vampiren. Ebenso wie Elena und Stefano im Wald um den Campus herum. Nicht gerade die romantischste Art zu feiern, dass wir wieder ein Paar sind, dachte Bonnie mit einem resignierten Achselzucken. Aber es heißt ja schließlich immer, dass Paare gemeinsamen Hobbys nachgehen sollten.

Matt, der neben Meredith ging, wirkte wild entschlossen, das Kinn gereckt, den Blick starr geradeaus in den langen, dunklen Tunnel gerichtet. Er tat Bonnie leid. Sie und die anderen waren schon angespannt genug, aber für Matt musste das alles noch hundert Mal schlimmer sein.

»Alles klar, Matt?«, fragte Meredith, als hätte sie Bonnies Gedanken erraten.

Matt seufzte und knetete sich mit einer Hand seinen steifen Nacken. »Alles klar.« Er blieb stehen und holte Luft. »Allerdings…« Seine Stimme verlor sich, dann begann er von Neuem. »Allerdings können wir einigen von ihnen vielleicht helfen, richtig? Stefano könnte sie lehren, Vampire zu sein, die Menschen keinen Schaden zufügen. Selbst Damon hat sich verändert, nicht wahr? Und Chloe…« Seine Wangen waren gerötet. »Keiner von ihnen hat das verdient. Sie wussten nicht, worauf sie sich da eingelassen haben.«

»Nein«, pflichtete Meredith ihm bei und berührte mit einer Hand leicht Matts Ellbogen. »Das ist richtig.«

Bonnie wusste zwar, dass Matt mit der süßen Chloe befreundet war, aber erst jetzt begriff sie, dass er viel mehr als Freundschaft empfinden musste. Wie schrecklich zu wissen, dass Meredith vielleicht einem Mädchen, in das er verliebt war, einen Stab durch die Brust rammen würde. Und noch viel schrecklicher war es zu wissen, dass es das einzig Richtige war.

Zander ergriff mit einem sanften Ausdruck in den Augen Bonnies Hand, und sie wusste, dass er das Gleiche dachte. Bonnie schmiegte sich ein wenig enger an ihn.

Aber als sie an eine dunkle Biegung im Tunnel kamen, ließ Zander Bonnie plötzlich los und trat schützend vor sie hin, während Meredith ihren Kampfstab hob. Bonnie sah die beiden Gestalten, die einander an der Wand umschlungen hielten, erst, als sie sich bereits voneinander lösten. Nein, sie hatten einander nicht wie ein Liebespaar umschlungen, begriff sie– es war ein Vampir, der sich an seinem Opfer festgekrallt hatte. Matt versteifte sich und starrte sie an, dann stieß er einen leisen, unwillkürlichen Laut der Überraschung aus. Es folgte ein plötzliches Knurren, und weiße Zähne blitzten in der Dunkelheit auf, als der Vampir– ein Mädchen, nicht größer als Bonnie– sein Opfer gewaltsam von sich stieß. Das Opfer, ein junger Mann, fiel dem Mädchen vor die Füße.

Bonnie ging um Zander herum und behielt dabei das Vampirmädchen, das jetzt an der Mauer kauerte, genau im Auge. Ohne sich von dem wölfischen, grimmigen Blick des Vampirs abschrecken zu lassen, trat Bonnie neben das Opfer, kniete sich hin und fühlte ihm den Puls. Er war regelmäßig, aber der Mann blutete ziemlich stark, und Bonnie zog ihre Jacke aus und presste sie ihm auf die Kehle, um die Blutung zu stillen. Ihre Hände zitterten, aber sie versuchte, sich nur darauf zu konzentrieren, was getan werden musste. Unter den geschlossenen Lidern bewegten sich die Augen des jungen Mannes hektisch hin und her, als hätte er einen bösen Traum, aber er kam nicht zu Bewusstsein.

Das Mädchen– der Vampir, rief Bonnie sich ins Gedächtnis– beobachtete jetzt voller Anspannung Meredith. Das Vampirmädchen würde entweder kämpfen oder weglaufen. Sie zuckte zurück, als Meredith näher trat und den Weg versperrte. Meredith hob ihren Stab höher und zielte auf die Brust des Mädchens.

»Warte«, sagte das Mädchen heiser und streckte die Hände aus. Sie schaute an Meredith vorbei und schien zum ersten Mal Matt zu bemerken. »Matt«, murmelte sie. »Hilf mir. Bitte.« Sie starrte ihn sichtlich konzentriert an, und Bonnie begriff erschrocken, dass sie versuchte, ihre Vampirmacht zu benutzen, um Matt gefügig zu machen. Aber es funktionierte nicht– sie war wohl noch nicht stark genug–, und einen Moment später rollten ihre Augen zurück und sie sackte an der Mauer zusammen.

»Beth, wir wollen dir eine Chance geben«, sagte Matt zu dem Vampir. »Weißt du, was mit Ethan passiert ist?«

Das Mädchen schüttelte nachdrücklich den Kopf und ihr langes Haar flog um sie herum. Ihre Augen flackerten zwischen Meredith und dem Tunnel hinter ihr hin und her, bis sie schließlich einen Schritt zur Seite machte. Meredith folgte ihr und trat näher; sie drückte ihr den Stab auf die Vampirbrust.

»Wir können sie nicht einfach töten«, sagte Matt mit einem leicht verzweifelten Unterton in der Stimme. »Nicht wenn es eine andere Möglichkeit gibt.«

Meredith schnaubte ungläubig und bewegte sich noch näher auf den Vampir zu– Beth, wie Matt sie genannt hatte. Beth fletschte die Zähne zu einem stummen Knurren.

»Wartet eine Sekunde«, sagte Zander und machte einen Schritt über das bewusstlose Opfer hinweg und an Bonnie vorbei. Bevor Bonnie wirklich verstand, was geschah, hatte Zander Beth von Meredith weggezogen und drückte sie an die Wand des Tunnels.

»He!«, rief Meredith entrüstet, dann runzelte sie verwirrt die Stirn. Mit ruhiger, ernster Miene schaute Zander eindringlich in Beth’ Augen. Sie erwiderte seinen Blick; ihr Atem ging schwer.

»Weißt du, wo Ethan ist?«, fragte Zander mit tiefer Stimme, und Bonnie konnte spüren, wie eine unsichtbare Welle der Macht von ihm ausging und Beth traf.

Binnen einer Sekunde verlor Beth’ Gesicht seinen eben noch argwöhnischen Ausdruck. »Er versteckt sich in dem alten Haus am Ende der Tunnel«, sagte sie. Ihre Stimme klang schläfrig, losgelöst von ihren Gedanken.

»Sind andere Vampire bei ihm?«, fragte Zander weiter, ohne sie aus den Augen zu lassen.

»Ja«, antwortete Beth. »Alle bleiben dort bis zur Tag- und Nachtgleiche. Dann werden sich Ethans Hoffnungen erfüllen.«

Zwei Tage, dachte Bonnie. Die anderen hatten ihr erzählt, dass Ethan plante, Nicolaus wiederauferstehen zu lassen, den Alten, den Urvampir. Sie schauderte bei dem Gedanken. Nicolaus war so schrecklich furchteinflößend gewesen. Aber konnte ihm das wirklich gelingen? Ethan hatte Stefanos und Damons Blut nicht bekommen, und ohne ihr Blut konnte er den Wiedererweckungszauber nicht wirken. Oder?

»Frag sie, wie ihre Verteidigung aussieht«, sagte Meredith.

»Ist er gut bewacht?«, fragte Zander.

Beth nickte steif und ruckartig, als hätte ein unsichtbarer Marionettenspieler an ihren Fäden gezogen. »Niemand kommt an ihn heran«, erwiderte sie mit der gleichen schläfrig monotonen Stimme. »Er ist in seinem Versteck, und jeder von uns würde sein Leben geben, um ihn zu beschützen.«

Meredith nickte, während sie offensichtlich sorgfältig über ihre nächste Frage nachdachte, als Matt sich zu Wort meldete. »Können wir sie retten?«, fragte er, und Bonnie zuckte zusammen, als sie den Schmerz in seiner Stimme hörte. »Vielleicht, wenn sie nicht so hungrig wäre…«

Zander konzentrierte sich noch mehr auf Beth, und wieder spürte Bonnie, wie er eine Welle der Macht verströmte. »Willst du Menschen wehtun, Beth?«, fragte er leise.

Beth kicherte voll und dunkel, aber ihr Gesicht blieb leer und ausdruckslos. Das Kichern war die erste Gefühlsregung, die sie zeigte, seit Zander sie zwang, die reine Wahrheit zu sagen. »Ich will niemandem wehtun– ich will töten«, erklärte sie ebenso entschieden wie heiter. »Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt.«

Da trat Zander in einer fließenden, animalisch eleganten Bewegung zurück, und wie bei einem gut einstudierten Tanz nahm Meredith seinen Platz ein und rammte Beth ihren Stab durchs Herz.

Nach dem dumpfen Geräusch, mit dem der Stab Fleisch und Knochen durchdrang, fiel Beth ohne einen Laut zu Boden. Matts erschrockenes, gequältes Keuchen brach die Stille. Vor Bonnies Knien regte sich Beth’ Opfer; der junge Mann drehte den Kopf unruhig von einer Seite zur anderen. Bonnie tätschelte ihn mit ihrer freien Hand. »Es ist alles gut«, murmelte sie.

Meredith drehte sich mit grimmiger Entschlossenheit zu Matt um. »Ich musste es tun«, sagte sie.

Matt senkte den Kopf und seine Schultern sackten herunter. »Ich weiß«, erwiderte er. »Glaub mir, ich weiß es. Es ist nur…« Er trat von einem Fuß auf den anderen. »Sie war ein nettes Mädchen, bevor Ethan ihr das angetan hat.«

»Es tut mir leid«, sagte Meredith leise, und Matt nickte, den Blick immer noch gesenkt. Dann drehte Meredith sich zu Zander um. »Was war das?«, fragte sie. »Wie hast du sie zum Sprechen gebracht?«

Zander errötete ein wenig. »Ähm. Nun ja«, antwortete er und zuckte verlegen mit der Schulter. »Es ist eine Fähigkeit, die einige von uns ursprünglichen Werwölfen besitzen. Wenn wir darin geübt sind, können wir andere dazu bringen, die Wahrheit zu sagen. Es funktioniert nicht bei jedem, aber ich dachte, es wäre einen Versuch wert.«

Bonnie schaute fragend zu ihm auf. »Das hast du mir gar nicht erzählt«, meinte sie.

Zander ließ sich auf die Knie nieder und sah sie über den immer noch bewusstlosen Mann hinweg an. Seine Augen waren groß und ernst. »Es tut mir leid«, sagte er. »Ich habe ehrlich nicht daran gedacht. Es ist einfach nur eins der vielen kleinen Dinge, die wir tun können.«

Die Blutung am Hals des Mannes schien nachgelassen zu haben und Bonnie lehnte sich zurück. Zander schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen und einem hoffnungsvollen Gesichtsausdruck an und sie lächelte ihm zu. Sie würde wohl herausfinden müssen, um was genau es sich bei diesen anderen »kleinen Dingen« handelte.

»Scheint ja etwas ziemlich Nützliches zu sein«, bemerkte sie und beobachtete, wie Zanders Züge sich entspannten und er sie anstrahlte.

Meredith räusperte sich. Ihr Blick ruhte immer noch voller Mitgefühl auf Matt, aber ihre Stimme war trocken. »Wir sollten alle sobald wie möglich zusammenrufen. Wenn Ethan immer noch versucht, Nicolaus wiederauferstehen zu lassen, müssen wir uns jetzt einen Plan zurechtlegen.«

Nicolaus. Plötzlich spürte Bonnie deutlich die Kälte des steinernen Tunnelbodens unter ihren Knien. Nicolaus war Dunkelheit, Gewalt, Angst. Sie hatten ihn daheim in Fell’s Church bereits einmal besiegt, aber nur mithilfe einer außerordentlichen, übernatürlichen Einmischung– mithilfe der Geister der Stadt, die sich gegen ihn erhoben hatten. Das würde sich nicht noch einmal wiederholen. Aber was konnten sie stattdessen unternehmen? Bonnie wurde schwindlig und für eine Sekunde schloss sie die Augen. Unter ihnen, das konnte sie spüren, erhob sich eine schwere, erstickende Dunkelheit, erpicht darauf, sie zu verzehren. Etwas Böses war auf dem Weg.

Kapitel Drei

Elena ergriff Stefanos Hand und fand bereits diese kleine Berührung erregend. Es war so lange her, seit sie das letzte Mal miteinander allein gewesen waren, viel zu lange, seit sie Stefano nah genug gewesen war, um ihn zu spüren. Und jetzt gab ihr schon die kleinste Berührung eine tiefe, befriedigende Gewissheit, dass Stefano endlich hier bei ihr war.

Die Nacht war angenehm warm und das Moos unter ihren Füßen samtweich. Eine Brise ließ das Laub rascheln und durch die Äste der Bäume konnte Elena den Sternenhimmel sehen. Alles, was man sich für einen romantischen Waldspaziergang nur wünschen konnte. Nur dass sie leider nach blutdürstigen Vampiren suchten.

»Ich spüre nichts«, sagte Stefano. Seine Hand lag beruhigend fest um ihre, aber in seinen dunkelgrünen Augen stand ein abwesender Ausdruck, und Elena wusste, dass er seine Macht aussandte, um den Wald abzusuchen. »Keine Vampire und niemanden, der Angst oder Schmerzen hat, soweit ich das erkennen kann. Ich denke nicht, dass irgendjemand in der Nähe ist.«

»Aber wir werden weitersuchen. Nur für alle Fälle«, drängte Elena. Stefano nickte. Seine Macht hatte Grenzen. Jemand, der viel stärker war als er, konnte sich davor verstecken; jemand, der viel schwächer war, würde seiner Aufmerksamkeit vielleicht entgehen. Und einige Kreaturen, wie Werwölfe, konnte er überhaupt nicht spüren.

»Ich weiß, dass ich gar keinen Gedanken daran verschwenden dürfte, bei allem, was hier passiert– aber ich will einfach nur mit dir allein sein«, gestand Elena leise. »Die Dinge entwickeln sich so schnell. Wenn Ethan Nicolaus zurückbringt… Es kommt mir so vor, als hätten wir vielleicht nicht mehr viel Zeit.«

Stefano ließ Elenas Hand los und berührte sanft ihr Gesicht; seine Fingerspitzen strichen über ihre Wangen und die Wölbung ihrer Augenbrauen, sein Daumen zeichnete die Konturen ihrer Lippen nach. Mit vor Leidenschaft dunklen Augen lächelte er sie an. Dann küsste er sie, zunächst ganz sanft.

Oh, dachte Elena, ja.

Als hätte er nur auf ihre Bestätigung gewartet, wurden Stefanos Küsse leidenschaftlicher. Er schob ihr sanft eine Hand ins Haar, und sie bewegten sich rückwärts, bis er sie gegen einen Baum drückte. Die Borke war rau, aber Elena kümmerte es nicht; sie kümmerte sich nur um Stefano und küsste ihn wild und hungrig.

Das ist wie nach Hause kommen, dachte Elena und spürte sofort Stefanos Zustimmung und die Stärke seiner Liebe. Ja, dachte er, undnoch viel mehr.

Ihre Geister verschmolzen und Elena versank in dem vertrauten Wirbel von Stefanos Gedanken und Gefühlen. Sie spürte seine Liebe– seine starke, beständige Liebe–, und sie spürte sein Bedauern, dass sie so viel Zeit verloren hatten. Das schmerzte wie eine Prellung. Doch am stärksten war das Gefühl glückseliger Erleichterung. Ich wusste nicht, wie ich ohne dich leben sollte, sandte Stefano ihr seine Gedanken. Ich hätte nicht ewig in dem Wissen leben können, dass du nicht mir gehörst.

Bei dem Wort ewig durchzuckte Elena die kalte Angst. Wenn er nicht gewaltsam starb, war die Ewigkeit für Stefano selbstverständlich. Er würde weiterleben, ohne zu altern, für immer achtzehn, für immer schön. Und Elena? Konnte sie alt werden, während Stefano ewig jung an ihrer Seite war?

Es gab noch andere Möglichkeiten. Früher einmal war sie ein Vampir gewesen, und sie hatte gelitten, weil diese Existenz sie von ihren menschlichen Freunden, ihrer Familie und der ganzen lebendigen Welt getrennt hatte. Sie wusste, dass Stefano ihr dieses Leben nicht wünschen würde. Aber es war eine Möglichkeit, obwohl sie nie darüber sprachen.

Ihre Gedanken schweiften zu einer gewissen Flasche, die zu Hause ganz hinten in ihrem Kleiderschrank versteckt war, und schreckten wieder davor zurück. Sie hatte den Wächtern eine einzige Flasche vom Wasser der Ewigen Jugend und des Ewigen Lebens gestohlen, als sie und ihre Freunde in der Dunklen Dimension gewesen waren. Sie war sich der Existenz dieser Flasche und der Möglichkeit, die sie ihr bot, ständig– wenn auch nur im Hinterkopf– bewusst. Aber sie war noch nicht bereit für die Entscheidung, ihr sterbliches Leben zu beenden.

Sie entwickelte sich ständig weiter. War die Elena der Gegenwart wirklich jene Person, die sie für den Rest ihres Lebens sein wollte? Sie fühlte sich so mangelhaft, so unfertig. Wenn sie vom Wasser des Ewigen Lebens trank oder ein Vampir wurde, würde sie damit alle Türen hinter sich schließen, die zu schließen Elena noch nicht bereit war. Sie wollte menschlich bleiben. Doch die quälende Frage war: Konnte sie überhaupt menschlich bleiben, wenn sie eine Wächterin werden musste?

Mit all diesen Gedanken war ein Teil von ihr beschäftigt, während sich der andere, größere Teil von ihr auf das süße Gefühl von Stefanos Lippen und Körper konzentrierte und auf die Liebe, die sie verband. Dennoch mussten einige ihrer Gedanken Stefano erreicht haben, sodass er sanft und tröstend reagierte. Was immer du willst, Elena, sandte er ihr, ich werde bei dir sein. Für immer. Wie lange das auch für dich sein mag.

Sie wusste, dass Stefano ihr damit sein Verständnis ausdrückte, wenn sie sich dafür entschied, ein natürliches Leben zu leben, alt zu werden und zu sterben. Und es gab gute Gründe, genau das zu tun. Stefano und Damon hatten etwas verloren, indem sie niemals alterten, sich niemals veränderten. Sie hatten einen wichtigen Teil ihrer Menschlichkeit verloren.

Aber andererseits– wie sollte sie es ertragen können, Stefano eines Tages zu verlieren? Sie mochte es sich nicht vorstellen, wieder zu sterben und ihn zurückzulassen. Elena presste sich noch fester gegen die raue Borke des Baums und küsste Stefano noch leidenschaftlicher; durch den beinahe schmerzhaften Widerstreit ihrer Gedanken fühlte sie sich fast noch lebendiger.

Dann zog sie sich plötzlich zurück. Sie hatte so viel vor Stefano verborgen gehalten, seit sie nach Dalcrest gekommen war. Sie würde niemals zu echter Zweisamkeit mit ihm finden, würde ihn nicht wirklich lieben, wenn sie ihm Teile ihres Lebens vorenthielt.

»Es gibt da etwas, das ich dir sagen muss«, begann sie. »Du musst alles wissen. Ich kann nicht– ich kann nicht länger wichtige Dinge vor dir verbergen, nicht jetzt.« Stefano sah sie fragend an, und sie senkte den Blick auf ihre Hand, mit der sie nervös den Stoff seines Hemdes verknautschte. »Mein Professor, James Campbell, hat mir gestern etwas erzählt, vor dem Kampf«, brach es schließlich aus ihr heraus. »Ich bin nicht diejenige, für die ich mich hielt, jedenfalls nicht direkt. Die Wächter hatten meine Eltern auserwählt– vor meiner Geburt–, ihr erstes Kind ihnen zu überlassen. Das sollte passieren, als ich zwölf war. Ich sollte eine Wächterin werden. Aber dann hatten es sich meine Eltern anders überlegt, sie weigerten sich, und so kam es zu dem Unfall. Und jetzt, nachdem ich die Wahrheit über meine Eltern erfahren habe, soll ich erst recht eine von ihnen werden.«

Stefano wirkte für einen Moment verwirrt, dann sah er sie voller Mitgefühl an. »Oh, Elena«, sagte er und zog sie tröstend an sich.

Elena entspannte sich an seiner Brust. Gott sei Dank verstand Stefano, dass die Vorstellung, eine Wächterin, eine dieser kalten Ordnungshüter, zu werden, kein Grund zum Feiern war, selbst wenn es ihr Macht bescheren würde.

»Ich werde dir helfen«, sagte Stefano entschlossen. »Egal ob du verhandeln willst, um aus diesem Pakt herauszukommen, oder dagegen kämpfen oder es durchziehen. Was immer du möchtest.«

»Ich weiß«, antwortete Elena mit gedämpfter Stimme, als sie ihr Gesicht an seine Schulter drückte.

Plötzlich spürte sie, wie Stefano sich in ihren Armen verkrampfte und sich umsah. »Stefano?«, fragte sie.

Er blickte über ihren Kopf hinweg in die Ferne, sein Mund angespannt, seine Augen wachsam. »Es tut mir leid, Elena«, sagte er. »Aber wir werden später darüber reden müssen. Ich habe gerade etwas gespürt. Jemand hat Schmerzen. Und jetzt, da der Wind gedreht hat, glaube ich, Blut zu riechen.«

Elena unterdrückte ihre Gefühle und zwang sich, ruhig und vernünftig zu sein. Ihre eigenen Probleme und Fragen konnten warten. Sie hatten eine Aufgabe zu erfüllen. »Wo?«, fragte sie.

Stefano nahm Elenas Hand und führte sie weiter ins Unterholz hinein. Die Bäume versperrten hier die Sicht auf die Sterne und Elena stolperte in der Dunkelheit über Wurzeln und Steine. Doch dank Stefanos Halt fiel sie nicht hin.

Kurze Zeit später traten sie wieder auf eine Lichtung. Elenas Augen brauchten eine Sekunde, um sich anzupassen und die dunkle, in sich zusammengesunkene Gestalt auf dem Boden zu erkennen, der Stefano sich bereits vorsichtig näherte.

Elena sank neben Stefano auf die Knie und Stefano drehte die Gestalt sanft und vorsichtig auf den Rücken. Ein Mädchen, dachte Elena. Ein Mädchen ungefähr in ihrem eigenen Alter, das Gesicht bleich und ausdruckslos, das goldene Haar schimmerte im Sternenlicht, Blut rann an ihrer Kehle entlang.

»Ist sie tot?«, flüsterte sie. Das Mädchen regte sich nicht.

Stefano berührte die Wange des Mädchens, dann strich er vorsichtig mit den Fingern über ihren Hals, wobei er das Blutrinnsal nicht berührte. »Nicht tot«, erklärte er, und Elena stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Aber sie hat eine Menge Blut verloren.«

»Wir bringen sie besser zurück zum Campus«, sagte Elena. »Und wir werden den anderen berichten, dass die Vampire im Wald jagen. Dann können wir zurückkommen und herausfinden, wer das getan hat.«

Stefano starrte auf die Wunden des Mädchens hinab, sein Gesicht zeigte einen fassungslosen Ausdruck. »Elena, ich– ich glaube nicht, dass es Ethans Vampire waren«, sagte er zögernd.

»Wie meinst du das?« Elena war verwirrt. Eine Wurzel drückte an ihre Knie, und sie presste eine Hand auf den kalten Boden, um es sich bequemer zu machen. »Wer sonst hätte so etwas tun können?«

Stefano runzelte die Stirn und berührte erneut den Hals des Mädchens, immer noch vorsichtig darauf bedacht, nicht mit dem Blut in Kontakt zu kommen. »Sieh dir die Bisswunden an«, forderte er sie auf. »Der Vampir, der das hier getan hat, war zornig und unvorsichtig, aber er war erfahren. Die Bisswunde ist sauber und an der perfekten Stelle platziert, um die maximale Menge Blut zu bekommen, ohne das Opfer umbringen zu müssen.« Sorgfältig strich er das Haar des Mädchens glatt, als wolle er sie trösten. Sein Gesicht war verzerrt, als hätte er Schmerzen, die Zähne zusammengebissen, die Augen schmal. »Elena, das hier war Damon.«

Alles in Elena verkrampfte sich, und sie schüttelte entschlossen den Kopf, dass ihr Haar nur so flog. »Nein«, widersprach sie. »Er würde nicht einfach jemanden zum Sterben im Wald liegen lassen.«

Stefano starrte gedankenverloren ins Leere und sie berührte instinktiv seinen Arm. Er schloss für eine Sekunde die Augen und beugte sich zu ihr vor. »Nach über sechshundert Jahren erkenne ich Damons Biss«, murmelte er unglücklich. »Manchmal scheint es, als hätte er sich geändert, aber Damon ändert sich nicht.« Seine Worte schienen Stefano genauso stark zu treffen wie Elena und er zog die Schultern hoch.

Für einen Moment verschlug es Elena den Atem und sie schluckte heftig. Ihr war schwindelig und übel. Damon? Vor ihrem inneren Auge zog eine Reihe von Bildern vorbei: Damon, unergründlich, die dunklen Augen glühend vor Zorn, die Zunge scharf vor Verbitterung. Und der weichere, wärmere Damon, manchmal, wenn er sie oder seinen Bruder anschaute. Sie spürte, wie sich etwas in ihrer Brust verhärtete, zu einem Panzer der Abwehr, der Verleugnung.

»Nein«, sagte sie, und als Stefano sie direkt ansah, wiederholte sie es energischer. »Nein. Damon leidet, unseretwegen– meinetwegen.« Stefano nickte fast unmerklich. »Wir werden ihn nicht aufgeben. Er hat sich verändert, er hat so viel für uns getan, für uns alle. Er nimmt Anteil, Stefano, und wir können ihn wieder in unsere Mitte holen. Er hat sie nicht getötet. Es ist noch nicht zu spät.«

Stefano hörte ihr aufmerksam zu und nach einem Augenblick des Schweigens strich er sich müde übers Gesicht. Dann wurden seine Züge entschlossen. »Wir müssen es geheim halten«, stellte er fest. »Meredith und die anderen dürfen nicht wissen, was Damon getan hat.«

Elena erinnerte sich an Meredith’ Gesichtsausdruck, während sie ihren Kampfstab schwang, und schluckte hörbar. Die Jägerin in Meredith würde nicht zögern, Damon zu töten, wenn sie davon überzeugt war, dass er eine echte Gefahr für die Menschheit darstellte. »Du hast recht«, sagte sie dünn. »Wir dürfen es niemandem erzählen.«

Stefano beugte sich über das bewusstlose Mädchen und griff nach Elenas Hand. Sie umklammerte fest seine Finger und sah ihm mit einem stummen Flehen in die Augen. Sie würden zusammenhalten; sie würden Damon retten. Es würde alles gut werden.

Kapitel Vier

Elena würde ganz sicher niemandem von dem Mädchen im Wald erzählen. Sie und Stefano hatten alles versucht, damit das Mädchen wieder zu Bewusstsein kam: Sie hatten sie geschüttelt und ihre Wangen getätschelt, doch sie verlor weiterhin so viel Blut, dass es sogar durch die Bandagen gesickert war, mit denen sie die Wunden verbunden hatten– Damon hatte zu tief ins Fleisch gebissen, erklärte Stefano. Schließlich hatte Stefano dem Mädchen Blut zu trinken gegeben, aus seinem eigenen Handgelenk, um die Genesung zu beschleunigen. Er fühlte sich nicht wohl dabei, das wusste Elena: Der Austausch von Blut war etwas Intimes, er bedeutete für Stefano Liebe, aber was hätten sie anderes tun können? Das Mädchen durfte nicht sterben.

Als sie endlich das Bewusstsein wiedererlangte, beeinflusste Stefano sie, damit sie sich nicht länger daran erinnerte, was geschehen war, und dann halfen er und Elena ihr zurück in ihr Studentenwohnheim. Als sie sich kurz vor Sonnenaufgang verabschiedeten, hatte das Mädchen schon wieder sehr lebendig gewirkt und war kichernd davon überzeugt gewesen, eine fantastische Nacht mit ein wenig zu viel Alkohol verbracht zu haben.

Zurück in ihrem eigenen Wohnheimzimmer versuchte Elena zu schlafen, aber sie war viel zu aufgeregt. Sie wälzte sich unter ihren Baumwolllaken hin und her und sah immer wieder die Enttäuschung in Stefanos Augen, als er ihr gesagt hatte: Das hier war Damon. Und sie konnte immer noch seine unterdrückte Panik spüren, als er festgestellt hatte: Wir müssen es geheim halten.

Sie hatte gewusst, dass Damon immer noch von Menschen trank, aber unter normalen Umständen schaffte sie es, nicht darüber nachzudenken. Schließlich hatte er keinen echten Schaden angerichtet, schon seit langer Zeit nicht mehr. Er benutzte einfach nur seine Macht, um hübsche Mädchen dazu zu bringen, ihm freiwillig ihr Blut zu geben. Und dann ließ er sie mit kaum mehr als einer verschwommenen Erinnerung an einen Abend zurück, den sie mit einem charmanten, mysteriösen, gut aussehenden Mann verbracht hatten. Falls sie sich überhaupt an so viel erinnerten. Manchmal hatten sie einfach eine Gedächtnislücke.

Das war zwar nicht in Ordnung, dessen war sich Elena– im Gegensatz zu Damon– bewusst. Schließlich hebelte Damon den Verstand der Mädchen aus, wenn er von ihnen trank, da konnte das Endergebnis– Damon befriedigt, seine Opfer anscheinend unversehrt– noch so harmlos wirken.

Aber diesmal hatte er sich offensichtlich nicht einmal die Mühe gemacht, vorsichtig mit dem Mädchen umzugehen und es ihr zu erleichtern. Sie hatte blutend im Wald gelegen, und als sie endlich wieder zu sich gekommen war, hatte sie geschrien. Elena schauderte bei der Erinnerung daran und ihr war übel vor Schuldgefühlen.

War das die Realität, die sie die ganze Zeit verdrängt hatte? Hatte Damon etwa die ganze Zeit über Menschen auf diese Weise angegriffen und es vor ihr mit der Lüge von benommenen, arglosen und glücklichen Opfern verborgen gehalten? Aber vielleicht hatte sich auch irgendetwas in Damon verändert und es war Elenas Schuld. Hatte Damon dies aus Zorn getan, weil Elena sich für Stefano entschieden hatte?

Am nächsten Morgen versuchte Elena immer wieder, Damon zu erreichen, aber immer wieder aufs Neue antwortete nur die Stimme der Mailbox. Elena legte auf. Sie hatte Damon bereits einige Nachrichten hinterlassen, aber er reagierte nicht darauf.

»War das Stefano?«, fragte Bonnie, die aus dem Badezimmer kam und sich das Haar frottierte. Rote Strähnen lockten sich wild in alle Richtungen um ihr Gesicht. »Ist er unterwegs?«

»Eigentlich müssten jeden Moment alle hier sein«, antwortete Elena, ohne Bonnies Vermutung richtigzustellen. Sie hatten beschlossen, sich heute zu treffen, um ihr weiteres Vorgehen gegen die Vitale-Vampire zu planen und zu überlegen, wie sie verhindern konnten, dass Nicolaus wiedererweckt wurde.

Bald darauf waren tatsächlich alle– bis auf Damon– da: Meredith saß auf ihrem Bett, die grauen Augen wachsam auf das Jagdmesser gerichtet, das sie bedächtig schärfte; Matt, immer noch leichenblass, saß in sich zusammengesunken auf Elenas Schreibtischstuhl; Bonnie und Zander kuschelten sich auf Bonnies Bett aneinander, trotz der ernsten Situation in einem beneidenswert glücklichen Liebestaumel. Als Elena zu ihnen hinüberschaute, murmelte Zander gerade etwas in Bonnies Ohr, und sie errötete.

Stefano setzte sich zu Elena aufs Bett und ergriff ihre Hand. Elena sah ihn einen Moment lang forschend an, um herauszufinden, wie aufgeregt er angesichts der Ereignisse der vergangenen Nacht noch war oder ob er es schon geschafft hatte, mit Damon zu sprechen. Aber seine Miene verriet nichts.

»In Ordnung, alle mal herhören«, begann Meredith, während sie mit dem Daumen über die geschärfte Klinge ihres Messers strich. »Wir wissen, dass Ethan sich versteckt…«

»Warte«, unterbrach Elena sie. »Da ist etwas, das ich euch allen sagen muss.« Stefano schaute jäh zu ihr hinüber, seine Augen hart und glänzend, und da wusste sie, dass ihn Damons Tat nachhaltig in äußerste Anspannung versetzt hatte.

»Ähm«, fuhr sie fort, untypisch nervös. Sie erinnerte sich an die kalten Wächterinnen, denen sie in der Dunklen Dimension begegnet waren, jene Wächterinnen, die ihr auf schmerzhafte Art und Weise die Kräfte genommen hatten– sie würde nie vergessen, wie weh es getan hatte, als sie ihr die Flügel abschnitten–, die sich geweigert hatten, Damons Tod rückgängig zu machen. Aber Elena reckte stolz das Kinn vor und sprach entschlossen weiter.

»Ich habe gerade herausgefunden, dass ich eine Wächterin bin«, erklärte sie tonlos.

Es folgte atemlose Stille.

Schließlich brach Zander das Schweigen. »Eine Wächterin von was?«, fragte er zögerlich und sah Bonnie hilfesuchend an.

Bonnie runzelte die Stirn und machte mit der Hand eine alles umfassende Geste. »Eigentlich von allem«, sagte sie vage. »Wenn Elena diese Art von Wächterinmeint.« Sie sah Elena fragend an und Elena nickte. »Es sind schreckliche Frauen– zumindest sehen sie aus wie Frauen–, denen es bestimmt ist, dafür zu sorgen, dass die Dinge im Universum so laufen, wie sie laufen sollten. Ich verstehe aber nicht ganz, wie Elena eine von ihnen sein könnte. Die Wächterinnen leben nicht hier, sondern in einer anderen Dimension. Sie sind keine richtigen Menschen, denke ich.« Verwirrt drehte sie sich zu Elena um. »Was genau meinst du, Elena?«, fragte sie.

Elena wandte den Blick ab und starrte die Wand an. Die Haut auf ihrem Gesicht fühlte sich an, als sei sie zu straff gespannt, und ihre Augen brannten. »James Campbell– mein Geschichtsprofessor– war zusammen mit meinen Eltern hier auf dem College. Er stand ihnen wirklich nah«, berichtete sie ihren Freunden und hatte alle Mühe, sich zusammenzureißen. »E