Tagebuch eines Vampirs - Seelen der Finsternis - Lisa J. Smith - E-Book

Tagebuch eines Vampirs - Seelen der Finsternis E-Book

Lisa J. Smith

4,5
8,99 €

oder
Beschreibung

Die Spiegel Besteller-Romanvorlage zur beliebten TV-Serie "The Vampire Diaries".

Elenas große Liebe Stefano Salvatore wurde von Dämonen gefangengenommen und in ein grausames Reich verschleppt. Jetzt liegt es an Elena, Stefano zu befreien und zurückzuholen. Dafür ist sie bereit, jeden Preis zu bezahlen, auch wenn es bedeutet, sich in die Hände von Damon Salvatore zu begeben, Stefanos Bruder und ewigem Widersacher. Auf der Reise mit Damon wird Elena mit der alles entscheidenden Frage konfrontiert: Welchen Bruder will sie wirklich?

Leidenschaftlich und blutdürstig, die Tagebücher eines Vampirs sind ein fesselnder Pageturner mit Suchtgefahr!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 697




Lisa J. Smith

Seelen der Finsternis

Tagebuch eines Vampirs

Die Autorin

Foto: © privat

Lisa J. Smith hat schon früh mit dem Schreiben begonnen. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie noch während ihres Studiums. Sie lebt mit einem Hund, einer Katze und ungefähr 10 000 Büchern im Norden Kaliforniens.

Weitere lieferbare Titel von Lisa J. Smith bei cbt:

Die Tagebuch eines Vampirs-Serie

Im Zwielicht (Band 1, 30497)

Bei Dämmerung (Band 2, 30498)

In der Dunkelheit (Band 3, 30499)

In der Schattenwelt (Band 4, 30500)

Rückkehr bei Nacht (Band 5, 30664)

Die Night World-Reihe

Engel der Verdammnis (30633)

Prinz des Schattenreichs (30634)

Jägerin der Dunkelheit (30635)

Der magische Zirkel

Die Ankunft (Band 1, 30660)

Der Verrat (Band 2, 30661)

Die Erlösung (Band 3, 30662)

cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Erstmals als cbt Taschenbuch November 2010

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2010 by L. J. Smith

Published by Arrangement with ALLOY

ENTERTAINMENT LLC, New York, NY, USA.

Die amerikanische Originalausgabe erschien

2010 unter dem Titel »The Vampire Diaries:

The Return: Shadow Souls«

bei HarperCollins Publishers, NewYork.

© 2010 der deutschsprachigen Ausgabe bei cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische

Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Kerstin Windisch

he ∙ Herstellung: AnG

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-04939-3

www.cbt-jugendbuch.de

Für Elizabeth Harding, meine wunderbare Agentin

Kapitel Eins

»Liebes Tagebuch«, flüsterte Elena, »so ein Mist! Ich habe dich im Kofferraum liegen lassen und es ist zwei Uhr morgens.« Sie drückte sich einen spitzen Finger auf das von ihrem Nachthemd umhüllte Bein, als hielte sie einen Stift in der Hand und setze einen Punkt. Dann lehnte sie die Stirn an die Fensterscheibe und flüsterte noch leiser: »Und ich habe Angst rauszugehen– in die Dunkelheit–, um dich zu holen. Ich habe Angst!« Sie stieß sich noch einmal mit dem Finger auf ihren Oberschenkel, und als sie spürte, dass ihr Tränen über die Wangen rannen, schaltete sie ihr Handy widerstrebend auf Aufnahme. Es war eine unvernünftige Akkuverschwendung, aber sie konnte nicht anders. Sie brauchte das.

»Also, hier bin ich«, sagte sie leise. »Ich sitze auf dem Rücksitz des Jaguars. Dies muss mein Tagebucheintrag für heute sein. Übrigens, wir haben eine Regel für diese Reise aufgestellt– ich schlafe auf der Rückbank und für Matt und Damon heißt es hinaus in die Natur. Im Moment ist es draußen so dunkel, dass ich Matt nirgendwo sehen kann… Und ich war drauf und dran, verrückt zu werden– habe geweint und mich verloren gefühlt–, und ich habe solche Sehnsucht nach Stefano…

Wir müssen den Jaguar loswerden– er ist zu groß, zu rot, zu protzig und zu auffällig, da wir gerade versuchen, nicht aufzufallen, während wir an den Ort reisen, an dem ich Stefano befreien kann. Wenn der Wagen verkauft ist, wird der Anhänger aus Lapislazuli und Diamant, den Stefano mir geschenkt hat, das Kostbarste sein, das mir geblieben ist. Stefano… der überlistet wurde, weil er dachte, er könne wieder ein gewöhnliches menschliches Wesen werden. Und jetzt…

Wie kann ich aufhören, darüber nachzudenken, was sie ihm womöglich in ebendieser Sekunde antun, wer immer ›sie‹ auch sind? Wahrscheinlich die Kitsune, die bösen Fuchsgeister in dem Gefängnis, das Shi no Shi genannt wird.«

Elena hielt inne, um sich mit dem Ärmel ihres Nachthemds die Nase abzuwischen.

»Wie bin ich bloß in diese Situation geraten?« Sie schüttelte den Kopf und schlug mit der geballten Faust gegen die Rückenlehne.

»Wenn ich das herausfinden könnte, könnte ich mir vielleicht einen Plan A zurechtlegen. Ich habe immer einen Plan A. Und meine Freunde haben immer einen Plan B und C, um mir zu helfen.« Elena blinzelte, um beim Gedanken an Bonnie und Meredith die Tränen zurückzuhalten. »Aber jetzt habe ich Angst, dass ich sie nie wiedersehen werde. Und ich habe Angst um Fell’s Church, um die ganze Stadt.«

Einen Moment lang saß sie einfach da, die geballte Faust auf dem Knie. Eine leise Stimme in ihr sagte: »Also, hör auf zu jammern, Elena, und denk nach. Denk nach. Fang am Anfang an.«

Der Anfang? Was war der Anfang gewesen? Stefano?

Nein. Sie hatte schon in Fell’s Church gelebt, lange bevor Stefano gekommen war.

Langsam, beinahe träumerisch, sprach sie in ihr Handy. »Zunächst einmal: Wer bin ich? Ich bin Elena Gilbert, achtzehn Jahre alt.« Noch langsamer fügte sie hinzu: »Ich denke nicht, dass es eitel wäre, wenn ich sage, dass ich schön bin. Nur, wenn ich nie in einen Spiegel geschaut oder ein Kompliment gehört hätte, könnte ich so tun, als wüsste ich das nicht. Es ist nichts, worauf ich stolz sein sollte– es ist einfach etwas, das von Mom und Dad an mich weitergegeben wurde.

Wie sehe ich aus? Ich habe blondes Haar, das mir in Wellen über die Schulter fällt, und blaue Augen, die manche Leute schon mit Lapislazuli verglichen haben: dunkelblau mit goldenen Einsprengseln.« Sie stieß ein halb ersticktes Lachen aus. »Vielleicht ist das der Grund, warum Vampire mich mögen.«

Dann wurden ihre Lippen schmal, und während sie in die absolute Schwärze hinausstarrte, sprach sie ernst weiter.

»Eine Menge Jungs haben mich schon als engelsgleiches und schönstes Mädchen auf der Welt beschrieben. Und ich habe mit ihnen gespielt. Ich habe sie benutzt– weil ich mich gern begehrt fühlte, zu meiner Unterhaltung, zu welchen Zwecken auch immer. Ich bin ehrlich, okay? Ich habe sie als Spielzeuge oder Trophäen betrachtet.« Sie hielt inne. »Aber da war noch etwas anderes. Etwas, von dem ich mein ganzes Leben lang wusste, dass es kommen würde– aber ich wusste nicht, was es war. Ich hatte das Gefühl, nach etwas zu suchen, das ich bei Jungs niemals finden konnte. Keine meiner Intrigen oder Spielchen mit ihnen haben jemals mein… tiefstes Herz… berührt, bis ein ganz spezieller Junge kam.« Sie brach ab, schluckte und wiederholte es. »Ein ganz spezieller Junge. Sein Name war Stefano.

Und es stellte sich heraus, dass er nicht das war, wonach er aussah, nämlich ein normaler– aber unglaublich gut aussehender– Highschool-Schüler mit wirrem dunklem Haar und smaragdgrünen Augen.

Stefano Salvatore entpuppte sich als Vampir.

Als ein echter Vampir.«

Elena musste innehalten, um einige Male erstickt Luft zu holen, bevor sie die nächsten Worte herausbringen konnte.

»Und bei seinem faszinierenden älteren Bruder, Damon, verhält es sich genauso.«

Sie biss sich auf die Lippen, und es schien eine lange Zeit zu vergehen, bis sie hinzufügte: »Hätte ich mich in Stefano verliebt, wenn ich von Anfang an gewusst hätte, dass er ein Vampir war? Ja! Ja! Ja! Ich hätte mich in ihn verliebt, ganz gleich, wer oder was er war! Aber es hat die Dinge verändert– und es hat mich verändert.« Elena zeichnete mit dem Finger ein Muster auf ihr Nachthemd. »Es ist nämlich so… Vampire zeigen Liebe, indem sie Blut austauschen. Das Problem war… dass ich auch mit Damon Blut getauscht habe. Nicht weil ich es mir wirklich so ausgesucht hätte, sondern weil er ständig hinter mir her war, Tag und Nacht.«

Sie stieß einen Seufzer aus. »Was Damon sagt, ist Folgendes: Er will mich zu einem Vampir und zu seiner Prinzessin der Nacht machen. Was wiederum bedeutet, dass er mich ganz für sich allein will. Aber ich würde Damon in keinem Punkt vertrauen, es sei denn, er gäbe mir sein Wort. Das ist eine Marotte von ihm, er bricht niemals sein Wort.«

Elena spürte, wie sich ihre Lippen zu einem seltsamen Lächeln verzogen, aber sie sprach jetzt gelassen und flüssig und das Handy war beinahe vergessen.

»Ein Mädchen, das sich mit zwei Vampiren eingelassen hat… Nun, da muss es einfach Ärger geben, oder? Also habe ich vielleicht verdient, was ich bekommen habe.

Ich bin gestorben.

Nicht nur ›gestorben‹ in dem Sinne, dass das Herz stehen bleibt und man wiederbelebt wird und zurückkehrt, um darüber zu berichten, dass man beinahe in das Licht hineingegangen sei. Ich bin in das Licht gegangen.

Ich bin gestorben.

Und als ich zurückkam– was für eine Überraschung!–, war ich ein Vampir.

Damon war… nett zu mir, nehme ich an, als ich zum ersten Mal als Vampir erwachte. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer noch etwas für ihn… empfinde. Er hat meine Situation nicht ausgenutzt, als er das ohne Weiteres hätte tun können.

Aber ich hatte in meinem Vampirleben nur Zeit für einige wenige Dinge. Ich hatte Zeit, mich an Stefano zu erinnern und ihn mehr denn je zu lieben– da ich damals begriff, wie schwierig alles für ihn war. Ich musste mir meinen eigenen Gedenkgottesdienst anhören. Ha! Alle sollten eine Chance bekommen, das zu tun. Ich habe gelernt, immer, immer einen Lapislazuli zu tragen, damit ich kein vampirischer Backschinken würde. Ich hatte Gelegenheit, mich von Margaret, meiner kleinen Schwester, zu verabschieden und Bonnie und Meredith zu besuchen…«

Noch immer rannen Elena beinahe unbemerkt Tränen über die Wangen. Aber sie sprach leise weiter.

»Und dann– bin ich noch mal gestorben.

Ich bin gestorben, wie ein Vampir stirbt, wenn er im Sonnenlicht keinen Lapislazuli trägt. Ich bin zwar nicht zu Staub zerbröselt; ich war erst siebzehn Jahre alt. Aber die Sonne hat mich trotzdem vergiftet. Das Sterben war beinahe… friedlich. Das war der Moment, in dem ich Stefano das Versprechen abgenommen habe, sich um Damon zu kümmern, immer. Und ich denke, im Geiste hat Damon geschworen, sich seinerseits um Stefano zu kümmern. Und so bin ich gestorben, in Stefanos Armen, während Damon neben mir saß, bin ich einfach weggedämmert, als schliefe ich ein.

Danach hatte ich Träume, an die ich mich nicht erinnern kann, und dann waren eines Tages plötzlich alle überrascht, weil ich über Bonnie mit ihnen redete. Bonnie hat eine ausgeprägte hellseherische Gabe, das arme Ding. Ich schätze, mir war der Job zugefallen, der Schutzgeist von Fell’s Church zu werden. Die Stadt war in Gefahr. Die Leute mussten dagegen kämpfen, und als alle schon sicher waren, den Kampf verloren zu haben, bin ich irgendwie in die Welt der Lebenden zurückgekehrt, um zu helfen, und– nun, als die Schlacht gewonnen war, hatte ich diese seltsamen Kräfte, die ich nicht verstehe. Aber da war auch Stefano! Wir waren wieder zusammen!«

Elena schlang die Arme fest um ihren eigenen Körper, als halte Stefano sie umfangen, und sie stellte sich seine warmen Arme um ihre Taille vor. Dann schloss sie die Augen, bis ihre Atmung sich verlangsamte.

»Was meine Kräfte betrifft– mal sehen. Da ist die Telepathie, zu der ich fähig bin, wenn die andere Person auch telepathisch ist– was für alle Vampire gilt, aber in unterschiedlichem Maße; am besten geht es, wenn sie ihr Blut mit mir geteilt haben. Und dann sind da meine Flügel.

Es ist wahr– ich habe Flügel! Und diese Flügel haben Kräfte, auch wenn das unglaublich klingt– das einzige Problem ist, dass ich nicht den blassesten Schimmer habe, wie ich sie benutzen kann. Da ist ein Paar Flügel, das ich manchmal fühlen kann, wie gerade jetzt, und diese Flügel versuchen, aus mir herauszugelangen, versuchen, meine Lippen zu bewegen, um sie zu benennen, versuchen, meinen Körper in die richtige Haltung zu bringen. Es sind Flügel des Schutzes, und das klingt wie etwas, das wir auf dieser Reise wirklich gebrauchen könnten. Aber ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wie ich die alten Flügel benutzt habe– und erst recht habe ich keine Ahnung, wie ich diese neuen benutzen soll.

Also bin ich wieder ein Mensch– so menschlich wie Bonnie, und… oh Gott, wenn ich sie und Meredith nur jetzt sehen könnte! Aber ich sage mir die ganze Zeit, dass ich Stefano mit jeder Minute näher komme. Das heißt, wenn man in Rechnung stellt, dass Damon mit uns kreuz und quer durchs Land fährt, um jeden, der versucht, uns aufzuspüren, von der Fährte abzubringen.

Warum sollte uns jemand aufspüren wollen? Nun, es ist so… Als ich aus dem Jenseits zurückkehrte, gab es eine sehr große Explosion von Macht, die jeder auf der Welt, der Macht spüren kann, gesehen hat.

Nun, wie erkläre ich diese Macht? Es ist etwas, das jeder hat, das Menschen jedoch– mit Ausnahme von echten Hellsehern wie Bonnie– nicht einmal erkennen. Vampire haben diese Macht definitiv, und sie benutzen sie, um Menschen zu beeinflussen, sie zu mögen oder zu denken, die Dinge seien anders, als sie es wirklich sind– oh, so wie Stefano das Personal der Robert-Leigh-Highschool bei seiner Anmeldung beeinflusst hat, seine Unterlagen vollkommen in Ordnung zu finden. Oder sie benutzen die Macht, um andere Vampire oder Kreaturen der Dunkelheit– oder Menschen– zu zerstören.

Aber ich habe über den Ausbruch von Macht erzählt, als ich vom Himmel fiel. Diese Explosion war so heftig, dass sie zwei grauenhafte Kreaturen von der anderen Seite der Welt angezogen hat. Und dann haben sie beschlossen, sich anzusehen, was für diese Machtexplosion verantwortlich war, um festzustellen, ob es irgendeine Möglichkeit für sie gab, das für sich selbst zu nutzen.

Ich mache auch keinen Witz, wenn ich sage, sie kamen von der anderen Seite der Welt. Sie sind Kitsune, böse Fuchsgeister aus Japan. Sie ähneln ein wenig unseren westlichen Werwölfen– sind aber viel mächtiger, so mächtig, dass sie Malach benutzen, die in Wirklichkeit Pflanzen sind, aber aussehen wie Insekten. Malach können so klein sein wie ein Stecknadelkopf oder groß genug, um einen menschlichen Arm zu verschlingen. Und die Malach heften sich an die Nerven eines Menschen und breiten sich entlang des gesamten Nervensystems aus, bis sie einen schließlich von innen heraus in Besitz nehmen.«

Jetzt schauderte Elena, und ihre Stimme klang gedämpft. »Das ist mit Damon passiert. Ein winziger Malach ist in ihn hineingelangt und hat ihn von innen heraus kontrolliert, sodass er nur noch eine Marionette von Shinichi war. Ich vergaß zu sagen, dass die Kitsune Shinichi und Misao heißen. Misao ist das Mädchen. Sie haben beide schwarzes Haar mit roten Spitzen, aber Misaos Haar ist lang. Und sie sind angeblich Bruder und Schwester– aber sie benehmen sich ganz und gar nicht so.

Und sobald der Malach von Damon vollkommen Besitz ergriffen hatte, brachte Shinichi Damons Körper dazu… schreckliche Dinge zu tun. Er ließ ihn Matt und mich foltern, und ich weiß, dass Matt Damon deswegen manchmal immer noch umbringen will. Aber wenn er gesehen hätte, was ich gesehen habe, würde Matt alles besser verstehen: einen ganzen dünnen, nassen, weißen zweiten Körper, den ich mit den Fingernägeln aus Damons Körper von seinem Rückgrat abziehen musste. Ich kann Damon keine Vorwürfe für das machen, was er unter Shinchis Kommando getan hat. Ich kann es nicht. Damon war… man kann sich nicht vorstellen, wie verändert er war. Er war am Boden zerstört. Er hat geweint. Er war…

Wie dem auch sei, ich erwarte nicht, ihn jemals wieder so zu sehen. Aber sollte ich die Kräfte meiner Flügel zurückbekommen, steckt Shinichi in großen Schwierigkeiten.

Ich denke, das war zuletzt unser Fehler. Wir waren endlich in der Lage, gegen Shinichi und Misao zu kämpfen– und wir haben sie nicht getötet. Wir waren zu moralisch oder zu sanft oder– irgendetwas.

Es war ein schwerer Fehler.

Denn Damon war nicht der Einzige, den Shinichis Malach in Besitz genommen hatten. Das Gleiche haben Mädchen erlebt, junge Mädchen von dreizehn, vierzehn Jahren oder sogar noch jünger. Und einige Jungs. Sie haben sich… verrückt benommen. Haben sich selbst und ihre Familien verletzt. Wie schlimm es wirklich war, das ganze Ausmaß, erfuhren wir erst, nachdem wir bereits einen Handel mit Shinichi geschlossen hatten.

Vielleicht waren wir auch zu unmoralisch, als wir den Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. Aber sie hatten Stefano entführt– und Damon, der zu diesem Zeitpunkt bereits von ihnen kontrolliert worden war, hatte ihnen geholfen. Sobald Damon von diesem Malach befreit war, wollte er nur noch, dass Shinichi und Misao sagten, wo Stefano ist, und dann Fell’s Church für immer verließen.

Als Gegenleistung hat Damon Shinichi in seinen Geist hineingelassen.

Wenn Vampire von Macht besessen sind, sind Kitsune von Erinnerungen besessen. Und Shinichi wollte Damons Erinnerungen an die letzten Tage– an die Zeit, als Damon einen Malach in sich trug und uns gefoltert hatte… und an die Zeit, da meine Flügel Damon hatten begreifen lassen, was er getan hatte. Ich denke nicht, dass Damon selbst diese Erinnerungen wollte, weder an das, was er getan hatte, noch daran, wie er sich verändert hatte, als er sich seinen Taten stellen musste. Also ließ er Shinichi die Erinnerungen nehmen, im Austausch dafür, dass Shinichi ihm den Ort einflüsterte, an dem sich Stefano befindet.

Das Problem ist, wir haben Shinichis Wort vertraut, dass er anschließend fortgehen würde– obwohl Shinichis Wort absolut gar nichts bedeutet.

Hinzu kommt, dass er seither die telepathische Verbindung nutzt, die er zwischen seinem Geist und dem von Damon hergestellt hatte, um mehr und mehr von Damons Erinnerungen zu nehmen, ohne dass Damon etwas davon bemerkt.

Es ist erst gestern Nacht passiert, als ein Polizist uns angehalten hat und wissen wollte, was drei Teenager so spät in der Nacht in einem teuren Auto taten. Damon hat ihn beeinflusst, damit er wieder ging, aber nur wenige Stunden später hatte Damon den Polizisten vollkommen vergessen.

Es macht Damon Angst. Und alles, was Damon Angst macht– nicht dass er es jemals zugeben würde–, erschreckt mich zu Tode.

Und es war ja wirklich eine berechtigte Frage, was drei Teenager mitten im Nirgendwo tun, im Union County in Tennessee, dem letzten Straßenschild zufolge, das ich gesehen habe. Wir fahren zu irgendeinem Tor, das in die Dunkle Dimension führt… wo Shinichi und Misao Stefano in dem Gefängnis namens Shi no Shi zurückgelassen haben. Shinichi hat das Wissen darüber nur Damons Geist gegeben, und ich kann Damon nicht dazu überreden, mir viel darüber zu sagen, was für eine Art von Ort das ist. Aber Stefano ist dort, und ich werde irgendwie zu ihm gelangen, und wenn es mich umbringt.

Selbst wenn ich dafür lernen muss zu töten.

Ich bin nicht mehr das süße kleine Mädchen aus Virginia, das ich einmal war.«

Elena brach ab und stieß den Atem aus. Aber dann schlang sie erneut die Arme um sich und fuhr fort.

»Und warum ist Matt bei uns? Nun, wegen Caroline Forbes, meiner Freundin seit unserer gemeinsamen Kindergartenzeit. Letztes Jahr… als Stefano nach Fell’s Church kam, wollten wir ihn beide. Aber Stefano wollte Caroline nicht. Und deshalb verwandelte sie sich in meine schlimmste Feindin.

Caroline war die glückliche Gewinnerin, als Shinichi sich bei seinem ersten Besuch in Fell’s Church ein Mädchen aussuchte. Aber was wichtiger ist: Sie war für eine ganze Weile Tyler Smallwoods Freundin, bevor sie zu seinem Opfer wurde. Ich frage mich, wie lange sie zusammen waren und wo Tyler jetzt ist. Ich weiß nur, dass Caroline sich am Ende an Shinichi geklammert hat, weil sie ›einen Ehemann braucht‹. So hat sie es selbst ausgedrückt. Daher vermute ich– nun, was Damon vermutet. Dass sie… Welpen… bekommen wird. Einen Wurf Werwölfe, okay? Denn Tyler ist ein Werwolf.

Von Damon weiß ich Folgendes: Wenn man einen Werwolfwelpen bekommt, wird man noch schneller selbst zum Werwolf, als wenn man gebissen würde. An irgendeinem Punkt in der Schwangerschaft gewinnt man zwar die Macht, entweder ganz Wolf oder ganz Mensch zu sein, doch vor diesem Punkt ist die Frau einfach nur ein verwirrtes Wrack.

Das Traurige ist, dass Shinichi Caroline kaum eines Blickes gewürdigt hat, als sie mit ihrer Geschichte herausplatzte.

Aber vorher war Caroline verzweifelt genug gewesen, um Matt zu beschuldigen, sie bei einem misslungenen Date… vergewaltigt zu haben. Sie musste etwas darüber gewusst haben, was Shinichi tat, denn sie behauptete, ihr ›Date‹ mit Matt habe zu einer Zeit stattgefunden, als einer der brutalen Malach ihn angegriffen und Kratzer auf seinem Arm hinterlassen hatte, die aussahen, als hätte sie ein Mädchen mit den Fingernägeln verursacht.

Und die Polizei hat sich tatsächlich auf die Suche nach Matt gemacht. Also habe ich ihn im Wesentlichen einfach gezwungen, mit uns zu kommen. Carolines Vater ist einer der wichtigsten Männer in Fell’s Church– und er ist mit dem Bezirksstaatsanwalt in Ridgemont befreundet und der Anführer einer dieser Männerklubs, deren Mitglieder die Prominenz der Gemeinde sind.

Wenn ich Matt nicht dazu überredet hätte wegzulaufen, statt sich Carolines Anklagen zu stellen, hätten die Forbes und ihre Freunde ihn gelyncht, und ich spüre die Wut wie ein Feuer in mir– nicht nur Wut und Gekränktheit um Matts willen, sondern Wut darüber, dass Caroline alle Mädchen in der Stadt im Stich gelassen hat. Denn die meisten Mädchen sind keineswegs pathologische Lügnerinnen und würden nie so etwas zu Unrecht über einen Jungen behaupten. Caroline hat Schande über alle Mädchen gebracht.«

Elena hielt inne, blickte auf ihre Hände und fügte dann hinzu: »Manchmal, wenn ich wütend auf Caroline werde, erzittern Tassen oder Bleistifte rollen vom Tisch. Damon sagt, all das werde, seit ich aus dem Jenseits zurückgekehrt bin, durch meine Aura verursacht, durch meine Lebenskraft. Jedenfalls macht diese Lebenskraft jeden, der von meinem Blut trinkt, unglaublich stark.

Stefano war so stark, dass die Fuchsdämonen ihn niemals mit Gewalt in ihre Falle hätten bringen können, hätte Damon ihn nicht zu Anfang überlistet. Sie konnten nur mit ihm fertig werden, als er geschwächt und von Eisen umgeben war. Eisen ist etwas ganz Übles für jede Schauerkreatur, außerdem müssen Vampire mindestens einmal am Tag trinken, oder sie werden schwach, und ich wette– nein, ich bin mir sicher, dass sie das ausgenutzt haben.

Das ist der Grund, warum ich den Gedanken nicht ertragen kann, in welcher Verfassung Stefano sich eben in dieser Minute befinden könnte. Aber ich darf nicht zulassen, dass meine Angst oder meine Wut zu groß werden, oder ich werde die Kontrolle über meine Aura verlieren. Damon hat mir gesagt, dass ich meine Aura zum größten Teil in mir selbst halten kann, wie ein normales menschliches Mädchen. Sie ist dann immer noch hellgolden und hübsch, aber kein Leuchtstrahl mehr für Kreaturen wie Vampire.

Denn eines gibt es, das mein Blut– vielleicht sogar nur meine Aura– bewirkt. Es kann… oh, nun, ich kann hier alles sagen, was ich will, richtig? Meine Aura kann Vampire dazu bringen, mich zu wollen… wie menschliche Männer. Nicht nur, um einen Happen von mir zu nehmen, verstehst du, liebes Tagebuch? Sondern, um mich zu küssen und so weiter. Und so verfolgen sie natürlich meine Fährte, wenn sie meine Aura spüren. Es ist, als sei die Welt voller Honigbienen und ich die einzige Blüte.

Also muss ich mich darin üben, meine Aura verborgen zu halten. Ich weiß nicht, genau wie, aber wenn sie nur gerade eben sichtbar wird, schaffe ich es, wie ein ganz normaler Mensch zu wirken, nicht wie jemand, der gestorben und zurückgekommen ist. Aber es ist schwer, immer daran zu denken– und es tut sehr weh, meine Aura plötzlich wieder in mich hineinzuziehen, wenn ich es vergessen habe!

Und dann fühle ich mich– dies ist absolut privat, okay? Ich werde dich mit einem Fluch belegen, Damon, wenn du das wiedergibst! Aber es gibt Momente, in denen ich das Gefühl habe, als wollte ich von Stefano gebissen werden. Es lindert den Druck, und das ist gut. Ein Biss durch einen Vampir tut nur weh, wenn man dagegen ankämpft, oder wenn der Vampir will, dass es wehtut. Anderenfalls kann es sich einfach nur gut anfühlen– und dann berührt man den Geist des Vampirs, der es tut, und… oh, ich vermisse Stefano so sehr!«

Elena zitterte jetzt. Sosehr sie sich bemühte, ihre Fantasie in Schach zu halten, musste sie doch immer wieder an die Dinge denken, die Stefanos Gefängniswärter ihm antun könnten. Grimmig verstärkte sie ihren Griff um das Handy und ließ ihre Tränen darauffallen.

»Ich darf nicht darüber nachdenken, was sie ihm möglicherweise antun, denn dann werde ich wirklich verrückt. Ich werde zu einer nutzlosen, zitternden, wahnsinnigen Person, die nur schreien und schreien und nie mehr damit aufhören will. Ich muss jede Sekunde darum kämpfen, nicht daran zu denken. Denn nur eine kühle, gelassene Elena mit einem Plan A, B und C wird ihm helfen können. Wenn ich ihn sicher in den Armen halte, kann ich mir erlauben zu zittern und zu weinen– und auch zu schreien.«

Elena brach halb lachend ab, den Kopf an die Rückenlehne des Beifahrersitzes gelehnt, die Stimme heiser von zu langem Reden.

»Ich bin jetzt müde. Aber ich habe endlich einen Plan A. Ich brauche mehr Informationen von Damon über den Ort, zu dem wir unterwegs sind, über die Dunkle Dimension. Er muss mir alles sagen, was er über die zwei Hinweise weiß, die Misao mir in Bezug auf den Schlüssel zu Stefanos Zelle gegeben hat.

Ich glaube… ich glaube, das habe ich überhaupt noch nicht erwähnt. Der Schlüssel, der Fuchsschlüssel, den wir brauchen, um Stefano aus seiner Zelle herauszuholen, besteht aus zwei Teilen, die an verschiedenen Orten versteckt sind. Und als Misao mich verhöhnte, weil ich so wenig über diese Orte wüsste, hat sie mir klare, unmissverständliche Hinweise darauf gegeben, wo sich die Teile des Schlüssels befinden. Sie hatte sich niemals träumen lassen, dass ich tatsächlich in die Dunkle Dimension gehen würde, sie hat mich einfach nicht ernst genommen. Aber ich erinnere mich an die Hinweise, und sie lauteten folgendermaßen: Ein Teil ist ›im Instrument der Silbernen Nachtigall‹. Und der andere ist ›in Blodwedds Ballsaal begraben‹.

Ich muss herausfinden, ob Damon diesbezüglich irgendwelche Ideen hat. Ich glaube, mich zu erinnern, dass Stefano– als ich bei ihm in seiner Zelle im Shi no Shi war– davon gesprochen hatte, wie die Hälften des Schlüssels aussehen. Aber ich weiß es nicht mehr. Und selbst wenn– wer weiß schon, ob es sich nicht um ein erneutes Täuschungsmanöver der Kitsune gehandelt hat? Ach… Stefano… Jedenfalls klingt es danach, als müssten wir, sobald wir die Dunkle Dimension erreichen, die Häuser einiger Leute und andere Orte filzen. Um einen Ballsaal zu durchsuchen, ist es am besten, irgendwie zum Ball eingeladen zu werden, richtig? Das klingt wie ›leichter gesagt, als getan‹, aber was auch immer notwendig ist, ich werde es tun. So einfach ist das.«

Elena verstummte und hob entschlossen den Kopf. Dann flüsterte sie: »Ist das zu glauben? Ich habe gerade eben aufgeblickt und kann schon bleiche Streifen der Morgendämmerung am Himmel sehen: hellgrün und zartes Orange und ganz schwaches Blau… Ich habe die ganze Nacht hindurch geredet. Es ist jetzt so friedlich. Gerade eben erscheint der Rand der Sonne am Horizont…–

Was zur Hölle war das? Irgendetwas ist gerade oben auf den Jaguar geknallt. Laut, sehr laut.«

Elena schaltete die Aufnahmefunktion an ihrem Handy ab. Sie hatte Angst, aber ein Geräusch wie dieses– und jetzt ein Scharren auf dem Dach…

Sie musste so schnell wie möglich aus dem Wagen.

Kapitel Zwei

Elena sprang aus dem Jaguar und lief ein kleines Stück von dem Wagen weg, bevor sie sich umdrehte, um festzustellen, was auf das Dach gefallen war.

Es war Matt. Er lag auf dem Rücken und war gerade dabei, sich mühsam hochzurappeln.

»Matt– oh, mein Gott! Geht es dir gut? Bist du verletzt?«, rief Elena zur gleichen Zeit, als Matt in gequältem Tonfall schrie:

»Elena– oh, mein Gott! Ist der Jaguar in Ordnung? Hat er etwas abbekommen?«

»Matt, bist du verrückt? Hast du dir den Kopf angeschlagen?«

»Irgendwelche Kratzer? Funktioniert das Schiebedach noch?«

»Keine Kratzer. Das Dach ist in Ordnung.« Elena hatte keine Ahnung, ob das Glasschiebedach noch funktionierte, aber ihr war klar, dass Matt vollkommen von Sinnen war. Er versuchte, sich hinzuknien, ohne den Jaguar irgendwie zu beschmutzen, aber das erwies sich als schwierig, da seine Beine und Füße mit Schlamm bedeckt waren. Und es war nicht so einfach, vom Wagen herunterzukommen, ohne die Füße zu benutzen.

In der Zwischenzeit sah Elena sich um. Sie war selbst einmal vom Himmel gefallen, ja, aber sie war vorher sechs Monate tot gewesen und war nackt zurückgekommen, während Matt keine dieser Bedingungen erfüllte. Sie hatte eine prosaischere Erklärung im Sinn.

Und da war sie, die Erklärung. Sie lehnte an einem Baum und betrachtete mit einem kaum merklichen boshaften Lächeln den Schauplatz.

Damon.

Er war– beeindruckend; nicht so hoch gewachsen wie Stefano, aber mit einer undefinierbaren Aura der Bedrohlichkeit, die diesen Umstand mehr als ausglich. Er war wie immer tadellos gekleidet: schwarze Armani-Jeans, schwarzes Hemd, schwarze Lederjacke und schwarze Stiefel, was alles gut zu seinem achtlos vom Wind zerzausten dunklen Haar und seinen schwarzen Augen passte.

Gerade jetzt machte er Elena mit allen Sinnen darauf aufmerksam, dass sie ein langes weißes Nachthemd trug; sie hatte es mit der Idee gekauft, dass sie sich darunter umziehen konnte, falls es notwendig wurde, während sie unterwegs waren. Das Problem war, dass sie das normalerweise nur bei Sonnenaufgang tat, und heute hatte sie sich von ihrem Tagebucheintrag ablenken lassen. Und ganz plötzlich war das Nachthemd alles andere als eine passende Bekleidung für einen frühmorgendlichen Streit mit Damon. Es war zwar nicht durchsichtig und ähnelte eher Flanell aus Nylon, aber es war spitzenbesetzt, vor allem am Halsausschnitt. Spitze rund um einen hübschen Hals war für einen Vampir– wie Damon ihr eröffnet hatte– ganz so, als schwenke man ein rotes Tuch vor einem tobenden Bullen.

Elena verschränkte die Arme vor der Brust.

»Du siehst aus wie Wendy«, bemerkte Damon, und sein Lächeln war boshaft, strahlend und definitiv anerkennend. Einschmeichelnd legte er den Kopf schräg.

Aber Elena wollte sich nicht einschleimen lassen. »Wendy wer?«, fragte sie, und genau in diesem Augenblick erinnerte sie sich an den Nachnamen des jungen Mädchens in Peter Pan und zuckte innerlich zusammen. Elena war immer gut gewesen, wenn es um diese Art von Schlagfertigkeit ging. Dumm nur, dass Damon besser war.

»Nun, Wendy… Darling«, sagte Damon, und seine Stimme war eine Liebkosung.

Ein Schauder überlief Elena. Damon hatte versprochen, sie nicht zu beeinflussen– seine telepathischen Kräfte nicht einzusetzen, um ihren Geist zu trüben oder zu manipulieren. Aber manchmal fühlte es sich so an, als käme er schrecklich nah an diese Grenze. Ja, es ist definitiv Damons Schuld, dachte Elena. Sie hatte keine Gefühle für ihn, die– nun, die etwas anderes als schwesterlich waren. Aber Damon gab niemals auf, ganz gleich, wie oft sie ihn zurückwies.

Hinter Elena erklang ein dumpfer Aufprall und ein glucksendes Geräusch, welches zweifellos bedeutete, dass Matt endlich vom Dach des Jaguars heruntergekommen war. Er stürzte sich sofort in den Kampf.

»Nenn Elena nicht Wendy Darling!«, rief er und sprach weiter, während er sich zu Elena umwandte. »Wendy ist wahrscheinlich der Name seiner letzten kleinen Freundin. Und– und– und weißt du, was er getan hat? Wie er mich heute morgen geweckt hat?« Matt zitterte vor Empörung.

»Er hat dich hochgehoben und auf das Dach des Autos geworfen?«, riet Elena. Sie sprach über die Schulter gewandt mit Matt, weil eine schwache morgendliche Brise ging, die dazu neigte, ihr das Nachthemd gegen den Körper zu drücken. Sie wollte Damon nicht genau jetzt hinter sich haben.

»Nein! Ich meine, ja! Nein und ja! Aber– als er es tat, hat er sich nicht mal die Mühe gemacht, die Hände zu benutzen! Er hat einfach so gemacht«– Matt wedelte mit einem Arm–, »und zuerst bin ich in ein Schlammloch gefallen und im nächsten Moment falle ich auch schon auf den Jaguar. Ich hätte das Schiebedach eindrücken können– oder mir die Knochen brechen! Und jetzt bin ich vollkommen verdreckt«, fügte Matt hinzu und musterte sich voller Abscheu, als sei ihm dieser Gedanke gerade erst gekommen.

Damon ergriff das Wort. »Und warum habe ich dich hochgehoben und wieder fallen lassen? Was hast du in dem Moment getan, als ich ein wenig Abstand zwischen uns gelegt habe?«

Matt errötete bis zu den Wurzeln seines blonden Haars. Seine normalerweise so friedfertigen blauen Augen brannten.

»Ich hatte einen Stock in der Hand«, antwortete er trotzig.

»Einen Stock. Einen Stock von der Art, die man am Straßenrand findet? Diese Art von Stock?«

»Ich habe ihn am Straßenrand gefunden, ja!« Immer noch trotzig.

»Aber dann scheint etwas Seltsames damit passiert zu sein.« Ohne dass Elena hätte sehen können woher, förderte Damon plötzlich einen sehr langen und sehr robust aussehend Pflock zutage, dessen eines Ende zu einer extrem scharfen Spitze geschnitzt worden war. Er war definitiv aus Hartholz gefertigt: Eiche, wie es aussah.

Während Damon seinen »Stock« mit einem Blick abgrundtiefer Abscheu von allen Seiten musterte, drehte Elena sich zu einem stotternden Matt um.

»Matt!«, sagte sie tadelnd. Dies war definitiv ein neuer Tiefpunkt in dem kalten Krieg zwischen den beiden Jungen.

»Ich dachte ja nur«, fuhr Matt halsstarrig fort, »dass es vielleicht eine gute Idee wäre. Da ich nachts im Freien schlafe und ein… anderer Vampir vorbeikommen könnte.«

Elena hatte sich wieder umgedreht und schnalzte beschwichtigend mit der Zunge, während sie Damon ansah und Matt sich von Neuem aufplusterte.

»Sag ihr, wie du mich wirklich geweckt hast!«, verlangte er explosiv. Dann und ohne Damon eine Chance zu geben, irgendetwas zu sagen, fuhr er fort: »Ich habe gerade die Augen geöffnet, als er das da auf mich hat fallen lassen!« Matt kam mit glucksenden Schritten auf Elena zu; er hielt etwas in der Hand. Elena, die vollkommen ratlos war, nahm den Gegenstand und drehte ihn um. Es schien sich um einen Bleistiftstummel zu handeln, aber er war von einem verfärbten, dunklen Rotbraun.

»Das hat er auf mich fallen lassen und gesagt ›Streich durch‹«, erklärte Matt. »Er hatte zwei Menschen getötet– und damit angegeben!«

Plötzlich wollte Elena den Bleistift nicht länger festhalten. »Damon!«, sagte sie mit einem Ausruf echter Qual, während sie versuchte, irgendetwas auf seinem ausdruckslosen Gesicht zu lesen. »Damon– du hast nicht– nicht wirklich…«

»Du brauchst ihn nicht anzuflehen, Elena. Was wir tun müssen, ist…«

»Falls irgendjemand mir erlauben würde, ein Wort dazu zu sagen«, bemerkte Damon, der jetzt ehrlich entnervt klang, »würde ich vielleicht erwähnen, dass jemand, bevor ich zu dem Bleistift auch nur eine Erklärung abgeben konnte, versucht hat, mich an Ort und Stelle zu pfählen, ohne dazu auch nur aus seinem Schlafsack herauszukommen. Und als Nächstes würde ich sagen, dass es keine Menschen waren. Es waren Vampire, Ganoven, brutale Verbrecher– und sie waren von Shinichis Malach besessen. Und sie waren auf unserer Fährte. Sie waren bis nach Warren in Kentucky gekommen, wahrscheinlich indem sie nach unserem Wagen gefragt haben. Wir werden ihn definitiv loswerden müssen.«

»Nein!«, rief Matt abwehrend. »Dieser Wagen– dieser Wagen bedeutet Stefano und Elena etwas.«

»Dieser Wagen bedeutet dir etwas«, korrigierte Damon ihn. »Und ich könnte darauf hinweisen, dass ich meinen Ferrari in einem Fluss zurücklassen musste, nur damit wir dich auf dieser kleinen Expedition mitnehmen konnten.«

Elena hob die Hand. Sie wollte nichts mehr hören. Sie empfand tatsächlich etwas für den Wagen. Er war groß und leuchtend rot und protzig– aber er drückte aus, wie sie und Stefano sich an dem Tag gefühlt hatten, an dem er ihr den Jaguar kaufte, an dem Tag, an dem sie den Beginn ihres neuen Lebens zusammen gefeiert hatten. Allein sein Anblick erinnerte sie an den Tag und an das Gefühl von Stefanos Arm um ihre Schultern und die Art, wie er auf sie herabgeblickt hatte, als sie zu ihm aufblickte– seine grünen Augen hatten schelmisch geleuchtet und waren voller Glück gewesen, weil er ihr etwas geschenkt hatte, das sie sich wirklich wünschte.

Zu Elenas Verlegenheit und Zorn stellte sie fest, dass sie leicht zitterte und dass ihre Augen voller Tränen waren.

»Siehst du«, zischte Matt und funkelte Damon an. »Jetzt hast du sie zum Weinen gebracht.«

»Ich habe sie zum Weinen gebracht? Ich bin nicht derjenige, der meinen lieben verblichenen jüngeren Bruder erwähnt hat«, erwiderte Damon liebenswürdig.

»Hört auf damit! Auf der Stelle! Alle beide«, rief Elena, während sie versuchte, ihre Fassung wiederzufinden. »Und ich will diesen Bleistift nicht haben, wenn es euch nichts ausmacht«, fügte sie hinzu und hielt den Bleistift um Armeslänge von sich weg.

Als Damon ihn entgegennahm, wischte Elena sich die Hände an ihrem Nachthemd ab. Sie fühlte sich irgendwie benommen, und bei dem Gedanken an Vampire, die ihnen auf den Fersen waren, überlief sie ein Schauder.

Und dann, noch während sie taumelte, lag plötzlich ein warmer, starker Arm um ihre Taille und Damons Stimme erklang neben ihr: »Was sie braucht, ist ein wenig frische Luft, und die werde ich ihr verschaffen.«

Mit einem Mal war Elena schwerelos und sie lag in Damons Armen und sie stiegen immer höher hinauf.

»Damon, könntest du mich bitte absetzen?«

»Genau jetzt, Darling? Es ist eine ziemliche Entfernung…«

Elena schimpfte weiter mit Damon, aber sie konnte erkennen, dass er sie ausgeblendet hatte. Und die kühle Morgenluft half ihr tatsächlich ein wenig, einen klaren Kopf zu bekommen, obwohl sie wegen der Temperatur gleichzeitig zitterte.

Sie versuchte, dem Zittern Einhalt zu gebieten, aber es war unmöglich. Damon blickte auf sie herab, und zu ihrer Überraschung begann er, mit vollkommen ernster Miene Anstalten zu machen, als wolle er seine Jacke ausziehen. Elena sagte hastig: »Nein, nein– fahr du einfach– ich meine, flieg einfach, und ich halte mich fest.«

»Und sieh dich nach tief fliegenden Möwen um«, riet Damon bedeutungsschwanger, aber mit leicht zuckenden Mundwinkeln. Elena musste das Gesicht abwenden, weil sie Gefahr lief zu lachen.

»Also, wann genau hast du erfahren, dass du Leute hochheben und sie auf Autos fallen lassen kannst?«, erkundigte sie sich.

»Oh, erst vor Kurzem. Es war wie das Fliegen: Eine Herausforderung, und du weißt, ich mag Herausforderungen.«

Mit einem spitzbübischen Ausdruck in den Augen schaute er auf sie herab, mit diesen Augen, die schwarz auf schwarz waren und deren lange Wimpern als die reinste Verschwendung an einen Jungen schienen. Elena fühlte sich so leicht, als sei sie Löwenzahnflausch, aber gleichzeitig auch ein wenig benommen, beinahe beschwipst.

Ihr war jetzt viel wärmer, weil– wie sie begriff– Damon sie mit seiner Aura umfing, die warm war. Und das nicht nur in Bezug auf die Temperatur. Sie spürte die Wärme seiner berauschenden, beinahe trunkenen Wertschätzung. Ihre Augen, ihr Gesicht und ihr Haar trieben schwerelos in einer Wolke aus Gold. Elena konnte nicht verhindern, dass sie errötete, und sie hörte beinahe seine Gedanken, dass das Erröten ihr sehr gut stand, blasses Rosa auf ihrem hellen Teint.

Und ebenso wie das Erröten eine unwillkürliche körperliche Reaktion auf seine Wärme und Wertschätzung war, verspürte Elena auch eine emotionale Reaktion– Dankbarkeit und ihrerseits Wertschätzung für Damon. Er hatte ihr heute Nacht das Leben gerettet– so viel war klar bei Vampiren, die von Shinichis Malach besessen waren, Vampiren, die Gangster waren. Sie wollte sich nicht vorstellen, was diese Kreaturen mit ihr gemacht hätten. Sie konnte nur froh sein, dass Damon clever genug, ja, skrupellos genug gewesen war, sich den Vampiren anzunehmen, bevor sie sie erwischt hatten.

Und sie hätte blind und schlicht und einfach dumm sein müssen, um nicht die Tatsache zu würdigen, dass Damon einfach umwerfend war. Nachdem sie zweimal gestorben war, hatte diese Tatsache zwar nicht mehr die gleiche Wirkung auf sie wie auf die meisten anderen Mädchen, aber es war trotzdem eine Tatsache.

Das Problem damit war nur, dass Damon als Vampir ihre Gedanken lesen konnte, vor allem, da Elena ihm so nah war und ihre Auren sich mischten. Damon wusste Elenas Wertschätzung seinerseits zu schätzen, und bevor Elena sich richtig konzentrieren konnte, schmolz sie förmlich dahin und ihr schwereloser Körper ließ sie eine andere Art von Schwere spüren, während sie sich in Damons Arme schmiegte.

Und ein weiteres Problem war, dass Damon sie nicht mit seinen Kräften beeinflusste; er war genauso gefangen in dem, was zwischen ihnen vorging, wie Elena– sogar noch mehr, weil er keine Barrieren dagegen hatte. Elena hatte sie, aber sie verschwammen, lösten sich auf. Sie konnte nicht mehr klar denken. Damon betrachtete sie mit Staunen und einem Blick, den sie nur allzu gut kannte– aber sie konnte sich nicht daran erinnern, woher.

Elena hatte die Fähigkeit zu analysieren verloren. Sie schwelgte lediglich in dem warmen Leuchten, dem Gefühl, umhegt zu werden, gehalten, geliebt und mit einer Intensität umsorgt zu werden, die ihre ganze Hingabe verlangte.

Und wenn Elena sich hingab, gab sie sich vollkommen hin. Beinahe ohne bewusste Anstrengung legte sie den Kopf in den Nacken, um ihre Kehle zu entblößen, und schloss die Augen.

Damon veränderte die Lage ihres Kopfes sanft, stützte ihn mit einer Hand und küsste sie.

Kapitel Drei

Die Zeit blieb stehen. Elena stellte fest, dass sie instinktiv nach dem Geist dieser Person tastete, die sie so zärtlich küsste. Sie hatte einen Kuss niemals zu schätzen gewusst, bis sie gestorben, ein Geist geworden und dann auf die Erde zurückgekehrt war mit einer Aura, die ihr die verborgene Bedeutung der Gedanken und Worte anderer offenbarte, die ihr sogar deren Geist und Seele offenbarte. Es war, als habe sie einen wunderschönen neuen Sinn eines Kusses entdeckt. Wenn zwei Auren sich so tief vermischten, wie es jetzt der Fall war, wurden zwei Seelen voreinander entblößt.

Halb bewusst dehnte Elena ihre Aura aus und begegnete beinahe sofort einem Geist. Zu ihrer Überraschung prallte er vor ihr zurück. Das war nicht richtig. Es gelang ihr, ihn festzuhalten, bevor er sich hinter einen großen, harten Felsbrocken zurückziehen konnte. Das Einzige, was außerhalb des Felsbrockens blieb– der sie an ein Bild von einem Meteoriten erinnerte, das sie einmal gesehen hatte, mit einer pockennarbigen, verkohlten Oberfläche–, waren rudimentäre Gehirnfunktionen und ein kleiner Junge, an beiden Handgelenken und beiden Knöcheln an den Fels gekettet.

Elena war schockiert. Was immer sie sah, sie wusste, dass es nur eine Metapher war und dass sie nicht zu schnell beurteilen sollte, was die Metapher bedeutete. Die Bilder vor ihr waren in Wirklichkeit Symbole für Damons nackte Seele, aber in einer Gestalt, die ihr eigener Verstand verstehen und deuten konnte, wenn sie sie nur von der richtigen Perspektive aus betrachtete.

Instinktiv wusste sie, dass sie etwas Wichtiges sah. Sie hatte die atemberaubende Freude und die schwindelerregende Süße erlebt, ihre eigene Seele mit der eines anderen zu verbinden. Und jetzt trieb die ihr innewohnende Liebe und Sorge sie dazu, mit dem, was sie sah, in Verbindung zu treten.

»Ist dir kalt?«, fragte sie den Jungen, dessen Ketten lang genug waren, damit er seine Arme um seine angewinkelten Beine legen konnte. Er war mit schwarzen Lumpen bekleidet.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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