Tante Dimity und das Herz aus Gold - Nancy Atherton - E-Book

Tante Dimity und das Herz aus Gold E-Book

Nancy Atherton

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7,99 €

Beschreibung

Weihnachten steht vor der Tür, aber bei Lori will sich dieses Jahr einfach keine festliche Stimmung einstellen - das Wetter ist miserabel und eine üble Erkältungswelle hat die meisten Bewohner des Dörfchens Finch außer Gefecht gesetzt. Da kommt die Einladung zum jährlichen Weihnachtsfest auf Anscombe Manor gerade recht. Als im Laufe des Abends ein Schneesturm aufzieht und das Herrenhaus von der Außenwelt abschneidet, müssen alle Gäste in dem historischen Gemäuer übernachten. Neugierig erkunden Lori und ihre Freunde das Anwesen und entdecken dabei eine Geheimkammer. Und nicht nur das: In dem mysteriösen Raum finden sie einen alten Schatz, unter anderem ein exquisit verziertes Herz aus massiven Gold. Wo kommt es her und was hat es damit auf sich? Mit Tante Dimitys Hilfe macht sich Lori an die Lösung des Weihnachtsrätsels.

Versüßen Sie sich die Lektüre mit Tante Dimitys Geheimrezepten! In diesem Band: Miss Cecilias süße Kichererbsenbällchen.

Ein weihnachtlicher Wohlfühlkrimi mit Tante Dimity. Als eBook bei beTHRILLED und als Taschenbuch erhältlich.

"Es bleibt spannend bei Tante Dimity. Fans der Serie und neue Leser werden es genießen, Zeit mit den liebenswerten Bewohnern des Dörfchens Finch zu verbringen." Publishers Weekly



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 324

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Inhalt

Cover

Alle Titel der Reihe

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Epilog

Besan Laddoo – Miss Cecilias süße Kichererbsenbällchen

Leseprobe – Ein unerhörter Mord im High Park

Alle Titel der Reihe

Tante Dimity und das geheimnisvolle Erbe

Tante Dimity und der verschwiegende Verdacht

Tante Dimity und der unerhörte Skandal

Tante Dimity und das verborgene Grab

Tante Dimity und der Fremde im Schnee

Tante Dimity und der Kreis des Teufels

Tante Dimity und der unbekannte Mörder

Tante Dimity und der skrupellose Erpresser

Tante Dimity und der unheimliche Sturm

Tante Dimity und der verhängnisvolle Brief

Tante Dimity und die unheilvolle Insel

Tante Dimity und der Wilde Westen

Tante Dimity und die Jagd nach dem Vampir

Tante Dimity und der gefährliche Drache

Tante Dimity und die Geister am Ende der Welt

Tante Dimity und das verhexte Haus

Tante Dimity und die Dorfhexe

Tante Dimity und der verschwundene Prinz

Tante Dimity und der Wunschbrunnen

Tante Dimity und das Geheimnis des Sommerkönigs

Tante Dimity und der verlorene Schatz

Tante Dimity und der Fluch der Witwe

Tante Dimity und das wunderliche Wirtshaus

Tante Dimity und das Herz aus Gold

Über dieses Buch

Weihnachten steht vor der Tür, aber bei Lori will sich dieses Jahr einfach keine festliche Stimmung einstellen – das Wetter ist miserabel und eine üble Erkältungswelle hat die meisten Bewohner des Dörfchens Finch außer Gefecht gesetzt. Da kommt die Einladung zum jährlichen Weihnachtsfest auf Anscombe Manor gerade recht. Als im Laufe des Abends ein Schneesturm aufzieht und das Herrenhaus von der Außenwelt abschneidet, müssen alle Gäste in dem historischen Gemäuer übernachten. Neugierig erkunden Lori und ihre Freunde das Anwesen und entdecken dabei eine Geheimkammer. Und nicht nur das: In dem mysteriösen Raum finden sie einen alten Schatz, unter anderem ein exquisit verziertes Herz aus massiven Gold. Wo kommt es her und was hat es damit auf sich? Mit Tante Dimitys Hilfe macht sich Lori an die Lösung des Weihnachtsrätsels.

Über die Autorin

Nancy Atherton ist die Autorin der beliebten »Tante Dimity« Reihe, die inzwischen über 20 Bände umfasst. Geboren und aufgewachsen in Chicago, reiste sie nach der Schule lange durch Europa, wo sie ihre Liebe zu England entdeckte. Nach langjährigem Nomadendasein lebt Nancy Atherton heute mit ihrer Familie in Colorado Springs.

Nancy Atherton

Aus dem Amerikanischen von Barbara Röhl

Digitale Erstausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Dieses Werk wurde im Auftrag der Jane Rotrosen Agency LLC vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen.

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dorothee Cabras

Lektorat/Projektmanagement: Kathrin Kummer

Covermotiv: © Ommo Wille

Covergestaltung: Thomas Krämer

eBook-Erstellung: 3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 978-3-7325-8351-5

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Aunt Dimity and the Heart of Gold« bei Penguin Books, New York.

Copyright © der Originalausgabe 2019 by Nancy T. Atherton

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erschienen Werkes »Ein unerhörter Mord im High Park« von Andreas Fennek.

Für meine zauberhaften Leser.

1. Kapitel

Weihnachten stand kurz bevor, und das Wetter war haarsträubend. Keine Spur der makellos weißen Schneedecke, die sich von Rechts wegen über mein kleines Eckchen der englischen Landschaft breiten sollte. Dichter grauer Nebel und unaufhörlicher Nieselregen hatten meine winterliche Märchenlandschaft in eine trübe, schmuddelige Schlammwüste verwandelt.

Mein Mann Bill und ich waren zwar Amerikaner, genau wie unsere Zwillingssöhne und unsere kleine Tochter, doch wir lebten in den Cotswolds, einer ländlichen Idylle, die in zahllosen Reiseführern als eine der schönsten Regionen Englands beschrieben wird. Bill leitete von einem Büro im nahe gelegenen Dorf Finch aus die europäische Niederlassung der altehrwürdigen Bostoner Kanzlei seiner Familie; Will und Rob, beide zehn, besuchten in dem geschäftigen Marktflecken Upper Deeping die Morningside School, und ich jonglierte meine ständig wechselnden Rollen als Ehefrau, Mutter, Freundin, Nachbarin, vollendete Klatschbase und ehrenamtliche Helferin in der Gemeinde.

Unsere Tochter Bess, die im Februar zwei würde, hatte mehr zu tun als wir alle zusammen. Das Laufen beherrschte sie aus dem Effeff; doch Rennen war noch ein gefährliches Unterfangen, und ihr Wortschatz entwickelte sich zwar rasant, aber nicht schnell genug für ihr Mitteilungsbedürfnis. Ihre hartnäckigen Versuche, mit ihren großen Brüdern Schritt zu halten und mit ihren begriffsstutzigen Eltern zu kommunizieren, endeten gelegentlich in Wutanfällen, vor denen sich Stanley, unser geschmeidiger schwarzer Kater, schleunigst in Sicherheit zu bringen pflegte. Das Gute war, dass Bess über Tag so enorm viel Energie verbrauchte, dass sie nachts wie ein Murmeltier schlief. Immerhin ein Silberstreif am Horizont.

In dem Nebel, der unser aus honigfarbenem Stein erbautes Cottage umwaberte, konnte ich allerdings keinen solchen Silberstreifen erkennen. Nachdem ich bereits seit über zehn Jahren die Launen des englischen Wetters ertrug, war mir schon klar, dass ich zur Weihnachtszeit nicht mit blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein rechnen durfte, doch die lange Abfolge grauer Dezembertage schlug mir langsam aufs Gemüt.

Meine verstorbene Mutter hätte das »Rheumawetter« genannt, und ich wusste genau, was sie gemeint hatte. Die feuchte Kälte schien in jedes Gelenk an meinem Körper zu kriechen und verursachte allerhand Zwicken und Reißen, bei dem ich mich wie eine Rentnerin fühlte. Eine alte Schussverletzung an meiner linken Schulter brachte sich immer wieder durch schmerzhaftes Pochen in Erinnerung, aber mein körperliches Unbehagen war nichts im Vergleich zu der psychischen Niedergeschlagenheit, die ich empfand, nachdem die Sonne sich zehn Tage am Stück nicht gezeigt hatte.

Ich war nicht die Einzige, die die Auswirkungen des widerwärtigen Wetters spürte. Zwar hatte es nicht so stark geregnet, dass unser Fluss über die Ufer getreten wäre, doch es hatte der Vorweihnachtszeit in Finch entschieden einen Dämpfer aufgesetzt. Ein grauer Nebelschleier hüllte die malerischen Häuser ein, die den Dorfanger umstanden, und verdunkelte die blinkenden Lichter und glitzernden Kugeln, die unsere langen Winterabende hätten erhellen sollen.

Um alles noch schlimmer zu machen, lag mehr als die Hälfte der Dorfbewohner mit grippalem Infekt, Bronchitis oder einer Kombination aus beidem darnieder; zwar stand niemand an der Schwelle des Todes, doch die Erkrankten fühlten sich so. Allen anderen fiel es zunehmend schwer, Weihnachtsstimmung zu verbreiten, während sie sich Schlamm von den Stiefeln kratzten und sich kalte Nebeltropfen von den vor Kälte geröteten Gesichtern abwischten.

Die »Weihnachtspest«, wie mein Mann den Ausbruch von Atemwegsinfektionen in Finch getauft hatte, hatte auch die Familien auf den abgelegenen Farmen getroffen. Eine knappe Handvoll Bauern verirrte sich abends ins Dorf, um sich im Pub der Peacocks mit einem Bier zu trösten. Doch für alle, die dort Zuflucht vor einem Haus voll rotznasiger Sprösslinge suchten, war die Enttäuschung vorprogrammiert. Christine und Dick Peacock, das gastfreundliche Wirtsehepaar des Pubs, waren eindeutig nicht auf der Höhe. Angesichts ihrer roten Nasen, tränenden Augen und ihres trockenen Hustens fühlten sich die Gäste wie zu Hause, aber nicht im positiven Sinn.

Peggy Taxman, die gebieterische Tyrannin, die zusammen mit ihrem sanftmütigen Gatten Jasper die Poststelle, den Gemüseladen sowie Taxman’s Emporium leitete – der hochfahrende Name für Finchs Gemischtwarenladen -‍, und die ohne Jaspers Mitwirkung jeder Gemeindeversammlung in Finch vorsaß, hatte sich eine üble Kehlkopfentzündung zugezogen. Da Peggy ihre Stentorstimme einsetzte, um jeden einzuschüchtern, der es wagte, ihre Autorität in Zweifel zu ziehen, hatte ihre Krankheit im Dorf für eine unangemessene Welle der Heiterkeit gesorgt. Doch sie hatte auch abgesagte Sitzungen, verkürzte Öffnungszeiten im Emporium und die verspätete Zustellung von Weihnachtskarten nach sich gezogen.

Sally Cook, der Betreiberin der Teestube, erging es nicht viel besser. Ihr Mann Henry hatte ihr befohlen, das Bett zu hüten, nachdem sie bei einem ausgedehnten Niesanfall ein Blech Lebkuchenmänner, zwei Dutzend frisch glasierter Weihnachtspralinen sowie eine hohe Pyramide aus Mini-Mince-Pies verseucht hatte.

Bree Pym, die junge Neuseeländerin, die in einem ererbten Haus in der Umgegend von Finch lebte, hatte sich freiwillig erboten, als Kellnerin zu fungieren und die Kasse zu bedienen, während Henry in der Küche für Sally einsprang. Doch da so viele Dorfbewohner außer Gefecht waren, brauchte Henry Brees Hilfe nicht. Er war allein ausgezeichnet in der Lage, mit den wenigen Kunden fertigzuwerden, die sich gelegentlich in die Teestube schleppten, um eine Schachtel nicht infizierter Weihnachtssüßigkeiten zu erwerben.

»Vaters emsige Mägde« – der Spitzname meines Mannes für ein Damenquartett mittleren Alters, dessen Mitglieder sich einst Hoffnungen gemacht hatten, mit meinem umgänglichen und wohlhabenden Schwiegervater in den Sonnenuntergang davonzureiten – fielen der Seuche als Letzte zum Opfer. Der Virus hatte Elspeth Binney, Opal Taylor, Millicent Scroggins und Selena Buxton in ihren Cottages isoliert und verhinderte, dass sie ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung nachgingen: sich in der Teestube zu treffen und bei einer Kanne Tee, einem Teller Scones und einem Riesenberg Klatsch zusammenzusitzen.

Leider hatte auch der Klatsch gelitten. In besseren Zeiten lief der Buschfunk des Dorfes auf Hochtouren und verbreitete alle möglichen Lokalnachrichten. Frisuren, Kleidung, Streitfälle, bevorstehende Veranstaltungen, exzentrisches Verhalten und fragwürdige gärtnerische Entscheidungen waren nur einige der Themen, die tage- und manchmal monatelang diskutiert und seziert wurden.

Doch seit die Weihnachtspest das Dorf überrollt hatte, redeten meine Nachbarn und ich nur noch über … die Weihnachtspest. Wer war erkältet? Wer nicht? Wie schlecht ging es ihnen? Wie lange würden die Erkältungen dauern? Funktionierte altmodischer Hustensaft, oder sollten die Kranken ihre Hoffnungen auf moderne Geheimtipps setzen? Miranda Morrow, Finchs sommersprossige Dorfhexe und bemerkenswerte Kräuterheilkundlerin, setzte sich für Naturheilmittel ein, doch deren Wirkung wurde infrage gestellt, seit sie der Seuche ebenfalls zum Opfer gefallen war.

Ein paar glückliche Dorfbewohner waren Finch entronnen, bevor der Virus ausgebrochen war. Die gutherzige Schwägerin der alten Mrs. Craven hatte diese über die Weihnachtszeit nach Südfrankreich entführt, und George Wetherhead, der schüchterne Modelleisenbahn-Fan, der im alten Schulmeister-Haus lebte, war nach Brighton gefahren, um an einem Treffen von Modelleisenbahnsammlern teilzunehmen. Als ein Anruf ihn gerade noch rechtzeitig über die düstere Lage im Dorf informiert hatte, war er so klug gewesen, die Einladung eines anderen Sammlers anzunehmen, Weihnachten bei ihm zu verbringen, weit außerhalb der Niesweite von Finch.

Zu meiner großen Erleichterung hatte der ekelhafte Virus bisher weder meinen sanften Schwiegervater, William Willis senior, noch Amelia infiziert, die fantastische Witwe, die er geheiratet hatte, nachdem er den größten Teil seines Erwachsenenlebens als Witwer zugebracht hatte. Das glückliche Paar lebte an derselben Straße wie wir in Fairworth House, einem eleganten georgianischen Herrenhaus, das Willis senior nach seinem Ausscheiden aus der Familienkanzlei gekauft hatte, um seinen Enkelkindern näher zu sein.

Beim Ausbruch der Weihnachtspest hatte Amelia vorsichtshalber beschlossen, eine strikte Quarantäne über Fairworth House zu verhängen. Bis sich der Virus totgelaufen hatte, würde sie niemandem – nicht einmal Familienmitgliedern – erlauben, durch das schmiedeeiserne Tor zu treten, das den Eingang zum Anwesen bewachte. Ich konnte ihr nicht übelnehmen, dass sie keine Besucher über die Schwelle ließ. Will, Rob und Bess vermissten ihren Großvater beinahe so sehr wie er sie, doch als potenzielle Bazillenmutterschiffe stellten sie eine Gefahr für seine leicht angeschlagene Gesundheit dar.

Bisher war es nicht so weit gekommen. Aus Gründen, die mein Begriffsvermögen überstiegen, war meine Brut nicht krank geworden. Obwohl Bill und ich alarmiert auf das leiseste Schniefen lauschten, entdeckten wir nichts. Inmitten von so viel Elend beschämte es uns beinahe, dass unser Cottage eine virusfreie Zone zu sein schien. Wenn unsere Nachbarn das Thema ansprachen, was sie taten, und zwar häufig, stellten wir fest, dass wir uns für unsere offenkundige Abwesenheit von Krankheit entschuldigten. Wir hatten das Gefühl, unsere Mannschaft im Stich zu lassen.

Der Pfarrer und seine Frau waren ebenfalls verschont geblieben, das Krippenspiel allerdings nicht. Zum ersten Mal seit Menschengedenken war eine Veranstaltung abgesagt worden, die das ganze Dorf zusammenführte, aus Mangel an Dorfbewohnern, die auf und hinter der Bühne oder als Publikum daran teilnehmen konnten, ohne sich die Lunge aus dem Leib zu husten.

Da die Teilnahme am Gottesdienst sich auf einem historischen Tiefstand befand, hatte Reverend Theodore Bunting die Gottesdienste in der Kirche St. George’s auf ein Minimum reduziert, um sich auf Hausbesuche zu konzentrieren. Während er sich um die spirituellen Bedürfnisse seiner gebeutelten Gemeindemitglieder kümmerte, putzte seine Frau Lilian, die praktischer veranlagt war, ihre Cottages, bezog ihre Betten frisch und sorgte dafür, dass ihre Rechnungen rechtzeitig bezahlt wurden.

Die wenigen Dorfbewohner, die von Krankheit verschont blieben, unterstützten Lilian und den Pfarrer tatkräftig bei ihren guten Werken. Mr. Barlow, der pensionierte Automechaniker, der als Küster sowie als Allround-Handwerker des Dorfes fungierte, eilte geschäftig zwischen den Cottages umher, reparierte Heizungen, dichtete zugige Fenster ab und hackte Brennholz. Charles Bellingham und Grant Tavistock, die in ihrem Haus in Finch als Restauratoren und Kunstschätzer tätig waren, gingen im Dorf von Tür zu Tür und belieferten die Kranken eimerweise mit selbst gekochter Suppe.

Nachdem Henry Cook ihr Hilfsangebot abgelehnt hatte, mutierte Bree Pym zum Laufmädel und holte Post, kaufte Lebensmittel ein und machte sich allgemein bei ihren leidenden Nachbarn nützlich. James und Felicity Hobson, das pensionierte Lehrerehepaar, das Ivy Cottage bewohnte, brachte den Bettlägerigen bergeweise Bücher und Zeitschriften, aus denen sie auf Anfrage gern laut vorlasen.

Als Mutter eines Kleinkinds, dessen Immunsystem sich noch im Aufbau befand, war ich von Hausbesuchen befreit, doch ich trug mein Scherflein bei, indem ich St. George’s schmückte. Da Bess darauf bestand, mir zu helfen, dauerte es zehnmal so lange wie sonst, doch schließlich gelang es mir, die altmodische Krippe aufzustellen, rote Schleifen an die Kirchenbänke zu binden, Tannengirlanden über den Altar zu hängen, das Taufbecken mit Christrosen zu dekorieren, Stechpalmenzweige in die tiefen Fensterlaibungen zu legen und die stämmige Tanne zu schmücken, die Bill neben der Kanzel aufgestellt hatte. Bei der Arbeit hoffte und betete ich, dass es allen meinen Nachbarn am Weihnachtstag gut genug gehen würde, um mein Werk mit dem gewohnten Eifer zu diskutieren und wertzuschätzen.

Meine pferdeverrückten Söhne verbrachten den größten Teil ihrer wachen Stunden auf Anscombe Manor, wo meine beste Freundin Emma Harris lebte und eine angesehene Reitschule betrieb. Unter ihrer Anleitung hatten sich die Zwillinge zu so ausgezeichneten Reitern entwickelt, dass wir den größten Teil ihrer blauen Bänder in einer Truhe aus Zedernholz aufbewahren mussten. Sie spielten auch begeistert Kricket, doch nicht einmal der Nervenkitzel eines gut gebowlten Spinballs konnte es mit dem Hochgefühl aufnehmen, auf ihren geliebten grauen Ponys Thunder und Storm über Berg und Tal zu galoppieren.

Leider hatte das abscheuliche Wetter ihre Pläne zunichtegemacht, die Weihnachtsferien im Sattel zu verbringen. Emma konnte nicht guten Gewissens zulassen, dass die Stars unter ihren Schülern durch dichten Nebel, über rutschige Hügel und durch schlammige Täler galoppierten, aber die Zwillinge begehrten nicht gegen ihre Einschränkungen auf. Als wahre Reiter gaben sich Will und Rob damit zufrieden, den ganzen Tag lang Zaum- und Sattelzeug zu putzen, Ställe auszumisten, Heuraufen aufzufüllen, sich um die Wassertröge zu kümmern, Pferde zu striegeln und ihnen in der Halle Bewegung zu verschaffen. Hätte Bill sie nicht jeden Abend nach Hause geschleppt, hätten sie auf dem Heuboden geschlafen.

Da die Weihnachtspest Anscombe Manor verschonte, blieb meinem Mann und mir die Hölle erspart, die es bedeutete, mit zwei quengeligen Zehnjährigen und einem temperamentvollen Kleinkind im Cottage eingesperrt zu sein. Das gleiche antivirale Kraftfeld, das über unserem Cottage lag, schien auch Emmas Anwesen zu schützen, obwohl sie dessen Wirkung auch verstärkt hatte, indem sie die Reitschule zwei Wochen früher als sonst schloss und ihren Hilfskräften außerplanmäßig zehn Tage bezahlten Urlaub gab.

Ihre Quarantänetechniken waren nicht so extrem wie bei Amelia, zeitigten jedoch ähnliche Ergebnisse. Emma bewohnte das weitläufige Herrenhaus zusammen mit ihrem Mann Derek, ihren erwachsenen Stiefkindern Peter und Nell sowie deren Ehepartnern Cassie und Kit, und alle waren kerngesund. Als Bauunternehmer, der auf die Restauration historischer Gebäude spezialisiert war, hatte Derek Harris seinen Betrieb zu führen, doch da Peter, Cassie, Nell und Kit sich mit Pferden auskannten, konnte Emma sich darauf verlassen, dass sie – und meine pferdeverrückten Söhne – für die Stallhelfer einsprangen.

Dank Emma und ihrer glücklicherweise gesunden Familie herrschte Friede in unserem Heim – jedenfalls so viel, wie man erwarten kann, wenn eine fast Zweijährige das Sagen hat. Aber Bill und ich waren ihnen nicht nur aus rein egoistischen Gründen dankbar, sondern wir freuten uns auch für unsere Gemeinde. Nach der Absage des Krippenspiels stellte die alljährliche Weihnachtsfeier auf Anscombe Manor das hellste Licht an Finchs vernebeltem Horizont dar. Wäre sie ebenfalls ausgefallen, wäre die Leidensfähigkeit der Bewohner des Dorfes auf eine harte Probe gestellt worden, die ihnen jegliche Weihnachtsfreude verdorben hätte.

Glücklicherweise hatte Emma uns nicht enttäuscht. Ihre Party würde wie geplant stattfinden, wenngleich in kleinerem Rahmen als sonst, da keiner der von der Pest niedergestreckten Dorfbewohner daran teilnehmen würde. Für die unter uns, die nicht ans Haus gefesselt waren, fühlte sich diese Nachricht an wie ein frischer Wind. Nachdem wir unsere Pflicht getan und uns benommen hatten, wie wir sollten, konnten wir ein wenig Leichtigkeit dringend gebrauchen.

Emma Harris’ Weihnachtspartys waren ebenso vorhersehbar wie vergnüglich. Sie fanden immer eine Woche vor Weihnachten statt, begannen grundsätzlich um fünf Uhr nachmittags und endeten nie vor Mitternacht. Meine Söhne wurden mit der späten Stunde fertig, aber Bess war kein Mensch, der die Nacht durchfeierte; daher wollte Emma auch in diesem Jahr dafür sorgen, dass eines der vielen Schlafzimmer des Gutshauses für eine schläfrige Prinzessin zurechtgemacht war.

Auf ein vorweggenommenes Weihnachtsessen mit gebratener Gans und allen traditionellen Beilagen würde ein Abend voll fröhlicher Gespräche, alberner Spiele und Geschichten folgen, die rund um das prasselnde Feuer in der großen Halle erzählt werden würden. Emma bestand zwar darauf, den Großteil des Kochens zu bestreiten, doch sie erlaubte dem Rest von uns, Fingerfood beizusteuern, an dem sich die Unersättlichen vor und nach dem am Esstisch eingenommenen Festmahl laben konnten.

Meine Käsestangen kamen immer gut an, doch ich hatte entschieden, dass verzweifelte Zeiten nach einem besonderen Einsatz verlangten. Im Jahr der Weihnachtspest war ich entschlossen, meine Nachbarn mit Häppchen zu überraschen, die ich noch nie zubereitet hatte, und Törtchen mit Spinat und Ziegenkäse schienen mir genau das Richtige zu sein.

Als ich am Samstagmorgen eifrig in der Küche herumwerkte und den Filo-Teig und die herzhafte Füllung vorbereitete, konnte ich noch nicht ahnen, dass meine Torteletts nur die geringste der Überraschungen sein würden, die unsere Zusammenkunft dieses Jahr unvergesslich machen würden.

2. Kapitel

Meine Torteletts gerieten großartig, so prächtig sogar, dass ich meinen Männern einen strengen Vortrag halten musste, um sie daran zu hindern, die Früchte meiner Arbeit schon zu verschlingen, bevor wir das Cottage verließen. Nachdem ich meine kulinarischen Meisterstücke in nebelsichere Frischhaltedosen verpackt und Bill und den Jungen schwere Körperverletzung angedroht hatte, sollte auch nur ein Krümel fehlen, wenn ich ihnen den Rücken kehrte, zog ich mich in die Kinderstube zurück, um Bess in ihr Partykleid zu stecken.

Ich liebte meine Söhne sehr, doch ich konnte nicht abstreiten, dass es lustiger war, eine Tochter herauszuputzen. In ihrem roten Samtkleid, der weißen Strumpfhose und den schwarzen Lackschuhen mit Spangen – und rutschsicheren Sohlen – sah sie wie ein Weihnachtsengel mit rosigen Wangen aus. Ich wusste zwar, dass das schimmernde rote Haarband, das ich durch ihre dunklen, seidigen Locken fädelte, nicht lange an seinem Platz bleiben würde, doch ich genoss die Befriedigung, sie in ihrem vollständigen Outfit zu sehen, solange es noch komplett war.

Da Will und Rob vorhatten, sich nach Emmas Festessen in die Ställe zu verdrücken, hatte ich ihnen erlaubt, sich für den Abend leger in Flanellhemden, Steppwesten, Bluejeans und schlammverkrustete Gummistiefel zu kleiden. Auch Bill hatte sich für ein zwangloses Ensemble entschieden, doch mit seinem braunen Strickpullover mit dem Zopfmuster und der Tweedhose wirkte er ein wenig kultivierter als die Jungs, die sich eher für die Scheune ausstaffiert hatten.

Ich selbst beschloss, mich zu hundert Prozent festlich herauszuputzen, und zog eine schmal geschnittene schwarze Hose, eine weiße Seidenbluse und einen Blazer aus rotem Samt mit einer glitzernde Weihnachtsbaumbrosche an, die die Jungen in der letzten Kunststunde vor den Ferien für mich gebastelt hatten. Die Brosche war so schreiend bunt wie eine Neonreklame in Las Vegas, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, sie nicht zu der Party anzulegen.

Wir waren wie immer spät dran, doch nachdem wir Stanleys Futter- und Wassernapf gefüllt und ihm versichert hatten, dass wir vor Tagesanbruch zurück sein würden, waren wir fertig. Will und Rob trugen Bess’ Babysachen zu unserem kanariengelben Range Rover, und Bill trug Bess; doch ich übernahm die Verantwortung für meine Törtchen und verstaute die Behälter zärtlich zwischen der Wickeltasche und dem Beutel, der Bess’ dringend nötige Wechselkleidung sowie ihr Lieblingsstofftier enthielt. Bianca, das Einhorn, würde, dachte ich, dem unbekannten Schlafzimmer auf Anscombe Manor einen heimatlichen Touch verleihen.

Da die Sonne um vier Uhr untergegangen war, fuhren wir zum Gutshaus durch eine Finsternis, die durch dahintreibende Nebelwolken praktisch undurchdringlich war. Die Nebelscheinwerfer des Range Rover warfen einen unheimlichen Schein über die dunstverhangenen Hecken an der schmalen, kurvenreichen Straße und ließen sie aussehen, als steckten wir in einem von Spinnweben bedeckten Tunnel, in dem merkwürdige Gespenster waberten.

Wäre ich nicht an die unheimlichen Schatten gewöhnt gewesen, die durch das merkwürdig bewegte Halbdunkel huschten, hätte mich eine klaustrophobische Furcht überkommen. Doch statt wie Espenlaub zu zittern, lehnte ich mich zurück, entspannte mich und lauschte meinen Kindern, die über Thunder, Storm und das graue Pony diskutierten, das Bess reiten wollte, sobald sie alt genug war, um aufrecht im Sattel zu sitzen. Bess’ Beitrag zur Unterhaltung bestand hauptsächlich daraus, dass sie in regelmäßigen Abständen das Wort »Pfeed« wiederholte, aber ich wusste, was sie meinte.

Mit der ihr eigenen Detailversessenheit hatte Emma Harris die Abzweigung zu der verschlungenen Auffahrt nach Anscombe Manor mit Laternen markiert, die an hohen, mit Haken versehenen Stäben hingen. Auch an den Rändern der Auffahrt hatte sie Laternen angebracht, damit ihre Gäste nicht vom Kurs abkamen und in Weidezäune, Wassergräben und/oder in die Linden fuhren, die Derek und sie als Ersatz für die Azaleen gepflanzt hatten, die ursprünglich die Auffahrt gesäumt hatten. Azaleen, hatten mir meine Söhne erklärt, waren für Pferde giftig, doch Linden stellten keine Gefahr für ihre Gesundheit dar. Zur weiteren Orientierung von Emmas Gästen war jedes einzelne Fenster im Gutshaus hell erleuchtet.

Wenn das imposante Heim meines Schwiegervaters eine Symphonie georgianischer Symmetrie darstellte, dann war Anscombe Manor ein Konzert von Schrulligkeiten. An einem klaren Tag wirkte es wie ein Flickenteppich von einem Gebäude, das im Lauf mehrerer Jahrhunderte von einer Abfolge von Besitzern, die sich nicht auf einen einheitlichen Stil einigen konnten, immer wieder umgebaut worden war.

An einem nebligen Abend wie diesem ähnelte es einem Geisterschiff, das auf ein sturmumtostes Riff aufgelaufen war. Die Lichter in seinen ungleichen Türmen schienen zu flackern, wenn Nebelschwaden über sie hinwegzogen, und das Erdgeschoss war in Dunstschwaden gehüllt.

Als Emma und Derek Harris in das Haus gezogen waren, war es mehr oder weniger eine Ruine gewesen, aber sie hatten lange und schwer daran gearbeitet, es in ein behagliches Heim zu verwandeln. Anscombe Manor war unter anderem mit einer riesigen Küche mit steinerner Gewölbedecke, einem Esszimmer, das groß genug war, um einer viktorianischen Dinnerparty Platz zu bieten, einer großen Halle aus der Tudor-Zeit mit Hammerbalkengewölbe und einer gotischen Bibliothek mit einer beweglichen, schmiedeeisernen Wendeltreppe ins einundzwanzigste Jahrhundert getreten. Außerdem gab es zwölf Zimmer in äußerst unterschiedlichen Formen und Größen sowie eine Ansammlung von Nebengebäuden, darunter wunderhübsche, aus dem honigfarbenen Stein der Cotswolds errichtete Ställe aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Auch die Familie Harris hatte dem Besitz ihren Stempel aufgedrückt. Derek hatte nicht nur die Infrastruktur im Inneren modernisiert und das Dach erneuert, sondern auch im Haus Wohnungen für seinen Sohn und seine Tochter sowie deren Ehepartner ausgebaut. Als Emma ihre Reitschule gegründet hatte, hatte sie das Gelände mit zwei Reitrondellen im Freien, einer kleineren Halle und einer Mistgrube verschönert, die das Anwesen an heißen Sommertagen mit einem authentischen Mittelalterduft erfüllte.

Die an der Fassade des Gutshauses angebrachten Scheinwerfer beleuchteten mehrere Autos, die auf der kiesbestreuten Fläche am Ende der Einfahrt parkten. Als wir vorsichtig um die letzte Kurve bogen, erspähte ich die schwarze Limousine der Buntings, Mr. Barlows Kastenwagen, Bree Pyms Morris Mini und Charles Bellinghams brandneuen Geländewagen, doch der blaue Kombi der Hobsons fehlte.

»Wo stecken denn James und Felicity?«, fragte ich, während Bill neben Brees Mini anhielt.

»Vielleicht kommen sie auch zu spät«, gab er zurück. »Der Nebel könnte an ihrem Cottage noch dichter sein.«

»Er müsste schon ganz grauenhaft sein, damit sie später dran sind als wir«, meinte ich. »Wir sind immer die Letzten.«

»Noch eine ehrwürdige Tradition, die ins Gras beißt«, merkte Bill mit einem unaufrichtigen Seufzer an.

Wir luden den Rover aus, stiegen die stabile Steintreppe hinauf und gingen über die mit Steinplatten ausgelegte Terrasse zu der mit Girlanden geschmückten Haustür, wo die Zwillinge abwechselnd die Klingelschnur zogen, bis Derek Harris die Tür weit aufriss und uns mit einem fröhlichen »Ho, ho, ho!« begrüßte

Derek war groß und schlank und genauso leger gekleidet wie meine Söhne, obwohl er lederne Arbeitsstiefel statt Gummistiefel trug. Er besaß einen grau melierten Lockenschopf, das wettergegerbte Gesicht eines Menschen, der viel im Freien unterwegs ist, und erstaunliche, wunderschöne saphirblaue Augen. Als er Emma kennengelernt und geheiratet hatte, war Derek Witwer mit zwei kleinen Kindern gewesen, doch Peter und Nell bezeichneten Emma nie als ihre Stiefmutter. Sie war in ihr Leben getreten, als sie sie am dringendsten gebraucht hatten, und von da an hatten sie Emma als ihre Mutter betrachtet.

»Kommt herein, nur herein!«, sagte Derek, küsste mich auf die Wange und klopfte Bill auf die Schulter. »Hallo, Bess! Hast du heute schon neue Wörter gelernt? Ich hoffe, ihr habt Hunger, Leute. Wir haben genug zu essen, um ein Kavallerie-Regiment durchzufüttern.«

Wir folgten ihm durch den Vorraum mit der niedrigen Decke, um unsere Mäntel und Bess’ Taschen an der Garderobe aufzuhängen; dann nahm er mir die Vorratsdosen ab und musterte sie zweifelnd.

»Was? Keine Käsestangen, Lori?«

»Ich wollte dieses Jahr mehr Einsatz zeigen«, erklärte ich.

»Emma auch«, sagte Derek. »Wartet, bis ihr die Gans seht. Sie gehört auf die Titelseite einer Kochzeitschrift.« Als ich nach den Dosen griff, schüttelte er den Kopf. »Ich bringe deine geheimnisvollen Häppchen schon in die Küche. Ihr werdet im Esszimmer gebraucht. Alle anderen sind schon da und warten auf euer Eintreffen.«

»Nicht alle«, sagte ich. »Es sei denn, James und Felicity sind getrampt.«

»Die Hobsons können heute Abend leider nicht bei uns sein«, erklärte Derek. »James hat heute Morgen mit der schlechten Nachricht angerufen.«

»Sie sind doch nicht krank, oder?«, fragte ich besorgt.

»Nein, Lori, aber ihre Tochter und ihre Enkelkinder«, sagte Derek. »Sie sind nach Upper Deeping gefahren, um ihrem Schwiegersohn unter die Arme zu greifen.«

»Ich hätte nichts anderes von den beiden erwartet«, meinte ich, »doch es ist trotzdem jammerschade. Felicity hätte einen freien Abend verdient.«

»James auch«, sagte Bill, »aber Viren halten sich nicht an unser Gefühl für Fairness.«

»Hoffentlich bleibt das die einzige schlechte Nachricht, die wir den ganzen Abend zu hören bekommen«, erwiderte ich.

»Ich glaube nicht«, gab Derek zurück. »Bree zieht eine finstere Miene«, setzte er dann leiser hinzu.

»Warum?«, fragte ich, neugierig geworden.

»Keine Ahnung«, antwortete er, »aber nachdem ihr jetzt da seid, vermute ich, sie wird es uns erzählen. Ab mit euch ins Esszimmer!«

Er ging in Richtung Küche davon, und wir folgten seinem Befehl.

Das Esszimmer war in viktorianischer Zeit erweitert worden und bewahrte seine großzügigen Proportionen. Doch da Emma und Derek eher klare Linien als Schnörkel bevorzugten, hatten sie den Raum nicht in einem überladenen viktorianischen Stil eingerichtet. An den schlichten hellen Wänden hingen ein paar gerahmte Stillleben, die Obst und Blumen zeigten, und der einzige Gegenstand, der auf der Mahagoni-Anrichte lag, war ein verbeulter Reiterhelm. Doch wenn der riesige Mahagoni-Tisch für das vorweihnachtliche Festmahl gedeckt war, sah er aus wie eine Illustration aus einem Roman von Dickens.

Zwischen golden akzentuierten Platzsets, die im Licht eines schwer mit Kristall beladenen Kronleuchters glitzerten, schien sich das weiße Damasttischtuch meilenweit zu erstrecken. Ein edwardianischer Tafelaufsatz, der vor filigranen Farnwedeln und roten Nelken überquoll, nahm den Ehrenplatz als Herzstück der Tischdekoration ein und wurde von kleinen Silbervasen flankiert, in denen einfache Stechpalmenzweige steckten. Neben jedem Gedeck standen handgeschriebene Namenskärtchen in silbernen Haltern, eine zivilisierte Abhilfe gegen das Getümmel, das entstehen würde, wenn man hungrige Gäste sich selbst überließ.

Die einzigen weihnachtlichen Artikel, die auf dem Tisch fehlten, waren Knallbonbons, diese explodierenden, in buntes Papier gewickelten und mit Papierhüten, billigen Kinkerlitzchen und lahmen Witzen vollgestopften Pappröhrchen. Die Röhrchen öffnen sich, wenn man von beiden Seiten daran zieht, und dann werden die Papierhüte aufgesetzt, die Kinkerlitzchen vorgezeigt und die lahmen Witze vorgelesen. Knallbonbons waren in England bei weihnachtlichen Feiern unverzichtbar, doch Emma hatte schon vor langer Zeit beschlossen, bestimmte Traditionen auf den ersten Weihnachtstag zu beschränken.

Sechzehn antike Mahagoni-Stühle sowie ein durch und durch moderner Hochstuhl umstanden den Tisch, doch niemand saß darauf. Bree Pym und Lilian Bunting schienen in einer Ecke in ein ernstes Gespräch vertieft zu sein, während Charles Bellingham vor der Anrichte stand und Theodore Bunting, Mr. Barlow und Grant Tavistock mit einer lustigen Geschichte über einen exzentrischen Klienten unterhielt. Nicht ein einziges Mitglied des Anscombe-Manor-Clans war anwesend. Ich vermutete, dass Peter, Cassie, Nell und Kit zusammen mit Derek in der Küche waren und Emma halfen, ihren Gerichten den letzten Schliff zu geben.

Das Summen der Gespräche, das schon im Vorraum an mein Ohr gedrungen war, verstummte abrupt, als wir das Esszimmer betraten, und alle drehten den Kopf in unsere Richtung.

»Also«, sagte Bill. »Wer hat gewonnen?«

»Ich!«, jubelte Lilian Bunting und wedelte mit einem Zettel herum. »Punkt halb sechs!«

Der Umstand, dass wir üblicherweise zu spät kamen, hatte ein Spiel hervorgebracht, bei dem ein verbeulter Reiterhelm mit Zetteln gefüllt wurde, auf denen mögliche Ankunftszeiten notiert waren. Dabei zog nichts von alldem die Möglichkeit in Betracht, wir könnten tatsächlich pünktlich eintreffen. Lilians Triumphschrei zauberte ein schwaches Lächeln auf Brees Gewittermiene und löste bei den anderen gutmütiges Gelächter aus, gefolgt von stürmischen Begrüßungen und dem Grollen von Stuhlbeinen, die über den Holzboden gezogen wurden, als die ungeduldigen Gäste die ihnen zugewiesenen Plätze einnahmen.

Emma musste auf das Rumpeln gelauscht haben, denn sobald wir saßen, wurden fast sofort Essen und Getränke aufgetragen. Während Cassie uns allen Wein und Nell uns Wasser einschenkte, füllten Peter, Kit und Emma die Lücken auf dem Damasttischtuch mit einem Festmahl, das eines Königs wert gewesen wäre.

Geröstete Pastinaken, Rüben, Möhren und Rosenkohl; Kartoffelpüree mit karamellisierten Schalotten, zerdrückte und in Gänsefett geröstete Kartoffeln; geschmorte Kastanien; würziger Rotkohl; reichhaltige dunkle Bratensoße; schimmernde Cranberrysauce und die in England als Würstchen im Schlafrock bekannten, in Blätterteig und Speck gewickelten Miniwürstchen waren nur einige der Gerichte, die der Ankunft einer prachtvollen gebratenen Gans vorangingen, die mit Äpfeln und Pflaumen gefüllt war und mit rotem Johannisbeergelee und cremiger Brotsoße serviert wurde.

Als Emma schließlich Derek gegenüber Platz nahm, wurde sie mit beifälligen Rufen und einer Runde Applaus bedacht. Das Lob war wohlverdient, denn Emma war zwar Amerikanerin wie ich, hatte jedoch die Kunst der traditionellen englischen Küche gemeistert.

Hätte ich unzählige Stunden über einem heißen Ofen geschuftet, wäre ich ein rotgesichtiges, verschwitztes Häufchen Elend gewesen, doch abgesehen davon, dass ihr ergrauendes straßenköterblondes Haar sich leicht krauste, wirkte Emma frisch wie der junge Morgen. Meine bis aufs i-Tüpfelchen organisierte Freundin hatte genug Zeit eingeplant, um ihre Küchenmontur gegen einen Gobelin-Blazer, einen weinroten Rollkragenpullover und eine weit geschnittene braune Hose auszutauschen, die etwaige Völlereien verzeihen würde.

Die Aromen, die in der Luft lagen, waren so verlockend, dass mir regelrecht der Zahn tropfte, während der Pfarrer das Tischgebet sprach. Doch sobald unser im Chor gesprochenes »Amen« verhallt war, stürzte ich mich ebenso fröhlich und hemmungslos auf das Mahl wie meine Tischgefährten.

Wir wussten, wie glücklich wir uns schätzen konnten, Weihnachten auf Anscombe Manor zu feiern, und als der Plumpudding brennend zu Tisch getragen wurde und Derek einen Toast auf die Freunde ausbrachte, die nicht bei uns sein konnten, fielen wir ein.

3. Kapitel

Bess stand als Erste vom Tisch auf. Nachdem sie sich innerhalb der ersten halben Stunde nach dem triumphalen Auftritt der Gans satt gegessen hatte, beschloss meine Tochter, die Mahlzeit abzuarbeiten, indem sie energisch durch das Esszimmer tappte und nur stehen blieb, um mit einem Nachbarn zu plaudern oder mit den Holzklötzen zu spielen, die Emma zu ihrer Unterhaltung bereitgelegt hatte. Niemand beklagte sich über den Lärm, den sie veranstaltete. Da Finch unter schwerer Kinderknappheit litt, war Bess automatisch zum Baby des ganzen Dorfes geworden.

Bree Pym sprach bei Tisch wenig. Obwohl das Gespräch nach dem ersten Ansturm auf das Essen locker dahinplätscherte, sagte sie nichts, wenn sie nicht angesprochen wurde, und selbst dann fielen ihre Antworten kurz und zusammenhanglos aus, als wäre sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich mit anderen Themen zu beschäftigen als dem, das sie umzutreiben schien. Als ich Lilian Bunting einen fragenden Blick zuwarf, verdrehte sie die Augen zum Himmel und bildete mit den Lippen lautlos das Wort »später«.

Drei Stunden nach seinem verspäteten Beginn ging das Festmahl zu Ende. Peter und Kit bugsierten Emma behutsam aus dem Esszimmer, damit sie nicht weiterarbeitete, und blieben dann mit Cassie und Nell zurück, um den Tisch abzuräumen und Essenspakete für unsere Nachbarn zu schnüren, die das Haus nicht verlassen konnten. Die Reste von Emmas üppigem Mahl würden nicht umkommen.

Derek erbot sich, uns alle mit einer Schubkarre in die große Halle zu fahren, aber wir schafften es, ohne seine Hilfe durch das Vestibül zu watscheln. Bill hielt Bess fest an der Hand, als wir eintraten, und ich behielt die Jungen im Auge, deren hingerissene Mienen Weihnachtsfreude ausdrückten wie nichts anderes.

Die große Halle bot einen prachtvollen Anblick. Am hinteren Ende des riesigen, lang gestreckten Raumes stand ein hoher Christbaum, der mit glitzerndem Schmuck behängt war und von einem schimmernden goldenen Stern gekrönt wurde. In dem aus Portland-Stein gemauerten Kamin brannte fröhlich ein Berg Scheite, und zwei Weihnachtssterne in Blumentöpfen flankierten die Weihnachtskarten, die dicht an dicht auf dem Kaminsims standen. Girlanden aus immergrünen Zweigen, die von winzigen Lichtern durchzogen waren, blinkten sanft von den Deckenbalken. Kränze hingen an den mit Eichenpaneelen verkleideten Wänden, und Silberschalen voller Walnüsse und blank polierter Äpfel schmückten die Tische, die hier und da zwischen den abgeschabten, aber gemütlichen Sesseln standen, die auf den verstreut liegenden Perserteppichen zu behaglichen Gruppen zusammengestellt waren.

Um das heimelige Bild zu vervollständigen, schlummerte der ältliche schwarze Labrador der Familie am Feuer in seinem karierten Hundekorb. Hamlet hob den Kopf, als wir die Halle betraten, und schlug mit dem Schwanz freundlich auf den Boden. Aber wir ersparten ihm die Tortur, mit seinen knarrenden Knochen durch den Raum zu wandern und uns einzeln zu begrüßen, indem wir uns an seinem Körbchen versammelten, um ihm ein freundliches Wort zu schenken und ihn zu streicheln.

Emma hatte den nebligen Abend ausgesperrt und die Vorhänge vor der Reihe hoher Bogenfenster zugezogen, durch die man auf die geschwungene Auffahrt und die durchweichten Weiden vor dem Gutshaus hinaussah. Auf einem aufgebockten Tisch vor den Fenstern standen ein beheizter Topf mit Glühwein, eine isolierte Karaffe mit nach Zimt duftendem Apfelwein und eine Bleikristallschale, die bis zum Rand mit dem kräftigen Punsch gefüllt war, den Derek jedes Jahr braute. Wer fahren musste, verzichtete ganz auf Dereks Punch, und der Rest von uns brachte ihm gebührenden Respekt entgegen.

Auf dem aufgebockten Tisch befanden sich auch die Knabbereien, die meine Nachbarn und ich als Naschereien nach dem Essen zubereitet hatten. Die süßen Häppchen waren auf der einen Seite der Drinks angeordnet und die herzhaften auf der anderen. In der herzhaften Abteilung erspähte ich Mini-Quiches, weitere Würstchen in Blätterteig und Fleischpasteten, mit Oliven gefülltes und in mundgerechte Stücke geschnittenes Fladenbrot und einen riesigen, mit gehackter Petersilie und mit gehackten roten Paprikaschoten verzierten Käseball. Meine Torteletts schienen mir von einer Silberplatte neben dem Käseball aus zuzuwinken, doch sobald ich mich davon überzeugt hatte, dass sie die Reise überlebt hatten, ohne auseinanderzufallen, ignorierte ich sie.

Unter den süßen Naschereien fanden sich feine Mince Pies, elegante Petits Fours, eine Fülle fröhlich dekorierter Plätzchen und eine Platte, auf der Leckereien gestapelt waren, die ich nicht identifizieren konnte. Sie sahen aus wie kleine Kugeln aus hellbraunem Teig, aber ich hatte keine Ahnung, worum es sich dabei handelte, und war zu satt, um einen Geschmackstest durchzuführen.

Will und Rob blieben gerade lange genug, um sich die Taschen mit Würstchen im Schlafrock vollzustopfen, und verschwanden dann in die Stallungen, doch niemand sonst bekundete das leiseste Interesse, das Büfett zu plündern. Lilian Bunting und Grant Tavistock waren in ein angeregtes Gespräch über illuminierte Manuskripte vertieft. Bill, Derek und der Pfarrer diskutierten über die Auswirkungen des Wetters auf Dereks Betrieb, und Mr. Barlow und Charles Bellingham tauschten ihre Ansichten über eine Zwergeuphorbia aus, die Charles im Frühjahr in seinen Garten pflanzen wollte. Bree Pym dagegen stand allein neben Hamlets Hundekorb und schaute nachdenklich ins Feuer.

Der kleine, stämmige Mr. Barlow trug ein weißes Hemd und eine rot-grün gestreifte Krawatte sowie seinen zweitbesten Anzug – den besten behielt er der Kirche vor. Er genoss seine Unterhaltung mit Charles sichtlich, doch trotzdem schweifte sein Blick immer wieder zu Bree.

Das erstaunte mich nicht. Mr. Barlow hatte Bree unter seine Fittiche genommen, als sie nach Finch gekommen war, und sie hatte ihn ins Herz geschlossen. Wenn er Hilfe dabei brauchte, eine Tür einzuhängen, einen Auspuff zu schweißen oder die Büsche auf dem Kirchhof zu beschneiden, wandte er sich zuerst an Bree. Er behandelte sie wie den Sohn, den er nie gehabt hatte, und sie verhielt sich ihm gegenüber, als wäre er der Vater, den sie sich gewünscht hätte. Er war viel zu zurückhaltend, um sich ihr aufzudrängen, doch ich sah, dass er sich ebenfalls Sorgen um sie machte.

Bess war hingerissen von dem Weihnachtsbaum. Er schien ihr auch Respekt einzuflößen, was gut war, da es ihren Wunsch bremste, mit dem hübschen Baumschmuck zu spielen. Sie ließ sich von einem freundlichen Paar Arme zum nächsten weiterreichen, konnte dabei jedoch den Blick nicht vom Baum losreißen. Sobald ihr die Augen zuzufallen begannen, signalisierte Bill mir, er werde gleich zurück sein, und trug dann unser schläfriges Mädchen in das Zimmer, das Emma für sie hergerichtet hatte.

Kurz nachdem er gegangen war, tauchte meine Freundin neben mir auf, um den Glühwein umzurühren. Während sie damit beschäftigt war, zeigte ich auf das fremdartige Dessert und erkundigte mich, wer es zubereitet hatte.

»Ich«, antwortete Emma. »Das ist eine indische Süßigkeit namens Besan Laddoo, das sind süße Kichererbsenbällchen.«

»Seit wann stellst du indische Süßigkeiten her?«, fragte ich und war mehr denn je beeindruckt von dem anscheinend grenzenlosen Fundus an Talenten, die meine Freundin besaß.

»Seit gestern Abend«, gab sie zurück. »Das Rezept steckte in einem alten, handgeschriebenen Kochbuch, das ich in der Küche gefunden habe, als wir damals ins Gutshaus gezogen sind. Ich wollte dieses Jahr mal etwas Neues machen, also habe ich ein wenig recherchiert und festgestellt, dass Besan Laddoo zu indischen Festen gereicht wird.«

»Zum Beispiel Weihnachten?«, hakte ich zweifelnd nach.

»Warum nicht?«, erwiderte Emma. »Los, probier ruhig eins. Sie sehen vielleicht ein wenig trist aus, aber sie sind köstlich.«