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Ich habe mein ganzes Leben in der Kleinstadt Sutten Mountain verbracht, wo jeder jeden kennt und man Ärger schon aus einer Meile Entfernung erkennen kann. Camden bedeutet Ärger. Er ist ein arroganter, selbstverliebter Milliardär aus der Stadt mit zu viel Geld und zu wenig Manieren. Und er hat gerade eine schicke Kunstgalerie direkt neben meiner Bäckerei eröffnet. Als er mich also verzweifelt um einen Gefallen bittet, kann ich nicht anders, als ihm einen Deal vorzuschlagen: Ich übernehme das Catering für seine große Eröffnung und im Gegenzug muss er einen Tag mit mir als Einheimischer verbringen - um die Schönheit und das Talent dieser Stadt zu erleben. Ich hatte erwartet, dass er eine andere Seite von Sutten sehen würde. Was ich nicht erwartet hatte, war, eine andere Seite von ihm zu sehen. Anstatt mir zu wünschen, dass er geht, hoffe ich jetzt, dass er bleibt. Je mehr ich sehe, wie er sich in die Stadt verliebt, desto mehr frage ich mich, ob er sich jemals in mich verlieben könnte. Dabei gibt es nur ein Problem. Camden Hunter gehört nicht in meine Welt und ich gehöre nicht in seine. Er ist eine Flamme und ich bin Benzin, und je mehr wir mit dem Feuer spielen, desto mehr stelle ich mir die Frage, wie lange wir unser Schicksal noch herausfordern können.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Kat Singleton
Tempt OUR FATE
Tempt OUR FATE
© 2025 VAJONA Verlag
Übersetzung: Lara Gathmann
Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Tempt Our Fate«.
Vermittelt durch die Agentur:
WEAVER LITERARY AGENCY, 8291 W. COUNTY ROAD 00 NS., KOKOMO, IN 46901, USA
Korrektorat: Aileen Dawe-Hennigs und Patricia Buchwald
Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag unter Verwendung von
Motiven von Canva und 123rf
Satz: VAJONA Verlag, Oelsnitz
VAJONA Verlag
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
An meine Babes, die es lieben, ein gutes Mädchen genannt zu werden, sich aber danach sehnen, eine dreckige Schlampe genannt zu werden. Ihr seid in guten Händen mit Camden Hunter.
Playlist
Daylight – Taylor Swift
Blue – Zach Bryan
I’m Yours (sped up) – Isabel LaRosa
Don’t Blame Me – Taylor Swift
Fall Into Me – Forest Blakk
Hate To Be Lame – Lizzy McAlpine and FINNEAS
Glitch – Taylor Swift
Moodswings – 5 Seconds of Summer
My Bed – Leah Kate
Chance With You – Mehro
Burning Bridges – Bea Miller
I F*cking Love You – Zolita
Much Better – Jonas Brothers
Love Me Harder – Ariana Grande and The Weeknd
Perfectly Wrong – Shawn Mendes
Going Home – The Aces
Be More – Stephen Sanches
Anmerkung der Autorin
Tempt Our Fate ist eine Smalltown-Billionaire-Enemies-to-Lovers-Romance. Sie ist voller Neckereien, süßer Momente und Szenen, die dich zum Erröten bringen werden. Ich hoffe, dass du Camden und Pippa genauso sehr liebst wie ich. Dies ist das zweite Buch einer Reihe von zusammenhängenden Einzelbänden, die in Sutten Mountain spielen.
Tempt Our Fate enthält Inhalte für Erwachsene, die möglicherweise nicht für alle Zielgruppen geeignet sind. Unter authorkatsingleton.com/content-warnings findest du eine Liste mit Warnhinweisen zum Inhalt des Buches.
Pippa
Das Nervigste an Männern ist, dass sie immer davon ausgehen, dass man sich tatsächlich dafür interessiert, was sie reden. Ich stehe an der Kasse und nicke dem Kunden auf der anderen Seite des Tresens zu, in der Hoffnung, dass er schneller bestellt, wenn ich so tue, als würde ich mich dafür interessieren, was er sagt.
Sein Anzug sieht teuer aus, auch wenn er ein wenig zu groß ist. Seiner Arroganz und seinem Auftreten nach zu urteilen, sowie der Tatsache, dass dies eine Kleinstadt ist und ich sein Gesicht nicht kenne, vermute ich, dass er nicht von hier ist.
»Es ist nur so, dass Sie sich überlegen sollten, Ihre Kaffeebohnen von woanders zu beziehen«, fährt er fort und treibt mich damit über meine Toleranzgrenze hinaus.
Ich schenke ihm ein widerlich süßes Lächeln. »Ich kann mich nicht erinnern, Sie um Rat gebeten zu haben. Können Sie mir noch einmal sagen, was Sie bestellt haben?«
Sein Mund bleibt vor Schreck offen stehen. »Ich kenne da dieses tolle Café in New York, das –«
Ich klatsche in die Hände. »Toll, dann können Sie sich Ihren Kaffee ja da holen!« Ich schaue an ihm vorbei und deute auf die nächste Person in der Schlange. »Der Nächste, bitte«, sage ich und versuche, den Kerl, der vor mir steht, loszuwerden.
Der Mann im Anzug zieht die buschigen Brauen zusammen. »Entschuldigen Sie«, sagt er und dreht sich zu dem Kunden hinter ihm um. »Ich bin noch nicht fertig mit meiner Bestellung.«
Ich verdrehe die Augen. Wir haben viel zu tun und mir fehlt heute ein Mitarbeiter wegen eines Magen-Darm-Infekts. Das Letzte, was ich brauche, ist ein Tourist, der mich darüber belehrt, woher ich meine Bohnen beziehe. Ich bin stolz auf die Beziehung, die ich zu meinem Lieferanten aufgebaut habe, und nicht im Geringsten daran interessiert, einen neuen Lieferanten zu finden.
Mein Café und meine Bäckerei sind mein ganzer Stolz. Die Betonung liegt auf mein. Wake and Bake ist mein Baby. Ich habe mein Herz und meine Seele in dieses Geschäft gesteckt und keine Lust, mir von einem Fremden sagen zu lassen, wie ich es zu führen habe.
Meine Nasenflügel blähen sich auf, als ich tief einatme. Es macht mir keinen Spaß, unhöflich zu Kunden zu sein, aber ich bin müde und hinter ihm steht eine Schlange von Leuten, um die ich mich kümmern muss. Sobald ich die Gelegenheit habe, mich von der Kasse zu entfernen, muss ich außerdem eine neue Ladung Muffins in den Ofen schieben und alle Backwaren für morgen vorbereiten.
Es gibt tausend Dinge auf meiner To-do-Liste und keines davon beinhaltet die Suche nach neuen Kaffeebohnen.
»Was kann ich Ihnen bringen?«, frage ich mit niedergeschlagener Stimme.
Er schürzt die Lippen. Ich warte darauf, dass er wieder mit dem Thema anfängt, aber er tut es nicht. »Ich nehme ein Wasser, bitte.«
Ich unterdrücke den Drang, ihn darauf hinzuweisen, dass wir im Café an mehreren Orten kostenloses Wasser bereitgestellt haben. Im Moment würde ich jedoch alles tun, um ihn aus der Schlange herauszuholen, damit ich die nächste Person bedienen kann. »Ein Wasser. Name, bitte?«
»Peter.«
Ich nicke und schreibe seinen Namen auf den rosa Becher. »Peter«, wiederhole ich. Er sieht aus wie ein Peter.
Ich stelle seinen Becher in die Reihe der Getränke, die zubereitet werden müssen. Eine meiner Angestellten, Lexi, ist heute ebenfalls da, aber sie macht gerade Mittagspause, also muss ich die Bestellungen aufnehmen und auch die Getränke zubereiten.
Die Zeit vergeht wie im Flug, während wir den nachmittäglichen Kundenansturm bewältigen. Zum Glück weiß Lexi, was sie tut, und nach ihrer Rückkehr konnten wir alle Bestellungen einigermaßen zügig bewältigen. Wake and Bake hat sich in den letzten Monaten gut entwickelt, und ich denke darüber nach, ein oder zwei neue Mitarbeiter einzustellen. Vor allem, bevor die Skisaison wieder beginnt und Tausende von Touristen für ihren Winterurlaub nach Sutten Mountain kommen.
Ich bin froh, dass in letzter Zeit so viel los war. Es hilft, den Schmerz über den unerwarteten Tod meiner Mutter vor ein paar Monaten zu lindern. Ihr Verlust war der schlimmste Schmerz, den ich je erlebt habe, und den habe ich auf die einzige Weise verarbeitet, die ich kannte – indem ich mich in die Arbeit gestürzt habe.
Ich wische mir die Hände an meiner rosafarbenen Schürze ab, die die gleiche leuchtende Farbe hat wie die gegenüberliegende Wand. »Das war krass.« Ich seufze und lehne mich gegen den Tresen, um mich kurz auszuruhen.
Lexi nickt und streicht sich ein paar rote Haare aus dem Gesicht. »Ich glaube, ich hatte einen Blackout. Es war viel mehr los als sonst.«
»Ich frage mich, warum«, überlege ich und nehme einen Schluck von meinem eigenen Eiskaffee. Das Eis ist bereits geschmolzen, wodurch er nicht mehr so stark schmeckt, aber an diesem Punkt brauche ich eine Kaffee-Infusion, um mich auf den Beinen zu halten. Also schlürfe ich ihn trotzdem.
»Jemand hat mir erzählt, dass eine Gruppe von Leuten in der Stadt ist, die sich Richardsons’ Gallery nebenan ansehen.«
Mein Herz sinkt. »Ansehen?«
Lexi zuckt mit den Schultern. »Seit Barb gestorben ist, stehen die Räume leer. Da niemand da ist, der sie betreibt, und anscheinend auch niemand vor Ort, der sie mietet, wurde sie versteigert, glaube ich. Zumindest hat mein Vater das gesagt.«
Ich starre sie einige Augenblicke lang an und frage mich, ob Peter von vorhin auch zu dieser Gruppe gehört. Warum sollten sich Leute aus New York die Räume ansehen? Ich frage schon seit Monaten, ob ich den Laden mieten kann, um Wake and Bake zu erweitern, und mir wurde immer geantwortet, dass er nicht zu vermieten oder zu verkaufen sei.
Genervt brumme ich vor mich hin. Normalerweise wickelt die Livingston-Immobiliengruppe alle Verkäufe in Sutten ab, aber aus irgendeinem Grund gehört unser ganzer Block einem anderen Unternehmen mit dem Sitz außerhalb der Stadt. Vielleicht war diese Fläche die ganze Zeit über verfügbar, nur ich kam einfach nicht für sie infrage.
Ich greife unter den Tresen und ziehe eine der Gebäckschachteln zum Mitnehmen heraus. Ich öffne sie und lege das klassische rosafarbene Deckchen hinein, das wir unter jede Bestellung legen.
»Haben wir noch Bestellungen zum Liefern?«, fragt Lexi verwirrt. In ihren Augen ist Panik zu erkennen. Wahrscheinlich, weil es sich gerade erst beruhigt hat und wir beide endlich die Gelegenheit haben, durchzuatmen.
»Nein, haben wir nicht«, antworte ich und mache mit meiner Arbeit weiter. »Aber wenn nebenan Leute sind, habe ich das Gefühl, sie auf die einzige Art begrüßen zu müssen, die ich kenne – mit Leckereien.«
Lexi grinst und schüttelt den Kopf. »Du bringst also Gebäck rüber, aber in Wirklichkeit gehst du hin, um zu schnüffeln?«
Ich klappere mit der Zange zwischen uns. »Das ist genau das, was ich vorhabe.« Unser beliebtestes Croissant ist bereits seit heute Morgen ausverkauft, aber ich suche mir ein paar andere Kundenlieblinge aus, die wir noch dahaben, um sie rüberzubringen.
Nachdem ich zwölf verschiedene Optionen hineingelegt habe, in der Hoffnung, dass das genug für die Leute nebenan ist, verschließe ich die Schachtel und füge sogar einen süßen Wake and Bake-Aufkleber hinzu, um sie zu versiegeln.
»Wir müssen unsere potenziellen neuen Nachbarn begrüßen, Lexi. Das ist eine nette Geste.« Ich zwinkere ihr zu und stelle die Schachtel auf den Tresen, damit ich meine Haarklammer zurechtrücken kann.
Wahrscheinlich sehe ich nach dem langen Tag, den ich hinter mir habe, komplett durcheinander aus, aber ich mache mir nicht allzu viele Gedanken über mein Aussehen. Ich versuche nicht, diese touristischen Geschäftsleute zu beeindrucken – ich versuche nur herauszufinden, warum der Laden nebenan plötzlich zum Verkauf steht, obwohl man mir mehrfach etwas anderes gesagt hat.
Ich wickle die langen Strähnen meines dunklen Haars zu einem Knoten, öffne meine Haarklammer und befestige sie anschließend in meinem Haar. Es ist zu unordentlich, um es offen zu tragen, aber ich ziehe vorn ein paar Strähnen heraus, um die Hochsteckfrisur ein wenig mehr zu stylen.
»Wie kannst du nach so einem Nachmittag immer noch so gut aussehen?«, kommentiert Lexi und blickt auf ihre kaffeebefleckte Schürze hinunter. In dem Chaos sind wir einmal versehentlich zusammengestoßen und haben uns beide mit Espresso bespritzt. Zu meinem Glück hat ihre Schürze den größten Teil des Schadens abbekommen.
Ich verdrehe die Augen. Das Einzige, was ich heute Morgen gemacht habe, war Mascara aufzutragen und ein bisschen Rouge. Ich hatte keine Zeit für etwas anderes, bevor ich zum Laden rennen und ihn aufschließen musste. Deswegen würde ich mich nicht gerade als herausgeputzt bezeichnen, aber das reicht mir schon. Ich will niemanden mit meinem Aussehen beeindrucken, aber ich hätte nichts dagegen, wenn sie meine Leckereien mögen würden. Wenn ich einen der Eigentümer beeindrucken kann, bevor der Verkauf abgeschlossen ist, überlegt er es sich vielleicht noch einmal und verkauft die Fläche stattdessen an mich.
Ich will gerade zur Tür hinausgehen, als Lexi nach vorn stürmt und an der Schnur meiner Schürze zieht. »Warte!«, ruft sie und zerrt an der Schleife an meinem Hals. »Vielleicht ziehst du das erst mal aus?«
Ich lache und betrachte die Menge an Mehl und Zuckerguss, die den Stoff bedeckt. »Ja, gute Idee.«
Die Schürze macht ein leises Geräusch, als ich sie auf den Tresen hinter uns werfe. »Dieses T-Shirt ist auch nicht gerade die professionellste Kleidung«, stelle ich fest und wünsche mir irgendwie, ich hätte heute Morgen etwas anderes angezogen.
Lexi schüttelt den Kopf. »Das passt schon. Das ist besser als die Schürze. Außerdem finde ich das Wake-and-Bake-Merchandise süß. Du musst es mit Selbstbewusstsein tragen, Pippa.«
Ich straffe die Schultern und zwinkere ihr zu. »Du hast völlig recht. Also los, Zeit, dass ich mir ein paar Freunde mache.«
Kapitel 1
Pippa
Vor der Galerie reihen sich mehrere Geländewagen aneinander. Ein Mann im Anzug steht vor der Eingangstür. Er hält sich ein Telefon ans Ohr und bemerkt nicht einmal, dass ich auf ihn zugehe.
»Ich verstehe einfach nicht, was Sie damit bezwecken wollen. Wer würde hierherkommen wollen, um sich Kunst anzusehen?« Er seufzt als Reaktion auf das, was am anderen Ende der Leitung gesagt wird, und runzelt die ohnehin schon faltige Stirn. »Nein, ich stelle Sie nicht infrage, Sir. Es ist nur so, dass –«
Die Person am anderen Ende der Leitung muss verärgert sein, denn er nimmt den Hörer leicht vom Ohr.
Meine Cowboystiefel knirschen auf dem Pflaster, als ich zum Stehen komme. Das Geräusch erregt die Aufmerksamkeit des Mannes. Seine Augen wandern an meinem Körper auf und ab. Er grunzt, eindeutig unzufrieden. »Bis später«, sagt er, bevor er auf den Bildschirm tippt. Sein Blick gleitet zu der Schachtel in meiner Hand.
»Sehen Sie sich die Räumlichkeiten an?«, frage ich und nicke in Richtung des Gebäudes.
Er folgt meinem Blick und kratzt sich unbeholfen am Kinn. »Brauchen Sie irgendetwas?«
Ich lächle, als er sich wieder auf mich konzentriert. Ja, Sir. Sie könnten mir helfen, indem Sie mir sagen, warum zum Teufel die Eigentümer an Sie, aber nicht an mich verkaufen wollen.
Ich halte die Schachtel mit dem Gebäck hoch und schüttle sie leicht. »Mir gehört das Café gleich nebenan und ich wollte mich kurz vorstellen. Ich war mir nicht sicher, ob Sie sich das Gebäude nur angucken oder ob es Ihnen bereits gehört. Aber ich wollte Sie so oder so herzlich willkommen heißen …«
Mein Plan, so an mehr Informationen zu gelangen, scheitert. Er schenkt mir dennoch ein leichtes Lächeln, deutet mit seinem Daumen über seine Schulter und macht einen Schritt auf die alte Richardsons’ Gallery zu. Ihr Firmenschild und das Vordach hängen noch am Gebäude, aber ich frage mich, wie lange das noch so bleiben wird. Dem Verhalten des Mannes nach zu urteilen, nicht mehr ganz so lange. Meine Hoffnungen, diesen Laden mieten zu können, schwinden.
Er scheint schon verkauft zu sein, aber ich folge ihm trotzdem hinein, um mich umzusehen. Als ich das Innere des Gebäudes sehe, bleibe ich stehen. Ich war früher oft der Richardsons’ Gallery. Al war einer der nettesten Menschen, die ich je getroffen habe, und er war so stolz auf die Galerie, die er und seine Frau geschaffen hatten. Sie war ihr ganzer Stolz und ihre Freude. Sie haben so hart daran gearbeitet, das Talent der lokalen Künstler hervorzuheben. Mein Herz wird schwer, als ich mich in den Räumen umsehe. Früher hatte es hier so viele verschiedene Kunstwerke gegeben. Es gab Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Keramik. So viel … Leben.
Jetzt fühlt er sich leblos an. Die weißen Wände stehen im Kontrast zu den drei Männern in dunklen Anzügen, die im Halbkreis zusammenstehen und sich unterhalten. Einer von ihnen schaut mitten im Gespräch zu mir herüber.
»Wie kann ich dir helfen, Liebes?«
Ich versuche, nicht laut zu schnauben. Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und niemandes Liebes. Trotzdem lächle ich, denn jetzt bin ich noch neugieriger, wer den Laden gekauft hat. Ich möchte wissen, was sie damit vorhaben – und vielleicht möchte ein Teil von mir auch immer noch wissen, ob sie es an jemand anderen weiterverkaufen würden … an mich.
»Ihr gehört das Restaurant nebenan«, sagt der Mann von draußen, »und sie hat uns zur Begrüßung Essen mitgebracht.«
»Eigentlich ist es eine Bäckerei und ein Café«, korrigiere ich. »Und ich habe Gebäck mitgebracht.«
Ihre Augen leuchten und die drei Männer kommen auf mich zu. Ich öffne die rosafarbene Schachtel für sie und freue mich, wie sehr sie von den Leckereien darin abgelenkt sind. Der Mann von draußen gesellt sich zu ihnen und alle nehmen sich etwas zu essen. Ein Grinsen umspielt meine Lippen, als sie ihre ersten Bissen nehmen, und ich genieße ihre zufriedenen Seufzer.
»Ich war erfreut, als ich gehört habe, dass wir vielleicht neue Nachbarn haben.« Das stimmt nicht im Geringsten, aber das brauchen sie nicht zu wissen. »Ich wusste nicht, dass diese Immobilie zum Verkauf steht.«
Einer von ihnen nickt und setzt zum Sprechen an, obwohl er den Mund noch voller Essen hat. »Doch, stand er. Der Deal ist letzte Woche über die Bühne gegangen.«
Mist. Diese Arschlöcher aus dem Ausland haben die Räume wirklich an jemand anderen verkauft, trotz meiner Anfragen.
»Interessant«, quieke ich und setze ein falsches Lächeln auf, als einer von ihnen die Augen verengt. »Schön, dass Sie hier sind«, füge ich zur Begrüßung hinzu.
»Wir sind nur hier, um die große Eröffnung zu überwachen«, erklärt er.
Bevor ich etwas sagen kann, schaltet sich der Mann von draußen in das Gespräch ein. »Ja, ich bin hier, um Mr. Hunter zu sagen, dass das auf keinen Fall funktionieren wird. Die Leute hier haben keinen guten Geschmack.« Seine Augen treten hervor, als täte ihm die Beleidigung, die er gerade ausgesprochen hat, halbwegs leid. »Nichts für ungut«, fügt er hinzu.
»Schon gut«, erwidere ich schnippisch und schließe schnell die Schachtel. »Weil Ihre Meinung falsch ist.«
Die Luft sirrt vor Spannung – und nicht auf die gute Art. Der Arsch von draußen räuspert sich unbehaglich. »Das ist es nicht. Ich meinte nur –«
»Oh, ich weiß, was Sie gemeint haben.« Ich beginne, rückwärtszugehen. Es hat keinen Sinn, dass ich hierbleibe und diesen Typen aus der Großstadt zuhöre, die keine Ahnung von diesem Ort und den Menschen haben. »Es ist nur so, dass Sie sich sehr, sehr irren, aber das ist okay. Wir können ja nicht immer recht haben, oder?«
Sein Mund klappt auf. Er sieht aus wie die Fische in den großen Becken des Aquariums, das ich als Kind einmal besucht habe. Sein Mund öffnet und schließt sich, als ob er Blasen im Wasser machen würde.
»Vielleicht ist diese Stadt nichts für Sie«, sage ich und gehe zurück zur Tür – das restliche Gebäck nehme ich wieder mit, denn sie haben nicht einmal den kleinsten Bissen meiner Kreationen verdient. »Vielleicht ist diese Stadt weder für Sie noch für diesen Mr. Hunter etwas, wer auch immer das ist. Vielleicht könnten Sie diese Information weitergeben an –«
Plötzlich stoße ich mit etwas zusammen – oder vielmehr mit jemandem.
Mir entfährt ein kleiner Aufschrei und ich versuche, die Schachtel in meinen Händen zu balancieren, damit ich das restliche Gebäck nicht auf dem Boden verteile.
Ich drehe mich um und lasse die Schachtel erneut fast fallen, als ich sehe, wer vor mir steht. Er ist so groß, dass er sich fast ducken muss, um durch den niedrigen Türrahmen zu passen. Er grinst, aber es erreicht seine Augen nicht. »Ich habe es wirklich satt, dass wir uns auf diese Weise treffen«, sagt er mit tiefer, aber sanfter Stimme. Ich hasse den Schauer, der mir bei seiner kalten, aber rauen Stimme durch den Körper fährt. Jetzt bin ich diejenige, die wie ein Fisch aussehen muss, sprachlos, dass das Schicksal mich so sehr hasst, dass es diesen Typen wieder in mein Leben bringt.
Und es wird nur noch schlimmer, als er den Mund aufmacht und sagt: »Mir welche Informationen weitergeben, Shortcake?«
Kapitel 2
Camden
Es ist schon lange her, dass mich eine Frau so angefunkelt hat, wie diese Einheimische mich jetzt anstarrt. Wenn Blicke tatsächlich töten könnten, läge ich jetzt tot auf dem Boden.
»Ich weiß, dass es nicht mein Charme ist, der dich sprachlos gemacht hat«, sage ich und frage mich, welche Planeten in einer Reihe gestanden haben müssen, um sie tragischerweise wieder in mein Leben zu bringen. Wenigstens hat sie mich diesmal mit nichts beschüttet wie bei unseren letzten beiden Begegnungen. Das erste Mal haben wir uns auf dem Junggesellenabschied meines besten Freundes Beck getroffen, als sie in einer gottverlassenen Kneipe Bier über mich geschüttet hat. Das zweite Mal war auf Becks Hochzeit, als ich mit Tortenguss überzogen wurde. Auf eine dritte Begegnung hätte ich verzichten können – für den Rest meines Lebens.
»Du bist Mr. Hunter?«, quiekt sie. Jetzt, da sie sich wieder gefangen hat, weicht sie von mir und bringt ein gutes Stück Abstand zwischen uns. »Bitte, sag mir nicht, dass du dieses Haus gekauft hast«, fleht sie.
»Sag mir bitte, dass der Kauf dieser Galerie nicht bedeutet, dass ich dich ertragen muss«, erwidere ich.
Sie verdreht die Augen. In jedem anderen Fall würde es mich stören, wenn jemand die Nerven hätte, so herablassend vor mir zu sein, aber nicht bei ihr.
»Warum habe ich so ein beschissenes Karma?«, murmelt sie und schaut kurz über ihre Schulter zu meinen Geschäftspartnern.
»Das habe ich mich auch gerade gefragt.« Ich stoße einen gelangweilten Seufzer aus, gehe um sie herum und tiefer in den Galerieraum hinein. Im Moment sieht es noch nicht nach viel aus, aber morgen werden zwei meiner Designer aus Manhattan einfliegen, um den Raum für unsere große Eröffnung am nächsten Wochenende bereitzumachen. Alle Leute, mit denen ich gesprochen habe, vor allem meine Eltern, haben mir gesagt, dass ich meine Zeit nicht damit verschwenden sollte, in dieser Stadt etwas zu eröffnen. Das hat mich nur noch mehr angespornt, das Projekt zu verwirklichen.
Das Letzte, womit ich gerechnet hatte, war, dass ich mich mit dieser Frau, die mich immer noch anfunkelt, auseinandersetzen müsste.
»Kannst du endlich diese Information rausrücken, die du weitergeben wolltest, damit ich meine Eröffnung weiter planen kann?«
Sie denkt einen Moment über ihre Worte nach, was mich überrascht, denn eigentlich wirkt sie wie jemand auf mich, die genau das sagt, was sie denkt, sobald es ihr in den Sinn kommt. »Einer deiner reizenden Freunde hat gerade gesagt, dass die Leute in Sutten keinen Geschmack haben. Als jemand, der hier aufgewachsen ist und die Richardsons und die von ihnen vertretene Kunst sehr gut kennt, bin ich da anderer Meinung.«
»Wenn ich denken würde, dass die Leute in Sutten keinen Geschmack hätten, würde ich kein Geld in die Eröffnung einer Galerie an diesem Ort stecken.« Das ist eine Halbwahrheit. Als ich zum ersten Mal wegen Becks Hochzeit nach Sutten kam, hasste ich die Stadt, aber ich konnte den regen Tourismus nicht leugnen. Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass Leute mit Geld lieber in einer Stadt wie dieser Urlaub machen. Hier ist es ruhiger als in anderen Skigebieten in Colorado und die Immobilien sind eine Goldgrube, was das Preis-Leistungs-Verhältnis angeht. Ich habe also eine neue Nische erkannt, die ich mit dem Kauf einer Galerie hier erschließen konnte. Im Gegensatz zu meiner Galerie in New York, die sich stark auf Ausstellungen von Werken eines einzelnen Künstlers konzentriert, möchte ich in dieser Galerie die besten Werke der talentiertesten Künstler, die ich kenne, ausstellen.
Die Leute geben im Urlaub Geld aus. Sie werden hierherkommen und sentimental werden, wenn sie Kunst kaufen, weil jeder im Urlaub eine gute Zeit hat.
Ich blicke zu Daly, den ich schon fast mein ganzes Leben lang kenne. Er ist ein Kollege meiner Eltern und als ich beschloss, meine eigene Galerie eröffnen zu wollen, wusste ich, dass ich seine Hilfe brauchte. Trotz seiner glanzlosen Persönlichkeit hat er ein gutes Auge, aber es gefällt mir nicht, dass er diese Stadt bei einer Einheimischen schlecht macht – auch wenn sie der Fluch meiner Existenz ist.
»Entschuldigen Sie sich«, befehle ich, wobei mein Ton keinen Raum für Diskussionen lässt. Zumindest dachte ich das, aber anscheinend hat Daly beschlossen, sich heute ein paar Eier wachsen zu lassen. Er wagt es tatsächlich, den Mund aufzumachen und zu widersprechen.
»Ich habe nur gemeint, –«
»Sie haben sich sehr klar ausgedrückt. Es gibt nicht viel falsch zu interpretieren, wenn man sagt, dass eine ganze Stadt keinen Geschmack hat. Schon mal was von einer Verallgemeinerung gehört?«, feuert sie ihm entgegen.
Verdammt, sie hat echt eine große Klappe.
Ich huste und versuche damit, mein Lachen über ihre Unverfrorenheit zu verbergen. Es ist irgendwie lustig, wenn es nicht an mich gerichtet ist. Dadurch wird meine Abneigung ihr gegenüber zwar nicht weniger, aber es ist zumindest einigermaßen unterhaltsam.
»Bei der Hälfte der Dinge, die aus seinem Mund kommen, höre ich sowieso nicht zu. Er versteht etwas von Kunst. Über alles andere lässt sich streiten«, sage ich zu ihr.
Sie verengt ihre Augen und hält sie auf mich gerichtet. Was auch immer ihr durch den Kopf geht, ihre Gesichtszüge werden nicht weicher. Die kleinste Falte erscheint auf ihrer Stirn, genau zwischen ihren dunklen Brauen.
Ich lasse meinen Blick an ihrem Körper hinunterwandern und konzentriere ihn auf die Schachtel in ihren Händen. Zu meinem Glück ist der Inhalt der Schachtel dieses Mal nicht auf meinem sehr teuren Anzug verteilt. »Was ist in der Schachtel, Shortcake?«
Sie schnaubt und verdreht wieder einmal die Augen. Mist. Warum will ich noch einen anderen Weg finden, sie dazu zu bringen, meinetwegen die Augen zu verdrehen? »Igitt, Shortcake? Ich heiße Pippa, nicht Shortcake, aber du musst mich nicht mal so nennen. Es ist das Beste, wenn wir einfach gar nicht miteinander reden. Was sagst du dazu, Mr. Hunter?«
Das Lächeln auf meinen Lippen ist nicht gezwungen. »Dein Name ist mir egal, Shortcake. Ich nenne dich, wie ich dich nennen will. Der Spitzname passt.« Ich schaue sie von oben bis unten an. Ich muss mindestens fünfzehn Zentimeter größer als sie sein, und ich denke, dass die rosa Cowboystiefel, die sie trägt, ihr großzügig auch noch ein paar Zentimeter schenken. Das mit dem Shortcake ist nur zum Spaß. Es passt. In zwei der drei Fälle, in denen ich das Pech hatte, ihr zu begegnen, hatte sie Kuchen dabei. Die kleine Torte, die auf ihr T-Shirt gestickt ist, hat den Spitznamen nur noch unterstützt. »Aber fürs Protokoll: Mr. Hunter ist mein Vater, und ich würde es vorziehen, nicht über ihn zu reden. Ich heiße Camden. Camden Hunter.«
Daly räuspert sich. Ihm hat es noch nie gefallen, wie ich über meinen Vater spreche, aber normalerweise kümmere ich mich nicht um die Gefühle anderer. Vielleicht hätte ich es getan, wenn meine Eltern sich mehr für mich interessiert hätten, aber das tun sie nicht. Daly soll es ruhig unangenehm sein. Ich bin mir sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis er meinem Vater über alles, was heute passiert ist, Bericht erstattet.
»Ich würde es viel lieber vorziehen, dich ein riesiges Arschloch zu nennen. Oder Trottel, wenn ich mich ausgelassen fühle.«
»Süß.«
»Nein, süß ist der Schaden, den ich dir zufügen werde, wenn du mich noch einmal Shortcake nennst.«
Ich ziehe meine Unterlippe zwischen die Zähne. »Führe mich nicht in Versuchung.«
Sie stößt ein angewidertes Grunzen aus. Mit großem Abstand schlendert sie um mich herum und kehrt noch einmal zur Tür zurück, ohne mit mir zusammenzustoßen.
»Willst du nicht teilen?« Ich nicke in Richtung der Schachtel in ihren Händen.
Ein sarkastisches Lachen entweicht ihren Lippen. »Ganz und gar nicht. Ich bereue es bereits, es deinen hochnäsigen Freunden gegeben zu haben und –«
»Kollegen«, unterbreche ich sie.
Sie sieht aus, als wollte sie mich dafür schlagen, dass ich sie unterbrochen habe. »Ich glaube nicht, dass euch meine Gebäckstücke gefallen würden, nicht, dass irgendjemand von euch meine harte Arbeit verdient hätte. Wir Kleinstädter haben keinen Geschmack, schon vergessen?« Diesmal ist ihr vernichtender Blick nicht auf mich gerichtet, sondern auf Daly. Ich schaue über meine Schulter zu ihm und lache über seinen versteinerten Gesichtsausdruck.
Verdammt! Vielleicht macht sie ihm mehr Angst als ich.
Ich schiebe meine Hände in die Taschen, als ich mir die Frau, die gerade zur Tür hinausgeht, wirklich ansehe. »Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder, Shortcake.«
»Das beruht auf Gegenseitigkeit«, entgegnet sie und stößt die Tür auf. »Aber wenn du zufällig nach nebenan kommst, solltest du wissen, dass der Rabatt, den ich den Richardsons gewährt habe, nicht für dich gilt. Du wirst den vollen Preis zahlen. Vielleicht sogar das Doppelte.«
»Ich habe nicht die Absicht, nach nebenan zu kommen.«
Sie stößt einen langen, frustrierten Seufzer aus. Sollte sie versuchen, zu verbergen, wie sie sich fühlt, dann gelingt ihr das nicht besonders gut. »Perfekt. Ich hatte sowieso nicht die Absicht, dich zu bedienen.«
Ungerührt zucke ich mit den Schultern. »Dann ist das ja geklärt.«
Sie starrt mich an. Ich mag es nicht, wie sie sich Zeit nimmt, mich von oben bis unten zu mustern, bevor ihre haselnussbraunen Augen bei meinem Gesicht ankommen. »Dann ist ja alles geklärt.«
»Auf Wiedersehen, Shortcake.«
Ihre Nasenflügel blähen sich, aber sie hält es nicht für nötig, auf dem Weg nach draußen etwas zu erwidern. Zumindest keine Worte. Der Mittelfinger in der Luft, als ihre Schritte auf den Bürgersteig treffen, sagt genug.
Dass sie wieder einmal in mein Leben getreten ist, hat dieses neue Geschäftsvorhaben noch viel interessanter gemacht.
Kapitel 3
Pippa
Ich bin gerade dabei, den Blätterteig für meine Wurst-Cheddar-Pasteten zu falten, als die Türglocke der Bäckerei klingelt. Lexi hilft mir heute beim Öffnen des Cafés, aber ich habe erst vor ein paar Minuten eine SMS von ihr bekommen, dass sie sich etwas verspätet. Sie kann es also auf keinen Fall sein, die hier hereinspaziert, aber wir haben noch geschlossen, also weiß ich nicht, um wen es sich handeln könnte, es sei denn, ich habe die Tür versehentlich unverschlossen gelassen.
Ich wische meine Hände an der Schürze ab und versuche eilig, das Gebäck fertig zu falten, bevor ich durch die Küchentür stürme.
»Es tut mir leid, wir –« Meine Füße bleiben einige Meter vor der Kasse stehen, als ich die Person sehe, die vor der Kasse steht. »Du.« Der freundliche Ton, in dem ich normalerweise mit Kunden spreche, ist verschwunden. An seine Stelle ist etwas getreten, das eher einem Knurren gleicht.
Camden steckt die Hände in die Hosentaschen seiner Slacks. Es ist noch nicht mal fünf Uhr morgens, und er ist gekleidet, als würde er gleich zu einem schicken Geschäftstreffen gehen. »Guten Morgen«, sagt er, seine Stimme ist scharf und kalt.
»Es ist kein guter Morgen, wenn ich dich sehen muss, bevor die Sonne aufgegangen ist.«
Seine Lippen zucken vor Belustigung. Das ist die einzige Regung seines Körpers; der Rest von ihm ist so still wie eine Statue. Bis auf seine Augen – sie wandern über meinen Körper und verharren auf meinem Gesicht. »Glaub mir, du warst nicht meine erste Wahl. Du warst sogar meine letzte. Aber hier hat nichts offen, was Kaffee anbietet.«
»Es gibt ein Starbucks etwa fünfzehn Meilen entfernt. Den solltest du ausprobieren.«
»Den hatte ich jeden Tag, seit ich hier bin. Meine Assistentin hat den Kaffee für mich geholt, aber sie ist heute Morgen mit Fieber aufgewacht und ich habe keine Zeit, dahinzufahren.«
»So ein Pech für dich.« Ich zucke mit den Schultern. Ihm Koffein zu geben, ist nicht mein Problem. Das kann er selbst lösen. »Wir haben nicht geöffnet.« Ich zeige auf die riesige rosa Leuchtreklame, die im Fenster hängt. »Falls du nicht verstehst, wie das funktioniert: Wenn ein Laden geöffnet ist, leuchtet normalerweise das Schild. Das ›Geschlossen‹-Schild an der Tür ist auch ein guter Indikator dafür, dass, du weißt schon …« Ich deute auf den leeren Raum um uns herum. »Wir nicht geöffnet haben.«
»Ich dachte, du könntest einem Freund einen Gefallen tun.«
Ich verschlucke mich an meiner eigenen Spucke. Unbeholfene Laute kommen aus meiner Kehle, während ich versuche, meine Fassung wiederzuerlangen. Irgendwann fange ich mich und kann endlich schlucken, ohne einen weiteren Hustenanfall zu bekommen. »Du hast mich nicht gerade als Freundin bezeichnet.«
Er kommt einen Schritt näher, sein Blick richtet sich auf die Angebotstafel hinter mir. »Doch, habe ich. Es hat scheußlich geschmeckt, als es aus meinem Mund kam, aber es war einen Versuch wert.«
Ich starre ihn schockiert an. Mein Mund bleibt offen, während ich versuche herauszufinden, was zum Teufel hier los ist. Träume ich immer noch? Es ist schon ein paar Tage her, seit wir nebenan das letzte Mal gesprochen haben. Ich dachte, wir hätten eine Abmachung – er bleibt auf seiner Seite und ich auf meiner. Er ist in feindliches Gebiet gekommen und sein überlegenes Auftreten macht ihn so arrogant, dass er angenommen hat, ich würde ihn einfach mit offenen Armen empfangen.
Auf keinen Fall.
»Camden, verschwinde«, fordere ich. »Ich werde dir keinen Kaffee machen.«
Alles, was er tut, ist, mich anzustarren. Ich fühle mich unwohl dabei. Seine eisblauen Augen starren zu tief.Männer sollten nicht so dunkles Haar und so helle Augen haben dürfen. Es ist, als ob er durch mich hindurchsehen könnte, und das hasse ich mit jeder Faser meines Daseins.
»Hallo?«, dränge ich und versuche, die Stille zu überbrücken. Ich will, dass er meine Bäckerei verlässt, und ehrlich gesagt auch, dass er aus dieser Stadt verschwindet, aber das wäre vielleicht ein bisschen dramatisch. Für den Moment reicht es, ihn auf sein eigenes Grundstück zurückzuschicken. »Ich bin ziemlich besorgt darüber, was du unter dem Wort nie verstehst. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie du gesagt hast, du wolltest mich nie wiedersehen. Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit.«
Er stößt ein leises Stöhnen aus. Es ist so leise, dass ich es fast überhöre. Es ist die erste echte Emotion, die ich bei ihm sehe. Das erste Mal, dass sein steifes Auftreten weicht, zumindest für einen Moment. »Hör zu, ich habe das gesagt, weil ich dachte, dass ich irgendwo anders eine Tasse Kaffee bekommen würde. Aber es hat nichts geöffnet, und ich habe rasende Kopfschmerzen, weshalb ich jetzt doch dich fragen musste. Alles, was du tun musst, ist, mir den einen Kaffee zu machen, und danach wirst du mich nie wiedersehen. Trisha sollte morgen wieder auf dem Weg der Besserung sein und wir tun so, als wäre das nie passiert. Okay?« Er drückt seine perfekt gerade Nase mit Daumen und Zeigefinger und massiert sie, um den Schmerz zu lindern. Ich kaue auf meiner Lippe. Camden scheint nicht die Art Mensch zu sein, die aufgibt, wenn er etwas will. Und ich muss wirklich wieder nach hinten, um zu backen, damit alles fertig wird, bevor der Laden öffnet. Ich könnte ihn einfach hier stehen lassen …
Ich seufze, weil ich ahne, dass er die Dreistigkeit besitzen würde, mir nach hinten zu folgen. Die schnellste Lösung ist die, die ich hasse – ich könnte ihn vermutlich loswerden, wenn ich einfach die verdammte Tasse Kaffee kochen würde.
»Ich tue das nur, weil ich dich loswerden will«, sage ich zu ihm und werfe ihm einen scharfen Blick zu.
»Ich bin nur hier, weil ich verzweifelt bin.« Er lächelt. Er lächelt tatsächlich. Warum sieht das so gut aus? Es scheint unnatürlich für ihn zu sein, zu lächeln. Er sollte dabei nicht so gut aussehen.
Ich drehe mich sofort auf dem Absatz um, weil ich ihn keine Sekunde länger anstarren will. Seine Zähne sind zu gerade und perfekt, und die langen Grübchen, die sich auf beiden Seiten seiner hochgezogenen Mundwinkel bilden, sind zu tief – zu verlockend.
Ein Mann mit Grübchen ist meine verdammte Schwäche. Bei einem Mann, der so eiskalt ist wie Camden, sollten sie nicht gut aussehen.
»Wie magst du deinen Kaffee?«, frage ich und spreche dabei mit der Wand, anstatt ihn anzusehen.
Er räuspert sich. »Flat White. Heiß. So groß wie man ihn mit Vanille und Hafermilch machen kann.«
Lachend werfe ich die Espressomaschine an. Ich begrüße das Zischen, das die Maschine macht, wenn sie zum Leben erwacht, denn es füllt die spannungsgeladene Stille zwischen uns.
»Was ist so witzig?«, fragt er, als der Kaffee zu tröpfeln beginnt.
Ich schaue auf und nehme durch den Spiegel an der Wand Blickkontakt mit ihm auf. »Deine Bestellung war einfach nicht das, was ich erwartet habe.«
»Was ist falsch an meiner Bestellung?«
»Du scheinst mir ein Typ für schwarzen Kaffee zu sein. Vielleicht einen Americano.«
»Ich habe in meinen Zwanzigern einige Zeit in Frankreich verbracht. Ab und zu trinke ich gern einen Espresso.«
Ich antworte ihm nicht, weil ich ihn mehr über Frankreich fragen möchte, darüber, wie es dort war. Ich wollte schon immer mal nach Frankreich. Es steht ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich würde vor Freude ausflippen, wenn ich eine französische Pâtisserie besuchen könnte. Alle meine Träume würden wahr werden, mich in der Gegenwart von Konditoren mit so viel Talent und Finesse aufzuhalten.
Keiner von uns beiden spricht, während ich seinen Kaffee zubereite. Irgendwann nimmt er einen Anruf entgegen, aber er dauert nicht lange. Nach einem kurzen Gespräch ist er wieder still.
Ich drehe mich um und stelle zwei große Becher zum Mitnehmen vor ihn. Er schaut von mir zu den Kaffeebechern und wieder zu mir. Seine dunklen Brauen ziehen sich auf der Stirn zusammen. »Ich habe nur um einen Kaffee gebeten.« Er greift in seine Anzugjacke und holt eine schlichte schwarze Brieftasche heraus. Schon drückt er mir seine Kreditkarte in die Hand; selbst seine Karte fühlt sich teuer an. Sie ist schwer und aus Metall und weitaus schicker als meine zerknitterte Plastikkarte, die, da bin ich mir ziemlich sicher, in ein paar Monaten abläuft.
»Es ist nur ein Kaffee«, antworte ich und fühle mich plötzlich unwohl wegen des anderen Getränks, das ich ihm gemacht habe. Mehr aus Gewohnheit, aber jetzt ist es zu spät, um es rückgängig zu machen, also muss ich damit selbstbewusst umgehen.
»Okay«, sagt er gedehnt, zieht das Wort in die Länge, als wäre er verwirrt.
»Das eine ist der Kaffee, den du bestellt hast, das andere ist ein Tee. Mit Kamille, Honig und ein paar geheimen Zutaten. Ich hatte immer Migräne und meine Mutter hat ihn für mich gemacht. Ich dachte, es könnte helfen …« Meine Worte verpuffen, denn jetzt kommt es mir lächerlich vor. Dieser Mann hat mich mehrfach wegen Dingen angeschrien, die ein komplettes Versehen waren. Ich sollte nicht nett zu ihm sein. Ich weiß nicht, was mich dazu gebracht hat, ihm den Tee zu machen, aber jetzt bereue ich es.
»Das ist …«
Offensichtlich weiß keiner von uns beiden, was er dazu sagen soll. Ich ziehe eilig seine Karte durch und werfe sie ihm beinahe zurück, weil ich mit ihm und dieser Interaktion endlich fertig werden will. Meine Mutter hat mich nicht dazu erzogen, unhöflich zu anderen zu sein. Als jemand, die unter vielen Migräneanfällen gelitten hat, wollte ich einfach nur helfen.
Selbst wenn es für ihn ist – der Trottel im Anzug, der meine Geduld bis auf den letzten Tropfen strapaziert.
»Ich will nicht zuhören müssen, wie du dich beklagst«, stoße ich hervor. »Ich kann doch nicht zulassen, dass Mr. Fancy Art Gallery Kopfschmerzen bekommt.«
»Ja.« Er mustert mich eine Sekunde lang. Ich schaue ihn direkt an, obwohl meine Wangen vor Verlegenheit brennen, weil ich dem Feind Nummer eins einen Olivenzweig gereicht haben könnte.
»Denk nicht zu viel darüber nach. Du bist schon Arschloch genug. Ich wollte nicht, dass sich jemand mit dir herumschlagen muss, wenn du auch noch Kopfschmerzen hast.«
Er nimmt die beiden Becher in die Hand, umfasst sie vorsichtig. Die pinkfarbenen Becher scheinen in seinen großen Händen fehl am Platz zu sein. Ich bleibe nicht, um noch etwas zu sagen. Wir kehren zur Normalität zurück und sind wieder beim Verfeindet-sein. So wie es sein sollte. Ich gebe der Tatsache die Schuld, dass es noch viel zu früh ist, um sich mit ihm zu beschäftigen.
Ich gehe zurück in die Küche, fühle mich wohl, wieder allein zu sein und eine Aufgabe wie das Teigausrollen zu erledigen, bei der ich nicht viel nachdenken muss. Die Glocke über der Tür klingelt ein paar Augenblicke später und erst dann kann ich tief durchatmen.
Der heutige Tag ist jetzt schon seltsam und die Sonne ist noch nicht einmal aufgegangen.
Noch seltsamer wird es, als ich Lexi später am Morgen begrüße und einen Hundert-Dollar-Schein in unserem Trinkgeldglas vorfinde.
Kapitel 4
Camden
»Ihr wollt mich wohl verarschen.« Meine Stimme hallt durch den Raum, die Wut umgibt jeden im Zimmer.
Daly geht ein paar Schritte zurück, bis er sich fast hinter einem großen Kunstdruck versteckt. »Nun, Mr. Hunter …«
Ich grunze, denn ich hasse den Klang dieses Namens. Meine Hand fuchtelt abweisend in der Luft, während ich von ihm zu Trisha schaue. »Sie haben wirklich einfach abgesagt?«
Sie nickt. Trisha ist die einzige Person, die nie vor meinen Stimmungsschwankungen zurückschreckt. Vielleicht liegt es daran, dass sie alt genug ist, dass sie meine Mutter sein könnte, und die allererste Mitarbeiterin war, die ich je eingestellt habe. Mein scharfer Ton scheint sie nicht im Geringsten abzuschrecken. »Ich habe versucht, ein paar lokale Anbieter anzurufen. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, aber ich werde weiter versuchen, etwas zu finden, Sir.«
Ich atme tief durch und schaue mir den Raum an. Die Galerie ist so gut wie fertig für die Eröffnung heute Abend – bis auf die Tatsache, dass ich keinen gottverdammten Caterer für den Abend habe. »Wir haben schon unzählige Male mit denen zusammengearbeitet. Ich verstehe nicht, warum sie jetzt plötzlich absagen«, stoße ich hervor und greife nach jedem Strohhalm, denn heute Abend muss alles perfekt sein.
So viele Leute, die ich kenne, sind bereits aus New York für die Nacht eingeflogen. Sowas spricht sich schnell herum und die Nachricht von der Eröffnung verbreitet sich von einer wohlhabenden Familie zur nächsten. Ich hoffe, dass auch Leute, die hier oder in der Nähe Urlaub machen, kommen werden, um die Ausstellung anzusehen.
Es soll alles perfekt sein. Und es soll ein großes Fick-Dich an meinen Vater sein, der mir gesagt hat, dass es der schlechteste Karriereschritt meines Lebens wäre, hier etwas zu eröffnen.
Aber ich kann nicht lauter gelangweilte, reiche Leute hier haben, ohne ihnen etwas anzubieten.
»Was wäre, wenn wir in den Supermarkt gehen und einfach etwas einkaufen, das wir servieren können? Sie würden es nicht merken«, schlägt Daly in vorsichtigem Ton vor.
Ich werfe einen vernichtenden Blick in seine Richtung. Der heutige Abend soll tadellos sein. Ich werde keine Supermarkt-Gemüseteller und billiges Fleisch anbieten, egal wie verzweifelt meine Lage ist. »Nur über meine Leiche«, knurre ich. Die Idee ist absurd.
In einer Stunde wird die erste Welle von Leuten ankommen. Zugegeben, es sind einige der Künstler, die ich eingeflogen habe, um sich das Ganze anzuschauen, aber ich möchte das hier nicht ausdiskutieren, wenn sie schon da sind.
Ich schaue zurück zu Trisha. »Ihre Flüge sollten gestern Abend landen, also hatten sie heute den ganzen Tag Zeit, sich vorzubereiten. Und sie sagen uns erst jetzt ab?«
»Ja«, antwortet Trisha.
»Das ist unglaublich unprofessionell«, schnauze ich.
»Irgendetwas darüber, dass ihnen eine andere Veranstaltung angeboten wurde. Viel größer, sie konnten nicht nein sagen …« Mein lauter Seufzer sagt ihr, dass ich genug gehört habe. Ich werde die Caterer nie wieder beauftragen und ich werde verdammt noch mal dafür sorgen, dass auch sonst niemand aus meinem Bekanntenkreis mit ihnen arbeitet. Diese Unprofessionalität ist für mich inakzeptabel und wird nicht geduldet. Ich habe sie in dem Moment gebucht, in dem der Verkauf zustande gekommen ist, und bin sogar so weit gegangen, ihre Flugtickets zu bezahlen und Trisha zu beauftragen, ihnen alles zu besorgen, was sie für diese Eröffnung brauchten.
Meine Schritte sind schwer, als ich durch die Galerie und zu meinem kleinen Büro im hinteren Teil des Gebäudes gehe. Die Tür knallt gegen die Wand, als ich sie wütend aufstoße.
Trisha folgt mir, alle anderen bleiben zurück. Ihre Ideen sind sowieso nutzlos.
»Wir müssen uns etwas einfallen lassen«, sage ich ihr, und meine Stimme wird leiser, jetzt, da wir nur noch zu zweit sind. Es ist nicht ihre Schuld, dass die Caterer in letzter Minute abgesagt haben. Sie hat alles getan, was sie tun sollte. Es wäre nicht fair, meine Wut an ihr auszulassen.
»Ich denke, die Lösung ist, jemanden vor Ort zu finden.«
Ich stütze mein Kinn auf meine Fingerspitzen. Seit meiner Ankunft letzte Woche bin ich nicht wirklich dazu gekommen, die Stadt zu erkunden. Ich war von frühmorgens bis spätabends in der Galerie und habe mich von dem ernährt, was Trisha mich gezwungen hat, zu essen. Ich weiß nicht, wo ich wegen des Essens anfangen soll, woher ich es bekomme und wie schnell, aber wirklich viele andere Möglichkeiten habe ich nicht.
Die Eröffnung ist in vier Stunden und irgendwie muss ich kurz danach anfangen, die Leute zu verpflegen. Ich habe nicht den Luxus von Zeit auf meiner Seite.
»Was ist mit der kleinen Bäckerei nebenan?«, bietet Trisha an. »Du hast mich jeden Morgen deinen Kaffee dort holen lassen. Ich bin mir sicher, dass wir von dort ein bisschen Fingerfood zum Servieren bekommen können.« Mein Blick wandert sofort zu ihr. Es ist unser kleines Geheimnis, dass ich sie nach nebenan geschickt habe, anstatt zu Starbucks. Wir hatten viel zu tun und ich brauchte sie hier. So war es einfach bequemer.
»Ich bin sicher, wir haben noch andere Möglichkeiten«, sage ich knapp. Mein Handy vibriert in meiner Tasche, aber ich ignoriere es. Nichts ist wichtiger, als mich mit dieser Catering-Situation zu befassen und schnell eine Lösung zu finden.
»Ja, sicher, aber ich weiß nicht, ob es etwas Besseres gibt als den süßen Laden nebenan. Die Inhaberin arbeitet so hart und hat immer eine Menge im Angebot. Wenn du einfach rübergehst und nett fragst, vielleicht –«
»Trisha, es muss doch noch etwas anderes geben. Gibt es hier keine andere Bäckerei? Oder ein nettes Restaurant? Wo essen die Leute hier?«
Sie starrt mich lange mit leicht geschürzten Lippen an. »Ich bin mir nur nicht sicher, ob es Orte gibt, die so elegantes Fingerfood zubereiten können, wie wir es für diese Eröffnung suchen. Das Letzte, was die Leute tun wollen, während sie herumlaufen und Snacks verspeisen, ist, etwas zu essen, dass ihre Finger oder womöglich ihre Kleidung dreckig macht. Kleine Gebäckstücke wären perfekt.«
Ich stöhne und fahre mir mit den Händen über mein Gesicht. »Das Mädchen von nebenan hasst mich«, gebe ich zu. »Sie hasst alles, was mit dieser Galerie zu tun hat. Ich glaube, sie war mit den vorherigen Besitzern befreundet. Sie scheint nicht der Typ zu sein, der es gefällt, dass wir die kleine Galerie …«
»Städtisch gemacht haben?«, beendet Trisha den Satz.
Ich nicke. »Ja. Das.«
»Dann geh zu ihr und sage ihr, dass du, obwohl dies nicht die Galerie ist, die sie kennt, kleine Unternehmen zu schätzen weißt und ihr köstliches Essen gern bei der Eröffnung präsentieren würdest.«
Trisha verschränkt die Arme vor der Brust und starrt mich mit einem Blick an, der nicht viel Raum für Diskussionen lässt. Sie hat ja recht. Pippas kleine Bäckerei wäre die perfekte Lösung für den Schlamassel, in dem ich mich befinde, aber ich würde viel lieber auf einem gottverdammten mechanischen Bullen in einer der Bars dieser Stadt reiten, als sie um Hilfe zu bitten.
»Sie ist zu klug«, bemerke ich beiläufig. »Es gibt nicht genug Honig, den ich ihr ums Maul schmieren könnte, damit sie die ganze Kleinunternehmer-Rede glaubt. Es ist zu kurzfristig. Sie würde mir sofort auf die Schliche kommen.«
»Wie wäre es, wenn ich sie frage?«, bietet Trisha an. »Zu einer alten Dame kann man nicht nein sagen.« Sie klimpert mit den Wimpern, was mich zum Lachen bringt.
»Du bist nicht alt«, erwidere ich und setze mich in meinem Stuhl auf.
Sie lächelt. »Gute Antwort. Ich werde jetzt trotzdem meinen Altweiber-Charme spielen lassen.«
Trisha sagt nichts weiter. Sie flattert zur Tür hinaus und während ich sie gehen sehe, weiß ich schon, wie Pippas Antwort lauten wird. Ich hoffe nur, dass ich falsch liege.
Kapitel 5
Pippa
»Nein«, sage ich zu der Frau, die vor mir steht. Sie war in letzter Zeit jeden Morgen hier, und jetzt, wo sie mich bittet, Camden zu helfen, frage ich mich, ob dieses hinterhältige Arschloch meinen Kaffee getrunken hat.
»Ich denke, es könnte eine wirklich gute Werbung für Sie sein«, fährt sie fort, scheinbar unbeeindruckt von meiner Antwort.
Ich wische über den Tisch vor mir, versuche, alle Oberflächen sauber zu bekommen, bevor ich das Café für die Nacht schließe. Es war wieder ein anstrengender Tag und ich will nur noch nach Hause, meine Schuhe ausziehen, etwas zu essen machen und mich für den Rest des Abends auf die Couch setzen. Heute Abend gibt es mehrere neue Folgen einiger meiner Lieblingssendungen im Fernsehen und ich habe eine Flasche Wein, von der ich schon den ganzen Tag geträumt habe.
»Es tut mir leid, ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber die Antwort ist nein«, wiederhole ich. Ich kann mir Namen oft nicht merken, aber ich glaube, sie sagte, ihr Name sei Trisha und sie sei die Assistentin des Besitzers der Galerie nebenan. In Anbetracht der Tatsache, dass es nur eine Galerie nebenan und, soweit ich weiß, nur einen Besitzer gibt, bin ich mir ziemlich sicher, dass die süße Frau hinter mir für Camden Hunter arbeitet.
»Camden hat mir gesagt, dass Sie das sagen würden«, erwidert sie. Das erregt meine Aufmerksamkeit. Ich schaue sie über meine Schulter an, mein Interesse ist geweckt.
»Hat er?«
»Natürlich. Er hat mir sogar gesagt, ich solle gar nicht hierherkommen. Aber es gibt wahrscheinlich nur einen Menschen auf der Welt, der noch sturer ist als er, und das bin ich.« Sie zuckt mit den Schultern, ein Grinsen umspielt ihre Lippen. »Also bin ich hier.«
»Er wirkt wie die Art von Mann, der einen Assistenten feuert, der seinen Anweisungen nicht folgt.«
Das bringt sie zum Lachen. Ein langes, hohes Lachen, das mich überrascht. Ich nehme Blickkontakt mit Bri auf, eine meiner Angestellten, und versuche herauszufinden, was hier vor sich geht. »Er kommt wirklich wie ein aufgeblasenes Arschloch rüber, ich weiß. Aber er ist gar nicht so übel. Er bellt viel, beißt aber kaum.«
»Ich glaube, für diese Bemerkung würden Sie wirklich gefeuert werden«, murmle ich vor mich hin.
Warum scheint diese Frau ihn so sehr zu mögen? Es gibt doch sicher bessere Leute, für die man arbeiten kann.
Die Frau seufzt und lässt ihren Blick durch den Raum schweifen. Wir schließen erst in einer Stunde, aber so spät am Tag haben wir normalerweise nicht mehr viele Kunden. Es gibt ein paar Nachzügler, die noch ein Brot zum Abendessen oder ein Dessert für die Nacht kaufen wollen, aber meistens bleibt es ziemlich leer, wenn der späte Nachmittag in den Abend übergeht.
»Wir sitzen wirklich in der Klemme.« Ihre Stimme wird leiser, aber es liegt immer noch ein Hauch von Sorge darin.
Ich lege den Lappen auf den Tisch hinter mir und drehe mich mit einem großen Seufzer um. »Hören Sie, selbst wenn ich helfen wollte, die Zeit reicht nicht. Es tut mir leid.«
Sie nickt und blickt traurig zur Tür. »Ich werde Mr. Hunter sagen, dass es Ihnen leidtut.«
»Oh, es tut mir nicht leid, nicht für ihn. Es tut mir nur leid, dass Sie sich mit ihm herumschlagen müssen.«
»Er ist gar nicht so schlimm.«
Ich lache. »Ja. Er ist schlimmer.«
»Was wäre, wenn er Sie persönlich fragen würde?«
»Er würde im Leben nicht auf die Idee kommen, mich um Hilfe zu bitten«, gebe ich zu bedenken. Ich kenne den Mann kaum, aber so viel habe ich von ihm mitbekommen. Er scheint die Art Mensch zu sein, die nicht um Hilfe bittet, schon gar nicht von jemandem, den er angeblich nie wiedersehen will.
»Aber wenn er es täte? Wenn er hierherkäme und Sie um Hilfe bäte, würden Sie uns dann helfen?«
Ich lächle und versuche, mir das vorzustellen. Es wäre ziemlich amüsant, ihn betteln und vor mir kriechen zu sehen. Vielleicht könnte ich es hinbekommen, wenn er einfach auf die Knie gehen würde …
»Klar«, sage ich, eigentlich nur zum Spaß. Auf keinen Fall würde er hierherkommen und betteln. Dafür ist er sich zu fein, aber es gibt mir eine Ausrede, um nicht das Gefühl zu haben, dass ich unhöflich zu dieser netten Frau bin. In gewisser Weise erinnert sie mich an meine Mutter. Sie hat so ein zurückhaltendes Selbstvertrauen, lässt sich nicht verarschen und ist trotzdem einer der nettesten Menschen, die man kennt.
Trisha streckt einen Finger in die Luft, während sie beginnt, rückwärts zur Tür zu gehen. »Nicht bewegen.«
»Ich erwarte nicht zu viel«, rufe ich ihr nach. Es ist unmöglich, dass er herkommt, aber ich will sie nicht enttäuschen.
»Er könnte Sie überraschen.«
Ich versuche bei ihrer Aussage, nicht mit den Augen zu rollen. Camden könnte mich nie überraschen. Was man sieht, scheint das zu sein, was man bekommt. Und was ich sehe, ist ein Arschloch. Nachdem Trisha gegangen ist, wende ich mich Bri zu. »Jetzt, wo das erledigt ist, werde ich ein paar Dinge hinten erledigen.« Ich bin gerade dabei, einen Eimer Zuckerguss für morgen vorzubereiten, als die Tür zur Küche aufgestoßen wird. »Was zum Teufel!«, schreie ich und lasse aus Versehen eine Flasche mit Lebensmittelfarbe fallen. Sie knallt auf den Boden und die rote Farbe explodiert zu meinen Füßen.
»Ich glaube nicht, dass ich jemals einen chaotischeren Menschen getroffen habe.«
Ich schaue ihn böse an und werfe ihm meinen finstersten Blick zu. »Was machst du denn hier?«
Camden betrachtet den Boden. Es sieht aus wie ein Tatort mit der ganzen roten Farbe auf den Fliesen. Meine Hose, die ich erst vor ein paar Wochen gekauft habe, ist ebenfalls voller Farbe. Ich stöhne und frage mich, ob ich die Flecken wieder herausbekomme. Meine Größe ist online immer ausverkauft und diese hier passt mir besser als jede andere Hose zuvor.
»Ich bin hier, weil ich dich um Hilfe bitten muss.«
»Du wärst eine viel größere Hilfe gewesen, wenn du nicht meine brandneue Jeans ruiniert hättest.«
»Ich kaufe dir eine neue, wenn du mir heute Abend hilfst.«
Ich wische die Lebensmittelfarbe mit einem Lappen ab, aber das führt nur dazu, dass sie sich noch weiter verteilt.
»Haben wir einen Deal?«, drängt er.
Ich schnaube und betrachte die roten Flecken auf dem hellen Jeansstoff. »Nein, wir haben keinen Deal. Die brauchen ewig, bis die wieder auf Lager sind.«
»Ich stecke gerade in einem verdammten Dilemma.« Er kocht, seine Stimme ist fest und tief und die Schärfe in seinem Tonfall jagt mir Schauer über den Rücken. »Ich werde die Jeans finden und kaufe dir zehn davon. Aber ich brauche etwas zu essen bei dieser Eröffnung, und zwar sofort.«
Camden Hunter klingt verletzlich.
In welchem Paralleluniversum befinde ich mich? Seufzend knalle ich den Lappen auf den Tresen. Früher war er beige. Jetzt ist er rötlich und sieht aus wie etwas, das man als Beweismittel in einem Mordfall aufbewahren würde. »Wann ist die Eröffnung?«
Er räuspert sich und blickt auf die teure Uhr an seinem Handgelenk hinunter. Sie glänzt so sehr, dass sie das Licht von der Decke einfängt und mich fast blendet, wenn er sein Handgelenk in eine bestimmte Richtung dreht. »Technisch gesehen kommen die Künstler in dieser Stunde an. Die Gäste in ein paar Stunden.«
»Und was ist mit deinen schicken Caterern passiert? Offensichtlich war ich nicht deine erste Wahl.«
Er lacht. Sein Lachen scheint etwas weniger kalt zu sein als die Male, die ich es zuvor gehört habe. »Nein, das warst du nicht, Shortcake. Und doch sind wir hier.«
Ich ziehe die Brauen hoch und halte mich an der Kante der Theke fest. »Ich warte.«
»Worauf?«
»Dass du mir sagst, dass ausgefallene, hochtrabende Entscheidungen vielleicht nicht immer die beste Wahl sind.«
»Das wird nicht passieren.«
Ich zucke mit den Schultern und kehre zu meiner vorherigen Aufgabe zurück, bevor er mich zu Tode erschreckt hat. »Dann scheinst du ja nicht so dringend Hilfe zu brauchen.«
»Ich werde nicht so tief sinken und dir das sagen, bevor ich nicht wenigstens weiß, dass du die Zeit hast, etwas Passendes für heute Abend zu kreieren.«
»Es ist kein tiefes Sinken, wenn es die Wahrheit ist.«
»Nur weil ein New Yorker Unternehmen beschissene Geschäftsprinzipien hat, heißt das nicht, dass hier in dieser schäbigen Stadt alles besser ist als in Manhattan.«
»Wenn du Sutten noch einmal so nennst, bekommst du ein Knie in deine Männlichkeit.« Ich lächle ihn freundlich an und erinnere mich an das zweite Mal, als wir buchstäblich ineinander gerannt sind. Ich habe mich über seine Größe lustig gemacht und darüber, dass es sich anfühlte, als würde er etwas überkompensieren. Er hat es nicht gut aufgenommen.
Seinem Gesichtsausdruck entnehme ich, dass er meine Drohung auch jetzt nicht besonders gut aufnimmt.
Er stößt einen langen, verärgerten Seufzer aus und fährt sich sogar mit den Fingern über sein perfekt geformtes Gesicht.
Es ist wirklich eine Schande, dass er so ein Arschloch ist, denn er ist mit Abstand einer der bestaussehenden Männer, die ich je gesehen habe. Alles an seinen Gesichtszügen ist perfekt proportional. Brauen sollten eigentlich Schwestern sein, keine Zwillinge, aber seine sind Klone voneinander. Gerade Brauen mit einem leichten Bogen am Ende umrahmen die klarsten, blauesten Augen, die ich je gesehen habe. Zu allem Überfluss hat der Mann auch noch dichte, dunkle Wimpern.
Ich hasse ihn. Aus so vielen Gründen. Weil er ein Arschloch ist. Für den Kauf der Räumlichkeiten, die ich haben wollte, um mein Geschäft zu erweitern. Für das Ruinieren meiner Jeans. Dafür, dass er mit so gutem Aussehen gesegnet ist, obwohl er so eine schreckliche Persönlichkeit hat.
»Ich habe keine Zeit, mit dir hin und her zu diskutieren«, gesteht er. Er klingt aufgewühlt, aber ausnahmsweise nicht unbedingt über mich. Eher über die Umstände.
»Klingt, als hättest du nicht viel Zeit für irgendetwas, wenn man bedenkt, dass du dir vielleicht eine Schürze leihen und etwas für deine Gäste kochen musst.«
»Das wird nicht nötig sein, wenn du mir hilfst.«
»Die Betonung liegt auf wenn. Der Laden schließt bald und ich habe ein Date mit einer Flasche Wein und Reality-TV.«
»Was immer du willst, ich werde es tun. Sag einfach ja. Hilf mir. Ich flehe dich an.«
»Alles, was ich will?«, frage ich und denke an so viele schreckliche Dinge, die ich ihm antun könnte, wenn ich dem zustimme.
Eine einzelne gegelte Haarsträhne fällt ihm ins Gesicht und lässt ihn ein wenig … normaler erscheinen.
»Ja, alles.«
Kapitel 6
Camden
Sie strahlt mich an. Ihr Lächeln ist so breit und leuchtend, dass sich mir bei dem Anblick der Magen umdreht.
Wahrscheinlich, weil dieses Lächeln nicht gut für mich sein kann. Aber ich bin ein verzweifelter Mann. Wenn sie nein sagt, muss ich Lay’s Chips mit Sour Cream Dip servieren, weil ich keine andere Wahl habe. Oder verdammte Hot Wings aus der dreckigen Bar die Straße runter.
Ich weigere mich, eine dieser Optionen zu wählen. Das bedeutet, dass ich alles auf eine Karte setze – auf Pippa.
Die Frau, die mich aus gutem Grund hasst. Die Frau, die mich höllisch nervt, aber irgendwie die einzige Person ist, die ich im Moment brauche.
Die Einzige, die mich aus meinem derzeitigen Dilemma herausholen kann.
Es ist ironisch. Sie ist die letzte Person, die ich in dieser Stadt um mich haben möchte, und doch ist sie die Einzige, die mir helfen kann.
»Also alles, alles?«, drängt Pippa. Ihre Stimme ist ausgelassen und amüsiert. Das kann nicht gut sein. Ich räuspere mich und überlege, ob ich eine andere Möglichkeit habe, als der dummen, tragischen Idee zuzustimmen, die ihr durch den Kopf geht.
»Ja, alles. Aber sei bitte professionell.«
»Du hast alles gesagt. Du hast nicht gesagt, dass es professionell sein muss.«
Mein Stöhnen schallt durch die kleine Küche. »Gut«, sage ich knapp und werde von Sekunde zu Sekunde frustrierter. »Aber das Angebot läuft in zwei Sekunden ab, weil ich keine Zeit mehr hierfür habe. Ich brauche Essen, und zwar sofort.«
Sie beißt sich vor Aufregung auf ihre pralle Unterlippe. Ich weiß anhand des Funkelns in ihren Augen, dass ich das, was aus ihrem Mund kommen wird, hassen werde.
Gereizt ziehe ich mein Portemonnaie hervor und öffne es. »Warum nennst du nicht einfach deinen Preis? Das wirkt sowieso viel professioneller.«
Ein lautes, dramatisches Lachen kommt aus ihrem Mund. Sie schüttelt den Kopf und ein paar Haare fallen ihr bei dieser Bewegung in die Augen. Sie steckt eine der verirrten Strähnen hinter ihr Ohr und sieht mich an, als wäre ich der lustigste Typ, den sie kennt. Ich weiß, dass das nicht der Fall ist, denn ich bin kein besonders lustiger Typ. Schon gar nicht unter Umständen wie diesen.
»Willst du mir sagen, was so lustig ist?«
Ihre Wangen sind vom Lachen gerötet. Sogar ihre Nase ist rosa. Ich wende meinen Blick ab, erwische mich dabei, wie ich den perfekten Farbton, der sich auf ihrer Haut ausbreitet, zu genau betrachte.
»Es tut mir leid«, schnaubt sie und presst die Hand auf ihre Brust. Sie holt zittrig Luft und versucht, ihre Fassung wiederzuerlangen. »Es ist nur komisch, dass du denkst, ich wolle dein verdammtes Geld.«
Meine Augen verengen sich. »Jeder hat seinen Preis. Komisch ist nur, dass du das nicht weißt.« Sie bläst die Wangen auf und lässt die Luft aus der kleinen Öffnung zwischen ihren zusammengepressten Lippen entweichen. »Ich nicht.«
»Bei allem Respekt, ich glaube dir nicht.«
