Teufelskuss und Engelszunge - Emilia Jones - E-Book

Teufelskuss und Engelszunge E-Book

Emilia Jones

4,5
5,99 €

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Beschreibung

Manchmal muss man die eigene Seele riskieren, um eine Andere zu retten Beelzebub staunt nicht schlecht, als sich plötzlich ein Engel in die Hölle verirrt. Schnell wird ihm klar, dass sie nur dort ist, um eine verlorene Seele in den Himmel zurück zu führen. Natürlich könnte er das Problem einfach lösen, aber wo bliebe denn da der Spaß? Noch nie durfte er die Gesellschaft eines himmlischen Wesens genießen. Mit diesem Ziel vor Augen, beginnt er Engel Marafella zu umgarnen. Er führt sie aus der Hölle auf die Erde, zeigt ihr, was Lust und Leidenschaft bedeutet. Viel zu spät wird ihm klar, dass es keine Zukunft für ihn und Marafella geben kann. Dabei hat er sich längst in den Engel verliebt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 266




Teufelskuss & Engelszungeerotischer Fantasyroman

www.Elysion-Books.com

ELYSION-BOOKS TASCHENBUCHBAND 40371. Auflage: Februar 2012

VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE

ORIGINALAUSGABE© 2012 BY ELYSION BOOKS, GELSENKIRCHENALL RIGHTS RESERVED

Sämtliche Namen, Orte, Charaktere und Handlungensind frei erfunden und reine Fiction der Autoren/innen.Alle Ähnlichkeiten mit Personen, lebend oder tot, sind Zufall.

UMSCHLAGGESTALTUNG: Ulrike Kleinertwww.dreamaddiction.deLAYOUT &WERKSATZ: Hanspeter Ludwigwww.imaginary-world.deLektorat und Korrektorat: Maren Frank

PRINTED IN POLANDISBN 978-3-942602-16-7Mehr himmlisch heißen Lesespaß finden Sie auf:www.Elysion-Books.com

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»Engel2012«

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1.

Ein Schatten fiel über Wengodians Gesicht und ließ seine roten Augen stärker erglühen als gewöhnlich. Wie eine wilde Bestie, bereit zum Angriff, hockte er in der Dunkelheit. Ein Furcht erregendes Knurren drohte sich unwillkürlich über seine Lippen zu schleichen. Gerade noch rechtzeitig hielt er sich zurück. Er wusste, dass er nicht vorzeitig entdeckt werden durfte. Dann hätte er seinen Plan nicht verwirklichen können. Oh ja, wisperte seine innere Stimme, er war bereit, und nun würde er auch nicht mehr lange warten müssen.

Wenige Schritte von seinem Versteck entfernt setzte eine strahlende, menschliche Gestalt am Boden auf. Sie wiegte sich in dem lauen Wind des hereingebrochenen Sommerabends. Tänzelnd und voller Anmut schritt sie weiter.

Wengodian unterdrückte einen Brechreiz. Er konnte den Anblick dieser Wesen einfach nicht ertragen.

So schön.

So rein.

»So dämlich«, murrte er leise und spuckte aus.

Als er sich anschließend aufzurichten begann, verursachten die morschen Knochen in seinem Körper ein widerwärtiges Knacken.

»Er ist Mein, elendes Miststück.« Endlich erhob er seine Stimme und ließ sie einem Donnergrollen gleich über die offene Landschaft hallen. Diebisch grinsend beobachtete er, wie die weiße Gestalt erschauerte. Das Licht ihrer Flügel in der Dunkelheit zuckte nur ein einziges Mal, ehe es vollkommen erstarb. Wie ein gewöhnlicher Mensch stand sie nun da – mit ihren nackten Füßen auf dem kalten, feuchten Erdboden. In dem dünnen Kleid wirkte sie geradezu lächerlich. Ihre hübschen blauen Augen weiteten sich. Ein Ausdruck von Unverständnis lag darin.

Wengodian fühlte sich seiner Sache sicher. Die Oberen würden gegen die Unteren niemals triumphieren. Sie waren viel zu verweichlicht! Sie ließen sich von dem schlappen Befehl eines Unbekannten vollkommen aus dem Konzept bringen. - Oh ja, er konnte mit ihr spielen, wie ein Hund mit seinem Ball, lachte er in sich hinein.

Freudig schnaufend sprang Wengodian aus seinem Versteck, einem großen Holunderbusch, hervor. Schneller, als die weiße Gestalt es erfassen konnte, erreichte er sein Ziel: Einen Körper, der leblos auf dem Gehsteig vor einem Haus lag. Seine Arme waren ein wenig verdreht, denn er hatte offenbar noch versucht, seinen Sturz abzufangen.

Es war ein Mann um die Vierzig, der dort einen Herzanfall erlitten hatte. Weit und breit hatte es keine Hilfe gegeben. Obwohl er für das Erreichen seines Zuhauses unter normalen Umständen nur noch Sekunden gebraucht hätte, war er allein gestorben. Unbemerkt von seiner Frau, die hinter dem Fenster zur Straße in der Küche stand und das Abendessen zubereitete.

Wengodian lachte schadenfroh, als er in die offenen Augen des Mannes starrte. Es machte beinahe den Eindruck, als flehe dieser Mensch darum, mit ihm gehen zu dürfen.

Ganz langsam löste sich die Seele, stieg auf, bis sie über dem Körper schwebte – unsichtbar für jedes menschliche Auge. Sie wirbelte in einem Strudel, zögerte, in welche Richtung sie sich wenden sollte, als hoffte sie immer noch auf Hilfe, um in den erschlafften Leib zurückkehren zu können. Im Inneren der Seele pulsierte es abwechselnd blau und gelb. Wengodian wusste, dass sie hellgelb aufleuchten würde, sobald sie bereit für ihren Aufstieg in den Himmel war.

Hätte dieser verflucht strahlende Engel in seinem lächerlichen weißen Kleidchen dort an seiner Stelle gestanden, wäre das auch sehr schnell der Fall gewesen. Aber nun, aus dem Konzept gebracht, wusste die Seele nicht, wohin sie gehörte.

Wengodian rümpfte die Nase. Die Seele war von der guten Sorte und verfügte daher über einen Geruch, den er nur schwer aushalten konnte. Er musste schnell handeln.

Aus einer Seitentasche brachte er eine bauchige Flasche hervor, öffnete den Verschluss und lockte die Seele mit süßlichen Worten an. Sie kam schneller als gedacht, und Wengodian beglückwünschte sich selbst für diese perfekte Ausführung seines Plans. Jetzt musste er nur noch zurück in die Hölle und sich vom Teufel das verdiente Lob abholen.

Auf Wolkenschichten war Marafella aus dem Himmel gekommen. Die reinweißen Flocken – weich wie Wattebausche – hatten sie den ganzen Weg über sanft hinab getragen, bis sie endlich einen ihrer nackten Füße ausstrecken konnte, um damit nach dem Erdboden zu tasten.

Sie wurde von Hitze empfangen. Natürlich, sagte sie sich, es war Sommer und somit eine warme Jahreszeit, dennoch war die vorherrschende Hitze recht ungewöhnlich. Dieses Gefühl behagte ihr nicht, und sie musste sich geradezu zwingen, ihren schlanken Körper aus der Wolkenmasse zu schälen. Die letzten Schwaden schlängelten sich noch für einen Moment um ihren Oberkörper, dann lösten sie sich gänzlich in Luft auf.

Marafella wurde plötzlich von einem innerlichen Frösteln überfallen, obwohl der Boden unter ihren Füßen so heiß wie Lava glühte.

Wie seltsam, sagte sie sich.

Sie legte den Kopf schief und lauschte in die einbrechende Dunkelheit hinein. Engel empfanden diese Dinge normalerweise nicht. Sie besuchten die Erde, um den Seelen auf ihrem Weg in die Ewigkeit zur Seite zu stehen. Niemals gab es Zeit für etwas anderes, wie die genauere Erkundung ihrer Umgebung oder die Wahrnehmung von den Dingen, die sich dort abspielten.

Doch an diesem Abend sah sich Marafella ihre Umgebung genauer an.

Sie stand in einer verlassenen Straße, die von grauen Häusern umsäumt wurde. Mächtige Bäume reckten sich überall in die Höhe. Ihre Kronen hingen wie düstere Mahnmale über den Dächern. Die Szenerie wirkte insgesamt recht unangenehm und je länger sie über diese Eigenart nachdachte, umso stärker machte sich die Kälte in ihr breit.

Erst als ein Grauen erweckendes Geräusch die Stille durchbrach, fand sie wieder zu sich. Angestrengt kniff sie die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und versuchte etwas zu erkennen. Ein dumpfes Grollen fiel über sie her, doch es dauerte nur einen Augenblick, da war es auch schon wieder verklungen. Marafella blickte verwirrt in die plötzlich herein gebrochene Nacht. Unwillkürlich musste sie sich fragen, aus welchem Grund sie sich eigentlich an diesem Ort aufhielt. Sie hatte es vergessen. Mit einem Mal fühlte sie sich deplatziert – viel schlimmer noch, sie gewann sogar den Eindruck, als steckte sie in dem vollkommen falschen Körper.

Dann durchfuhr es sie wie ein Blitzschlag.

Die Seele!

Erschrocken schnaufte sie, und ihr Atem kondensierte dabei zu verschlungenen weißen Schwaden. Sie richtete sich kerzengerade auf, lauschte in sich hinein und suchte mit all ihrer Gedankenkraft nach einem pulsierenden Signal in der Nähe. Ein Engel war in der Lage, Seelen zu erspüren. Ein Kinderspiel! Normalerweise. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, dieses Mal scheiterten ihre Bemühungen. In ihrem Inneren machte sich plötzlich eine ungewöhnliche Kälte breit und brachte sie nun zum Erstarren. Ihr wurde bewusst, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Warum gab es keinerlei natürliche Anziehungskraft? Es schien, als hätte es hier niemals einen Verstorbenen gegeben, und damit auch keinerlei Grund für sie, eine Seele auf den Weg in den Himmel zu begleiten. Aber das konnte doch nicht sein, sagte sie sich. Ein Engel wurde nicht auf die Erde gesandt, wenn es für ihn nichts zu tun gab. Also begann sie zu suchen. Sie lief die Furcht einflößende Straße entlang, schaute in jeden Vorgarten und in jede Einfahrt. In ihrem Auftrag hatte nichts darauf hingewiesen, dass sich die Seele innerhalb eines Hauses befand. Sie musste hier draußen, an der freien Luft, sein.

Ohne ihre Kraft des Erspürens musste sie lange suchen, ehe sie auf einen Mann stieß, der leblos am Boden lag. Eine Hand war ausgestreckt in Richtung Gartenpforte. Vermutlich hatte er im letzten Moment danach greifen und sich festhalten wollen, war aber vorher zusammengesunken. Ein Kiesweg führte von dieser Stelle hin zu einem prächtigen Einfamilienhaus aus rotem Backstein. Der graue Schleier, der über allem lag, war hier wie vom Wind davon geweht. Licht erstrahlte aus sämtlichen Fenstern. Eine Frau blickte hinter einem Vorhang hinaus auf die Straße. Für einen Moment schien es Marafella, als würde die Frau sie sehen. Aber das war unmöglich. Plötzlich veränderte sich das zuvor strahlende Gesicht der Frau in eine ungläubige Grimasse. Ihre Augen weiteten sich und ihre komplette Körperhaltung schien sich in einem einzigen Ruck zu verkrampfen.

Marafella hörte den spitzen Schrei in ihrem Kopf widerhallen. Ebenso spürte sie die Menschentraube, die sich nur Minuten später um den Leichnam scharte. Alles ging so schnell. Es wurde hell, belebt, eng und hektisch. Marafella konnte das in sich aufsteigende Gefühl nicht zuordnen. Sie war sich allerdings sicher, dass sie kurz davor stand, das Bewusstsein zu verlieren.

Ein Engel, ganz besonders ein Seelensammler, wie sie einer war, konnte mit einer solchen Situation nicht umgehen. Die vielen hochkochenden Emotionen überforderten sie schlichtweg.

Marafella zwang sich zur Ruhe. Niemand konnte sie sehen oder ihre Anwesenheit spüren. Sie musste doch nur vor dem Mann stehen bleiben und darauf warten, dass seine Seele heraus gekrochen kam. Aber entgegen aller Regeln des Seelensammler-Handbuches passierte rein gar nichts.

Marafella kniete nieder. Sie streckte eine Hand aus und befühlte die kühle Haut des Mannes.

Auf ihre ebene Stirn verirrte sich zum ersten Mal eine tiefe Falte.

»Seine Seele ist fort«, wisperte sie. »Wie kann das sein?«

Wengodian hatte die Seele in einer Kugelflasche eingeschlossen. Mittlerweile pulsierte sie hellgelb, doch dank des pechschwarzen Glases, drang davon kaum etwas nach außen. Grimmig verzog der Seelenfänger die Mundwinkel. Er knurrte, und der Sabber lief ihm das Kinn hinab.

Seinen verkrüppelten Körper bewegte er in einer Mischung aus schlurfenden Schritten und grotesken Hüpfern vorwärts. Der gewaltige Buckel, den er erst seit einigen Jahren auf seiner linken Schulter trug, beeinträchtigte ihn zusätzlich. Beelzebub – die rechte Hand von Luzifer – hatte ihm diesen verfluchten Klumpen für ungebührliches Verhalten verpasst. Als Wengodian daran zurück dachte, hielt er kurz inne und spuckte aus.

Verdammter Mistkerl!

Jeden noch so winzigen Fehltritt bestrafte sein Meister mit einer weiteren körperlichen Grausamkeit. Solange, bis die Seelenfänger seinen Befehlen bedingungslos folgten. Schließlich war er, Beelzebub, der einzige, der in Sachen Seeleneinsammeln das Sagen hatte.

Wengodian humpelte weiter den dunklen, unterirdischen Gang entlang. Unterhalb des Erdbodens besaß er keinerlei besondere Fähigkeiten. Er musste sich voran schleppen, wobei das Gewicht der Seele allmählich zur Last wurde.

Warum plagte er sich nur damit herum?

Warum unternahm er schon wieder den Versuch, Beelzebub einen besonderen Dienst zu erweisen? Dabei hatte er sich nie wieder so unterwürfig verhalten wollen.

Das Gewicht des Buckels drückte seinen Oberkörper hinab, so dass Wengodian nach vorn gebeugt voran schlich. Die letzten Meter tastete er sich mit einer Hand an der Wand entlang.

Der lange und beschwerliche Weg von der Erde bis in die Tiefen der Hölle hinab war ganz und gar nicht gewöhnlich für einen Seelenfänger wie Wengodian.

Hätte er eine Seele auf die normale, vorher bestimmte Weise eingefangen, wäre er ohne große Umstände direkt an Beelzebubs Pforte gelangt. Doch nun, da er einen solchen Frevel begangen hatte, indem er eine gute Seele auf hinterhältige Weise gestohlen hatte, war er auch dazu verdammt, sich Stückchen um Stückchen voran zu kämpfen. Er quälte sich durch enge Felsvorsprünge, eine blubbernde Lavalandschaft und erreichte schließlich den Fährmann. Dessen leere Augenhöhlen schienen neugierig unter seinem weiten Kapuzenmantel hervor zu lugen. Er hob einen Arm und deutete mit einem seiner Knochenfinger auf ihn.

»Wohin so eilig, Verfluchter?«, fragte er.

»Zu IHM.« Wengodian knirschte mit seinen schiefen Zähnen, was ein grauenhaftes Geräusch verursachte.

»IHM?« Der Fährmann blickte ihn unverwandt an. Aus seinen tiefen Augenhöhlen leuchteten weder Leben noch Licht. Vielmehr war es vollkommene Ausdruckslosigkeit, die sein Knochengesicht preisgab.

»Nun, ich denke, es ist nicht an der Zeit, IHN zu stören«, fuhr er fort. »Sein nächster Termin ist in einer halben Stunde. Du solltest wissen, dass ER die Ruhe zwischendurch sehr schätzt.«

»Nicht jetzt. Jetzt ist keine Zeit für Ruhe.« Wengodian schob den Knochenmann kurzerhand beiseite und humpelte an ihm vorbei. »Ich erreiche ihn auch ohne deine Hilfe!«

Die Flasche in seinen Armen fühlte sich unendlich schwer an, so dass er beinahe versucht war, sie fallen zu lassen. Zudem zwang das Gewicht seines Buckels ihn in die Knie. Er beugte sich im Gehen weit mit dem Oberkörper hinab, stützte sich sogar mit einer Hand vom Boden ab. Immer weiter voran, das schäbige Lachen des Fährmanns im Nacken.

»Das wird nicht gut ausgehen, Verfluchter! Gar nicht gut.«

Wengodian ignorierte die Rufe, ebenso wie die körperliche Pein. Er würde es schaffen, sich bis zum Schluss die scheinbar endlose Strecke am Ufer der brodelnden Suppe entlang zu schleppen, die der Fährmann seinen Fluss nannte. Dieser Knochenkopf zwang ihn nicht in die Knie. Niemals!

»Na, schön«, hörte er es durch den Tunnel hallen, »geh zu IHM! Stürze uns alle ins Verderben …«

Ins Verderben! Wengodian spuckte aus. Was wollte der Fährmann denn damit schon wieder sagen?

Hinter einer Biegung endete der Fluss. Ein rauschender Strudel zog die Suppe in ein Loch. Als hätte man den Stöpsel in einer Badewanne gezogen. Wengodian schüttelte den Kopf über diesen billigen Trick.

Vor ihm tat sich nun ein von Fackeln gesäumter Höhlengang auf. Weit und dunkel, mit einem nicht zu erahnenden Verlauf.

»Verdammter Knochenkopf«, fluchte Wengodian.

Es mussten Stunden gewesen sein, die er durch die Hölle geirrt war. Wengodian hatte jedes Zeitgefühl verloren, war erschöpft und müde. Dinge, die einem Seelenfänger für gewöhnlich nicht passierten. Trotz seiner körperlichen Beeinträchtigungen steckte in ihm eine ungemeine Kraft. Die hatte er jedoch niemals auf derart ausgedehnte Spaziergänge trainiert. In diesem Moment fühlte er sich wie ein gebrechlicher Mensch mit morschen Knochen und puddinggleichen Muskeln.

War es womöglich die gestohlene Seele, die ihn derart beeinträchtigte?

Er schüttelte den Gedanken sogleich wieder ab. Während er sich weiter voran schleppte, starrte er die Flasche in seinen Händen an. Dumpf pulsierte das verblasste Leben in ihr. Es hörte sich an wie ein leises Lachen, gerade so als ob die Seele ihn auslachen würde.

Wengodian fühlte Wut in sich. Wut auf die Flasche und die Seele – vor allem aber auf sich selbst. Er war an einem Punkt angelangt, an dem er dieses grässliche Ding am liebsten gegen die nächste Felswand geschleudert hätte. In tausend Stücke sollte es zerspringen! Und er würde einen Freudentanz auf den Scherben aufführen. Oh ja, das würde er, grollte er in sich hinein.

Doch gerade in diesem Moment züngelten die Flammen der Fackeln an den Wänden in die Höhe. Funken fielen wie Wassertropfen herab und brannten schwarze Löcher in den Boden. Wengodians Füße sackten mit jedem Schritt ein Stück weiter ein und hinterließen tiefe Abdrücke. Rauchschwaden stiegen aus ihnen auf.

Die Hitze hüllte ihn ein, machte den Anschein, seine missratene Gestalt zuerst erdrücken und danach verschlingen zu wollen.

Ein Grinsen schlich sich in Wengodians zerfurchtes Gesicht. Sein Weg hatte ein Ende gefunden. Die Pforte zu Beelzebubs Reich würde jede Sekunde vor ihm auftauchen und ihm Einlass gewähren. Er konnte es bereits riechen. Der faulige Gestank hatte auf ihn die Wirkung eines Beruhigungsmittels, so dass er immer langsamer wurde, bis er schließlich stehen blieb.

Die Flasche mit der Seele hatte er die ganze Zeit über an seinen Oberkörper gepresst getragen. Nun lockerte sich sein Griff. Er streckte die Flasche vor sich in die Höhe, wie eine Trophäe, die er präsentieren wollte. Den Kopf hielt er dabei gesenkt.

Er wartete.

Sein Atem ging ruhig. Nur ein Röcheln, das er selten unterdrücken konnte, war zu hören und wurde echoartig von den Wänden zurück geworfen.

Die Flammen peitschten höher. Sie züngelten, tasteten sich nahe an Wendogian heran und schlossen sich letztlich in einem Kreis um ihn zusammen.

Der Seelenfänger lachte in einem Grollen auf, das die Höhle erzittern ließ. Selbst das Feuer schien sich von ihm einschüchtern zu lassen, denn die heißen Zungen wurden kleiner und kleiner, bis sie ihm nur noch bis knapp unterhalb der Hüfte reichten. Ihn zärtlich wie einen Liebhaber kitzelten.

Erst als sich vor Wengodian aus dem augenscheinlichen Nichts ein gewaltiges Tor abzeichnete und quietschend öffnete, erstarben die grässlichen Laute aus seinem Maul wieder.

Schnaufend trat er durch den Feuerring, der ihm nichts anhaben konnte, denn er liebte das Feuer – und das Feuer liebte ihn. So war es bei allen Höllenkreaturen.

Hinter dem Tor tat sich ein weitläufiger Raum auf. Der Boden erstreckte sich in einem Schachbrettmuster aus Granit und Spiegeln, und zu den Seiten ragten graue Felswände halbkreisförmig bis zum höchsten Punkt der Decke herauf. Dort – in der Mitte – verschmolz der Stein in einem seltsamen Gebilde, das wie ein böser Geist aus Spiegelaugen auf Wengodian hinab blickte.

»Wie nett«, brummte der Seelenfänger.

Das Betreten von Beelzebubs Reich brachte stets eine Überraschung mit sich, denn es sah niemals gleich aus. Es veränderte sich, passte sich dem Gemütszustand Beelzebubs an, und offensichtlich war er zurzeit guter Dinge. Das zeigten die vielen Spiegel. Diese mied er nämlich, sobald er über irgendetwas erzürnt war.

»Wengo«, hallte Beelzebubs Stimme durch den Raum. Die Spiegel am Boden vibrierten.

»Warum bist du hier?« Mit einem Mal stand er direkt vor dem Seelenfänger. Seine schlanke, hoch gewachsene Gestalt steckte in einem Anzug, der ebenso tiefschwarz war wie sein kurzes Haar. Einige Strähnen fielen in die Stirn seines fein geschnittenen Gesichts und verliehen ihm einen verwegenen Ausdruck.

»Meister«, heuchelte Wengodian, »ich bringe Euch ein Geschenk.« Er bückte sich, um die Flasche mit der Seele auf eines der Granitquadrate abzustellen. Durch das Glas war deutlich ein Pulsieren zu erkennen. Als erwache ein Herz im Inneren des Flaschenbauches und schlüge um sein Leben.

»Was um alle verfluchten Höllen ist das?!« Mit jedem Wort war Beelzebubs Stimme angeschwollen. Die Spiegel am Boden trübten sich dunkel und von dem bösen Geist am obersten Punkt der Decke regneten rot glühende Funken herunter.

Wengodian zog die Schultern zusammen. Er konnte die Reaktion seines Meisters nicht einordnen. Sollte sich Beelzebub nicht darüber freuen, von einem seiner treuesten Diener eine zusätzliche Seele praktisch auf dem Silbertablett serviert zu bekommen?

Unfähig, eine Antwort zu formulieren, stierte der Seelenfänger auf die Flasche.

»Eine zusätzliche Seele?«, las Beelzebub seine Gedanken. »Etwa gestohlen? – Woher?«

»D… d… der …«, stotterte Wengodian. Er konnte sich einfach nicht zusammen reißen. »Der Mann … d… der lag da. Vor meinen Füßen. Hatte einen Herzinfarkt. Hab mir seine Seele ein… einfach genommen. Das ist es doch, was ich tun soll. Seelen einfangen.«

»Aber doch nicht irgendwelche Seelen!« Blitzschnell schnappte sich Beelzebub die Flasche, öffnete den Verschluss und lauschte hinein. Ein unterdrücktes Schluchzen, ein Heulen und Seufzen rumorten darin. Eine verlorene Seele. Sie wusste nicht, wohin sie gehörte, denn Wengodian hatte sie ihrer Bestimmung entrissen.

»Du hast sie tatsächlich gestohlen!« Wut funkelte in Beelzebubs Augen. Schatten fielen auf die grauen Felsen um sie herum.

Wengodian machte einen Schritt zurück. Skurriler Weise fürchtete er in diesem Moment den Zorn seines Meisters, obwohl er sich keineswegs schuldig fühlte.

»Ja«, gab er endlich zu. »Ich habe einen Engel bestohlen. Eine dieser grässlichen Gestalten – viel zu weiß und viel zu strahlend. Und erst dieser Geruch von Lavendel, den sie überall verbreiten. Widerlich!« Er verzog sein ohnehin grauenhaftes Gesicht zu einer übertriebenen Fratze.

Beelzebub verschloss die Flasche und stellte sie wieder auf dem Boden ab.

»Das war nicht gut.«

»Nicht gut?«

»Nein. Das war erstaunlich dämlich von dir.«

Wengodian beobachtete, wie die Miene seines Meisters einen unbekannten Ausdruck annahm.

2.

»Was soll das heißen?!« Die kraftvolle Stimme von Rufus erfasste Marafella wie eine Sturmböe. Sie schwankte und zitterte, ging in die Knie und mühte sich um Halt. Doch die flauschigweichen Wände des Seelenaufseher-Büros waren viel zu durchlässig. Marafellas zarte Hände rutschten durch die Schichten, so dass sie schließlich stolperte und direkt vor Rufus zu Boden stürzte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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