The Ever Queen - Die Versuchung des Meeres - LJ Andrews - E-Book

The Ever Queen - Die Versuchung des Meeres E-Book

LJ Andrews

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Beschreibung

Sie stahlen seine Königin – dafür müssen sie mit ihrem Leben bezahlen ...

König Erik wurde verraten. Der Mann, dem er blind vertraute, will ihn vom Thron stürzen – und nahm ihm seine Königin. Erik schwört diejenigen zu vernichten die es wagten, Hand an sie zu legen. Während Livia über sich selbst hinauswachsen muss, um sich gegen ihre Entführer zur Wehr zu setzen, vollbringt auch ihr Geliebter Ungeahntes: Er verbündet sich mit dem Mann, den er aus tiefstem Herzen hasst. Seinem Erzfeind Valen Ferus – Livias Vater. Kein Preis ist dem Ever-König zu hoch, um seine Seelenverwandte befreien. Und, wieder mit ihr vereint, sein Königreich zu retten ...

Mit exklusivem Bonuskapitel!

Die Tropes Touch-Her-and-Die und Found Family treffen auf Fae-Romantasy mit faszinierendem Unterwasser-Setting – die Fortsetzung der »Ever Seas«-Reihe von SPIEGEL-Bestsellerautorin LJ Andrews!
Spice-Level: 3 von 5

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Seitenzahl: 714

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

König Erik wurde verraten. Der Mann, dem er blind vertraute, will ihn vom Thron stürzen – und nahm ihm seine Königin. Erik schwört diejenigen zu vernichten, die es wagten, Hand an sie zu legen. Während Livia über sich selbst hinauswachsen muss, um sich gegen ihre Entführer zur Wehr zu setzen, vollbringt auch ihr Geliebter Ungeahntes: Er verbündet sich mit dem Mann, den er aus tiefstem Herzen hasst. Seinem Erzfeind Valen Ferus – Livias Vater. Kein Preis ist dem Ever-König zu hoch, um seine Seelenverwandte zu befreien. Und, wieder mit ihr vereint, sein Königreich zu retten …

Autorin

Die SPIEGEL-Bestsellerautorin LJ Andrews ist bekannt für ihre düsteren Romantasy-Sagas, wie »The Broken Kingdoms« und »The Ever Seas«, die durch TikTok zum Bestseller-Phänomen geworden sind und millionenfach gelesen werden. Sie liebt dunkle, von nordischer Mythologie angehauchte Welten, die von Fae, Wikingern und vor allem unbeugsamen Love Interests bevölkert werden. Wenn LJ Andrews nicht schreibt, hält sie ihre vier Kinder im Zaum, verbringt Zeit mit ihrem heißen Ehemann oder wandert durch die Berge von Utah.

Von LJ Andrews bereits erschienen

Die »Broken Kingdoms«-Reihe:

Curse of Shadows and Thorns. Geliebt von meinem Feind

Court of Ice and Ash. Geliebt von meinem Feind

Crown of Blood and Ruin. Geliebt von meinem Feind

»Die Magie der Knochen«-Reihe:

Broken Souls and Bones – Feind. Beschützer. Geliebter

Die »Ever Seas«-Reihe:

The Ever King. Die Versuchung des Meeres

The Ever Queen. Die Versuchung des Meeres

LJ Andrews

The Ever Queen

Die Versuchung des Meeres

Roman

Deutsch von Maike Claußnitzer

Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel »The Ever Queen« bei Victorious Publishing, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright der Originalausgabe © 2024 by LJ Andrews

All rights reserved.

This edition published by Arrangement with VICTORIOUSPUBLISHINGLLC.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Susanne Kregeloh

Umschlaggestaltung und -motiv: © Anke Koopmann | Designomicon, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock (Damsea, Kristen Lee Design, Kaidevil Photo, maya-parf, Julia Raketic, Tsvetkov Maxim, Vac1, yod 67)

Karte: © Eric Bunnell

SH · Herstellung: fe

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33409-3V001

www.blanvalet.de

Für alle, die nicht mehr an sich halten können, wenn der Schurke flüstert: »Hallo, Süße …«

Er ist kein Mann,

wir packen an,

Schlaf gibt es auch zu wenig,

nur ein Seemannsgrab

fällt für uns ab,

wir dienen dem Ever-König!

The Ever King

Was bisher geschah

Willkommen zurück auf der Ever-See. Dieses Buch setzt unmittelbar an der Stelle ein, an der wir in The Ever King abgebrochen haben, aber nur zur Sicherheit folgen hier ein paar Einzelheiten, die ihr wissen müsst.

Valen Ferus, Erdwirker und König der Nachtvolk-Fae, tötete vor zwanzig Jahren Eriks Vater Thorvald. Der getötete Ever-König hatte zuvor eines der Familienmitglieder Valens angegriffen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass Erik als Gefangener der Erdfae misshandelt worden war, und das so sehr, dass er Narben zurückbehalten und eines seiner Beine für immer Schaden genommen hatte. Der Nachtvolk-König tötete den Ever-König zur Vergeltung für den Angriff.

Zehn Jahre nach Thorvalds Tod standen sich die Erdfae und die Meerfae in einem großen Krieg gegenüber, aus dem die Erdfae siegreich hervorgingen.

Ohne Wissen ihres Volkes schlich sich Livia Ferus, die Tochter des Erdwirkers, immer wieder zur Kerkerzelle des jungen Ever-Königs und las ihm Märchen über einen Singvogel und eine Schlange vor, die sich miteinander anfreundeten. Die Gefangenschaft des jungen Erik endete mit seiner Verbannung in das Ever-Königreich und der Errichtung von Barrieren und Schutzzaubern am Übergang zwischen den Welten, dem Schlund.

Weitere zehn Jahre vergehen, bis Livia diese Barrieren berührt und unwissentlich deren Wirkung gegen den Ever-König aufhebt. Erik und seine Mannschaft greifen die Festung der Erdfae an und entführen Livia, um sie als Druckmittel gegen den Erdwirker einzusetzen. Erik ist davon überzeugt, dass Valen Ferus eine verlorene magische Kraft des toten Königs Thorvald in seinem Besitz hat.

Livias Wildwut-Magie heilt die Erde, und sie beginnt so, eine über das Ever-Königreich hereingebrochene Plage zu kurieren, die als »Verdüsterung« bezeichnet wird. Bald findet Erik mithilfe seiner Großmutter Lady Narza, der Herrin der Meerhexen, heraus, dass die Kraft, von der er einst glaubte, sie hätte seinem verstorbenen Vater gehört, in Livias Blut strömt, nur nicht auf die Art, wie er erwartet hat.

Es stellt sich heraus, dass Livia nach einem der Abende, an denen sie Erik während seiner Gefangenschaft vorgelesen hat, versehentlich einen mächtigen Talisman zerbrochen hat und die Magie infolgedessen eine Herzensbindung zwischen der Erdfae-Prinzessin und dem jungen Ever-König geschaffen hat.

Durch ihr Bestreben, das Ever-Königreich zu heilen, findet Livia einen Platz unter den Meerfae. Sie schließt Freundschaft mit Celine Flutruferin, der einzigen Frau, die auf dem Ever-Schiff mitsegelt, und Sewell, dem Schiffskoch.

Gavyn Knochenmalmer (oder Gavyn Sucher, wenn man Erik fragt) ist der Herr des Hauses der Knochen und einer von Eriks engsten Vertrauten, abgesehen von seinem Cousin Tait, Celine und Larsson Knochenhüter. Gavyn und Erik planen, den Schlund wieder mit Schutzzaubern zu verschließen, um zu verhindern, dass Livias Leute bei ihren Versuchen, sie zurückzuholen, ums Leben kommen.

Je länger Erik und Livia miteinander zu tun haben, desto heftiger verlieben sie sich ineinander. Aber es gibt Leute, die den Ever-König verabscheuen. Attentäter versuchen, Erik zu töten und Livia entweder zu entführen oder ebenfalls zu ermorden, aber dank ihrer Herzensbindung überleben Erik und Livia den Angriff.

Als Gavyn, der Herr der Knochen, kurz darauf versucht, den Schlund durch einen Zauber wieder zu verschließen, gelingt es Livias Cousin Aleksi, sich an ihm festzuhalten, bevor dieser seine magische Fähigkeit einsetzt, sich in Wasser zu verwandeln. Aleksi wird durch die Strömungen des Schlunds so übel zugerichtet, dass er beinahe ums Leben kommt.

Erik nutzt seinen Heilgesang, um Aleksi zu retten, und Livia erfährt, dass er diese Gabe nicht zum ersten Mal eingesetzt hat. Während des Großen Krieges hatte Erik ihren sterbenden Onkel geheilt, um sich dem Erdfae-Krieger Stieg erkenntlich zu zeigen, der ihn beschützt hatte, als er als Kind gefangen genommen worden war.

Als der Hass sich allmählich in den Wunsch nach Einigkeit zwischen Erd- und Meerfae auflöst, legt Livia ihrem Cousin Aleksi ihre neue Stellung im Ever dar, in der Hoffnung, er werde Erik beistehen, wenn sie ihren Vater zu überzeugen versuchen, den Ever-König zu akzeptieren.

Um unter Beweis zu stellen, welchen Platz sie an seiner Seite einnimmt, setzt Erik Livia auf seinen Thron, um seinem Volk ihre Gleichberechtigung zu demonstrieren, und ernennt sie zur ersten Ever-Königin überhaupt.

Gemeinsam schmieden sie Pläne, wie sie nach ihrer Rückkehr zu Livias Volk als Königspaar die Erdfae und die Meeresreiche als Verbündete zusammenführen werden. Doch bevor sie die Segel setzen können, fällt Larsson ihnen allen in den Rücken. Er erweist sich als Eriks Halbbruder und beabsichtigt, um die Krone des Ever zu kämpfen. Livia wird von Larsson und einer anderen Person, die sie auf seinem Schiff wiedererkennt, entführt.

In dem verzweifelten Bemühen, Livia zu finden, sendet Erik Gavyn aus, um die Ever-See abzusuchen, und geht dann das Risiko ein, wieder durch den Schlund zu segeln und in das Land seiner Feinde zurückzukehren. Tait, Aleksi und Erik geraten in einen Hinterhalt, den Jonas, ein Prinz der Erdfae-Reiche, gelegt hat. Das Buch endet damit, dass Jonas Erik mitteilt, dass er vor Valen Ferus gebracht werden und den Tod finden wird.

Prolog

Jener Tag

Sein Ende würde unabänderlich sein.

Ehrlich gesagt hatte der Junge immer gewusst, dass seine Geschichte so verlaufen würde – das war nun einmal so, wenn man sich auf der Verliererseite eines Krieges wiederfand.

Sanfte Wellen plätscherten an das Ufer hinter dem Jungen. Krieger standen zwischen ihm und seinem Zuhause. Feuchter Sand klebte an der schmutzigen Hose, die seine blau geschlagenen Knie bedeckte, aber die Kühle des Meeres, die ihm gestattete, wieder zu atmen, verschaffte ihm etwas Erleichterung.

Die Nächte, die er zwischen den erdrückenden Steinwänden der grauenhaften Zelle verbracht hatte, waren vorüber. Jetzt würde er sich seinem Schicksal stellen.

An seiner Seite stand ein Junge, der wie er auf seine Bestrafung wartete. Ein Junge, den er eigentlich hätte hassen sollen. Aber er vermochte es nicht, den anderen jungen Meerfae vollkommen zu verabscheuen. Noch ein Scheitern, das er der Liste der Arten hinzufügen konnte, auf die er noch nicht der König war, den sein Vater gewollt hätte.

Der andere Junge, übel zugerichtet und schmutzig, war der Einzige von zu Hause, der ihm noch geblieben war.

Andere aus ihrem Reich waren auf ihren grellbunten Schiffen aus Knochen und weichem Holz und mit blauen Segeln geflohen. Sie waren in den tobenden Fluten verschwunden, kaum dass die Kämpfe vorbei gewesen waren.

Der junge König fürchtete die Leute am Ufer, fürchtete die Klingen an ihren Gürteln, das Blut unter ihren Fingernägeln. Aber noch verfügte er über ein wenig Macht: das Zucken in ihren Gesichtern, ihre abweisende Körperhaltung, die Art, wie sie den jungen König anstarrten, als könnte er im nächsten Augenblick um sich schlagen. Er fürchtete sie, aber zweifelsohne fürchteten die Fae der Erde ihrerseits den König des Meeres.

Während der junge König der Verkündung der Strafe lauschte, die von den Königen und Königinnen der feindlichen Reiche gegen den zweiten Meerfae verhängt wurde, schloss er die von Blutergüssen übersäten Finger um den neuen kleinen Anhänger. Das Mädchen hatte versucht, ihn als wertvoller zu beschreiben, als er war. »Silber« war ein zu hochgegriffener Ausdruck; die kleine Schwalbe war wohl eher aus weichem Zinn.

Doch von dem Moment an, in dem sein kleiner Singvogel durch die hohen Schachtelhalme davongerannt war, hatte der junge König sich an dieses Abschiedsgeschenk geklammert. Hass kochte wie das Gift in seinem Blut, und dennoch … Er konnte die Gedanken an den kleinen Vogel nicht abschütteln, der ihm in der dunkelsten Nacht großartige Geschichten erzählt hatte.

Ein Blick. Ein allerletzter. Der junge König konnte noch einen auf das Mädchen erhaschen, bevor er unter die Wellen verbannt wurde. Doch als er aufschaute, sah er stattdessen einen Feind vor sich, mitgenommen vom Krieg, aber den Tod verheißend und ganz in Schwarz gekleidet.

Die dunklen Augen eines Fae-Königs, der Felsgestein verformen konnte, musterten ihn, als würde die Nacht die Sonne verschlingen. Vielleicht würde das Ende für den Jungen keine Verbannung sein. Womöglich würde der Erdwirkerkönig giftiges Blut auf dem Sand vergießen, ohne lange nachzudenken.

»Du hast mich nicht zum Kampf gefordert, Junge«, sagte der feindliche König.

Die Herausforderung. Der einzige Zweck des Angriffs des Meerkönigs auf die Erdreiche. Wie ein Narr hatte er seinem Königreich Schande gemacht. Ein Augenblick der Weichherzigkeit, ein Heilgesang für einen sterbenden Feind, und der Junge hatte seine Chance vertan, die Macht seines Vaters, die er vor all den Umläufen verloren hatte, zurückzugewinnen.

»Die Gelegenheit ist mir durch andere Dinge genommen worden«, war alles, was der junge König sagte.

Die Furcht war da, aber er würde sie sich nicht anmerken lassen. In Ever-Königen war kein Platz für Schwäche. Also hob der Junge das Kinn und wartete auf den Schlag derselben dunklen, tödlichen Axt, die das Herz seines Vaters zerteilt hatte.

Ein angstvolles Schaudern lief ihm über den Rücken, als der Erdwirker sich auf ein Knie niederließ, sodass er sich Nase an Nase mit dem Jungen befand.

Warum sollte ein siegreicher König sich auf die Höhe des Besiegten herablassen?

Der Erdwirkerkönig hätte dem Jungen das Genick brechen können, aber er sprach die nächsten Worte in sanftem Ton, fast freundlich.

»Du könntest hierbleiben. Du wärst bei unserem Volk willkommen und könntest doch weiter deine Leute anführen, wenn du wolltest. Es gibt Könige und Königinnen hier, die dich anleiten könnten.«

Bleiben? Der Vater seines Singvogels, ein Feind, ein Mann, den zu töten er hergekommen war, wollte, dass er … blieb?

Schneller als eine Sternschnuppe am Nachthimmel erhaschte der Junge einen Blick über die Schulter des feindlichen Königs. Sie stand neben ihrer frostbleichen Mutter. Das Mädchen war in ein hübsches grünes Kleid gehüllt, und eine Goldkette zierte ihre zarten dunklen Locken. Ganz anders als die schlichten Nachthemden, die unter ihren zu weiten Pelzumhängen verschwunden waren, die sie getragen hatte, wenn sie sich zu seiner Zelle geschlichen hatte.

Saphirblaue Augen richteten sich auf seine, und der Junge spürte, wie sich etwas verschob. Etwas Festes schlug Wurzeln tief in seiner Brust, ein Gefühl, das er noch nie gekannt hatte.

Hierbleiben. Er konnte hierbleiben und mehr von ihren Geschichten hören, während … andere Könige ihn kontrollierten. Das war alles, was das hier war, eine Gelegenheit, eine neue Version von Harald oder Thorvald zu schaffen, ihn zu einem König nach ihrem Gefallen zu formen.

Die Zähne gebleckt, wandte der Junge sich wieder dem Feind zu.

»Ich weiß, was es zu bedeuten hat, wenn Könige einen anleiten, Erdwirker«, stieß er mit einem leisen Knurren hervor.

»Ich bin nicht dein Onkel, Junge. Auch nicht dein Vater.«

Götter, konnte er Gedanken lesen? Der Junge hielt den Atem an, unsicher, wie er weiter vorgehen sollte. Da senkte sein Feind, ein Mann, der ihm jetzt die Kehle hätte durchschneiden sollen, wieder die Stimme.

Der Erdkönig sprach jetzt noch sanfter, noch freundlicher als zuvor, als würde er das Geheimnis kennen und spüren, wie sehr der Junge sich zu dem kleinen Vogel hingezogen fühlte, der neben seiner Mutter stand. Als störte sich der Erdwirker nicht daran, wenn eine Seeschlange sich mit einem Singvogel anfreundete.

»Bleib, Erik Blutsänger«, sagte er. »Es gibt Leute hier, denen es besser gehen würde, wenn du es tätest.«

Noch einmal sah der Junge zu dem Mädchen hinüber. Besser. Würde es der Kleinen besser gehen, wenn er in ihrer Welt blieb? Das stand zu bezweifeln. Dennoch wollte der Junge zustimmen. Stärker als alles andere war in ihm der Wunsch, die Verachtung seines Vaters zu vergessen, den Hass zu vergessen und bei dem kleinen Vogel und dessen Geschichten zu bleiben.

Aber Hass war etwas Unberechenbares. Wollen und Wünsche konnten überdeckt werden, wenn Abscheu und Furcht einen im Griff hatten.

Der Junge wählte sein Ende. Er entschied sich, nicht dort zu bleiben, wo Singvögel ihren eindringlichen Gesang anstimmten. Er schwor Blut, als der Feind Frieden anbot. Der Junge sorgte dafür, dass der Erdwirker keine Wahl hatte, als ihn wegzusperren.

Als die Fluten sich über den Kopf des jungen Ever-Königs ergossen, wilde Strömungen ihn verschlangen und nach Hause zogen, dachte er an sie.

Er dachte daran, dass er eines Tages vielleicht eine Möglichkeit finden würde, die Geschichte zu beenden, die er auf dem Land seiner Feinde begonnen hatte. Er konnte sie von dem feindlichen König befreien, denn eines war ihm schon klar geworden: Sie gehörte nicht ihnen.

Sie würde immer ihm gehören.

1

Die Schlange

Für Livia.

Ihr Name ging mir bei jedem Tritt, jedem Schlag von den Erdfae-Kriegern durch den Kopf.

Ich musste für sie überleben. Ich musste aufs Ever-Schiff zurückkehren und sie finden. Alles, was ich tun musste, war, so lange durchzuhalten, dass Aleksi sich für mich einsetzen konnte.

Jonas, ein Prinz aus einem der Erdfae-Reiche, grinste mich höhnisch an, als seine Männer mir einen schmutzigen Lederfetzen in den Mund stopften. Ich schluckte gegen den muffigen Geschmack an, der mir vorkam, als hätte das Leder in einer schweißgetränkten Hose gesteckt, um dann unter der heißen Sonne getrocknet zu werden.

Jonas packte mich an den Armen und zerrte mich hoch. Feuer loderte in meinem Oberschenkel auf, als würde eine Flamme den Knochen verzehren.

»Gebt den Wachen am Ufer ein Signal«, befahl Jonas. »Es könnten noch mehr von diesen Dreckskerlen in den Fluten sein.«

Nur noch ein bisschen. Ein bisschen länger überleben.

Zwei Krieger stapften auf die Fallgrube zu, in die Aleksi und Tait gestürzt waren. Gleich würden sie bemerken, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Ich würde dem Erdwirker gegenübertreten – zur Not verdammt noch mal vor ihm auf die Knie fallen –, und wir würden zurück ins Ever segeln und meine Königin suchen.

Ich wehrte mich nicht, als Jonas zwei Kriegern befahl, mir die Hände zu fesseln. Ich wehrte mich auch nicht, als sie mich dorthin zerrten, wo eine Reihe von Erdhengsten ihre Reiter erwartete. Die Tiere sahen seltsam aus. Ich hatte sie schon früher zu Gesicht bekommen, aber anders als die Horthane des Ever schienen diese Wesen kaum in der Lage zu sein, in den Fluten zu schwimmen. Stumpfe Zähne, abgerundete Hufe und schlagende Schweife, die wie Fae-Haare aussahen.

»Henrik.« Jonas nickte einem Krieger zu. »Ich habe es mir anders überlegt: Lasst die anderen Meerfae noch eine Weile schmoren. Ich will, dass die Aufmerksamkeit voll und ganz dem König gilt.«

Der Krieger neigte den Kopf und blieb zehn Schritte von der Fallgrube im Hügel entfernt stehen. Scheiße. Sie ließen Aleksi zurück.

Von hier aus war das Rufen von Aleksis und Taits Stimmen zwar gedämpft zu hören, aber man verstand kein Wort. Vielleicht war es ein Zauber, ein Schicksalsfluch, aber sie klangen eher wie Männer, die etwas durch eine weit entfernte Tür riefen. Aleksis eigene Leute ahnten nicht, dass sie einen Prinzen in die Falle gelockt hatten. Einen Prinzen, dessen Stimme und Unterstützung ich dringend brauchte.

Ein Anflug von Panik schnürte mir die Brust zu. Durch den widerlichen Knebel in meinem Mund ächzte und protestierte ich. Jonas stieß nur giftgetränktes Gelächter aus, schwang sich auf sein Pferd und riss an der Fessel um meine Handgelenke. Ich stolperte bei dem Ruck.

Jonas beugte sich zu mir und kniff die Augen zusammen. »Halt dich aufrecht, Blutsänger.«

Ich war tot.

Der Prinz zog wieder an dem Strick, und ich hinkte vorwärts. Die Last eines erstickenden Scheiterns senkte sich mit jedem schlurfenden Schritt schwerer auf mich herab.

Was würde aus Livia werden, wenn ich sie nicht fand? Würde Gavyn sie finden? Vielleicht konnte er sie nach Hause bringen, sie aus den Fährnissen des Ever befreien. Sie konnte … in den Frieden zurückkehren, den ich zerstört hatte.

Ich hob das Gesicht zum Himmel. Die Sterne waren hier anders. Nur Allwanderer würde noch zu erkennen sein, aber er war hinter mir, schwebte über dem Meer.

Wenn ich nicht mehr da war, dann … dann, hoffte ich, würden die Götter mich vielleicht an beiden Himmeln leben lassen wie Allwanderer. So würde ich Livia immer sehen können.

Die Krieger behielten unbeirrbar eine Geschwindigkeit bei. Manchmal stolperte ich, und der Erdprinz wurde nicht langsamer, sondern befahl mir nur, aufzustehen und meine Schritte zu beschleunigen. Als wir endlich die unheilverkündenden Tore der Hauptfestung erreichten, war meine Stirn schweißbedeckt. Der Schmerz in meinem Bein war schon längst von einem Brennen in scharfe Stiche übergegangen, die alles taub werden ließen, als würden Nadeln in jede Pore gerammt.

Auf einem der Wachtürme stieß ein Krieger in ein gekrümmtes Horn. Die Prozession machte am Tor kurz halt, sodass ich Zeit hatte, durch den schweißgetränkten Lederklumpen Atem zu schöpfen.

Eiserne Ketten klirrten; dicke Stricke spannten sich und ächzten, als ein schweres Fallgatter von seinem Ruheplatz hochgezogen wurde, um den Kriegern Zugang zu gewähren.

Augen musterten uns, jede verdammte Bewegung, während wir uns hineinbewegten. Gemurmel folgte uns wie Schatten, als die Leute innerhalb der Mauern mich sahen und erkannten.

Vor dem breiten Türbogen, der in den großen Saal führte, blieben wir stehen.

Jonas schwang ein Bein über den Rücken seines Pferds und sprang auf den schmutzigen Boden. Er wandte sich zu einer Wache an der Tür. »Wo ist König Valen?«

»Im Turm, mein Gebieter.«

»Hol ihn. Sofort.«

Der Gardist wirkte erschrocken über den scharfen Ton des Prinzen. Ich konnte mir denken, dass er nicht oft so sprach. Bestimmt verhielten die meisten Erdfae sich anders als sonst, seit ich sie ihrer Prinzessin beraubt hatte.

Vor nicht allzu langer Zeit waren die Fenster festlich mit Bändern und Vorhängen geschmückt gewesen. Bei ihrem Maskenball hatten die Tische sich unter Bergen von zuckrigen Broten und klebrigen Süßigkeiten gebogen. Jetzt waren im Saal an die Stelle der Leckereien übel riechendes Bier, Schwerter und Schriftrollen mit schlecht gezeichneten Karten dessen getreten, was ich für ihre Version des Ever hielt.

Sie waren falsch gezeichnet. Durch reines Raten würden sie Livia nie aufspüren, und auf ihren schmalen Schiffen, die eher einer Seeschlange als einem Wasserfahrzeug ähnelten, würden sie niemals durch den Schlund gelangen.

Ich durfte hier nicht sterben, sonst würde auch sie sterben.

Ich wusste, dass Larsson töten konnte, und das erbarmungslos. Ich hatte genug gesehen, um ihm verdammt noch mal den Namen »Knochenhüter« zu verpassen.

Das Getuschel verstummte, als Jonas an dem Strick zog. »Wir haben Blutsänger!«

Mehr als ein Aufkeuchen ertönte. Klingen wurden vom Tisch gezogen. Mit einem kräftigen Stoß beförderte Jonas mich auf die Knie. Das Leder fiel mir aus dem Mund, und Gelächter stieg zu den Deckenbalken über uns auf.

Zwei Stiefel, abgewetzt und voller Schlamm, blieben vor mir stehen.

»Heb ihn hoch, Stieg«, rief jemand von hinten.

Der Mann kniete sich hin. Langsam hob ich den Blick, um den Krieger anzusehen.

Stieg hatte immer noch Narben am Kiefer, die aus seinem geflochtenen Bart hervorkrochen. Eine Narbe durchschnitt seine Augenbraue. Er hatte sie davongetragen, als er vor vielen Umläufen im selben Raum wie ich als Gefangener festgesessen hatte.

»Ich habe ihr nichts getan«, stieß ich mit einem schnellen Atemzug hervor. »Ich habe ihnen beiden nichts getan. Du musst mir zuhören …«

»Ich habe dich gewarnt«, sagte Stieg. Ein Hauch von Traurigkeit schwang in seinem Ton mit. »Ich kann dich jetzt nicht mehr beschützen, Ever-König.«

»Hör mir zu«, knirschte ich. »Euer Prinz sitzt in der Fallgrube im Hügel, Stieg.«

Dass ich seinen Namen aussprach, ließ ihn die Stirn runzeln. Stieg erhob sich und zog mich wieder auf die Beine. Er behielt meinen Arm im Griff und drehte mich zum Saal um, gab aber zwei Männern neben einem schmalen Türdurchgang einen Wink.

Als die Männer den Saal verließen, wagte ich zu hoffen.

Zwei Schritte entfernt trug Jonas immer noch ein boshaftes Grinsen zur Schau. Neben ihm stand jetzt ein Mann, der das gleiche Gesicht hatte wie er. Ein Bruder. Livia hatte erwähnt, dass es Zwillingsprinzen gab.

Aufgrund ihrer dunklen Magie verliefen schwarze Adern durchs Weiße ihrer Augen wie die dickste Tinte.

Rings um die Prinzen hielten Krieger ihre Klingen so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Männer, Frauen, sie alle musterten mich, als hofften sie, dass ihre Augen mir das Fleisch von den Knochen streifen würden. Dicht neben Jonas stand die Frau, die an dem Abend, an dem ich Livia entführt hatte, an ihrer Seite gewesen war.

Sie klopfte mit einem Dolch auf ihre zarte Handfläche. Runen waren in ihre Stirn, ihr Kinn und ihre Kehle tätowiert. Sie sah vielleicht am wildesten von allen aus.

Seitlich von mir prallten Türflügel gegen die Wände und ließen zwei Schilde von ihren Haken fallen. Im Saal herrschte so schlagartig Schweigen, als hätte sich eine Welle vom Ufer zurückgezogen.

Dort in der Tür stand der Erdwirkerkönig, Äxte in den Händen. Seine Schultern hoben und senkten sich unter schweren, zornigen Atemzügen. Seine Augen, in denen am Ende des Krieges Mitleid mit einem Jungen gestanden hatte, loderten nun vor Feindseligkeit, die ich förmlich schmecken konnte.

Bleib hier, Erik Blutsänger.

Der Mann, der auf der anderen Seite des Saals stand, hatte es nicht auf Frieden abgesehen. Er wollte Blut.

Seine schwarzen Augen waren rot gerändert und wirkten blutrünstig. Dunkles Haar fiel ihm ungekämmt und wild in die Stirn. War er während des Krieges noch ein König voller Macht und Würde gewesen, wirkte er jetzt eher wie eine Bestie als wie ein Mann.

Ich hatte keine Zeit, viel zu beobachten, bevor Valen Ferus, der Mörder meines Vaters, eine seiner Streitäxte aus schwarzem Stahl in seiner Hand herumwirbeln ließ. Seine langen Nachtvolkfae-Beine trugen ihn in weniger als zehn Schritten durch den Saal.

Stieg ließ mich im selben Moment los, in dem mein Rücken gegen die steinerne Wand prallte. Der Aufprall trieb mir die Luft aus der Lunge, und der Weg zurück hinein war ihr versperrt, als Valen mir die Kehle mit dem Axtgriff zusammenpresste.

»Wo ist sie?«, brüllte er mir ins Gesicht.

Seine Worte von vor langer Zeit gingen mir durch den Sinn. Bleib hier.

Ich war mir sicher, dass der Erdwirkerkönig dafür sorgen würde, dass ich nun für immer hierbleiben würde. Er würde alles tun, damit meine Knochen in diesem Land verstreut lagen, bis sie zu Staub zerfielen.

2

Der Singvogel

Die Luft war seltsam, mild und zu stark vom Duft nach Gewürzen wie Kardamom und nach Zitrusfrüchten erfüllt. Ich holte noch einmal tief Atem, suchte die klare Seeluft und die Hitze des leichten Winds in der Königsstadt.

Stöhnend bewegte ich mich auf einem breiigen Untergrund. Weich wie Moosbüschel unter meiner Wirbelsäule, aber Schmerz keimte in meiner Brust auf, als hätte jemand zu einem rostigen Nagel gegriffen und ihn mir durch den Körper gerammt, um mich festzuhalten.

Ich öffnete die Augen einen Spaltbreit. Meine Wimpern waren mit Salz verkrustet, ob nun von Tränen oder vom Meer, wusste ich nicht mehr. Um die Wahrheit zu sagen, konnte ich mich ein paar Atemzüge lang an kaum etwas erinnern, bis …

Larsson.

Ich riss die Augen auf und opferte meinen nassen Wangen ein paar angetrocknete Wimpern. Ich schoss hoch und rechnete halb damit, von eisernen Ketten oder einem Strick um den Hals zurückgerissen zu werden.

Beides war nicht da. Ringsum befanden sich Spitzbogenfenster, die offen standen und eine frische Brise einließen, in ein … Zimmer. Die runden Wände eines Turms verjüngten sich bis zu den kräftigen Balken eines Spitzdachs.

Wo zu den Höllen war ich?

Dicke grüne und goldene Vorhänge hingen um die vier kunstvoll geschnitzten Pfosten des Betts. Ein Webteppich in den Rosa-, Orange- und Blautönen eines Sonnenuntergangs über dem Meer bedeckte die groben Bodendielen, und ein Frisiertisch aus Kastanienholz, der mit silbernen Bürsten, Kämmen und Ölen, um die Haut zu parfümieren, ausgestattet war, stand an einer Wand.

Jemand hatte mich in ein dünnes, sauberes Hemd aus handgesponnener Seide gekleidet. Mein Haar lag als wirrer Zopf über meiner Schulter, als hätte ich mehr als einmal darauf geschlafen, sodass es gebürstet werden musste. Auf meiner Hüfte entdeckte ich blaue Flecken, die ich mir zugezogen hatte, als man mich auf das Deck von Larssons Schiff geworfen hatte.

Wie lange war es her, dass er mich entführt hatte?

Was für ein Spiel war das?

Ich hatte mit feuchten Zellen samt Pisse und Unrat um meine Füße gerechnet, vielleicht sogar damit, in der Anderswelt zu erwachen. Nicht mit einem luxuriösen Zimmer, das an meine Gemächer in der Blutroten Festung erinnerte.

Einen Moment lang ließ ich meine Füße über den Dielen verharren, als könnte eine schuppige, mit Zähnen bewehrte Kreatur daraus hervorschießen und zubeißen. Dann ließ ich sie fallen und wackelte mit den Zehen. Bruchstücke des Augenblicks, in dem ich aus der Königsstadt entführt worden war, setzten sich nach und nach zusammen.

Eine List. Larsson hatte mich aus den Gemächern des Königs gelockt, aber … Götter, Tait!

Der Herzwanderer, verblutend auf den steinernen Treppenstufen unweit der Landestege. Das Bild in meinem Gehirn war eindringlich, so echt und heftig, dass ich mir sicher war, sein Blut auf meiner Zunge schmecken zu können.

Ich ballte die Fäuste und presste sie mir gegen die Stirn. Tait, dieser ständig finster dreinsehende Dreckskerl. Ich hatte immer geglaubt, er würde mich verabscheuen, aber er hatte geahnt, dass etwas nicht stimmte, und hatte sich trotzdem auf die Suche nach mir gemacht. Er war gekommen, um mich zu beschützen.

Ich beugte mich über meine Knie, die Fingerspitzen vor meinem Mund aneinandergelegt. Warum war es Larsson?

»Brüder.« Das Wort glitt von meinen Lippen. Ich verkündete es leise dem leeren Zimmer. Mein Puls beschleunigte sich. Klar und giftig kehrte die Erinnerung zurück: Larsson hatte Erik als seinen Bruder bezeichnet.

Die Gerüchte, Thorvald habe noch ein Kind gezeugt, waren Erik gleichgültig gewesen; er war überzeugt gewesen, dass ein weiterer Sohn Thorvalds, wenn es ihn denn gegeben hätte, ihn längst herausgefordert hätte. Aber ich hatte es gespürt: Die seltsame Verbitterung, ein Anspruch auf ein verlorenes Geburtsrecht, lag unter der von der Verdüsterung verdorbenen Erde verborgen.

Bei den Göttern, wir hatten uns alle so täuschen lassen.

Ein kleines, unvertrautes Hohnlächeln hob meine Mundwinkel, eine schwache Hoffnung: Wenn Erik Larsson fand, würde er ihm das Fleisch von den Knochen ziehen, Bruder hin oder her. Diesmal stieß ich den dunkleren Rand meines Herzens nicht von mir, als er an die Oberfläche drängte.

Ich drückte mit den Daumen gegen meine Stirn, linderte den Schmerz in meinem Schädel und siebte weiter aus, was der Wahrheit widersprach und was mir noch nicht klar war. Larsson hielt sich für den wahren König, und da war er nicht der Einzige.

Ich ließ die Hände in den Schoß sinken. Meine Zähne klackten, als ich sie zusammenbiss. Andere halfen Larsson bei seinem Verrat, und je mehr der Nebel aus meinem Verstand schwand, desto deutlicher trat ein bestimmtes Gesicht hervor.

Das Klicken einer Klinke lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Bogentür auf der anderen Seite des Raums. Sternbilder waren in die Türflügel eingeschnitzt und teilten sich, als die Tür aufschwang. Ich hastete auf die andere Seite des Betts und hielt verzweifelt nach einer Klinge oder einem Holzsplitter Ausschau, irgendetwas, womit ich mich verteidigen konnte.

Ich hatte damit gerechnet, Larssons Gesicht im schwachen Licht zu sehen. Stattdessen begegnete ich dem strahlenden Blick einer Frau, die ich nicht kannte. Haar in der Farbe silbernen Zwielichts floss über ihren schlanken Rücken. Ihre Ohren liefen zu scharfen Spitzen zu und waren mit zierlichen Goldketten durchstochen. Aber es waren ihre Augen, die mich überwältigten. Hell wie ein flammender Stern, so blau, dass sie fast glühten.

Ihre vollen, dunkel geschminkten Lippen zuckten. »Du bist wach. Ich habe mich nicht darauf verlassen, dass die Meerhexe dich wirklich pflegen würde, also habe ich mir die Freiheit genommen, dich selbst mit einigen Heilkräutern zu versorgen.«

»Du arbeitest mit Fione zusammen«, stieß ich zähneknirschend hervor und suchte immer noch nach etwas Spitzem, um die Haut dieser Frau zu durchstechen.

An dem Tag, an dem Larsson mich entführt hatte, hatte mich ein porzellanhelles Gesicht auf dem Schiff empfangen. Die Meerhexe. Sie war hieran beteiligt. Zu welchem Zweck und in welchem Maße, wusste ich nicht. Die dunkleren Ränder meines Herzens sehnten sich danach, dass ich diejenige sein würde, die ihr Blut vergoss, wenn Erik Larsson abschlachtete.

»Ich arbeite für niemanden.« Die Art, wie die Frau den Raum betrat, glich einem sanften Tanz. Ihre Hände und Gesichtszüge wirkten zart, aber ihr Körper sah stark genug aus, um eine Klinge zu führen und mehrere Leute zu töten. »Um die Wahrheit zu sagen, finde ich die Meerhexe ziemlich langweilig. Vielleicht sogar ein bisschen widerwärtig.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wer bist du?«

Die Frau huschte zu einem der Fenster und zog die dünnen, schillernden Vorhänge beiseite. Mildes Abendlicht fiel ins Zimmer. Sie atmete ein, füllte ihre Lunge und stieß die Luft dann mit einem gezierten Seufzen wieder aus, bevor sie sich mir zuwandte. »Ich habe mehr mit dir gemeinsam, als du ahnst.«

Sie kam einen Schritt näher; ich wich einen Schritt zurück. »Larsson hat dich entführt?«

»Oh nein. Nicht direkt.« Silberringe schmückten jeden einzelnen ihrer Finger. Das Kerzenlicht fing sich darin, als sie mit den Händen wedelte. »Das hier ist mein Zuhause. Allerdings mag ich einige der Hausgäste nicht unbedingt.« Sie war seltsam ruhig, aber ein Anflug von Verärgerung funkelte hinter dem Blau ihrer Augen.

»Wo bin ich?«

»Im Palast von Natthaven.«

»Das erklärt nichts.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob es wichtig ist, alles zu erklären.« Sie verschränkte die Finger und kam näher, blieb in der Mitte des Zimmers stehen. »Mein Ehrgeiz ist es, dafür zu sorgen, dass man dir keinen Schaden zufügt. Ich habe in vielen Dingen keine Wahl, aber ich lasse keine sinnlosen Misshandlungen zu.«

Ich lächelte spöttisch. »Du redest, als sollte ich dir dankbar sein. Das bin ich nicht. Larsson Knochenhüter hat es darauf abgesehen, dem Ever-König, dem Mann, den ich liebe, zu schaden und seine Krone zu stehlen. Wenn du dich mit solch einem Feind gemein machst, bist du für mich keine Freundin.«

»Wenn er ein erstgeborener Erbe ist, stiehlt er die Krone dann wirklich, wenn er ein Anrecht darauf hat?«

»Erik Blutsänger hätte einen Bruder mit offenen Armen empfangen«, sagte ich. Mir brach die Stimme. »Wenn du und Larsson glaubt, dass irgendetwas von alldem hier nötig war, kennt ihr euren König nicht.«

Die Frau schnaubte. »Der Meerkönig ist nicht mein König.«

»Gut. Ich werde darauf achten, dich der Liste der Verräter hinzuzufügen.«

Ihre Lippen öffneten sich. Weiße Zähne blitzten auf. Es war kein grausames Lächeln, sondern sah fast so aus, als hätte ich etwas Lustiges gesagt. »Nein, er ist nicht mein König. Ich bin keine Meerfae.«

Ich musterte ihre Gesichtszüge. Sie sah durchaus nach einer Fae aus, aber sie hatte weder geschärfte Zähne noch von der See wettergegerbte Haut. »Nun, ich entstamme einem Königshaus der Erdfae. Ganz gleich, auf welcher Seite du stehst, du hast jemanden verraten, indem du mit Knochenhüter zusammenarbeitest.«

»Es sei denn, ich bin keine Fae.« Wieder sah sie sich um, suchte das Zimmer mit Blicken ab. »Ich habe dir doch schon gesagt, dass dieser Palast mein Zuhause ist. Es ist mir eine Ehre, eine andere Prinzessin kennenzulernen.«

»Königin«, stieß ich hervor. »Ich bin eine Königin.« Einen Moment lang hielt ich, die Fäuste geballt, den Atem an, aber dann entließ ich langsam die bittere Luft aus meiner Lunge. »Wenn du keine Fae bist, dann …«

»Du würdest uns Elfen nennen«, unterbrach sie mich. »Genauer gesagt entstamme ich dem Dokkalfar-Clan. Schattenelfen.«

Ich blinzelte. »Elfen?«

Dokkalfar. Elfen. An wie vielen Abenden hatten meine Mutter, mein Vater und meine Großeltern mir Geschichten über das von den Göttern auserwählte Volk vorgelesen?

Die Vorfahren der Fae.

»Kriege und Streitigkeiten zwischen anderen Ländern haben vor Tausenden von Umläufen dafür gesorgt, dass die Elfenclans sich in ihren eigenen fernen Winkeln niedergelassen haben, um ein friedliches Leben zu führen.« Die Frau lächelte und setzte sich auf die Bettkante. »Aber wir waren immer hier. Den Meerfae näher als deinem Volk, da auch wir auf Inseln in dunklen Meeren leben. Allerdings sind deine Leute auch die jüngste der Kulturen. Ihr wisst folglich am wenigsten über elfische Überlieferungen.«

Ich ließ mich auf der anderen Seite des Betts nieder, schob einen Fuß unter mein Bein und wandte mich ihr zu. Mein Puls beschleunigte sich. War sie gefährlich? Würde sie nach mir schlagen? Ich leckte mir die Lippen, die trocken wie heißer Sand waren, und sagte vorsichtig: »Wenn du eine Prinzessin der Elfen bist, warum stellst du dich dann auf die Seite von Larsson Knochenhüter?«

Die Frau konnte nicht älter als ich sein, aber aus ihren Augen sprach eine gewisse Schwermut, als wäre das Leben nicht immer gut zu ihr gewesen.

»Sind deine Wunden verheilt?« Die Elfe raffte ihr Kleid, kroch über die Matratze und machte es sich neben mir bequem, um einige Blutergüsse an meinem Hals in Augenschein zu nehmen.

Ich trat zurück. »Mir geht es gut. Du weichst meiner Frage aus.«

Die Miene gleichmütiger Stärke, die sie zur Schau trug, bekam Risse. Mit einem schweren Seufzen starrte sie auf ihre Hände und drehte einen ihrer Ringe an ihrem Mittelfinger. »Würdest du mir glauben, wenn ich dir sagen würde, dass mir der Gedanke, dass du leidest, nicht gefällt?«

»Angesichts der Tatsache, dass ich hier eingesperrt bin und du keine Anstalten machst, mich freizulassen, nein. Ich würde dir nicht glauben.«

Aufflammende Gefühle ließen das leuchtende Blau ihrer Augen mit dem Silber darin verschwimmen. »Man hat mir nicht unbedingt eine Wahl gelassen, als mich an die anzupassen, die sich gegen euch erhoben haben.«

»Du bist eine Gefangene hier?«

»Ich trage keine Fesseln, aber es hat seine Gründe, dass ich einen Anschlag gegen deinen König oder euer Königreich nicht verhindern kann.« Die Worte kamen ihr spitz über die Lippen. »Er ist schon lange vorbereitet, gut geplant, und es sind Übereinkünfte getroffen worden, um zu gewährleisten, dass er ausgeführt wird. Aber …« Sie schluckte. »… ich werde dafür sorgen, dass man dir nichts zuleide tut. Sie mussten einfach dafür sorgen, dass du vorerst vom Meerkönig ferngehalten wirst.«

»Und ich werde nie aufhören, darum zu kämpfen, zu ihm zurückzukehren.«

Sie zog ein langes Gesicht. »Komm mit, Fae. Ich würde dir gern Natthaven zeigen. Vielleicht könnte ich ein wenig mehr erklären.« Die Frau schritt zur Tür. Noch ein Innehalten, sobald sie nach der Klinke griff. »Ich frage mich, ob wir vielleicht einen Weg finden könnten, einander gegenseitig zu helfen.«

»Ich vertraue dir nicht.« Es hatte keinen Zweck, die Wahrheit nicht auszusprechen. Schließlich war es durchaus möglich, dass sie mich in eine Falle, in den Tod oder Larssons Blutdurst entgegenführen würde.

»Ich weiß.« Sie öffnete die Tür und bedeutete mir, ihr zu folgen. »Aber du wirst ohnehin deine Flucht planen, mit oder ohne mich. Wenn du jemals eine Chance haben willst, musst du verstehen, wo du bist und was dir im Weg steht.«

»Du … Du verhilfst mir zur Flucht?«

»Keineswegs.« Sie grinste über ihre Schulter. »Ich liefere dir Informationen, Fae. Was du mit ihnen anfängst, liegt ganz bei dir.«

3

Die Schlange

Nase an Nase. Ein Aufblitzen von hasserfülltem Rot in den Augen des Erdwirkers. Ich erinnerte mich an das, was Livia mir einmal erzählt hatte: In jungen Jahren hatte ihr Vater unter einem Blutrausch-Fluch gestanden. Sie hatte es klingen lassen, als wäre er mittlerweile davon befreit, aber als ich ihn jetzt ansah, war ich mir alles andere als sicher.

Valen würde mich erwürgen, bevor ich auch nur ein Wort hervorbringen konnte.

Klug von ihm; er wusste, was mein Blut anrichten konnte. Zweifelsohne war diese Methode ihm lieber, damit er zusehen konnte, wie das Licht aus meinen verdammten Augen schwand.

Valen übte stärkeren Druck auf seine Axt aus; die Qual, die mir ihr Griff bereitete, ließ mich die Lippen verziehen. »Nach allem anderen, Junge, war es dein größter Fehler, meine Tochter zu entführen. In dem Wissen, dass du auch meinem Sohn und meinem Neffen etwas angetan hast, werde ich dich in Form bloßer Knochensplitter in die Anderswelt schicken!«

Ich versuchte, den Kopf zu schütteln. Der Druck ließ schwarze Punkte wie Schwaden von Nachtnebel vor meine Augenwinkel wallen. Irgendwie gelang es mir, die Hand zu heben und sein Handgelenk zu packen. Verzweifelt rang ich darum, ihn von mir zu schieben. Valen kam noch näher. Sein Körper zitterte vor Zorn, vor Seelenqual, vor Angst.

»Nein«, stieß ich hervor. Es reichte nicht, aber ich bekam nicht genug Luft, um noch etwas zu sagen.

»Valen, er darf nicht sterben.« Eine schlanke Hand schloss sich um seinen Arm. Bei den Höllen, Livias Mutter. Sie zog am Arm ihres Mannes, die hellen Augen auf mich gerichtet, unbarmherzig wie zerklüftetes Eis. »Noch nicht.«

»Er darf, und er wird.«

Die Königin trat zwischen mich und ihren König. »Wir finden sie nicht, wenn er tot ist.«

Noch ein Herzschlag, zwei, dann wich der Erdwirker langsam zurück. Sein Körper versteifte sich, angespannt und hart, als würde bei jedem Schritt, den er sich von mir entfernte, heiße Qual in seinen Gliedmaßen toben.

Als sein Axtgriff sich endlich löste, brach mein Körper zusammen. Ich landete auf den Knien und rang nach Luft, den durchdringenden Geschmack von heißem Blut auf meiner Zunge. Galle stieg mir in die Kehle. Götter, ich würde mich auf seine verdammten Stiefel übergeben.

Ich atmete schnell durch die Nase ein und aus, bis die üble Mischung aus Blut und Magensäure sich beruhigte. Mit dem Handrücken wischte ich mir über den Mund. Ein roter Streifen blieb darauf zurück. Mehr als ein Erdfae keuchte auf und wich zurück.

Sogar der König und die Königin hielten mehr Abstand von mir.

Sie fürchteten mein Blut. Ich blinzelte und wischte mir die Hand an meiner Hose ab. Mein Bein brannte, als hätten die Knochen sich in flüssiges Feuer verwandelt, als ich mich auf meine Fersen sinken ließ. Aufzustehen, hätte mich als Bedrohung erscheinen lassen. Es würde mich zum Feind auf Augenhöhe machen.

Für Livia würde ich so lange wie nötig im Saal meiner Feinde auf den verdammten Knien liegen bleiben. Wo auch immer mein Vater in der Anderswelt sein mochte, ich hatte keinen Zweifel, dass er sich nun so sehr für mich schämte, dass er kochte.

Thorvald konnte mich am Arsch lecken.

»Ich habe ihnen nichts zuleide getan.« Die Worte ertönten als leises Krächzen, kaum verständlich, weil ich so schwer atmete.

Der Erdwirker legte den Kopf schief. Sein Gesichtsausdruck war wild, ungezügelt. Er ließ sich auf ein Knie nieder und hob mein Kinn mit der gebogenen Klinge seiner Axt an. »Gib sie mir zurück, Blutsänger, dann töte ich dich schnell. Für jeden Augenblick, den du es aufschiebst, füge ich deiner Folter noch einen Tag hinzu. Glaubst du, dein Blut macht mir Angst?« Er beugte sich dicht zu mir und senkte die Stimme. »Du hast mich schon gezwungen, meiner größten Furcht ins Auge zu sehen. Nichts an dir macht mir Angst.«

Als er die Axt wegriss, schlitzte sie mir die Haut auf. Ganz wie er gesagt hatte, zuckte der König beim Anblick meines Bluts, das auf die Bodendielen tropfte, nicht zurück. Der einzige Hinweis darauf, dass mein Blut ihm überhaupt unheimlich war, bestand darin, dass er einen Arm ausstreckte, um die Königin davor zu beschirmen, zu nahe heranzukommen.

»Ich habe ihr nichts getan«, schienen die einzigen Worte zu sein, die ich heiser hervorstoßen konnte.

»Dann gib sie zurück, Ever-König«, sagte die Königin, ihr Gesicht hart und lieblich wie polierter Marmor.

Über die Schulter von Livias Mutter fing ich den düsteren Blick eines breitschultrigen Fae mit ähnlich brauner Haut wie der Erdwirker und dem gleichen mitternachtsschwarzen Haar auf.

Ich würde nie das Gesicht von Aleksis Vater vergessen, der mich über den Körper seines Geliebten hinweg bedroht hatte, weil er nicht hatte glauben können, dass ich mich bereit erklärt hatte, den Sterbenden zu heilen.

Jetzt musterte Aleksis Vater mich mit widerstrebendem Hass. Ich hatte seinen Lebensgefährten gerettet, ihn aus seiner Sicht aber auch seines Sohnes beraubt.

»Sieh nicht meinen Bruder an. Er wird sich nicht mehr für dich einsetzen.« Valen beugte sich wieder dicht zu mir. »Indem du unsere Kinder entführt hast, hast du alles null und nichtig gemacht, was wir dir für das, was im Krieg geschehen ist, noch geschuldet haben.«

»Ich komme nicht, um zu kämpfen, König. Ich …«

»Wenn du hier bist, um ein Lösegeld auszuhandeln, wirst du es nicht bekommen«, fuhr er mich an. »Du wirst mir meine Tochter zurückgeben, und dann hole ich mir deinen Kopf.«

Valen versetzte mir einen Stoß gegen die Brust, der mich auf den Rücken stürzen ließ. Beim nächsten Atemzug drückte er mich schon nieder, ein Knie auf mein Herz gepresst.

Rufe ertönten in der Halle, zornig und scharf.

Ich hustete gegen das Gewicht des Königs an. Ich konnte geradezu sehen, wie alle vernünftigen Gedanken seinen Verstand verließen, während ein düsterer Wahn von ihm Besitz ergriff. Sein Gesichtsausdruck war wild, während er wahrscheinlich schon plante, jede einzelne meiner Narben neu aufzureißen und mir sämtliche Knochen aus dem Körper zu pflücken, bis ich nur noch aus Fleisch und vergossenem Blut bestand.

»Aufhören, Onkel Valen!«

Valen presste mich immer noch auf den Boden und hielt eine Klinge halb über meinem Schädel erhoben. Ich öffnete die Augen, wagte aber nicht zu atmen, weil ich mir sicher war, dass jede Bewegung den Blutdurst zurück in die Augen des Königs locken würde.

»Töte ihn nicht!«

Bei allen Göttern. Aleksi.

Der Prinz drängte sich durch die Menge, gefolgt von einer kleinen Einheit Krieger. Zwei von ihnen hielten Tait gepackt.

Seltsame Erleichterung keimte in meiner Brust auf, als ich das dreckverschmierte Gesicht meines Cousins sah. Tait legte den Kopf schief, wie um stumm nach den Schäden zu fragen, die man mir zugefügt hatte.

Ich war am Leben. Das war das Beste, worauf wir im Augenblick hoffen konnten.

»Aleksi!« Der Vater des Prinzen bahnte sich einen Weg durch die Leute.

Aus meinem Blickwinkel vom Boden aus entdeckte ich Jonas und seinen Bruder. Der Prinz, der noch vor wenigen Augenblicken grimmig und giftig gewirkt hatte, senkte den Kopf, verbarg sein Gesicht. Er schloss die Augen, und ich konnte mir denken, dass der Mann viel empfand.

Er wollte einfach nicht, dass jemand anders es ihm ansah.

Ich hob den Kopf gerade weit genug, um zu sehen, wie Aleksi seine langen Arme um seinen Vater legte und ihn fest an sich drückte. Er klopfte ihm auf den Rücken.

»Du lebst!« Sein Vater löste ihn von sich und schloss die Hände um das Gesicht seines Sohnes.

»Ich bin am Leben.« Der Prinz schenkte ihm ein Lächeln unter Tränen. »Wo ist Daj?«

»Im Norden. Er bewacht mit deinen Großeltern die Grenzen. Es … Es herrscht Chaos in den Reichen, seit du verloren gegangen bist.«

Aleksi runzelte die Stirn. Mein Inneres verkrampfte sich. Das erklärte, warum die Festung weniger streng bewacht war, als ich erwartet hatte. Die Krieger und die Angehörigen des Königshauses schienen weit verstreut zu sein. Warum? Was war hier vorgefallen?

Aleksi trat an seinem Vater vorbei. Sein Gesicht war mit Dreck, Schweiß und Haaren verschmiert, die an seinem von Bartstoppeln übersäten Kinn klebten. Er warf einen Blick auf mich am Boden und wandte sich dann dem Saal zu.

»Sind die Rave mittlerweile schon so verzweifelt, dass sie den Verstand verlieren?« Aleksi hob die Stimme, grimmig und rau. Er schritt auf Jonas zu, der ihn anblinzelte, bis Aleksi die Hand um seinen Hinterkopf legte und seine Stirn an seine eigene zog. »Benutz deinen Kopf, mein Freund.«

»Ich dachte, du wärst nicht mehr da«, flüsterte Jonas; ein schlichtes, atemloses Eingeständnis.

Aleksi tätschelte Jonas’ Hals von der Seite, umfasste dann den Arm von dessen Bruder und umarmte schließlich die Frau neben den beiden. Sie klammerte sich an Aleksi, ohne etwas zu sagen, aber ihre schlanken Schultern zitterten, als sie lautlos weinte.

Einen Blick auf ihr Leid zu erhaschen, häufte eine Last in meiner Brust auf, als würde ein schwerer Stein auf den anderen gestapelt. Verbitterung, Rachedurst und das einseitige Ziel, das sich mein düsterer Verstand gesetzt hatte, hatten Freunde und Familien entwurzelt. Sie hatten sich die trostlosesten Dinge ausgemalt, bis ihre vereinten Krieger gehandelt hatten, ohne erst strategisch zu planen.

Aleksi wandte sich an seinen Onkel. »Stell dir die Frage, warum Blutsänger nach dem, was er getan hat, ohne eine ganze Mannschaft an unsere Gestade kommen sollte. Töte ihn nicht, Onkel. Es wäre der schlimmste Fehler, den du in diesem Augenblick begehen könntest.«

Valen erhob sich, die Augen weit aufgerissen, als wäre er immer noch benommen vor Verblüffung. »Ich habe gesehen, wie du unter Wasser gezogen worden bist. Wie hast du den Schlund überlebt?«

»Dank ihm.« Er deutete in meine Richtung. Aleksi räusperte sich und hob wieder die Stimme. »Der Schlund hat mich in Stücke gerissen. Ich hätte nicht überlebt, wenn Erik Blutsänger mich nicht gerettet hätte. So, wie er meinen Vater gerettet hat.«

»Aleksi.« Sein anderer Vater packte ihn am Arm. »Du weißt Bescheid?«

»Ich habe immer Bescheid gewusst«, sagte Aleksi und wandte sich dann wieder dem Saal zu. »Seid die Krieger, die ich bewundere, und gebraucht eure verdammten Köpfe. Er ist nicht hier, um Blut zu vergießen, und hat es auch nicht verdient, dass seines vergossen wird. Nachdem ich das Ever-Königreich gesehen hatte, habe ich schnell herausgefunden, dass die Meerfae, so schmerzlich jene Nacht auch war, aus gutem Grund hergekommen waren.«

»Glaubst du etwa, dass mich seine Gründe kümmern? Wo ist sie?« Valen Ferus’ Geduldsfaden wurde mit jedem Herzschlag dünner.

Aleksi senkte den Kopf. »Livia war … Es ging ihr im Ever gut. Ich habe sie gesehen und mit ihr gesprochen. Aber das Ever wird angegriffen, und … ihre Feinde haben sie gefangen genommen.«

Ich hatte mich noch kaum auf die Beine gekämpft, als Valen Ferus schon wieder zu mir herumwirbelte. »Du hast meine Tochter verloren?«

Wenn er vorher noch gezögert hatte, mich zu töten, schien er jetzt voll und ganz dazu bereit zu sein.

»Es war ein Verrat, den keiner von uns hat kommen sehen«, sagte Aleksi. Eine seiner schlammverkrusteten Hände war gegen Valens Brust gepresst. »Livia ist von einem Freund von uns allen verraten worden.«

Einen Atemzug lang, dann noch einen, sprach niemand, bis Valen einen tiefen, verzweifelten Zornesschrei ausstieß. Er ließ eine Axt fliegen. Die Klinge drang in die Holzvertäfelung der Rückwand.

»Schafft ihn mir aus den Augen!«

Der König tobte, aber die Königin trat mit einem Schweigen auf mich zu, bei dem mir so kalt wurde, als bestünde sie aus Eis. Livias Mutter musterte mich mit unverwandter Aufmerksamkeit. Sie war vielleicht noch Furcht einflößender als der König. Ich konnte es zwar nur erahnen, aber es hätte mich nicht überrascht, wenn Livias Mutter sich darauf verstanden hätte, zu töten, ohne dass ihr Opfer auch nur bemerkte, dass es verwundet war.

»Bringt den Ever-König fort, während wir uns den Bericht unseres Prinzen anhören.« Die Königin beugte sich dicht zu mir; ihre Stimme war heiser. »Dann werden wir eine Entscheidung über sein Schicksal fällen.«

Es ging schnell. Fae-Wachen packten mich an den Armen, dann umstellten weitere Tait und schleiften uns beide zu einer Seitentür.

»Nein.« Zum ersten Mal leistete ich widerstand. Panischer Wahnsinn drang in mein Gehirn ein. »Wir haben keine Zeit dafür! Ich muss euch durch den Schlund führen. Verschwendet nicht aus reinem Hass auf mich eure Zeit. Sie wird dafür bezahlen!«

Der König und die Königin sahen mich nicht an, als wäre ich inzwischen nicht mehr als ein Gespenst im Saal.

Grausame, flammende Panik hatte meine Kehle im Griff. Wie lange würden die Erdfae mich in einer Zelle schmachten lassen, während Livia gefoltert, misshandelt oder, noch schlimmer, Larssons Machtwillen unterworfen wurde?

Die Wachen zerrten mich auf den Gang zu.

Aleksi redete hektisch auf seinen Onkel, seinen Vater, seine Tante und alle möglichen Leute ein. Sie murmelten etwas, das ich nicht verstehen konnte, und er stöhnte und schüttelte den Kopf.

Ein Wirbel entsetzlicher Möglichkeiten bemächtigte sich meines Verstands. Zu dem Zeitpunkt, als sie mich durch die Tür schleiften, war meine Stirn schweißbedeckt, und mein Bein tat weh, weil ich so heftig um mich getreten hatte.

»Götter, tut das nicht.« Es gelang mir, einem der Gardisten meinen Arm zu entwinden, und ich klammerte mich am Türrahmen fest. »König, bitte.« Mir brach die Stimme; ich wusste kaum noch, was ich sagte. »Sie braucht mich, damit ich sie finde; sie … sie braucht mich, damit ich sie daran erinnere, zu atmen.«

Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, dass Valen bei meinen Worten zusammenzuckte. Livias Mutter spähte über seine Schulter. Ihre hellen Augen wirkten wie von nassem Glas überzogen.

Die Tränen der Königin waren das Letzte, was ich sah, bevor die Tür vor meinem Gesicht zugeschlagen wurde und man mich aus dem großen Saal zerrte.

4

Der Singvogel

Flankiert von zwei Wachen mit silbernen Armschienen und blauen Tuniken, führte die Frau mich einen schmalen Gang entlang. Die zu Spitzbögen zulaufenden Deckenbalken über uns waren mit Satinbannern behängt, auf denen sonderbare Sternbilder im Licht glitzerten.

Meine Zehen berührten die gewebten Läufer kaum, stets bereit, davonzulaufen, immer im Herumwirbeln begriffen. Ich hielt Ausschau nach dem elenden Grinsen auf Larssons Gesicht, das ich noch vor Kurzem für freundlich gehalten hatte.

»Wir gehen allein weiter, Dorsan«, sagte die Frau zu dem Krieger zu ihrer Rechten. Sein Gesicht war jung, aber streng wie Stein.

Er neigte den Kopf, und auch der zweite Gardist blieb in der Tür stehen, gab für uns den Weg auf einen Waldpfad frei, der zwischen Gehölzen und Büschen hindurchführte.

Üppig grünende Zweige verflochten sich wie knotige Finger zu einem Kronendach. Glänzende schwarze Farne säumten den Pfad, gefangene Mitternacht mit den samtigen Blättern verwoben, und Holzstege schlängelten sich als wabenförmiges Netzwerk durch den Wald, Hänge hinauf und in Schluchten hinab.

Jeder Steg erhob sich auf Pfählen, die sich in Wasser ohne Strömung verloren. Auf der Oberfläche der stehenden Fluten sammelten sich wie Schaum grüne Blüten, bis das schwarze Wasser wie eine Wiese voller Gras wirkte.

»Wenn du dem Weg folgst …« Die Frau deutete landeinwärts, »… gelangst du ins Sumpfland. Schön, aber gefährlich, wenn du dich nicht an den Pfad hältst. Allerdings sind die Sonnenflügel so freundlich, die Stellen, auf die man gefahrlos treten kann, zu beleuchten, wenn sie einen ansprechend genug finden.«

»Sonnenflügel?«

Die Frau schnippte vor ihrem Gesicht mit den Fingern. »Winzige Insekten, die vor Gold glänzen. Recht schöne, aber durch und durch verdächtige kleine Dinger.«

Milchweiße Blüten wurden vom Wind herbeigeweht, eine Mischung von Süßem und Seide, die unter dem Salzgeruch des nahen Meeres fast unterging. Die sonst himmelblauen Fluten glommen im Licht der untergehenden Sonne wie Feuer.

»Du möchtest vielleicht fliehen«, flüsterte sie, »aber deine Feinde haben einen ziemlich unverwüstlichen Zauber gewirkt, während du geschlafen hast. Er bindet dich an ihre Gegenwart. Wenn sie also am Ufer bleiben, dann auch du. Ich versichere dir, dass die Anderswelt nach dir rufen wird, wenn du dich zu entfernen versuchst.«

»Genau das, was jemand sagen würde, der einen gefangen hält.« Ich wandte mich einem anderen Pfad zu, bereit, zwischen den Bäumen hindurch davonzulaufen.

Eine Hand schloss sich um meinen Arm. »Sei still. Ich bringe dich hin.«

Das musste ein Scherz sein, irgendein Trick, aber ohne Widerspruch schritt die Frau zwischen den Bäumen hindurch zum Ufer.

Ein Blick über meine Schulter, ein müder Atemzug, dann folgte ich ihr.

Als die Bäume dünner wurden und nur noch die stacheligen Blätter seltsamer Büsche mir die Knöchel zerkratzten, streckte meine seltsame Begleiterin einen Arm aus.

»Warte. Hier ist ein Bannzauber tief vergraben.« Sie griff nach einem knotigen Ast, der ins Laub gefallen war, und warf ihn über den Waldrand hinaus.

Sobald der Ast landete, verschlangen der Sand und die Kieselsteine ihn, bis nur noch ein spitzes Ende daraus hervorragte. Die Erde verhärtete sich, hielt den Ast an der Stelle gefangen.

Die Frau seufzte. »Ein Fallenzauber. Nicht tödlich, aber ich bezweifle nicht, dass die Meerhexe dir ein wenig grollt und dich in der Sonne schmoren lassen würde, wenn du in die Falle tappen solltest.«

Verzweiflung schnürte mir die Brust zu.

»Ich kann ihn nehmen«, sagte die Frau. »Das hier ist kein Blutzauber.«

»Ihn nehmen?«

»Ja.« Die Andeutung eines Lächelns umspielte ihre Mundwinkel. »Ich habe Möglichkeiten, Materie zu nehmen, wie ich möchte. Zauberwirken, Affinitäten … Alle Magie ist unsichtbare Materie. Wenn du meine Worte am Meer auf die Probe stellen willst, nehme ich den Zauber, damit wir hinüberkönnen.«

»Warum solltest du mir helfen?«

»Ganz ehrlich?« Die Frau strich mit den schlanken Händen die Falten in ihrem Kleid glatt. »All die Zauberei auf meiner Insel stört mich sehr. Wir können kaum einen Schritt machen, ohne dass uns Schlingen oder scharfe Kanten ins Fleisch dringen und versuchen, uns aufzuhalten. Und …« Ein weiteres Zögern. »… in meinem Herzen herrscht Unruhe. Die Erklärungen, die man mir dafür gegeben hat, dass du hier bist, befriedigen mich nicht.«

Vielleicht war ich naiv, was Kriegskunst, Kämpfe und Feinde betraf. Mein behütetes, von Liebe durchdrungenes Leben hatte mich selten in die Lage gebracht, mich mit Täuschungen von denen, die ich liebte, auseinanderzusetzen. Sie mochte lügen oder mich in eine Falle locken. Aber ihre Gesichtszüge strahlten eine gewisse Weichheit aus. Eine Regung in meinen Adern, Wildwutmagie oder Instinkt, riet mir, ruhig an ihrer Seite zu bleiben.

»Dann beweise deine Worte«, sagte ich. »Bring uns zum Ufer.«

»Halt still. Wir sind so nahe daran, dass du vielleicht in die Aufhebung hineingerätst.« Sie breitete die Finger über den Büschen und dem Sand aus.

Beim nächsten Atemzug war ich von Kälte umgeben, einem Windhauch wie Frost. Feuchte Tröpfchen legten sich wie ein Nebel über mein Gesicht, warfen mich hin und her, bis ich vornüber auf den Waldboden stürzte.

Ich hustete und setzte mich auf. Nichts schien sich verändert zu haben. Das Meer war immer noch fünfzig Schritte entfernt. Im Wald regte sich nichts.

»Er ist weg.« Hinter mir stand die Frau. Ihr Sternenlichthaar peitschte um ihr Gesicht. Ein Hauch von Nebel versickerte in den Linien ihrer Handflächen. Mit dem Kinn wies sie auf den Ast, den sie vorhin geworfen hatte.

Bei den Höllen! War er eben noch in verhärteter Erde versunken gewesen, lag er nun befreit, von weichem Sand überzogen, da, als wäre er gezielt so gelandet.

Ohne abzuwarten, traten wir zwischen den Bäumen hervor ans Ufer.

»Du hast den Bannzauber gebrochen?« Meine Frage war nur ein Flüstern, eher eine an mich selbst gerichtete laute Überlegung, aber die Frau nickte.

»Jetzt können wir ungehindert vom Wald ans Ufer gehen.« Die Frau schritt auf den Rand des Wassers zu. »Nun gut, beweise, was ich sage. Versuch es.«

Tief in meinem Hinterkopf wusste ich, wusste vernunftgemäß, dass sie die Wahrheit sagte. Man würde mir unter keinen Umständen gestatten zu fliehen. Dennoch konnte ich nicht widerstehen; es gab kein Risiko, das ich nicht eingegangen wäre, um zurück zu Erik Blutsänger zu gelangen. Ich rannte aufs Meer zu. Als das Wasser mir bis zu den Knien reichte, durchzuckte mich ein heftiger Schmerz.

Ich schrie und fiel hintenüber in die träge plätschernden Wellen.

Sanfte Hände schoben sich unter meine Achseln, hoben mich aus dem Meer. »Wie ich schon sagte, das Erste, was man getan hat, sobald du innerhalb der Grenzen von Natthaven warst, war, dafür zu sorgen, dass du sie nicht verlässt.«

»Dann nimm den Zauber weg, wie du es mit dem anderen getan hast. Bitte.«

Ein Schatten legte sich auf ihr Gesicht. »Blutzauber sind etwas ganz anderes. Sie werden immer mit Schmerz, Zorn, Grausamkeit und allerlei Bosheit entfernt. Auf die Art kann ich nichts wegnehmen. Diesen Bannzauber …« Sie wandte sich wieder dem Meer zu, »… wage ich nicht anzurühren.«

Ich schüttelte sie ab. Im flachen Wasser sitzend, zog ich die Knie an meine Brust und schrie – vor Schmerz, Wut, Verzweiflung. Alles davon stieg zu den rosafarbenen Wolken auf. Mit wundem Hals drehte ich mich zu der Frau um. »Warum tust du das? Lass mich gehen, und ich schwöre dir, dass du künftig die Loyalität des Ever genießen wirst. Wir werden dir helfen.«

Ohne sich an dem Wasser zu stören, setzte die Elfe sich zu mir. Ganz wie ich zog sie die Knie an ihre Brust. Fast freundschaftlich.

Sie betrachtete das blutrote Leuchten am Horizont, den letzten Überrest des Tages, während die purpurne Dämmerung mit den ersten Sternen schon höher am Himmel aufzog. »Natthaven ist eine friedliche Insel. Manche nennen es sogar das verschwimmende Eiland.«

»Warum das?«

»Die Insel kann mit dem Nebel verschwimmen.« Die Frau lächelte. Vor Stolz bildeten sich Fältchen um ihre Augenwinkel. »Eine Gabe der Götter, möchte ich glauben. Wenn wir bedroht werden, können wir unseren gesamten Clan in Sicherheit bringen. Oder, so nehme ich zumindest an, wenn wir … gezwungen sind, wegzuziehen …« Sie zögerte. Ihr Lächeln verblasste. Etwas an ihren letzten Worten schien ihr zu schaffen zu machen. »… wird Natthaven sich an einen anderen Ort verlagern.«

»Das Land selbst enthält Magie?«

»Tut das nicht jedes Land?« Sie legte den Kopf schief. »Man hat mir gesagt, dass deine magische Fähigkeit aus dem Erdboden kommt. Du hast in euren Reichen und am Meer Großtaten vollbracht. Ich möchte annehmen, dass Magie in allen Landen liegt.«

Ein boshaftes Lächeln umspielte meine Lippen. »Vielleicht zerstöre ich eure mit meiner Wildwut, wenn mich das von hier befreit.«

»Ich glaube, Natthaven wäre ziemlich gekränkt, wenn du das versuchen würdest. Du bist besser geeignet, die Sanftheit der Affinität in unserem Boden dazu aufzurufen, dir zu helfen, statt sie zu zerstören. Magie ist in allen Reichen launisch, nicht wahr? Wenn man sie beleidigt, bestraft sie einen nur zu gern für die Sünde. Das beweist die Plage, die über euer Meerkönigreich gekommen ist.«

»Woher weißt du das?« Ich schüttelte den Kopf. Eigentlich spielte es keine Rolle, woher sie es wusste. »Das war der Fluch einer Meerhexe, der außer Kontrolle geraten ist.«

»Ja, das ist wahr. In gewisser Weise«, sagte sie fast empört, »waren die Hexe und Larsson nicht auf die Konsequenzen ihrer düsteren Zauber vorbereitet. Wie ich schon sagte, erschaffen Blutzauber und dunkle Magie eine andere Art physischer Materie oder Rückstände. Die Plage, die ihr seht, ist ein abscheuliches Überbleibsel dessen, was getan worden ist, um uns in diesen Augenblick zu bringen.«

»Was ist getan worden?«

Die Frau musterte mich einen Atemzug lang. »Ich habe es dir schon gesagt, Fae. Das hier ist kein Angriff, der aus einer Laune heraus geführt worden ist. Er ist seit Umläufen geplant und ins Werk gesetzt worden, und das Meerkönigreich ist nicht so einfach zu stürzen. Es waren eindeutig düstere Zauber dazu nötig.«

Die Verdüsterung war machtvoll, ja beinahe schmerzhaft, wenn meine Wildwut in das hineinglitt, was getan worden war, um sie zu verursachen. Tod, Qual. Ich hatte gleich gemerkt, dass etwas im Boden zu mir sprach, wann immer ich mit meiner Wildwut tief vordrang. Es ergab einen gewissen Sinn, dass widerwärtige Magie grausame Rückstände hinterließ, die wehtaten.