Das Spiel (Gerald's Game) - Stephen King - E-Book

Das Spiel (Gerald's Game) E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Gerald und Jessie Burlingame haben sich in ihr einsames Sommerhaus zurückgezogen. Gerald möchte dem eintönigen Eheleben etwas Schwung verleihen und fesselt seine Frau ans Bett. Jessie hält gar nichts von den neuen Sexspielchen ihres Mannes und versetzt ihm einen Tritt – mit für ihn tödlichen Folgen. Mit Handschellen ans Bett gefesselt, beginnt für Jessie ein quälender Albtraum: Nachts bekommt sie unheimlichen Besuch ...

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Inhaltsverzeichnis
 
DAS BUCH
DER AUTOR
LIEFERBARE TITEL
 
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
 
Copyright
DAS BUCH
Jessie und Gerald Burlingame haben sich in ein abgeschiedenes Sommerhaus am Kashwakamak Lake im Westen Maines zurückgezogen, um dort ein extravagantes »romantisches« Wochenende zu verbringen. Gerald, ein erfolgreicher Anwalt, will die Ehe der beiden mit Fesselspielchen neu beleben. Jessie lässt sich auf das Spiel ein, aber als Gerald immer zudringlicher wird, während sie mit Handschellen ans Bett gekettet ist, bittet sie ihn, von ihr abzulassen. Er kommt ihrem Flehen nicht nach, weil er es offenbar als Teil des Spiels missversteht. Jessie weiß sich nicht anders zu helfen, als ihm einen Tritt zu versetzen – worauf er einen Herzinfarkt erleidet und tot neben dem Bett zusammenbricht. Niemand ist in der Nähe, der helfen könnte, und so ist Jessie, die sich nicht selbst befreien kann, ihrem Verderben ausgesetzt. Stunden des Horrors liegen vor ihr …
DER AUTOR
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Schon als Student veröffentlichte er Kurzgeschichten, sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Bei Heyne erschien zuletzt sein Bestseller Wahn und die Storysammlung Sunset.
LIEFERBARE TITEL
Sunset – Wahn – Love – Der Dunkle Turm – Brennen muss Salem – Sara – Cujo – Dead Zone/Das Attentat – Feuerkind
Dieses Buch ist voll Liebe und Bewunderung sechs guten Frauen gewidmet:
Margaret Spruce Morehouse
Catherine Spruce Graves
Stephanie Spruce Leonard
Anne Spruce Labree
Tabitha Spruce King
Marcella Spruce
Sadie riss sich zusammen. Unbeschreiblich war der Hohn ihres Gesichtsausdruckes oder der verächtliche Hass, den sie in ihre Antwort legte.
»Ihr Männer! Ihr gemeinen dreckigen Schweine! Alle seid ihr gleich, alle, alle! Schweine, nichts als Schweine!«
 
W. Somerset Maugham »Regen«
1
 
 
Jessie konnte die Hintertür leise, willkürlich im Oktoberwind, der um das Haus wehte, schlagen hören. Im Herbst war der Rahmen immer aufgequollen, und man musste der Tür wirklich einen Stoß versetzen, damit sie schloss. Dieses Mal hatten sie es vergessen. Sie überlegte, ob sie Gerald bitten sollte, die Tür zuzumachen, bevor sie zu sehr bei der Sache waren oder das Schlagen sie wahnsinnig machte. Dann dachte sie, wie lächerlich das unter den gegebenen Umständen wäre. Es würde die ganze Stimmung verderben.
Welche Stimmung?
Gute Frage. Und als Gerald den hohlen Kamm des Schlüssels im zweiten Schloss herumdrehte, als sie das leise Klicken über dem linken Ohr hörte, wurde ihr klar, dass die Stimmung zumindest für sie kaum erhaltenswert war. Darum hatte sie die offene Tür natürlich überhaupt erst bemerkt. Bei ihr hatte die sexuelle Erregung der Fesselspiele nicht lange angehalten.
Das allerdings konnte man von Gerald nicht sagen. Er hatte nur noch ein Paar Boxershorts an, und sie musste ihm nicht ins Gesicht sehen, um zu wissen, dass sein Interesse unvermindert anhielt.
Das ist albern, dachte sie, aber albern war nicht alles. Es war auch ein wenig beängstigend. Sie gab es nicht gern zu, aber es war so.
»Gerald, warum vergessen wir’s nicht einfach?«
Er zögerte einen Augenblick, runzelte die Stirn und ging dann weiter durchs Zimmer zu der Kommode, die links neben der Badezimmertür stand. Dabei hellte sich sein Gesicht wieder auf. Sie beobachtete ihn vom Bett aus, wo sie mit hoch erhobenen, gespreizten Armen lag und ein wenig aussah wie die angekettete Fay Wray, die in King Kong auf die Ankunft des Riesenaffen wartet. Ihre Hände waren mit zwei Paar Handschellen an die Bettpfosten aus Mahagoni gefesselt. Die Ketten ließen ihr etwa fünfzehn Zentimeter Bewegungsspielraum. Nicht gerade viel.
Er legte die Schlüssel auf die Kommode – zwei leise Klicks, ihre Ohren schienen für Mittwochnachmittag außerordentlich gut zu funktionieren – und drehte sich zu ihr um. Über seinem Kopf tanzten Sonnenwellen vom See und waberten an der hohen, weißen Decke des Schlafzimmers.
»Was meinst du? Es hat für mich viel von seinem Reiz verloren.« Und es hat von Anfang an schon nicht viel gehabt, fügte sie wohlweislich nicht hinzu.
Er grinste. Er hatte ein feistes rosa Gesicht unter einem spitzen rabenschwarzen Haaransatz, und dieses Grinsen hatte immer etwas Unangenehmes bei ihr ausgelöst, etwas, was sie aus irgendeinem Grund nicht mochte. Sie kam nicht genau darauf, was dieses Etwas war, aber …
Aber sicher kommst du darauf. Er sieht dumm aus. Man kann praktisch sehen, wie sein IQ für jeden Zentimeter, den dieses Grinsen breiter wird, zehn Punkte fällt. Bei maximaler Breite sieht dein tüchtiger Firmenanwalt und Ehemann aus wie ein Hausmeister der hiesigen Irrenanstalt an seinem freien Tag.
Das war gemein, aber nicht ganz unzutreffend. Aber wie sagt man seinem Mann, mit dem man fast zwanzig Jahre verheiratet ist, dass er beim Grinsen jedes Mal aussieht, als würde er an leichtem Schwachsinn leiden? Die Antwort war selbstverständlich einfach: gar nicht. Sein Lächeln dagegen war wieder etwas völlig anderes. Er hatte ein bezauberndes Lächeln – sie vermutete, dieses Lächeln, so warmherzig und gutmütig, hatte sie überhaupt erst dazu verleitet, mit ihm auszugehen. Es hatte sie an das Lächeln ihres Vaters erinnert, wenn dieser seiner Familie Amüsantes von seinem Tag erzählte, während er vor dem Essen einen Gin Tonic schlürfte.
Aber dies war nicht das Lächeln. Dies war das Grinsen oder jedenfalls eine Version davon, die er ausschließlich für solche Sitzungen zu reservieren schien. Sie hatte eine Ahnung, dass es für Gerald, der es nur von innen erlebte, ein wölfisches Grinsen war. Möglicherweise piratenhaft. Aber aus ihrer Warte, wie sie hier mit über den Kopf gestreckten Armen und lediglich einem Bikinihöschen bekleidet dalag, sah es nur dumm aus. Nein … schwachsinnig. Schließlich war er kein tollkühner Abenteurer wie die in den Männermagazinen, über die er die heftigen Ejakulationen seiner einsamen, übergewichtigen Pubertät ergossen hatte; er war ein Anwalt mit einem viel zu feisten rosa Gesicht unter einem spitzen Haaransatz, der sich unbarmherzig Richtung völliger Kahlheit hin verjüngte. Nur ein Anwalt mit einem Ständer, der die Vorderseite seiner Unterhosen deformierte. Und nur bescheiden deformierte, nebenbei bemerkt.
Aber die Größe seiner Erektion war nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war das Grinsen. Es hatte sich kein bisschen verändert, und das bedeutete, Gerald hatte sie nicht ernst genommen. Schließlich sollte sie sich sträuben; das gehörte ja gerade zum Spiel.
»Gerald? Es ist mein Ernst.«
Das Grinsen wurde breiter. Einige weitere dieser kleinen, harmlosen Anwaltszähne wurden sichtbar; sein IQ fiel wieder um zwanzig bis dreißig Punkte. Und er hörte immer noch nicht auf sie.
Bist du dir sicher?
Sie war es. Sie konnte ihn zwar nicht lesen wie ein Buch – sie schätzte, dass mehr als siebzehn Jahre Ehe dazu gehörten, das zu bewerkstelligen -, aber sie dachte, dass sie normalerweise eine ziemlich gute Vorstellung von dem hatte, was in seinem Kopf vor sich ging. Sie fand, etwas wäre ernsthaft daneben, wenn es nicht so wäre.
Wenn das stimmt, Süße, wieso kann er dich dann nicht lesen? Wieso sieht er nicht, dass dies nicht nur eine neue Szene in derselben alten Sex-Farce ist!
Jetzt war es an ihr, ein wenig die Stirn zu runzeln. Sie hatte schon immer Stimmen in ihrem Kopf gehört – sie vermutete, das ging allen so, obwohl die Leute normalerweise nicht darüber sprachen, ebenso wenig wie über die Funktion ihrer Eingeweide – und die meisten davon waren alte Freunde, so vertraut und angenehm wie ihre Hausschuhe. Diese indessen war neu … und sie hatte nichts Angenehmes an sich. Es war eine kräftige Stimme, jung und lebhaft. Außerdem hörte sie sich ungeduldig an. Und nun war sie schon wieder da und beantwortete ihre eigene Frage.
Es ist nicht so, dass er dich nicht lesen kann; es ist nur so, Süße, dass er es manchmal nicht will.
»Gerald, wirklich – mir ist nicht danach. Hol die Schlüssel her und mach mich los. Wir machen etwas anderes. Ich setz mich auf dich, wenn du willst. Oder du kannst dich einfach hinlegen, die Hände hinter dem Kopf verschränken, und ich mach es dir, du weißt schon, auf die andere Art.«
Bist du dir sicher, dass du das willst?, fragte die neue Stimme. Bist du dir wirklich sicher, dass du überhaupt Sex mit diesem Mann willst?
Jessie machte die Augen zu, als könnte sie die Stimme dadurch zum Schweigen bringen. Als sie sie wieder aufschlug, stand Gerald am Fußende des Betts, und die Vorderseite seiner Unterhose stand wie ein Schiffsbug ab. Sein Grinsen war noch breiter geworden und entblößte die letzten Zähne – die mit den Goldplomben. Nicht nur, dass sie dieses dumme Grinsen nicht mochte, stellte sie fest; sie verabscheute es geradezu.
»Ich werde dich loslassen … wenn du sehr, sehr lieb bist. Kannst du sehr, sehr lieb sein, Jessie?«
Wie witzig, merkte die neue Ohne-Scheiß-Stimme an, äußerst witzig.
Er hakte die Daumen in den Bund seiner Unterhose wie ein alberner Revolverheld. Die Boxershorts rutschten ziemlich schnell nach unten, sobald sie einmal über seinen nicht gerade unscheinbaren Rettungsringen waren. Und da war es nun. Nicht das formidable Instrument der Liebe, das ihr erstmals als Teenager auf den Seiten von Fanny Hill begegnet war, sondern etwas Kümmerliches und Rosiges und Beschnittenes – vierzehn Zentimeter vollkommen unspektakulärer Erektion. Vor zwei oder drei Jahren hatte sie während einer ihrer unregelmäßigen Ausflüge nach Boston einen Film mit dem Titel Der Bauch des Architekten gesehen. Sie dachte: Genau. Und jetzt sehe ich den Penis des Anwalts. Sie musste sich innerlich auf die Wangen beißen, um nicht zu lachen. In diesem Augenblick zu lachen wäre politisch unklug gewesen.
Da kam ihr ein Gedanke, und der massakrierte jeden Drang zu lachen. Es war folgender: Er wusste nicht, dass sie es ernst meinte, weil für ihn Jessie Mahout Burlingame, Frau von Gerald, Schwester von Maddy und Will, Tochter von Tom und Sally, Mutter von niemand, eigentlich gar nicht da war. Sie war mit dem leisen, stählernen Klicken der Handschellenschlösser verschwunden. Die Abenteuermagazine aus Geralds Teenagerzeit waren einem Stapel Pornoheftchen in der untersten Schublade seiner Kommode gewichen, Heftchen, in denen Frauen, die Perlen und sonst nichts trugen, auf Bärenfellen knieten, während Männer mit Sexapparaten, neben denen der von Gerald im Vergleich wie eine maßstabgetreue Miniatur wirkte, sie von hinten nahmen. Am Ende dieser Heftchen, zwischen Anzeigen für Telefonsex mit 900er Nummern, fand sich Werbung für aufblasbare Frauen, die angeblich anatomisch korrekt waren – eine bizarre Vorstellung, wenn Jessie je von einer gehört hatte. Jetzt musste sie an diese luftgefüllten Puppen denken, an ihre rosa Haut, die faltenlosen Trickfilmkörper und konturlosen Gesichter, und empfand eine Art staunender Offenbarung. Es war kein Entsetzen – noch nicht -, aber ein grelles Licht flammte in ihrem Inneren auf, und die Landschaft, die es erhellte, war eindeutig furchteinflößender als dieses dumme Spiel oder die Tatsache, dass sie es dieses Mal im Sommerhaus am See spielten, allerdings lange nachdem sich der Sommer wieder für ein Jahr verabschiedet hatte.
Das alles hatte ihr Gehör nicht im Geringsten beeinträchtigt. Jetzt zum Beispiel hörte sie eine Motorsäge, die in einiger Entfernung im Wald schnarrte – möglicherweise fünf Meilen entfernt. Nicht so weit weg, über dem Hauptausläufer des Kashwakamak Lake, schmetterte ein Eistaucher, der seinen jährlichen Flug nach Süden säumig antrat, seinen irren Schrei in die blaue Oktoberluft. Noch näher, irgendwo hier am Nordufer, bellte ein Hund. Es war ein hässlicher, würgender Laut, aber Jessie fand ihn seltsam tröstlich. Er bedeutete, dass noch jemand hier oben war, Mitte der Woche und Oktober hin oder her. Sonst war nur noch die Tür zu hören, die haltlos wie ein alter Zahn in verfaultem Zahnfleisch gegen den aufgequollenen Rahmen schlug. Sie dachte, wenn sie sich das noch lange anhören musste, würde sie verrückt werden.
Gerald, der mittlerweile bis auf die Brille nackt war, kniete sich aufs Bett und kam auf sie zugekrochen. Seine Augen glänzten immer noch.
Sie hatte eine Ahnung, dass dieser Glanz sie veranlasst hatte, das Spiel weiterzuspielen, nachdem ihre anfängliche Neugier schon längst befriedigt war. Es war Jahre her, seit sie so viel Hitze in Geralds Blick bemerkt hatte, wenn er sie ansah. Sie sah nicht schlecht aus – es war ihr gelungen, die Pfunde fernzuhalten, und ihre Figur war weitgehend wie früher -, aber Geralds Interesse hatte trotzdem nachgelassen. Sie vermutete, dass der Fusel teilweise die Schuld daran trug – er trank wesentlich mehr als am Anfang ihrer Ehe -, aber sie wusste, dass es nicht ausschließlich am Fusel lag. Wie ging noch gleich das alte Sprichwort, wonach Vertrautheit die Mutter der Gleichgültigkeit war? Das sollte auf Männer und Frauen, die sich liebten, eigentlich nicht zutreffen, zumindest nicht den romantischen Dichtern zufolge, die sie im Grundseminar Englische Literatur gelesen hatte, aber in den Jahren seit dem College hatte sie feststellen müssen, dass es gewisse harte Tatsachen des Lebens gab, über die John Keats und Percy Shelley nie geschrieben hatten. Aber freilich waren die auch ziemlich jung gestorben – jedenfalls jünger als sie und Gerald jetzt waren.
Und das alles spielte hier und jetzt überhaupt keine Rolle. Eine Rolle spielte möglicherweise nur, dass sie dieses Spiel länger, als sie wirklich wollte, mitspielte, weil ihr der heiße Glanz in Geralds Augen so gefallen hatte. Sie fühlte sich jung und hübsch und begehrenswert. Aber …
… aber wenn du wirklich gedacht hast, dass er dich sieht, wenn er diesen Glanz in den Augen hat, Süße, dann hast du dich getäuscht. Oder hast dich täuschen lassen. Und jetzt musst du dich vielleicht entscheiden – wirklich, wirklich entscheiden -, ob du diese Demütigung weiter auf dich nehmen willst. Denn fühlst du dich nicht genau so? Gedemütigt?
Sie seufzte. Ja. Das kam hin.
»Gerald, es ist mein Ernst.« Sie sprach jetzt lauter, und zum ersten Mal flackerte der Glanz in seinen Augen ein wenig. Gut.
Es schien, als könnte er sie doch hören. Demnach war vielleicht doch alles in Ordnung. Nicht toll, es war lange her, seit alles, wie man sagen könnte, toll gewesen war, aber in Ordnung. Dann erschien der Glanz wieder, und einen Moment später folgte das idiotische Grinsen.
»Ich werde dich lehren, stolze Schönheit mein«, sagte er. Das sagte er wahrhaftig, und er sprach Schönheit wie ein Gutsbesitzer in einem schlechten viktorianischen Melodram aus.
Dann lass ihn gewähren. Lass ihn einfach gewähren, und bring es hinter dich.
Das war eine Stimme, die ihr weitaus vertrauter war, und sie hatte die Absicht, ihrem Rat zu folgen. Sie wusste nicht, ob Gloria Steinham das billigen würde, und es war ihr einerlei; der Rat besaß die Attraktivität des durch und durch Praktischen. Lass ihn gewähren, und du hast es hinter dich gebracht. q. e. d.
Dann streckte er die Hand aus – seine weiche Hand mit den kurzen Fingern, deren Haut so rosa war wie die auf der Spitze seines Penis – und berührte ihre Brust, und da zerriss plötzlich etwas in ihr wie eine überlastete Sehne. Sie stieß Hüften und Rücken ruckartig nach oben und schüttelte seine Hand ab.
»Hör auf, Gerald. Mach diese albernen Handschellen los, und lass mich aufstehen. Das macht schon seit letzten März keinen Spaß mehr, als noch Schnee auf dem Boden gelegen hat. Ich fühle mich nicht sexy, ich komme mir nur lächerlich vor.«
Dieses Mal hatte er sie gehört. Sie sah es daran, dass der Glanz in seinen Augen mit einem Mal wie eine Kerzenflamme bei starkem Wind erlosch. Sie vermutete, dass es die beiden Wörter albern und lächerlich waren, die ihn schließlich erreicht hatten. Er war ein dicker Junge mit starken Brillengläsern gewesen, ein Junge, der seine erste Verabredung mit achtzehn gehabt hatte – ein Jahr nachdem er eine strikte Diät angefangen und ein Training absolviert hatte, um das wuchernde Fett zu ersticken, bevor es ihn ersticken konnte. Und seit seinem Eintritt ins College war Geralds Leben »mehr oder weniger unter Kontrolle«, wie er sich ausdrückte (als wäre das Leben – sein Leben zumindest – ein bockender Hengst, den er auf Befehl zähmen konnte), aber sie wusste, die Jahre auf der Highschool waren ein einziger Horror gewesen, der ihm ein tief verwurzeltes Erbe von Selbstverachtung und Argwohn gegenüber anderen hinterlassen hatte.
Sein Erfolg als Firmenanwalt (und die Ehe mit ihr; sie glaubte, dass auch das einen Teil dazu beigetragen hatte, möglicherweise sogar den entscheidenden) hatte sein Selbstvertrauen und seine Selbstachtung weiter gestärkt, aber sie vermutete, dass manche Alpträume nie richtig zu Ende gingen. In einem tief verborgenen Teil seines Verstands verpassten die Schulschläger Gerald immer noch Knüffe im Klassenzimmer, lachten immer noch über Geralds Unvermögen, mehr als Mädchenliegestütze im Turnunterricht zu machen, und es gab Wörter – albern und lächerlich zum Beispiel -, die das alles ins Gedächtnis zurückriefen, als wäre es gestern gewesen … vermutete sie. Psychologen konnten in mancher Hinsicht unvorstellbar dumm sein – beinahe absichtlich dumm, so schien es ihr häufig -, aber sie fand, was die schreckliche Beharrlichkeit einiger Erinnerungen anlangte, trafen sie genau ins Schwarze. Manche Erinnerungen hafteten am Gedächtnis eines Menschen wie bösartige Blutegel, und bestimmte Wörter – albern und lächerlich zum Beispiel – erweckten sie unverzüglich zu zuckendem, fiebrigem Leben.
Sie wartete auf einen Stich der Scham, weil sie so unter die Gürtellinie gezielt hatte, und war erfreut – vielleicht sogar erleichtert -, als kein Stich kam. Ich glaube, ich habe es einfach satt, etwas vorzugeben, dachte sie, und dieser Gedanke führte zu einem weiteren: Sie hatte vielleicht ihre eigene sexuelle Speisekarte, und wenn ja, stand diese Sache mit den Handschellen eindeutig nicht darauf. Sie gaben ihr ein Gefühl der Erniedrigung. Die ganze Vorstellung gab ihr ein Gefühl der Erniedrigung. Oh, eine gewisse unbehagliche Erregung hatte die ersten paar Experimente begleitet – und bei einigen Gelegenheiten hatte sie mehr als nur einen Orgasmus gehabt, was bei ihr eine Seltenheit war. Dennoch gab es Nebenwirkungen, auf die sie gerne verzichten konnte, und das Gefühl, erniedrigt zu werden, war nur eine davon. Zu Beginn hatte sie nach jeder Version von Geralds Spiel Alpträume gehabt. Sie war jedes Mal schweißgebadet und stöhnend daraus erwacht, hatte die Hände fest in die Gabelung ihres Schritts gepresst und zu Fäusten verkrampft. Sie konnte sich nur an einen dieser Träume erinnern, und die Erinnerung war vage, verschwommen: Sie hatte nackt Krocket gespielt, und mit einem Mal war die Sonne erloschen. Dann hatte eine Hand sie angefasst, und eine grässliche, furchteinflößende Stimme hatte aus der Dunkelheit gesprochen: Liebst du mich, Punkin?, hatte sie gefragt, und das Schrecklichste an dieser Stimme war gewesen, dass sie so vertraut klang.
Vergiss es, Jessie, über all das kannst du an einem anderen Tag nachdenken. Im Augenblick ist nur wichtig, dass du ihn dazu bringst, dich loszumachen.
Ja. Denn dies war nicht ihr Spiel; dieses Spiel war seines ganz allein. Sie hatte einfach nur mitgespielt, weil Gerald es von ihr wollte. Aber das genügte nicht mehr.
Der Eistaucher ließ wieder seinen einsamen Ruf über den See erschallen. Geralds albernes Grinsen der Vorfreude war einem Ausdruck von Verdrossenheit gewichen. Du hast mein Spielzeug kaputt gemacht, du Flittchen, sagte dieser Blick.
Jessie musste an das letzte Mal denken, an dem sie den Blick deutlich vorgeführt bekommen hatte. Im August war Gerald mit einem Hochglanzprospekt zu ihr gekommen, hatte ihr gezeigt, was er wollte, und sie hatte Ja gesagt, selbstverständlich konnte er einen Porsche kaufen, wenn er einen Porsche wollte, leisten konnten sie sich einen Porsche auf jeden Fall, aber es wäre besser, wenn er Mitglied im Forest Avenue Health Club wurde, was er seit zwei Jahren versprach. »Im Augenblick hast du nicht gerade eine Porsche-Figur«, hatte sie gesagt und gewusst, sie war nicht eben diplomatisch, aber sie hatte den Eindruck gehabt, als wäre nicht der richtige Zeitpunkt für Diplomatie gewesen. Außerdem hatte er ihr so den Nerv getötet, dass sie nicht unbedingt Rücksicht auf seine Gefühle nehmen wollte. In letzter Zeit passierte ihr das immer öfter, und es missfiel ihr, aber sie wusste nicht, was sie dagegen machen sollte.
»Was soll das nun wieder heißen?«, hatte er gekränkt gefragt. Gewöhnlich machte sie sich nicht die Mühe zu antworten; sie hatte gelernt, wenn Gerald solche Fragen stellte, waren sie fast immer rhetorisch. Die wichtige Botschaft lag im einfachen Subtext: Du machst mich wütend, Jessie. Du spielst das Spiel nicht mit.
Aber bei dieser Gelegenheit hatte sie – vielleicht als unbewusste Vorbereitung auf die jetzige – den Entschluss gefasst, nicht auf den Subtext zu achten, sondern die Frage zu beantworten.
»Es heißt, dass du diesen Winter sechsundvierzig wirst, ob du nun einen Porsche hast oder nicht, Gerald … und du hast trotzdem dreißig Pfund Übergewicht.« Gemein, ja, aber sie hätte auch regelrecht grausam sein können; sie hätte ihm das Bild schildern können, das ihr durch den Kopf schoss, als sie das Foto des Sportwagens in dem Hochglanzprospekt betrachtete, den Gerald ihr gegeben hatte. In diesem kurzen Augenblick hatte sie ein pummeliges Kind mit rosa Gesicht und spitzem Haaransatz gesehen, das in dem Reifen stecken blieb, den es ins Bad mitgebracht hatte.
Gerald hatte ihr den Prospekt aus der Hand gerissen und war ohne ein weiteres Wort davongestapft. Das Thema Porsche war seitdem nicht mehr angeschnitten worden … aber sie hatte es häufig in seinem missfälligen Das-freut-uns-aber-garnicht-Blick gesehen.
Momentan sah sie eine noch heißere Version dieses Blicks.
»Du hast gesagt, es hört sich aufregend an. Das waren genau deine Worte: ›Es hört sich aufregend an.‹«
Hatte sie das gesagt? Sie nahm es an. Aber es war ein Fehler gewesen. Ein kleiner Witz, mehr nicht, ein kleiner Ausrutscher auf der alten Bananenschale des Lebens. Klar. Aber wie brachte man das seinem Mann bei, wenn der die Unterlippe hängen ließ wie Baby Herman, bevor es einen Anfall bekommt?
Sie wusste es nicht, daher senkte sie den Blick … und sah etwas, was ihr ganz und gar nicht gefiel. Geralds Version von Mr. Freudenspender war keinen Millimeter geschrumpft. Offenbar hatte Mr. Freudenspender nichts von der Änderung der Pläne mitbekommen.
»Gerald, mir ist …«
»… einfach nicht danach? Schöne Nachrichten, was? Ich habe mir den ganzen Tag freigenommen. Und wenn wir die Nacht hier verbringen, heißt das auch noch morgen Vormittag.« Er grübelte einen Moment düster darüber nach, dann wiederholte er: »Du hast gesagt, es hört sich aufregend an.«
Sie fächerte ihre Ausreden auf wie ein lahmes altes Pokerblatt. (Ja, aber ich habe Kopfschmerzen; ja, aber ich habe echt schlimme Menstruationskrämpfe; ja, aber ich bin eine Frau und habe darum das Recht, meine Meinung zu ändern; ja, aber jetzt, wo wir tatsächlich hier draußen in der weiten Einsamkeit sind, machst du mir Angst, du großer starker Bär von einem Mann, du). Die Art von Lügen also, die entweder seinen Irrglauben oder sein Ego (die beiden waren gelegentlich austauschbar) bestärkten. Doch bevor sie noch eine Karte ziehen konnte, irgendeine, meldete sich die neue Stimme wieder zu Wort. Es war das erste Mal, dass sie laut sprach, und Jessie stellte fasziniert fest, dass sie sich in der Atmosphäre ebenso anhörte wie in ihrem Kopf: kräftig, trocken, entschlussfreudig und beherrscht.
Außerdem hörte sie sich seltsam vertraut an.
»Du hast Recht – ich glaube, ich habe es gesagt, aber was sich wirklich aufregend anhörte, war der Gedanke, einmal mit dir wegzufahren wie früher, bevor dein Name mit denen der anderen Bosse auf dem Firmenschild stand. Ich dachte mir, vielleicht könnten wir ein bisschen Matratzensport betreiben und dann auf der Veranda sitzen und die Stille genießen. Nach Sonnenuntergang vielleicht ein bisschen Scrabble spielen. Ist das etwa eine strafbare Handlung, Gerald? Was meinst du? Sag es mir, weil ich es wirklich wissen will.«
»Aber du hast gesagt …«
In den vergangenen fünf Minuten hatte sie ihm auf die unterschiedlichste Weise mitgeteilt, dass sie aus diesen verdammten Handschellen rauswollte, und er hatte sie immer noch nicht losgemacht. Plötzlich kochte ihre Ungeduld in Wut über. »Mein Gott, Gerald, es hat mir von Anfang an nie richtig Spaß gemacht, und wenn du nicht so ein Holzkopf wärst, hättest du es auch bemerkt!«
»Deine Sprüche. Deine klugen, sarkastischen Sprüche. Manchmal habe ich sie so satt …«
»Gerald, wenn du dir wirklich etwas in den Kopf gesetzt hast, kommt man dir im Guten nicht bei. Und wessen Schuld ist das?«
»Ich mag dich nicht, wenn du so bist, Jessie. Wenn du so bist, mag ich dich kein bisschen.«
Es wurde schlimm und schlimmer, und das Beängstigende war, wie schnell es passierte. Plötzlich war sie sehr müde, und eine Zeile aus einem alten Stück von Paul Simon fiel ihr ein: I don’t want no more of this crazy love. Genau, Paul. Du bist vielleicht klein, aber dumm bist du nicht.
»Das weiß ich. Aber das macht momentan nichts, denn momentan sind diese Handschellen das Thema, und nicht, wie sehr du mich magst oder nicht magst, wenn ich meine Meinung ändere. Ich will raus aus diesen Handschellen. Hast du mich verstanden?«
Nein, stellte sie mit zunehmendem Missfallen fest, er verstand sie nicht. Gerald lag immer noch eine Biegung zurück.
»Du bist immer so verdammt launisch, so verdammt sarkastisch. Ich liebe dich, Jess, aber dein verfluchtes Großmaul kann ich nicht leiden. Konnte ich noch nie.« Er strich mit der Handfläche der linken Hand über die Rosenknospe seines Schmollmunds und sah sie traurig an – der arme, vor den Kopf gestoßene Gerald, der mit einer Frau geschlagen war, die ihn in den Wald geschleppt hatte und sich nun weigerte, ihren sexuellen Pflichten nachzukommen. Der arme, vor den Kopf gestoßene Gerald, der keinerlei Anstalten traf, die Schlüssel der Handschellen von der Kommode neben der Badtür zu holen.
Ihr Unbehagen war zu etwas anderem geworden – sozusagen hinter ihrem Rücken. Es war zu einer Mischung aus Wut und Angst geworden, die sie, soweit sie sich erinnern konnte, nur einmal empfunden hatte. Als sie zwölf oder so war, hatte ihr Bruder Will sie in den Hintern gepikt. Ihre sämtlichen Freundinnen hatten es gesehen, und sie hatten alle gelacht. Har-har, sähr kommisch, Senhorra, fünde ich. Aber für sie war es nicht komisch gewesen.
Will hatte am lautesten gelacht, so sehr, dass er gebückt mit den Händen auf den Knien dagestanden und ihm das Haar ins Gesicht gehangen hatte. Das war ein Jahr nachdem die Beatles, die Stones, die Searchers und all die anderen hochgekommen waren, und Will hatte jede Menge Haar gehabt, das er hängen lassen konnte. Anscheinend hatte es ihm die Sicht auf Jessie genommen, denn er hatte keine Ahnung, wie wütend sie war … dabei war er unter normalen Umständen auf fast unheimliche Weise empfänglich für ihre Launen und Stimmungsumschwünge. Sie war bei weitem Wills Lieblingsschwester. Er hatte so lange gelacht, bis sie derart geladen war, dass sie etwas tun musste, oder sie wäre geplatzt. Und so hatte sie eine kleine Faust geballt und ihrem heiß geliebten Bruder eine auf den Mund geschlagen, als dieser schließlich den Kopf gehoben und sie angesehen hatte. Der Schlag hatte ihn umgehauen wie einen Kegel, und er hatte echt schlimm geweint.
Später versuchte sie sich einzureden, dass er mehr vor Überraschung als Schmerz geweint hatte, aber sie hatte schon mit zwölf gewusst, dass das nicht so war. Sie hatte ihm wehgetan, ziemlich weh sogar. Seine Unterlippe war an einer Stelle aufgeplatzt, die Oberlippe an zweien, und sie hatte ihm ziemlich wehgetan. Und warum? Weil er etwas Dummes gemacht hatte? Aber er war erst neun gewesen – an diesem Tag neun -, und in dem Alter waren alle Kinder dumm. Das war praktisch ein Naturgesetz. Nein, es war nicht wegen seiner Dummheit gewesen. Es war ihre Angst gewesen – die Angst, wenn sie nicht etwas wegen dieser grünen Giftmischung aus Wut und Verlegenheit unternahm, würde er
(die Sonne auslöschen)
bewirken, dass sie platzte. Die Wahrheit, die ihr an diesem Tag zum ersten Mal aufging, war die: Es war ein Brunnen in ihr, das Wasser in diesem Brunnen war vergiftet, und als er sie gepikt hatte, hatte William einen Eimer da hinuntergelassen, der voll Schlamm und Dreck wieder hochgezogen worden war. Dafür hatte sie ihn gehasst, und sie vermutete, es war in Wirklichkeit dieser Hass, der sie dazu gebracht hatte, ihn zu schlagen. Der Dreck aus der Tiefe hatte ihr Angst gemacht. Und heute, viele Jahre später, stellte sie fest, dass das immer noch zutraf … aber er machte sie auch wütend.
Du wirst die Sonne nicht auslöschen, dachte sie ohne die geringste Ahnung, was das bedeuten sollte. Das wirst du verdammt nochmal nicht tun.
»Ich will nicht um Grundsätzlichkeiten streiten, Gerald. Hol einfach diese verdammten Schlüssel und mach mich los!«
Und dann sagte er etwas, was sie so verblüffte, dass sie es zuerst überhaupt nicht fassen konnte: »Und wenn nicht?«
Als Erstes fiel ihr sein veränderter Tonfall auf. Normalerweise sprach er mit einer forschen, bärbeißigen, gutmütigen Stimme – Ich habe hier das Sagen, und das ist ein ziemliches Glück für uns alle, richtig? -, aber dies war eine leise, schnurrende Stimme, die sie nicht kannte. Der Glanz in seinen Augen war wieder da – dieser heiße, verhaltene Glanz, der sie einmal entflammt hatte wie einen Waldbrand. Sie konnte ihn nicht besonders gut sehen – seine Augen waren hinter der Nickelbrille zu aufgedunsenen Schlitzen zusammengekniffen -, aber er war da. Wahrhaftig.
Und dann der seltsame Fall von Mr. Freudenspender. Mr. Freudenspender war keinen Millimeter geschrumpft. Er schien sogar strammer zu stehen, als sie sich jemals erinnern konnte … aber das lag wahrscheinlich nur an ihrer Einbildung.
Glaubst du, Süße? Ich nicht.
Sie verarbeitete diese Informationen allesamt, bevor sie sich wieder seinen letzten Worten zuwandte – dieser erstaunlichen Frage. Und wenn nicht? Dieses Mal drang sie hinter den Tonfall zum Sinn der Worte vor, und als sie sie zur Gänze begriff, konnte sie spüren, wie ihre Wut und Angst um eine Drehung hochgeschraubt wurden. Irgendwo in ihrem Inneren wurde der Eimer wieder in den Brunnenschacht hinuntergelassen, um eine schleimige Ladung hochzubefördern – eine Ladung Jauche voller Mikroben, die fast so giftig wie eine Mokassinschlange waren.
Die Küchentür schlug gegen den Rahmen, und der Hund bellte wieder im Wald; jetzt hörte er sich näher denn je an. Es war ein schriller, verzweifelter Laut. Wenn man so etwas zu lange hörte, bekam man zweifellos Migräne.
»Hör zu, Gerald«, hörte sie ihre kräftige neue Stimme sagen. Sie war sich bewusst, dass sich diese Stimme einen besseren Zeitpunkt hätte aussuchen können, ihr Schweigen zu brechen – schließlich befand sie sich hier am verlassenen Nordufer des Kashwakamak Lake, war mit Handschellen an die Bettpfosten gefesselt und trug nur ein dünnes Nylonhöschen -, aber dennoch musste sie sie bewundern. Sie bewunderte sie fast gegen ihren Willen. »Hörst du mir jetzt zu? Ich weiß, das kommt heutzutage nicht mehr sehr oft vor, wenn ich rede, aber dieses Mal ist es wirklich wichtig, dass du mich verstehst. Also … hörst du mir endlich zu?«
Er kniete auf dem Bett und sah sie an, als gehörte sie einer bis dato unentdeckten Insektengattung an. Seine Wangen, in denen sich ein komplexes Netz winziger scharlachroter Fädchen wand (sie bezeichnete sie als Geralds Alkoholnarben), waren vor Röte fast purpurn. Ein ähnlicher Fleck überzog die Stirn. Dessen Farbe war so dunkel, die Form so scharf umrissen, dass er wie ein Muttermal aussah. »Ja«, sagte er, und mit seiner neuen schnurrenden Stimme kam das Wort als jhhaarr heraus. »Ich höre dir zu, Jessie. Eindeutig.«
»Gut. Dann geh jetzt zur Kommode und hol die Schlüssel.
Dann schließt du die auf …« Sie schlug mit dem rechten Handgelenk gegen das Kopfteil. »… und dann schließt du die auf.« Sie klopfte ebenso mit dem linken Handgelenk. »Wenn du das auf der Stelle machst, können wir einen kleinen, normalen, schmerzlosen Sex mit beiderseitigem Orgasmus haben, bevor wir in unser normales, schmerzloses Leben in Portland zurückkehren.«
Sinnlos, dachte sie. Das hast du weggelassen. Normales, schmerzloses, sinnloses Leben in Portland. Vielleicht war das so, vielleicht war es auch nur ein wenig übertriebene Melodramatik (ans Bett gekettet zu sein löst das bei einem aus, stellte sie fest), aber es war wahrscheinlich in jedem Falle besser, dass sie es weggelassen hatte. Es deutete auch daraufhin, dass die neue Ohne-Scheiß-Stimme doch nicht ganz so indiskret war. Dann hörte sie diese Stimme – die letztlich doch ihre Stimme war – wie sie, als ob sie dem widersprechen wollte, zum unverwechselbaren Rhythmus und Pulsieren äußerster Wut anschwoll.
»Aber wenn du weiter Scheiße baust und mich verarschst, fahre ich von hier aus direkt zu meiner Schwester, frage sie, wer ihre Scheidung geregelt hat, und ruf dort an. Es ist mein Ernst. Ich will dieses Spiel nicht mitspielen!«
Jetzt geschah etwas wirklich Unglaubliches, das sie in einer Million Jahren nicht für möglich gehalten hätte: Sein Grinsen kam wieder zum Vorschein.
Es tauchte auf wie ein U-Boot, das nach einer langen und gefährlichen Reise endlich wieder ruhige Gewässer erreicht hatte. Aber das war eigentlich nicht das Unglaubliche. Das wirklich Unglaubliche war, dass Gerald mit diesem Grinsen nicht mehr wie ein harmloser Schwachsinniger aussah. Jetzt sah er damit aus wie ein gemeingefährlicher Irrer.
Er streckte die Hand wieder aus, liebkoste ihre linke Brust und drückte sie dann schmerzhaft. Er brachte diese unangenehme Sache zum Ende, indem er sie in die Brustwarze kniff, was er noch nie gemacht hatte.
»Autsch, Gerald! Das tut weh!«
Er nickte ernsthaft und bewundernd, was sich mit dem grässlichen Grinsen ausgesprochen seltsam ausnahm. »Das ist echt gut, Jessie. Ich meine alles. Du könntest Schauspielerin sein. Oder Callgirl. Eins der echt teuren.« Er zögerte, dann fügte er hinzu: »Das sollte ein Kompliment sein.«
»Um Himmels willen, wovon redest du?« Aber sie war ziemlich sicher, dass sie das wusste. Jessie stellte plötzlich fest, dass sie jetzt wirklich Angst hatte. Etwas Böses war im Schlafzimmer freigesetzt worden; es drehte sich rundherum wie ein schwarzer Kreisel.
Aber sie war auch immer noch wütend – so wütend wie an dem Tag, als Will sie geneckt hatte.
Gerald lachte doch tatsächlich. »Wovon ich rede? Einen Augenblick lang hätte ich dir fast geglaubt. Davon rede ich.« Er ließ eine Hand auf ihren rechten Schenkel fallen. Als er weitersprach, klang seine Stimme spröde und seltsam geschäftsmäßig. »Also – willst du sie für mich spreizen, oder muss ich es selbst machen? Soll das auch zu dem Spiel gehören?«
»Lass mich los!«
»Ja … nachher.« Er streckte die andere Hand aus. Dieses Mal kniff er sie in die rechte Brust, und dieses Mal kniff er so fest, dass kleine weißglühende Funken bis zu ihrer Hüfte hinabschossen. »Vorerst solltest du aber die hübschen Beine für mich spreizen, stolze Schöne mein!«
Sie betrachtete ihn eingehender und sah etwas Schreckliches: Er wusste es. Er wusste, es war ihr ernst damit, dass sie nicht weitermachen wollte. Er wusste es, hatte aber beschlossen, nicht zu wissen, dass er es wusste. Konnte man das?
Worauf du dich verlassen kannst, sagte die Ohne-Scheiß-Stimme. Wenn du ein Top-Winkeladvokat in der größten Anwaltskanzlei nördlich von Boston und südlich von Montreal bist, kann man wahrscheinlich alles wissen, was man wissen will, und nicht wissen, was man nicht wissen will. Ich glaube, du sitzt echt in der Klemme, Herzblatt. In einer Klemme, die das Ende einer Ehe bedeuten kann. Beiß lieber die Zähne zusammen, und kneif die Augen zu, ich glaube nämlich, dass dir eine Riesendosis Serum bevorsteht.
Dieses Grinsen. Dieses hässliche, gemeine Grinsen.
Er heuchelte Unwissenheit. Und das machte er so überzeugt, dass er später sogar einen Lügendetektortest bestehen würde. Ich habe gedacht, das gehört alles zum Spiel, würde er mit großen, gekränkten Augen sagen. Wirklich. Und wenn sie beharrte und ihm mit ihrer Wut zusetzte, würde er auf die älteste Ausrede von allen zurückgreifen, würde in sie hineinschlüpfen wie eine Eidechse in eine Felsspalte: Es hat dir gefallen. Du weißt es. Warum gibst du es nicht zu?
Heuchelte doch tatsächlich völlige Unwissenheit. Wusste es, hatte aber trotzdem vor weiterzumachen. Er hatte sie mit Handschellen ans Bett gefesselt, hatte es mit ihrer Hilfe gemacht, und jetzt, ach, Scheiße, lassen wir doch die Schönfärberei, jetzt hatte er vor, sie zu vergewaltigen, wirklich zu vergewaltigen, während die Tür schlug und der Hund bellte und die Motorsäge schnarrte und der Eistaucher über dem See jodelte. Er hatte es wirklich vor. Jawoll, Sir. Jungs, hechel, hechel, hechel, ihr könnt erst sagen, ihr habt eine Muschi gehabt, wenn ihr eine Muschi gehabt habt, die unter euch rumgezappelt hat wie eine Henne auf einer heißen Herdplatte. Und wenn sie tatsächlich zu Maddy ging, wenn diese Lektion in Demütigung vorbei war, würde er weiter darauf bestehen, dass ihm nichts so fern gelegen hätte wie Vergewaltigung.
Er stemmte die rosa Hände gegen ihre Schenkel und begann ihr die Beine zu spreizen. Sie wehrte sich nicht sehr; im Augenblick war sie so entsetzt und fassungslos über das, was sich hier abspielte, dass sie kaum Widerstand leisten konnte.
Und das ist genau das richtige Verhalten, sagte die vertrautere Stimme in ihrem Inneren. Bleib einfach ruhig liegen, und lass ihn seinen Saft verspritzen. Schließlich, was ist schon dabei? Er hat es schon mindestens tausendmal vorher gemacht, und du bist nie grün dabei geworden. Falls du es vergessen hast, es ist schon ein paar Jahre her, seit du eine errötende Jungfrau warst.
Und was konnte passieren, wenn sie nicht auf diese Stimme hören würde? Was war die Alternative?
Wie als Antwort erstand ein grässliches Bild vor ihrem geistigen Auge. Sie sah sich selbst, wie sie vor einem Scheidungsgericht aussagte. Sie wusste nicht, ob es so etwas wie Scheidungsgerichte in Maine noch gab, aber das beeinträchtigte die Vision in keiner Weise. Sie sah sich in ihrem konservativen rosa Donna-Karan-Hosenanzug mit der apricotfarbenen Seidenbluse darunter. Knie und Knöchel hatte sie züchtig zusammengekniffen. Ihr kleines Handtäschchen, das weiße, lag auf ihrem Schoß. Sie sah, wie sie einem Richter, der wie der selige Harry Reasoner aussah, die Aussage machte, ja, es stimmte, dass sie Gerald freiwillig zum Sommerhaus begleitet hatte, ja, sie hatte zugelassen, dass er sie mit zwei Handschellen Marke Kreig an die Bettpfosten gefesselt hatte, ebenfalls freiwillig, und ja, sie hatten solche Spiele schon früher gespielt, wenn auch nie in dem Haus am See.
Ja, Euer Ehren. Ja.
Ja, ja, ja.
Während Gerald ihr weiter die Beine spreizte, hörte sich Jessie dem Richter, der wie Harry Reasoner aussah, weiter erzählen, wie sie mit Seidenschals angefangen hatten, wie sie die Fortsetzung des Spiels, von Schals zu Stricken zu Handschellen geduldet hatte, obwohl ihr die ganze Sache schon bald zuwider geworden war. Bis sie sie regelrecht abstoßend gefunden hatte. So abstoßend, dass sie an einem Wochentag im Oktober die dreiundsechzig Meilen von Portland zum Kashwakamak Lake mit Gerald gefahren war; so abstoßend, dass sie wieder einmal geduldet hatte, wie ein Hund angekettet zu werden; so gelangweilt, dass sie nur ein so dünnes Nylonhöschen angehabt hatte, dass man die Kleinanzeigen der New York Times durch den Stoff hätte lesen können. Der Richter würde alles glauben und aufrichtig mit ihr fühlen. Selbstverständlich. Wer nicht? Sie sah sich selbst, wie sie im Zeugenstand saß und sagte: »Da lag ich also mit Handschellen an die Bettpfosten gefesselt und trug nur Unterwäsche von Victoria’s Secret und ein Lächeln, aber ich änderte meine Meinung in letzter Minute, und Gerald wusste es, und darum war es eine Vergewaltigung.«
Ja, Sir, damit würde sie echt glaubhaft dastehen. Jede Wette.
Sie erwachte aus dieser abstoßenden Vorstellung, als Gerald an ihrem Höschen zerrte. Er kniete zwischen ihren Beinen, und sein Gesicht war so konzentriert, dass man meinen konnte, er wollte das Staatsexamen ablegen, und nicht seine widerspenstige Frau nehmen. Ein weißer Speichelfaden hing von der Mitte seiner dicken Unterlippe herab.
Lass ihn gewähren, Jessie. Lass ihn seinen Saft verspritzen. Das Zeug in seinen Hoden macht ihn wahnsinnig, das weißt du. Das macht sie alle wahnsinnig. Wenn er es losgeworden ist, kannst du wieder vernünftig mit ihm reden. Dann kannst du mit ihm fertigwerden. Also mach keinen Aufstand – bleib einfach liegen, bis er es abgeschossen hat.
Guter Rat, und sie vermutete, sie hätte ihn befolgt, wäre da nicht diese neue Stimme in ihr gewesen. Dieser namenlose Neuankömmling glaubte eindeutig, dass Jessies bisherige Beraterin – die Stimme, die sie im Lauf der Jahre Goodwife Burlingame getauft hatte – eine Zimperliese erster Kajüte war. Jessie hätte die Dinge dennoch mehr oder weniger ihren gewohnten Lauf nehmen lassen, aber dann geschah zweierlei gleichzeitig. Als Erstes kam die Erkenntnis, dass ihre Hände zwar an die Bettpfosten gefesselt, ihre Füße und Beine aber frei waren. Im selben Augenblick fiel der Speichelfaden von Geralds Kinn. Er baumelte einen Moment und wurde länger, dann fiel er direkt über dem Nabel auf ihren Leib. Etwas an diesem Gefühl war vertraut, und sie wurde von einer schrecklich intensiven Empfindung von déjà vu übermannt. Das Zimmer um sie herum schien dunkler zu werden, als wären Fenster und Oberlicht durch Rauchglasscheiben ersetzt worden.
Es ist sein Saft, dachte sie, obwohl sie ganz genau wusste, dass er es nicht war. Es ist sein gottverdammter Saft.
Ihre Reaktion richtete sich nicht so sehr gegen Gerald als gegen das verhasste Gefühl, das aus den tiefsten Tiefen ihres Verstands hochströmte. Sie reagierte im wahrsten Sinne des Wortes, ohne nachzudenken, und schlug nur mit dem instinktiven, panischen Ekel einer Frau zu, die festgestellt hat, dass das Ding, das sich in ihrem Haar verfangen hat und zappelt, eine Fledermaus ist.
Sie zog die Beine an, verfehlte mit dem rechten Knie nur knapp die Halbinsel seines Kinns, und stieß die bloßen Füße wie Rammböcke nach unten. Sohle und Rist des rechten trafen ihn in den Bauch. Die Ferse des linken knallte gegen den steifen Schaft seines Penis und die Hoden, die wie blasse, reife Früchte darunter baumelten.
Er kippte nach hinten und landete mit den Pobacken auf den plumpen, haarlosen Fesseln. Er hob den Kopf zum Oberlicht und der weißen Decke mit dem gespiegelten Muster der Wellen auf dem See und stieß einen hohen, röchelnden Schrei aus. Da schrie auch der Eistaucher über dem See wieder, ein diabolischer Kontrapunkt; für Jessie hörte es sich an, als würde ein Mann einen anderen bemitleiden.
Jetzt waren Geralds Augen nicht mehr zusammengekniffen; sie glänzten auch nicht mehr. Sie waren weit aufgerissen, sie waren so blau wie der makellose Himmel heute (der Gedanke, diesen Himmel über dem herbstlich verlassenen See zu sehen, war der ausschlaggebende Faktor gewesen, als Gerald vom Büro aus angerufen und gesagt hatte, er hätte freigenommen und ob sie nicht einen Tag und vielleicht über Nacht mit ihm zum Sommerhaus kommen wollte), und der Ausdruck darin war ein gequältes Staunen, das sie kaum ertragen konnte. Sehnen standen wie Stränge an seinem Hals ab. Jessie dachte: Die habe ich seit dem verregneten Sommer nicht mehr gesehen, als er die Gartenarbeit weitgehend aufgegeben und stattdessen J.W. Dant zu seinem Hobby gemacht hat.
Sein Schrei verhallte langsam. Es war, als würde jemand mit einer speziellen Gerald-Fernbedienung die Lautstärke reduzieren. Aber daran lag es selbstverständlich nicht; er hatte außerordentlich lange geschrien, möglicherweise dreißig Sekunden, und jetzt ging ihm einfach die Puste aus. Ich muss ihm ziemlich wehgetan haben, dachte sie. Die roten Flecken auf den Wangen und die Stelle auf der Stirn wurden purpurn.
Du hast’s getan!, rief die Stimme von Goodwife bestürzt. Du hast’s wirklich, wirklich getan!
Jawoll, verdammt guter Schuss, nicht wahr?, meldete sich die neue Stimme.
Du hast deinen Mann in die Eier getreten!, kreischte Goodwife. Was, in Gottes Namen, gibt dir das Recht, so etwas zu tun? Was gibt dir das Recht, auch nur Witze darüber zu reißen?
Sie wusste die Antwort darauf; glaubte es zumindest: Sie hatte es getan, weil ihr Mann vorgehabt hatte, sie zu vergewaltigen, und es dann hinterher als übersehenes Signal zwischen zwei im Grunde genommen harmonischen Ehepartnern, die ein harmloses Sexspiel spielten, abtun wollte. Das Spiel war schuld, hätte er achselzuckend gesagt. Das Spiel, nicht ich. Wir müssen es nicht mehr spielen, Jess, wenn du nicht willst. Selbstverständlich wohl wissend, dass nichts auf der Welt sie je wieder dazu bewegen konnte, die Arme hochzuhalten und sich Handschellen anlegen zu lassen. Nein, dies war ein Fall von jetzt und nie wieder gewesen. Gerald hatte es gewusst und das Beste daraus machen wollen.
Das schwarze Ding, das sie in dem Zimmer gespürt hatte, war außer Kontrolle geraten, wie sie befürchtet hatte. Gerald schien immer noch zu schreien, aber kein Laut (jedenfalls keiner, den sie hören konnte) kam ihm über den schmerzverzerrten Mund. Der Blutstau in seinem Gesicht schien an manchen Stellen fast schwarz zu sein. Sie konnte die Schlagader – oder die Karotidarterie, falls das in so einem Augenblick wichtig war – heftig unter der sorgfältig rasierten Haut seines Halses pulsieren sehen. Welche von beiden es auch sein mochte, sie schien kurz vor dem Explodieren zu sein, und ein garstiger Schreck fuhr Jessie in die Glieder.
»Gerald?« Ihre Stimme klang dünn und unsicher, die Stimme eines Mädchens, das bei der Geburtstagsparty einer Freundin etwas Wertvolles kaputt gemacht hatte. »Gerald, alles in Ordnung?«
Das war natürlich eine dumme Frage, unglaublich dumm, aber sie ließ sich viel leichter stellen als die, die ihr tatsächlich durch den Kopf gingen: Gerald, wie schlimm bist du verletzt? Gerald, glaubst du, du wirst sterben?
Natürlich wird er nicht sterben, sagte Goodwife nervös. Du hast ihm wehgetan, wirklich weh, und du solltest dich schämen, aber er wird nicht sterben. Niemand wird hier sterben.
Geralds geschürzter Schmollmund bebte weiter lautlos, aber er beantwortete ihre Frage nicht. Eine Hand hatte er auf den Bauch gedrückt, mit der anderen hielt er sich die schmerzenden Hoden. Dann hob er sie beide und drückte sie auf die linke Brustwarze. Sie ließen sich nieder wie zwei pummelige rosa Vögel, die zu müde zum Weiterfliegen waren. Jessie konnte den Umriss eines bloßen Fußes – ihres bloßen Fußes – auf dem rundlichen Bauch ihres Mannes abgebildet sehen. Es war ein helles, vorwurfsvolles Rot auf der rosa Haut.
Er atmete aus, oder versuchte es, und gab einen üblen Dunst von sich, der nach faulen Zwiebeln roch. Atemreserve, dachte sie. Die letzten zehn Prozent unseres Lungeninhalts sind Atemreserve, haben sie uns das nicht an der Highschool in Biologie beigebracht? Ja, ich glaube schon, Atemreserve, der legendäre letzte Luftvorrat von Ertrinkenden und Erstickenden. Wenn man den ausstößt, wird man entweder bewusstlos oder man …
»Gerald!«, schrie sie mit schneidender zänkischer Stimme. »Gerald, atme!«
Seine Augen quollen aus den Höhlen wie blaue Murmeln in einem unansehnlichen Klumpen Plastilin, und es gelang ihm, einmal kurz Luft zu holen. Er nutzte es, um ein letztes Wort zu ihr zu sagen, dieser Mann, der manchmal nur aus Worten zu bestehen schien.
»... Herz...«
Das war alles.
»Gerald!« Jetzt hörte sie sich nicht nur zänkisch, sondern auch betroffen an, eine altjüngferliche Dorfschullehrerin, die den Schwarm der zweiten Klasse dabei erwischt hatte, wie sie den Rock hochzog und den Jungs die Blümchen auf ihrer Unterhose zeigte. »Gerald, hör auf herumzukaspern, und atme, verdammt!«
Gerald atmete nicht. Stattdessen verdrehte er die Augen in den Höhlen und entblößte gelbliche Augäpfel, die wie das Weiß blutiger Eier aussahen. Die Zunge schnellte mit einem geräuschvollen Furzen aus seinem Mund. Ein Strahl trüben, orangeroten Urins schoss aus seinem erschlafften Penis, und ihre Knie und Schenkel wurden von fiebrig heißen Tropfen überschüttet. Jessie stieß einen langgezogenen, gellenden Schrei aus. Dieses Mal merkte sie nicht, dass sie an den Handschellen zerrte oder sie dazu benutzte, sich so weit wie möglich von ihm wegzuziehen, wobei sie die Beine unbehaglich an sich zog.
»Hör auf, Gerald! Hör auf damit, sonst fällst du noch vom B…«
Zu spät. Selbst wenn er sie noch hätte hören können, was ihr rationaler Verstand bezweifelte, wäre es zu spät gewesen. Sein gekrümmter Rücken bugsierte den Oberkörper über die Bettkante, und die Schwerkraft erledigte den Rest. Gerald Burlingame, mit dem Jessie einmal Sahnehörnchen im Bett gegessen hatte, fiel mit gesenktem Kopf und hochgestreckten Knien hinunter wie ein unbeholfenes Kind, das seine Freunde beim Freischwimmen im Pool des CVJM beeindrucken wollte. Als sie hörte, wie sein Schädel auf den Holzboden schlug, musste sie wieder schreien. Es hörte sich an, als würde ein riesiges Ei am Rand einer Steingutschüssel aufgeschlagen. Sie hätte alles dafür gegeben, wenn sie es nicht hätte hören müssen.
Dann herrschte Schweigen, das nur vom fernen Brummen der Motorsäge unterbrochen wurde. Eine große graue Rose entfaltete sich in der Luft vor Jessies Augen. Die Blütenblätter gingen immer mehr auf, und als sie sich wieder um sie schlossen wie die staubigen Flügel riesiger farbloser Falter und eine Zeit lang alles verdeckten, verspürte sie nur eine deutliche Empfindung, nämlich Dankbarkeit.
2
 
 
Sie schien in einem langen, kalten Korridor voll weißem Nebel zu sein, einem Korridor, der deutlich zur Seite geneigt war wie die Flure, die die Leute in Filmen wie Nightmare – Mörderische Träume oder Fernsehserien wie Twilight Zone immer entlangzugehen schienen. Sie war nackt, und die Kälte setzte ihr echt zu und tat ihr in den Muskeln weh – besonders in den Rücken-, Hals- und Schultermuskeln.
Ich muss hier raus, sonst werde ich krank, dachte sie. Ich bekomme schon Krämpfe vom Nebel und der Feuchtigkeit.
(Aber sie wusste, es lag nicht an Nebel und Feuchtigkeit.)
Außerdem stimmt etwas mit Gerald nicht. Ich kann mich nicht genau erinnern, was es ist, aber ich glaube, er ist krank.
(Aber sie wusste, krank war nicht das richtige Wort.)
Jedoch, und das war seltsam, ein anderer Teil ihres Verstands wollte gar nicht aus diesem schiefen, nebligen Korridor entkommen. Dieser Teil deutete an, dass es viel besser war, wenn sie hierblieb. Dass es ihr leidtun würde, wenn sie ging. Und so blieb sie noch eine Weile.
Was sie schließlich wieder aus ihrer Erstarrung riss, war der bellende Hund. Es war ein über die Maßen hässliches Bellen, tief, aber in den oberen Registern mit schrillen Gicksern. Jedes Mal, wenn das Tier eines ertönen ließ, hörte es sich an, als würde es eine Handvoll scharfer Splitter kotzen. Sie hatte dieses Bellen schon einmal gehört, aber es konnte besser sein – sogar viel besser -, wenn es ihr gelang, sich nicht daran zu erinnern, wann das war oder wo, oder was zu der Zeit geschehen war.
Aber immerhin setzte es sie in Bewegung – linker Fuß, rechter Fuß, guter Fuß, schlimmer Fuß – und plötzlich fiel ihr ein, sie könnte besser durch den Nebel sehen, wenn sie die Augen aufschlug, daher tat sie es. Sie sah keinen unheimlichen Flur aus Twilight Zone vor sich, sondern das Elternschlafzimmer ihres Sommerhauses am nördlichen Ende des Kashwakamak Lake – dem Gebiet, das als Notch Bay bekannt war. Sie vermutete, dass sie nur deshalb gefroren hatte, weil sie nur ein Bikiniunterteil anhatte, und ihr Hals und die Schultern taten weh, weil sie mit Handschellen an die Bettpfosten gefesselt und in ihrer Bewusstlosigkeit mit dem Hinterteil vom Bett gerutscht war. Kein schiefer Korridor; keine neblige Feuchtigkeit. Nur der Hund war echt, er bellte sich immer noch die verdammte Lunge aus dem Hals. Es hörte sich an, als wäre er jetzt nahe am Haus. Wenn Gerald das hörte …
Beim Gedanken an Gerald zuckte sie zusammen, und dieses Zusammenzucken jagte komplexe Spiralfunken von Schmerzen durch ihre verkrampften Bizeps und Trizeps. Das Kribbeln verlor sich an den Ellbogen im Nichts, und Jessie stellte voll zähem, halbwachem Missfallen fest, dass ihre Unterarme fast völlig gefühllos waren und ihre Hände ebenso gut Handschuhe voll geronnenem Kartoffelpüree sein konnten.
Das wird wehtun, dachte sie, und dann fiel ihr alles wieder ein … besonders das Bild von Gerald, wie er den Kopfsprung vom Bett machte. Ihr Mann lag auf dem Boden, entweder tot oder bewusstlos, und sie lag hier oben auf dem Bett und dachte, was für ein Verdruss es war, dass ihre Arme und Hände eingeschlafen waren. Wie egoistisch und egozentrisch konnte man eigentlich werden?
Wenn er tot ist, ist er selber schuld, sagte die Ohne-Scheiß-Stimme. Sie versuchte, noch ein paar Binsenweisheiten loszuwerden, aber Jessie brachte sie zum Schweigen. In ihrem halbwachen Zustand besaß sie einen klareren Einblick in die tieferen Archive ihrer Speicherbänke, und plötzlich wurde ihr klar, wessen Stimme – etwas näselnd, abgehackt, immer am Rand eines sarkastischen Lachens – das war. Sie gehörte Ruth Neary, ihrer Zimmergenossin am College. Nachdem Jessie es nun wusste, war sie kein bisschen überrascht. Ruth hatte ihre guten Ratschläge stets verschwenderisch um sich geworfen, und ihr Rat hatte die neunzehnjährige, hinter den Ohren noch grüne Zimmergenossin aus Falmouth Foreside häufig in Verlegenheit gebracht … was zweifellos Absicht war, jedenfalls teilweise; Ruth hatte das Herz immer am rechten Fleck gehabt, und Jessie hatte nie daran gezweifelt, dass Ruth sechzig Prozent von dem glaubte, was sie von sich gab, und vierzig Prozent von allem, was sie angeblich schon erlebt haben wollte, tatsächlich erlebt hatte. Wenn es um sexuelle Dinge ging, lag der Prozentsatz wahrscheinlich noch höher. Ruth Neary, die erste Frau, die Jessie kennengelernt hatte, die sich strikt weigerte, Beine und Achselhöhlen zu rasieren; Ruth, die einmal den Kissenbezug einer unangenehmen Etagenaufsicht mit Erdbeerschaumbad gefüllt hatte; Ruth, die zu jeder Studentenveranstaltung ging und schon aus Prinzip jede experimentelle Studentenaufführung besuchte. Wenn alle Stricke reißen, Süße, ist bestimmt ein gut aussehender Typ dabei, der sich nackt auszieht, hatte sie einer erstaunten, aber faszinierten Jessie erzählt, als sie von einer Studentenvorführung von etwas mit dem Titel »Der Sohn von Noahs Papagei« nach Hause gekommen war. Ich meine, das passiert nicht immer, aber normalerweise – ich glaube, Theaterstücke von Studenten sind nur dazu da – damit Jungs und Mädchen sich nackt ausziehen und es in aller Öffentlichkeit treiben können.

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Die Originalausgabe Gerald’s Game erschien bei Viking, New York
 
Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 07/2009
Copyright © 1992 by Stephen King
Copyright © 1992 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung und Konzeption: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwednung einer Illustration von (c) Anja Filler
eISBN : 978-3-641-03285-2V003
 
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