Thomas Christian David, Begegnungen - Martin David - E-Book

Thomas Christian David, Begegnungen E-Book

Martin David

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Beschreibung

Zeitzeugen berichten von ihren Erfahrungen und ihrer Zusammenarbeit mit Thomas Christian David.

Das E-Book Thomas Christian David, Begegnungen wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Oberösterreichischer Komponist,Zeitzeugen berichten,Auseinandersetzung mit orientalischer Musikkultur,Musiker,große Reisefreudigkeit

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Tat ist alles, nichts der Ruhm. -

Johann Wolfgang Goethe, Faust 1

Freue mich über Deine Faust-Begeisterung, weil sie ein neues Band zwischen Dir und mir ist. Man kann ja keinem Menschen etwas Besseres wünschen, als die Beschäftigung und Durchdringung des Faust!

13. Juni 1944

Berta David

Inhaltsverzeichnis

Martin David Vorwort

Anlässlich des 60.Geburtstags

Thomas Christian David Autobiographisches aus 1984

Herbert Vogg Kompositionsweisen 1984

Thomas Christian David

Gespräch mit Walter Verdehr 1995

Kommentar zum Verdehrtrio 1991

Feier zum 80.Geburtstag in der ÖGM am 25.10. 2005

Harald Goertz Ansprache zum Geburtstag

Heinrich Gattermayer Ansprache zum Geburtstag

Gespräch mit Walter Verdehr

Gespräch mit Lukas David

Geburtstagsgrußworte

Aktuelle Gespräche 2025

Erich Urbanner 18.06.2025

Fereshteh Rahbari 28.05.2025

Roman Summereder 17.04.2025

Ertugrul Sevsay 03.06.2025

Wolfgang Sauseng 08.05.2025

Gottlieb Wallisch 14.05.2025

Walter Verdehr 28.05.2025

Monica Zechmeister 11.06.2025

Elisabeth Brömmel 08.08.2025

Claudia Sallagar 29.05.2025

Rudolf Leopold 28.07.2025

Shih 04.10.2025

Olga Kotulecki 30.09.2025

Aus der Familie

Anja David 18.08.2025

Rosemarie David April, Mai 2025

Eva David Mai 2025

Martin David Das Auto

Eine kurze Pianistenkarriere

Biographischer Abriss

Übersicht seiner Werke

Auszeichnung

Biographische Texte

Vorwort

Wenn wir an einen Künstler denken, blicken wir meist auf das, was er geschaffen hat. Seine Werke ziehen uns an und geben uns ein Abbild seines Schaffens.

Seine Biografie, sein Leben, wird oft nur von einem kleinen Kreis interessierter Menschen wahrgenommen und gerät leicht in Vergessenheit.

Etwas, das in diesem Zusammenhang noch einen weiteren, interessanten Gesichtspunkt hereinbringt, das sind die Zeitzeugen.

Zeitzeugen, die mit dem Betreffenden zu tun hatten, berichten, was und wie sie etwas erlebt haben. Vielleicht sprechen sie auch darüber, was sie besonders faszinierte, oder was sie weniger schätzten. Das, was Zeitzeugen erzählen, hat zwar subjektive Züge, bewegt sich aber doch oft auf einem hohen Niveau der Sachlichkeit und gibt zugleich eine bunte Vielfalt und zeitgleich ein wenig über die Zeitzeugen selber wieder.

Im November 2024 sprach mich Roman Summereder in Salzburg nach einem Konzert der David-Tage an: „Wissen Sie eigentlich, was Ihr Vater für mich getan hat?“ „Nein!“ Ich wusste es nicht. Roman Summereder erzählte kurz. Wir wurden unterbrochen. Wir verloren einander aus den Augen.

Zurück in Wien machte ich mich an die weiteren Vorbereitungen der David-Tage 2025 in Wien und Oberösterreich und beschäftigte mich mit dem Buch: „Meines Vaters Jugend“, in welchem ich seine Jugendgeschichten zusammenfasste.

Je näher ich der Fertigstellung dieses Textes kam, desto klarer wurde mir, zum großen Lebensabschnitt seines Künstlerlebens war noch nichts Neues geschrieben worden. Es gab einige Texte und Bücher.

Ich wollte aber etwas komplett anderes, etwas Neues schaffen!

Da fiel mir wieder Roman Summereder ein, der mir als Zeitzeuge etwas von Thomas Christian David erzählt hatte.

Von einem weiteren Gespräch mit ihm ausgehend fielen mir immer mehr Menschen ein, oder wurden mir genannt, die meinem Vater als Zeitzeugen, damals noch als Studenten, als Musiker, als Sekretärin oder als Verwandte oder Freunde begegnet waren und mir zu einem detaillierteren Gesamtbild von Thomas Christian David verhelfen könnten.

So war die Grundidee dieses Buches gefunden. Und nun ging es an die Arbeit.

Künstler, Kollegen, ehemalige Studenten, Musiker, seine Sekretärin und die Familie wurden kontaktiert. Jeder, der etwas berichten konnte und wollte, wurde zum Gespräch eingeladen, oder z.B. Walter Verdehr in den USA telefonisch befragt.

Ich fand Autobiographisches, biographische Texte von Dr. Herbert Vogg, seinem Verleger und Librettisten. Ich fand ein Interview mit Thomas Christian David auf YouTube und eine Tonaufzeichnung mit Ansprachen zu seinem 80. Geburtstag.

Bei diesem Buch ist mir wichtig, dass nicht ich den Inhalt vorgebe.

Die Menschen, die ihn erlebt haben, die mit ihm zusammenarbeiteten, sollten erzählen, was ihnen dazu einfiel. Ihre Erzählungen wurden unverändert in diese Sammlung aufgenommen.

Durch das Betrachten eines Menschen von mehreren Seiten entsteht ein reichhaltiges Bild, viel umfangreicher als es aus der Perspektive eines Einzelnen beschrieben werden könnte.

Thomas Christian David durch das Erleben anderer zu entdecken, das sollte es werden!

Beim Entstehen dieses Buches bin ich auf sehr viele Menschen angewiesen gewesen. Ihrem Wohlwollen, ihrer Offenheit und Vertraulichkeit, aber auch ihrem Respekt, den sie der Sache entgegenbrachten, ihrer Zeit, die sie dafür aufwendeten, ihrer Geduld, die sie mit mir als Fragenden hatten, dafür möchte ich mich sehr herzlich bedanken.

Durch das Zusammenfügen dieser vielen Begegnungen und Erinnerungen lässt sich nun ein imaginatives Bild der Persönlichkeit Thomas Christian Davids formen, das in dieser Weise noch nie dagewesen ist.

Aus der großen Ansammlung historischer Dokumente, die sein umfangreiches Wirken belegen, und von den Fotos, die mir geeignet schienen, wurde eine kleine Auswahl getroffen und an für mich passender Stelle eingefügt.

Besonderen Dank möchte ich an meine Frau, Christa David, und meinen Schwager, Roman David-Freihsl richten, die Texte prüfend durchgegangen sind.

Angela Sommerhoff portraitierte Thomas Christian David und stiftete großherzig ihre Bilder. Dafür sei ihr ein ganz inniger Dank!

Auch Beatrix Fiala sei ein herzlicher Dank gesagt, für die Fotodokumentationen und die Gestaltung des Drucksatzes, sowie für die letzte Korrektur – inzwischen für das zweite Buch!

Wien, im September 2025

Martin David

1945

Anlässlich des 60. Geburtstags

Thomas Christian David 1984:

Autobiographisches

Musiksammlung der österreichischen Nationalbibliothek Thomas Christian David, Verlag Doblinger, vom 8.11.1984.

Es geht darum, aus der Fülle banaler Begebenheiten meines Lebens etwas herauszufiltern, das vielleicht Interesse finden könnte und das ich darum hier erwähnen möchte.

1984 hat für mein Schicksal zwei Jubiläen gebracht, die für den ersten Abschnitt meines Lebens wichtig und entscheidend wurden. 50 Jahre (1934) sind es her, dass ich als Kind mit meinen Eltern nach Deutschland kam und 40 Jahre (1944) sind vergangen, dass sich dieses Kapitel abschloss mit dem Beginn meiner Zeit in der Kriegsgefangenschaft.

Die dazwischenliegenden Jahre haben gewiss aus mir einen Musiker gemacht.

Das Mitsingen im Leipziger Thomanerchor, die Zeit meiner Aushilfstätigkeit als Flötist in manchen Programmen des Gewandhausorchesters, erste Erfahrungen in der Kammermusik und die starken Eindrücke großer Musiker und großer Persönlichkeiten wie Karl Straube, Theodor Biebrich und meines Flötenlehrers Carl Bartuzat haben ihre Wirkung nicht verfehlt.

Zeitlich davor liegt die Zeit im Elternhaus mit dem Eindruck von Harmonie und Glück der Kindheit, aber auch mit der Selbstverständlichkeit, dass der Mensch erst mit dem Musiker anfängt als solcher diskutabel zu werden.

Ohne Zweifel hat mein Vater meine ganze Jugend von Anfang an aufs Entschiedenste beeinflusst und geprägt. Einerseits habe ich bei ihm spielend und nachahmend alle Facetten des musikalischen Handwerks und die dazugehörige Weltanschauung gelernt. Andererseits hat er aber auch klargestellt, dass Musik ein edler Teil unseres Lebens sei, dass man aber auch dieses ganze Leben kennen müsse. Mit anderen Worten, er hat einen umfassenden Bildungsanspruch an mich gestellt und ich bemühe mich noch heute diesem nachzukommen.

Die folgenden Ereignisse der Gefangenschaft möchte ich insoweit übergehen, als ich annehme, dass jeder Mann weiß, dass das für keinen ohne Schrammen abgegangen ist. Ein russischer Freund, dem ich vor kurzem einiges erzählte, meinte dazu aber: „Sie haben wirklich ein romantisches Leben gehabt!“ Ich hatte das bisher nicht so empfunden, muss aber zugeben, dass mein Schicksal von unglaublichem Glück begünstigt war, in der Gestalt einiger weniger Personen auf der russischen Seite, die mein Leben retteten, meine Wunden pflegten und schließlich meine recht frühe Heimfahrt ermöglichten. Das wird für mich immer ein Wunder reiner Menschlichkeit bleiben. Die Liebe zu diesen Menschen und zur russischen Sprache ist mir davongeblieben.

Die für mich schwierigen Jahre und die teilweise chaotischen Probleme der Nachkriegsjahre in Salzburg, Tübingen und Stuttgart möchte ich übergehen. Wesentlich daran ist, dass ich sie überwinden und dass ich sie durch meinen Beginn in Wien abschütteln konnte.

Dr. Hans Sittner hat mir zu diesem Beginn geholfen und darum meinen unvergänglichen Dank.

Wien brachte mir allmähliche geistige Lösung von meinem Vater und in der Folge die Findung meiner selbst. Das Jahr in Rom und die sieben Jahre in Teheran betrachte ich als Gewinn neuer Dimensionen.

Dazu gehören erstens viele Sprachen und kulturelle Einsichten, die erst den Stil meines heutigen Lebens möglich machen.

Der Orient brachte mich in Beziehung zum Wesen seiner Menschen und erweckte in mir eine verstärkte Sensibilisierung des Lebens und bewirkte dadurch auch eine Wendung zu noch mehr Ausdruck in der Kunst. Gerne wollte ich ein Wort von Hokusai etwas abwandeln und für mich ummünzen. „Ich habe immer gerne und viel gearbeitet, war am Anfang leider eigensinnig und stolz. Ich wollte immer nur tun, was mir Freude und Vergnügen bereitete und hatte es daher immer besonders schwer. Langsam erkannte ich, dass Musik erst jenseits alles Technischen und aller Doktrine beginnt, nämlich dort, wo Freude und Leid mit den gleichen Tönen in uns dringen. Seither bin ich auf diesem Wege bemüht, dieser Wahrheit noch präziser nachzuspüren. Vielleicht gelingt es mir einmal etwas zu schreiben, das in jeder Note Ausdruck dieser Wahrheit sein darf, bevor ich an die Schwelle komme, hinter der die Vollkommenheit jeder Musik verborgen ist.“

Thomas Christian David mit Vater und Bruder Lukas

Dr. Herbert Vogg 8.11.1984

(1928 – 2021) Verlagsleiter, Texter, Komponist, Librettist für TCD, arbeitete im Musikwissenschaftlichen Verlag Wien und beim Musikverlag Doblinger.

Über Thomas Christian Davids Kompositionsweise

Davids Entwicklung vollzog sich in der interessierten, aber kritischen Auseinandersetzung mit der Umwelt einerseits, mit der Vergangenheit andererseits. Nach einer eigenen Aussage waren für ihn neben der musikalischen Erziehung im Elternhaus fünf große B bestimmend.

Bach, Beethoven, Brahms, Bartok, Berg. Selbstfindung erfolgte nicht auf dem Umweg über die Geringschätzung der großen Vorderen und Altvorderen, sondern durch eine von immer neuem Staunen, von Bewunderung und letztlich von Liebe gekennzeichneten Bewältigung des Erbes, eines auf neue Besitznahme, auf Metamorphose und Wiedergeburt wartenden Vermächtnisses. David betonte, dass den für divergierende Besetzungen geschriebenen Werken das Festhalten an der Tonalität - im weitesten Sinn versteht sich als der Bedachtnahme auf einen das Werk bestimmenden Grundton- und das Festhalten am Prinzip der thematischen Arbeit gemeinsam sein. Bekenntnishaft fiel zudem der Satz: „Das Thema entstammt der Einfallssphäre.“

In Anlehnung auf eine Kritik in der Zeitung zitiert David ironisch aus einer Kritik über die Gedichte Christian Morgensterns: „Ihnen haftet absolut nichts Sensationslüsternes, Perverses oder Sprachspekulatives an. Ihr einziges Ziel ist der harmonische Aufbau. In diesem Sinne sind sie natürlich als Bausteine neuerer Literatur völlig ungeeignet und anachronistisch.“ Und David ergänzt: „Diesen Satz erlaube ich mir auch im Hinblick auf meine Arbeit zu empfehlen.“ Aus Teheran schreibt David 1972:

Der wahre Künstler hat sich zu allen Zeiten so empfunden, dass ihm etwas von der Schöpfungskraft geliehen ist, soferne er in der Lage ist, eine Bindung mit dieser Schöpfungskraft einzugehen. Diese Bindung existiert im Konzeptionellen, existiert aber auch im Handwerklichen und beherrscht letztlich jeden Federstrich. Natürlich ist damit auch gesagt, dass das Künstlersein nicht etwas ist, das für jeden bestimmt ist und dass die heutige Überfülle des Angebots leicht reduzierbar wäre, wenn Kunstmachen als elitäres Prinzip höchster Bildung und stärkster Bindung verstanden würde. Nun kann ich meine Zeitgenossen nicht dazu bewegen, nach diesen Prinzipien zu denken, kann mich aber beruhigen, dass sich die Zeit allemal noch mit dem Prinzip der Elitebildung durchgesetzt hat.

David hält nichts davon, aus Gründen irgendeiner Dogmatik oder eines Prinzips wegen, eine Komposition durchgehend in einer einzigen Technik auszuführen, es sei denn, solche Ausschließlichkeit werde vom Werkganzen gefordert.

Ich glaube, sagt er, dass die Mischung der Techniken und Stile heute die einzige Möglichkeit ist, zu einer neuen verständlichen Aussage zu kommen. Verständlichkeit wird erweckt, indem Anklänge an Erinnerungen mit neuen Mitteilungen gemischt werden. Für die Übermittlung der Aussage stehen die strengen und logischen Formen des Kontrapunkts ebenso zur Verfügung, wie um nur ein Beispiel vom anderen Ende der Skala zu nennen, die von der Aleatorik herkommenden Klangflächen. Die Technik, die dem für das Verständnis jeweils gewünschten Ausdruck am meisten dienlich ist, ist die jeweils Richtige.

Gibt es einen Gegensatz, einen Konflikt zwischen Thomas Christian David und Johann Nepomuk David? Thomas Christian David hat sich sein Leben lang als Dirigent liebevoll der Musik des Vaters angenommen, die er sozusagen authentisch zu interpretieren versteht. Über das Elternhaus, über den Vater zumal sprach und spricht Thomas Christian David nur mit größter Ehrfurcht und Dankbarkeit. Er tut es mit zunehmendem Alter, freilich zusehends unbefangener. Das rein technische Können des Vaters wurde vielmehr in den jüngsten Jahren und im steten Umgang mit Johann Nepomuks Werken eingesogen.

„Die beste Theorieschule,“ schreibt Rudolf Klein (Musiker, Komponist), „bedeutete der Umstand, dass er die Werke des Vaters zu korrigieren hatte. Eigenständige Kraft wusste sich zu behaupten, ererbte Kraft, fand zu autonomer Sprache. Im Laufe der Jahre verstand, verschwand aus den Musikkritiken der stehende Satz -“Sohn des Vaters!“

Balduin Sulzer hebt 1979 in Linz anlässlich der Verleihung des Kulturpreises des Landes Oberösterreich bei seiner Laudatio an David hervor: „Dass nämlich David einen unverkennbaren Personalstil entwickelt hat, der auf einer brillanten Beherrschung des kompositorischen Handwerks fußt, grundsätzlich die Interpreten anspricht und herausfordert und damit den legalen Weg zum Publikum einschlägt.“

Um mit David selbst zu schließen: Wenn eine Musik nicht verständlich ist, erfüllt sie nicht ihre Aufgabe. Musik muss in höchstem Sinn des Wortes unterhaltsam sein. Es geht bei der Musik darum, die Unterhaltung der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes auf das höchste Niveau zu führen.

Anlässlich des 75. Geburtstags

Interview Walter Verdehr

mit Thomas Christian David 1995, Wien.

Vom Verdehr Trio am 11.06.2020 in YouTube veröffentlicht. Aufnahme vom 27. März 2000 im Karajan Center Wien.

Walter Verdehr, geb. 1941 in der Gottschee. Studium Graz. Seit 1968 lehrt er an der Michigan University of Musik und begründete das Verdehr- Trio. 2019 ging er in den Ruhestand.

Walter Verdehr:

Thomas Christian David, das Verdehr-Trio nennt sie gerne „unseren Haydn“, weil Sie eine ganze Literatur für unser Trio geschaffen haben.

Thomas Christian David (TCD):

Sie haben im ersten Moment bereits einige verschiedene Punkte angesprochen. Sie haben meine Wenigkeit mit Haydn verglichen und ich muss sagen, Haydn ist in Ordnung, aber Haydn hätte niemals ein Trio oder ein Quartett geschrieben, wenn es nicht die Esterházys gegeben hätte, die ihn eingeladen und ihn unterstützt haben und ihm durch sein Leben von Anfang bis Ende geholfen hätten.

Und wir haben natürlich 83 Quartette von Haydn und das ist eine große Bereicherung in der Musik und allgemein nicht nur in der Kammermusik. Ihre Einladung und Ihr Drängen alleine, dies zu tun und zu komponieren, hätten niemals zu einem einzigen Trio geführt.

Walter Verdehr:

Wie sind Sie an das erste Trio herangegangen?

TCD:

Ich lernte Sie und Ihre Frau als außergewöhnliche Spieler und außergewöhnliches Ensemble kennen. So eine Art Musik zu machen, gefiel mir, in einer Besetzung, die es selbst in der Klassik nicht gab, weder in der Romantik noch in modernen Zeiten: ein Trio für Violine, Klarinette und Klavier.

Das Treffen mit der Familie Verdehr war für mich sehr wichtig; es gab mir den Anstoß all diese Musik zu schreiben.

Walter Verdehr:

Danke schön! Es war uns eine Freude; wir haben Ihre Musik sehr oft gespielt; sie gehört zu unserer Lieblingsmusik.

TCD:

Das dritte Trio basiert auf einer persischen Melodie – dem Aziz-Djoune-Lied. Ich musste etwas Persisches finden. Ich konnte keine persische Musik schreiben, weil ich kein Perser bin; aber ich kann persische Melodien verwenden sowie persische Klänge nutzen. So wie Beethoven russische Lieder verwendet hat oder andere Komponisten fremde Lieder genutzt haben, um ihnen eine besondere Note zu verleihen. In diesem Fall wurde gefordert, einen Beitrag zur Erinnerung an „50 Jahre Gründung der Vereinten Nationen“ zu schaffen.

Walter Verdehr:

Oh ja! Das stimmt!

TCD:

Dafür sollte aus jedem Land ein Stück geschrieben werden, welches an dieser Gründung teilgenommen hatte – auch vom Iran. Aber dies war gerade die Zeit, als im Iran das erste Aufbegehren zur Revolution unter Chomeini stattfand, was keine Chance für irgendeine Produktion von Musik zuließ. Und es waren die Verdehrs die mich eingeladen haben, etwas Ähnliches wie persische Musik zu finden; so fand ich diese Melodie – das Aziz-Lied: etwas, was sehr populär ist. Fast jeder junge Mensch pfeift diese Melodie. Es ist eine bekannte Melodie!

Walter Verdehr:

Ja! So hatten wir einen Kontakt zur persischen Mentalität! Können Sie uns erzählen, wie Sie überhaupt nach Persien kamen?

TCD:

Dies ist eine lange Geschichte! Persien war schon immer etwas Besonderes für mich seit meiner Kindheit! Ich war noch nicht einmal zur Schule gegangen, als ich bereits ein Buch aus der Bibliothek meiner Eltern studierte: Die Geschichte Alexanders des Großen!

Ich hatte zwar bereits eine Einladung nach China erhalten, aber ich dachte, dass ich nichts Nützliches aus der chinesischen Sprache lernen würde. Beim Persischen jedoch dachte ich, dass dies etwas sei, was ich lernen könnte und wollte. So begann ich vor etwa 40 Jahren Farsi (Persisch) zu lernen - gleichzeitig kam dann auch die Einladung zur Universität Teheran, wo meine Pflicht darin bestand, Vorlesungen auf Englisch oder Französisch abzuhalten sowie Prüfungen ebenfalls in diesen Sprachen durchzuführen.

Nun hatte ich einen Dolmetscher, welcher übersetzte, was ich sagte.

Dieser Mann war sehr schlau, sogar viel schlauer als ich, denn er fragte mich: „Wenn sie Prüfungen abhalten, welche Art Fragen stellen sie eigentlich?“ Und im Moment war ich so dumm und sagte ihm: „Ich frage diese, diese und jene“ Dinge! Er bereitete alle Studenten wunderbar vor. Als sie zu ihrer Prüfung kamen, konnten alle sofort alle Fragen beantworten, denn sie wussten, welche Fragen ich stellen würde?

Also, ich wusste sofort Bescheid über alles, was geschah und sagte den Kollegen und Professoren: „In einem Jahr verspreche Ihnen, werde ich meine Prüfung selbst in ihrer Sprache abnehmen!“ Es gab ein großes Gelächter, denn sie dachten: „Dieser Mann sei dumm und würde nie Farsi innerhalb eines Jahres lernen können.“ Aber genau das trieb mich dazu an. Ich tat nichts anderes mehr als Farsi innerhalb eines Jahres zu erlernen. Nach einem Jahr konnte ich diese Prüfungen selber abnehmen.-

Angestellt war ich als Kompositions-, Flöten-, Klavier- und Musikgeschichtsprofessor. Außerdem unterrichtete ich auch Dirigieren. Nur fehlte ein Orchester und so gründete ich schnell ein kleines Kammerorchester. Es war schon ein großer Erfolg, dass es mir gelungen ist, dieses Orchester mit lauter Persern zu besetzen. Alle anderen Orchester bestanden hauptsächlich aus Europäern, z.B. Flüchtlingen usw.

Von politischer Seite aber wurden nur Orchester mit ausnahmslos Persern als Musikern akzeptiert. Und so begab es sich, dass eines Tags bei einem Konzert in der Universität der Schah persönlich beiwohnte. Nach dem Konzert befahl er mir an einen abgelegenen Ort, wo niemand sonst hinkam zu kommen, um mit mir allein zu sprechen. Er sagte mir: „Wie Sie dieses Orchester leiten, das ist wirklich sehr gut. Aber darf ich Sie fragen, wie arbeiten Sie mit den Leuten?“

Ich antwortete „Ja, natürlich in persischer Sprache.“ Dass ich Persisch spreche, wusste wohl irgendwoher seine Frau. Sie musste es ihm erzählt haben. Sodann sagte er: „Sie sprechen Persisch?“ Ich antwortete: „Ich versuche es.“ „Ich möchte das bewiesen haben!“

Und dann sprachen wir zehn Minuten lang Persisch miteinander. Er stellte viele harmlose Fragen, die ich ihm beantwortete. Das gefiel ihm. Dann meinte er: „Es ist schade, dass keiner der Gastprofessoren bereit und interessiert wäre, die persische Sprache zu erlernen.

Als er gekrönt wurde, gab es einen Auftrag, eine Oper zu schreiben.

Kein Perser war dazu imstande so etwas zu leisten. Ich war dazu fähig und bereit.

Und so mussten die Perser die bitteren Pillen nehmen, dass nur ein Ausländer diese Arbeit vollbringen konnte. So schrieb ich die Oper Atossa. Für den Text bekam ich von vielen Leuten Unterstützung.

Denn man könnte zwar ein Stück schreiben, ohne alle Geheimnisse, alle Besonderheiten, alle Akzente und Nuancen im Sprachlichen zu verstehen, aber dann bliebe einem viel verborgen. Die Oper war ein großer Erfolg. Meine spätere Frau lernte ich bei der Opernproduktion für Schahs Krönung kennen.

Ich bekam dann keinen weiteren Auftrag, Opernstücke zu komponieren. Es waren Perser, die solche Stücke hervorbringen sollten. Ich sollte sie lehren. Aber sie waren selber dazu nicht in der Lage und so musste ich ihnen tatkräftig unter den Arm greifen und viel Musik stammt direkt aus meiner Hand.

Walter Verdehr:

Wann kamen sie zurück nach Wien?

TCD:

1970/1972 oder73?

Walter Verdehr:

Und begannen damals an der Akademie zu lehren?

TCD:

Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich war schon vorher Lehrer seit Anfang der 1960er. Als ich zurückkam, musste mein Vertrag wieder hergestellt werden. Dieses Verfahren war etwas schwierig. Es war auch nicht einfach, von den Kollegen akzeptiert zu werden. Sie meinten ich hätte die ganze Harmonielehre vergessen. Aber ich arbeitete hart und nach einem Jahr wurde ich bereits zum Abteilungsleiter gewählt.

Walter Verdehr:

War das 1975 oder74?

TCD:

Nein, 1972.

Walter Verdehr:

Ich weiß, dass sie in Kairo am ägyptischen Opernhaus dirigierten.

TCD:

Diese Sache ist auch nicht so schnell erklärt. Ich war das erste Mal in Kairo 1960, im selben Jahr, als ich erstmals in Persien und auch erstmals in New York war.

Walter Verdehr:

Ich verstehe.

TCD:

Ich bekam zunächst eine Einladung, das alte Kairo-Orchester zu leiten. Das Kairo-Orchester hat eine alte Tradition. Ursprünglich wurde es gegründet für die erste Aufführung der Opernaufführung der „Aida“. Es war immer ein internationales Orchester, in welchem Franzosen, Italiener, Engländer, Deutsche und viele andere spielten. Nur eine Hand voll waren Araber. Und ich konnte mich natürlich mit allen Musikern verständigen, weil ich polyglott bin. Ich sprach mit jedem von ihnen.

Walter Verdehr: