Tod auf Bewährung - Timo Nieminen - E-Book

Tod auf Bewährung E-Book

Timo Nieminen

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Beschreibung

Würdest du dein Leben gegen Geld eintauschen? Ein Jahr Lebenszeit für eine Million Euro – ein verlockendes Angebot für all jene, die nichts mehr zu verlieren glauben. Doch hinter diesem perfiden Handel steckt ein skrupelloser Serienkiller, der aus Verzweiflung ein tödliches Spiel macht. Er ist glitschig wie ein Fisch, kaum zu fassen. Reich, mächtig, intelligent – und völlig unberechenbar. Seine Opfer wählen selbst… oder glauben es zumindest. Kommissar Jussi Linnrös steht vor einem Fall, der ihn an seine Grenzen bringt. Ohne klare Spuren, ohne greifbares Motiv und mit einem Täter, der immer einen Schritt voraus zu sein scheint, bleibt ihm nur eines: Geduld und messerscharfer Verstand. Kann Linnrös das tödliche Spiel durchschauen, bevor die Zeit seiner Opfer endgültig abläuft? Oder ist der Killer am Ende doch unantastbar? Ein packender Thriller über Moral, Gier und die Frage: Was ist ein Menschenleben wirklich wert?

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tod auf Bewährung

Ein Fall für Jussi Linnrös

Timo Nieminen

Copyright © 2026 Timo Nieminen

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: Auf der Rückseite

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WIDMUNG

Dieser Krimi war für mich ein ganz besonderer. Ein Projekt, das mich über einen langen Zeitraum begleitet hat und bei dem ich mir bewusst viel Zeit genommen habe. Ursprünglich war die Idee ein völ-lig unabhängiger Thriller, der in den USA spielt – ein düsteres, spannungsgeladenes Werk, das sich in einem völlig anderen Setting bewegt. Doch während des Schreibens wurde mir klar, dass diese Geschichte einfach nicht in diese Welt gehörte. Sie fand ihren Platz bei Jussi Linnrös, dem Kommis-sar, der mich schon viele Jahre begleitet. Und plötz-lich fügte sich alles – die Charaktere, der Spannungs-bogen, die düstere Atmosphäre – nahtlos in die Ge-schichten, die ich über ihn erzählt habe. Es erfüllt mich mit Stolz, dass dieses Werk in die Reihe von Linnrös’ Ermittlungen eingegangen ist und nun als Krimi vor euch liegt. Ich habe viele Stunden mit dieser Geschichte verbracht, viele Nächte über der Frage gegrübelt, wie sich die Ereig-nisse entfalten sollten.

Aber auch in den Momenten der Unsicherheit war da immer dieses Vertrauen, dass die Geschichte ihren Weg finden würde – und dass sie am Ende den rich-tigen Platz einnehmen würde.

Mein aufrichtiger Dank gilt an dieser Stelle meinem Verlag, der mir mit seiner Unterstützung und seinem Vertrauen immer wieder den Rücken gestärkt hat.

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Auch meiner Familie und meinen Freunden danke ich von Herzen, denn sie waren mein Rückhalt in je-der schwierigen Phase dieses Projekts. Ohne ihre Ge-duld und ihr Verständnis wäre vieles nicht möglich gewesen. Ein besonderer Dank geht an mein Lek-torenteam, das mit Expertise und scharfem Blick da-für gesorgt hat, dass dieses Buch die Form erreicht hat, die es verdient.

Nicht zuletzt möchte ich mich bei euch, den Lesern, bedanken. Ihr seid der Grund, warum ich schreibe. Es bedeutet mir unglaublich viel, dass ihr euch auf diese Geschichte einlasst und die Welt von Jussi Linnrös mit mir entdeckt. Ohne eure Unterstützung, euer Interesse und eure Leidenschaft für das Lesen wäre dieser Krimi nicht das, was er heute ist.

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Vorwort

Der Tuusulajärvi – Der See, der dir mehr Fragen stellt als er Antworten gibt

Der Tuusulajärvi. Wahrscheinlich hast du noch nie von ihm gehört, und das ist auch gut so. Der Tuusulajärvi ist nicht der „Hier-bin-ich-und-guckt-mich-an“-Typ, den man in Reiseführern fin-det, die uns weismachen wollen, dass wir alle nur auf den neuesten trendigen Ort in Europa aus sind, um ein perfektes Instagram-Foto zu schießen. Der Tuusulajärvi ist, wie ein gelangweilter Freund, der immer in der hintersten Reihe steht und leise über dich urteilt, während er sich selbst in seinen Ge-danken verliert.

Er liegt in Finnland.

Und wenn du das Land nur aus den Reisekatalogen kennst, die dir „Magie des Nordens“ verkaufen wol-len, dann wirst du bei diesem See feststellen, dass Finnland es eher mit:

„Dinge geschehen lassen“ als mit „Lass uns mal die Welt retten“ hält.

Finnland ist ein Ort, an dem sich alles sehr… ruhig anfühlt.

Und der Tuusulajärvi ist das perfekte Beispiel dafür. Er tut nichts, er wartet einfach. Und du? Du stehst da und fragst dich, warum du dich plötzlich so existen-ziell fühlst.

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Der See ist flach. So flach, dass du nicht mal die richtigen existenziellen Fragen stellen kannst, weil du einfach in der unaufdringlichen, fast schon passi-ven Oberfläche stecken bleibst. Du bist nicht tief ge-nug drin, um etwas wirklich zu entdecken, aber auch nicht so oberflächlich, dass du das Gefühl hättest, du könntest einfach weitergehen, ohne einen Moment innezuhalten. Und das ist irgendwie der Punkt. Du wirst dich irgendwann fragen, ob du einfach weiter-gehst oder ob du hierbleiben solltest und über dein Leben nachdenkst. Wahrscheinlich das Letztere. Der Tuusulajärvi ist der See, der dir immer die Wahl lässt, aber nie zu verstehen gibt, welche die richtige ist.

Jean Sibelius, der große Komponist, hat sich hier ein Sommerhaus gebaut. Ainola.

Du denkst dir vielleicht:

„Wow, cool, ein berühmter Komponist, ein wunder-schöner See – da muss es doch einen tieferen Sinn geben.“

Und ja, der See ist schön, aber er ist auch ziemlich knallhart in seiner Stille.

Es ist, als würde er dir ins Gesicht sagen: „Komm schon, du bist doch hier, weil du nach etwas suchst. Aber sei vorsichtig.

Ich hab‘ nichts zu bieten.“ Und dabei sitzt er da, mit seiner unerschütterlichen Ruhe, als würde er sich denken:

„Wer braucht schon Antworten, wenn man so ein großartiger Philosoph ist, der einfach da sitzt und nichts tut?“

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Der Tuusulajärvi ist auch im Winter eine wahre Of-fenbarung. Der See friert zu – und plötzlich wird er zu einem gigantischen Testfeld für alle, die sich gerne in „Abenteurer“-Klamotten sehen. Du kannst auf dem Eis laufen, wenn du dich traust, oder es zumindest versuchen, bis du nach zwei Se-kunden merkst, dass du wie ein betrunkener Pinguin auf dem Weg zum Notausgang aussiehst. Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass du die ganze Zeit denkst:

„Warte mal, was mache ich hier eigentlich? Und wieso hab‘ ich mir das als Freizeitaktivität aus-gesucht?“ Der Tuusulajärvi ist der perfekte Ort, um über solche Fragen nachzudenken – während du ver-suchst, nicht mit einem Bein im kalten Wasser zu landen.

Der See hat keine Ambitionen, dir irgendetwas zu zeigen, das du noch nicht wusstest – aber er lässt dich auf seine eigene Art und Weise das Gefühl be-kommen, dass du eigentlich überhaupt keine Ahnung hast, was du tust. Das ist der wahre Charme des Tuusulajärvi: Du kommst, du schaust, du gehst. Keine großen „Aha“-Momente, keine epischen Wahrheiten, die das Universum dir zuflüstert. Der See gibt dir einfach Raum, um zu erkennen, dass du am Ende des Tages genauso wenig über das Le-ben verstehst wie zu Beginn. Und trotzdem – du bleibst. Vielleicht weil der See dir auf seine eigene, schnoddrige Art sagt: „Du bist hier. Und das ist ge-nug.“

Also, wenn du das nächste Mal in Finnland bist und

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zufällig den Tuusulajärvi siehst, dann schau einfach hin. Setz dich ans Ufer, schau auf das Wasser, atme tief ein und frage dich: „Warum tue ich mir das an?“ Und wenn du keine Antwort findest, keine Sorge – der Tuusulajärvi wird dich nicht mit einem weisen Spruch trösten. Er wird einfach weiter da sein, ganz ruhig, und dir dabei helfen, zu erkennen, dass du mit deinen Fragen hier nicht allein bist. Wahrscheinlich ist der See auch etwas verwirrt über deine Anwesen-heit.

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D er Tuusulanjärvi lag still und makellos unter einer dicken Schneedecke, die die Land-schaft wie ein weiches, weißes Tuch um-hüllte. Der See wirkte in diesem kalten Januar wie ein glattes, endloses Spiegelbild des grauen Himmels – ein eisiges Universum, in dem Zeit und Raum auf seltsame Weise verschmolzen.

Eisnebel stieg vom Wasser auf, als hätte die Natur selbst Atem, und nur gelegentlich knackte das Eis leise unter der Last der Kälte.

Markko Tikkanen saß in seiner kleinen, gemieteten Hütte am Ufer. Ein Häuschen aus dunkel gebeiztem Holz, fast unscheinbar, aber für jemanden, der ver-folgt wurde, ein unschätzbarer Rückzugsort. Das Fenster war mit frostigen Kristallen überzogen, die wie winzige, zerklüftete Sterne funkelten. Im Inneren war es warm, die Heizung brummte leise vor sich hin, aber Markko zog sich seine dicke, wet-terfeste Schneekleidung an – die Uhr zeigte minus zwölf Grad, und draußen war das keine Temperatur, sondern eine Lebensbedrohung.

Er verließ die Hütte mit einer eisernen Routine. Zuerst prüfte er sein Equipment: eine spezielle Eis-fischrute, die man in Finnland „pilki“ nennt. Diese Rute war kurz und robust, etwa einen halben Meter lang, aus flexiblem Fiberglas gefertigt, mit ei-nem kleinen, gedämpften Rollenmechanismus, der

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das Ziehen und Aufwickeln der Schnur erleichterte. Der Griff bestand aus dunkelbraunem Kork, der warm in der Hand lag und nicht rutschig wurde, selbst wenn man mit Handschuhen fischte. Die Schnur war dünn, fast durchsichtig, um die vorsichti-gen Siikas nicht zu verschrecken. Vor ihm lag das Loch im Eis, das er selbst gebohrt hatte. Mit einem Eisbohrer, einem schlichten, aber effizienten Werkzeug mit scharfen, rotierenden Klin-gen, die tief ins Eis schnitten.

Der Eisangelbohrer, schwer und aus Stahl, hatte die kalte Oberfläche mit einem mühsamen, rhythmi-schen Dreh durchdrungen, bis sich eine kreisrunde Öffnung auftat, gerade groß genug, um die Angel auszuwerfen und den Fang nach oben zu ziehen. Es war ein meditativer Akt, das Geräusch des Boh-rers gegen das Eis, das gelegentliche Fallen von Eis-splittern in die Tiefe, das Gefühl der Stille und Ein-samkeit.

Markko setzte sich auf seinen kleinen Holzschemel, den er mitgebracht hatte. Die Beine tief vergraben in den klobigen Moonboots, die ihm trotz der frostigen Temperaturen Sicherheit gaben.

Die Bise, ein scharfer, eisiger Wind, der über den See fegte, schnitt durch seine Kleidung, doch die di-cke Mütze bedeckte seine Ohren und die Fausthand-schuhe hielten seine Finger beweglich. Er blickte auf das Wasser unter dem Eis, wo er

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hoffte, einen Siika zu fangen.

Der Siika, bekannt als Saibling, bewegte sich durch das eisig-kalte Wasser des zugefrorenen Sees. Der Fisch war ein filigranes Wesen mit schimmern-den, silbernen Schuppen und einem zarten, fast durchscheinenden Körper, der in den dunklen Tiefen des Sees fast unsichtbar war.

Trotz der trüben Kälte, die den See umhüllte, glitt der Saibling langsam und behutsam durch das klare, nahezu erstarrte Wasser. Jede seiner Bewegungen war vorsichtig und energieeffizient – die kalte Jah-reszeit verlangte nach Zurückhaltung und einem sparsamen Umgang mit Energie. Unter dem dicken Eis war die Welt stiller geworden, die Gewässer träge, und der Siika passte sich dieser Stille an.

Seine sonst so flinke Schwimmweise war langsamer, bedächtiger, als ob er die Kälte spürte, die durch das Wasser zog.

Er blieb stets auf der Hut vor den wenigen Gefahren, die im Winter unter der Eisdecke lauerten, aber seine scheue Natur und die verlangsamte Bewegung mach-ten ihn zu einem schwer fassbaren Wesen. In diesem Moment der Kälte war er ein stiller Über-lebenskünstler, der sich vorsichtig durch das winter-liche Wasser bewegte, auf der Suche nach den weni-gen, schwer zu findenden Nahrungsquellen und dem Schutz der tiefen, wärmeren Zonen des Sees.

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Markko benutzte als Köder kleine, glänzende Metall-löffel, die unter Wasser verführerisch blinkten und den Fisch zum Beißen lockten.

Er ließ den Köder langsam durch das Eisloch gleiten und zog ihn in kleinen Zügen wieder hoch, um die Aufmerksamkeit des Siikas zu erregen. Es war eine Mischung aus Geduld und Feinfühligkeit, ein Spiel zwischen Mensch und Natur, das Markko trotz aller Umstände fast als eine Art Therapie empfand. Plötzlich riss ein Lichtstrahl durch die winterliche Dämmerung. In der Ferne blitzten zwei grelle Scheinwerfer auf und bewegten sich mit rasanter Ge-schwindigkeit über das Eis.

Markko hob den Kopf, die Augen verengt, während das Geräusch eines Motors durch die Stille schnitt. Die Scheinwerfer kamen näher, unerbittlich, zielstre-big – bis eine schwarze Stretchlimousine, deren Chrom in der winterlichen Sonne blitzte, genau vor ihm zum Stillstand kam.

Das Blut gefror ihm in den Adern, und nicht etwa wegen der Kälte.

Aus der Stretchlimousine stieg zunächst der Chauf-feur, makellos in Schwarz, und öffnete die hintere Tür mit routinierter Präzision. Erst als er die Schwelle der Limousine betreten und sich vollstän-dig vom Wagen gelöst hatte, bewegte sich die Person auf dem Rücksitz.

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Dann trat ein Mann hervor — korpulent und breit ge-baut, in einen schweren, teuren Mantel gehüllt, auf den Füßen glänzende Lederschuhe. Auf seinem Kopf saß eine russische Uschanka, die seine gedrungene Gestalt noch wuchtiger erscheinen ließ. Wortlos, mit ruhiger Entschlossenheit, setzte er einen Schritt nach dem anderen und ging direkt auf Markko zu.

Markko begann zu winseln, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern im kalten Wind:

„Ich habe Ihr Geld. Es ist in meiner Hütte. Bitte, las-sen Sie mich es holen…“

Der dicke Mann sah ihn mit Verachtung an, zog eine glänzende Pistole aus dem Mantel hervor. Die Waffe war eine schwere, alte russische Nagant M1895, mit einem glatten, abgenutzten Griff und ei-nem langen Lauf, der in der Sonne fast gefährlich funkelte. Ohne weitere Worte erhob er die Waffe und drückte ab.

Der Schuss hallte scharf durch die winterliche Stille. Das Projektil traf Markko mitten zwischen die Au-gen, und sein Körper sackte reglos zusammen. „Geld interessiert mich nicht“, sagte der Mann kalt, seine Stimme scharf wie der Wind, der über den ge-frorenen See zog.

Der Klang seiner Worte schien mit der eisigen Bise zu verschmelzen, die die karge Winterlandschaft um-hüllte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, die

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Schwere seines Körpers lastete auf jedem Schritt, den er auf dem rutschigen Eis machte. Er erreichte die Limousine, der Chauffeur öffnete wortlos die Tür. Der Mann stieg ein, seine Bewegun-gen langsam und kontrolliert, als ob er die Kälte vollkommen ausgeblendet hätte. Die Tür schloss sich leise hinter ihm, und für einen Moment herrschte Stille – nur das entfernte Knir-schen des Eises, das die Last des Fahrzeugs trug, war zu hören.

Der Chauffeur trat vor, zog Markkos Beine und Kör-per langsam zum Eisloch.

Mit mühsamer Kraft vergrößerte er das Loch mit dem Bohrer, bis es groß genug war, um die Leiche zu versenken.

Die Angelrute und die anderen Utensilien wurden achtlos mit ins eiskalte Wasser geschmissen, sie ver-schwanden in der Dunkelheit des Sees. Vladimir stapfte durch den knirschenden Schnee in Richtung der Blockhütte, die kaum mehr als ein schwarzer Fleck am Ufer des zugefrorenen Tuusu-lanjärvi war.

Die Tür stand einfach offen, nicht abgeschlossen – als hätte der Besitzer sie in Eile oder aus Nachlässig-keit zurückgelassen.

Einladend, ohne Absicht, aber genau richtig für Vla-dimir.

Mit schwerem Schritt trat er ein. Das schwache Licht

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der Hütte reichte gerade so aus, um die spärliche Einrichtung zu erkennen. Ohne Umschweife ging Vladimir ins Schlafzimmer, dessen Tür halb offen stand.

Dort, auf einem alten, wackeligen Tisch, lag ein schwarzer Koffer prall gefüllt mit Bargeld. Das Ra-scheln der Geldscheine klang verheißungsvoll in der stillen Hütte. Ohne zu zögern nahm Vladimir den Koffer, spürte das Gewicht in seinen Armen, und machte sich sofort wieder auf den Weg zurück zur Limousine.

Die Scheinwerfer warfen lange Schatten auf den Schnee, während er die Beute zum Wagen trug. Dann stieg der Chauffeur ein, und der Mann auf der Rückbank, zündete sich eine dicke Zigarre an, nahm einen tiefen Schluck Scotch und flüsterte mit schwe-rem Akzent: „Nach Hause, Vladimir.“ Die Stretchlimousine setzte sich in Bewegung, wäh-rend der eisige Wind über den Tuusulanjärvi fuhr und die Stille wieder über den See legte, als wäre nichts geschehen.

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Pekka Meriläinen war betrunken am Steuer. Das Lenkrad schwankte in seinen Händen, während die endlose Dunkelheit der finnischen Landstraße an ihm vorbeizog. Drei Stunden war er unterwegs ge-wesen, um an diesen Ort zu kommen. Es war der Ort, den er sich ausgesucht hatte, um all dem ein Ende zu setzen.

Er war ein miserabler Ehemann gewesen. Ein Rabenvater.

Seine Anwaltskanzlei hatte er in den Ruin getrieben. Sein bester Freund hatte ihn mit seiner Frau betro-gen, der Kontakt zu seiner neunjährigen Tochter Liisa blieb ihm seither verwehrt – und mit ihm jeder Sinn, weiterzumachen.

Der Motor lief noch, als er ausstieg. Die kalte Luft stach ihm ins Gesicht. Vor ihm: die Imatrankoski-Staumauer, 18 Meter hoch, darunter die schäumenden Stromschnellen – laut, wild und tödlich. Er ging langsam zur Mitte der Mauer, zog die Designermütze tiefer ins Gesicht und griff in die Tasche.

Nur noch eine einzige 1-Euro-Münze war ihm ge-blieben. Seine sogenannte Glücksmünze. Ironisch. Er nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche Finlan-dia-Wodka.

Sein Blick glitt in die Tiefe.

Die Nacht war klar, das Licht der Sterne spiegelte

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sich auf dem schwarzen Wasser.

Unten brach sich das Wasser über scharfe Felsen, Gischt spritzte hoch. Viele waren hier bereits ge-sprungen.

Für ihn sollte es nun auch hier enden. Er war sprungbereit, stand auf der Mauer und sah in die Tiefe. Sein ganzes Leben schoss hinter seinem inneren Auge vorbei, ein Bild nach dem anderen, als ob die Zeit für einen Moment stillstand. Jedes ver-passte Wort, jede verlorene Gelegenheit, jedes ge-wählte und nicht gewählte Handeln brannten in sei-nem Gedächtnis. Aber jetzt, hier, auf diesem schma-len Grat zwischen Leben und Tod, war er bereit. Be-reit, alles hinter sich zu lassen. Bereit, zu springen. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, die Geräusche der Stadt verschwanden zu einem gedämpften Rau-schen. Es gab nur noch ihn und den Sprung. Alles, was er wusste, war, dass es keine Rückkehr gab. Dann hielt ein hupependes Auto neben ihm. Eine schwarze Stretchlimousine. Das getönte Fenster glitt langsam herunter, und ein breites, fast schon groteskes Grinsen blickte ihn an. „Tun sie es nicht! Wir müssen reden!“ „Es gibt nichts mehr zu reden“, bellte Pekka. „Es ist alles hoffnungslos.“

„Kommen Sie. Es wird sich für Sie lohnen. Ein Geschäft, das Sie nicht ablehnen können.“ Pekka zögerte.

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Was hatte er schon zu verlieren?

Vielleicht war das hier nur ein Traum. Vielleicht war er längst tot.

Aber seine Neugier siegte.

Mit schwerem Schritt stieg er von der Brüstung und öffnete die Tür der Limousine.

Drinnen: rotes Leder, modernste Technik, weiche Beleuchtung, breite Sitze, eine Bar, gekühlte Ge-tränke – alles auf dem neusten Stand. Pekka sank hinein, atmete flach.

Ihm gegenüber saß ein älterer, beleibter Mann mit schwarz gefärbtem Haar und einem maßgeschneider-ten Anzug.

Auch Pekka hatte einmal so einen getragen. „Was wollen Sie?“, fragte er schroff. „Ein Geschäft vorschlagen.“

Der Mann legte einen schwarzen Koffer auf den Schoß, öffnete ihn – prall gefüllt mit Geld. Pekka stockte der Atem.

„Eine Million Euro.“

Sagte der alte Mann in ruhigem Ton. „Und die wollen Sie mir schenken?“, witzelte Pekka nervös.

„Fast. Nicht ganz.“, sagte der Mann ruhig. „Ich gebe Ihnen den Koffer. Er gehört Ihnen. Aber heute in einem Jahr, treffen wir uns wieder – hier, an diesem Ort. Und ich werde Sie töten!“ Pekka glaubte nicht, richtig gehört zu haben.

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„Und was springt für Sie dabei raus?“ „Ich habe meinen Spaß.“, lachte der Alte, sein Grin-sen wieder breit.

„Ich könnte einfach verschwinden. Ins Ausland. Sie würden mich nie finden.“ Der Mann zog an einer dicken Zigarre, dann wurde seine Stimme plötzlich kühl:

„Daran würde ich an Ihrer Stelle nicht einmal den-ken.“

Pekka zitterte.

War das echt?

War es Wahnsinn?

Er wusste es nicht. Aber der Koffer zog ihn magisch an. Die Chance, noch einmal alles gut zu machen – eine letzte Runde auf dem Karusell, ein Jahr Zeit. „Hören Sie, wie war noch gleich Ihr Name…“, fragte der Mann beschwichtigend.

„Pekka Meriläinen“,beantwortete Pekka die Frage höflich.

„Pekka, Sie wollten sich gerade das Leben nehmen. Ich kenne Menschen wie Sie.

Ich gebe Ihnen die Möglichkeit, Ihre Fehler zu korri-gieren. Und heute in einem Jahr – regeln wir das, wie besprochen.“

Er reichte Pekka einen Vertrag. Schwarz auf Weiß. „Und wenn das Geld nicht echt ist?“, fragte Pekka misstrauisch.

Der Jurist in ihm war nicht tot.

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Der Mann lachte herzlich.

„Vladimir, fahr zur nächsten Tankstelle.“ Die Limousine glitt durch die nächtliche Leere, bis sie an einer Tankstelle am Waldrand hielt. 3 Uhr morgens. Kaum Betrieb.

„Nehmen Sie sich einen Schein aus dem Koffer. Irgendeinen. Und kaufen sie sich etwas.“ Pekka nahm einen Hundert-Euro-Schein, stieg aus, trat in die neonbeleuchtete Tankstelle. Er kaufte sich eine Packung Marlboro Rot. Die Kassiererin war jung, sichtlich nervös – sie hasste Nachtschichten. Überfälle waren nicht selten. Sie musterte den Schein und legte ihn in ein Prüfge-rät – ein flacher Scanner mit UV-Licht und Wasser-zeichenprüfer. Der Schein war echt. Sie reichte ihm die Zigaretten und das Rückgeld. Pekka trat wieder hinaus in die Kälte, trat zurück zur Limousine, öffnete die Tür – und stieg ein. „Na?“, fragte der Mann.

Pekka nickte nur.

„Gut. Dann unterschreiben Sie hier.“ Die Limousine roch nach Zigarre, Leder und Macht. Pekka hielt den Kugelschreiber in der zitternden Hand. Der Vertrag lag offen vor ihm, sauber ge-druckt, seitenweise Paragrafen, Absätze, Fußnoten – fast schon eine juristische Liebeserklärung an den Wahnsinn.

„Bevor ich etwas unterschreibe, lese ich es auch

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gründlich“, sagte Pekka mit brüchiger Stimme. Der alte Mann lächelte nur.

Es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln eines Jägers, der weiß, dass seine Beute sich noch ein wenig ziert – aber längst im Sack ist.

Pekka las. Seite für Seite. Er suchte nach Schlupflö-chern, Ungereimtheiten, versteckten Klauseln. Doch der Text war präzise, elegant – und erschre-ckend klar.

Ein Jahr Leben – gegen eine Million Euro. Am 5. Januar 2025, exakt ein Jahr nach Unterzeich-nung, sollte der "Vertragspartner A" – also der alte Mann – "das Recht erhalten, Vertragspartner B den Tod zu bringen, ohne Regress, Strafverfolgung oder moralische Einrede."

Pekka schluckte schwer. Seine Anwaltshand zitterte. Der Konjunktiv der Hölle lag über dem Papier. „Der Vertrag ist sittenwidrig“, murmelte er. „Nach §36 des finnischen Vertragsgesetzes –sitten-widrige Verträge sind nichtig. Das hier... das ist keine rechtliche Bindung. Das ist Wahnsinn.“ Der alte Mann schien nicht überrascht. Er sog ge-nüsslich an seiner Zigarre, blies den Rauch langsam aus – wie ein Drache, der kurz davor war, Feuer zu speien.

„Sittenwidrig? Vielleicht.

Unwirksam? Vielleicht auch.

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Aber wissen Sie, Pekka...“, er beugte sich leicht vor, „...ich brauche gar keinen vollstreckbaren Vertrag. Ich brauche nur ein... Beweismittel. Ein Stück Papier.

Etwas, das belegt, dass Sie sich an unsere Abma-chung erinnern. Ich bin vielleicht einfach altmodisch. Handschläge, Versprechen, Ehrenworte – das ist mir zu vage.

Ich will es schwarz auf weiß.

Schließlich geht es um sehr viel Geld.“ Pekka starrte auf den Koffer voller Scheine. Echtes Geld. Kein Trick. Er hatte es getestet. Die Kassiererin an der Tankstelle hatte die Banknote geprüft, durch das kleine UV-Gerät gezogen, gegen das Licht gehalten. Sie hatte genickt, ihm die Marlboro ausgehändigt, ohne auch nur mit der Wim-per zu zucken.

Es war kein Traum.

„Ich... ich weiß nicht, ob das der beste oder der schlimmste Vertrag meines Lebens ist“, sagte Pekka. „Beides“, antwortete der Alte knapp. Pekka schloss die Augen. Er hörte wieder das Tosen der Stromschnellen. 18 Meter darunter, der dunkle Tod, den er eben noch gewählt hatte. Jetzt lag eine Million zwischen ihm und dem Nichts. Er unterschrieb.

Der alte Mann nahm den Vertrag wortlos entgegen,

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faltete ihn sorgsam und steckte ihn in die Innenta-sche seines maßgeschneiderten Anzugs. „Sehr gut, Pekka“, sagte er und lehnte sich zurück. „Dann leben Sie jetzt ein Jahr lang wie ein König. Und vergessen Sie nicht – am 5. Januar nächsten Jahres sehen wir uns wieder.

Genau hier, wo Sie eben noch tot sein wollten.“ Er klopfte Pekka auf die Schulter. Der Druck war überraschend schwer. „Glauben Sie mir, das Jahr wird schneller vergehen, als Sie denken.“

Nach dem Tankstopp fuhren sie schnell zurück zur Staumauer, der Vertrag war bereits unterwegs unter-schrieben. Als sie ankamen, stand Markkos Volvo immer noch da – der Motor brummte, die Standhei-zung lief.

Es war, als wäre er nie weg gewesen. Ohne ein Wort stieg Markko aus der Limousine. Er blieb einfach stehen, wie ein Schatten, der im Wind verharrt. Die Limousine drehte sich langsam und verschwand dann geräuschlos, so plötzlich, wie sie gekommen war. In Markkos Hand lag ein schwarzer Koffer, vollgepackt mit einer Million Euro. Er war reich.

Aber nur für ein Jahr.

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Pekka Meriläinen stieg in seinen Mietwagen – einen schlichten Volvo, dessen abblätternder Lack vom vergangenen Winter erzählte und dessen Polster ei-nen dezenten Moschusduft verströmten. Es war ein billiger Wagen, schnörkellos, zuverlässig – ähnlich einem guten, alten Freund ohne Eitelkeiten: vier Rä-der, ein Lenkrad, und darauf wartend, ihn nach Hel-sinki zu tragen.

Pekka griff nach dem Steuer und ließ den Volvo die Landstraße entlanggleiten, die weiten, leeren Felder an ihm vorbeiziehen. Der schwarze Koffer mit der Million Euro lag sicher unter dem Beifahrersitz. Es war ein Gefühl der Befreiung, das ihn durch-strömte, aber auch eine seltsame Unsicherheit. Vor ein paar Stunde noch hatte er den Gedanken an den Abgrund zugelassen, an das Ende seiner Ge-schichte. Doch jetzt? Jetzt wusste er, dass er die Kontrolle hatte. Und er wusste, dass er diese Chance nicht verpassen würde.

Der Song im Radio begann.

Die ersten Klänge von „Man in the Mirror“ von Mi-chael Jackson füllten den Wagen und verstärkten Pekkas Gefühl von Veränderung. Der kraftvolle, fast zerbrechliche Beginn des Songs ließ ihn aufhorchen, und dann kam die Nachricht:

„If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and make a change.“

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Pekka lachte laut, als der Song weiterging, seine Stimme kaum in der Lautstärke der Musik hörbar, als er mit sang:

“I’m starting with the man in the mirror, I’m asking him to change his ways...” Es war, als würde der Song ihm die Erlaubnis ertei-len, das zu tun, was er die ganze Zeit gewollt hatte: sich selbst zu verändern, eine neue Version von sich zu erschaffen.

“If you wanna make the world a better place…” – Pekka dachte an die Million, die er unter dem Sitz hatte, und an die Dinge, die er sich jetzt leisten und verändern konnte. Aber es war mehr als nur Geld. Es war die Chance, ein neues Leben zu führen, ein Leben, das er selbst bestimmt.

Er konnte das Gefühl der Freiheit schmecken. Der Wind brauste durch das offene Fenster, und der Song – seine Worte, die zu einer Hymne seiner eige-nen Reise wurden – drang tief in ihn ein. “As I close my eyes, I see the world as I want it to be.”

Diese Zeilen trafen ihn unerwartet. Es war mehr als nur ein Song – es war ein Aufruf. Ein Aufruf zu Ver-änderung. Ein Aufruf, endlich die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Er dachte an die Zeit, als er sich am Rand des Ab-grunds wähnte, als er nicht mehr wusste, wie er den nächsten Tag überstehen sollte.

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„No message could have been any clearer…“ Der Song führte ihn zurück zu den Entscheidungen, die ihn hierhergebracht hatten – Entscheidungen, die ihn an diesen Punkt brachten, an dem er endlich das Steuer in der Hand hielt.

Pekka grinste, als die Musik ihren Höhepunkt er-reichte, die Streicher sich erhoben, und Michael Jacksons kraftvolle Stimme die Luft erfüllte: “You gotta get it right, while you got the time...” „Ich hab’s endlich begriffen“, flüsterte Pekka und sang mit, während er auf den Horizont zusteuerte, er-hob sich allmählich die Stadtsilhouette von Helsinki. Der Song verstärkte den Rhythmus seines Herzens. Es war ein neuer Anfang. Keine Rückkehr mehr. „If you wanna make the world a better place, take a look at yourself and make a change.“ Er wusste, dass die Reise gerade erst begonnen hatte. Aber heute war der Tag, an dem er sich selbst und al-les, was er je für unmöglich gehalten hatte, verän-dern würde.

Als Pekka die Straßen von Helsinki erreichte, spürte er, wie das Kribbeln der Aufregung in ihm aufstieg. Das Grand Casino Helsinki lag nur wenige Minuten entfernt, aber es war noch zu früh für ihn, sich dem Nervenkitzel und den hohen Einsätzen zu stellen. Er wusste, dass er einen klaren Kopf brauchte – und der war schwer zu finden, wenn man die Nacht durchgefahren war.

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Pekka parkte den Volvo vor dem Hotel Kämp. Es war das perfekte Versteck für eine kurze Auszeit. Ein altes, elegantes Gebäude im Herzen von Hel-sinki, ruhig und stilvoll, das wusste Pekka zu schät-zen.

Ein Ort, an dem er für ein paar Tage verschwinden konnte, ohne aufzufallen.

Das Grand Casino Helsinki war nur einen Katzen-sprung entfernt, doch er brauchte Ruhe – Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten und den nächsten Schritt zu planen.

Er ging hinein, die schwere Eisentür öffnete sich mit einem leisen Quietschen.

Die Lobby war ruhig, kaum ein Gast war zu sehen. Das gedämpfte Licht und der weiche Duft von fri-schem Kaffee aus der Bar verstärkten die Atmo-sphäre der Erhabenheit und des Luxus. Pekka hatte das Gefühl, als würde hier die Zeit still-stehen – genau das, was er jetzt brauchte. „Ein Zimmer für drei Nächte“, sagte er und legte sechs Geldscheine auf den Tresen eine Nacht koste-tete 200 Euro. Die junge Empfangsdame nickte nur und gab ihm den Schlüssel für Zimmer 303. Keine Fragen, kein Nachhaken.

Er bezahlte im Voraus, wollte keine Rückfragen und keine unnötigen Gespräche.

Es war immer besser, wenn man für sich selbst sprach – in der Sprache des Geldes.

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Der Aufzug brachte ihn in den dritten Stock, und er betrat einen Flur, der genauso ruhig und gepflegt war wie die Lobby.

Pekka spürte, wie die Anspannung von der langen Fahrt langsam von ihm abfiel.

Das Zimmer, in das er eintrat, war klassisch und komfortabel: große Fenster, die auf die schlafende Stadt blickten, ein riesiges Bett, das ihn mit seinen weißen Laken förmlich einlud, sich niederzulassen. Doch Pekka hatte noch nicht genug von der Freiheit, die er sich selbst erkämpft hatte.