Tod per Knopfdruck - Emran Feroz - E-Book

Tod per Knopfdruck E-Book

Emran Feroz

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Beschreibung

116 zivile Drohnentote laut US-Administration. 1.427 zivile Drohnentote laut dem Bureau of Investigative Journalism. 6.000 und mehr Drohnentote, die laut ehemaligen US-Militärs "unrechtmäßig" getötet wurden. Seit Beginn des "War on Terror" gehören US-Drohnen-Angriffe in Afghanistan, Irak, Pakistan, Somalia und vielen anderen Ländern zum Alltag. Allein in seinem letzten Amtsjahr autorisierte Friedensnobelpreisträger Barack Obama den Abwurf von 26.172 Bomben. Dabei wird die Anzahl der zivilen Opfer, die sogenannten "Kollateralschäden", schlicht menschenverachtend heruntergespielt. Laut Whistleblowern, aber auch dem Bureau of Investigative Journalism oder ziviler Organisationen, die den Opfern im Internet gedenken, liegt die Anzahl der Toten um ein Vielfaches über den offiziellen Zahlen der US-Administration. Wie aber gelingt es den Verantwortlichen, das wahre Ausmaß dieser Katastrophe so herunterzuspielen? Welche Interessen stecken hinter diesen Angriffen? Und welche Rolle spielt Deutschland dabei? Emran Feroz reiste zur Recherche unter anderem in Kriegsregionen und sprach mit jenen, die von den "Todesengeln", wie die Drohnen von den Betroffenen genannt werden, tagtäglich terrorisiert werden.

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EPUB

Seitenzahl: 320

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Ebook Edition

Emran Feroz

Tod per Knopfdruck

Das wahre Ausmaß des US-Drohnenterrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte

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www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-679-8

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2017

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich

Inhalt

Vorwort
Vom Aufstieg der Todesengel
Als der Todesengel Aishas Gesicht raubte
Wie die allererste Drohne zum Einsatz kam
Die Todeskonstruktion
Die perverse Namensgebung der Waffensysteme
Wen Drohnen wo töten
Schauplätze und Tatorte
Drohnenterror in Maidan Wardak in Afghanistan: Offizielle Zahlen beschreiben nicht das Ausmaß der Katastrophe
Afghanistan: Schattenkrieg in Khost
Ein Massaker an Nomaden
Brutal und skrupellos: Die Schergen der CIA
Pakistan: Von Malala und Nabila
Hayatullah Khan – Der Mann, der den CIA-Drohnenkrieg in Pakistan aufdeckte
Pakistan: Wie die CIA einen Anti-Drohnenaktivisten tötete
Jemen: Wie der Schattenkrieg begann
Die Katastrophe, von der keiner spricht
Das tragische Schicksal der Familie al-Awlaki
Palästina: Ein ignorierter Schauplatz des Drohnenkrieges
Palästina: Wie die Familie Kilani ausgelöscht wurde
Der US-Geheimkrieg auf dem afrikanischen Kontinent
Somalia: Piraten, Drohnen und Extremisten
Vom Horror in Syrien
Die Täter
Protokoll des Todes
Der Drohnenpilot jenseits von Hollywood
Die Todesliste
Journalisten auf der Kill List
Komplizen
AFRICOM: Koordination des Drohnenterrors in Stuttgart
Ramstein, das Herz des Drohnenkrieges
Die Mittäterschaft westlicher Geheimdienste
Mittäter Medien
Ein Liveticker für Drohnenangriffe ist nicht erwünscht
Radikalisierung und Propaganda
Folgen des Drohnenterrors: Radikalisierung, Militanz und Terror vor Ort
Globale Radikalisierung
»Wenn ich ein junger Muslim wäre …«
Die Lügen des Pentagons: null Transparenz und kein Vertrauen
Blick in die Zukunft
Der Mord per Knopfdruck findet Nachahmer
Wie der Feind den Terror imitiert
Der erste Widerstand
Symbolischer Widerstand und verlorene Werte
Widerstand gegen die Mittäter: Wie der Versuch, gegen Ramstein zu klagen, scheiterte
Der blinde Fleck namens Kunduz
Widerstand von innen
Dystopie pur
Ausblick
Dank
Quellen

Vorwort

Erst im 20. Jahrhundert wurde der Himmel vom Menschen erobert. Es dauerte nicht lange von der Konstruktion des ersten Flugzeuges bis zur Bewaffnung der bemannten Fluggeräte. Die zahlreichen Kriege, die im letzten Jahrhundert stattfanden, waren geprägt von Fliegerbomben, die von Piloten abgeworfen wurden. Auch in Regionen der sogenannten Dritten Welt kennt man den Tod aus der Luft bereits aus der Kolonialzeit, etwa durch die Kampfflieger der Briten, die damals schon ihren strategischen Vorteil gegen ihre Widersacher am Boden einsetzten. Damals wie heute waren meisten Menschen in diesen Regionen dem Bomben der Kampfflieger hilflos ausgeliefert. Unterdessen wurde die technologische Entwicklung der Tötungsmaschinen im Westen mit großem Eifer weiterverfolgt, und die Konstruktion von Hightech-Kampfjets und Helikoptern sollte nur der vorläufige Höhepunkt sein. Unbemannte Kampfdrohnen, die sich beliebig fernsteuern und bewaffnen lassen, haben die Kriegsführung im 21. Jahrhundert revolutioniert und erfreuen sich bei den verantwortlichen Politikern und Funktionären im Westen einer immer größeren Beliebtheit. Das verwundert nicht, denn schließlich schont der Drohnenkrieg das Leben der eigenen Soldaten und ist für die Öffentlichkeit in westlichen Ländern weitestgehend »unsichtbar«. Diese technologische Entwicklung, die die Bezeichnung »Errungenschaft« gewiss nicht verdient hat, prägt zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Alltag in mehreren Ländern der Welt. Insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika haben diese Entwicklung maßgeblich vorangetrieben und dafür gesorgt, dass der Tod per Knopfdruck – nichts anderes geschieht hier tagtäglich – erfolgreich etabliert wurde. Anfang 2001 besaßen die USA weltweit nicht mehr als 50 Drohnen, 2013 waren es bereits zwischen 7 500 und 8 000. Inzwischen ist der klassische Pilot zum Auslaufmodell geworden. Das US-Militär bildet heute weitaus mehr Drohnenpiloten als konventionelle Kampfflieger aus, die meisten von ihnen sind Zivilisten, die das reale Schlachtfeld, etwa in den Bergen Afghanistans oder in den Wüsten Jemens, niemals betreten werden. Wie in einem Computerspiel töten sie Menschen, die sich viele tausend Kilometer entfernt befinden, per Knopfdruck, bevor sie wie andere Menschen mit einem normalen Arbeitsalltag ihre Schicht beenden, Feierabend machen und nach Hause zu ihren Familien gehen. »Es ist so, als ob man auf Ameisen tritt und danach nicht mehr daran denkt«, gab etwa Michael Haas, ein ehemaliger Drohnenoperator der US-Luftwaffe, später zu Protokoll.1 Während seiner sechsjährigen »Karriere« saß Haas im Luftwaffenstützpunkt Creech in Las Vegas und tötete mit dem Joystick in der Hand Menschen in Afghanistan. Wer sie gewesen sind, weiß er nicht. Obwohl Haas seine Verbrechen offen zugibt und sich gegen den Drohnenkrieg ausspricht, können die Angehörigen seiner Opfer nicht auf Entschädigung oder die Aufarbeitung seiner Taten hoffen. Für sie bleiben die Mörder ihrer Familienangehörigen, ihrer Söhne und Töchter, ihrer Nachbarn und Freunde ebenfalls unbekannt. Für die betroffenen Menschen in Afghanistan, in Jemen, in Irak und vielen anderen Ländern sind Haas und seine ehemaligen Kollegen eiskalte Mörder, die ihnen alles genommen haben und ihren Alltag terrorisieren.

Für mich selbst war der Drohnenkrieg stets etwas Dystopisches, das die meisten Menschen nur aus düsteren Science-Fiction-Filmen kennen. Die erste Predator-Drohne sah ich im Fernsehen, als das US-Militär Afghanistan, die Heimat meiner Eltern, bombardierte. Viele meiner Schulfreunde empfanden diese Waffen als »cool«, und offensichtlich waren selbst acht- bis zehnjährige Knirpse wie wir damals schon überzeugt davon, dass die USA in dieser Welt »die Guten« darstellen. Der sogenannte Krieg gegen den Terror, den das Weiße Haus nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 ausrief, begann am Hindukusch und wird dort bis heute geführt. Es war für mich beängstigend, mitanzusehen, wie andere Afghanen, deren Eltern nicht das Glück hatten, irgendwie in den sicheren Westen zu gelangen, einfach ausgelöscht wurden – und zwar nur weil sie Afghanen sind, sich wie solche verhalten oder wie sie aussehen. Schwarze Haare, ein Bart und ein Turban oder ein Pakol – eine klassisch afghanische Kopfbedeckung – reichten offenbar schon aus, um als »Terrorist« gejagt zu werden. Wäre auch ich ins Fadenkreuz geraten und hätte in der Heimat meiner Vorfahren als »Terrorist« oder »feindlicher Kämpfer« gegolten?

Umso überraschter war ich, als mir auffiel, dass trotz der bekannten Tatsachen eine kritische Berichterstattung sowie eine öffentliche Auseinandersetzung zum Drohnenkrieg praktisch nicht stattfand. Der Terror, den die USA und ihre Verbündeten mit ihren Todesmaschinen verbreiteten, war allem Anschein nach keine Schlagzeile wert. Bis heute werden einzelne Drohnenangriffe von vielen Nachrichtenagenturen nur selten aufgegriffen. In den allermeisten Fällen werden die Opfer ohne jegliche Beweise als »Terrorverdächtige« oder »mutmaßliche Militante« abgestempelt. Dies führt dazu, dass das wahre Ausmaß dieses Krieges von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass jene, die diesen Krieg führen, allein schon von der klandestinen Natur der Drohnenangriffe profitieren. Bis vor kurzem konnten bewaffnete Drohnen der USA mit maximal zwei Raketen ausgerüstet werden. Eine einzelne Drohne tötete demnach meistens kleine Gruppen von Menschen, etwa vier bis sechs Personen. Derartig »kleine« Angriffe und Verluste werden oftmals als »sehr gering« oder »unbedeutend« abgetan. Das Gesamtbild des Drohnenprogramms geht dabei vollkommen unter. Für mich war klar, dass ich daran etwas ändern musste und vor Ort recherchieren und den Menschen hier von diesem Krieg berichten musste. Als erste Reaktion gründete ich Ende 2013 das »Drone Memorial«, eine virtuelle Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer, die sonst nirgends Erwähnung fanden. Während es zahlreiche reale Gedenkstätten für die verschiedensten Kriegs- und Terroropfer gibt, ist dies bei den Drohnenopfern der USA nicht der Fall. Sie bleiben namenlos und unsichtbar, man könnte meinen, dass sie gar nicht existieren. Eine Sicht, die wohl auch im Interesse der Verantwortlichen für den Drohnenterror ist. Es ist schwer, der medialen Deutungshoheit der westlichen Medien etwas entgegenzusetzen und einer Berichterstattung, die den Wert eines Menschenlebens mit unterschiedlichen Maßstäben misst. »Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher«, schrieb George Orwell einst in seiner Farm der Tiere. Diese eiskalte Doppelmoral trifft insbesondere auf den Drohnenkrieg sowie die westliche Außenpolitik in Ländern wie Afghanistan zu.

Dieses Buch soll vor allem deutlich machen, dass kein Mensch gleicher, sondern tatsächlich alle gleich sind. Die Opfer des Drohnenkrieges haben unsere Aufmerksamkeit verdient, da es unsere Regierungen sind, die sie terrorisieren. Drohnen sind keine »präzisen« Waffensysteme, die ausschließlich »Terroristen« töten. Dieses verzerrte Bild, was sich schon längst in den Köpfen vieler Politiker festgesetzt hat, ist von Grund auf falsch. Es ist dringend nötig, diese Sicht zu dekonstruieren, um auf die realen Umstände und Auswirkungen des Drohnenkrieges aufmerksam zu machen. In diesem Buch werden Opfer genannt, über die teilweise zuvor noch niemand berichtet hatte. Ihr Schicksal muss beschrieben werden, ebenso wie die Schicksale der Opfer von Charlie Hebdo oder den Anschlägen von Madrid und London oder jenen des 11. Septembers beschrieben wurden. Wo es Opfer gibt, gibt es auch Täter. Der Drohnenkrieg macht allerdings deutlich, dass es keinen Einzeltäter gibt, sondern dass vielmehr eine ganze Tötungsindustrie hinter dem Mord per Knopfdruck steht, die es zu benennen gilt. In einer Welt, in der trotz der vorherrschenden Zustände dennoch Recht und Gesetz gilt, gibt es auch einige tapfere Menschen, die sich mutig gegen den Drohnenkrieg der USA – des größten Imperiums der Geschichte – stellen und diesen mit friedlichen Mitteln bekämpfen. Diese Menschen machen deutlich, dass jede Art von Widerstand, egal unter welchen Umständen, zählt und wichtig ist, um auf den Tötungskomplex des Weißen Hauses, der CIA, des Pentagons und all ihren Verbündeten aufmerksam zu machen. Die Hoffnung und das Engagement, die diese Menschen verkörpern, stehen über einer düsteren Realität, die gegenwärtig so zermürbend und allgegenwärtig erscheint.

Vom Aufstieg der Todesengel

Als der Todesengel Aishas Gesicht raubte

Am 7. September 2013 nahm eine US-amerikanische Reaper-Drohne einen Pick-up in der ostafghanischen Provinz Kunar ins Visier. Aus rund vier Kilometer Höhe beobachtete das unbemannte, mit Hellfire-Raketen ausgestattete Flugzeug das Fahrzeug, ganz im Unwissen der fünfzehn Insassen. Der Wagen befand sich auf dem Weg nach Gamber, einem nahegelegenen Dorf. Für das US-Militär ist Kunar berühmt-berüchtigt, immerhin wurden in dieser Provinz, die in weiten Teilen von den afghanischen Taliban kontrolliert wird, seit dem NATO-Einmarsch Ende 2001 zahlreiche amerikanische Soldaten getötet.1 Womöglich war dies einer der Gründe dafür, warum die Drohnenpiloten an jenem Tag im September davon überzeugt waren, dass sich im besagten Pick-up nur Militante, Terroristen oder Extremisten – mittlerweile gibt es für die Aufständischen viele Namen – befinden konnten.

Ausgeführt wurde die Operation von der Special Operations Command, jener schattenhaften Einheit des US-Militärs, die weltweit für Geheimoperationen zuständig ist und Drohnenangriffe wie den beschriebenen zum Alltag in Afghanistan gemacht hat. Wie bei jeder anderen Drohnenoperation wurde auch diese von mehreren Personen gleichzeitig ausgeführt und begleitet. An einem Kontrollpult befand sich der Pilot, der das Flugzeug via Fernsteuerung bediente und ein Sensoroperator, der für die Kameras sowie für das Waffensystem der Drohne zuständig war. In einem separaten Raum verfolgten ein Missionskoordinator (»mission intelligence coordinator«) und zwei seiner Kollegen das Geschehen über mehrere Monitore. Hinzu kamen unter anderen der Chefkoordinator (»intelligence tactical coordinator«), der die Hauptverantwortung für die Operation innehatte, sowie sogenannte Screener, die die Lage am Boden ebenfalls mitverfolgten.2 In vielen Fällen sind diese Personen Zivilisten, die für private Sicherheitsdienstleister arbeiten. Diese Privatunternehmen werden wiederum vom US-Militär beauftragt. Mittlerweile sind sie zu Massen in den Schattenkrieg der Vereinigten Staaten verwickelt und allgemein für das Kriegsgeschäft des Pentagons unentbehrlich geworden.3

Die Verantwortlichen der Operation waren nicht vor Ort in Kunar. Stattdessen befanden sie sich Tausende von Kilometer entfernt, etwa in der Creech Air Force Base in der Wüste Nevadas oder anderswo in den Vereinigten Staaten. Eine wichtige Frage, die sich hierbei stellt, ist folgende: Was sehen all diese Personen überhaupt? Können sie tatsächlich unterscheiden, ob es sich bei den Personen am Boden um Männer, Frauen oder Kinder handelt? Wissen sie, ob sie bewaffnete oder unbewaffnete Menschen sehen? Die Antwort lautet nein. Die Bilder sind bei weitem nicht so gut, wie uns Medien und teure Hollywood-Produktionen glauben machen wollen. De facto fällt es den Drohnenpiloten oftmals schon schwer, fahrende Autos wie jenen Pick-up ausreichend zu identifizieren. Viele Faktoren, etwa die Tageszeit, der Staub in der Luft oder der bewölkte Himmel, spielen hierbei eine Rolle. Die Aufzeichnungen der Gespräche der Piloten, Sensoroperatoren und Koordinatoren haben deutlich gemacht, dass auch Kinder und Frauen durch die Kameras kaum erkannt werden. Selbiges gilt für Bewaffnete und Unbewaffnete.4

Dennoch bestimmten diese Menschen an jenem Tag über das Schicksal der 15 Afghanen im Pick-up. Sie hatten die Macht über Leben und Tod – und sie entschieden sich für den Tod per Knopfdruck, für die vollständige Vernichtung. Per Fernauslöser wurden die Hellfire-Raketen gezündet und das Leben von 14 der 15 Insassen, allesamt Zivilisten, ausgelöscht. Nur ein kleines Mädchen, die damals vierjährige Aisha, überlebte. Doch bei dem Angriff verlor das afghanische Mädchen nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Gesicht. Es wurde zerfetzt und entstellt.5

»Hast du von dem Angriff gehört, der auf der Straße nach Gamber stattfand?« wurde Meya Jan, Aishas Onkel, kurze Zeit später am Telefon von einem Bekannten aus dem Nachbardorf gefragt.6 Meya hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Er hatte Angst um seine Schwester Tahera, deren Ehemann Abdul Rashid, seinen einjährigen Neffen Jundullah und um Aisha. Gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern begab er sich zum Tatort. Dort konnte er nur noch Aisha lebendig bergen. Sie wurde in ein Krankenhaus in der nahegelegenen Stadt Asadabad gebracht. Doch die Ärzte vor Ort konnten Aishas Wunden lediglich reinigen und stellten fest, dass sie durch den Angriff ihr Augenlicht verloren hatte. Die Ärzte sagten Meya, dass sie für Aisha aufgrund ihrer schweren Verletzungen nichts mehr tun könnten. Noch am selben Abend organisierten sie den Transport nach Jalalabad, der Hauptstadt der Provinz Nangarhar. Dort, so hieß es, bestünde die Hoffnung, Aisha besser helfen zu können. Doch auch dort wirkten die Ärzte hoffnungslos und meinten, dass ein moderneres Krankenhaus notwendig sei. Nach vier Tagen Behandlung wurde Aisha mittels eines Hubschraubers und dank der Hilfe von UNAMA – der Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan – nach Kabul gebracht. Dort konnte sie zwar besser behandelt werden, allerdings wurde ihr Fall von der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe der NATO (ISAF) übernommen. Das Schicksal des Mädchens hatte sich bereits herumgesprochen. Es hieß, dass wieder einmal afghanische Zivilisten durch US-amerikanische Luftangriffe getötet worden seien. Aisha befand sich nun im französischen Militärkrankenhaus nahe dem Kabuler Flughafen. Auch der damalige Präsident Afghanistans, Hamid Karzai, erfuhr von Aisha und besuchte sie im Krankenhaus. Als Karzai das sah, was von Aishas Gesicht übrig geblieben war, fing der Präsident an zu weinen. »In diesem Moment wünschte ich mir, dass sie mit ihrer Familie gemeinsam gestorben wäre«, meinte er sichtlich erschüttert in einem späteren Interview mit der Washington Post.7 Doch Aisha lebte – und für jene, die von ihrer Geschichte erfuhren, wurde ihr entstelltes Gesicht zum Symbol des US-Drohnenterrors in Afghanistan.

Karzai ist eine mehr als umstrittene Persönlichkeit der afghanischen Politik und wurde während seiner Amtszeit zum Inbegriff der Korruption in Afghanistan. Außerdem war es ein offenes Geheimnis, dass der »Bürgermeister von Kabul«, wie er spöttisch genannt wurde, kaum Macht hatte ohne den Rückhalt aus Washington. Dennoch macht Karzai bis heute regelmäßig auf sich aufmerksam, weil er den Krieg Washingtons in Afghanistan öffentlich kritisiert. Der ehemalige Präsident, dessen Aufstieg erst von Gnaden der Amerikaner ermöglicht wurde, sieht im US-Krieg in Afghanistan einen der Hauptgründe für den Anstieg von Extremismus in der Region. Außerdem, so Karzai, würden vor allem Zivilisten wie die Familie Aishas unter der US-amerikanischen Besatzung leiden. Vielen Beobachtern zufolge war die politische Eiszeit, die zwischen Karzai und der Obama-Administration deutlich spürbar wurde, das Resultat derartiger Statements. Plötzlich hielten die Amerikaner nicht mehr viel von ihrem Mann in Kabul. Für sie war er zunehmend eine undankbare Marionette, die die Fäden zu ihrem Puppenspieler abgetrennt hatte, gegen ihn rebellierte und ihr eigenes Süppchen kochte.

Man kann von Hamid Karzai halten, was man will. Seine Anteilnahme für Aisha war jedoch echt. Auch für ihn stand das Schicksal des kleinen Mädchens symbolisch für das Leid, das die Bevölkerung seit Jahren erfuhr. In Washington wusste man bereits, dass man, wieder einmal, keine militanten Kämpfer, sondern unschuldige Zivilisten getötet hatte. Gleichzeitig war man sich der Brisanz des Falls bewusst, denn die Gefahr war groß, dass die Geschichte Aishas Wellen schlagen und internationale Medien sich auf sie stürzen würden. Der US-Regierung drohte miserable Publicity für ihren »Krieg gegen den Terror« am Hindukusch und in anderen, vergessenen Regionen der Welt.

Von heute auf morgen verschwand das afghanische Mädchen aus Kabul. Laut offizieller Darstellung wurde Aisha in die Vereinigten Staaten gebracht, um sie dort besser behandeln zu können. Es ist jedoch naheliegend, dass der Entschluss auch getroffen wurde, um Aisha vor dem Licht der Öffentlichkeit zu verbergen. Aishas Familie zufolge geschah all dies ohne ihr Einverständnis. »Es war offensichtlich, dass sie Aisha verstecken wollten. Die US-Regierung will nicht, dass jemand von deren Kriegsverbrechen erfährt«, so Meya Jan, Aishas Onkel. »Ihr Gesicht hätte den Drohnenkrieg der Amerikaner endgültig enttarnt«, fügte er hinzu.

Vertreter der damaligen Karzai-Regierung sagten hingegen, dass die Familie damit einverstanden gewesen war, Aisha in die Obhut einer Pflegefamilie zu übergeben und sie in einer Spezialklinik behandeln zu lassen. »Wir haben die Zustimmung ihres Onkels«, so ein ehemaliger Sprecher von Hamid Karzai.8 Welcher Onkel damit gemeint ist, wird allerdings nicht klar. De facto steht hier Aussage gegen Aussage. Die afghanische Regierung, vor allem jene Hamid Karzais, ist nicht gerade bekannt dafür, die Wahrheit zu sagen.

Tatsächlich ist Ähnliches schon einmal geschehen. Im August 2010 war auf der Titelseite des renommierten Magazins TIME das entstellte Gesicht einer afghanischen Frau, die ebenfalls den Namen Aisha trug, zu sehen. Der reißerische Untertitel dazu lautete »Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen?«9 Mit »wir« war natürlich die westliche Staatengemeinschaft gemeint, die 2001 in das Land einmarschierte, um den Afghanen – und vor allem den Frauen – Freiheit, Menschenrechte und Demokratie zu bringen. Der Ehemann der jungen Frau hatte ihr Nase und Ohren abgeschnitten. Durch das Titelbild sollte, wie könnte es auch anders sein, suggeriert werden, dass die unterdrückten Afghaninnen weiterhin auf die militärische Präsenz der NATO im Land angewiesen seien, um sie vor ihren wilden, bärtigen Männern zu beschützen.

Diese Vorurteile sind ein fester Bestandteil jenes kolonialen Diskurses, der vom Westen bereits vor einigen hundert Jahren konstruiert wurde, um die eigene Gewalt in anderen Ländern zu rechtfertigen. Genauso selbstverständlich ist es auch, die Opfer der eigenen Gewalt zu verschweigen und zu verdrängen. Dies ist auch einer der Gründe, warum Aisha, das Drohnenopfer, auf keiner Titelseite eines der großen Politmagazine im Westen zu finden war. Ein derart niederschmetterndes Schicksal wäre ihr nämlich niemals zuteil geworden, wenn »wir« nicht in ihr Land einmarschiert wären und es nicht regelmäßig bombardieren würden.

Das, was Aisha widerfahren ist, kann nur als Terroranschlag bezeichnet werden. Als nichts anderes wird es nämlich von den Menschen vor Ort, Menschen wie Aishas Familie, wahrgenommen. Es ist eine Art von Terror, die nicht nur in Afghanistan, sondern auch in vielen anderen, mehrheitlich muslimischen Ländern mittlerweile zum Alltag geworden ist. Für viele Menschen sind die Drohnen, die über ihre Häuser fliegen, zu etwas Normalem geworden. Sie sind stets da, sie überwachen jede Bewegung und sie schlagen zu. Die summenden Drohnen mit Raketen, die wortwörtlich nach dem Feuer der Hölle (»Hellfire-Raketen«) benannt sind, bestimmen über Leben und Tod. Obwohl die Drohnen in den jeweiligen Ländern von der einheimischen Bevölkerung mittlerweile verschiedene Namen erhalten haben, hat sich vor allem der Name »Todesengel« durchgesetzt. So werden die Killermaschinen von einigen Paschtunen in Afghanistan sowie in Pakistan genannt. Es waren allerdings keine Engel, die Aisha an jenem Tag ihr Gesicht und ihre Familie raubten, sondern Menschen, die stundenlang in einem engen Raum am Joystick sitzen. Wie in einem Computerspiel verfolgen sie Menschen auf ihrem Monitor und töten auf Befehl, bevor sie ihre Schicht beenden und ihr Feierabendbier genießen. Doch tragischerweise leben wir in einer Zeit, in der ein solches Vorgehen und ein solcher Arbeitsalltag – zumindest im Westen – nicht als das bezeichnet wird, was es ist: Mord.

Wie die allererste Drohne zum Einsatz kam

Die Geschichte des globalen Drohnenkrieges der USA begann am 7. Oktober 2001 in Afghanistan. Es war jener Tag, an dem die sogenannte Operation »Enduring Freedom« (»Unvergängliche Freiheit«) der NATO im Land begann. Die westliche Staatengemeinschaft wollte unter der Führung der USA den Afghanen Demokratie und Menschenrechte bringen. Zur Unterstützung hatten Afghanistans Nachbarstaaten, Länder wie Pakistan, Usbekistan oder Tadschikistan, bereits im Vorfeld erklärt, Washingtons »Krieg gegen den Terror« zu unterstützen. Eine Form dieser Unterstützung war die Bereitstellung von Militärbasen sowie des Luftraums. So kam ausgerechnet im Schatten dieser Pläne zum ersten Mal eine Waffe zum Einsatz, die die Werte und zivilisatorischen Errungenschaften des Westens vollkommen negiert.

An jenem Tag hatten US-Piloten im Combined Air Operations Centre (CAOC) in Saudi-Arabien ein Haus in der südafghanischen Stadt Kandahar, dem Machtzentrum der damaligen Taliban-Regierung, im Visier. Das Ziel der Operation war Mullah Mohammed Omar, der damalige Führer und Gründer der Taliban. Auch im Pentagon in Washington sowie in der CIA-Zentrale in Langley wurde das Geschehen live mitverfolgt. Die Predator-Drohne, die bei dem Einsatz gesteuert wurde, war mit zwei leichtgewichtigen Hellfire-Raketen ausgestattet und startete vom Luftwaffenstützpunkt Khanabad im Süden Usbekistans.

Im Umfeld des Hauses, in dem die Amerikaner den Taliban-Führer vermuteten, waren mehrere Menschen zu sehen. Plötzlich schoss eine Hellfire-Rakete der Drohne in die Menge. Menschen wurden zerfetzt, Körperteile flogen durch die Luft. Jemand hatte auf den Knopf gedrückt. »Who the fuck did that?«, war die erste Reaktion eines hochrangigen Militärs, der das Geschehen in Saudi-Arabien mitverfolgte. Bis heute ist nicht bekannt, wer für den allerersten US-amerikanischen Drohnenangriff verantwortlich war. Grund hierfür sind vor allem die Verstrickungen in der Kommandostruktur des US-Militärs, der CIA und der NATO, die im Krieg in Afghanistan zu einem schwer zu durchschauenden Geflecht an Verantwortlichkeiten geführt hat. Hierarchie und Handlungsbefugnisse bleiben für Außenstehende oftmals unklar. In vielen Fällen, wie auch dem beschriebenen, ist später nicht mehr nachzuvollziehen, wer zu was berechtigt war, wer über wen das Sagen hatte und wem letztendlich die Hauptverantwortung zuzuschreiben ist. Insbesondere betrifft dies das Zentralkommando der Vereinigten Staaten (kurz: CENTCOM), die CIA, das Weiße Haus sowie das Pentagon.

Noch weniger wurde bekannt über jene Menschen, die durch den Angriff am 7. Oktober starben. Bestätigt wurde hingegen, dass das eigentliche Ziel des Angriffs, Mullah Omar, erfolgreich fliehen konnte. Er starb erst über ein Jahrzehnt später eines natürlichen Todes.10 Von diesem Tag an gehörten Drohnen-Angriffe zum Alltag in vielen Regionen Afghanistans. Darüber hinaus sollte dieser erste Angriff zum Exempel werden für all die Angriffe in den darauffolgenden Jahren, die im Schatten der Weltöffentlichkeit stattfanden. Bereits der erste Drohnenangriff verfehlte sein Ziel und tötet Menschen deren Geschichte und Identität nie bekannt wurden. Mit einer Ausnahme: Eines der Opfer soll der zehnjährige Sohn Omars gewesen sein, der kurz nach dem Angriff seinen schweren Verletzungen erlag. Dies behauptete der damalige Fahrer des Taliban-Chefs in einem Interview mit dem US-amerikanischen Journalisten Anand Gopal. Wenn die Aussage stimmt, kam bereits beim allerersten Drohnenangriff der Geschichte mindestens ein unschuldiges Kind zu Tode.11

Dieses Szenario wiederholt sich seit nun 16 Jahren immer und immer wieder. Unterdessen hat sich der Schauplatz des Drohnenkrieges massiv ausgeweitet. Er findet nicht nur am Hindukusch oder in den Bergen Nordwaziristans statt, sondern auch in den Wüsten Jemens und Somalias sowie in Irak und in Syrien – Regionen, die für die Menschen im Westen seit einigen Jahren nur noch mit Terror und Massenmord assoziiert werden. Dabei ist nicht außer Acht zu lassen, dass für all dieses Blutvergießen nicht nur Extremisten, Milizen oder anderweitige bewaffnete Aufständische wie die Taliban, al-Qaida oder Daesch (»Islamischer Staat, IS«) verantwortlich sind. Eine wesentliche, wenn nicht gar die Hauptlast der Schuld tragen Politiker im Westen, die die Kriege in jenen Regionen mit zu verantworten haben und während ihrer Amtszeiten als politische Entscheidungsträger zu der massiven Militarisierung der eigenen Gesellschaften – in diesem Fall vor allem der europäischen und nordamerikanischen – beigetragen haben. Die Kriegsführung mit bewaffneten Drohnen ist letztlich das logische Resultat jener technisch-militärischen Aufrüstung. Hinzu kommen weitere Gräuel des »Krieges gegen den Terror«, etwa das Foltergefängnis in Guantanamo sowie andere Massenfolteranlagen, die von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten im Laufe der Jahre errichtet wurden und in vielen Regionen der Welt zu finden sind oder die mittlerweile ebenfalls zum Alltag gewordenen, verdeckten Einsätze von amerikanischen Spezialkommandos.

All diese Dinge, einschließlich der Drohnenangriffe, finden – und das kann man gar nicht oft genug betonen – regelmäßig statt. Sie finden statt, während wir frühstücken, während wir unserer Arbeit nachgehen oder während wir schlafen und von unserem nächsten Urlaub träumen.

Für die Menschen in den betroffenen Regionen, seien es nun Afghanen, Jemeniten oder Somalier, werden all diese Dinge lediglich als eines betrachtet, nämlich als Terror. Sie unterscheiden nicht, ob ihre Familien durch Autobomben von al-Qaida oder durch Hellfire-Raketen einer Predator-Drohne getötet wurden. Dieser Unterschied wird nur von jenen gemacht, die sich im Recht sehen, mit aller Rücksichtlosigkeit das Leben von Millionen Menschen zur Hölle machen. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama, der das Drohnenprogramm sowie den Schattenkrieg der USA tatkräftig ausgeweitet hat, schien sich sehr wohl bewusst zu sein über den Schrecken, den sein Drohnenkrieg verbreitete: »Ich bin wohl ganz gut im Töten«, scherzte er laut Berichten vor seinen Beratern.12

Die Todeskonstruktion

Zum Verständnis des US-Drohnenprogramms ist ein Blick auf die technische Entwicklung der Drohnen unabdingbar, denn unbemannte Fluggeräte gibt es schon seit langem. Bereits während des Kalten Krieges wurden Drohnen für Spionagezwecke zum Einsatz gebracht.13 Dabei handelte es sich vor allem um ähnliche Modelle wie jene, die heute jeder auf Amazon bestellen kann, sprich, kleine, mit Kameras ausgestattete Fluggeräte. Eine wirkliche Zäsur in der Drohnen-Technologie fand erst mit der Konstruktion der ersten bewaffneten Drohne, der Predator, statt. Als Pionier diesbezüglich gilt der israelisch-amerikanische Luft- und Raumfahrtingenieur Abraham »Abe« Karem, der von einem Pentagon-Offiziellen einst als »Moses der modernen Drohnen« und vom britischen Economist als der »Drohnen-Vater« (»dronefather«) bezeichnet wurde.14 Karem, geboren 1937 in Bagdad, arbeitete einst für das staatliche israelische Rüstungsunternehmen Israel Aircraft Industries, das bis heute als weltweit führend in der Drohnentechnologie gilt. Noch unter dem Eindruck des Jom-Kippur-Krieges sollte die eng mit Militär und Geheimdienst verwobene Rüstungsindustrie modernere Waffen produzieren, um sich besser vor den Feinden des Staates Israel »schützen« zu können – in diesem Fall vor allem vor Palästinensern, die sich gegen die illegale Besatzung wehrten. Abe Karem bemerkte allerdings früh, dass seine Zukunft nicht in Israel lag und er sich in dem eng verwachsenen Netzwerk der Industrie nicht erfolgreich etablieren konnte. Aus diesem Grund wanderte er in die Vereinigten Staaten aus, wo er in seiner Garage in Los Angeles die ersten Modelle seiner »Traumdrohne« entwarf und herstellte. Angetrieben von einem fanatischen Erfindergeist sah er sich in einer Reihe mit den Gebrüdern Wright und anderen Pionieren.

Noch in seiner Garage gründete Karem seine eigene Firma, Leading Systems Inc., und im Laufe der Zeit wurden auch die CIA und das Pentagon auf seine Arbeit aufmerksam. Sowohl das US-Militär als auch der Geheimdienst waren auf der Suche nach neuen Waffensystemen für den Einsatz in asymmetrischen Kriegsszenarien. Anfangs spielte man noch mit dem Gedanken, ein gemeinsames Drohnenprogramm mit Israel zu starten. Da jedoch mit Karem ein fähiger Ingenieur auf dem Gebiet bereits im eigenen Land arbeitete, begann eine Kooperation mit seiner Firma. In der Folge wurde Leading Systems Inc. vom Pentagon als Teil eines inoffiziellen Schattenprogramms (»black« project) mit einem Budget von 40 Millionen US-Dollar unter Vertrag genommen. Seitens des Pentagons gab es sehr klare Vorgaben, was die Drohne leisten sollte: Ausgestattet mit Kameras und Sensoren sollte sie in einer Höhe von rund 4,5 bis 7,6 Kilometern operieren können und dabei in der Lage sein, ein Ziel präzise zu beobachten. Zum damaligen Zeitpunkt dachte allerdings noch keiner der Beteiligten daran, ein solches Fluggerät mit Waffensystemen auszustatten. Tatsächlich war sogar seitens CIA und Pentagon der Widerstand groß, ein unbemanntes Fluggerät zu bewaffnen. Jahre später relativierte auch Karem seine Verantwortung, indem er behauptete, dass es nicht seine Idee gewesen sei, die Predator mit Raketen zu bewaffnen.

Abraham Karem baute zwei Prototypen: den »Amber« und den »Gnat«. Beide gelten als Vorläufermodelle der berühmt-berüchtigten Predator-Drohne. Der erste erfolgreiche Testflug dieser Drohnen fand 1986 statt. Mit dem Ende des Kalten Krieges stellte das Pentagon das Projekt jedoch ein, unter anderem aufgrund interner Differenzen und finanzieller Kürzungen. Abhängig von den staatlichen Geldern musste Leading Systems Inc., das mittlerweile zu einer große Firma mit einem mehr als 18 000 Quadratmetern umfassenden Fabrikgelände und einem eigens gepachteten Flugplatz herangewachsen war, im Jahr 1990 Bankrott anmelden. Dem Drohnenbau tat dies jedoch keinen Abbruch: Die Gebrüder Neal und Linden Blue, Gründer des Rüstungsunternehmens General Atomics, glaubten an das Potential von Karems Drohnentechnologie und kauften seine bankrotte Firma. In der Zuversicht, dass CIA und Co. zukünftig weiterhin Interesse an Drohnen für den Einsatz in Krisenregionen haben würden, führten sie die Entwicklung fort.

Tatsächlich bekundete das US-Militär bereits während des Jugoslawienkrieges ab 1991 erneut Interesse an einer effektiven Spionagedrohne. Die Gebrüder Blue trafen sich mit führenden Pentagon-Offiziellen und versicherten, innerhalb von sechs Monaten ein verlässliches Gerät liefern zu können. Gleichzeitig arbeitete die Forschungsabteilung der CIA unabhängig daran, unbemannte Fluggeräte per Satellitenübertragung zu steuern. Doch auch für General Atomics nahm das Geschäft immer größere Dimensionen an. Innerhalb kürzester Zeit bewilligte der US-Kongress der Firma die finanziellen Mittel, um die Entwicklung der Predator-Drohne voranzutreiben. Viele Waffenlobbyisten warben für General Atomics, etwa indem sie Karems Pionierarbeit priesen und die Drohnentechnologie zu einem wichtigen Bestandteil der Zukunft des modernen Krieges erklärten.

1994 kamen Karems Prototypen im Krieg auf dem Balkan seitens der CIA erstmals zum Einsatz. Für den Start und die Landung der Drohnen wurde der Luftwaffenstützpunkt Gjader in Albanien eingesetzt. Ein Jahr später benutzte auch das Pentagon Karems weiterentwickelte Drohnen im Jugoslawienkrieg. Auch zu diesem Zeitpunkt waren die Drohnen noch nicht mit Waffensystemen ausgestattet, sondern lediglich für Spionagezwecke gedacht. Die Predator-Drohne konnte bereits rund 24 Stunden am Himmel schweben und erwies sich – zumindest für die damalige Zeit – als effektives Spionagewerkzeug. Mit dem »Eye in the Sky«, das über Satelliten gesteuert werden konnte, verlagerte sich auch der Arbeitsplatz vieler Militärangehöriger, da Piloten und Analysten nicht mehr gezwungen waren, sich in der Nähe des Schlachtfelds aufzuhalten.

Während der Krieg am Balkan blutig zu Ende ging, blieb die Predator-Drohne erhalten – und sie hatte viele Unterstützer für sich gewonnen, die sie auch anderswo im Einsatz sehen wollten, etwa im Nahen Osten. Der Blick fiel auf Irak unter dem Regime von Saddam Hussein. Dem Pentagon war vor allem die irakische Luftwaffe ein Dorn im Auge und es beschäftigte sich mit der Frage, wie man sie effektiv zerschlagen könnte, ohne das Leben der eigenen Kampfpiloten zu riskieren. Die Predator-Drohne wurde nur bedingt als Teil der Lösung betrachtet, denn sie konnte zwar erfolgreich Informationen sammeln, war allerdings weiterhin von bemannten Kampfflugzeugen abhängig. Noch war die Technologie nicht weit genug, doch bei der CIA und im Pentagon arbeitete man jetzt mit Hochdruck daran, die Drohnen mit Waffensystemen auszurüsten.

Ein weiterer Katalysator dieser Entwicklung waren extremistische Gruppierungen wie al-Qaida. Der Name der Gruppierung, der eigentlich nichts weiter als »Die Basis« bedeutet, fiel bereits vor dem 11. September 2001 regelmäßig in Washington. Die Gruppierung entstand in den 1980er-Jahren während des Krieges gegen die Sowjetunion in Afghanistan und fungierte hauptsächlich als Dreh- und Angelpunkt für freiwillige Kämpfer aus arabischen Staaten. »Die Basis« der Gruppierung lag damals in der pakistanischen Stadt Peshawar, in der viele Geflüchtete aus dem angrenzenden Afghanistan lebten und in der sich auch die Führer des Widerstandes – die afghanischen Mudschaheddin – aufhielten. Der Bürgerkrieg in Afghanistan entwickelte sich, ähnlich wie der gegenwärtige Krieg in Syrien, schnell zum Stellvertreterkrieg. Die beiden Supermächte, die Sowjetunion und die USA, standen sich gegenüber. Am Hindukusch fand man auf der einen Seite die kommunistische Regierung Kabuls, eine Diktatur, die einen brutalen Mord- und Folterapparat kommandierte und von Moskau tatkräftig unterstützt wurde. 1979 marschierten über 100 000 Soldaten der Roten Armee in das Land ein und besetzten es fast zehn Jahre lang. Auf der anderen Seite befand sich der afghanische Widerstand, hauptsächlich bestehend aus Mudschaheddin-Kämpfern, die von der westlichen Staatengemeinschaft unter der Führung der USA unterstützt wurden. Hinzu kamen weitere Staaten, die die Rebellen unterstützten, etwa Pakistan und Saudi-Arabien. Die Eskalation der Lage war typisch für einen Stellvertreterkrieg, und bald schon wurden auch andere Staaten in der Region ebenfalls in den Konflikt hineingezogen: Indien etwa stellte sich an die Seite der Kommunisten in Kabul, da der Erzfeind Pakistan auf der anderen Seite des Schlachtfelds zu finden war.15

Die Verwerfungen des Krieges in Afghanistan bereiteten den perfekten Nährboden für radikale Gruppierungen wie al-Qaida. Dass diese Schimäre überhaupt wachsen konnte, war unter anderem eine der Folgen der US-Außenpolitik in der Region. Die Strategen in Washington hatten beschlossen, dass Moskau der größere Feind sei, weshalb sie Osama bin Laden und seine Gefolgschaft unterstützten und dabei etwaige Gefahren ausblendeten. Dies galt auch für Teile der weitaus heterogeneren afghanischen Mudschaheddin, deren Führungsriege zum Teil aus radikalen Extremisten bestand. Wer jedoch meint, dass diese Gruppierungen nur aufgrund der Unterstützung Washingtons, der Saudis oder des pakistanischen Geheimdienstes ISI (Inter-Services Intelligence) wachsen konnten, liegt falsch. Eine gehörige Portion der Verantwortung trug auch die Rote Armee, die weite Teile Afghanistans besetzt hielt und regelmäßig in Dörfer einmarschierte und dort schlimme Massaker verübte oder sie in Schutt und Asche legte.

»Viele von uns sahen die grausamen Bilder aus Afghanistan. Ich selbst weinte, als ich sie sah. Sie bewegten mich derart, dass ich beschloss, nach Afghanistan zu gehen, um dort mitzukämpfen«, meint etwa der ehemalige Guantanamo-Häftling und Autor des Guantanamo-Tagebuchs Mohamedou Ould Slahi.16 Slahi, ursprünglich Mauretanier, der unter anderem in Deutschland und Kanada gelebt hatte, reiste kurz vor dem Fall der kommunistischen Regierung in Kabul Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre nach Peshawar, wo er sich kurzzeitig al-Qaida anschloss. Später, nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001, wurde Slahi aufgrund falscher Vorwürfe von der CIA verschleppt und über 14 Jahre lang im Foltergefängnis Guantanamo festgehalten. Laut Slahi waren die Verbrechen der Roten Armee einer der Hauptgründe der Radikalisierung vieler muslimischer Männer, die nach Afghanistan reisten, um dort zu kämpfen. Ähnlich verhielt es sich auch innerhalb der afghanischen Gesellschaft. Die Mudschaheddin hatten einen enormen Rückhalt innerhalb der afghanischen Bevölkerung, vor allem in den ländlichen Regionen, die regelmäßig Schauplätze von Kriegsverbrechen waren. Hinzu kamen noch die Gräueltaten des Geheimdienstes der Kabuler Regierung, des KHAD, der Tausende junger Männer verschleppte und in geheimen Folterhöhlen ermordete. Die Leichen vieler dieser Afghanen, bei denen es sich hauptsächlich um Zivilisten handelte, sind bis heute verschollen.

Nachdem der Kalte Krieg vorbei war und die letzte kommunistische Regierung in Kabul fiel, verlor Washington sein Interesse an Afghanistan. Das, was sie mit aufgebaut hatten, blieb allerdings. Während die Mudschaheddin sich nun gegenseitig bekriegten und Kabul in Schutt und Asche legten, schmiedete al-Qaida eigene Pläne. Der kommunistische Feind war besiegt, weshalb man sich nun dem nächsten Gegner auf der Liste widmete: den Vereinigten Staaten. Osama bin Laden vertrat die Meinung, dass die muslimische Welt noch lange nicht befreit sei. Stattdessen seien die politischen Führer der jeweiligen Länder allesamt Marionetten der USA und des Westens, der in dieser Region weiterhin Neokolonialismus betreibe. Die Sorge über diesen neuen Feind blieb in Washington vorerst aus. Während des Krieges auf dem Balkan reisten abermals zahlreiche freiwillige muslimische Kämpfer nach Bosnien-Herzegowina, um bosnisch-muslimischen Milizen und Kämpfern beizustehen. Unter den circa 6 000 Freischärlern befanden sich auch viele, die bereits Kampferfahrung in Afghanistan gesammelt hatten. Im Kampf gegen die Serben, die maßgeblich von Russland unterstützt wurden, kam es zu einem erneuten Zweckbündnis zwischen der westlichen Staatengemeinschaft und Kampfverbänden, unter denen sich auch al-Qaida-Mitglieder befanden.17

Im August 1998 detonierte ein mit Sprengstoff beladener Laster vor den Toren der US-Botschaft in Nairobi, Kenia. Zehn Minuten später explodierte ein zweiter Laster vor einer weiteren Botschaft in Dar-es-Salam, Tansania. Mindestens 224 Menschen wurden durch die beiden Anschläge getötet, unter anderen zwölf US-Amerikaner, darunter zwei CIA-Agenten. Das FBI kam später zum Schluss, dass die Angriffe vom »Islamischen Dschihad«, einer extremistischen Gruppierung, ausgeführt und von Osama bin Laden sowie dessen Stellvertreter Ayman al-Zawahiri gefördert wurden.18 Der damalige US-Präsident Bill Clinton ließ daraufhin, am 20. August, angebliche al-Qaida-Stellungen in Afghanistan sowie im Sudan bombardieren. In Sudan wurde vom US-Militär allerdings keine »Fabrik für chemische Waffen« bombardiert, wie anfangs behauptet wurde, sondern eine Medikamentenfabrik.19 Die Folgen sowie der Ort des Angriffs in Afghanistan blieben weitgehend unbekannt. Für mich persönlich, damals noch im Kindesalter, waren die Angriffe sehr prägend. Zum allerersten Mal in meinem Leben konnte ich im Fernsehen mitbeobachten, wie ein fremdes Land meine Heimat bombardierte.

Offensichtlich zog das Pentagon damals sogar in Erwägung, ein gigantisches Teleskop mitten in den afghanischen Bergen zu verstecken, um bin Laden damit aufzuspüren.20 Schließlich wurde die Entscheidung getroffen, die Suche mithilfe von Predator-Drohnen fortzusetzen, die weiterhin in Bosnien, im Kosovo sowie in Irak im Einsatz waren. Im Pentagon träumte man davon, mit der Predator die Fährte bin Ladens wie ein Raubtier – nicht umsonst hatte man der Drohne diesen Namen gegeben – aufnehmen zu können. Man erhoffte sich, ihn dann mit Tomahawk-Raketen, abgeschossen von einem U-Boot im Persischen Golf, töten zu können.

Die CIA genehmigte das geplante Vorgehen. Im September 2000 startete eine CIA-Pentagon-Operation mit dem Namen »Afghan Eyes« mit dem Ziel, Osama bin Laden mittels einer unbewaffneten Predator-Drohne in Afghanistan ausfindig zu machen. Die Drohne flog ab vom usbekischen Luftwaffenstützpunkt Khanabad und wurde nach dem Start von Piloten im US-Luftwaffenstützpunkt in Ramstein gesteuert. Aufgrund seiner geografischen Lage war die Basis in Ramstein für diese Operation und für alle darauf folgenden unabdingbar. Zeitgleich wurde das Videomaterial der Drohne im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, mitverfolgt und analysiert.21

Später meinte ein damals hochrangiger Offizieller der US-Regierung, Osama bin Laden mitsamt seiner Gefolgschaft in der südlichen Provinz Kandahar gesehen zu haben. Er erinnerte sich an die Länge des Schattens eines der Männer – bin Laden war mit 1,95 Metern von großer Statur – und schloss daraus, den al-Qaida-Chef gesehen zu haben. Auch der damalige Pilot der Drohne behauptete, bin Laden auf dem Schirm gehabt zu haben.22 Ein hochrangiger Pentagon-Offizieller war sich ebenfalls sicher, dass bin Laden rund vier Stunden von der Predator observiert worden sei. Allerdings war es laut dessen Aussage unklar, ob die aus dem Golf abgeschossenen Marschflugkörper ihn tatsächlich hätten treffen können.

Nur sehr unbedarften Beobachtern dürften derartige Aussagen von US-Offiziellen rational und oder glaubwürdig erscheinen. Bei genauerem Hinsehen wird schnell klar, dass die Verantwortlichen höchst fragwürdig, wenn nicht sogar stümperhaft vorgingen. Wie konnte es sein, dass sich ein hochrangiges Mitglied der US-Regierung lediglich auf die Länge eines Schattens, den er mittels der Kamera einer Drohne abschätzte, berufen kann, um über das Schicksal mehrerer Menschen zu entscheiden? Vor jedem anständigen Gericht würde ein solches Argument sofort verworfen und als zu schwach und unglaubwürdig betrachtet werden. Der Versuch, Osama bin Laden in den Bergen Afghanistans aufgrund der Länge seines Schattens zu identifizieren, kann keiner kritischen Prüfung standhalten, ganz ungeachtet der Tatsache, dass Männer größerer Statur alles andere als eine Seltenheit in Afghanistan sind, vor allem nicht in den Paschtunen-Gebieten im Osten oder im Süden des Landes. Gefehlt hätte es da nur noch, wenn die US