Torstraße 94 - Andreas Ulrich - E-Book

Torstraße 94 E-Book

Andreas Ulrich

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Beschreibung

Die Torstraße verbindet die Friedrichstraße im Westen mit der Prenzlauer Allee im Osten. Wie in kaum einer anderen Straße ist hier noch die brüchige Geschichte Berlins greifbar. Am Beispiel des Hauses Nr. 94 geht Andreas Ulrich den Spuren der Vergangenheit nach: Ob Agentin oder Konditor, ob Bankräuber oder Näherin, ob Super-Model oder Parteisekretär – das Haus und seine Bewohner haben viel erlebt: Dramatisches und Komisches, Absurdes und Unglaubliches.

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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2023

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ANDREAS ULRICH

TORSTRAßE 94

BERLINER ORTE

BeBra Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CDROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

E-Book im BeBra Verlag, 2023

© der Originalausgabe:

4., erweiterte und überarbeitete Auflage

be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2022

Asternplatz 3, 12203 Berlin

[email protected]

Lektorat: Ingrid Kirschey-Feix, Berlin

Umschlag und Titelfoto: Manja Hellpap, Berlin

ISBN 978-3-8393-0169-2 (epub)

ISBN 978-3-8148-0277-0 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Die Ulrichs, die Müllers, die MeiersVorderhaus 1. Etage rechts

Christa Kern (*1937) 1947–1953, Vorderhaus 1. Etage rechts

Catrin Przewozny (*1977) 1978–1990, Vorderhaus 4. Etage rechts

Detlef Bohnke (*1950) 1978–1989, Vorderhaus 3. Etage links

Peter Merten (*1931) 1964–1971, Seitenflügel 3. Etage rechts

Veronika Puder (*1953) 1972–1984, Seitenflügel 3. Etage rechts

Nici Brückner (*1970) 1973–1976, Seitenflügel 2. Etage rechts

Ruth Radelow (*1937) 1937–1958, Vorderhaus 1. Etage links

Frieda Fleischer (1906–1999) 1938–1948, Vorderhaus 4. Etage rechts

Walter Pannewitz (1901–1981) August–November 1951, Vorderhaus 4. Etage links

Manfred Halwas (*1935) 1977–1987, Konditorei Vorderhaus links

Annette Höfer (*1962) Seit 1991, Seitenflügel 4. Etage rechts

Gilbert Penser (*1959) Oktober–Dezember 1959, Vorderhaus 3. Etage links

Stefanie Meier (*1948) und Klaus Meier (*1952) 1984–1996, Vorderhaus, 1. Etage rechts

Rosel Kristen (*1938) 1952–1957, Seitenflügel 3. Etage rechts

René Bluhm (*1968) 1968–1989, Vorderhaus 2. Etage rechts

Günther Ihde (*1930) 1961–1994, Vorderhaus 3. Etage rechts

Alice Rönnekamp (1903–1942) 1936–1941, Vorderhaus 4. Etage links

Jan Krause (*1969) Seit 1999, Vorderhaus 1. Etage rechts

Unser Haus 2023

Das Haus – ein Post Scriptum

Abbildungsnachweis / Dank

Der Autor

Die Ulrichs, die Müllers, die Meiers

Vorderhaus1. Etage rechts

Meine Eltern haben uns Kinder damals nicht gefragt. Irgendwann hieß es: Wir ziehen um. Mich schickten sie in dieser Zeit zur Kur. Als ich zurück kam, wohnte ich plötzlich in einem Neubau, ein paar U-Bahnstationen entfernt. Vielleicht ist das der Grund, dass ich mich 1970 nicht richtig verabschieden konnte von der Torstraße 94, die damals noch Wilhelm-Pieck-Straße 94 hieß.

Daran hat sich wohl nichts geändert, Kinder werden auch heute nicht ernsthaft gefragt, ob sie umziehen möchten. Irgendwann haben sie dann neue Freunde, werden erwachsen, ziehen zu Hause aus und später selber immer wieder um. An das Haus der Kindheit bleiben ein paar Erinnerungen an Nachbarskinder, an Gerüche im Treppenhaus und an komische Erwachsene.

Bei uns im Seitenflügel lebte ein Schauspieler, der extrem gut nach Rasierwasser roch und den Kragen seiner Lederjacke stets lässig hochgeklappt trug. »Der ist vom anderen Ufer«, tuschelten die Erwachsenen im Haus. Für mich war klar, dass mit dem ›anderen Ufer‹ Westdeutschland gemeint war. Schließlich wusste jeder im Haus, dass Herr Merten von drüben kam. Offenbar gab es zwischen den beiden Deutschlands ein Gewässer, vielleicht ja einen großen See.

Von der anderen Uferseite hatte Herr Merten auch das Auto mitgebracht, das eines Tages auf unserem Hof stand, ein Modell der französischen Marke Simca. Wir Kinder drückten unsere Nasen an die Autoscheibe und registrierten, dass die Zahlen auf dem Tacho bis 180 gingen. Wir waren beeindruckt. Schließlich endete die Tachonadel im Trabant bei 120.

Im Vorderhaus wohnte Doktor Ihde, der von Beruf Psychologe oder Psychiater war. Züschologe oder Züschata sagten die Erwachsenen und nannten Herrn Ihde der Einfachheit halber »Mackendoktor«. Unten im Haus gab es die Konditorei, die die besten Windbeutel in ganz Ostberlin machte, Kalorienbomben mit einer riesigen Portion Schlagsahne in der Mitte.

Diese Kindheitserinnerungen waren plötzlich wieder da, als ich vor ein paar Jahren zurück in die Gegend gezogen bin. Von meiner jetzigen Wohnung sind es nur ein paar Fußminuten zur Torstraße 94. Das Viertel rund um den Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte gilt heute als »attraktive Wohngegend in Citylage« und touristischer Hotspot. Alle paar Tage werden neue Hostels, Galerien oder Boutiquen eröffnet, auf den Gehwegen schlängelt man sich durch Knäuel von Touristen. Im Supermarkt trifft man Stern-Chefredakteur Jörges, im Blumenladen Schauspieler Ben Becker. Wim Wenders wohnt um die Ecke, soll sogar einen eigenen Swimmingpool auf dem Dach haben, heißt es. Jeder Vierte, der in dieser Ecke von Berlin-Mitte wohnt, ist ein Ausländer, sagt die aktuelle Statistik. Vor allem Briten, Amerikaner und Australier kommen gerne hier her.

Wie überall in der Ostberliner Innenstadt sind in den letzten fünfundzwanzig Jahren nahezu alle früheren Bewohner weggezogen. Ich aber war nach Jahrzehnten wieder da und neugierig auf mein altes Haus. Ob von den Alten noch jemand da ist? Ich studierte die Namen am Klingelbrett neben der Haustür, entdeckte aber niemanden, den ich kannte.

Schließlich rief ich Frau Morgenstern an und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Das Hausbuch der Wilhelm-Pieck-Straße 94 aus den 60er-Jahren

Frau Morgenstern war in der Wilhelm-Pieck-Straße 94 unsere Nachbarin und, wie ich von meiner Mutter wusste, lebt sie seit ein paar Jahren in Pankow. Dort habe ich sie besucht und sofort erfahren, dass in unserem Haus tatsächlich niemand mehr wohnt aus der Zeit vor 1990, dass sie jedoch noch die alten Hausbücher besitzt. In diese Bücher hatte man sich zu DDR-Zeiten einzutragen, wenn man in ein Mietshaus zog. Name, Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf, Ausweisnummer waren ebenso anzugeben wie die vorherige Anschrift. Selbst Besucher, die nur für einige Tage blieben, mussten sich anmelden.

Hausbuchverantwortliche waren in der Regel besonders staatstreue Zeitgenossen. Aber Frau Morgenstern war nie in der Partei, sondern einfache Näherin beim VEB Herrenmoden, wie sie sagt. Vielleicht haben die ihr vertraut, glaubt sie, weil sie schon so lange, seit 1957, in dem Haus lebte.

Eigentlich sollten die Hausbücher nach 1990 bei den Meldeämtern abgeliefert werden. Frau Morgenstern hat sich nicht darum geschert, sondern die Bücher behalten und mitgenommen, als sie 1997, nach vier Jahrzehnten, ausgezogen ist. Vier türkisfarbene A5-Hefte im Querformat, das komplette Mieterverzeichnis der Jahre 1953 bis 1989. Frau Morgenstern hat sie mir geschenkt und dazu gelacht: »Viel Spaß bei der Suche nach unseren Nachbarn.«

Was heißt Nachbarn? Ich wollte doch eigentlich nur wissen, was aus denen geworden war, die in meiner Kindheit bei uns im Haus gewohnt hatten. Mit den vier Heften aber hatte ich plötzlich eine Art »Stillen Portier« in den Händen. So nannte man die Holztafeln mit den Namen der Mieter, die es früher in jedem Berliner Hausflur gab.

In den Heften ist akribisch festgehalten, wer zu welcher Zeit in welcher Wohnung zu Hause war. Die Geschichten dahinter freilich sieht man nicht. Nach denen müsste man suchen und mit den Angaben aus den Hausbüchern sollte das für einen Journalisten eine machbare Aufgabe sein.

In der Regel kennt man vielleicht noch den unmittelbaren Vormieter. Aber wer weiß schon, wer vor Jahrzehnten in der eigenen Wohnung gelebt hat? Will man das überhaupt wissen?

Nein, man muss das alles nicht wissen wollen. Mich aber hatte die Neugierde gepackt.

Die Hausbücher von Frau Morgenstern ließen mich nicht mehr los, ich wollte möglichst viel über die Menschen erfahren, die über die Jahrzehnte in unserem Haus gewohnt hatten. Natürlich konnte ich nicht wissen, auf welche Geschichten ich dabei stoßen würde. Egal ob Agentin, Bankräuber, Model oder Parteisekretär vom Palast der Republik – es gibt einiges zu berichten von meinen Nachbarn.

Meine Nachbarn waren sie alle irgendwie, auch wenn wir zu unterschiedlichen Zeiten im selben Haus gewohnt haben – mit unterschiedlichen Adressen übrigens: Als das Haus gebaut wurde, lautete die Anschrift Lothringer Straße 63. 1951 wurde daraus die Wilhelm-Pieck-Straße 94, seit 1994 befinden wir uns in der Torstraße 94.

Das Gebäude selbst ist eher unspektakulär, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts, vier Etagen, ein Seitenflügel, an der Fassade Rauputz, der vor ein paar Jahren ockergelb angestrichen wurde. Ein Haus wie tausend andere in Berlin.

Am 14. November 1960 sind wir, die Ulrichs, dort eingezogen, lese ich im Hausbuch. Der Buchhalter Karl-Heinz, die Hausfrau Helga und drei Kinder. Bald darauf kam ein viertes hinzu, meine kleine Schwester.

Mein Vater hatte Buchhalter in die Spalte »Ausgeübte Tätigkeit« geschrieben. Warum eigentlich? Vielleicht sollten sie im Haus nicht wissen, dass er Regierungsbeamter war. Ich glaube, er arbeitete damals schon im »Amt für Preise«. Als Kind habe ich ihn ein paar Mal besucht in seinem Büro im Haus der Ministerien. Ein riesiger Nazibau, in dem einst Görings Luftfahrtministerium residierte, heute ist darin das Bundesfinanzministerium untergebracht. Zu DDR-Zeiten haben mein Vater und seine Kollegen dort die Preise festgelegt für alles, was es in der Republik zu kaufen gab. Vaters Schreibtisch war voller Akten- und Papierstapel, sich Preise für Dinge auszudenken, war offenbar furchtbar wichtig und anstrengend. Seitenweise schrieb er mit der Hand irgendwelche Preisberechnungen auf, die eine Sekretärin später auf ihrer Schreibmaschine abtippte. Während mein Vater angestrengt formulierte, rauchte er Zigarillos der Marke Bode Spitzen. Ich mochte den Duft in seinem Büro.

Wilhelm-Pieck-Straße 94, 1984

Als Erwachsener ahnte ich, dass er und seine Leute oft nur so taten, als würden sie angestrengt arbeiten. Einmal festgelegte Preise übernahmen sie einfach Jahr für Jahr, zum Beispiel 85 Pfennige für eine Bockwurst mit Brötchen, 4,65 Mark für die Zwölfer-Packung Eier oder 18 Mark für eine Dose Ananas. Später arbeitete auch Mutter im Amt für Preise. Als wir 1960 einzogen in die Wilhelm-Pieck-Straße war sie allerdings, wie im Hausbuch steht, tatsächlich »Hausfrau«. Manchmal fragen mich Freunde aus dem Westen: Wie Hausfrau? In der DDR? Und du warst auch nicht im Kindergarten? Tatsächlich, ich war nicht im Kindergarten. Auch meine Geschwister nicht. Meine Mutter managte die Familie, sie schmiss den Haushalt in der 140-Quadratmeter-Wohnung, putzte, heizte Öfen und wusch die Wäsche, was damals noch Handarbeit war. Deshalb drängte sie jede Woche im »Wohnungsamt des Rates des Stadtbezirks Berlin-Mitte« auf eine Neubauwohnung und 1970 war es dann so weit. Wir zogen um und meine Mutter musste nicht mehr heizen, hatte nur noch 75 Quadratmeter zu putzen, obendrein gingen wir vier Kinder inzwischen alle längst zur Schule, deshalb musste sie auch nicht mehr Hausfrau sein.

Die Zeiten haben sich geändert, niemand würde heute freiwillig aus unserer schönen Wohnung von damals ausziehen – allerdings sind inzwischen auch die Öfen verschwunden.

Es gab Parkett und an den Decken Stuck, große Flügeltüren mit verschnörkelten Messingklinken. Nach vorne zur Straße lagen das Schlafzimmer meiner Eltern und das Zimmer meiner beiden Schwestern. Zur Hofseite hatten mein Bruder und ich unser Reich. Unser Wohnzimmer, das »Berliner Zimmer«, verband das Vorderhaus mit dem Hinterhaus. Dort waren Bad, Küche, eine kleine Kammer und eine zweite Wohnungstür, die zum Treppenhaus im Seitenflügel führte. Einst hatten in dieser großen Wohnung die Hausbesitzer gelebt.

Für das Jahr 1960, in dem wir einzogen, verzeichnet das Hausbuch eine gewisse Fluktuation. »Unbekannt verzogen« hieß es dort, wenn wieder jemand in den Westen gegangen war. Die letzten unbekannt Verzogenen waren die Hemmeckes. Damals waren Willy und Elisabeth Hemmecke zunächst unsere Nachbarn, erste Etage links, so ist es nachzulesen. Ihr Verschwinden ist für den 12. August 1961 notiert. Die Hemmeckes waren am Abend vor dem Mauerbau zu Besuch bei Freunden im Westen. Als sie kurz nach Mitternacht zurückkamen, bemerkten sie, dass sich an der Grenze etwas zusammenbraute. Sie holten noch schnell ein paar Papiere von zu Hause und schlüpften im letzten Augenblick nach Westberlin. Eine Freundin der Hemmeckes hat mir die Geschichte erzählt. Inzwischen sind die beiden schon lange tot, ich konnte sie selbst also nicht mehr befragen.

Auch bei den Müllers scheiterte ich. Im Hausbuch hatte ich gelesen, dass im Oktober 1970 der Omnibusfahrer Rainer Müller und die Postbetriebsfacharbeiterin Dagmar Müller mit ihren vier Kindern, Frank, Petra, Simone und Nick als Nachmieter in unsere Wohnung gezogen waren.

Die Initiative der Hausgemeinschaft, am 6. Mai 1984 bis spätestens 10 Uhr zur Kommunalwahl zu gehen, schaffte es auch in die BZ am Abend

Familien mit mehr als drei Kindern hießen »kinderreich«, was mir, nebenbei gesagt, total peinlich war. Unangenehmer war nur noch der rote Buchstabe F auf den Essensmarken für uns Kinderreiche. F stand für »Frei-Esser«. Wir waren Frei-Esser und in der Pause nach der zweiten Stunde, wenn der Viertelliter Milch ausgegeben wurde, auch noch Frei-Trinker! Ich wollte kein Frei-Esser oder Frei-Trinker, sondern so sein wie die anderen. Das Wort »kinderreich« gilt inzwischen als politisch unkorrekt, weil es suggerieren könnte, dass es diese Familien nur aufs Kindergeld absehen würden und sich bereichern wollen. Deshalb heißt es heute offiziell und nicht weniger peinlich »Mehrkindfamilie«.

Wenn ich schon bei sprachlicher Geschichtsaufarbeitung bin – was die Frauen damals als Berufsbezeichnung bei uns im Hausbuch angaben, wäre heute undenkbar: In den 70er- und 80er-Jahren schrieben sie nur die männliche Form ihres Berufes ins Hausbuch, Modegestalter, Programminstrukteur, Textilfacharbeiter oder Exportbearbeiter. Weibliche Berufsbezeichnungen waren noch nicht üblich. Andererseits gab es seit Ende der 70er-Jahre keine »Hausfrau« mehr in unserem Haus, in der Wilhelm-Pieck-Straße 94 herrschte Vollbeschäftigung.

Ich habe unsere Nachmieter, die Müllers, nicht wieder gefunden. Es gibt in Deutschland einfach zu viele Menschen mit diesem Familiennamen. Nach den Müllers zogen die Meiers in unsere einstige Wohnung. Aktuell steht der Name Krause am Klingelschild. Es scheint, unsere Wohnung zieht Menschen mit Allerweltsnamen geradezu magisch an.

Krauses wollte ich unbedingt kennenlernen, schon um zu wissen, wie es in meiner Kindheits-Wohnung jetzt aussieht.

Erstmal aber blätterte ich im Hausbuch zurück in die Vergangenheit und hatte kurz darauf meine erste Verabredung.

Christa Kern (*1937)

1947–1953, Vorderhaus 1. Etage rechts

Ihr Teint sah nach Golfurlaub auf Teneriffa aus, das blonde Haar hatte sie straff zum Knoten gebunden und sich goldene Clips an die Ohrläppchen gesteckt. Dazu trug sie einen pinkfarbenen Blazer, eine helle Hose, flache italienische Schuhe und strahlte mich aus ihren blauen Augen unternehmungslustig an. Passanten blickten sich verstohlen nach der 77-Jährigen um; weil Christa Kern so klassisch elegant aussieht und niemand hier in Berlin-Mitte mit diesem Frauentyp rechnet – so durch und durch Zehlendorf. Zwar wohnten inzwischen auch wieder ein paar Alte hier in der Gegend, aber die waren meist der Typ pensionierte Studienrätin oder Verwaltungsbeamter aus NRW oder Bayern mit Vorliebe für praktische Garderobe und Frisur. Die Senioren, die jetzt hier in Mitte leben, hüten meist für ein paar Tage ihre Enkelkinder oder haben in der Gegend selbst eine Wohnung gekauft und kommen ursprünglich aus Bamberg oder Münster.

Christa Kern in ihrem gediegenen Outfit war anders und mit dem Golf spielen lag ich völlig richtig. Für das Treffen mit mir hatte sie extra ihre vormittägliche Runde auf dem Golfplatz am Wannsee ausfallen lassen.

In der Torstraße war sie das letzte Mal vor zehn Jahren, verriet sie mir gleich bei der Begrüßung und senkte dabei ein bisschen die Stimme: »Das ist ja auch Osten hier. Sieht man auch noch. Hier möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen.« Ich überlegte, wo es hier in der Gegend noch nach »Osten« aussah. Unten in den beiden Läden hatten sich jetzt ein Copyshop und eine Galerie eingemietet. Allein auf dem kurzen Straßenabschnitt zwischen Rosenthaler und Rosa-Luxemburg-Platz gab es gefühlt hundert weitere Galerien, Bars und Boutiquen. Natürlich waren alle Häuser ringsherum saniert. Wenn Ostberlin irgendwo überhaupt nicht mehr »Osten« war, dann doch wohl hier, entlang der Torstraße. Die LINKE brachte es in der Gegend gerade noch auf magere zehn Prozent und in den Supermärkten hier herrschte schon lange nicht mehr freitags Riesenandrang, sondern am Sonnabend. Der Chef der Supermarktkette Kaiser’s hat vor Jahren in einem Interview erklärt, dass die »Ossis« traditionell freitags ihren großen Wochenendeinkauf erledigen, die Westler dagegen am Samstag. Man könne am Tag des Wochenendeinkaufs erkennen, wo Ostberlin inzwischen zum Westen geworden sei. Beim EDEKA um die Ecke, am Teutoburger Platz, jedenfalls war es jetzt immer sonnabends voll.

Aber ich wollte mich mit Christa Kern nicht streiten. Es ging ja um etwas ganz anderes. Sie und ich hatten im selben Haus gewohnt, sogar in derselben Wohnung, sie allerdings ein paar Jahre vor mir. 1947 war sie als Zehnjährige mit ihrer Mutter, einer Köchin, eingezogen. Ihre alte Wohnung war zerbombt worden.

Obwohl wir uns noch nie begegnet waren, war da sofort eine Vertrautheit. Das Haus war unsere gemeinsame Geschichte. Auch später, bei den anderen Begegnungen, habe ich diese Vertrautheit immer wieder erlebt. Zum Beispiel kamen wir auf unsere Ängste zu sprechen. Bei ihr waren es die riesigen Geweihe, die überall in der Wohnung hingen. Gruselig war das, erinnerte sie sich, vor allem nachts. Der Hausbesitzer, der früher in den Räumen residiert hatte, war offenbar leidenschaftlicher Jäger. Nach dem Krieg lebte nur noch seine Witwe in der Wohnung und vermietete ein Zimmer an Christas Mutter unter. Als wir Ulrichs in den 60er-Jahren dort wohnten, waren die Geweihe längst verschwunden, gruselig war es trotzdem noch. Die langen Flure zum Beispiel. Nachts im Dunkeln hausten dort Ungeheuer, da war ich mir sicher und fürchtete mich vor dem Weg zur Toilette. Am schlimmsten allerdings war es im Keller. Von dort unten schleppte mein Vater mehrmals in der Woche auf seinem Rücken einen riesigen Sack Kohlebriketts hoch in die erste Etage. Als Achtjähriger sollte ich ihn dabei begleiten. Während er noch den Sack vollpackte, hatte ich meine beiden kleinen Eimer im Handumdrehen gefüllt, also musste ich allein hoch in die Wohnung und mit den leeren Eimern wieder zurück in den Keller. Wenn ich Pech hatte, war mein Vater in diesem Moment schon auf dem Weg nach oben. Und dann war ich plötzlich allein in den gruseligen Katakomben, in denen es modrig roch und mich bizarre Schattenspiele und rätselhafte Geräusche zu Tode erschreckten. In diesen Momenten rannte ich, um mir Mut zu machen, laut singend bis zu unserem Kohlenverschlag, warf panisch ein paar Kohlen in die Eimer und rannte so schnell wie möglich wieder die Treppe hinauf. Vermutlich ging es tausenden Kindern beim Gang in den Keller so. Als Erwachsener hat man oft keine Vorstellung mehr von solchen Kinderängsten und auch Kinder sprechen nicht darüber.

Das wirkliche Geheimnis unseres Kellers erfuhr ich erst viele Jahre später: Die Sache mit der SS-Uniform, die meine Eltern 1960 kurz nach dem Einzug in der hintersten Ecke entdeckt hatten. Diese Uniform habe wohl dem Sohn des einstigen Hausbesitzers gehört, der in Russland von Partisanen erschossen worden war, vermuteten die Alten im Haus. »Hauptsturmführer, kein kleines Licht«, meinte mein Vater, der die Dienstrangabzeichen an der Uniform erkannte. Als Achtzehnjähriger wurde er 1943 in die Wehrmacht einberufen und hatte in Weißrussland Dörfer gesehen, die die SS dem Erdboden gleichgemacht hatte. Seitdem hasste mein Vater alles Militärische.

Christa Kern und ich standen noch eine ganze Weile vor unserer Haustür. Ich erzählte ihr, dass man für Wohnungen wie diese in der ersten Etage, 140 Quadratmeter, vier Zimmer mit Parkett und Stuck, inzwischen bis zu 2.000 Euro Warmmiete bezahlen müsse, was mittlerweile teurer ist als in Zehlendorf.

Ungläubig zog sie die rechte Augenbraue hoch und erzählte von früher: »Das war hier die totale Kleine-Leute-Gegend, hier wurde berlinert, was das Zeug hält. Akademiker oder ›Studierte‹ hat es hier nicht gegeben.« Die Mutter ihrer besten Freundin war Schneiderin, und Uta, das war auch eine gute Freundin, Uta Burger, deren Eltern hatten eine Kneipe hier in der Straße, das Kaffee Burger. Das Kaffee Burger? Christa Kern hört zum ersten Mal, dass aus der Kneipe der Burgers ein Szenelokal geworden ist, seit Wladimir Kaminer dort regelmäßig zur Russendisko einlädt.