Das Engelsgesicht - Andreas Ulrich - E-Book
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Das Engelsgesicht E-Book

Andreas Ulrich

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Beschreibung

Ein Mafia-Killer bricht sein Schweigen: Authentische Einblicke in die unbarmherzige Welt des organisierten Verbrechens.
Mit einem neuen Vorwort endlich wieder als Taschenbuch lieferbar


Wer gegen die Omertà, das Schweigegelübde, verstößt, ist so gut wie tot. Doch Giorgio Basile, der Mann, den sie »Engelsgesicht« nannten, lebt. Rund dreißig Menschen soll der Sohn italienischer Gastarbeiter, der im Ruhrgebiet aufwuchs, auf dem Gewissen haben. Als deutsche Fahnder ihn 1998 fassen, redet er.

In schonungsloser Offenheit schildert Giorgio Basile sein Leben und seine Taten. Mit seiner Beichte und als Kronzeuge in aufsehenerregenden Mafia-Prozessen hat er viele alte Freunde vor Gericht gebracht. Heute lebt der ehemalige Profikiller unter einer neuen Identität in Italien. In seinem packenden Buch bietet Andreas Ulrich einen einzigartigen Einblick in die Welt des organisierten Verbrechens vor unserer Haustür.

  • Endlich wieder lieferbar: der SPIEGEL-Bestseller mit einem neuen Vorwort
  • Schonungslose Abrechnung mit dem Mythos Mafia, spannend wie ein Thriller!
  • Die wahre Geschichte des berühmt-berüchtigten Mafiakillers aus dem Ruhrpott.
  • Für alle Fans von Mafiaserien wie »Die Sopranos« und »Suburra«.
  • »Wer je gedacht hatte, die Mafia sei so stilvoll, wie in ›Der Pate‹, sollte dieses Buch von Andreas Ulrich und Giorgio Basile lesen.« (Welt am Sonntag)

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2022

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ANDREAS ULRICH, geboren 1962, arbeitete neun Jahre als Polizeireporter in Hamburg, bevor er 1999 als Redakteur zum SPIEGEL ging. Dort war er im Deutschland-Ressort zuständig für Kriminalität und Terrorismus. 2005 veröffentlichte er den SPIEGEL-Bestseller Das Engelsgesicht, der nun erstmals als E-Book erscheint. Andreas Ulrich lebt heute als freier Autor in Hamburg und Italien.

Ein Mafia-Killer bricht sein Schweigen

Wer gegen die Omertà, das Schweigegelübde, verstößt, ist so gut wie tot. Doch Giorgio Basile, der Mann, den sie »Engelsgesicht« nannten, lebt. Der Sohn italienischer Gastarbeiter wuchs im Ruhrgebiet auf und soll rund dreißig Menschen auf dem Gewissen haben.

Als deutsche Fahnder ihn 1998 fassen, redet er. In schonungsloser Offenheit schildert er sein Leben und seine Taten. Mit seiner Beichte und als Kronzeuge in aufsehenerregenden Mafia-Prozessen hat er viele alte Freunde vor Gericht gebracht. Heute lebt der ehemalige Profikiller unter einer neuen Identität in Italien. Andreas Ulrich bietet einen seltenen und spannenden Einblick in die Welt des organisierten Verbrechens.

Aktualisierte Ausgabe mit einem neuen Vorwort und zahlreichen Abbildungen.

Das Engelsgesicht in der Presse:

»Wer je gedacht hatte, die Mafia sei so stilvoll, wie in Der Pate, sollte dieses Buch von Andreas Ulrich und Giorgio Basile lesen.«

Welt am Sonntag

»Er ist Schwerkrimineller. Aber es ist nicht die Polizei, die ihn jagt. Es sind die Menschen, die er früher für Freunde hielt.«

Express

»Der Autor hat ein spannendes, lesenswertes, bisweilen auch beängstigendes Buch geschrieben.«

Südwest Presse

Andreas Ulrich

Das Engelsgesicht

Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland

Bildnachweis: dpa; F. Hollczek; LKA Bayern (2); A. Ulrich/DER SPIEGEL (4)Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2005 der Originalausgabe by Deutsche Verlags-Anstalt, Copyright © 2022 by Penguin Verlag, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

und SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Hamburg,

Ericusspitze 1, 20457 Hamburg

Umschlaggestaltung: Favoritbüro, München

in Anlehnung an die Umschlaggestaltung der Hardcoverausgabe von Berndt & Fischer, Berlin

Umschlagabbildung: Corbis und Monika Zucht/DER SPIEGEL

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-29904-0V002

www.penguin-verlag.de

Inhalt

Vorwort

1 Ein Mafia-Killer geht in die Falle

2 Ein Italiener in Mülheim

3 De Ciccos Macht

4 Tod im Schweinestall

5 Die Halbwelt von Mülheim

6 Pate hinter Gittern

7 Das Engelsgesicht

8 Koks-Dealer der Reichen und Schönen

9 Der Aufstieg

10 Tödliche Freundschaft

11 Die Frist läuft ab

Dank

Für Kilian

Vorwort

Wenn Sie auf einer Reise einem freundlichen Herrn begegnen, nicht sehr groß, ein wenig untersetzt, hilfsbereit und mit wachen, lustigen Augen, dann seien Sie gewarnt. Es könnte Giorgio Basile sein, ein Auftragskiller der Mafia. Die Ausführung und Beteiligung an mehr als dreißig Morden hat er Ermittlungsbeamten des bayerischen Landeskriminalamts eingeräumt, er war der größte Fisch, der deutschen Mafia-Jägern jemals ins Netz gegangen ist.

Seinen Spitznamen »Engelsgesicht« trägt er aus gutem Grunde. Doch der äußere Schein darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Basile ein eiskalter und rücksichtsloser Mörder war. Skrupel kannte er keine, und bereut hat er nichts.

Es war Verrat, dass diese Festnahme am 2. Mai 1998 auf dem Bahnhof von Kempten in Allgäu überhaupt gelang. Verrat von den eigenen Leuten, denen Basile in seiner Heimat Kalabrien, der Stiefelspitze Italiens, zu gefährlich geworden war, womöglich als Folge eines jahrelangen Mafia-Krieges, wie er zu jenen Zeiten üblich war und Hunderte von Menschen das Leben kostete. Dieser Verrat machte es Basile möglich, selbst wortbrüchig zu werden und auszupacken. Er wurde zum Kronzeugen der italienischen Justiz. Seine Aussagen brachten mehr als fünfzig Mafiosi hinter Gitter, er selbst wurde zum Todgeweihten, denn ein Verstoß gegen die Omertà, das Gesetz des Schweigens, gilt als Todsünde.

Basile ist einer der ganz wenigen Kronzeugen der ’Ndrangheta, wie die Mafia in Kalabrien heißt. Während etwa die sizilianische Cosa Nostra oder die neapolitanische Camorra Hunderte von Abtrünnigen zählt, sind es bei der ’Ndrangheta nur wenige Dutzend. Ihr Zusammenhalt basiert in der Regel auf Blutsverwandtschaft, und wer sagt schon gegen die eigene Familie aus?

Aber Basile ist ein Sonderfall. Aufgewachsenen im Ruhrgebiet, geriet er schon früh über den Liebhaber seiner Mutter in die Fänge des organisierten Verbrechens Süditaliens. Er war zwar kein Blutsverwandter, genoss aber die Fürsprache des Capos seiner Heimatstadt Corigliano Calabro. Hochintelligent und skrupellos, wie Fahnder ihn beschreiben, sah er in der Mafia die Chance für einen Lebenswandel, der für ihn als Gastarbeiterkind ohne Schulabschluss wohl sonst unerreichbar geblieben wäre.

Er stieß gegen Anfang der 1990er Jahre zur ’Ndrangheta, als das organisierte Verbrechen Süditaliens vor einer Zeitenwende stand. Die Cosa Nostra Siziliens geriet nach den Morden an den beiden Untersuchungsrichtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino unter erheblichen Druck durch die italienische Justiz. Die Ermittlungsbehörden konzentrierten ihre ganze Kraft auf die Zerschlagung der Cosa Nostra. 

In dieser Zeit wandelte sich die ’Ndrangheta unbemerkt von einem Zusammenschluss lokaler, auf Schutzgelderpressung, Raubüberfälle und Entführungen fußenden Banden zu einem weltumspannenden Konzern, der laut Bundeskriminalamt heute den weltweiten Kokainmarkt dominiert. Basile hatte das Potenzial des Drogenhandels früh erkannt und die enormen Gewinne zum Aufstieg innerhalb der ’Ndrangheta genutzt.

Seine Kaltblütigkeit und Skrupellosigkeit standen dabei in krassem Widerspruch zu seinem Äußeren und der Fürsorge, die sein engeres Umfeld erfuhr. Familienmitglieder und enge Freunde fanden in ihm einen zuverlässigen und loyalen Partner, der humorvoll und unterhaltsam war. Die Frage, wie ein Mann mit solchen Eigenschaften ein eiskalter Killer sein kann, ist schwer zu verstehen. Es sei ihm um die absolute Macht gegangen, glauben Fahnder, die ihn über Jahre begleitet haben. 

Angst, behauptet Basile von sich, kenne er nicht. Wer seine Lebensgeschichte verfolgt, will das gern glauben. Diese Eigenschaft hat ihn sicherlich in die Lage versetzt, Dinge zu tun, die andere Menschen nie wagen würden. Insofern könnte er die Morde auch aus bloßem Kalkül begangen haben: um seinen Aufstieg in der Mafia zu beschleunigen. Denn innerhalb der abgeschotteten Banden, die sich »ehrenwerte Gesellschaft« nennen, sind Morde die Königsdisziplin.

Basile gilt als einer der wichtigsten Kronzeugen der italienischen Justiz. Die meisten seiner ehemaligen Weggefährten sitzen heute im Gefängnis oder starben eines gewaltsamen Todes im Zuge blutiger Auseinandersetzungen rivalisierender Clans. Wegen mehrerer Morde, Drogenhandels und Mitgliedschaft in der Mafia wurde Basile in Italien zu mehr als fünfzig Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Im Gefängnis hat er nur sechs Monate gesessen. Als Kronzeuge wurde die Verbüßung der Reststrafe unter Auflagen ausgesetzt. 

Nach Auskunft der Behörden befindet er sich immer noch in Obhut der Justiz. Er lebt unter falschem Namen irgendwo in Italien, darf weder Verwandte noch Freunde von damals sehen, Leibwächter sind seine ständigen Begleiter. Der einzige Weg, für dieses Buch Kontakt mit ihm aufzunehmen, war ein Handy, dessen Nummer ständig wechselte. Die Tonbandaufzeichnungen der Gespräche füllen fünfundvierzig Stunden.

Dieser Text ist eine unverfälschte Innenansicht der ’Ndrangheta, einer archaischen Verbrecherorganisation, die im Süden Italiens fest in der Bevölkerung verwurzelt ist. Alles, was in diesem Buch steht, ist durch zahlreiche Ermittlungsakten und Gerichtsurteile belegt.

Namen von Angehörigen sind zu deren Schutz geändert. Aus rechtlichen Gründen werden Weggefährten nur mit Vornamen genannt. Mit vollem Namen erscheinen die wichtigsten Clan-Angehörigen und jene, die wegen Mafia-Mitgliedschaft oder Mordes verurteilt wurden – oder selbst Opfer geworden sind. 

Dies ist die Lebensbeichte eines Gastarbeiterkindes aus dem Ruhrgebiet, das zum Auftragskiller der Mafia wurde – und am Ende alles verlor.

Hamburg, im Frühjahr 2022Andreas Ulrich

1Ein Mafia-Killer geht in die Falle

Der InterCityExpress surrt mit fast 160 Stundenkilometern von Nürnberg Richtung München. Obwohl es später Vormittag ist, drückt sich Giorgio Basile müde in den gepolsterten Sitz des Erste-Klasse-Abteils. Er ist noch leicht verkatert von der Nacht zuvor, von all dem Kokain und dem Champagner. Er hat nur wenige Stunden geschlafen und noch nicht gefrühstückt. Er bestellt einen Kaffee. Allmählich verfliegt der Kopfschmerz. Er denkt an die vergangenen Tage, und ein Gefühl der Zufriedenheit breitet sich aus. Der Deal in Nürnberg ist gut gelaufen. Die Jungs aus der Familie sind auf Zack. Sie haben einen korrekten Preis bezahlt, sie sind zuverlässig. Das ist wichtig heutzutage, gerade wenn es um Kokain geht.

Der Kokain-Markt in Nürnberg ist weitgehend unter Kontrolle seiner Leute aus Corigliano im süditalienischen Kalabrien, und sie zahlen pünktlich. Die Reise nach Deutschland hat sich erwartungsgemäß gelohnt. Ein Kinderspiel, wie immer, trotz der falschen Papiere, die er bei sich trägt. Gott schütze das vereinte Europa. Die seltenen Passkontrollen an der Grenze machen ihm keine Sorgen. Den Namen in seinem italienischen Ausweis kann er im Schlaf sagen: Aldo Valeone, geboren am 15. Februar 1960 in Acri, Vater Michele, Mutter Giuseppina, zwei Brüder, drei Schwestern. Das Papier ist deshalb so gut, weil es echt ist. Es gehört seinem Freund aus Mülheim, wo Giorgio aufgewachsen ist. Nur das Foto haben sie ausgetauscht, unten in Neapel, bei einem Typen, der die echten, amtlichen Stempel hat und der ihm einen Gefallen schuldig war.

Ein paar solcher Fahrten noch, von Italien nach Holland und zurück über Deutschland oder Frankreich – dann will er sich erst einmal ein paar Wochen zurückziehen. Gras wachsen lassen über all die Dinge, die in den vergangenen Monaten passiert sind: die vielen Toten, die Ermittlungen, die Verhaftungen. All die Lügen und Intrigen, die sich wie ein Netz immer enger um ihn zusammenzogen und die ihn nun allmählich zu ersticken drohen. Er ist einer der wenigen Männer der Organisation aus Corigliano, die noch in Freiheit sind. Und das soll nach Möglichkeit auch so bleiben. Aber solange die Geschäfte laufen, müssen sie auch abgewickelt werden. Magere Zeiten kommen von ganz allein.

Das Wetter ist gut an diesem Sonnabend. Es ist sonnig, die Temperatur ist angenehm mild. Ein paar Wolken hängen träge am blauen Himmel. Bald wird Giorgio wieder bei seiner Frau Lucia sein, der ersten Frau, die er wirklich liebt, die er haben wollte, seit er sie zum ersten Mal gesehen hat, und die er dann heiratete, so schnell es ging. Von der er sich ein Kind wünschte, und die nun in der Toskana mit ihrer kleinen Tochter Schiavonea auf ihn wartet. Er freut sich auf einen schönen, langen Sommer mit ihnen am Meer.

Giorgio fährt meistens mit dem Zug, wenn er geschäftlich unterwegs ist. Er findet, das ist das sicherste Verkehrsmittel, wenn man mit falschen Papieren reist. Außerdem hat Aldo Valeone, sein Cousin, keinen Führerschein. Er ist Musiker und meint, er brauche kein Auto. Pech für Giorgio, aber kein wirkliches Problem. Im Zug kann er wunderbar entspannen, und er nutzt die Zeit gern zum Nachdenken. Er schließt die Augen und versucht, die kurze Fahrt von Nürnberg nach München zu genießen.

Als der Zug sich München nähert, muss er zusehen, dass er langsam wieder klar wird. Bevor er zurück nach Italien fährt, will er noch einen Abstecher in ein Kaff in der Nähe von Kempten im Allgäu machen. Antonio, der dort eine Pizzeria betreibt, schuldet ihm noch fünfzehntausend Mark, die will er abholen. Das Geld ist sein Anteil an der Eisdiele, die Antonio dort einst mit seiner Hilfe aufgemacht hat. Der Preis ist wahrscheinlich zu niedrig angesetzt, aber das spielt jetzt keine Rolle. Es ist so abgemacht, und Giorgio braucht das Geld. Er ist mehr oder weniger auf der Flucht. Und Antonio ist einverstanden: Das Geld, hat er gesagt, liege bereit. Vielleicht ist er sogar froh, denkt Giorgio, dass er mich als Teilhaber loswird. Er selbst jedenfalls wäre froh gewesen.

Beim Einlaufen des InterCityExpress in den Münchner Kopfbahnhof steht Giorgio auf, verlässt das Abteil und steigt aus. Er hat kaum Gepäck bei sich, nur einen kleinen braunen Koffer mit ein paar Kleidungstücken. Das Geld aus dem Drogengeschäft, vierzigtausend Mark, hat er in Nürnberg bei einem Freund der Familie in einem sicheren Versteck gelassen. Bloß kein Risiko eingehen. Er schlendert zum Schalter in der Bahnhofshalle, vorbei an der Gepäckaufbewahrung und dem Tabakladen, und löst eine Karte nach Kempten, erster Klasse, wie immer, einfache Fahrt.

Welchen Weg er zurück nach Italien nehmen wird, will er erst entscheiden, wenn er das Geld in der Tasche hat. Vielleicht wird Antonio ihn über die Grenze nach Österreich bringen, und er wird dort den Zug nach Italien besteigen, oder er wird eben nach München zurückfahren und von dort weiter nach Florenz reisen. Bis zur Abfahrt bleibt ihm noch eine gute Stunde. Er schlendert über den Bahnhof, stellt sich an den nächsten Imbiss und verlangt eine Bratwurst. Giorgio Basile liebt Bratwurst.

Er ist zwar Italiener, aber im Ruhrgebiet aufgewachsen. Er mag viele Dinge, bei denen sich seinen Landsleuten vermutlich der Magen umdreht: Frikadellen zum Beispiel oder Rouladen mit Klößen und brauner Soße. Ruhrpottküche eben. Und Bratwurst. Er schluckt den letzten Bissen hinunter, wirft die leere Pappe weg und bestellt gleich noch eine Wurst.

Langsam wird es Zeit. Er nimmt seinen Koffer und geht los. In seinen Socken stecken ein paar Gramm Kokain, aber sonst wirkt er wie ein ganz normaler Reisender. Er ist nicht groß, 1,65 Meter vielleicht, nicht gerade schlank, eher kräftig gebaut. Er trägt kurze, dunkle Haare und eine Brille mit ovalen Gläsern in einem Metallgestell, und wenn er redet, lacht er oft – ein sympathischer, unauffälliger Mann. In Italien nennen sie ihn deshalb das Engelsgesicht. Alter und Nationalität sind schwer zu schätzen. Er könnte Student sein, Bankangestellter oder amerikanischer Tourist. Er fällt absolut nicht auf.

Giorgio geht die Halle entlang zu den Nebengleisen, wo die Regionalzüge fahren – wie der nach Kempten. Auf dem Weg dorthin sieht er eine Telefonzelle, und ihm schießt plötzlich der Gedanke durch den Kopf, Antonio anzurufen. Er weiß auch nicht, warum, es ist eine Art Eingebung. Nach einem kurzen Augenblick beruhigt er sich wieder. Es ist alles mit Antonio besprochen, und die Fahrt bis Kempten dauert immerhin eineinhalb Stunden. Zeit genug. Er klettert in den Zug, der sich bald darauf in Bewegung setzt.

Beim ersten Halt in Pasing, kurz nach der Abfahrt in München, steigt kaum jemand zu. Allmählich werden die Häuser kleiner und es werden immer weniger. Der Zug rattert eine halbe Stunde einschläfernd dahin, bevor er in Kaufering Halt macht. Giorgio schaut aus dem Abteilfenster und blickt direkt auf eine Telefonzelle. Wieder überkommt ihn ein Gefühl von Unruhe. Ich sollte doch lieber anrufen, durchfährt es ihn. Giorgio springt aus dem Zug, läuft zur Telefonzelle, doch der Automat nimmt kein Geld, nur Karten.

Verfluchter Fortschritt, denkt Giorgio und klettert zurück in den Waggon. Langsam rollt der Zug wieder an und nimmt Geschwindigkeit auf. Flaches Voralpenland fließt am Fenster vorbei, grüne Weiden und Felder, vereinzelte Wälder, ein paar Bauernhöfe, hin und wieder eine Kapelle oder ein Wegkreuz. Giorgio wird wieder ruhiger. Es wird schon alles gut gehen, sagt er sich. In Buchloe, dem nächsten Halt, fällt Giorgios Blick wieder auf eine Telefonzelle. Doch irgendetwas hält ihn davon ab, auszusteigen und es erneut zu versuchen.

Der Italiener macht es sich im Sitz bequem, döst, blinzelt in die Sonne, denkt an Lucia und die kommenden Wochen. Der Bungalow, in dem sie den Sommer verbringen wollen, gehört einem Freund in Genua, und der hat ihnen angeboten, dort so lange zu bleiben, wie sie es wünschen. Giorgio freut sich auf eine schöne Zeit. Die Ruhe wird ihm gut tun.

Er geht in den Speisewagen und bestellt eine Kartoffelsuppe. Es ist eine Fertigsuppe aus der Tüte, wie er bei der Zubereitung sehen kann, und sie schmeckt überhaupt nicht. Lustlos isst er ein paar Löffel, lässt den Rest stehen und geht zurück zu seinem Platz. Als der Zug Kaufbeuren passiert, entscheidet Giorgio endgültig, erst von Kempten aus bei Antonio anzurufen. Dann ist immer noch Zeit genug.

»In wenigen Minuten erreichen wir Kempten«, plärrt die Zugbegleiterin aus dem Lautsprecher, und die Stimme klingt wie eine Erlösung. Giorgio steht auf, packt seinen Koffer und stellt sich am Ende des Waggons an den Ausstieg. Als der Zug hält, drückt er die Klinke der Waggontür hinunter und steigt die drei Stufen hinab zum Bahnsteig.

Es ist früher Nachmittag. Sein Blick gleitet über den Bahnhof, streift Häuser und Wiesen vor der Kulisse der Allgäuer Alpen, die mächtig in der Ferne thronen. Sie erinnern Giorgio Basile an die Berge seiner Heimat, die bis weit in den Frühling mit Schnee bedeckt sind und in denen sich die flüchtigen Mafiosi, die Latitanti, vor der Polizei verstecken.

Als der Zug wieder anfährt, setzt auch Giorgio sich in Bewegung. Er geht die Treppe hinunter und wendet sich im Tunnel Richtung Bahnhofshalle. Dort kauft er als Erstes eine Telefonkarte und sucht eine Zelle. Er zieht die Tür auf, stellt den Koffer auf den Boden und wählt Antonios Nummer.

»Ciao, wie geht’s?«, sagt Giorgio.

»Bist du schon angekommen?«, fragt Antonio.

»Willst du mich abholen, oder soll ich kommen?«

»Hier gibt es Probleme«, stöhnt Antonio.

Giorgio ist überrascht: »Was für Probleme?«

Sein Landsmann scheint nervös. »Mein Telefon wird abgehört. Ich werde von der Polizei verfolgt.«

Giorgio wird misstrauisch. »Kannst du mir das nicht vorher sagen? Warum hast du nicht angerufen?«, fragt er.

Giorgio hat grundsätzlich ein sauberes Telefon dabei, wenn er nach Deutschland reist. Irgendjemand findet sich immer, der für ein paar Mark bereit ist, auf seinen Namen ein Handy zu kaufen und es Giorgio zu überlassen. Die Nummer schickt er dann kurzfristig per Telegramm an seine Leute. Auf diese Weise muss er nie befürchten, von der Polizei abgehört zu werden, zumal er jedes Mal ein neues Telefon benutzt.

»Ich habe es eben erst bemerkt«, stammelt Antonio. »Weißt du, wie du jetzt wegkommst?«

Verdammter Idiot, denkt Giorgio.

Er sagt: »Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin nicht mit dem Zug gekommen. Wir machen das Geschäft ein anderes Mal. Entweder ich lasse es abholen, oder du schickst es mir auf dem üblichen Weg.« Er will möglichst unverfänglich klingen. Aber in ihm brodelt es.

Was nun? Er versucht, die Situation zu analysieren. Viele Erklärungen findet er nicht: Entweder Antonio hat kein Geld und will ihn loswerden – oder er hat ihn verpfiffen und die Polizei ist jetzt hinter ihm her. Er muss jetzt unbedingt einen kühlen Kopf bewahren. Und es muss ihm ganz schnell etwas einfallen.

Das Problem ist nur, dass er in Kempten niemanden kennt. Er kann nicht wie sonst jemanden anrufen und sagen, hol mich ab. Hier ist er auf sich allein gestellt.

Sein Kopf brummt.

Er kann ein Taxi nehmen und sich nach München fahren lassen, oder er nimmt den Bus. Oder wieder die Bahn. Das ist vielleicht das Klügste. Ja, so will er es machen: Er geht zum Schalter und löst die Fahrkarte. Zwei Stunden hat er noch Zeit. Vorher fährt kein Zug. Er geht zu den Schließfächern und deponiert seinen Koffer. So hat er wenigstens die Hände frei.

Sein Blick fällt auf die Leuchtreklame des Bistros auf der anderen Seite der Bahnhofshalle. Er schlendert hinüber, setzt sich an einen Tisch und bestellt ein Bier. Es ist jetzt kurz nach drei Uhr nachmittags. Die Kneipe ist nur spärlich besucht; bis auf ein paar Typen, die wahrscheinlich den ganzen Tag hier verbringen, ist der Laden leer. Er kann nichts Auffälliges entdecken. Giorgio trinkt das Bier in kleinen Schlucken.

Er geht aufs Klo, nestelt das Päckchen Kokain aus den Socken und legt sich zwei Linien des Zeugs auf den Spülkasten, zieht sie hastig mit einem gerollten Geldschein durch die Nase ein. Eine Linie für jedes Nasenloch. Der Stoff ist gut, er nimmt nie den gestreckten Dreck, den sie auf der Straße verkaufen. Schließlich sitzt er an der Quelle.

Doch selbst das weiße Pulver kann das dumpfe Unbehagen, das sich seiner bemächtigt hat, nicht verdrängen. Immerhin ist er durch die Droge etwas wacher und zuversichtlicher geworden. Er überprüft sein Gesicht im Spiegel und wischt einen Rest des Pulvers von der Oberlippe. Dann begibt er sich zurück an seinen Tisch.

Giorgio bestellt ein zweites Pils. Es ist immer noch absolut ruhig in dem Bistro. Er hält sich an dem Bier fest, bis nur noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt des Zuges bleiben. Dann steht er auf, zahlt und tritt hinaus in die Bahnhofshalle.

Sein Blick fällt nach links, und dort sieht er sie kommen: Drei Autos halten direkt vor dem Haupteingang, mitten im Halteverbot. Jeweils zwei Männer steigen aus, lassen die Türen offen. Nur die Fahrer bleiben sitzen.

Giorgio erstarrt.

Das sind ohne jeden Zweifel Polizisten. Sie sind zu sechst. Sie sehen sich um, besetzen die Ausgänge.

Giorgio versucht, ruhig zu bleiben. Er dreht sich um, geht langsam zum Fahrplan, der in der Mitte der Halle in einem Schaukasten hängt. Er tut, als studiere er aufmerksam die Abfahrtszeiten der Züge, doch aus den Augenwinkeln versucht er, jede Ecke des Bahnhofs zu erfassen. Neben ihm steht eine Frau, ziemlich jung, um die zwanzig Jahre alt. Unwahrscheinlich, dass sie diejenige ist, die sie suchen. Sonst ist die Halle weitgehend leer.

»Ihr drei geht aufs Gleis«, hört er eine Stimme hinter sich. Giorgios Blick saugt sich am Fahrplan fest. Plötzlich klopft ihm jemand auf die Schulter. »Zeigen Sie bitte Ihre Papiere«, sagt die Stimme.

Giorgio gibt ihm seinen italienischen Ausweis mit seinem Foto und den echten italienischen Stempeln. Er sieht sich um. Er ist umstellt. Einer der Männer hält seinen Ausweis in der Hand, zwei andere stehen links und rechts neben ihm. Und von hinten kommen weitere Männer zielstrebig auf ihn zugeeilt.

»Wie heißen Sie?«, fragt der Beamte, der seinen Ausweis hat.

»Aldo Valeone.«

»Und was machen Sie hier?«

»Ich fahre nach Hause.«

Der Beamte scheint unbeeindruckt: »Kommen Sie bitte mit.«

Giorgio startet einen letzten Versuch herauszufinden, was hier vor sich geht. »Warum?«, fragt er.

»Reine Routine«, sagt der Beamte.

Die Polizisten eskortieren ihn zu den wartenden Autos. Er muss sich in den Fond des mittleren Wagens setzen, zwei Männer pflanzen sich wortlos links und rechts neben ihn. Im Radio läuft die Bundesliga. Als Giorgios Freiheit, seine Macht und seine Träume enden, erzielt Jürgen Rische vom 1. FC Kaiserslautern gerade in der 88. Spielminute den Schlusstreffer zum 4:0 gegen den VFL Wolfsburg. Damit werden die Pfälzer, die zwei Jahre zuvor in die zweite Liga abgestiegen sind, unter Trainer Otto Rehhagel Deutscher Meister.

Es ist der 2. Mai 1998.

»Ganz schön viel Aufwand für Routine«, sagt Giorgio.

Die Polizisten schweigen. In ruhiger Fahrt verlässt der Konvoi den Bahnhofsvorplatz. Die Straße führt in einer Rechtskurve zur Hauptstraße Richtung Zentrum. Links sieht Giorgio hässliche Mietshäuser, dann erscheint eine weißgetünchte Kirche mit roten Dachziegeln. Als sich die Wagenkolonne bergab der Stadtmitte nähert, werden die Häuser langsam hübscher. Es geht vorbei am Colosseum-Kino, danach kommt die große St.-Lorenz-Basilika mit den kupfergedeckten Türmen und der Kuppel ins Blickfeld. Diese Kirche und die angrenzende Fürstäbtliche Residenz, in der das Amtsgericht untergebracht ist, wird Giorgio noch öfter sehen in den kommenden Tagen.

Die Fahrt geht weiter an der Prinz-Franz-Kaserne und am Friedhof vorbei. Dann werden die Gebäude allmählich wieder moderner und hässlicher. Rottachstraße, liest Giorgio auf einem blau-weißen Straßenschild. Die Polizeiwache erkennt er sofort: ein beigefarbener, dreistöckiger Zweckbau aus verputztem Beton mit grünen Fensterrahmen aus Metall. Sie halten vor dem Haupteingang, ein Beamter öffnet ihm die Glastür und geleitet ihn ins Innere des Gebäudes. Rechts geht es zur Polizeiwache, wie unschwer an dem Tresen und den Uniformierten dahinter zu erkennen ist.

»Setzen Sie sich«, bedeutet ihm der Polizist. Giorgio lässt sich auf der harten Holzbank nieder, die auf der anderen Seite an der Wand steht. Sein Blick fällt auf eine junge Kriminalbeamtin, um die 30 Jahre alt, mit strengem, humorlosem Gesichtsausdruck. Giorgio schaut sie an. Sie erwidert seinen Blick, mustert ihn kühl mehrere Sekunden lang.

»Er ist es. Bringt ihn runter«, sagt sie dann.

Giorgio muss wieder aufstehen, und mehrere Beamte führen ihn durch einen Gang, dessen Wände rot geklinkert sind. Am Ende des Ganges liegt ein Treppenhaus mit Metallgeländer. Dort muss er hinunter. Die erste Treppe hat zehn Stufen, die zweite, nach einer Hundertachtziggradkurve, noch mal neun. Er steht in einem Vorraum. Links bemerkt er einen Zigarettenautomaten, rechts einen für Getränke. Sogar Bier gibt es hier, denkt Giorgio. Dann wird er links durch eine Tür geführt in einen schmalen Gang, von dem vier Zellentüren abgehen.

Sie bleiben vor einer der mittleren Türen stehen. »Ziehen Sie sich aus«, befiehlt ein Beamter. Giorgio soll Hose, Schuhe und auch die Socken abgeben. »Mir ist kalt, ich möchte sie anbehalten«, sagt er. »OKAY, ziehen Sie sie aber kurz runter«, sagt der Beamte. Giorgio greift in die Socke, packt mit dem Daumen das Päckchen Kokain, presst es gegen Socke und Zeigefinger und zieht den Strumpf bis zum Knöchel. »In Ordnung«, sagt der Beamte und weist ihn in die Zelle.

Giorgio legt sich auf die gemauerte, weißgekachelte Pritsche und mustert den Raum. Er misst etwa zwei mal drei Meter. Alles hier ist gemauert und weiß gekachelt, sogar der Tisch und das Klo. Auf der Pritsche liegt eine braune Decke, der einzige Komfort. Hinter dem grünen Eisengitter, im Vorraum der Zelle, hängt ein Waschbecken; milchiges Licht fällt durch ein paar Glasbausteine, die das Fenster ersetzen.

Tausend Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Er sitzt in der Falle, das ist sicher. Er ist verpfiffen worden, das ist auch klar. Und damit kennen sie auch seine wahre Identität. Die Kriminalbeamtin hat es ja deutlich gesagt: »Er ist es.« Er verspürt den Drang, die scheinbar ausweglose Situation durch eine Prise des weißen Pulvers aufzuhellen.

Er klingelt nach dem Wachmann und lässt sich sein Nasenspray geben. Tatsächlich bekommt er das Spray ausgehändigt und spült sich das verstopfte Organ für die bevorstehende Dosis frei. Er gibt das Spray zurück, die Tür schließt sich, und Giorgio holt das Kokain aus dem Strumpf. Er gönnt sich eine große Portion, ewig wird das Zeug eh nicht halten, also wozu sparsam sein. Kaum hat er die Droge inhaliert, öffnet sich die Zellentür erneut. Er bekommt einen Schreck. Er ist gerade einmal zwanzig Minuten hier unten gewesen. Haben sie ihn etwa beobachtet? Doch die Angst scheint unbegründet. »Kommen Sie mit«, fordert ihn ein uniformierter Beamter auf. »Wir gehen zum ED.«

Hinter dem Kürzel verbirgt sich der Erkennungsdienst. Giorgio weiß es nur zu gut. Es wird eng für ihn. Also erst neun, dann zehn Stufen rauf und dann noch zweimal zehn Stufen bis in den ersten Stock. Auf den Gängen sieht er Glasvitrinen mit Asservaten, die wohl abschreckend wirken sollen, für ihn aber Alltag sind: Drogen, Waffen, Werkzeuge von Brandstiftern und Einbrechern. Der ED-Raum liegt links. Als er durch die Tür tritt, sieht er einen Schreibtisch mit einer alten Schreibmaschine, er registriert die Kamera, einen Stuhl und den Tisch mit Tinte und Rolle zur Abnahme der Fingerabdrücke. »Lassen Sie uns die Arbeit sparen, und sagen Sie, wer Sie sind«, sagt der Beamte hinterm Schreibtisch.

»Ich bin Aldo Valeone«, sagt Giorgio.

»Das ist Aldo Valeone«, sagt der Beamte und zieht ein Papier mit dem Foto seines Freundes aus dem Faxgerät.

Es folgt die übliche Prozedur: Fotografieren, Fingerabdrücke nehmen, Körpergröße messen. Es dauert noch eine ganze Weile, bis einer der Beamten, ein Mann in Jeans und Freizeithemd, auf ihn zukommt und sagt: »Sie sind Giorgio Basile. Sie haben noch eintausendundvier Tage Gefängnis offen. Außerdem liegt ein Haftbefehl wegen Falschgeldes vor.«

Giorgio Basile, geboren am 28. Juni 1960 in Corigliano Calabro, aufgewachsen in Mülheim an der Ruhr, 1985 verurteilt zu neun Jahren und sechs Monaten Haft wegen Beteiligung an der Ermordung des Discothekenbesitzers Rudolph Möhlenbeck in Duisburg, wegen versuchten Raubes und mehrerer Einbrüche. Abschiebung nach Italien am 9. September 1991, festgenommen mit einem gefälschten Pass. Und in Italien läuft ein Verfahren gegen ihn wegen Drogenhandels.

Soviel ist klar.

Unklar hingegen ist, was die italienische Staatsanwaltschaft gegen ihn in der Hand hat, seit sein ehemaliger Freund und Komplize Tommaso Russo zum Kronzeugen der Anti-Mafia-Kommission geworden ist. Giorgio kann sich ausrechnen, dass es nicht besonders gut für ihn aussieht. Seine Frau und seine Tochter wird er so schnell nicht wiedersehen.

»Dann habt ihr ja was zu feiern«, meint Giorgio kühl. Nach außen versucht er, gelassen zu bleiben. Doch innerlich hat er das Gefühl zu zerbrechen. Mit gesenktem Kopf lässt er sich wieder hinabführen in die Zelle. Niemand spricht ein Wort. Als sich die Zellentür hinter ihm schließt, fühlt er sich von einem endlosen Strudel in ein schwarzes Loch gezogen.

In dieser Nacht macht Giorgio kein Auge zu. Seine Gedanken kreisen um die beiden zentralen Punkte in seinem Leben. Das sind seine Frau Lucia und ihre gemeinsame Tochter Schiavonea, und das ist die »Ehrenwerte Gesellschaft«: der Carelli-Clan aus Corigliano, Teil der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia. Er ist im Lauf der Jahre zu einem der einflussreichsten Männer im Clan aufgestiegen, er führte ihn zuletzt, weil die meisten anderen sogenannten Ehrenmänner inhaftiert oder tot sind.

Den einen oder anderen hat er eigenhändig umgelegt. Macht erlangt man in der ’Ndrangheta nur durch »blutige Taten«, wie die Morde der Mafia genannt werden. Das gehört zum Geschäft.

Dummerweise ist Tommaso Russo bei einem dieser Jobs dabei gewesen, was Giorgio jetzt sehr gefährlich werden kann. Russo hat außerdem Kontakt zu Antonio, und das ist wohl ebenfalls der Grund, warum er jetzt hier sitzt.

Dann denkt er wieder an seine Frau Lucia und an das neue Kleid, das sie für ihre Tochter gekauft hat. Sie hat ihm davon am Telefon erzählt. Am Sonntag, dem Tag, an dem er geplant hat, wieder zu Hause zu sein, will sie es ihrer Tochter anziehen.

Sonntag, das ist morgen. Da wird er garantiert nicht zu Hause sein.

Nach einer schaflosen Nacht in der Zelle, in der er das letzte Kokain schnupft, bringen ihn Polizisten am nächsten Morgen in das Untersuchungsgefängnis von Kempten. Der Weg dorthin ist kurz, nur einen knappen Kilometer. Wieder vorbei an der Residenz, dahinter rechts ab zur Weiherstraße.

Das alte Gefängnis von Kempten, das mittlerweile abgerissen wurde, war ein dreistöckiger, hellgetünchter Bau aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Es lag mitten in der Stadt, umgeben von gepflegten Wohnhäusern und kleinen Gewerbebetrieben. Es hatte ein Giebeldach und kupferne Regenrinnen und -rohre. Der Hof war offenbar erst später angebaut worden, zumindest stammte die Mauer aus deutlich jüngerer Zeit: Es war ein trister, fünf Meter hoher, mit Stacheldraht bewehrter Betonwall. Das Tor hatte einen grün gestrichenen Rahmen. Außen angebrachte Scheinwerfer tauchten die Mauer nachts in fahles Licht.

Die Beamten bringen Giorgio nicht durchs Tor, sondern durch die kupferbeschlagene Eingangstür direkt ins Gebäude. Gleich hinter dem Eingang links sitzt der Richter, der ihm den Haftbefehl verkündet. Haftgründe sind diese Falschgeldgeschichte und die Reststrafe von eintausendundvier Tagen. Der falsche Ausweis ist den Ermittlern offenbar egal. Nun gut, denkt er, er hat auch so genug auf dem Zettel.

Nachdem die Polizisten gegangen sind, bringen Justizbeamte Giorgio in eine dreckige Zelle im ersten Stock. Dort sitzen bereits drei Albaner. Sie fragen ihn sofort nach dem Grund für seinen Haftbefehl. Leckt mich am Arsch, denkt Giorgio. Er kann wie alle italienischen Mafiosi Albaner nicht gut leiden und gibt nur mürrisch Auskunft. Er legt sich auf die Pritsche und tut, als schlafe er. Am Abend lädt ihn ein Landsmann in seine Zelle ein. Giorgio ist froh, mit jemandem sprechen zu können. Aber sie plaudern nur über belangloses Zeug.

An jenem Sonntag, dem 3. Mai 1998, klingelt vormittags in der Wohnung von Kriminalhauptkommissar Ernst Wirth das Telefon. Wirth ist der Mafia-Jäger des Bayerischen Landeskriminalamtes in München. Er wird jedes Mal sofort informiert, wenn in Bayern ein Italiener mit mutmaßlichen Mafia-Verbindungen festgenommen wird. Tag oder Nacht, wochen- oder feiertags. Wirth ist der Mann, von dem Giorgio Basile später sagt, er habe ihm das Leben gerettet.

Seit Mitte der achtziger Jahre schon beschäftigt sich der Kriminalbeamte mit der Mafia. Damals schob sich die italienische Mafia – egal ob die sizilianische Cosa Nostra, die kalabrische ’Ndrangheta, die neapolitanische Camorra oder die apulische Sacra Corona Unita – unheilvoll ins Blickfeld der deutschen Polizei, allen voran der bayerischen. Seitdem geht es für die Ermittler um die zentrale Frage, ob die Mafia, diese archaische und in Teilen Italiens allumfassende Verbrecherorganisation mit ihren Verflechtungen in Wirtschaft und Politik, Deutschland nur als Rückzugs- und Ruheraum oder auch als Aktionsfeld nutzt.

Die Arbeit mit tatsächlichen und potentiellen Kronzeugen begann für Wirth 1992. Damals wurde in Italien der Richter Giovanni Falcone mit einer Tausend-Kilogramm-Bombe per Fernzünder in die Luft gesprengt, mit ihm wurden seine Frau und drei Leibwächter getötet. Sein Kollege Paolo Borsellino starb zwei Monate später bei der Detonation eines Sprengsatzes, zusammen mit fünf Polizisten, die sein Leben schützen sollten. Das war die Zeit, als in Italien fast jede Woche ein Staatsanwalt oder Polizist von der Mafia ermordet wurde und der Staat nicht mehr länger wegsehen konnte. Und das war die Zeit, in der Wirth sich darauf spezialisierte, Mafiosi, die in Deutschland festgenommen werden, zum Plaudern zu bringen.

Wirth, Jahrgang 1955, ging 1976 zur Polizei, wo er nach einem Studium 1985 bei der operativen Fahndung im Bayerischen Landeskriminalamt anfing und sofort mit der Mafia konfrontiert wurde. Wirth war also von Anfang an dabei.

Mehr als fünfzig Mafiosi hat Wirth vernommen in all den Jahren. Darunter waren dumme Schafhirten oder Bauernjungen, die in ihren teuren Anzügen aussahen wie Komparsen aus einem Mafia-Film der fünfziger Jahre. Und solche, die stolz und klug waren, die an die Sache glaubten, an Ehre, Blut und Treue. Wirth musste verstehen lernen, dass ein Mitglied der Mafia nicht wie ein gewöhnlicher Schwerverbrecher zu behandeln ist – auch wenn die Taten mindestens ebenso schrecklich sind, ja viel schrecklicher. Aber sie werden als notwendig zur Erhaltung der Ordnung der ’Ndrangheta angesehen, aus kühlem Kalkül heraus verübt, völlig ohne Unrechtsbewusstsein. So wie auch der Polizist glaubt, nach Recht und Gesetz zu handeln.

Als gewöhnlicher Mensch bist du ein Niemand gemischt mit Nichts, heißt es beispielsweise auf Sizilien. Erst die Mafia gibt Identität, Aufgabe und Ehre. Anfangs hatte Wirth Probleme, das zu verstehen und vor allem, es zu akzeptieren. Er las alles, was er über die Mafia an Literatur in die Finger bekam, und fing langsam an zu begreifen.

Er lernte, dass der Süden Italiens über Jahrhunderte hinweg von Eroberern und Piraten heimgesucht wurde, von Sarazenen, Venezianern, Türken und Spaniern. Dass die Dörfer geplündert, gebrandschatzt und unterdrückt wurden. Dass stets wechselnde Herrscher die Bevölkerung ausbeuteten und eigene Gesetze, Rituale und Gebräuche mitbrachten, bis sie wieder von anderen, mächtigeren Herren vertrieben wurden.

So entstanden Geheimbünde, die trotz wechselnder Herrscher die gewachsenen Strukturen von Recht und Besitz aufrechterhielten. Aus diesem Überlebenskampf entwickelten sie eiserne Regeln, deren Missachtung mit schwersten Sanktionen geahndet wurde, meist mit dem Tod. Denn Verrat, Illoyalität oder Eigenmächtigkeit hätten den Untergang der Geheimgesellschaft bedeutet. Nur bedingungslose Unterordnung konnte das Überleben im Kampf gegen die Besetzer trotz Haft, Folter und Tod gewährleisten.

Die Omertà, das Schweigegebot, wurde ehernes Fundament der Geheimbünde. Archaische Taufrituale, mit denen die Mitglieder nach einer Bewährungsprobe aufgenommen werden, unterstreichen bis heute die quasireligiöse Bedeutung der Gesetze der Mafia, die tiefe Wurzeln in der Bevölkerung hat.

Jetzt gehörst du nicht mehr dieser Welt, lautet etwa die Abschlussformel bei der Taufe eines Mafioso auf Sizilien.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten die Geheimgesellschaften eine Eigendynamik, die sie zu höchst effizienten Verbrecherorganisationen macht. Sie berufen sich dabei immer noch auf den Ehrenkodex, den sie in ihrer Zeit als Schutzorganisation gehabt haben mögen.

Für die sogenannten Ehrenmänner gelten von jeher nur die eigenen Gesetze. Jedes Staatsrecht ist Besatzungsrecht und damit unbedeutend. Bis heute sieht die Mafia den italienischen Staat in der Rolle des Besatzers. Ein Ehrenmann handelt nur nach den Regeln der Mafia. Tut er es nicht, verliert er seine Ehre und ist dem Tod geweiht.

Die Herkunft des Begriffes Mafia ist nie endgültig geklärt worden. Er leitet sich möglicherweise von dem sarazenischen Geschlecht Maafir ab, das von 831 bis 1072 in der sizilianischen Stadt Palermo regierte, oder vielleicht von der Bezeichnung Muafa, was so viel bedeutet wie die Befreiung von einer Pflicht. Dokumentiert ist der Begriff erstmals 1862 in einem Theaterstück von Giuseppe Rizzotto, wo die Gefangenen im Ucciardone-Gefängnis von Palermo »mafiiusi« heißen. 1865 wird die Bezeichnung in einem Brief ans italienische Innenministerium für Männer verwendet, die im Auftrag eines sizilianischen Landbesitzers Geld von Bauern erpressen. Die Nähe zur Oberschicht erklärt vielleicht, warum die Mafia bis heute mit Teilen der politischen Führung verflochten ist.

Die ’Ndrangheta ist die kalabrische Spielart der Mafia. Der Name könnte sich vom griechischen andragathía ableiten, das Männlichkeit bedeutet. Die ’Ndrangheta zählt vermutlich etwa fünftausend Mitglieder und zwanzigtausend Unterstützer, die sich auf mehr als hundert Clans, sogenannte Cosche, verteilen. Genauere Zahlenangaben dazu gibt es nicht. Die italienischen Mutterorganisationen unterhalten enge Kontakte zu Mitgliedern in den USA, Kanada und Australien sowie dem europäischen Ausland. Ihr Zusammenhalt basiert stark auf Blutsverwandtschaft, worin wohl der Grund dafür liegt, dass es viel weniger Kronzeugen aus ihren Reihen gibt als etwa aus den Reihen der Cosa Nostra auf Sizilien.

Zieht euren Hut, Männer dieser Gegend, die ihr vorüber geht an einem Picciotto von kalabrischem Blute. Männer von Respekt, Ehre und Verschwiegenheit, zieht euren Hut, wenn ihr der Gesellschaft angehört, heißt es in einem alten Lied der ’Ndrangheta.

Antonio aus Apulien, den Wirth einst vernahm, ist so ein typischer Mafioso. Nicht weniger als acht Morde hat er verübt. Ich habe kaltes Blut, sagte er dem Kriminalisten. Und erzählte, wie er einmal zwei Brüdern auflauerte, von denen er glaubte, sie würden das Versteck eines Mannes kennen, den er suchte. Er hielt ihren Wagen an und erschoss den einen. Er zwang dessen Bruder, den Sterbenden nach dem Versteck zu fragen. Und als der nicht antwortete, erschoss er auch ihn, urinierte auf die Leichen, übergoss sie mit Benzin und zündete sie an.

Ob er bei der Tat Drogen genommen oder Alkohol getrunken habe, fragte Wirth ihn entsetzt. Das habe er nicht nötig, so etwas würde er nie tun, antwortete Antonio entrüstet, zumindest nicht bei der Arbeit. Er habe bewusst auf die Leichen gepinkelt – als größtmögliche Form der Erniedrigung. Denn die Männer hatten sich nicht dem Gesetz der Sacra Corona Unita, der Mafia Apuliens, gebeugt.

Dieser Antonio war Anfang 1990 in einer Pizzeria bei Holzkirchen festgenommen worden. Während der Vernehmung wurde er mit Handschellen an die Heizung gefesselt. Selbst die Nudeln, die es mittags gab, musste er mit einer Hand essen.

Das war eine Ehre für ihn.

Antonio galt als sehr gefährlich und absolut skrupellos. Das letzte Mal war er der italienischen Polizei in der Silvesternacht entwischt. Er war in einem Haus in die Falle gegangen, von Polizisten umstellt. Bei seiner Flucht sprang er aus dem zweiten Stock aufs Dach eines Schafstalls und hielt sich später stundenlang in einem eiskalten Gebirgsbach verborgen. Seine Zehen starben ab, er kühlte völlig aus, aber er hielt durch. Er war wirklich nicht zu unterschätzen, dieser Antonio. Irgendwie hatte Wirth durchaus Respekt vor ihm. Er war ein Killer, aber doch auch ein sympathischer Mann. Nur eben aus einer anderen Welt. Jenseits seiner, Wirths, Moral.

Oder Carmine Alfieri aus Neapel, den er in einem Hochsicherheitsgefängnis bei Rom besuchte. Ein alter Mann mit Stil. Ihn umgab eine geradezu aristokratische Aura. Er rauchte nur mit Zigarettenspitze, und bei der Vernehmung hatte der bayerische Kommissar das Gefühl, der Mafioso halte Hof. Selbst das Gefängnispersonal behandelte den Don mit ausgesuchtem Respekt.

Oder der Mafioso, der aus Italien zur Vernehmung nach Deutschland überstellt wurde. Er konfrontierte die Ermittler gleich mit zwei außergewöhnlichen Wünschen. Er wollte sich für einhundertsiebzigtausend Mark einen Porsche kaufen und dann die Alte Pinakothek in München besuchen. Beide Wünsche lehnte Wirth ab – den ersten, weil ihm die Herkunft des Geldes zu dubios erschien, den zweiten, weil der Mann als Dieb alter Meister bekannt war.

Viele von denen, die Wirth im Lauf der Jahre vernahm, leben schon längst nicht mehr. Junge Burschen, die an die Ehre der Mafia glaubten und die sich dann doch in ihrem Netz verfingen. Ihre Fotos schmücken die Grabsteine auf den Friedhöfen ihrer Heimatdörfer. Die Blumen am Grab werden regelmäßig erneuert; fromme Sprüche auf den Steinplatten, hinter denen ihre Särge eingemauert sind, täuschen den unwissenden Besucher über die wahre Todesursache hinweg. Da wird nur beklagt, dass er ein guter Mann war, der zu früh die Welt verlassen musste. So liegt selbst im Sterben noch Illusion. Gott vergibt, die Mafia nie. Sie verzeiht keinen Fehler, und sie vergisst nie.

Als Wirth an jenem Sonntag die Nachricht von der Verhaftung Giorgio Basiles erhält, fährt er sofort ins Büro. Er schaltet seinen Computer an und forscht im polizeilichen Auskunftssystem, das zentral beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden verwaltet wird, sowie in den eigenen Beständen nach Daten über Basile. Noch am selben Tag schickt er eine Anfrage nach Italien.

Die Antwort kommt prompt und elektrisiert ihn: vermutlich Mitglied des Carelli-Clans der ’Ndrangheta und mutmaßlicher Drogenhändler. Und dann ist da ja auch noch der tödliche Überfall auf den Disco-Verpächter Rudolf Möhlenbeck 1985 in Duisburg, bei dem schon früh der Mafia-Verdacht geäußert, aber nie bewiesen wurde.

Eine interessante Person in der kriminellen Hierarchie, denkt Wirth. Am nächsten Morgen, pünktlich um 8.30 Uhr, steht der Kriminalbeamte vor dem Untersuchungsgefängnis in Kempten.

Er trägt wie immer einen dunklen Anzug, Hemd und Krawatte. Die nachlässige Art, wie manche seiner Kollegen sich kleiden, ist seine Sache nie gewesen. Schließlich hat er es nicht mit irgendwelchen Vorstadtganoven zu tun. Ein italienischer Anti-Mafia-Polizist würde immer einen Anzug mit Krawatte tragen. Das dunkle, leicht gewellte Haar ist nach hinten gekämmt, der Oberlippenbart reicht knapp über die Mundwinkel hinweg, die ovale Brille unterstreicht den intelligenten Gesichtsausdruck. Bei einer Körpergröße von 1,80 Meter geht er noch als schlank durch, auch wenn ihn ein paar Polster auf den Hüften plagen. Doch trotz Skifahrens im Winter und Radfahrens im Sommer bekommt er die überflüssigen Pfunde nicht in den Griff. Der Job lässt ihm nicht genug Zeit.

Um 9.00 Uhr treffen sie im Besucherraum des kleinen Gefängnisses erstmals aufeinander – der Kriminalist und der Mafioso. Diese ersten Momente, weiß Wirth, sind entscheidend. Sie begrüßen sich, reichen sich mit der gebotenen Höflichkeit und Zurückhaltung die Hand. Wirth überragt den Italiener um fast einen Kopf. Ihre Augen tasten einander ab wie Laserscanner. Erscheinung, Auftreten und Diktion unterscheiden Giorgio Basile von anderen Italienern, analysiert Wirth. Er spricht Deutsch, ist geprägt von einem langen Aufenthalt in Deutschland, sehr mobil, europaweit. Klarer Blick, präzise im Ausdruck.

Typischer deutscher Bulle, denkt Giorgio. Schreibtisch-Polizist. Üblicher Schnurrbart. Ob man mit ihm einen Deal machen kann? Er hätte genug anzubieten über die Szene in Deutschland. Die ganze Nacht hat er darüber nachgedacht. Er fragt ihn.

»Warum werden Sie nicht Kronzeuge in Italien?«, kontert Wirth sofort.

»Nein. Wir sprechen nur über Deutschland«, sagt Basile. Er muss das Terrain sondieren, herausfinden, was geht. »Aber nur unter einer Bedingung: ein sicherer Knast, wo keine Italiener sind, eine komfortable Zelle mit Fernseher und Einkaufsmöglichkeiten. Und ich werde mich nicht selbst belasten.«

Wirth hört gespannt zu. Er überlegt. Basile ist unter Druck. In Deutschland warten noch fast drei Jahre Haft auf ihn, die Italiener ermitteln wegen organisierten Drogenhandels. Er ist seit Jahren immer auf dem Sprung, das ist zermürbend. Wirth darf jetzt keinen Fehler machen.

Kronzeugen gehen ein hohes Risiko ein. Tommaso Buscetta etwa, der erste Mafioso, den der sizilianische Richter Falcone als Kronzeugen gewann, musste erleben, wie achtundfünfzig Menschen aus seinem Umfeld ermordet wurden, bis er sich zur Aussage entschloss. Und als Carmine Schiavone von der neapolitanischen Camorra die Seiten wechselte, wurden sein bester Freund, ein Priester, und seine beiden Kinder umgebracht. Seine Ehefrau beging anschließend Selbstmord. Dieses Risiko ist den meisten Mafiosi bewusst. Es gibt nur ein knappes Zeitfenster, in dem Basile zur Aussage bereit sein wird. Diesen Moment muss Wirth erwischen. Er weiß noch nicht genau, wann das sein wird. Er darf jetzt nicht zu schnell sein und zu sehr drängen, er kann aber auch nicht zu lange warten. Die Haft, weiß Wirth aus Erfahrung, kann auch stabilisierend wirken.

»Leider sind wir in Deutschland«, sagt Wirth zögernd. Hier gibt es keine Kronzeugenregelung wie in Italien. Umfassende Aussagen können sich mildernd auf das Urteil auswirken, aber einen Straferlass gibt es nicht. »In Bayern könnten wir vielleicht einiges erreichen, aber in Nordrhein-Westfalen wird das schon schwieriger. Ich muss mich umhören«, sagt er nach kurzer Pause. Als sie sich voneinander verabschieden, ist es 13.30 Uhr.

Am Dienstag telefoniert Wirth mit Italien. Und Basile denkt nach.

Am Mittwoch kommen zwei Polizisten in seine Zelle. Sie legen ihm Handschellen an und bringen ihn hinüber zu der barocken Residenz, in der das Amtsgericht untergebracht ist. Sie gehen mit ihm ins Büro des Haftrichters, der ihm nun auch den Haftbefehl wegen des falschen Ausweises verkündet. Das hebt seine Stimmung nicht gerade.

Am Donnerstag holen sie ihn. Kriminalhauptkommissar Wirth hat alles arrangiert. Er will keine Zeit verlieren und Basile so schnell wie möglich nach München bringen. Wenn es einen Zeitpunkt gibt, an dem er den Italiener zur Aussage überreden kann, dann will er den auf keinen Fall verpassen.

Draußen vor dem Gefängnis warten drei gepanzerte Polizeiwagen mit einem Sondereinsatzkommando. Die 167 Kilometer lange Fahrt von Kempten nach München dauert knapp zwei Stunden. Sie bringen Giorgio Basile direkt in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim; nur der Direktor dort und ein Vollzugsbeamter wissen über die Identität ihres neuen Häftlings Bescheid.

Ein hässlicher Bau, denkt Giorgio, als die Eskorte ins Gefängnis Stadelheim fährt. Sie bringen ihn in eine der neuen Sicherheitsabteilungen, wo besonders gefährliche oder problematische Gefangene untergebracht sind. Lauter Gestörte, denkt Giorgio. Vor allem Jugendliche. Die Beamten führen ihn durch einen langen Gang, von dem rechts und links Zellentüren abgehen. Am Ende des Ganges liegen zwei Zellen, die noch einmal durch ein Gitter gesichert sind. Die eine ist für ihn reserviert, die andere leer. Er darf mit niemandem reden – und niemand darf mit ihm sprechen. Wenn er duscht, werden die anderen Gefangenen eingeschlossen.

Doch in einem Punkt sind alle Knäste dieser Welt gleich. Nichts lässt sich wirklich geheim halten. Als Giorgio das erste Mal duschen geht, findet er unter seinen Handtüchern, die von einem Mitgefangenen bereitgelegt worden sind, einen Zettel. »Ciao Giorgio. Lass uns wissen, wer du bist. Wir kennen deine Lage. Sag Bescheid, wenn du etwas brauchst.«

Na toll, denkt Giorgio.

Als er das nächste Mal duschen will, filzt ein Justizbeamter gerade seine Handtücher. Heraus fällt ein Paket Tabak. Der Beamte stellt es sofort sicher. »Machen Sie das nicht noch einmal«, sagt er. »Ich weiß von nichts«, antwortet Giorgio. Später bekommt er den Tabak sogar ausgehändigt, was so schlecht nicht ist. Jetzt kann er wenigstens rauchen. So vergehen die Tage bis zum Montag, dem Tag der ersten Vernehmung.

Kriminalhauptkommissar Wirth und zwei weitere Beamte holen ihn ab. Die Fahrt zur Grünen Villa, so nennen die Beamten des Bayerischen Landeskriminalamtes ihr Dienstgebäude an der Maillingerstraße, dauert knapp zwanzig Minuten. Die Einfahrt zum Hof ist durch ein Tor gesichert; der Fahrer zeigt seinen Dienstausweis, und die Schranke öffnet sich. Der BMW hält vor dem ersten Eingang an der rechten Gebäudeseite. Sie betreten das Haus und gehen die Treppen hinauf in den ersten Stock. Wirths Büro liegt ein paar Schritte hinter der Glastür, die das Treppenhaus von den Fluren trennt.

Was Giorgio dort sieht, überrascht ihn. Das Büro ist geräumig, etwa vierzig Quadratmeter groß. Vorn steht ein Tisch mit vier Stühlen, weiter hinten zum Fenster hin sieht er zwei Schreibtische. An den Wänden hängen großformatige Bilder der ermordeten sizilianischen Richter Falcone und Borsellino, italienische Carabinieri-Kalender, die bei italienischen Polizisten und Staatsanwälten gleichermaßen beliebt sind, außerdem entdeckt er italienische Polizeimützen, Plakate und Modelle von Polizeiautos.

Sieht aus wie bei einem Capitano, denkt Giorgio. Die haben sich wohl auf Italiener spezialisiert.

Wirth bittet ihn, Platz zu nehmen. Auf dem Tisch steht Kaffee, neben der Kanne liegen zwei Schachteln Zigaretten. »Greifen Sie zu«, ermuntert ihn Wirth.

Der Raum, die gesonderte Unterbringung in der Haft und das persönliche Abholen gehören zur Show. Das ist die Kulisse für die Vernehmung von Mafia-Angehörigen, die sich keinesfalls wie gemeine Verbrecher fühlen und deshalb aus taktischen Gründen auch nicht so behandelt werden. Für sie sind das Erscheinungsbild des Vernehmungsbeamten, seine Kleidung, sein Rang und der Respekt, mit dem sie behandelt werden, wichtige Indikatoren. Keinesfalls sprechen sie mit gewöhnlichen Polizisten. Das ist unter ihrer Würde.

Wirth weiß das, und er spielt seine Rolle gut. Bei den anstehenden Vernehmungen kommt gelegentlich auch der Leiter des Dezernats Organisierte Kriminalität, Josef Geißdörfer, hinzu. Er begrüßt Giorgio Basile dann mit Handschlag und wechselt einige Worte mit ihm. Auch das ist Teil der Show.

Mit Giorgio Basile ist ihnen erstmals ein ziemlich dicker Fisch ins Netz gegangen, von dem sie hoffen, dass er sie im Kampf gegen die Mafia ein großes Stück weiterbringen wird. Sie wollen alles vermeiden, was ihn am Reden hindern könnte. Kollegen aus Nürnberg, Frankfurt und dem Ruhrgebiet möchten unbedingt mit Basile sprechen, um Erkenntnisse über die Strukturen der ’Ndrangheta in Deutschland zu gewinnen. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft hat Basile bereits Anonymität für den Fall seiner Aussage zugesichert. Es geht um ein weitverzweigtes Netz der Verbrecherorganisation, um Drogen- und Waffenhandel, Raubüberfälle, Brandstiftung und Schutzgelderpressung. Es gibt viele Kollegen, die etwas von Giorgio Basile wissen wollen.

Wichtige Mitglieder des Carelli-Clans sind auf Ersuchen der Italiener in den vergangenen Monaten in Deutschland verhaftet worden. Dottor Salvatore Curcio von der italienischen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft hat dringendes Interesse an der Auslieferung des Gefangenen Basile bekundet. Der Mafioso sollte ihn einst im Auftrag des Clans mit einem Raketenwerfer ins Jenseits befördern. Curcio will den Carelli-Clan zerstören, und dafür ist Giorgio womöglich der wichtigste Zeuge.

Wirth gibt sich alle Mühe. Er bestellt Pasta beim Italiener um die Ecke, kocht eigenhändig Espresso, zu dem Basile und er je einen Löffel Zucker nehmen, die Dolmetscherin hingegen drei. Für die Vernehmungen ist die Dolmetscherin eigentlich nicht nötig. Basile ist in Mülheim aufgewachsen und spricht besser Deutsch als Italienisch. Aber die Italienerin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, muss eine Menge Dokumente übersetzen, die aus Italien kommen. Außerdem sind sie ein gutes Team, Wirth und die Dolmetscherin.

Es ist für Menschen, die beruflich nichts mit Kriminellen zu tun haben, nur schwer zu verstehen, wie man über Missgeschicke bei Mordfällen scherzen oder über Pannen bei Schutzgelderpressungen, Raubüberfällen oder Brandstiftungen lachen kann. Aber es gehört nun einmal dazu.

Bei seiner Arbeit taucht Wirth in eine andere Welt. Die Gespräche mit der Dolmetscherin helfen ihm dabei, wieder in der normalen Welt anzukommen, und ihr geht es ebenso. Manchmal gehen sie stundenlang im Englischen Garten spazieren und reden. Im Büro kommen schon Gerüchte auf, sie würden bald heiraten. Aber das ist Unsinn. Sie führen beide intakte Ehen, aber bei diesem Teil ihres Lebens können sie sich einfach gegenseitig besser helfen.

Wirth und Giorgio reden in dieser ersten Woche jeden Tag miteinander, immer von morgens um zehn bis nachmittags um fünf Uhr. Jeder Tag folgt demselben Ritual. Frühstück im Gefängnis, dann fährt den Italiener eine Eskorte ins Landeskriminalamt. Wirth und Giorgio Basile belauern sich wie Boxer im Ring. Giorgio lockt mit Andeutungen über den Clan und seine Aktivitäten in Nürnberg, Wirth versucht, ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage klar zu machen.

Giorgio aber will zunächst Straffreiheit in Deutschland zugesichert bekommen. Wirth kann nichts versprechen. Das deutsche Recht gebe das eben nicht her, sagt er wieder und wieder. Dafür würden ihn die Italiener als Pentito, als Reuevollen, in ihr Zeugenschutzprogramm aufnehmen. Er habe so die Chance, den Rest seines Leben weitgehend in Freiheit zu verbringen. Weil ihm, zumindest formal, in Italien eine sehr viel längere Freiheitsstrafe als in Deutschland drohe, könne er sofort abgeschoben werden. Dafür könne er doch ein bisschen über den Clan in Deutschland auspacken.

Dann kommt das Wochenende. Vernehmungspause. In der Nacht zum Sonnabend erscheint Giorgio der Geist von Mimmo das erste Mal. Mimmo, das ist Domenico Sanfilippo, sein treuer Freund und Komplize über viele Jahre. Giorgio hat ihn eigenhändig umgelegt, vor wenigen Monaten in Holland. Planvoll, perfekt wie immer. Vier Schüsse hat er ihm in den Kopf verpasst und seine Leiche in einem Abflussrohr versteckt. Der Leichnam ist bis heute offenbar nicht gefunden worden, zumindest stand nichts davon in den Zeitungen. Seine Verwandten leiden darunter, dass sie ihn nicht begraben können. Giorgio weiß es genau.

Und dann kommt Mimmo in Giorgios Träume gekrochen. »Ich bin tot, aber sorg dafür, dass man mich findet«, raunt sein ehemaliger Freund ihm zu. Giorgio läuft ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Er will das Bild vertreiben, aber es geht nicht. Mimmo bleibt einfach da. »Ich will ins Grab«, flüstert der Tote im Traum.

Giorgio ist hellwach. Er sitzt aufrecht auf seiner Pritsche und versucht, die Bilder seiner Träume zu verscheuchen. Warum nur hat er Mimmo getötet? Weil der Boss es befohlen hat! Aber ist das ein ausreichender Grund? Mimmo war ein dummer Bursche mit einem schlichten Gemüt. Er ist jahrelang sein treuer Freund gewesen. Zugegeben, er hat einige Fehler gemacht, aber das hätte er in den Griff bekommen. Giorgio hätte ihn dafür nicht töten müssen.

Möglicherweise ist sogar sein eigener Tod längst beschlossene Sache, denkt Giorgio. Vor seiner Festnahme ist er einer der letzten Angehörigen des Carelli-Clans aus seiner Geburtsstadt Corigliano gewesen, der noch in Freiheit war. Ist er in den Augen der anderen Bosse zu mächtig worden? Soll er als Nächster sterben? Giorgio ist sich nicht sicher. Den Mafiosi, den sogenannten Ehrenmännern, ist alles zuzutrauen. Sie nutzen einen aus und lassen einen fallen, wie es ihnen passt. Was ist ihre Ehre wert? Warum hat er für sie getötet? So lange Giorgio denken kann, hat er nie ein Leben ohne die Mafia, die in Kalabrien ’Ndrangheta heißt, kennengelernt.

2Ein Italiener in Mülheim

Corigliano Calabro ist eines dieser typischen kalabrischen Dörfer, die schon durch ihre Bauart von der harten Geschichte des italienischen Südens erzählen. Es gibt zahlreiche solcher Dörfer an der Küste Kalabriens, auf der tyrrhenischen und der ionischen Seite. Sie liegen meist nicht direkt am Meer, sondern auf den ersten Erhebungen im Landesinneren. Die Kalabresen bauten ihre Dörfer wie Festungen auf die Berge, zum Schutz gegen Piraten und Eroberer. So malerisch sich die Häuser an die Hänge ducken, so wenig einladend wirken sie, wenn man vor ihnen steht. Fenster und Türen sind stets bis in die oberen Stockwerke verschlossen.

Auf vorgelagerten Wachtürmen, die zum Meer hin gebaut wurden und heute meist halb verfallen sind, saßen einst die Wächter des Dorfes. Hielten Schiffe auf die Küste zu, gellten Warnrufe durchs Land, und die Fischer und Bauern, Landarbeiter, Mägde und Knechte flüchteten hinauf ins Dorf.

Es waren Orte andauernder Wachsamkeit und permanenten Misstrauens gegenüber Fremden. Sie brachten rauhe, kantige Menschen hervor. Aber das Leben war auch ohne Feinde schon hart genug. Im Sommer brennt erbarmungslos die Sonne, und die Winter können kalt, lang und schneereich sein. So manche Schneeschmelze verwandelt danach Bäche in reißende Ströme. Während Fischer und Landarbeiter in dauernder Furcht vor Piraten lebten, trieben die Hirten ihr Vieh tief in die Berge. Nur dort waren sie vor den Räubern geschützt.

Die wilden und unwegsamen Berge Kalabriens sind noch heute die Zuflucht für Mafiosi, die sich vor der Polizei verstecken wollen.

Corigliano Calabro hat eines der wenigen nach wie vor bewohnbaren Schlösser in Kalabrien, das Castello Ducale aus dem elften Jahrhundert. Das Schloss mit seinen dicken Mauern und vier Türmen mutet eher wie eine Burg oder Festung an. Im Thronsaal sind Freskomalereien, Gemälde und Möbel aus dem ausgehenden Mittelalter erhalten geblieben. Die angrenzende Kapelle schmückt eine bedeutende Madonna delle Rose.

Um das Castello, direkt an den Berghang, ducken sich schutzsuchend kleine Häuser in pastellfarbenen Brauntönen. Katzen suchen zwischen dem Müll an den Hängen nach Essbarem oder sonnen sich auf den bemoosten Dächern.

Nur selten dringt ein Sonnenstrahl bis auf das Straßenpflaster hinab, zu schmal sind die verwinkelten Gassen und zu hoch die Häuser. Das wahre Vermögen ihrer Bewohner erschließt sich erst hinter den Mauern, verschlossenen Türen und Fenstern. Nach außen hin gleicht ein Haus dem anderen.