Um das Feuer in euch zu entfachen! - Stephanie Zibell - E-Book

Um das Feuer in euch zu entfachen! E-Book

Stephanie Zibell

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Beschreibung

Ihnen allen ist gemeinsam, dass ihre Worte Gewicht haben: in großen Reden oder bewegenden Interviews. Stephanie Zibell porträtiert 54 beeindruckende Frauen und gibt Auszüge aus deren Reden oder geführten Gesprächen wieder. Darunter sind bekannte Namen wie Astrid Lindgren, Helene Dietrich, Hannah Arendt und Marie Curie. Ihre Biografien sind ebenso vielseitig, dramatisch und stark wie auch unterschiedlich. Luise Schotthoff und Marie Curie erzählen vom Kampf für Gleichberechtigung an den Universitäten und in der Forschung. Die Japanerin Junko Tabei besteigt als erste Frau den Mount Everest und verweigert die Zurückdrängung in die Rolle als Hausfrau und Mutter. Wir lesen von der Autorennfahrerin Clärenore Stinnes-Söderström, von der Politikerin Sarojini Naidu und von Bertha von Suttner, die den Friedensnobelpreis entgegennahm. Auch vergleichsweise unbekannte Namen gehören zu der Sammlung, wie die Erfinderin der Windel, Marion Donovan. Das Buch ist eine geballte Sammlung von starken Frauen, die die Welt veränderten und sie etwas besser machten und immer noch machen.

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2025

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STEPHANIE ZIBELL

UM DAS FEUER IN EUCH ZU ENTFACHEN!

BEDEUTENDE WORTE BEEINDRUCKENDER FRAUEN

INHALT

Vorwort

»Bis es talentierten Frauen möglich ist, ihr Leben der Forschung zu widmen« Maria Mitchell

»Du sollst nicht töten« Bertha von Suttner

»Die selbständige Staatsbürgerin [ist] die Vertreterin des Mütterlichen in der Gesetzgebung« Helene Lange

»Deutsche begrüßten feuchten Auges ihr Vaterland« Eleonore Noll-Hasenclever

»Es wird uns nicht einfallen, unser Frauentum zu verleugnen …« Marie Juchacz

»… dass bei dieser Aktion auch an den Mittelstand gedacht wird …« Hildegard Burjan

»Wir müssen Forschung als Selbstzweck betreiben, um der Schönheit der Wissenschaft willen« Marie Curie

»Nehmt mein Kleid und gebt mir eure Hose« Mary Muthoni Nyanjiru

»Shanti, shanti, shanti« Sarojini Naidu

»Daraufhin legte ich ihre Hand auf mein Gesicht, damit sie ›sehen‹ konnte« Anne Sullivan Macy

»Daß die Frau nicht mehr zum Kurpfuscher zu gehen braucht« Lily Pringsheim

»No Pasarán« Dolores Ibárruri

»Die unterdrückten Völker Europas hassen diesen Hitler« Erika Mann

»Auf der Schwelle der neuen Demokratie« Ricarda Huch

»Vielleicht habe ich als Frau ein besseres Einfühlungsvermögen« Luise Albertz

»Daß Sie dieses Vertrauen einer Frau entgegengebracht haben« Louise Schroeder

»Die Sprache verlumpte und verlodderte« Elisabeth Langgässer

»Wir lehnen eine Remilitarisierung Deutschlands eindeutig ab« Helene Wessel

»Daß ein Deutsches Müttergenesungswerk auf eine neue Grundlage gestellt wurde« Elly Heuss-Knapp

»Niemals werden wir uns vom Stiefel der Oligarchen und Vaterlandsverräter zertreten lassen« Evita Perón

»Im Allgemeinen war aber damals die Einstellung in Deutschland zum Frauenstudium sehr ablehnend« Lise Meitner

»Ehefragen sind ja nicht nur Haushaltsfragen« Herta Ilk

»Die Willensbildung in der Ehe ist nicht eine Sache der äußeren Ordnung« Elisabeth Schwarzhaupt

»Würden Sie sich nicht widersetzen […]?« Miriam Makeba

»Der Stift ist wirklich mächtiger als das Schwert« Josephine Baker

»Das war die Dummheit, die so empörend war« Hannah Arendt

»Viele Begegnungen mit einzelnen deutschen Menschen sind mir unvergesslich geworden« Nelly Sachs

»Aber natürlich waren wir Anti-Nazi« Marlene Dietrich

»Warum haben wir nicht noch mehr Lärm gemacht« Gertrud Kurz

»Da lagen sie, diese kleine Hand und der Fuß« Alice Seeley Harris

»Suche der Frau nach einer eigenen Identität« Anaïs Nin

»Wir brauchen diese Windel nicht« Marion Donovan

»Ein bösartiger Tumor« Betty Ford

»Daß ich Häßlichkeit schwer ertrage« Hildegard Knef

»Wir brauchen auch die ganze Palette der sanften Medizin« Veronica Carstens

»Mein Motiv ist in jedem Fall Menschlichkeit« Inge Aicher-Scholl

»In mir bin ich immer gleichberechtigt gewesen« Clärenore Stinnes-Söderström

»Ich habe in dem Interview die Pille befürwortet« Käte Strobel

»Wir hatten eine Zyankalikapsel« Inge Meysel

»Frauen brechen nicht aus« Carolyn Heilbrun

»In Frankfurt zu der Arbeitsküche übergegangen« Margarete Schütte-Lihotzky

»Einer spuckte mich an« Leni Alexander

»Zum Schluss haben sie gesagt, ich war die Beste« Annemarie Renger

»Theologiestudium ist nicht mehr bloß für Männer, nicht mehr nur für die, die später Priester werden« Elisabeth Gössmann

»Wir haben es versucht und ein panafrikanisches grünes Netzwerk geschaffen« Wangari Maathai

»Die Schmerzen fressen mich auf« Chantal Sébire

»Ich […] versuchte, sie davon zu überzeugen, dass ich ihre Kinder retten könnte« Irena Sendler

»Dass man etwas tun muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen« Junko Tabei

»Persona non grata in der theologischen Fachkollegenschaft« Luise Schottroff

»Die #MeToo-Bewegung hat meine Aufmerksamkeit schon frühzeitig erregt« Mary Higgins Clark

Literatur und Internetquellen

VORWORT

Sie prangerten Unrecht an. Sie engagierten sich für Menschenrechte. Sie verlangten Gleichberechtigung. Sie sprachen über ihren Beruf, erzählten aus ihrem Leben, berichteten von ihren Abenteuern. Sie meldeten sich zu Wort, sie wurden gefragt. Einmal, mehrmals oder regelmäßig. Sie traten im Fernsehen auf, sprachen im Radio, faszinierten Menschenmassen oder referierten vor handverlesenem Publikum. Sie waren oft bemerkenswert, manchmal aber auch bedauernswert.

Sie lebten zwischen dem 19. und dem 21. Jahrhundert in Europa, Nord- und Südamerika, Asien oder Afrika. Sie waren Politikerinnen, Musikerinnen, Schriftstellerinnen, Schauspielerinnen, Erfinderinnen, Theologinnen, Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Abenteurerinnen.

Eines aber ist diesen so ganz und gar unterschiedlichen Frauen gemein: Sie hatten ein Anliegen. Ein Anliegen, über das sie reden wollten.

In diesem Buch können sie ihre Anliegen noch einmal vortragen. Und die Leserin oder der Leser kann die Ideen, Gedanken, Wünsche, Forderungen und Hoffnungen der hier versammelten Frauen entweder noch einmal nachvollziehen oder überhaupt erst kennenlernen. Deshalb stehen die Reden, Interviews, Vorträge oder Ansprachen der Protagonistinnen auch nicht für sich allein, sondern sind verbunden mit einem kurzen Blick auf das Leben der jeweiligen Frau und einer Einführung in das jeweilige Anliegen.

Die von den hier versammelten Frauen angesprochenen Themen erstrecken sich von assistierender Sterbehilfe über Diskriminierung, Demokratie, Frieden, Frauenrechte, Rassismus, Naturheilkunde, »typisiertes« Wohnen, Sexualaufklärung bis hin zu Vorsorgeuntersuchungen, Widerstand oder die Wegwerfwindel.

Sofern sich die Sujets, die die Frauen ansprechen, auf Ereignisse und Entwicklungen in der Vergangenheit beziehen, kann die Leserin oder der Leser dieses Buches in die Historie eintauchen und sich in eine Zeit mitnehmen lassen, in der es zum Beispiel keineswegs selbstverständlich war, eine Einwegwindel zu benutzen. Dass die eigentlich bahnbrechende Erfindung, die aus dem alltäglichen Leben moderner Eltern gar nicht mehr wegzudenken ist, von den Zeitgenossen zunächst überhaupt nicht als bahnbrechend empfunden wurde, vermag man sich heute nur schwer vorzustellen. Gleiches gilt für das inzwischen selbstverständliche Recht von Mädchen und Frauen, Abitur zu machen und ein Studium aufzunehmen. Vor nicht allzu langer Zeit war das aber keineswegs selbstverständlich. Und für Frauen, die sich den Naturwissenschaften verschreiben wollten, hatte die Majorität der männlichen Kollegen erst recht kein Verständnis. Man wollte nicht einmal, dass Frauen und Männer im selben Labor standen.

Doch nicht alle Themen, die die Protagonistinnen dieses Buches ansprechen, haben einen Bezug zur Vergangenheit. Manche sind brandaktuell, wie zum Beispiel die Frage nach dem Recht auf Sterbehilfe, der Klimafrage, dem Umgang mit sexuellem Missbrauch, Diskriminierung, Ausgrenzung oder der Therapie schwerwiegender Erkrankungen.

Das erste in diesem Buch vorgestellte beeindruckende Wort einer bedeutenden Frau stammt aus dem Jahr 1880, das letzte aus dem Jahr 2019. Die Worte sind verbunden mit einer kleinen Einführung in das jeweils behandelte Thema sowie einer Kurzbiografie der betreffenden Frau. So kann man sich auf eine Zeitreise begeben, die sowohl zu Themen und Jahren als auch durch Jahre und Themen führt.

Jedes von den Frauen in diesem Buch aufgegriffene Sujet hat seinen Reiz. Jedes Thema ist informativ. Jedes Anliegen hat seine Berechtigung. Jede Aussage animiert zur Auseinandersetzung. Mit dem Inhalt. Mit der Gesellschaft. Und nicht zuletzt mit dem Frauenbild – zu Hause und in der Welt.

MARIA MITCHELL, ASTRONOMIN

* 1. August 1818, Nantucket / Massachusetts (USA)† 28. Juni 1889, Lynn / Massachusetts (USA)

»Bis es talentierten Frauen möglich ist, ihr Leben der Forschung zu widmen«

Frauen- und Mädchenbildung waren der Astronomin und ordentlichen Professorin für Astronomie am Vassar College in New York, Maria Mitchell, stets ein Anliegen. Allerdings musste sie zur Kenntnis nehmen, dass die überwiegend männlichen Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wenig Interesse an Mädchen- und Frauenbildung hatten. Darauf wies sie in einem Vortrag hin, den sie im Zuge eines Kongresses, durchgeführt von der »Association for the Advancement of Women«, der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung von Frauen«, an deren Gründung sie beteiligt gewesen war, im Oktober 1880 in Boston hielt:

»Vor einigen Jahren traf ich – während einer Reise – einen intelligenten Herrn, der sich für Bildungsfragen interessierte. […] Mit großem Interesse folgte ich seinen Ausführungen […]. Er sprach über die Vorteile, die das Land hätte, wenn es eine große nationale Universität besäße, und er beschrieb eine solche in leuchtenden Farben. Er sagte, er würde sie sich nicht mehrere zehn Millionen, sondern hunderte Millionen kosten lassen. Für beide, Jungen und Mädchen, sagte ich leise. Er schwieg einen Moment, und dann sagte er, fast wie zu sich selbst: Nun, ich hatte nicht an die Mädchen gedacht. Aber er hatte nur Töchter. Lassen Sie uns an die Mädchen denken.«

Maria Mitchell begnügte sich jedoch nicht damit, ein für Mädchen und Jungen gleiches Bildungsrecht einzufordern, sondern plädierte außerdem dafür, Frauen und ihr Interesse an naturwissenschaftlicher Forschung zu fördern, denn insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften waren Frauen besonders schwach vertreten. Darauf hatte Maria Mitchell auf dem im Oktober 1876 in Philadelphia abgehaltenen 4. Kongress der »American Association for the Advancement of Women« bereits nachdrücklich hinwiesen:

»Glaubt jemand, dass irgendeine Frau in irgendeinem Zeitalter eine echte Chance hatte, zu beweisen, was sie in [und für die Natur-] Wissenschaft leisten kann? Die Entdeckung der naturwissenschaftlichen Gesetze erfolgte nicht durch Unfälle; Theorien entstehen nicht durch Zufall, auch nicht in den klügsten Köpfen; sie sind nicht das Ergebnis alltäglicher Hektik und Sorge; sie sind gründlich durchdacht, sie werden geduldig erwartet, sie werden mit Vorsicht entgegengenommen, sie werden mit Ehrfurcht und Respekt übernommen. Und bis es talentierten Frauen [endlich] möglich ist, ihr Leben der Forschung zu widmen, ist es müßig, die Frage nach ihrer Befähigung zur eigenständigen Arbeit zu diskutieren.«

Maria Mitchell

Maria Mitchell kam am 1. August 1818 auf der Insel Nantucket zur Welt. Die Eltern, William Mitchell und Lydia, geborene Coleman, waren Quäker. Für die Quäker war eine gute Ausbildung von großer Bedeutung, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen handelte. Den Quäkern ging es also nicht darum, Mädchen in frauentypischem Wissen wie Handarbeit, Haushaltsführung und Kindererziehung zu unterrichten, sondern um grundsätzliche Wissens- und Bildungsvermittlung.

Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass Marias Vater, von Beruf Lehrer und darüber hinaus ein begeisterter Hobby-Astronom, die Tochter von klein auf an seinen »Himmelsbeobachtungen« teilhaben ließ. Mit seinem Interesse für die Gestirne war Maria Mitchells Vater auf Nantucket allerdings kein Einzelfall. Da die Insel überwiegend vom Walfang lebte, war die Seefahrt Teil des Lebens nahezu aller Inselbewohner. Folglich gehörte die Beschäftigung mit der Beobachtung des Himmels zum Alltag der Menschen auf Nantucket. Marias Vater unterwies die Tochter aber nicht nur in Astronomie, sondern darüber hinaus auch in Mathematik, denn mathematische Gleichungen waren zur Positionsbestimmung eines Schiffes auf See unverzichtbar. Maria aber genügte es nicht, die Gleichungen einfach zu kennen und zu nutzen, ihr ging es vielmehr darum, zu verstehen, wie sie zustande gekommen waren. Das Mädchen hatte also den Ehrgeiz, sich Hintergrundwissen anzueignen.

Unabhängig von der »Ausbildung«, die sie privat durch ihren Vater erfuhr, besuchte Maria die örtliche Schule, die sie im Alter von 16 Jahren abschloss. Daraufhin arbeitete sie zunächst als Assistentin an der Lokalschule, ehe sie als 17-Jährige ihre eigene Schule gründete. Marias Mädchenschule stand – was damals eher untypisch war – (jungen) Frauen aus allen Ethnien offen. Demzufolge engagierte sich Maria nicht nur für Mädchen- und Frauenbildung, insbesondere im Bereich der als »Männerdomäne« geltenden Naturwissenschaften, sondern trat außerdem für das Recht auf Bildung für alle Menschen ein, gleich welcher Herkunft sie waren, oder welche Hautfarbe sie hatten. Wichtig war ihr außerdem, dass die jungen Leute ihr Wissen nicht »nur« aus Büchern bezogen, sondern durch eigene Beobachtungen und Erfahrungen untermauerten.

Von ihrer Lehrtätigkeit leben und außerdem ihre eigenen Forschungen finanzieren, konnte Maria jedoch nicht. Aus diesem Grund nahm sie eine Stelle in einer Bibliothek an, in der sie mehrere Jahre lang tätig sein sollte. Am 1. Oktober 1847 schaute sie – wieder einmal – mit ihrem Teleskop in den Sternenhimmel. Dabei entdeckte sie einen (neuen) Kometen. Für die Entdeckung eines (neuen) Kometen, der nur mit einem Teleskop, nicht aber mit dem bloßen Auge zu erkennen war, hatte der dänische König einen Preis ausgelobt. Maria bewarb sich um den Preis, der aus einem Geldgeschenk und einer Goldmünze bestand, und gewann ihn – als erste Frau und erste Amerikanerin.

Das war natürlich eine Sensation, über die in sämtlichen Presseorganen in den USA berichtet wurde. Auf diese Weise wurde Maria Mitchell berühmt. Das führte dazu, dass sie – jeweils als erste Frau – in verschiedene Kommissionen aufgenommen wurde, darunter 1848 in die »American Academy of Arts and Science«. Einige Zeit später erhielt sie eine bezahlte Anstellung bei der US-Navy. Dort gehörte sie zu den Wissenschaftlern, denen die Aufgabe zufiel, das »Nautical Almanac« zu erstellen. Das alljährlich neuaufgelegte Nachschlagewerk diente den Seefahrern zur Bestimmung ihrer Position auf den Meeren. Das war genau das, was Maria schon als junges Mädchen fasziniert hatte. Ihre astronomische Neugier, in Verbindung mit ihrem Wunsch nach mathematischem Hintergrundwissen, machte sie genau zu der richtigen Person auf diesem Posten. Damit war Maria Mitchell die erste bezahlte Astronomin der USA.

Nachdem im Jahr 1861 von Matthew Vassar das nach ihm benannte »Vassar-College« für Frauen gegründet worden war, erhielt Maria dort eine Stelle. Damit war sie auch noch die erste Astronomie-Professorin der USA. Weil sie die häufig zu beobachtende Arroganz der Männer ärgerte, die der Ansicht waren, dass höhere Bildung – insbesondere naturwissenschaftliche – für Frauen überflüssig sei, entschloss sich Maria, diesem Vorurteil energisch entgegenzutreten. Hierbei unterstützt wurde sie durch die »Association for the Advancement of Women«, die sie 1873 mit ins Leben gerufen hatte und als deren Präsidentin sie bis 1876 amtierte.

Maria Mitchell, die begabte Astronomin und engagierte Streiterin für Frauenrechte und Gleichberechtigung, starb 1889 in Lynn in Massachusetts.

BERTHA VON SUTTNER, FRIEDENSNOBELPREISTRÄGERIN

* 9. Juni 1843, Prag (Österreich-Ungarn)† 21. Juni 1914, Wien (Österreich-Ungarn)

»Du sollst nicht töten«

Am 10. Dezember 1896 starb der Chemiker und Unternehmer Alfred Nobel im italienischen Sanremo. Ein Jahr zuvor hatte er sein Testament gemacht und darin verfügt, dass nahezu sein gesamtes Vermögen einer Stiftung zufließen sollte, der die Aufgabe zufiel, die Leistungen derjenigen mit einem finanziellen Obolus zu belohnen, »die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben«, und zwar auf dem Gebiet der Physik, Chemie, Medizin, Literatur sowie der Friedensförderung. Des Weiteren legte er fest, welche Institutionen mit der Auswahl der Preisträger betraut werden sollten: »Die Preise für Physik und Chemie werden«, wie es in Nobels Testament heißt, »von der schwedischen Wissenschaftsakademie vergeben; für physiologische oder medizinische Arbeiten vom Carolinska-Institut in Stockholm; für Literatur von der Akademie in Stockholm sowie für Friedensverfechter von einem Ausschuss von fünf Personen, die vom norwegischen Storting [dem norwegischen Parlament] gewählt werden.«

Dass Nobel Institutionen in zwei Staaten, nämlich Schweden und Norwegen, mit der Auswahl der Preisträger betraute, ist darauf zurückzuführen, dass zu Lebzeiten Nobels eine Personalunion zwischen Schweden und Norwegen bestand. Die beiden Staaten hatten ein gemeinsames Staatsoberhaupt und betrieben eine gemeinsame Außenpolitik. Das Ende der Personalunion zwischen Norwegen und Schweden im Jahr 1905 hatte im Übrigen keinen Einfluss auf die mit der Auswahl der Nobel-Preisträger betrauten Institutionen.

Dass ausgerechnet ein Unternehmer wie Nobel, der erheblichen Gewinn mit dem nicht immer zu zivilen Zwecken genutzten Dynamit machte, einen Friedenspreis auslobte, beruhte nicht zuletzt auf seiner Überzeugung, dass das Wissen um den Besitz gefährlicher Waffen friedensstiftend wirke. Wenn alle über die gleichen gefährlichen Waffen verfügten, werde es keiner wagen, sie gegen den anderen einzusetzen.

Bertha von Suttner schätzte Alfred Nobel, mit dem sie in regelmäßigem (Brief-)Kontakt stand, sehr. Die beiden kannten sich seit Mitte der 1870er-Jahre. Für eine kurze Zeit hatte sie damals bei Nobel in Paris als dessen Privatsekretärin gearbeitet. Es wird kolportiert, dass sich der ebenso erfolgreiche wie wohlhabende Unternehmer weiland Hals über Kopf in die zehn Jahre jüngere Frau verliebt habe, und deshalb in der Folgezeit immer wieder bereit gewesen sei, die meist in wirtschaftlichen Nöten befindliche, inzwischen mit Arthur von Suttner verheiratete Bertha finanziell zu unterstützen.

Die hatte versucht, das karge Familieneinkommen des Ehepaars Suttner mit dem Abfassen von Romanen aufzubessern. Bis 1889 blieben Berthas Bemühungen weitgehend erfolglos. Dann aber erschien im Dresdener Edgar Pierson-Verlag das Buch Die Waffen nieder!, das Bertha von Suttner auf einen Schlag international bekannt machte. Die Recherchen zu diesem Buch, in dem es um Krieg, Kriegserlebnisse und Kriegsfolgen geht, hätten sie, wie sie erklärte, zu einer überzeugten Friedensaktivistin werden lassen. Fortan engagierte sie sich international für den Frieden und zeigte sich fest davon überzeugt, dass es eines Tages gelingen werde, den Krieg »abzuschaffen«.

Nobels Sympathien für die Frau und die Aktivistin Bertha von Suttner trugen zweifellos dazu bei, dass der Unternehmer – neben den Preisen für Physik, Chemie, Medizin und Literatur – auch einen für den Frieden auslobte. Nachdem Bertha von Suttner am 10. Dezember 1905 als erster Frau der Friedensnobelpreis zuerkannt worden war, bedankte sie sich am 18. April 1906 mit dem folgenden, vor dem Nobel-Komitee des Storting in Kristiana (dem heutigen Oslo) gehaltenen, hier auszugsweise wiedergegebenen Vortrag zum Thema »Entwicklung der Friedensbewegung«.

»Die ewigen Wahrheiten und ewigen Rechte haben stets am Himmel der menschlichen Erkenntnis aufgeleuchtet, aber nur gar langsam wurden sie von da herab geholt, in Formen gegossen, mit Leben gefüllt, in Taten umgesetzt. Eine jener Wahrheiten ist die, dass Frieden die Grundlage und das Endziel des Glückes ist, und eines jener Rechte ist das Recht auf das eigene Leben. Der stärkste aller Triebe, der Selbsterhaltungstrieb, ist gleichsam eine Legitimation dieses Rechtes, und seine Anerkennung ist durch ein uraltes Gebot geheiligt, welches heisst: ›Du sollst nicht töten‹. Doch wie wenig im gegenwärtigen Stande der menschlichen Kultur jenes Recht respektiert und jenes Gebot befolgt wird, das brauche ich nicht zu sagen. Auf Verleugnung der Friedensmöglichkeit, auf Geringschätzung des Lebens, auf den Zwang zum Töten ist bisher die ganze militärisch organisierte Gesellschaftsordnung aufgebaut. Und weil es so ist[,] und weil es so war, solange unsere – ach so kurze, was sind ein paar tausend Jahre? – sogenannte Weltgeschichte zurückreicht, so glauben manche, glauben die meisten, dass es immer so bleiben müsse. Dass die Welt sich ewig wandelt und entwickelt, ist eine noch gering verbreitete Erkenntnis, denn auch die Entdeckung des Evolutionsgesetzes, unter dessen Herrschaft alles Leben – das geologische wie das soziale – steht, gehört einer jungen Periode der Wissenschaftsentwicklung an. Nein; der Glaube an den ewigen Bestand des Vergangenen und Gegenwärtigen ist ein irrtümlicher Glaube. Das Gewesene und Seiende flieht am Zeitstrome zurück wie die Landschaft des Ufers; und das auf dem Strom getragene mit der Menschheit befrachtete Schiff treibt unablässig den neuen Gestaden dessen zu, was wird. Dass das Werdende, das Erzielte immer um einen Grad besser, höher, glücklicher sich gestaltet als das Gewesene, das Ueberwundene, das ist die Ueberzeugung derer, die das Entwicklungsgesetz erkannt haben[,] und die an seiner Betätigung mit zu helfen sich bemühen. Erst durch die Erkenntnis und bewusste Benützung der Naturgesetze und Naturkräfte, sowohl auf physischem wie auf moralischem Gebiete, werden die technischen Erfindungen und die sozialen Einrichtungen geschaffen, welche unser Leben erleichtern, bereichern und veredeln. Ideale nennt man diese Dinge, solange sie noch im Reiche der Idee schweben, als erreichte Fortschritte stehen sie da, sobald sie in eine sichtbare, lebendige und wirkungskräftige Form gebracht worden sind. ›Wenn Sie mich auf dem Laufenden erhalten und ich erfahre, dass die Friedensbewegung den Weg der praktischen Betätigung einzuschlagen beginnt, dann will ich dabei mit pekuniären Mitteln weiterhelfen.‹ Dies sind die Worte, die der edle Nordländer, dem ich die Ehre verdanke, vor Ihnen, meine Herren und Frauen, hier zu erscheinen – die Alfred Nobel im Jahre 1892 in Bern an mich richtete, als er dort, wo eben ein Friedenskongress tagte, mit uns, meinem Mann und mir, zusammentraf. Dass Alfred Nobel sich allmählich überzeugt hat, dass die Bewegung aus dem Wolkengebiet der frommen Theorien auf dasjenige der erreichbaren und praktisch abgesteckten Ziele übergegangen ist, das hat er durch sein Testament bewiesen. Neben den anderen Dingen, die er als zur Förderung der Kultur dienend erkannt hat, nämlich die Wissenschaft und die idealistische Literatur, hat er auch die Ziele der Friedenskongresse, nämlich Erlangung internationaler Justiz und daraus folgend Herabminderung der Heere, angereiht. Auch Alfred Nobel war der Ansicht, dass die sozialen Wandlungen sich nur langsam und mitunter auf indirekten Wegen vollziehen. Er hatte für die Nordpolexpedition Andrees 80 000 Frcs [Francs] gespendet. Er schrieb mir darüber, dass dies der Friedenssache mehr nützen könne, als ich glaube. ›Wenn Andree sein Ziel erreicht, selbst wenn er es nur halb erreicht, so wird dies eines jener Lärm und Gärung verursachenden Erfolge sein, welche die Geister bewegen und das Entstehen und die Aufnahme neuer Ideen und neuer Reformen bewirken.‹ Aber auch einen näheren und unmittelbareren Weg sah Nobel vor sich. Ein anderes Mal schrieb er mir: ›Man könnte und sollte bald zu dem Ergebnis gelangen, dass sich alle Staaten solidarisch verpflichten, denjenigen anzugreifen, der zuerst einen ändern angriffe. Das würde den Krieg unmöglich machen und müsste auch die brutalste und unvernünftigste Macht zwingen, sich an das Schiedsgericht zu wenden oder ruhig zu bleiben. Wenn der Dreibund alle, statt drei Staaten umfasste, so wäre der Friede auf Jahrhunderte gesichert.‹ Alfred Nobel hat die grossen Fortschritte und die entscheidenden Ereignisse nicht mehr erlebt, durch welche die Friedensidee zu lebendigen Organen, d. h. funktionierenden Institutionen gelangt ist. Im Jahre 1894 konnte er doch noch erfahren, dass der grosse englische Staatsmann Gladstone, noch über das Schiedsgerichtsprinzip hinaus, die Einsetzung eines ständigen Völkertribunals vorschlug. Ein Freund des grand old man, Philip Stanhope, hat der interparlamentarischen Konferenz von 1894 diesen Antrag im Namen Gladstones überbracht und erreicht, dass der Plan eines solchen Tribunals an die Regierungen versendet werde. Auch diese Versendung hat Alfred Nobel noch erlebt. Aber die Folgen davon: die Einberufung der Haager Konferenz und die Gründung des dortigen ständigen Schiedsgerichtshofes, die haben sich erst nach seinem Tode vollzogen.«

Bertha von Suttner

Bertha von Suttner wurde am 9. Juni 1843 in Prag als Bertha Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettnau geboren. Sie war die Tochter des Feldmarschallleutnants und Kämmerers Franz Graf Kinsky von Wchinitz und Tettnau und seiner Ehefrau Sophie von Körner. Der Vater starb kurz vor Berthas Geburt. Das Kind wuchs daraufhin bei der Mutter zunächst in Brünn, dann in Wien und schließlich in Klosterneuburg bei Wien auf und erfuhr dabei die für die damalige Zeit in einer adeligen Familie übliche Erziehung als Haustochter. Dazu gehörte zum Beispiel das Erlernen mehrerer Sprachen.

Aus finanziellen Gründen war Bertha ab 1873 jedoch gezwungen, eine Stellung als Gouvernante anzunehmen. Zwischen 1873 und 1875 arbeitete sie daher im Haus der Familie von Suttner in Wien. Dort lernte sie, außer den vier Töchtern, die sie zu betreuen hatte, auch den Sohn des Hauses, Arthur von Suttner, kennen. Die beiden wurden ein Liebespaar. Da die Liaison den Eltern von Suttner unschicklich erschien, wurde Bertha entlassen. Kurz darauf fand sie eine neue Stelle – dieses Mal als Privatsekretärin – bei dem schwedischen Chemiker, Waffenproduzenten und Dynamithersteller Alfred Nobel in Paris. Aus der Begegnung zwischen Bertha und dem Unternehmer sollte sich eine lebenslange Freundschaft entwickeln. Das Beschäftigungsverhältnis jedoch endete schon bald. Bertha kehrte nach Wien zurück. Dort heiratete sie in aller Heimlichkeit ihren Geliebten Arthur von Suttner. Nachdem das ruchbar geworden war, wurde Arthur enterbt. Daraufhin verließ das Ehepaar von Suttner Wien und lebte die nächsten neun Jahre in verschiedenen Orten im Kaukasus. Finanziell kamen die beiden nur knapp über die Runden. Bertha arbeitete in dieser Zeit als Sprachlehrerin und Journalistin.

Im Jahr 1885 kehrten Bertha und Arthur von Suttner nach Wien zurück. Hier erfolgte die Aussöhnung mit der Familie von Suttner. Daraufhin konnten Bertha und ihr Mann den Familiensitz in Harmannsdorf beziehen. Bertha arbeitete auch nach der Rückkehr aus dem Kaukasus weiterhin als Journalistin und Schriftstellerin, allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Das sollte sich im Jahr 1889 mit dem Erscheinen ihres Antikriegsromans Die Waffen nieder! ändern. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und verkaufte sich gut. Bertha von Suttner wurde durch den Roman nicht nur als Autorin berühmt, sondern auch international als Friedensaktivistin bekannt. Das Engagement für Frieden und Friedenserhalt avancierte in der Folgezeit zu Bertha von Suttners Lebensinhalt. Sie zeichnete in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht nur für die Gründung diverser Friedensgesellschaften in Europa und Übersee (mit)verantwortlich, sondern nahm in der Folgezeit auch an nahezu allen »Weltfriedenskongressen und interparlamentarischen Konferenzen« teil. Sie reiste durch die Welt, hielt Vorträge und warnte bereits 1912 vor einem in Europa drohenden (militärischen) Konflikt. Des Weiteren war sie an der Durchführung der ersten »Haager Friedenskonferenz« im Jahr 1899 beteiligt, bei der es um »Fragen der nationalen und internationalen Sicherheit, des Abrüstens und der Einrichtung eines internationalen Schiedsgerichts« ging. Im Jahr 1905 erhielt sie für ihren unermüdlichen Einsatz für den Frieden den Friedensnobelpreis.

Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914 in Wien an »Magenkrebs und allgemeiner Erschöpfung«.

HELENE LANGE, FRAUENRECHTLERIN

* 9. April 1848, Oldenburg† 13. Mai 1930, Berlin

»Die selbständige Staatsbürgerin [ist] die Vertreterin des Mütterlichen in der Gesetzgebung«

Die Frauenrechtlerin und Lehrerin Helene Lange hielt den im Folgenden auszugsweise abgedruckten Vortrag zum Thema »Das Staatsbürgertum der Frau« im März 1914 auf dem Parteitag der »Fortschrittlichen Volkspartei« in Hamburg. Bekannt war – und ist – Helene Lange eigentlich als Verfechterin der Frauen- und Mädchenbildung, doch lag ihr auch das Frauenwahlrecht am Herzen, für das sie sich schon in einem im August 1896 erschienenen Artikel in der international rezipierten Zeitschrift Cosmopolis ausgesprochen hatte.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das Frauenwahlrecht zwar immer wieder von Einzelpersonen angemahnt, doch was fehlte, war eine feste Struktur, eine zentrale Organisation, die diese Forderung ebenso nachdrücklich wie eindrücklich vertrat. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, konkret am 1. Januar 1902, kam es, auf Initiative der Juristin und Frauenrechtlerin Anita Augspurg, zur Gründung des »Deutschen Vereins für das Frauenstimmrecht«, der sich 1904 in »Verband für das Frauenstimmrecht« umbenannte. Ausschlaggebend für die Vereinsgründung war eine Konferenz, die Anfang 1902 in Washington zum Thema Frauenstimmrecht durchgeführt werden sollte. Teilnehmen durften aber keine Einzelpersonen, sondern nur Mitglieder einer Frauenstimmrechtsorganisation. Wenn die deutschen Frauenstimmrechtlerinnen sich also an dieser Veranstaltung in den USA beteiligen wollten, mussten sie einen Verein gründen, was dann am 1. Januar 1902 auch geschah.

Im selben Jahr machte außerdem der »Bund deutscher Frauenvereine«, der Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung, das Frauenstimmrecht zu einem seiner wichtigsten Themen. Zwei Jahre später, 1904, entstand dann der »Weltverband für das Frauenstimmrecht«. Fortan war die Forderung nach einem Frauenwahlrecht nicht mehr nur eine Sache von Einzelnen, sondern eingebunden in Vereine und Verbände, die sowohl national als auch international gehört wurden und entsprechenden Einfluss nahmen. Aufgrund des zunehmenden Drucks durch die Frauenrechtsbewegung sah sich das Deutsche Reich im Jahr 1908 genötigt, politische Betätigung von Frauen und damit verbunden ihren Beitritt in politische Vereinigungen zu gestatten.

Doch bis den Frauen schließlich das aktive und passive Wahlrecht zugebilligt wurde, sollte noch ein ganzes Jahrzehnt ins Land gehen. Erst nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs Ende 1918 erklärte die nunmehrige, wenngleich provisorische Regierung, der »Rat der Volksbeauftragten«, am 12. November 1918, dass fortan alle Frauen, die das 20. Lebensjahr vollendet hatten, an »allen Wahlen zu öffentlichen Körperschaften« teilnehmen durften. Damit war das Frauenwahlrecht in Deutschland gesetzlich verankert.

»Die Politisierung der berufstätigen Frau hat sich also aus ihrem Beruf heraus, als eine natürliche und selbstverständliche Erweiterung ihrer Berufsinteressen mit innerer Konsequenz vollzogen. Sofern sie Berufsmensch war, wirklich von innen heraus und mit ganzer Seele, war oder wurde sie auch ein Stück Staatsbürgerin. Aber die Politisierung der Hausfrau? Wie steht es damit? Kann sie nur auf dem einen Wege einer Teilnahme an den allgemeinen politischen Fragen politisch werden, nähert sie sich dem politischen Leben sozusagen nur von außen her, oder kann sie von innen heraus, als Hausfrau, in die Politik hineinwachsen? Kann sie nicht auch von ihrem Beruf aus die Brücken zum Staat schlagen? […] Die Hausfrau hat ihre eigene Welt politisch noch nicht entdeckt. Und daß sie das tut, wünschen wir nicht nur um ihretwillen, sondern mehr noch deshalb, damit ganz entscheidende Lebensinteressen der Gesamtheit stärker zu Worte kommen. […] Es ist begreiflich, daß bisher eine solche Politisierung der Hausfrau erst in ihren allerersten Anfängen vorhanden ist. Die einzelne ist ja dabei ganz auf ihre eigene[n] Kräfte gestellt. Keine Berufsorganisation übernimmt die politische Aufklärung. Jede ist in ihrem Heim für sich und sieht nur das Naheliegende. Wie interessant und fruchtbar könnten die so verpönten Hausfrauenveranstaltungen über Küche und Dienstboten, über Einkäufe und Handwerker sein, wenn es vernünftige, weitblickende, nachdenkliche, – politische Unterhaltungen über alle die Dinge wären. In einer konservativen Zeitung las ich einmal mit Vergnügen das Zugeständnis: ›Ohne das weibliche Geschlecht vom häuslichen Herde in die politische Arena zerren zu wollen, müssen wir doch sagen, dass den Führerinnen unserer Kinder eine gewisse politische Elementarbildung zu eigen sein muß, damit sie ihrer hehren mütterlichen Aufgabe genügen können.‹ Das ist ganz richtig. Nur […] daß man selbst die politische Elementarbildung nur am häuslichen Herd nicht lernen kann, sondern daß es eine mütterliche Aufgabe auch außerhalb des häuslichen Herdes gibt, die unsere Frauen zu lernen beginnen. Es gibt eine Politik der Mutter, so gut wie es eine Politik der Landwirtschaft oder der Industrie gibt. Und die muß gefunden werden, wenn das Frauenstimmrecht ein innerlich lebendiges Recht werden soll, ein Werkzeug der Selbständigkeit, nicht der bloßen mechanischen Parteigefolgschaft. Wie sieht diese Politik der Mutter aus? Die Staaten, in denen das Frauenstimmrecht schon eine Zeitlang eingeführt ist, zeigen es uns. […] [Dort sehen wir,] wofür sich die weiblichen Wähler einsetzen, was ihnen besonders am Herzen liegt. […] Die mütterliche Politik verlangt, daß der Staat der Familie hilft, ihre verschiedenen Aufgaben der Erziehung, der Gesundheitspflege, der Ernährung usw. usw. zu erfüllen. Die mütterliche Politik bekämpft alles, was diese Mühe und Sorge der Familie für alle diese Dinge hindert und hemmt und erschwert. Die weiblichen Volksvertreter und die politischen Frauen des Auslandes haben natürlich je nach Parteistellung sich für alles mit eingesetzt, was von allgemeinen politischen Zielen da war. Sie haben aber ein paar große Gebiete für ihr eigenes Feld gehalten, und das ist: Kinderschutz und Erziehung, Volksernährung, Mutterfürsorge. Die Frauen haben sich dafür eingesetzt, daß nicht die Industrie mit ihrer gewerblichen Kinderarbeit, der Alkohol- und Tabakshandel mit ihrer Versuchung, gefährliche Vergnügungen wie die Spielbanken, und die legalisierte männliche Genußsucht die Mühe der Mütter um Gesundheit und sittliche Kraft ihrer Kinder immer wieder vereiteln. Die amerikanischen Frauen haben für die Einschränkung der Kinderarbeit, für das Verbot der Abgabe von Alkohol und Tabak an Jugendliche, für die Schließung von Spielbanken und Spielhöllen, für die Erhöhung des Schulalters für Mädchen gearbeitet. […] Ferner ist die ärztliche Untersuchung von Schulkindern, die Einrichtung von Kindergärten, die Organisation von Fürsorgebestrebungen für die verlassene und verwahrloste Jugend unter lebhafter Beteiligung, zum Teil auf Initiative der Frauen eingeführt. […] Aber nicht nur direkt und unmittelbar setzt das Frauenstimmrecht das Mutter- und Hausfraueninteresse in politische Macht um, auch in einem unmittelbaren und weiteren Sinn ist die selbständige Staatsbürgerin die Vertreterin des Mütterlichen in der Gesetzgebung. Die Frauen sind die eigentlichen Vertreterinnen des sozialen Gedankens und aller Forderungen, die sich daraus ergeben.«

Helene Lange

Helene Lange wurde 1848 in Oldenburg, Schleswig-Holstein, als Tochter des Kaufmanns Carl Theodor Lange und seiner Ehefrau Johanne geboren. Nach dem Besuch der Elementarschule wechselte sie auf die örtliche »Höhere Mädchenschule«, die sie bis 1864 besuchte. In jenem Jahr starb ihr Vater. Da auch ihre Mutter zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lebte, war Helene Lange mit 16 Jahren Vollwaise. Daraufhin erfolgte ihre Unterbringung in einem Pfarrhaushalt in der Nähe von Reutlingen. Dort, so erklärte sie später, sei sie womöglich zur »Frauenrechtlerin« geworden, weil man ihr »im Pfarrhaus zum ersten Mal« den »Ausschluss der Frauen von höherer Bildung deutlich vor Augen geführt« habe. Einige Zeit später kehrte sie nach Oldenburg zurück.

Weil ihr Vormund ihr verbot, das von ihr angestrebte Lehrerinnen-Examen abzulegen, ging Helene Lange 1866 als »Au-Pair-Mädchen« an eine Internatsschule im Elsass. Dort gab sie Unterrichtsstunden in deutscher Literatur und Grammatik. Im Gegenzug durfte sie an allen Lehrveranstaltungen, die das Internat anbot, teilnehmen. Außerdem beschäftigte sie sich intensiv mit Philosophie, Geschichte, Religion, Literatur und alten Sprachen. Im Jahr 1871 verzog sie nach Berlin, um dort 1872 ihr Lehrerinnen-Examen abzulegen. Anschließend arbeitete sie an verschiedenen »Höheren Mädchenschulen«.

Im Zuge ihrer beruflichen Tätigkeit stellte sie fest, dass die in den Mädchenschulen vermittelten Lehrinhalte hinter den Anforderungen zurückstanden, die an das Bildungsangebot in den höheren Lehranstalten für Jungen gestellt wurden. Statt die jungen Frauen zu eigenständigen Persönlichkeiten zu erziehen und dafür zu sorgen, dass sie in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften, bereitete man sie nach wie vor auf ein Leben vor, das sowohl durch die Einkünfte eines Ehemanns als auch durch dessen Übernahme der Verantwortung für alle lebensrelevanten Entscheidungen abgesichert war. Dieser Zustand missfiel Helene Lange. Doch erst Ende der 1880er-Jahre sollte es ihr gelingen, »Realkurse« für Frauen einzurichten, die eine Basis für die Aufnahme eines Berufs bildeten. Später kam es außerdem zur Einrichtung von Gymnasialkursen, die Frauen zum Abitur führten. Im Jahr 1896 bestanden die ersten sechs Frauen in Preußen das Abitur. Damit besaßen die Frauen alle geforderten schulischen Voraussetzungen, um ein Universitätsstudium aufnehmen zu können.

Nachdem das Deutsche Reich Frauen ab dem Jahr 1908 den Beitritt zu politischen Vereinigungen gestattet hatte, wurde Helene Lange Mitglied der (liberalen) »Freisinnigen Vereinigung«, die später unter der Bezeichnung »Fortschrittliche Volkspartei« firmierte und die Basis für die nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufene »Deutsche Demokratische Partei« bildete. Durch ihre Mitarbeit in einer Partei erhoffte sich Helene Lange, noch mehr für ihr großes Ziel, die Gleichberechtigung von Mann und Frau in allen Fragen des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens, erreichen zu können.

Am 13. Mai 1930 starb Helene Lange in Berlin.

ELEONORE NOLL-HASENCLEVER, BERGSTEIGERIN

* 4. August 1880, Duisburg† 18. August 1925, Bishorn / Walliser Alpen (Schweiz)

»Deutsche begrüßten feuchten Auges ihr Vaterland«

Als junges Mädchen wurde Eleonore Noll-Hasenclever, damals noch Eleonore Hasenclever, auf ein Mädcheninternat ins schweizerische Lausanne geschickt, um dort in den Fertig- und Fähigkeiten unterwiesen zu werden, die eine Dame aus gutem Hause auszeichneten.

Im Zuge eines Schulausflugs nach Zermatt lernte Eleonore die Berge kennen und lieben. Danach stand für sie fest, dass sie Bergsteigerin werden wollte. Als schicklicher Beruf für eine Frau galt das in der damaligen Zeit selbstverständlich nicht, doch Eleonore war ebenso beharrlich wie talentiert, sodass den anfangs entsetzten Eltern mit der Zeit nichts anderes übrigblieb, als den Wunsch und den Willen ihrer Tochter zu akzeptieren und zu unterstützen.

Im Laufe der Jahre erklomm Eleonore über 20 Viertausender im Wallis und im Mont Blanc-Gebiet, darunter auch den Mont Blanc selbst. Einer ihrer Lieblingsgipfel war jedoch das Weißhorn, das sie mehrfach bestieg, unter anderem am 31. Juli 1914, einen Tag vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In einem ihrer zahlreichen Vorträge, die sie vor allem deshalb hielt, weil sie andere Menschen, und ganz besonders Frauen, für das Bergsteigen begeistern wollte, berichtete sie von jenem Tag, den sie – die ihren Hauptwohnsitz in Frankfurt am Main hatte – in der Schweiz erleben sollte. Ganz offensichtlich hatte sie den Krieg nicht kommen sehen. Umso überraschter war sie, als ihr eine junge Magd in einem Hotel weinend berichtete, dass der Krieg ausgebrochen sei. Wenig später machte sie sich auf den Rückweg nach Deutschland.

Unterwegs fiel ihr die Emotionalität auf, mit der die Menschen in der Schweiz auf den Kriegsausbruch reagierten. Die Mädchen weinten, die einberufenen Männer tranken und johlten. Dabei war die Schweiz keineswegs in den Krieg und die Kampfhandlungen verwickelt. Dennoch wurden am 1. August 1914 die schweizerischen Truppen mobilisiert. Ihnen fiel die Aufgabe zu, die Außengrenzen zu schützen. Die Anzahl der Mobilisierten, die »Aktivdienst« leisteten und daher als »Aktivdienstler« bezeichnet wurden, lag 1914 bei über 200 000 Mann. Keiner der Männer musste aufgrund von Kampfhandlungen sein Leben lassen. Dass die schweizerische Armee trotzdem mehrere tausend Mann verlor, war Unfällen und Krankheiten geschuldet, nicht zuletzt der »Spanischen Grippe«, der knapp 2000 »Aktivdienstler« zum Opfer fielen.

»Eng aneinandergedrückt sitzen wir auf dem Gipfel, denn der Treffpunkt der Grate ist so klein, daß nur wenig Platz hier oben ist. Das Weißhorn ist infolge seiner weit nach Norden vorgeschobenen Lage einer der herrlichsten Aussichtsgipfel, und doch konnten wir uns der Gipfelfreude nicht zu lange hingeben. Vor lauter Schauen sind wir kaum zum Essen gekommen, nur eine Dose mit Marmelade genossen wir. Anthematten gab ich den Apparat, damit er dieses Bild aufnähme. Dann ein letztes Rundschauen-Aufnehmen, es hieß eilen, denn die Glut der Sonne mußte den Weg über den Grat gefährlich machen. Wieder gingen wir als letzte. Der Abstieg über den Firngrat forderte schon jetzt große Vorsicht, und wir brauchten fast eine Stunde länger als beim Aufstieg. Dann turnten wir in lustiger Arbeit den Felsgrat hinab; um 2 Uhr 15 Min. standen wir wieder auf dem Gletscher. Jetzt begann der leichteste, aber anstrengendste Teil der ganzen Tour, der Abstieg durch den Lawinenschnee. Schritt für Schritt brachen wir bis zu den Hüften ein, oft konnte man sich nur mit Hilfe des Kameraden befreien. Langsam ging es daher in der Glut des Mittags den Gletscher hinab. Nach 15-stündiger Abwesenheit betraten wir die Hütte wieder. Noch lange saßen wir draußen, unseren herrlichen Berg zu schauen; erst als die Sonne zu sinken begann, liefen wir den Hüttenpfad hinab nach Randa, wo wir gerade zur Dunkelheit ankamen. An der schäumenden Visp machten wir Toilette, um möglichst würdig am Festmahl im Hotel Weißhorn in Randa zu erscheinen. Am 1. August, dem Nationalfeiertag der Schweizer, geht es ja immer hoch her; da flammen hoch oben die Freudenfeuer, das Donnern der Böller bricht sich in vielfachem Echo an den Wänden der Berge, Freude überall. Doch still war es heute, keine Böller hörte man, keine Freudenfeuer wurden sichtbar, nur am Himmel zeigte sich die ockergelbe Scheibe des Mondes über der Ostwand des Breithorns. Stille herrschte im Dorf, nur unsere schweren Genagelten knirschten auf der Gasse. Das Hotel war leer, die Tische wie in aller Eile verlassen. Nach vielem Klopfen kam eine verweinte Maid. Wir hatten Hunger wie die Wölfe und bestellten uns alle möglichen guten Dinge, auch ein schäumender Sekt sollte uns heute nicht fehlen. Doch staunend sah das Mädel unserem freudigen Gebaren zu, endlich platzte sie heraus: ›Es ist doch Krieg!‹ Krieg – so rasch kann man nicht umschalten. Krieg – verstört sahen wir uns an. ›Ja, Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt.‹ Dann weinte sie auf. ›Die Unseren sind heute schon alle fort.‹ Da gingen wir hinaus, schweren Herzens. […] Der Frühzug war überfüllt, ein wildes Durcheinander, lautes Weinen der Mädel, Jodeln der angeheiterten Einberufenen. Und überall dasselbe Bild. Dazu all die unsinnigen Gerüchte: ›Bayern tut nicht mit, es hat ein Sonderabkommen.‹, ›Dänemark fällt in Deutschland ein‹, und so fort. In Zürich war mein Gepäck nicht zu finden; vier Stunden suchte ich mit einem Beamten, bis ich erfuhr, daß der Gepäckwagen meines Zuges in Bern bei einem Zusammenstoß zerstört sei. Den letzten Zug nach Deutschland hatte ich trotz der widersprechenden Angaben doch erreicht. Nachts ging es über die Grenze. Welch ein Gegensatz! Tiefe Begeisterung, Ruhe, kraft- und zielbewußtes Handeln! Die Aufregung wich. Wie ein Aufatmen von schwerem Druck ging es durch den ganzen Zug. Deutsche begrüßten feuchten Auges ihr Vaterland, und jeder empfand, wie groß und stark ein Volk sein muß, das solch schlichte Größe in schicksalsschwerer Stunde zeigt.«

Eleonore Noll-Hasenclever

Elfriede Eleonore Hasenclever war die Tochter des Fabrikdirektors Emil Hasenclever und seiner Ehefrau Eleonore, geborene Vielhaber, aus Duisburg, die ihrer Tochter eine gute Schulbildung mit auf den Weg geben wollten. Der Besuch eines Internats im schweizerischen Lausanne sollte ein Schritt auf diesem Weg sein. Doch nach einem Schulausflug nach Zermatt war der jungen Frau klar, dass sie keine wohlerzogene, stickende und Klavier spielende Dame werden wollte, sondern Bergsteigerin.

Daraufhin engagierte sie den bekannten und berühmten Bergführer Alexander Burgener, der zu ihrem Ausbilder, Mentor und väterlichen Freund werden sollte. Er vermittelte ihr alles Wissen und alle Kenntnisse, die sie für eine Zukunft als Bergsteigerin brauchte. Im Jahr 1899 erklomm Eleonore Hasenclever in Begleitung von Burgener, der die junge Frau »Gamsli« nannte, ihren ersten Viertausender-Gipfel, nämlich das Matterhorn. In den nächsten Jahren sollten noch 21 weitere Viertausender folgen. Im Sommer 1909 erklärte Burgener seinem »Gamsli«, dass er nun nichts mehr für sie tun könne. Er habe ihr alles beigebracht, was er wisse. Von jetzt an könne sie allein in die Berge gehen.

Eleonore Hasenclever erklomm fortan aber nicht nur ohne Führer die Berge, sondern betätigte sich auch selbst als Bergführerin. Außerdem hielt sie Vorträge, von denen sie hoffte, dass sie dazu beitrugen, andere Frauen für das Bergsteigen zu begeistern. Im Jahr 1911, Eleonore Hasenclever war inzwischen Mitglied im »Österreichischen Alpenklub« sowie im »Deutschen Alpenverein« und im »Österreichischen Alpenverein« geworden, führte sie einen Bergsteiger namens Johann Maria August »Johannes« Noll aus Frankfurt am Main auf den »Aiguille des Grands Charmoz«. Drei Jahre später, am 12. August 1914, heirateten der damals knapp 51-jährige Johannes, von Beruf Kaufmann, und die damals 34 Jahre alte Eleonore, offiziell »ohne Beruf«, in Frankfurt am Main. Im Jahr 1916 kam die gemeinsame Tochter Eleonore, genannt »Sternchen«, zur Welt.

Doch weder Eheschließung noch Mutterschaft hielten Eleonore Noll-Hasenclever, wie sie von jetzt an hieß, vom Bergsteigen ab, wenngleich sie sich in der Zeit des Ersten Weltkriegs mit Touren in den Ostalpen begnügte. Erst nach dem Krieg kehrte sie in die Schweiz zurück, um ihre großen Touren wiederaufzunehmen. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1925 erklomm sie – gemeinsam mit ihrem Mann und der damals gerade erst neun Jahre alten Tochter »Sternchen« – das Matterhorn.

Wenige Monate später stürzte sie am Weißhorn in eine Spalte und wurde von den nachrutschenden Schneemassen erstickt. Nachdem man sie geborgen hatte, wurde sie von den schweizerischen Bergführern auf dem Bergsteigerfriedhof in Zermatt zu Grabe getragen, die ihr in den Jahren vor dem Krieg das Leben nicht immer leicht gemacht hatten. Weil man in ihr Konkurrenz sah – darüber hinaus auch noch eine weibliche – wurde ihr zuweilen die Ausrüstung beschädigt. Doch Eleonore Noll-Hasenclever ließ sich von derlei Aktionen nie einschüchtern, sondern setzte unbeirrt ihren Weg fort, den sie ihrer – damals völlig konsternierten – Mutter mit den Worten: »Ich bin Bergsteigerin, Mama« beschrieben hatte.

MARIE JUCHACZ, SOZIALREFORMERIN UND FRAUENRECHTLERIN

* 15. März 1879, Landsberg / Warthe† 28. Januar 1956, Düsseldorf

»Es wird uns nicht einfallen, unser Frauentum zu verleugnen …«

Marie Juchacz war die erste weibliche Abgeordnete, die vor einem deutschen Parlament, in dem Fall der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung, eine Rede hielt. Die am 19. Januar 1919 gewählte Nationalversammlung bestand aus 423 Abgeordneten, darunter 37 Frauen. Am 6. Februar 1919 traten die Parlamentarier erstmals zusammen, allerdings nicht in Berlin, sondern im Deutschen Nationaltheater in Weimar, da in der Reichshauptstadt zu jener Zeit bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Schlägereien, Schießereien und Bombendetonationen waren an der Tagesordnung. Die Anhänger derjenigen, die in Deutschland eine Räterepublik nach sowjetischem Muster errichten wollten, und die Vertreter des neuen, demokratischen Staates lieferten sich erbitterte Kämpfe. Berlin war in jenen Tagen also keineswegs ein sicherer Ort. Von daher stand zu befürchten, dass die Nationalversammlung, der unter anderem die Ernennung einer provisorischen Regierung sowie die Ausarbeitung einer neuen Verfassung oblag, in Berlin nicht ungestört würde arbeiten können. Dass ausgerechnet Weimar zum Ort der Zusammenkunft der Nationalversammlung bestimmt wurde, hatte auch damit zu tun, dass Weimar einst Heimstatt berühmter und einflussreicher Dichter und Denker gewesen war, unter anderen Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Der neue deutsche Staat, die Weimarer Republik, wollte somit an die Tradition der deutschen Klassik und den damit verbundenen Idealen wie Humanität, Toleranz oder intellektueller und gesellschaftlicher Weiterentwicklung anknüpfen und vor allem im Ausland entsprechend wahrgenommen werden. Aber noch aus einem anderen Grund erwies es sich als günstig, dass das neue Parlament nicht in Berlin zusammentrat, denn Berlin war nicht nur Reichshauptstadt, sondern zugleich Hauptstadt des im In- und Ausland als übermächtig empfundenen Landes Preußen. Mit der Verlegung des Tagungsorts der Nationalversammlung in das thüringische Weimar konnte vermieden werden, dass der neue deutsche Staat unmittelbar mit dem mächtigen Preußen in Verbindung gebracht wurde. Das sollte nicht nur zur positiveren Wahrnehmung der Weimarer Republik im Ausland beitragen, sondern auch im Inland, und dafür sorgen, dass separatistischen Bestrebungen, wie sie zum Beispiel im Rheinland oder in Bayern zu beobachten waren, entgegengewirkt werden konnte.

Am 19. Februar 1919, also knapp vierzehn Tage nach dem ersten Zusammentritt der Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater in Weimar, hielt die sozialdemokratische Abgeordnete Marie Juchacz dort folgende Rede:

»Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, daß in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, daß es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat. Die Frauen besitzen heute das ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerinnen. Gemäß ihrer Weltanschauung konnte und durfte eine vom Volke beauftragte sozialistische Regierung nicht anders handeln, wie sie gehandelt hat. Sie hat getan, was sie tun mußte, als sie bei der Vorbereitung dieser Versammlung die Frauen als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen anerkannte. Ich möchte hier feststellen und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, daß wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist. Wollte die Regierung eine demokratische Verfassung vorbereiten, dann gehörte zu dieser Vorbereitung das Volk, das ganze Volk in seiner Vertretung. Die Männer, die dem weiblichen Teil der deutschen Bevölkerung das bisher zu Unrecht vorenthaltene Staatsbürgerrecht gegeben haben, haben damit eine für jeden gerecht denkenden Menschen, und für jeden Demokraten selbstverständliche Pflicht erfüllt. Unsere Pflicht aber ist es, hier auszusprechen, was für immer in den Annalen der Geschichte festgehalten werden wird, daß es die erste sozialdemokratische Regierung gewesen ist, die ein Ende gemacht hat mit der politischen Unmündigkeit der deutschen Frau. Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem Geschlecht die Möglichkeit gegeben zur vollen Entfaltung seiner Kräfte. Mit Recht wird man erst jetzt von einem neuen Deutschland sprechen können und von der Souveränität des ganzen Volkes. Durch diese volle Demokratie ist aber auch zum Ausdruck gebracht worden, daß die Politik in Zukunft kein Handwerk sein soll. Scharfes, kluges Denken, ruhiges Abwägen und warmes menschliches Fühlen gehören zusammen in einer vom ganzen Volke gewählten Körperschaft, in der über das zukünftige Wohl und Wehe des ganzen Volkes entschieden werden soll. Ich möchte hier sagen, daß die Frauenfrage, so wie es jetzt ist in Deutschland, in ihrem alten Sinne nicht mehr besteht, daß sie gelöst ist. Aber damit begeben wir uns nun keineswegs des Rechts, andersgeartete Menschen, weibliche Menschen zu sein. Es wird uns nicht einfallen, unser Frauentum zu verleugnen, weil wir in die politische Arena getreten sind und für die Rechte des Volkes mitkämpfen. Wir Frauen sind uns sehr bewußt, daß in zivilrechtlicher wie auch in wirtschaftlicher Beziehung die Frauen noch lange nicht die Gleichberechtigten sind. Es wird hier angestrengtester und zielbewußter Arbeit bedürfen, um den Frauen im staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Leben zu der Stellung zu verhelfen, die ihnen zukommt.«

Marie Juchacz