Unter Haien - Nele Neuhaus - E-Book
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Beschreibung

'Action und Spannung like Grisham zu seinen besten Zeiten.' krimi-couch.de

New York, 1998: Die junge Investmentbankerin Alex Sontheim ist durch harte Arbeit und Zielstrebigkeit dort angekommen, wo sie immer hinwollte: ganz oben. Als sie den milliardenschweren Geschäftsmann Sergio Vitali kennenlernt, beginnt eine heiße Affäre. Alex genießt es, am Leben der wirklich Mächtigen teilzuhaben und gibt zunächst nichts auf die Stimmen, die sie vor Vitali warnen. Doch dann bringt eine ungeheuerliche Entdeckung Alex in tödliche Gefahr.

Entdecken Sie auch SOMMER DER WAHRHEIT, einen fesselnden Roman, den Nele Neuhaus unter dem Namen Nele Löwenberg geschrieben hat!

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EPUB

Das Buch

Intelligent und ehrgeizig hat Alex Sontheim sich eine Position erarbeitet, von der andere nur träumen können: Sie ist der Star im New Yorker Investmentbanking. Erst vor kurzem hat die Firma Levy Manhattan Investment sie für ein Millionengehalt angeworben, Bonusleistungen und Büro mit Blick über Manhattan inklusive. Was Alex nicht ahnt: Sie stellt ihre Fähigkeiten einem wirtschaftskriminellen Kartell zur Verfügung. Berauscht von ihrem neuen Lebensstil, ignoriert sie alle Alarmsignale. Selbst als Bürgermeister Nick Kostidis, unbeirrbarer Kämpfer gegen die Kriminalität in New York City, die junge Frau warnt, will sie nichts davon hören. Erst ein Attentat auf die Familie des Bürgermeisters und Unstimmigkeiten in ihrer Firma wecken ihr Misstrauen. Als Alex auf eigene Faust zu recherchieren beginnt, macht sie eine ungeheuerliche Entdeckung. Und dann steht alles auf dem Spiel, ihr Job, ihr Ruf – und ihr Leben.

Die Autorin

Nele Neuhaus, geboren in Münster/Westfalen, lebt seit ihrer Kindheit im Taunus und schreibt bereits ebenso lange. Ihr 2010 erschienener Kriminalroman Schneewittchen muss sterben brachte ihr den großen Durchbruch, seitdem gehört sie zu den erfolgreichsten Kriminalautorinnen Deutschlands. Außerdem schreibt die passionierte Reiterin Pferde-Jugendbücher und, unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg, Unterhaltungsliteratur. Ihre Bücher erscheinen in über 20 Ländern.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.neleneuhaus.de

Von Nele Neuhaus sind in unserem Hause bereits erschienen:

Eine unbeliebte Frau

Mordsfreunde

Tiefe Wunden

Schneewittchen muss sterben

Wer Wind sät

Böser Wolf

Die Lebenden und die Toten

Und unter dem Namen Nele Löwenberg:

Sommer der Wahrheit

Straße nach Nirgendwo

Nele Neuhaus

UNTER HAIEN

Roman

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-1479-2

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, MünchenTitelabbildung: © bürosüd° (Hintergrund) / Getty Images (Frau)

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Schwester Milla

Liebe Leserinnen und Leser

Ich freue mich sehr, dass mein erstes Buch »Unter Haien«, das ich vor sechs Jahren veröffentlicht habe, nun die große Chance bekommt, aus dem Schatten meiner Taunuskrimis herauszutreten.

Inspiriert von einer Reise nach New York, begann ich Mitte der neunziger Jahre – also lange bevor ich an Oliver von Bodenstein und Pia Kirchhoff dachte – die Geschichte der deutschen Investmentbankerin Alex Sontheim aufzuschreiben. Viele Jahre lang arbeitete ich in jeder freien Minute an diesem Text, steckte meine ganze Begeisterung, mein Herzblut und unendlich viel akribische Recherche in die 600 Seiten. Irgendwann war das Manuskript fertig und es gefiel mir so gut, das ich mit der festen Überzeugung, einen spannenden und guten Thriller geschrieben zu haben, nach einem Verlag suchte. Vergeblich. Trotz aller Enttäuschungen und Rückschläge habe ich nicht aufgegeben und das Buch schließlich auf eigene Kosten veröffentlicht. Nun, viele Jahre später, wird »Unter Haien« im Ullstein Verlag erscheinen, neben meinen Taunuskrimis.

Das erste Buch ist und bleibt für einen Autor zweifellos etwas ganz Besonders, und so werde ich mir wünschen, dass es Sie begeistern wird wie meine Taunus-Krimis.

Prolog

Februar 1998 – New York City

Vincent Levy stand am Fenster seines Büros im 30. Stockwerk des LMI-Building und starrte nachdenklich hinaus. An diesem düsteren Februarnachmittag reichte die Sicht kaum bis zur Verrazano Narrow Bridge im Osten. Die Freiheitsstatue reckte ihren Arm in die Luft, und die Schiffe, die auf der Hudson Bay unterwegs waren, zogen schaumige, weiße Streifen ins aufgewühlte schwarze Wasser. Schneeflocken wirbelten durch die Luft, und ein eisiger Ostwind pfiff um die Glasfronten der Wolkenkratzer Manhattans. Vincent Levy war Anfang 50 und bereits der vierte Levy in der Firma. Sein Urgroßonkel hatte das Bankhaus Levy & Villiers 1902 gegründet, das dank einer umsichtigen und konservativen Geschäftspolitik beinahe ein Jahrhundert lang unbeschadet durch alle Stürme und Skandale der Finanzwelt gelangt war. Doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern war Vincent Levy nicht damit zufrieden gewesen, eine angesehene Privatbank zu leiten. Schon Mitte der achtziger Jahre hatte er damit begonnen, die ehrwürdige Privatbank in eine Investmentfirma zu verwandeln. Aus dem Bankhaus Levy & Villiers war die Holding Levy Manhattan Investment geworden. Gemeinsam mit einem finanzkräftigen Teilhaber, der die Erfolg versprechenden Zukunftsaussichten eines global operierenden Finanzriesen erkannt hatte, hatte Levy Mitbewerber aufgekauft und viel Geld in die neueste Computertechnologie investiert, die es LMI ermöglichte, auf allen bedeutenden Finanzplätzen der Welt präsent zu sein. Levy fürchtete sich nicht vor spektakulären Neuerungen. Mit strategischem Geschick, Weitblick und gut getarnter Rücksichtslosigkeit war es ihm gelungen, LMI innerhalb von 15 Jahren zu einer Investmentfirma mit weltweit mehr als 2000 Mitarbeitern zu machen. Jede Abteilung hatte einen fähigen Leiter, der es verstand, das Optimum aus seinen Leuten herauszuholen: Ob Auslandsanleihen, Derivatehandel, Programm- und Wertpapierhandel, OTC, Konsortialgeschäfte, Index- und Risikoarbitrage, Futureshandel oder Beteiligungsfinanzierungen – LMI hatte sich einen ausgezeichneten Ruf erworben. Eigene Broker auf dem Parkett der NYSE und rund 200 Händler im Handelsraum im 14. Stock sorgten für gewaltige Umsätze und Gewinne. Doch obwohl LMI in vielen Geschäftsbereichen zu den Großen am Markt gehörte, war es Levy trotz aller Investitionen und Bemühungen bisher nicht gelungen, auf dem Gebiet, das ihm persönlich am meisten am Herzen lag, einen echten Profi anzuwerben. Im Bereich der M & A mischten an der Wall Street andere die Karten. Beim derzeit herrschenden Übernahmeboom flossen gigantische Geldströme an LMI vorbei in andere Taschen – ein schier unerträglicher Zustand! Aber das konnte sich in naher Zukunft ändern, denn gestern Abend hatte er erfahren, dass Alexandra Sontheim, der hellste Stern am M & A-Himmel der Wall Street, ihren Arbeitgeber Morgan Stanley im Streit verlassen hatte und einen neuen Job suchte. Es klopfte an der Tür, und Levy wandte seinen Blick von der Hudson Bay ab.

»Hallo, St. John«, sagte er zu seinem Besucher und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, »setzen Sie sich.«

»Was gibt’s, Vince?«, fragte Zachary St. John in seiner gewohnt respektlosen Art, die Levy immer wieder missfiel. Er musterte den Leiter der leider noch so unbedeutenden M & A-Abteilung von LMI. St. John war kein Ass, was seinen Job betraf, aber zweifellos kannte er an der Wall Street alle und jeden. Seitdem er vor gut neun Jahren über Franklin Myers von Drexel Burnham Lambert zu LMI gekommen war, hatte er Kontakte zu beinahe allen Leuten geknüpft, die im oberen Management von LMI arbeiteten. Der Präsident von LMI mochte den Mann nicht, denn St. John war ein aalglatter, geldgieriger Opportunist, doch seine Dienste waren ausgesprochen wertvoll.

»Wie Sie wissen«, begann Levy nun, »ist es seit langem mein Wunsch, dass LMI auch auf dem Gebiet der M & A an Bedeutung gewinnt. Und nun ist mir gestern aus gut unterrichteter Quelle zugetragen worden, dass Alex Sontheim nach einem Streit Morgan Stanley verlassen hat.«

Er machte eine Pause, um diese sensationelle Neuigkeit auf St. John wirken zu lassen, aber der riss weder die Augen auf, noch wirkte er beeindruckt vom Insiderwissen seines Chefs.

»Das weiß ich schon«, St. John lächelte selbstgefällig. »Es war klar, dass sie nicht mehr lange bei Morgan Stanley bleibt, denn sie hatte keine Lust mehr, hinter diesem Volltrottel van Sand die zweite Geige zu spielen. Und nachdem er vor drei Tagen ihren TexOil-Deal gekippt hat, hat sie Neil Sadler die Pistole auf die Brust gesetzt.«

»Ach ja?« Levy war nicht wirklich erstaunt darüber, dass St. John bereits Einzelheiten kannte. »Was wissen Sie noch über sie?«

St. John lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Er war gerade von einer zweitägigen Geschäftsreise auf die Bahamas zurückgekehrt, er war braungebrannt und sein kurzes, rotblondes Haar wie immer sorgfältig nach hinten gekämmt und perfekt geölt.

»Alex Sontheim«, begann er, »stammt aus Deutschland. Sie ist 35, ledig, hat an der European Business School studiert, ging dann mit einem Stipendium nach Stanford, wo sie als Jahrgangsbeste mit dem MBA-Diplom graduiert hat. Sie schnitt als Beste im Trainee-Programm von Goldman Sachs ab und hätte dort sofort arbeiten können. Jedes große Wirtschaftsunternehmen hätte sie mit Kusshand genommen, aber sie nahm den am schlechtesten bezahlten Job an, bei einer Brokerfirma namens Global Equity Trust, und arbeitete dort als Fondsmanagerin. Nach zwei Jahren wechselte sie zu Franklin & Myers, machte dort Derivate, Futures und ein bisschen M & A. Danach kam sie zu Morgan Stanley und macht nun seit acht Jahren nur noch M & A. Wie gut sie in ihrem Job ist, weiß ja nun jeder.«

Vincent Levy nickte und lächelte schmal. Alex Sontheim war der Star auf dem Gebiet der Firmenfusionen und -übernahmen, kaum ein Geschäft ging im Moment an ihr vorbei. Diese Frau für seine Firma zu gewinnen konnte die Verwirklichung seines Traumes bedeuten.

»Sie ist ehrgeizig und rücksichtslos«, fuhr Zack St. John fort, »und das ist der Grund, weshalb es mit ihr und van Sand nicht länger gutgehen konnte. Zwar weiß jeder in der Stadt, dass sie die großen Deals macht, aber Douglas ist der Schwiegersohn vom großen Boss. Sie hätte niemals seinen Job gekriegt, und Alex ist keine Frau, die sich auf Dauer mit Platz zwei zufriedengibt.«

Vincent Levy betrachtete St. John mit ausdrucksloser Miene, aber sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Er konnte die Schlagzeilen im Wall Street Journal schon vor sich sehen: Alex Sontheim geht zu LMI …

»Hat sie irgendwelche Leichen im Keller?«, fragte er.

»Nicht, dass ich wüsste«, St. John schüttelte den Kopf. »Kein alkoholkranker Ex-Ehemann, keine unehelichen Kinder, keine Vorstrafen, keine Gerüchte. Diese Frau lebt für ihren Job. Sie ist clever und stahlhart.«

»Woher wissen Sie so gut über sie Bescheid, Zack?«, erkundigte Levy sich.

»Abgesehen davon, dass ich über die meisten Leute unserer Branche Bescheid weiß«, St. John grinste, und seine Stimme klang noch etwas selbstgefälliger als zuvor, »waren Alex und ich Kollegen bei Franklin & Myers. Ich kenne sie ziemlich gut.« Er gefiel sich in der Rolle des Allwissenden. Levy kniff die Augen zusammen und beobachtete ihn scharf.

»Angenommen, wir könnten sie für uns gewinnen«, sagte er, »dann wären Sie arbeitslos, Zack.«

»Oh, das glaube ich nicht«, St. John blätterte mit einem trägen Lächeln in seinem abgegriffenen Notizbuch, bevor er wieder aufblickte. »Ich bin zwar kein Star wie die Sontheim, aber ich wäre der ideale Managing Director. Was meinen Sie, Vince?«

»Eins nach dem anderen«, erwiderte Levy kühl. Der Posten des Managing Director bei LMI war unbesetzt, seitdem Gilbert Shanahan vor gut anderthalb Jahren auf dem Weg zu einer Anhörung vor der Börsenaufsichtsbehörde von einem LKW wortwörtlich plattgewalzt worden war. Der arme Gilbert war auf der Stelle tot gewesen.

»Ich bin sehr loyal«, St. John beugte sich vor, und in seinen Augen erschien ein lauernder Ausdruck, »wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Levys Miene blieb gelassen, aber die nachdrückliche Betonung des Wortes ›loyal‹ erweckte ein flaues Gefühl in seinem Magen. St. John hatte bislang niemals ein Wort über die Hintergründe dieser unangenehmen Sache mit Shanahan fallen lassen, und so hatte Levy beinahe vergessen, dass der Mann ziemlich genau Bescheid wusste, was damals geschehen war.

»Darüber reden wir, wenn es so weit ist«, sagte er und erhob sich, um St. John zu signalisieren, dass das Gespräch beendet war. »Ich möchte Sie bitten, sich unverzüglich mit Alex Sontheim in Verbindung zu setzen. Kriegen Sie das hin?«

St. John hob spöttisch die Augenbrauen und grinste.

»Machen Sie Witze, Vince?« Er erhob sich ebenfalls. »Gleich heute oder reicht Ihnen morgen?«

Levy lächelte kalt.

»Am besten in einer Stunde«, parierte er und griff zum Telefonhörer. St. John verstand den Wink. Er deutete eine Verbeugung an und verließ Levys Büro. Dieser wartete, bis St. John die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann durchquerte er sein Büro und öffnete einen Schrank, in dem sich eine voll eingerichtete Bar befand. Er schenkte sich einen Scotch ein – pur, ohne Eis – und trat wieder ans Fenster. Durch die Verpflichtung von Alex Sontheim könnte sich für ihn persönlich ein Traum erfüllen. Und dafür würde er weder Kosten noch Mühen scheuen.

Teil Eins

Juli 1998 – New York City

Alex Sontheim hatte den Wechsel von Morgan Stanley zu Levy Manhattan Investment noch keinen Tag bereut, und sie wusste, dass auch Vincent Levy das Angebot, das er ihr im Februar gemacht hatte, ebenfalls noch nicht bereut hatte. Mit einem Fixum von zwei Millionen Dollar jährlich plus Bonus und Provisionen gehörte Alex zu den bestbezahlten Investmentbankern der Stadt, aber sie hatte mit bereits drei aufsehenerregenden Deals die Zweifler im Vorstand von LMI zum Schweigen gebracht. Abgesehen vom finanziellen Gewinn war es vor allen Dingen die schlagartig gestiegene Reputation auf dem hart umkämpften Markt der Unternehmensfusionen, die Levy in einen wahren Begeisterungstaumel versetzt hatte. General Engines und auch United Brake Systems waren Blue Chips, und LMI hatte sie durch Alex erfolgreich vertreten. Im Journal wurde LMI als ernstzunehmende Konkurrenz für Merrill Lynch, Goldman, Sachs und Morgan Stanley auf dem Gebiet der M & A bezeichnet, und das war einzig und allein Alex’ Verdienst. Sie hatte das richtige Gespür für den Markt, sie besaß den Scharfblick, die Kaltblütigkeit und die Erfahrung sowie die nötigen Verbindungen, um in diesem Geschäft an der Spitze des Feldes zu bestehen. Von ihrem Glasbüro im 14. Stock des LMI-Building hatte Alex einen phantastischen Ausblick über die Wolkenkratzer von Midtown Manhattan bis zum Empire State Building. Es war ein atemberaubender Anblick, der ihr immer wieder vor Augen führte, wie unglaublich weit sie in den letzten Jahren gekommen war. Alex lächelte zufrieden. Mit 35 Jahren war sie ganz oben angelangt. Sie spielte nun in der ersten Liga. Und das hatte sie ganz allein geschafft. Das Telefon riss sie aus ihren Gedanken. Es war Zack, ihr ehemaliger Kollege von Franklin & Myers, derzeit Managing Director von LMI, dem sie ihren neuen Job mehr oder weniger verdankte. Er bat sie zu einer kurzfristig anberaumten Vorstandssitzung in den 30. Stock. Alex schloss den Laptop, ergriff ihre Aktentasche und durchquerte eilig den Handelsraum. Es war schon spät an einem Freitagnachmittag, und der große Raum, der üblicherweise vor Hektik brodelte, war bis auf eine Putzkolonne verwaist. Kurz nach Börsenschluss waren die Händler ins Wochenende entschwunden. Alex zog ihre Magnetkarte durch den Schlitz neben der Aufzugstür. Die Sicherheitsvorkehrungen bei LMI waren so drastisch wie im Pentagon, jede Benutzung der Magnetkarte wurde im Zentralrechner registriert. Während der Aufzug sie lautlos 16 Stockwerke höher trug, betrachtete Alex kritisch ihr Spiegelbild. Für eine Frau in ihrer Position war es ungleich schwerer als für einen Mann, von Kollegen und Geschäftspartnern akzeptiert und respektiert zu werden. Sie musste hart und unnachgiebig wie ein Mann sein, ohne dabei als Hyäne zu gelten. Diesen Drahtseilakt beherrschte Alex nach zwölf Jahren Wall Street jedoch perfekt. Sie lächelte ihrem Spiegelbild wohlwollend zu. Längst machte in dieser Stadt niemand mehr den Fehler, sie zu unterschätzen. Jemand hatte ihr einmal vorgeworfen, sie sei gefühlskalt und rücksichtslos, aber das hatte Alex als Kompliment gewertet. Sie musste so sein, um in dieser rauen Männerwelt bestehen zu können. Der Aufzug hielt mit einem leisen Läuten im 30. Stock, und Alex atmete tief durch. Sie ging den mahagonigetäfelten Flur entlang, an dessen Wänden raffiniert beleuchtete expressionistische Gemälde hingen, die unter Garantie echt und ein Vermögen wert waren. Die dicken Aubusson-Läufer auf dem rötlich glänzenden Marmor verschluckten ihre Schritte. Jeder Zentimeter der Einrichtung atmete Gediegenheit, Macht und Erfolg aus. Wer hier oben im 30. Stock saß, der hatte es geschafft. Alex lächelte. Eines nicht mehr so fernen Tages würde auch ihr Name an einer der Türen stehen, an denen sie vorbeiging. Es gab keinen Zweifel – Alex liebte den 30. Stock.

Sie klopfte an die Tür des großen Konferenzraumes, der die ganze Breite des Gebäudes einnahm, und trat ein. Die Glasfenster reichten von der Decke bis zum Boden, die Sicht nach Osten über den East River nach Queens und Brooklyn war spektakulär. Obwohl sie schon einige Male hier gewesen war, war sie aufs Neue von dem gewaltigen Raum beeindruckt. Für eine Sekunde durchzuckte sie der Gedanke, dass man den Raum aus genau diesem Grund so gestaltet hatte. Er sollte beeindrucken und einschüchtern. Der komplette Vorstand saß versammelt um den großen, runden Tisch aus poliertem Wurzelholz, der wie die sagenumwobene Tafelrunde aus Camelot aus einem einzigen Stück gefertigt zu sein schien: Vincent Levy, der Präsident, Isaac Rubinstein, der Vizepräsident, Michael Friedman, der Finanzvorstand, Hugh Weinberg, der Chefanalyst, Francis Dayton-Smith, der Leiter der Rechtsabteilung, Ron Schellenbaum, der Vorstandssprecher, John Kwai, der Vorstand für Emerging Markets und Auslandsgeschäfte, sowie Zack, der Managing Director.

»Guten Tag«, sagte Alex und lächelte, »ich hoffe, ich habe mich nicht verspätet.«

Vincent Levy sprang auf und kam lächelnd auf sie zu.

»O nein, Alex«, er reichte ihr die Hand, »danke, dass Sie gekommen sind. Mir kam spontan die Idee, Sie zu unserer Sitzung zu bitten. Schließlich verdanken wir die erfreulichen Zahlen der letzten Monate zu einem nicht unerheblichen Teil Ihnen.«

Alex lächelte in die Runde, sah wohlwollende, aber auch prüfende Blicke. Aus Levy wurde sie nicht ganz klug. Hinter seinem geschmeidigen Gebaren verbarg sich ein eisenharter Kern. An der Wall Street brachte man es nicht mit Freundlichkeit und Zurückhaltung nach ganz oben. Sie nahm zwischen John Kwai und Zack Platz. Ihr Herz klopfte aufgeregt, als sie sich darüber bewusst wurde, dass sie sich wie eine Gleichberechtigte unter den mächtigsten Männern der Firma befand. So aufregend und befriedigend ihr Job auch war, ein fester Platz in dieser Runde war das nächste Ziel, das es anzusteuern galt. Levy sprach über die erfreuliche Entwicklung auf dem Gebiet der M & A, aber auch beim Devisen- und Aktienhandel und bei den Konsortialgeschäften mit vielversprechenden Dotcom-Unternehmen. Dann berichtete Hugh Weinberg über die Prognosen für die Zukunft. Levy hatte ihn von Prudential Securities abgeworben. Weinbergs Meinung wurde an der Wall Street wie kaum eine zweite beachtet, er war für seine treffsicheren Analysen und Prognosen bekannt und gefürchtet. Es erfüllte Alex mit Stolz, dass er eine so hohe Meinung von ihrer Arbeit hatte. Seiner Marktanalyse folgte Michael Friedman mit einem trockenen Bericht über Umsatz- und Gewinnzahlen aus dem vergangenen Quartal. Als Levy sich um halb sieben bei den Anwesenden bedankte und die Sitzung damit beendete, fragte Alex sich, weshalb man sie überhaupt hierhergebeten hatte. Sie erhob sich und wollte ebenfalls gehen, als Levy ihr ein Zeichen gab, zu warten.

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