Unverhofft kommt oft - Adora Belle - E-Book

Unverhofft kommt oft E-Book

Adora Belle

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Beschreibung

Nathan Rossdale ist ein nicht ganz gewöhnlicher Siebzehnjähriger. Nicht nur, dass er schwul ist und ausgerechnet in einer Kleinstadt namens French Lick zuhause, er denkt auch nicht im Traum daran, seine Homosexualität zu verstecken. Immerhin haben weder seine Familie noch seine Freunde ein Problem damit. Ganz anders sieht es dagegen bei Dylan Ruthledge aus. Niemand weiß viel über den verschlossenen Jungen, dafür machen bald fiese Gerüchte die Runde. Als sie einander begegnen, schlägt es bei Nathan ein wie der sprichwörtliche Blitz, nur leider hat er kein besonders glückliches Händchen im Umgang mit seinem Angebeteten. Er beißt also lange Zeit ziemlich auf Granit, obwohl er durchaus Grund zu der Annahme hat, dass Dylan am gleichen Ufer fischt wie er. Dass dieser sich ihm trotzdem zuerst eiskalt verweigert, kratzt mächtig an Nates Ego. Im Laufe der Zeit findet er aber heraus, dass mehr hinter Dylans scheinbar glatter, kühler Fassade steckt und nicht jeder so viel Glück hat, wie er selbst. Er möchte dem Anderen helfen, und nicht allein deshalb, weil er allmählich begreift, dass er sich ernsthaft in den Jungen mit den 'Karamellaugen' verliebt hat. Zu seiner nicht geringen Enttäuschung tragen Nates Bemühungen jedoch anfangs nur wenig Früchte. Er muss erkennen, dass Dylan in ihm nicht den Ritter mit schimmernder Rüstung sieht, und für sich entscheiden, ob seine Gefühle es wert sind, trotzdem am Ball zu bleiben.

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Seitenzahl: 377

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Adora Belle

Unverhofft kommt oft

Gay Romance

Die vorliegende Geschichte ist sicher manchem Leser bekannt, stand sie doch längere Zeit in meinem Account bei fanfiktion.de - allerdings nicht beendet. Dass sie nun ein Ende hat, verdankt sie nicht in erster Linie mir, sondern denjenigen lieben Menschen in meinem Umfeld, die mich immer wieder mit der Nase darauf gestoßen haben, dass Nate und Dylan immer noch auf ihr Happy End warten! Jetzt, im Nachhinein bin ich sehr froh, dass Ihr nicht locker gelassen habt, immerhin ist mein schlechtes (Autoren)Gewissen nun zumindest ein kleines bisschen leichter! Danke sagen will ich auch wieder der lieben Caro Sodar, die mit der Covergestaltung einmal mehr ihr künstlerisches Talent unter Beweis gestellt und meinen Junge zu einem passenden 'Rahmen' verholfen hat! BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Unverhofft kommt oft ...

 

 

 

 

 

 

 

Oh Mann – wieso hab ich mich bloß breitschlagen lassen, auf diese verfickte Party zu gehen?

Aber ich weiß es ja.

Ich wollte IHN aus dem Kopf kriegen - Dylan, diese miese, kleine, hinterfotzige, … absolut anbetungswürdige, süße und knackärschige Schlampe!

Aber es funktioniert nicht. Und nicht nur das – er ist auch noch hier! Hier auf dieser abgefuckten Hetero-Veranstaltung, bei der ungefähr 200 Leute, zusammen mit ohrenbetäubender Musik das Haus in seinen Grundfesten zum Vibrieren bringen und man in fast jedem Raum abseits vom Wohnzimmer irgendwelche Pärchen vorfindet, die mehr oder weniger fortgeschritten miteinander knutschen oder vögeln oder beides. Nicht mal auf dem Klo ist man vor denen sicher!

Wenn ich mich nicht irre, dann hab ich auch schon Roofies die Runde machen sehen unter einigen der männlichen Gäste und vermutlich wird sich die eine oder andere Tussi morgen früh nicht mehr erinnern, was eigentlich los war und wieso sie das Gefühl hat, ihre Muschi wäre ein Scheunentor.

Was soll´s? Geht mich nichts an. Ich bin eh nur hergekommen, weil ich mich ablenken wollte. Scheißspiel! Mein alter Freund Timothy war es, der meinte, wenn ich sowieso nichts anderes vorhätte, sollte ich zu ihm und seinen Football-Kumpels ins Auto steigen und mitkommen. Allein rumzuhängen wäre doch Scheiße und ich käme nur schlecht drauf.

Wenn ich es jetzt so bedenke, dann wäre selbst allein rumzuhängen um Längen besser gewesen, als das hier! Genau genommen wusste ich das in dem Augenblick, als ich das Haus betreten und die Heerscharen an jugendlich überpotenten Heteros und ihre aufgedonnerten, angemalten weiblichen Anhängsel gesehen hatte, aber amtlich wurde es exakt zehn Minuten später, als ich drüben im Wohnzimmer Dylan begegnet bin, wie er sich lächelnd über Daniel beugt und ihn anschmachtet.

Herrgott – geht’s noch? Ich meine – ausgerechnet Daniel? Der größte Hetero-Macker der ganzen Schule! Ist Dylan bescheuert, oder was ist mit ihm los? Er kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass dieser Typ plötzlich auf ihn fliegt, nur weil er ihn nett anlächelt!

Junge – der Kerl steht auf Muschis und Möpse!

… Vor allem Möpse! Je größer, desto besser!

Meine Theorie ist ja, dass er damit sein eigenes Defizit auszugleichen versucht, also das im Hirnkasten.

Meiner Meinung nach könnte der alte Witz, dass man sein Hirn mittels aufblasen auf Erbsengröße bringen kann extra für Daniel erfunden worden sein und wenn ich genau überlege, gibt es wirklich kein einziges Klischee über hirnlose Muskel-Dumpfbacken, das er nicht bedienen würde.

Aber ist ja auch egal!

Es ist offensichtlich - zumindest für mich! - dass Dylan in Daniel verknallt ist und das ist dann wohl auch der Grund, warum er mich hat abblitzen lassen.

Das ist nun schon eine Weile her, aber es hat mich wohl auch deshalb so tief getroffen, weil ich nie im Leben damit gerechnet hatte. Ich meine – mal ganz im Ernst: wieviele schwule Typen gibt es wohl an unserer Schule? Ich tippe auf ungefähr fünf, wobei ich drei davon kenne, der Rest ist meine persönliche Dunkelziffer.

Und Dylan ist einer davon … was ich bis vor einem Monat auch noch nicht wusste.

Ich kannte ihn vom Sehen, das schon, aber ich hätte nie gedacht, dass dieser niedliche Typ auf Jungs stehen könnte. Klar – wie oft sieht man einen süßen Boy und denkt sich „Mann wär` das toll, wenn der schwul wäre!“, logo, aber in mindestens 99 von 100 Fällen bleibt das doch Wunschdenken.

Zumindest wenn man, so wie ich, am Arsch der Welt zuhause ist, in einer verfickten Kleinstadt, mit gerade mal knapp 17.000 Einwohnern. Das klingt nach viel, aber wenn man die Sache bei Licht betrachtet – und aus meinem Blickwinkel wohlgemerkt! - ist das tatsächlich verdammt wenig.

Ich hab mal irgendwo im Internet gelesen, dass nach offizieller Schätzung ca. 5% aller Menschen homosexuell sind. Das macht bei knapp 17.000 Einwohnern 850 Menschen, so grob über den Daumen gepeilt. Wenn wir dann noch davon ausgehen, dass die Hälfte davon lesbische Frauen sind, so pi mal Daumen, dann bleiben ungefähr 425 übrig. Die bisexuelle Fraktion draufgezählt ergibt nochmal ein paar mehr, aber sind wir doch mal ehrlich: Glaube ich, dass wirklich Hunderte attraktiver, schwuler Männer ausgerechnet in French Lick, in Illinois zuhause sind und drauf warten, dass ich mit ihnen Sex haben will?

Nicht wirklich und wäre das hier ein Film, hätte man jetzt unter Garantie eine staubige Straße gesehen, über die ein einsamer Steppenteufel rollt, während im Hintergrund eine einzelne Grille zirpt!

Okay – der Name unseres schönen Städtchens lässt vielleicht was anderes vermuten, aber wenn man tagsüber durch die Stadt fährt, könnte man manchmal denken, das Altersheim ist auf einem Tagesausflug. Und wenn da über 800 Schwule und Lesben dabei sind, dann haben die ihr Haltbarkeitsdatum schon verdammt lange überschritten.

Also: Danke, aber – nein, danke!

Wie gesagt, ich weiß von drei anderen Jungs, dass sie für die gleiche Liga spielen wie ich und einer davon ist Dylan. Die anderen Beiden sind Jimmy Saunders und Chris Eames.

Jimmy wäre auch nicht abgeneigt, das weiß ich, aber bevor ich mich mit einem Kerl einlasse, der im Unterricht auf zwei Stühlen sitzt, weil einer allein sein Gewicht nicht tragen kann, gehe ich ins Kloster!

Und Chris ist leider auch keine Alternative. Er ist ein Nerd, wie er im Buch steht, komplett mit kariertem Pullunder, Hornbrille und Zahnspange.

Einmal war ich ja tatsächlich so verzweifelt, dass ich ihn auf gut Glück angemacht habe. Er ist tomatenrot angelaufen und hat gekichert wie ein Mädchen. Das hat mich ungefähr genauso sehr angeturnt, wie eine der knielangen Unterhosen von meinem Opa, darum hab ich es dann doch lieber gelassen und in Zukunft einen Bogen um Chris gemacht. Lieber Himmel!

Ich weiß schon, was Ihr jetzt denkt, ich kann es praktisch hören: Herrgott, was ist das bloß für ein egoistischer, schwanzgesteuerter und zynischer Arsch?

Aber hey? Ich bin siebzehn und abgesehen davon, dass ich auf Kerle stehe ein ganz gewöhnlicher Teenager mit ganz gewöhnlichen Bedürfnissen!

Alle Jungs in meinem Alter, die ich kenne, haben bereits mehr oder weniger regelmäßig Sex, oder zumindest Petting, nur ich schaue in die Röhre und darf eine innige Beziehung mit meiner rechten Hand pflegen – und das ist weder fair, noch auf Dauer gesund … also für meine Hand meine ich! Davon abgesehen steht mir der Sabber kniehoch in den Stiefeln und nix läuft! Wie auch?

Aber ich will ja eigentlich erzählen, wie ich herausgefunden habe, dass Dylan auch andersrum gepolt ist.

Also, ich bin an diesem denkwürdigen Tag mit Marianne, meiner besten Freundin in die nächste Stadt gefahren. Sie wollte in einen Buchladen und dort eine Bestellung abholen, wofür sie sich meine Begleitung erbeten hatte. Nicht weil es sich um so eine Riesenbestellung gehandelt hat, sondern weil ihr Ex-Freund, mit dem sie drei Tage vorher Schluss gemacht hatte, dort arbeitet und der Begriff 'Arsch' ist geschmeichelt für diesen primitiven Halbaffen.

Er sieht übrigens auch aus wie einer, aber das hab ich Marianne nicht gesagt, denn ich wollte ihre Gefühle nicht verletzen, nicht mal, nachdem sie ihn erwischt hat, wie er ihre – ehemals! – beste Freundin gevögelt und sie deshalb die halbe Nacht in meinem Arm geheult hat. Also, Ihr seht – ich bin durchaus nicht nur zynisch und schwanzgesteuert!

Es hat sich dann aber rausgestellt, dass er doch nicht da war und darum habe ich die Gelegenheit genutzt und mich ein bisschen im Zeitschriftensektor umgesehen.

Bei uns in French Lick wird der Playboy ja noch verschämt unter dem Tresen verkauft, im einzigen Schreibwaren- und Zeitschriftenladen der ganzen Stadt, geführt von Ethel Honeycutt, achtundsiebzig Jahre alt, Witwe und einzige aufrechte Stütze der Gemeinde. Amen!

Und die Kunden die sich diese Hetero-Wichsvorlagen kaufen, bekommen außer ihrer Zeitung auch noch eine kostenlose Tüte Blicke der Marke „In der Hölle sollst du brennen!“ von Ethel mit auf den Weg. Da muss man schon echt ziemlich abgebrüht sein, um das ein zweites Mal zu machen.

Mein großer Bruder kauft sich solche Zeitungen jetzt jedenfalls auf dem Heimweg von der Arbeit, außerhalb von French Lick.

Naja, was ich damit sagen will – irgendwelche Magazine, die meinen Geschmack ansprechen würden, brauche ich bei Mrs. Honeycutt gar nicht erst zu suchen und darum dachte ich mir, ich könnte wenigstens etwas aus diesem vertanen Nachmittag rausschlagen und mir vielleicht ein, zwei Zeitungen kaufen, zum Beispiel das All Boy Magazine. Ich habe dann erst ein bisschen suchen müssen, denn selbst hier stehen diese Art Zeitungen nicht da, wo man sie sofort sehen kann. Ich meine – hey? Schließlich sind wir hier im gelobten Land der Prüderie und Bigotterie, in den Vereinigten Staaten von Amerika!

Ich streife also durch die Regalreihen und plötzlich sehe ich IHN. Zuerst natürlich nur von hinten, aber ich denke spontan: Wow! Nichts anderes – einfach nur WOW!

Er war schlank und trug eine Jeans, die seinen knackigen Arsch so richtig schön betonte, nicht so eine beschissene Baggy Pants! Ich meine, Leute! Mal im Ernst? Wer will denn schon so ein Geschlacker sehen, wenn man die Gelegenheit hat, einen runden, appetitlichen Apfelarsch zur Schau zu stellen? Huh? - Genau!

Keiner! Das kann mir niemand erzählen, dass Frauen auf sowas stehen! Ich käme jedenfalls nicht im Traum darauf, meinem Luxuskörper so einen Frevel anzutun!

Naja, der Typ steht also da, mit dem Rücken zu mir und direkt unter einer Leuchtstoffröhre – der Eigentümer des Ladens hat seine erotischen Magazine nämlich sämtlich in eine düstere Ecke verbannt, und wenn ich von düster spreche, dann meine ich DÜSTER!!

Wer weiß denn schon, was passiert, wenn man sie ins Tageslicht stellt? Vielleicht zerfallen sie dann einfach zu Asche?

Aber ich schweife schon wieder ab …

Also – der Typ steht unter einer Leuchtstoffröhre und sein Haar glänzt in ihrem Schein wie flüssiger Honig. Ich pirsche mich ein bisschen näher ran und versuche einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Zunächst kann ich aber schon mal seine Finger sehen und die sind … hmm, Zucker!

Ich liebe schlanke, zarte Finger an einem Typen und seine sind – perfekt! Lang, schmal und mit harmonisch gerundeten und gepflegten Nägeln.

Jetzt hat mich das Jagdfieber gepackt. Ich muss das Gesicht dieses Jungen sehen und wenn es das letzte ist, was ich jemals tue!

Wie selbstverständlich stelle ich mich also neben ihn, greife mir aufs Geratewohl eine Zeitschrift und fange an zu blättern. Dabei sehe ich natürlich keinen feuchten Furz von dem, was in dem Schmierblatt abgedruckt ist, sondern schiele immer nur aus dem Augenwinkel zu dem Typen rüber.

Leider funktioniert das nicht so gut, wie ich gehofft habe, also stelle ich die Zeitung wieder weg und greife dafür nach einer anderen. Raffinierterweise nach einer, für die ich mich ein Stückchen vor ihn beugen muss. Und dann sehe ich einfach hoch und lächle entschuldigend.

Allerdings nur etwa drei Sekunden lang. Denn als ich nun endlich das Gesicht in voller Schönheit vor mir habe, erkenne ich ihn sofort: Dylan Ruthledge, in der Schule ein Jahr unter mir und ich weiß nicht, wer von uns beiden geschockter aus der Wäsche schaut, er oder ich.

Die Zeitung rutscht ihm aus der Hand und ich bücke mich ganz automatisch danach. Und als ich sie in den Händen halte, fällt mir erst auf, was das für eine Zeitung ist, nämlich das von mir kurz vorher noch gesuchte All Boy Magazine ...

Ich brauche einen Augenblick, um mich von meiner Überraschung zu erholen, aber ihm geht’s, wie´s scheint, genauso. Dann räuspere ich mich und reiche ihm die Zeitschrift zurück. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, aber der vorherrschende ist: "O mein Gott – wenn es dich gibt, bitte - lass` das bedeuten, dass er genauso schwul ist wie ich!"

Er wird ein bisschen verlegen, überspielt das aber ganz gut und steckt die Zeitung zurück in die Halterung.

„Ähm …“

Normalerweise bin ich ja nicht auf den Mund gefallen, aber jetzt grade fällt mir ums Verrecken kein einziger cooler Spruch ein. In meinem Bauch kocht eine Mischung aus Euphorie und Hoffnung und im Rückblick kann ich nur sagen, dass das in so einer Situation echt die beschissenste Mischung ist, die man sich wünschen kann. Denn – und ich schwöre bei Gott, dass es so ist! - eben diese Mischung lässt mich die beknackteste Anmache aussprechen, die jemals erfunden wurde. Selbst jetzt überkommt mich noch die Scham, wenn ich nur dran denke! Konnte ich mir nicht was Klügeres einfallen lassen?

Ich lasse also meinen Blick über Dylan wandern, lecke mir die Lippen und zwicke ein schiefes Grinsen in mein Gesicht, von dem ich immer gedacht habe, es ließe mich cool wirken. Dann rücke ich ein Stückchen näher an ihn ran und sage leise, aber siegessicher: „Zu mir oder zu dir?“

Und kaum ist es raus, könnte ich mir schon selber vor die Platte hauen, denn ich brauche nicht erst zu sehen, wie ihm die Gesichtszüge entgleisen, um zu schnallen, was ich da für einen kapitalen Bock geschossen habe!

„Toll, Nate!“, verpasse ich mir selber eine verbale Kopfnuss, „Da steht einer der süßesten Typen der ganzen Schule vor dir und du hast sogar Grund zu der Annahme, dass er ebenfalls schwul ist. Und was tust du? Spielst dich gleich beim ersten Satz sauber ins Aus! Echt – ganz toll! Warum fragst du ihn nicht auch gleich noch, ob er dich heiraten will?“

Ich muss jetzt nicht extra erwähnen, dass Dylan nach dieser kommunikativen Meisterleistung von mir fluchtartig das Weite gesucht hat, oder?

Und ich - stehe einfach nur da, wie bestellt und nicht abgeholt und starre ihm hinterher, völlig fertig, sprachlos und am Boden zerstört. Am liebsten würde ich dem großen Regisseur da oben zurufen: „Hey, du! Ich komm nochmal rein, okay? Alles nochmal auf Anfang!“ So wie Schauspieler das auch machen, wenn sie beim Filmdreh eine Szene versauen. Aber ich verrate Euch ja sicher kein Geheimnis, wenn ich jetzt sage, dass es diese Möglichkeit im Real Life leider nicht gibt. Versaut bleibt versaut.

Man könnte also durchaus den Eindruck haben, dass unsere erste richtige Begegnung von Anfang an unter keinem guten Stern stand, aber besser ist es in den Wochen danach auch nicht unbedingt geworden.

Denn natürlich hat mir diese Pleite keine Ruhe gelassen. Ich meine – hey? Da läuft ein absoluter Traumtyp an meiner Schule rum und ich bin mir fast sicher, dass er auf Jungs steht. Soll ich mir echt diese Chance entgehen lassen, nur weil ich einen einzigen hirntechnischen Aussetzer hatte?

Naja, ich gebe zu, für einen Sekundenbruchteil ist mir diese Möglichkeit durchaus in den Sinn gekommen – immerhin habe ich mich vor ihm gerade erst völlig unmöglich gemacht. Diese Anmache von mir wäre ja schon glatt eines Daniel Stottlemeyr würdig!

Dieser hirnlose Football-Prolet, Quarterback unserer Schulmannschaft und ernsthafter Anwärter auf den Titel 'Stecher des Jahrhunderts', der glaubt, er wäre der Nabel der Welt – zumindest für die weibliche Hälfte ihrer Bewohner - und sich bei der Verteilung von Intelligenz auf dem Klo verkrochen hat, bringt bestimmt ähnlich coole Sprüche, wenn er auf Weiberfang ist.

Bisher hab ich immer den Kopf geschüttelt und mit den Augen gerollt, wenn ich ihn irgendwo in Aktion gesehen habe und mich ihm im Stillen haushoch überlegen gefühlt, felsenfest davon überzeugt, dass ich nie jemanden so plump anmachen würde wie er. Ich bin schließlich ein Gentleman (wenn ich will), hab was im Köpfchen (vorzugsweise meine Ballerspiele am PC, Sex und heiße Jungs – etwa in der Reihenfolge) und Prince Charming ist mein zweiter Vorname.

Dachte ich jedenfalls bis jetzt …

Aber so wie´s aussieht, waren Prince Charming und der Gentleman leider kurzfristig indisponiert und haben den Gedanken an PC-Spiele, Sex und heiße Jungs das Feld allein überlassen, und was passiert, wenn die Katze aus dem Haus ist, wissen wir ja alle, oder? Genau, dann laufen die Hormone Amok und ich mache den Stottlemeyr, oder so ähnlich. Hab ich ja grade selber erlebt.

Shit!

Einen Teufel werde ich tun und jetzt den Schwanz einziehen … egal welchen …!

Ich rufe mir sein Gesicht ins Gedächtnis. Diese großen karamellfarbenen Augen mit den langen Wimpern und den schmalen Brauenbögen darüber, die sanft gerundete Stupsnase und dieser weiche Mund, den man am liebsten sofort küssen möchte … hmmm …

Ein bisschen sieht sein Mund aus, wie der von dieser französischen Schauspielerin, Audrey Irgendwas. Die hat diesen einen Film gemacht, wo sie eine durchgeknallte Stalkerin gespielt hat. Mir fällt nur gerade der Name nicht ein … aber Ihr wisst sicher, wen ich meine. Jedenfalls hat die Natur Dylan echt reichlich beschenkt und ich bin fest entschlossen, dass diese süße Frucht niemand anderem als mir in den Schoß fallen darf.

Am nächsten Tag passe ich ihn also in der Schule an seinem Schrank ab und versuche den schlechten ersten Eindruck wett zu machen – und natürlich auch, rauszufinden, ob er nun wirklich schwul ist oder nicht, logisch.

Er kommt als die meisten Anderen schon weg sind, aber das ist mir nur recht, so sind weniger neugierige Ohren in der Nähe.

Ich meine, nicht dass es ein Geheimnis wäre, dass ich schwul bin, iwo! Mit fünfzehn Jahren habe ich es mir selber eingestanden, ohne großes Tamtam und auch sofort meinen Eltern reinen Wein eingeschenkt. Die Reaktion meiner Mutter war ein lächelndes Schulterzucken und der Satz: „Das weiß ich schon, seit du fünf bist.“ Damals war ich fast ein bisschen enttäuscht, dass sie es so locker aufgenommen hat.

Offenbar habe ich aber als besagter Fünfjähriger mit dem gleichaltrigen Timothy regelmäßig Vater, Mutter, Kind gespielt und dabei IMMER die Mutterrolle übernommen. Das soll jetzt nicht heißen, dass alle Schwulen sowas tun, aber meine Mutter hat sich da jedenfalls schon ihren Teil gedacht und ist deshalb nicht aus allen Wolken gefallen, als ich ihr erzählt habe, dass ich die Flöte dem Glockenspiel vorziehe – also, bildlich gesprochen.

Mein Vater hat allerdings schon mal heftig geschluckt. Ich konnte förmlich sehen, wie er sich geistig von all seinen Schwiegertochter/Enkel-Träumen meinerseits verabschiedete. Aber er hat es hingenommen und mich trotzdem nicht anders behandelt als vor meinem Outing. Immerhin habe ich ja noch einen älteren Bruder und nun muss der eben die alleinige Verantwortung für den Familienstammbaum übernehmen.

Besagter Bruder hatte allerdings eine Weile damit zu kämpfen.

Aubrey ist sechs Jahre älter als ich und hat sich immer irgendwie für mich verantwortlich gefühlt. Wahrscheinlich haben meine Eltern ihn immer als Babysitter missbraucht, als ich klein war, oder so. Keine Ahnung, ist ja auch schnurz. Auf jeden Fall hat er eine Woche lang nicht mit mir gesprochen, als er erfahren hat, dass ich auf Jungs stehe. Naja, dann hat er sich aber doch allmählich wieder eingekriegt und heute haben wir längst wieder ein so herzliches Verhältnis zueinander wie früher.

Und nachdem meine Familie Bescheid wusste, hab ich nicht eingesehen, warum ich in der Schule ein Geheimnis darum machen sollte. Ich meine, ich hab mir natürlich kein pinkfarbenes Shirt angezogen (die Farbe steht mir eh nicht!) und die Regenbogenfahne geschwenkt, das nicht, aber ich hab auch nicht versteckt, wer und was ich bin.

Natürlich gab und gibt es immer ein paar Typen, die meinen, sowas zuzugeben ist das Gleiche wie sich ein Schild umzuhängen auf dem steht: 'Hau die Schwuchtel!Fünf Versuche einen Dollar, zehn weitere gratis!' oder sowas in der Art. Und sollen wir mal einen Tip abgeben, wer dabei immer schon in der ersten Reihe gestanden hat? Na? Richtig – das grenzdebile Humanimitat Daniel Stottlemeyr, tataa!

Aber dank Timothy und ein paar anderen Freunden, mit denen ich schon zusammen in den Kindergarten gegangen bin, ist das eigentlich fast immer glimpflich abgelaufen. Nur ein Mal haben Daniel und die Bande gehirnamputierter, aber leider ziemlich muskulöser Intelligenzallergiker, mit denen er immer rumhängt mich allein zu fassen gekriegt und hielten es für total witzig, mich mit dem Kopf ins Schulklo zu stecken. Zum Glück ist ein Lehrer gekommen, bevor das Ganze noch schlimmer werden konnte, aber ich war auch so bedient. Ich meine – erinnert Euch bloß mal daran, wie eine durchschnittliche Schultoilette aussieht … versteht Ihr, was ich meine?

Seltsamerweise hatten die Typen dann in den folgenden Tagen ein paar ganz dumme Unfälle. Der Eine ist ´ne Treppe runtergesegelt, ein Anderer mit dem Fahrrad böse gestürzt usw..

Wären nicht jedesmal Timothy und seine Kumpel irgendwo in der Nähe gewesen, hätte das ganz leicht ein böses Ende nehmen können, ja, ja … Seitdem herrscht jedenfalls so ziemlich Ruhe an der Dumpfbackenfront.

Aber ich war ja eigentlich dabei zu erzählen, wie mein zweites Treffen mit Dylan verlaufen ist.

Also … wie schon gesagt, stehe ich lässig an seinen Schrank gelehnt da, als er kommt und genau vor mir stehenbleibt.

Ich lächle ihn an, direkt in seine karamellfarbenen Augen und er sagt: „Lass mich an meinen Schrank.“

Darauf ich: „Ich bin nur hier, weil ich glaube, wir haben gestern einen etwas schlechten Start erwischt. Und ich möchte nicht, dass du denkst, ich wäre immer so … direkt.“ Wozu lange drumrum reden?

Er sieht mich an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank und wiederholt: „Direkt?“

Ich zucke die Achseln und versuche meine aufkommende Verlegenheit mit Coolness zu überspielen.

„Najaa …“

Aber er fällt mir ins Wort: „Weißt du, du bist vermutlich der Einzige, in der Geschichte aller doofen Anmachversuche, der einen ihm im Grunde völlig Fremden zwei Minuten nach der ersten Begegnung abzuschleppen versucht, indem er ihn fragt: zu mir oder zu dir?! Und das Ganze auch noch in einem Buchladen!“

Er schüttelt den Kopf und ein schwaches Lächeln spielt um seine Lippen. Leider ist dieses Lächeln ziemlich verächtlich und leider gilt diese Verachtung mir. Kein Zweifel.

Ich hebe ein weiteres Mal die Schultern und trete die Flucht nach vorn an.

„Die Toilette wäre auch eine Option gewesen.“ Wenn ich großes Glück habe, hat er Humor. Aber er steht nur da, sieht mich an und verzieht keine Miene. Fuck!

„Also – was sagst du zu meinem Vorschlag?“, schiebe ich noch nach und grinse. Seine Antwort gleicht dem sprichwörtlichen kalten Guss.

„Bist du irgendwie bescheuert oder so?“ Und weil der Teufel mich gerade so schön reitet, kontere ich mit: „Nicht offiziell, nein!“ Prince Charming windet sich in Krämpfen …

Dylan sieht zur Seite wie jemand, der sich nur mit äußerster Willensanstrengung beherrschen kann und fügt hinzu:

„Im Ernst, Mann. Denkst du echt, ich wäre so verzweifelt mich mit einem Typen einzulassen, der ganz offensichtlich mit dem Schwanz denkt, anstatt mit seinem Gehirn?“ Nun werde ich doch ein bisschen unsicher, kämpfe aber heldenhaft dagegen an.

„Was ist denn so schlecht daran? Ich meine, ich bin schwul, du bist schwul, also könnte es doch für uns beide eine befriedigende Angelegenheit werden, meinst du nicht?“ Ich lauere darauf, ob er mein Statement einfach so hinnimmt, oder eben nicht – was man dann ja durchaus auch als eine Art Statement werten könnte.

Aber Dylan schaut mich nur wieder an und sagt schlicht und ergreifend: „Nein!“

Mehr nicht, doch es reicht, meine euphorischen Wunschträume dieses Tages mit einem „Plopp“ zum Platzen zu bringen, wie eine Seifenblase.

„Beweg dich endlich!“, fordert er brüsk und widerwillig räume ich das Feld, rutsche ein Stück zur Seite und mache seinen Schrank frei. Er stopft seine Sachen hinein, holt Jacke und MP3Player heraus und wendet sich grußlos zum Gehen.

„Du kommst unter Garantie wieder zurück!“, rufe ich ihm nach (Da war eindeutig der Wunsch Vater des Gedankens …) und er erwidert gelassen: „Davon gehe ich mal aus. Ist schließlich mein Schrank.“ Und weg ist er.

Wieder mal sehe ich ihm hinterher, genieße zwar den entzückenden Anblick seines noch viel entzückenderen Hinterns, aber was nützt mir der geilste Knackarsch, wenn ich nicht dran darf?

Ich versuche zu analysieren, was diesmal schief gegangen ist, denn das hätte definitiv besser laufen können.

Ein bisschen spröde der Kleine. Oder ist er vielleicht nur schüchtern?

Nee, dafür hat er seinen Standpunkt zu knackig vertreten …

Hmm. Kann es sein, dass ich nicht sein Typ bin? Gedankliche checke ich mein Äußeres und finde nix auszusetzen, also scheidet das wohl auch aus. Aber – was ist es dann?

Plötzlich überläuft es mich kalt. Hat er vielleicht jemand anderen? Ist er verknallt?

Ich meine – welchen anderen Grund könnte es denn geben, wenn alles andere ausscheidet?

Ich bin kein Troll und durchaus ansehnlich, Dylan ist nicht auf den Mund gefallen, demnach auch nicht übermäßig schüchtern. Also bleibt doch nur noch die dritte Möglichkeit – die schrecklichste, apokalyptischste, desaströseste Möglichkeit, die ich mir vorstellen kann: Er ist verliebt, womöglich sogar schon in festen Händen!

Bleibt die Frage – wer ist der Kerl? Kenne ich ihn? - Wobei … Moment!

Meine persönliche Statistik der Homo/Hetero-Verteilung an unserer Schule fällt mir ein und ich muss die Stirn runzeln. Wenn ich berücksichtige, dass ich nur von Chris Eames und Jimmy Saunders sicher weiß, dass sie schwul sind, kann das nur eins bedeuten: entweder hat der Süße einen bemitleidenswert schlechten Männergeschmack, oder es gibt noch jemanden, von dem ich nichts weiß.

Fuck!

Dylan kann einfach nicht Chris oder Jimmy den Vorzug vor mir geben, so einen unterirdischen Geschmack darf er einfach nicht haben … obwohl - das würde die Sache für mich ja vielleicht sogar vereinfachen …?

Ich müsste ihn nur von meinen eigenen Vorzügen überzeugen und auch wenn die ersten beiden Anläufe nicht so der Brüller waren, wäre das doch wohl gelacht. Ich meine – stellt mich in eine Reihe mit Chris und Jimmy! Ich bitte euch! Da braucht man doch gar nicht mehr weiter zu fragen, oder?

Innere Werte sind ja schön und gut, aber sind wir doch mal ehrlich: Was juckt einen der beste Charakter, wenn er in einer miesen Verpackung steckt? Und wie viele Beispiele kennt jeder von uns selbst, wo ein absolutes Arschloch die Spitzen-Aufreißerquote hat, nur weil er das Glück hat, rein äußerlich eine Sahneschnitte zu sein? Na – seht Ihr?

Dieser Gedanke hebt meine Laune fast wieder auf Normalniveau und ich schlendere einigermaßen entspannt nach Hause.

 

 

 

 Am nächsten Tag versuche ich unauffällig, Dylan im Auge zu behalten. Es kann doch nicht so schwer sein rauszufinden, ob nun Jimmy oder Chris oder sonstwer mein Rivale ist.

Aber leider tut sich in den Pausen rein gar nichts. Dylan hängt die ganze Zeit in der Nähe vom Sportplatz rum und das ist ja nun nicht gerade das Revier meiner Mitschwestern im Blute.

Ich meine – ich kann mir nicht vorstellen, dass Chris oder Jimmy sich freiwillig auch nur in die Nähe von Sportgeräten, Turnhallen oder ähnlichem begeben, jedenfalls nicht ohne Weihwasser und Kruzifix. Das ist schon eher das Revier von Hirnis wie Daniel Stottlemeyr und Co.

Diese aufgepumpten Steroidmutanten nutzen doch jede Gelegenheit, sich aufzuspielen und vor den Tussis zu produzieren wie eine Horde Gockel. Ihre Erfolgsquote gibt ihnen ja auch recht. Hab ich ja eben schon erklärt.

Jedenfalls bekomme ich weder an diesem noch an den nächsten Tagen was Brauchbares raus.

Dylan scheint nicht viele Freunde zu haben, ist meistens allein und wenn er nicht am Sportplatz abhängt, schleppt er ein Buch mit sich rum, in dem er liest. Dazu sucht er sich für gewöhnlich eine stille Ecke und scheint dann völlig abzutauchen.

Oder tut er vielleicht nur so? Der Verdacht kommt mir, als mir irgendwann auffällt, dass er während der gesamten Pause kein einziges Mal umblättert. Aber wieso starrt er dann so hartnäckig in das Buch? Will er einfach nur seine Ruhe haben?

Immer wenn er mich sieht, verzieht er jedenfalls genervt das Gesicht und sucht das Weite und drei Tage später beklage ich mich darüber bei meiner Freundin Marianne, als wir zusammen die dritte Stunde schwänzen und stattdessen draußen in der Sonne sitzen.

„Nate – sieh es ein – er steht eben nicht auf dich!“, lacht sie und ich erwäge ernsthaft, ihr die Freundschaft zu kündigen.

„Quatsch!“, protestiere ich lautstark. „Ich bin vielleicht nicht so ein Muskelheini wie Daniel, aber so schlecht sehe ich doch nun auch wieder nicht aus, oder? Jedenfalls nicht so, dass er vor mir flüchten müsste!“

„Was hat denn das damit zu tun?“, fragt sie und ihr Gesichtsausdruck schwankt irgendwo zwischen Unverständnis und Empörung. „Wenn du nicht sein Typ bist, kannst du so gut aussehen wie du willst – das spielt überhaupt keine Rolle!“ Jetzt ist es an mir sie verständnislos zu mustern.

„Was redest du da für`n Scheiß?“ Sie schüttelt den Kopf und verdreht die Augen.

„Vergiss es“, sagt sie. „Du wirst es eh nicht kapieren! Aber sei froh, dass du schwul bist!“

„Hä?“ Jetzt versteh ich gar nichts mehr.

„Wenn du Hetero wärst, müsste ich dich jetzt für deine Einstellung verprügeln!“, bekomme ich zur Antwort.

Sie mich? Na, das will ich sehen? Das bringt sie doch eh nicht übers Herz! Ich grinse ein bisschen verächtlich und bekomme postwendend einen Schlag in die Rippen, dass mir kurz die Luft wegbleibt.

„Hey!? Wofür war das denn?“ Ich bin empört.

„Dafür dass du ein Arsch bist!“, grollt sie und ich beschließe, das Thema vorerst ruhen zu lassen.

Das bringt sowieso nichts – wie soll ein Mädchen mich verstehen, oder die komplexen Strukturen schwuler Beziehungen?

Wobei … ich hab ja bisher eigentlich nicht wirklich an eine Beziehung mit Dylan gedacht. Aber wenn ich mir das jetzt so durch den Kopf gehen lasse … vielleicht ist das gar keine so üble Idee?

Der Kleine scheint clever zu sein, ist schlagfertig und abgesehen davon ein echtes Eyecandy. Ich sehe uns im Geiste schon als traut verliebtes Pärchen …

Aus diesem Tagtraum werde ich reichlich unsanft gerissen, als mir ein Geschoss an den Kopf knallt, welches ich nach der ersten Schrecksekunde als Turnschuh identifiziere. Verdutzt und mir den Schädel reibend, hebe ich ihn auf und sehe mich um, in der Hoffnung den Besitzer, oder zumindest den, der damit geworfen hat, ausfindig zu machen. Ich traue meinen Augen nicht, als ich Dylan in ein paar Metern Entfernung stehen sehe, die Arme vor der Brust verschränkt und mit einem bösen Funkeln in den Karamellaugen.

„Warst du das? Was soll denn das?“, beschwere ich mich – allerdings nicht so heftig, wie ich ursprünglich vorhatte – immerhin ist es Dylan und nicht Gott weiß wer. Marianne neben mir lacht sich kaputt, versucht allerdings es zu verstecken, indem sie einen Hustenanfall vortäuscht.

„Warum wirfst du mir einen Schuh an den Schädel? Wenn du mit mir reden willst, dann sag es mir doch einfach!“ Meine empörte Miene macht einem verbindlichen Lächeln Platz und ich stehe langsam auf.

Dylan schnaubt und kommt mit eiligen Schritten auf mich zu, reißt mir den Turnschuh aus den Fingern und faucht: „Ich will nicht mit dir reden! Ich will nicht mit dir reden, nicht mit dir ficken und auch nicht mit dir zu Mittag essen. Kein gemeinsamer Nachhauseweg, keine Treffen außerhalb der Schule, nichts, einfach gar nichts! Ich will, dass du mich in Ruhe lässt, sonst nichts! Kapiert?“

Verblüfft fahre ich ein Stück zurück. Ich kann mich nicht erinnern, ihm jemals diese oder ähnliche Angebote gemacht zu haben und muss mich erst mal sortieren.

„Ähm ...“, stottere ich, aber er lässt mich nicht zu Wort kommen.

„Du warst während der letzten Tage überall wo ich auch war! Denkst du ich merke das nicht? Das hier“, er hebt den Schuh, „war nur ´ne freundliche Warnung! Wenn du so weitermachst, reiße ich dir den Arsch auf!“

Und an der Stelle muss ich grinsen ... Ihm mag die Zweideutigkeit, die er da gerade von sich gegeben hat ja entgangen sein – mir aber nicht!

„Wenn du´s bist – jederzeit gern“, sage ich und schenke ihm mein verführerischstes Lächeln. Hätte ich das mal nicht getan …

Sekunden später krümme ich mich auf dem Boden, umklammere meine Eier und verfluche mein loses Mundwerk. Das heißt, ich würde es verfluchen, wenn ich könnte, aber leider bestehe ich nur noch aus Schmerz, infernalischem, tödlich-brutalem Schmerz.

Er hat mir in die Eier gekickt!

Dylan hat mir tatsächlich in die Eier gekickt! Womit hab ich solche Brutalität verdient? Ich meine – ich hab doch nur Spaß gemacht!

Mariannes Gesicht erscheint über mir, sie beugt sich herunter und will wissen: „Soll ich jemanden holen?“ Aber ich schüttele heldenhaft den Kopf. Das fehlt noch, dass mich irgendjemand anders hier liegen sieht!

Mühsam und mit zusammengebissenen Zähnen kämpfe ich mich auf die Knie und ziehe mich zurück auf die hölzerne Bank. Meine Kronjuwelen fühlen sich an, als hätten sie Format und Umfang von Bullenklöten angenommen und zum ersten Mal im Leben wünsche ich mir, ich trüge eine Baggyjeans … Knackhintern hin oder her …

Ich öffne vorsichtig die Schenkel etwas weiter und verkneife mir ein schmerzliches Stöhnen. Schnaufend beuge ich mich vornüber, kämpfe gegen ein Gefühl latenter Übelkeit und richte mich dann langsam und vorsichtig auf.

„Junge! Der Kleine hat ja echt Temperament!“, sage ich und horche darauf, ob meine Stimme normal klingt. Nach einem Eunuchen höre ich mich Gott sei Dank nicht an, aber von meiner sonstigen Tonlage bin ich auch ein gutes Stück entfernt.

„Mhm“, macht meine Freundin und mustert mich ein bisschen spöttisch. „Entweder das, oder du bist wirklich nicht sein Typ!“ Und okay – ich geb´s ja zu – sie hat recht! Ich hab´s wieder versaut! Innerlich verwünsche ich mich und meinen mehr als dämlichen Versuch, einen Witz aus Dylans Ärger zu machen. Was hab ich mir bloß dabei gedacht? Dass er darüber lacht und mir anschließend um den Hals fällt?

Nee. Nicht wirklich …

Wenn ich ganz und gar ehrlich zu mir selber bin, dann hab ich da eigentlich überhaupt nicht GEDACHT. Oder wenn, dann hat ein Körperteil von mir das Denken übernommen, das die Natur nicht im Mindesten dafür vorgesehen hat … Oh Mann! Was mach ich jetzt? Wie biege ich das wieder hin?

Und plötzlich kracht mein Versagen mit Brachialgewalt auf mich runter. Klar hat Marianne recht und ich hab mich – wieder mal! – keinen Deut besser verhalten, als Daniel oder einer seiner Kumpels.

„Marianne?“

„Was?“ Sie sitzt immer noch neben mir und sieht neugierig zu mir rüber.

„Wie schaff´ ich es, dass Dylan ein bisschen mehr … naja, dass er nicht mehr so allergisch auf mich reagiert?“

„Woher soll ich das wissen, Nate?“, gibt sie ein bisschen ungeduldig zurück. „Ich bin ein Mädchen – schon vergessen?“ Ich drehe den Kopf in ihre Richtung.

„Na, so ein großer Unterschied kann da doch nicht sein, oder?“ Sie zuckt die Schultern.

„Keine Ahnung. Ich würde zwar so spontan mal sagen, Jungs sind da etwas anders gestrickt als wir Mädels, aber wie Schwule ticken weiß ich echt nicht. Ich kenn` ja nur dich und wenn ich eins weiß, dann dass du ein echter Sonderfall bist, Süßer.“ Das leuchtet mir ein und wieder nicht. Schließlich sind doch auch wir Schwulen Männer – oder?

Egal jetzt …

„Okay, aber mal angenommen, nur mal angenommen, Dylan wäre ein Mädchen? Was würdest du mir dann raten?“

Mann, ich bin echt verzweifelt, oder? Ich meine, bis heute wäre mir nie in den Sinn gekommen, mich selber oder einen anderen Schwulen wegen seiner sexuellen Orientierung auch nur im Entferntesten mit einem Mädchen oder einer Frau zu vergleichen! … Oder ein Mädchen (!) um Rat in Liebesdingen zu fragen! Selbst wenn es meine beste Freundin ist! Aber wie heißt es doch so schön? In der Not frisst der Teufel Fliegen und so wie´s aussieht bin ich grade dabei, ein ganzes Glas voll richtig fetter Brummer zu schlucken …

Marianne sieht mich an und ganz langsam wächst ein riesiges, schadenfrohes Grinsen in ihrem Gesicht.

„Dich hat´s echt erwischt, was?“, feixt sie und ich winde mich vor ihr.

„Najaaaa … keine Ahnung …“, gebe ich mich vage, dabei weiß ich doch längst, dass ich ihr nichts vormachen kann. Sie kennt mich fast besser, als ich mich selber und wenn sie der Meinung ist, dass es mich erwischt hat, dann ist das mit einiger Sicherheit auch genau so und nicht anders.

Das ist ja auch einer der Grundpfeiler unserer Freundschaft: absolutes Vertrauen zueinander und das Wissen, sich dem anderen auch im Zustand äußerster seelischer Nacktheit präsentieren zu können. Es gibt nicht viel, was ich nicht für sie tun würde und umgekehrt genauso. Da ist es dann auch erlaubt, sich gegenseitig mal so richtig die Meinung zu geigen.

„Süßer, das kann nicht nur sein – das ist so!“, folgert sie gnadenlos und hebt eine Braue. „Du stehst total auf ihn, hab ich recht?“ Die Verlegenheit lässt mich ruppig reagieren.

„Das ist doch wohl scheißegal jetzt!“, pampe ich, aber ihr Grinsen wird nur noch breiter und ich habe ganz offensichtlich das Bedürfnis, mich noch tiefer in die Scheiße zu reiten: „Hey? Ich kenn` ihn doch noch so gut wie gar nicht! Wie soll ich mich da in ihn verknallt haben? Außerdem wollte ich nichts anderes von dir, als ein bisschen seelischen Beistand und vielleicht den einen oder anderen Ratschlag. Wenn das zu viel verlangt ist, dann sag´s einfach, aber hör auf mich analysieren zu wollen, ja?“ Marianne bleibt ganz ruhig, grinst aber weiter.

„Okay, okay! Du bist nicht verknallt und willst Dylan nur – was? Flachlegen?“ Sie prustet los. „Mann, Nate! Mit wie vielen Kerlen hast du´s bis jetzt getrieben? Hm? Ich dachte, du stehst abends vor dem Bett und hast die Wahnsinnsauswahl in Form von 'rechts' oder 'links'! - Zumindest wenn du mich nicht angelogen hast. Und da willst du ausgerechnet Dylan angraben?“

Ich blinzle verdutzt.

„Wie meinst du das denn?“, frage ich und sie schüttelt den Kopf.

„Du willst mir jetzt nicht sagen, dass du der Einzige an der ganzen Schule bist, der das Gerücht nicht gehört hat, oder?“

„Welches Gerücht?“ Sie wird ernst und scheint zu überlegen. „Nun mach´s nicht so spannend! Was für ein Gerücht?“ Sie räuspert sich und macht plötzlich den Eindruck, als täte es ihr leid, dass sie mit dem Thema angefangen hat.

„Naja“, druckst sie rum, „ich hab gehört, Dylan macht´s mit jedem, der ihn fragt. Keine Ahnung ob das stimmt, das ist nur, was man sich erzählt.“

Jetzt bin ich baff. Ernsthaft.

Wie war das? Dylan macht´s mit jedem? Und wieso ist er dann bei mir so abweisend? Ich stelle die Frage laut und Marianne zuckt ein weiteres Mal die Achseln.

„Was weiß ich. Es ist ja auch wie gesagt nur ein Gerücht. Vielleicht ist da gar nichts dran?“

Jetzt fehlen mir die Worte … Ich meine, ich hätte ja sicher mit vielem gerechnet, aber das?

Ich rufe mir sein süßes Gesicht ins Gedächtnis, seine Rehaugen, die Stupsnase, der niedliche Mund … ein Bild jugendlicher Unschuld. Soll ich jetzt wirklich glauben, dass der Schein so sehr trügt?

Andererseits – auch wenn solche Gerüchte für gewöhnlich nicht unbedingt die volle Wahrheit enthalten, so steckt doch meistens ein wahrer Kern drin. Und ein unschuldiges Äußeres sagt nichts darüber, wes Geistes Kind man ist, oder?

Marianne ist das beste Beispiel. Sie ist zwei Köpfe kleiner als ich und wirkt so zierlich, als könnte der leiseste Windhauch sie wegblasen. Dazu kommt ein Gesicht, wie ein süßes Prinzesschen und da hat schon so mancher Typ gedacht, es wäre eine gute Idee sie mal auf gut Glück billig von der Seite anzugraben.

Tja, die meisten haben sich anschließend, so wie ich eben, auf dem Boden wiedergefunden, denn sie macht Judo seit sie fünf ist und hat absolut keine Skrupel Arschlöchern weh zu tun.

Ihr größter Erfolg in meinen Augen war, als sie Daniel Stottlemeyr himself auf die Matte geschickt hat, denn ja – auch er hat geglaubt, er müsste sich an sie ranmachen. Danach hat er sich an ihr zu rächen versucht, indem er sie überall als 'frigide Kampflesbe' bezeichnet hat, aber das hat ihm nur ein zweites Rendezvous mit dem Bodenbelag eingebracht – diesmal allerdings vor allen Leuten, mitten auf dem Schulhof - einen ausgeschlagenen Zahn und eine blutige Nase.

Okay, Marianne wurde daraufhin auch für drei Tage vom Unterricht suspendiert, aber sie hat später gesagt, das sei die Sache allemal wert gewesen und zumindest der Applaus von Daniels abgelegten Tussis war ihr sicher. Seitdem macht Erbsenhirn Stottlemeyr jedenfalls einen gewaltigen Bogen um sie.

Aber darum geht’s hier ja jetzt nicht, sondern um die Frage, ob ich glauben kann und will, dass Dylan eine Schlampe ist oder nicht – sprich, ob er wirklich für Jeden die Beine breit macht. Ich persönlich neige ja zu „Nein, ist er nicht.“, aber ich bin im Moment wohl kaum die richtige Person, um das zu beurteilen.

Ich kapier` sowieso nicht, wie es sein kann, dass ich von diesem Gerücht noch nie gehört habe.

Oder will Marianne mich vielleicht verarschen?

„Ist das ein Witz?“, frage ich deshalb sicherheitshalber nach und sie verdreht die Augen.

„Mensch, Nate!“ Sie haut mir derbe ins Kreuz. „Glaubst du echt, ich würde ausgerechnet mit so was Witze machen? Ich hab` dir gesagt, das ist was ich gehört habe. Nicht mehr und nicht weniger! Wenn du mir nicht glaubst, dann frag doch jemand anderen!“ Kopfschüttelnd dreht sie das Gesicht Richtung Schule, wo es gerade zum Ende der Stunde läutet und ein Haufen Schüler aus der Tür quellen.

Ich drehe mich ebenfalls um und behalte den Eingang im Auge. Das ist mir mittlerweile schon zur Gewohnheit geworden und irgendein bescheuerter Teil von mir bildet sich ein, ich könnte die Antwort auf meine momentane Frage Nummer eins an Dylans Gesicht ablesen, sobald ich ihn sehe.

Aber es dauert, bis er auftaucht und diesmal ist er nicht allein. Er hat auch kein Buch dabei, sondern kommt zusammen mit einem anderen Typen nach draußen. Der ist einen knappen Kopf größer als der Süße und deutlich breiter in den Schultern, hat blonde Haare und redet mit ausladenden Gesten.

Hm, irgendwas an dem Kerl kommt mir bekannt vor. Ich strenge meine Augen an, erkenne ihn aber nicht, also stoße ich schließlich Marianne an und deute mit dem Kopf auf die Beiden.

„Wer ist´n das da bei Dylan? Kennst du den?“

Marianne wirkt leicht genervt, schaut aber hin. Nach einem Augenblick meint sie: „Ich bin nicht sicher, aber das könnte Kevin sein.“ Mehr nicht. Mann, begreift diese Frau nicht, dass ich mehr will? Mehr Infos!

Kevin … was soll mir das sagen? Wer ist dieser Kevin? Was macht er? Kann es sein, dass er auf Jungs steht? Dass er vielleicht auf Dylan steht?

Nein, stop – die letzte Frage wird gestrichen! Sollte der Kerl tatsächlich auf Jungs abfahren, erübrigt sich die Frage ohnehin – wie könnte irgendein Schwuler, der noch einen letzten Rest Saft in den Knochen und funktionierende Augen im Kopf hat, NICHT auf Dylan stehen?

„Ja – und?“, frage ich ungeduldig.

„Was und?“ Marianne sieht mich erstaunt an.

„Na, wer ist dieser Kevin? Weißt du nicht noch ein bisschen mehr über den?“

„Mein Gott, Nate! Allmählich gehst du mir auf die Nerven! Wer bin ich? Die Auskunft?“, beschwert sie sich, gibt aber dann doch preis, was sie weiß: „Er ist im gleichen Jahr wie Dylan, denke ich. Leitet den Debattierclub und ist ein Ass in den Naturwissenschaften. Mehr weiß ich auch nicht.“

„Könnte er schwul sein?“, will ich wissen und ihr entfährt ein genervtes Stöhnen.

„Ob du es glaubst, oder nicht – ich habe keine Ahnung, denn ich laufe NICHT durch die Schule und frage alle Leute über ihre sexuellen Vorlieben aus! Abgesehen davon interessiert es mich auch nicht die Bohne!“

Sie hält inne und ein Grinsen huscht über ihr Gesicht.

„Was? Was grinst du so?“, frage ich sofort und sie tippt sich mit dem Finger an die Nase.

„Ach, ich musste nur gerade denken, dass es Daniel garantiert nicht gefallen würde, wenn Kevin schwul wäre.“

„Daniel? Daniel Stottlemeyr? Was hat der denn damit zu tun?“ Ein weiteres genervtes Stöhnen und ein Verdrehen der Augen.

„Das glaube ich jetzt echt nicht! Nate! Wie lange bist du inzwischen schon mit Daniel in einer Klasse?“ Sie meint die Frage offenbar ernst, auch wenn ich von Sekunde zu Sekunde weniger kapiere.

„Genauso lange wie mit dir – fünf Jahre. Wieso?“

Sie mustert mich kopfschüttelnd. „Weil ich es nicht fasse, wie ignorant du bist!“ Ich will schon auffahren, aber ihr nächster Satz bringt mich zum Verstummen: „Kevin ist Daniels Bruder, du Hornochse!“

Daniels Bruder? Mann, das ist jetzt eine echte Breitseite ... irgendwie.

Also gibt`s tatsächlich zwei von der Sorte hier an unserer Schule? Oh, Mann! Warum hab` ich das nicht gewusst? Aber was jetzt viel wichtiger ist: wieso gibt sich Dylan mit dem Typen ab? Will er was von dem?

Ich mache die Augen schmal und verfolge, wie Dylan und Kevin den Schulhof überqueren. Kann es vielleicht sein, dass Kevin derjenige welcher ist?

Mir fällt jedenfalls nichts auf, was darauf schließen ließe, aber das muss ja nichts heißen, oder?

Die beiden gehen zur Turnhalle hinüber, und dort gesellt sich Daniel zu ihnen. Dylan unterhält sich noch eine Weile mit den Brüdern, wobei er auffällig viel lächelt und seltsam nervös zu sein scheint, aber schließlich verabschiedet er sich und geht Richtung Sportplatz, wo er sich an den Zaun lehnt und den Blick schweifen lässt, als gäbe es dort irgendwas wahnsinnig Tolles zu sehen.

Das ist meine Chance!