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Lust & Leidenschaft
Ein unverstellt ehrlicher erotischer Entwicklungsroman und die poetische Geschichte einer weiblichen Selbstfindung.
Wie fühlt es sich an, eine Frau zu sein? Bianca ist dreizehn, und ihr gefällt nicht, wie sich ihr Körper langsam verändert. Sie versteht nicht, warum sie plötzlich Aufmerksamkeit von Jungen erfährt, die sie früher keines Blickes würdigten. Nach und nach jedoch findet sie sich in ihre weibliche Rolle ein und erfährt schließlich auch sexuelle Erfüllung …
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2009
GIOVANNA BANDINI
Verbotene Gärten
Buch
Was bedeutet es, weiblich zu sein? Für ein fünfjähriges Kind, für ein junges Mädchen von dreizehn Jahren, für eine zwanzigjährige Frau? Bianca erfährt es am eigenen Leib, und was sie erfährt, gefällt ihr nicht immer. Als kleines Mädchen, das am liebsten mit Jungen spielt, empfindet sie die geschlechtlichen Unterschiede zunächst nur als Kuriosität, als überflüssige Differenz, mit der Besonderheit vielleicht, dass es in mancher Hinsicht praktischer ist, ein Junge zu sein, und dass die Spiele der Jungen aufregender und wilder sind als die der Mädchen. Als Bianca in die Pubertät kommt, verfolgt sie mit Unbehagen, wie ihr Körper sich verändert, und stellt fest, dass Weiblichkeit auch die Erfahrung körperlicher Unannehmlichkeiten bedeutet. Plötzlich beginnt sie für das andere Geschlecht interessant zu werden. Die Blicke der Jungen verändern sich, aber Bianca kann damit gar nichts anfangen und lässt sich zunächst nur widerwillig auf Jungen ein. Nach und nach macht sie die ersten sexuellen Entdeckungen, zumeist enttäuschende, und kann nicht verstehen, warum ihre Freundinnen sich für nichts anderes zu interessieren scheinen. Der einzige Junge, mit dem sie wirklich gern schlafen würde, gibt sich mit ihren Küssen zufrieden und behandelt sie fast, als wäre sie seine Schwester. Als sie sich dann auf jemand anderen einlässt und der sie äußerst brutal behandelt, erlebt sie auch, wie schmerzhaft und demütigend es sein kann, dem »schwächeren Geschlecht« anzugehören. Enttäuscht zieht sich Bianca von den Männern zurück, fest überzeugt, dass körperliche Lust für sie nicht möglich sei. Doch irgendwann kommt der magische Moment, in dem sie statt des fremden männlichen ihren eigenen weiblichen Körper entdeckt. Sie findet heraus, dass sie niemanden braucht, um Lust zu empfinden, dass sie sich Befriedigung ganz allein verschaffen kann. Es beginnt eine Entdeckungsreise, an deren Ende erst eine neue
Öffnung zur Welt wieder möglich wird...
Autorin
Giovanna Bandini wurde 1968 in Rom geboren und machte einen Abschluss in Altphilologie. Sie schrieb Gedichte und Kurzgeschichten für die sie verschiedene Preise gewann, bevor sie mit »Verbotene Gärten« ihr schriftstellerisches Debüt vorlegte. Später folgte der Roman »Nächte wie Seide«, die Geschichte einer sexuellen Obsession, die bereits auf deutsch vorliegt.
Von Giovanna Bandini außerdem im Goldmann Verlag lieferbar:
Nächte wie Seide. Roman (45540)
Die Originalausgabe erschien 2000 unter dem Titel »Nudo
di ragazza« bei Edizioni Frassinelli, Mailand.
Einmalige Sonderausgabe
Taschenbuchausgabe November 2007
Copyright © der Originalausgabe 2000 by Giovanna Bandini
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
ISBN: 978-3-641-01373-8
www.goldmann-verlag.de
Datenkonvertierung eBook:
Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg
www.kreutzfeldt.de
»Ich bin die Kröte.
Und ich liebe die Gestirne der Nacht.«
Gertrud Kolmar
Ich bin nackt.
Ein »sitzender Akt«. Und hinter mir gibt es nicht einmal den Trost eines ornamentalen Hintergrundes, denn dort, wie auch in mir, herrscht Chaos – das kein permanenter, dunkler Aufruhr ist, wie ich immer geglaubt hatte, sondern eher eine dicke Schicht weißer Farbe, die alles bedeckt.
Vielleicht ist es nur der Anblick des Körpers auf dem Bettlaken, aber mir kommt es so vor, als wäre ich aus Pappe, auf schneeweißen Untergrund geklebt; eine dünne Pappe, flach gegen das Bett und gegen die Wand gedrückt.
Hätte ich nicht solche Angst vor Blut, würde ich mir in die Finger stechen, nur um rote Arabesken in dieses fürchterliche Weiß zu malen und es endlich zu brechen. Weiß: die Farbe der Reinheit... In welche Farbe gekleidet werde ich zum Altar gehen – und zu welchem Altar eigentlich?
Ich werde nackt gehen.
Ohnehin bin ich jetzt fast immer nackt, selbst wenn ich etwas angezogen habe, bin ich nackt, nur die Kälte lässt mich etwas anziehen, gewiss nicht der Anstand. Wäre nicht Winter, könnte ich genauso gut so hinausgehen: Man soll ruhig sehen, wie ich wirklich bin.
Ich schäme mich nicht mehr.
Das Weiß, in dem ich liege, hat alles ausgelöscht, ein Ding ist so gut wie das andere, mein kostbares Notizheft zählt so viel wie ein Stück Klopapier oder wie der trockene Olivenzweig, der über dem Kopfende des Bettes hängt und die Wand mit seinem grünen Schatten zeichnet.
Und die Taube, die ihn im Schnabel hielt, ist sie nicht auch weiß?
Es gibt kein Entrinnen, ich sehe es überall. Hätte man mir gesagt, dass Weiß die wahre Farbe des Todes ist, hätte ich es geglaubt? Dabei hätte ich mich an das grelle Weiß aller Irrenanstalten und Krankenhäuser erinnern müssen, ich hätte erinnern müssen, dass es die Farbe des Deliriums und der Illusion von Heilung ist.
Bianca.
Ich verabscheue diesen Namen.
Wenn ich ins Bad gehe, lacht er mir von den Leinenhandtüchern entgegen, in Perlstich gestickt: Bianca, die Weiße, auf weißem Stoff. Aber in blau: Was wäre sonst zu sehen? Ich müsste diesen Handtüchern eigentlich dankbar sein, da sie nicht das erwartete Rosa zur Schau tragen, das doch sonst für Mädchennamen unvermeidlich ist. Wer die Stickerei gemacht hat, hat zum Glück bei der Gestaltung und den Farben etwas Unübliches gewagt, hat den Namen in einem fast türkisen Hellblau geschrieben und mit Blättern umgeben, die wie Schmetterlinge aussehen. Vielleicht wäre ein Wassergrün passender gewesen; aber ob nun grün oder blau oder rosa – das Wort bleibt weiß.
Wie die erste Seite dieses undatierten Tagebuches, die wer weiß warum weiß geblieben ist, vielleicht aus einer uralten Gewohnheit heraus, wie in der Schule die erste Seite des Heftes für Reinschrift, aus falsch verstandenem Ordnungssinn oder einfach wegen der Bedeutung des Namens: Selbst wenn ich ihn nicht schreibe, ist es, als stehe er längst da, so groß ist die Kraft, die in ihm liegt.
Oder ist die bloße Wahrheit, dass ich keinen Anfang wusste?
Zu Beginn von Der Ekel steht: »Feuillet sans date«.
So hätte auch ich anfangen müssen heute und gestern und vorgestern und all die anderen Tage davor, denn ich kann mich an keinen einzigen erinnern, der ein Datum gehabt hätte.
Seit ich in diesem Bett liege wie eine Kranke, durchlebe ich lauter Tage ohne Datum. In Wahrheit verbringe ich hier nicht viel mehr Zeit als sonst, dennoch scheint mir, als wäre ich den ganzen Tag hier, denn immerzu habe ich dieses Zimmer im Kopf; dieses weiße Zimmer und sein Bett, meine Zuflucht und meine Obsession. Ich denke an nichts anderes, ich liebe es und hasse es und denke an nichts anderes.
Ich tue die üblichen Dinge, die üblichen Dinge und vielleicht sogar noch ein paar mehr, aber mein Kopf ist von diesem weißen Zimmer besetzt; was auch immer mir an Unangenehmem geschehen mag, ich denke: »Ich habe meine Zuflucht, ich hab mein weißes Bett.« Oh ja, ich habe mich gefragt, ob ich verrückt geworden bin, ich frage mich das oft, doch schon der Hauch dieses Zweifels sagt mir, dass ich klar im Kopf bin.
»Feuillet sans date«: Denn ich kann nicht sagen, wann das alles angefangen hat – selbst wenn es womöglich kein Wann gibt und die Sache mit Anfang und Ende nur eine Erfindung des Verstandes ist, um den Dingen eine Ordnung zu geben.
Hier ist nichts in Ordnung.
Nicht, dass es vorher in Ordnung gewesen wäre, vielleicht ist es das sogar nie gewesen, aber ich war mir dessen nicht bewusst, sah es nicht so deutlich. Irgendwann ist plötzlich in mir das Gefühl explodiert, dass die Welt sich anders dreht.
Eines Morgens vor langer, langer Zeit rührte ich gedankenverloren mit dem Löffel in der Tasse, gegen den Uhrzeigersinn. Hatte ich das noch nie getan – oder hatte ich es nur nie bemerkt? Ich habe sofort die gewohnte Richtung eingeschlagen, aber im Nu, instinktiv, unwillkürlich, ließ die Hand den Strudel wieder andersherum kreisen. Das hat mich daran erinnert, wie ich als kleines Mädchen das Spiel spielte, Milch und Getreidekaffeepulver mit der linken und nicht mit der rechten Hand zu vermischen aus Spaß an der Unnatürlichkeit, denn es war lustig, wie die Milch Widerstand zu leisten und eine eigene Kraft zu besitzen schien.
Was ist es, das Kraft besitzt – und nicht Ich ist? Mein Gehirn ist diesem Löffel gefolgt.
Die Zuckerspirale am Boden der Tasse scheint mir wie
das Leuchtzeichen einer durchgreifenden Veränderung. »Die Wasser der heiligen Ströme fließen aufwärts, Recht und alles hat sich auf Erden verkehrt.«
Ich unterscheide nicht mehr rechts von links, ich weiß nicht, in welche Richtung die Zeiger der Uhr gehen. Ich bin nicht mehr zwanzig, sondern achtzig Jahre alt und blicke, als stünde ich auf einem verkehrt herum gedrehten Balkon, von hinten auf das Leben.
Sie ist vielleicht fünf Jahre alt,
ein blaues Kleidchen mit einer gelben Ente darauf genäht,
geschlossene Ledersandalen mit vier Löchern
und in der einen Hand die Schnur, an der sie Buzzy Bee zieht,
Bianca einsames Kind
auf dem buckeligen Feld voll bunter Kornblumen hinter dem Haus
am Meer
niedergekauert zum Pipimachen, sie lacht
lacht über die Grashalme
an den nackten Schenkeln.
»Bianca, was würdest du dir dies Jahr vom Weihnachtsmann wünschen?«
»Dass er mich zu einem Jungen macht.«
Zuallererst wegen dem Pipi: Warum kann ich das nicht auch im Stehen machen wie die Jungen? Ich vergehe vor Neid, wenn ich mit meinen Freunden draußen im Garten spiele und sie mal müssen und nicht einmal ins Haus gehen, sondern sich einfach dort, einfach so, vor eine Pinie oder vor ein Mäuerchen stellen, und los geht’s. Und wenn die Mama ihnen zuruft, dass man im Garten kein Pipi macht, ist es noch lustiger, weil der Reiz des Verbotenen dazukommt.
In den Bergen stehen Luca und Riccardo nebeneinander und machen Pipi in das Mäuerchen aus Schnee, so dass sich unmissverständliche gelbe Löcher in dem blendenden Weiß bilden; aus dem Augenwinkel sehe ich den dünnen Strahl begleitet von dem vertrauten Geräusch fallender Kieselsteine herunterrieseln und beneide sie maßlos: Sie brauchen sich nicht einmal die Skier abzuschnallen.
Für mich und Mirta dagegen gilt: Schlange stehen vor dem winzigen, stinkenden Klo der Berghütte, die Handschuhe ausziehen, die in den Matsch fallen, den Skianzug herunterziehen, den Reißverschluss der Unterwäsche suchen, der immer klemmt.
Bis wir unser Pipi endlich gemacht haben, schaffen die anderen zwei glücklich und zufrieden eine ganze Abfahrt ohne uns, von der sie triumphierend zur Hütte zurückkehren: »Wir sind die schwarze Piste gefahren!«
Invidia penis. Incommensurabilis invidia penis.
(Incommensurabilis und invidia gehören zusammen.)
Heute ist es noch immer so wie damals, noch immer sterbe ich vor Neid. Und zwar jedes Mal, wenn ich eine öffentliche Toilette betrete: weil ich kein Mann bin, weil ich keinen Pimmel habe. Bezüglich der invidia penis hat Freud vergessen zu sagen, dass sie in öffentlichen Damentoiletten ausbricht.
Da ist die Schlange. Von bis zu zehn Frauen, je nach Tageszeit.
Frauen müssen immerzu aufs Klo.
Sollte die Toilette frei sein, ist sie meist unbenutzbar, oder du weißt, dass du heute deinen Glückstag hast. Aber es gibt fast immer eine Schlange, endlose Minuten lang, während du es kaum noch aushältst. Und natürlich noch viel länger, wenn es kalt ist.
Frauen sind langsam. Eine Frau braucht zum Pinkeln etwa dreimal so lange wie ein Mann. Dabei ist es gar nicht ihre Schuld: Es sind all diese Schichten, die sie herunterziehen oder hochheben muss.
Ich habe die Tür erreicht – endlich erlöst, kaum zu glauben.
Und was mache ich jetzt mit Mantel und Tasche? Von einem Haken natürlich keine Spur.
Ich muss also mit umgehängter Tasche und hochgehobenem Mantel pinkeln.
Aber natürlich erst, wenn ich es geschafft habe, der Reihe nach: die Hose aufzuknöpfen – oder den Rock hochzuheben –, die Bluse leicht hochzuziehen – oder das T-Shirt bzw. den Pulli, je nachdem –, die Strumpfhose und schließlich auch noch die Unterhose herunterzuziehen. (Falls du einen Body trägst, ist das Pinkeln in einer öffentlichen Toilette der reinste Masochismus.)
Noch bevor ich mich über die Schüssel hocke, habe ich auch schon Großmutters Stimme im Ohr, wie sie im Kino hinter der Klotür ruft: »Setz dich bloß nicht drauf!«
Ich weiß, ich weiß. Auch wenn alles sauber aussieht, darf ich mich nicht hinsetzen, wer weiß schon, wie viele Leute hierher kommen, das ist unhygienisch und so weiter und so fort.
Also tust du nur so und verlangst deinen Oberschenkelmuskeln eine nicht unerhebliche Leistung ab. Und dann musst du noch zielen können (was du mit den Jahren Gott sei Dank lernst). In den von weniger feinem Publikum frequentierten Toiletten gibt es immer den entsprechenden Klospruch an der Wand: »Ins Zentrum treffen muss ja nicht sein, aber macht wenigstens in die Schüssel rein.« Oder auch »Nur Säue pissen daneben« und Ähnliches.
Wenn du nicht nur Pipi machen musst, wird die Sache sehr mühsam.
Und dann ist da noch die psychologische Abschreckung: Hinter der Tür stehen Leute, die erstens warten und zweitens zuhören (deshalb versuche ich immer, den Strahl die Schüsselwand entlang zu lenken, so dass er nicht direkt auf das Wasser unten trifft).
Sind alle oben genannten Vorgänge abgeschlossen, ist es jetzt endlich so weit.
Ah, tut das gut.
Aber die Erleichterung hält nicht lange an.
Gerade so lange, bis ich merke, dass kein Klopapier da ist. Und natürlich habe ich keine Papiertaschentücher in der Handtasche. Bleibt also nur »Abschütteln«, ein ungeschickter Versuch, die Männer nachzuahmen, was mit Sicherheit zur Folge hat: Die Unterhose wird nass.
Dann die Anzieherei: hoch die Unterhose, hoch die Strumpfhose, runter das T-Shirt oder die Bluse oder den Pulli, hoch die Hose – oder runter den Rock –, runter den Mantel, Achtung, die Tasche fällt gleich, fertig, Schluss, endlich. Nun noch schnell zum Waschbecken, das sich natürlich draußen befindet, und Hände waschen.
Ach, hätte ich doch so einen netten Pimmel, da bräuchte ich nur den Reißverschluss der Hose zu öffnen und könnte ihn durch den Schlitz der Boxershorts herausziehen – Männer müssen ja noch nicht einmal ihre Unterhosen herunterlassen, sie haben diesen Schlitz, durch den sie ihn einfach herausholen können! Wenn ich ein Mann wäre, würde ich die Boxershorts womöglich auch zum Vögeln nicht ablegen (und solche Männer gibt’s, glaube ich). Und dann stehen sie alle gleichzeitig da, die Jungens, ohne jede Warterei, einer neben dem anderen vor diesen wunderbaren weißen Pissoirs: ah, das männliche Geschlecht, so schön sichtbar, handlich, praktisch.
Im Moment allerdings fehlt es mir ausnahmsweise einmal nicht, jetzt, wo Winter ist und eine Schweinekälte herrscht, und wenn ich auf meinem Klo zu Hause sitze und Pipi mache, wärmt mich das warme Rinnsal für einen Moment.
Die Kälte verabscheue ich ebenso, wie ich die dunklen Nachmittage hasse, die Winterzeit bringt mich zum Weinen, am liebsten würde ich in Lethargie verfallen wie ein Tier. Einen langen Winterschlaf halten und erst wieder aufwachen, wenn es warm wird.
Einen langen Schlaf, voller Träume.
Voller Kleinmädchenträume.
Da ich mit Luca und Riccardo aufgewachsen bin, immer mit den Jungen zusammen und an sie gewöhnt war, kann ich mir nicht vorstellen, selbst kein Junge zu sein, ihnen nicht in allem und mit allem gleich zu sein:
»Luca, wieso hab ich keinen?«
»Weil du ein Mädchen bist.«
»Ja, aber heißt das, dass ich nie einen haben kann, bloß weil ich ein Mädchen bin?«
»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube schon: Die Mädchen, die ich gesehen habe, haben keinen. Und dann hab ich auch die Großen sagen hören, dass die Jungen einen Pimmel haben und die Mädchen... was anderes.«
»Aber warum, wer hat das beschlossen?«
»Das wird Gott so beschlossen haben, oder?«
»Gott? Aber wenn er das beschlossen hat, dann wird es ja immer so sein!«
»Ich glaube schon.«
»Aber ich wollte als Junge auf die Welt kommen! Ich will so sein wie du! Ich will auch so einen haben!«, schreie ich, während ich auf seine himmelblaue kurze Hose zeige.
»Hör mal, wieso willst du eigentlich unbedingt ein Junge sein? Wir tun einfach so, als wärst du einer, das ist doch dasselbe.«
»Nein, ist es nicht! Ich kann nicht im Stehen Pipi machen, und außerdem sagst du, Mädchen sind Heulsusen, und bei manchen Spielen lässt du sie nicht mitspielen, weil du meinst, dass sie zu doof dafür sind, und dann sagst du, dass sie immer nur heulen und nach der Mama rufen!«
Und natürlich heule ich wie verrückt, während ich das sage.
Ich kann meinen nackten Körper nicht leiden.
Diese zwei Hand voll Fleisch, die mir vor der Brust kleben, diese Fettfalten, die die Beine verunstalten, dazu die Haare überall – und an einer Stelle ganz besonders – und diese übertriebenen Auswüchse, die sich am Ende des Rückens herausstülpen. Vor allem aber, oder nein, unter allem, versteckt, fast so als wäre sie nicht da, und doch nur allzu präsent und lebendig, diese obszöne Wunde, aus der ständig Blut läuft, und dahinter der Wirbel von Nichts im Bauch, der aufsteigt, aufsteigt bis zum Gehirn; und aufgrund von alldem dieses Bedürfnis, diese furchtbare Notwendigkeit. Dann Unausgeglichenheit, Dunkel, Finsternis; und Launen, Melancholie, Wahnsinn.
Hätte ich den Körper einer Tänzerin, geschmeidig und nervös, einen zierlichen Körper, nicht so fleischlich, sondern gezeichnet wie ein Bild, vielleicht fände ich ihn weniger unerträglich.
Mein Körper dagegen... weich, voll, überbordend, viel Brust, viel Hintern, viel Schenkel, viel alles. So viel, dass er vor nicht allzu langer Zeit, als er noch mehr war, auf den feierlichen Spitznamen »Seine Fülligkeit« getauft wurde, von liebevoll mitleidslosen Freunden, die dieser Fülle nicht abgeneigt waren. Ich selber verabscheute diese Vielheit, Völle oder Fülligkeit. Also habe ich abgenommen, mühevoll und systematisch, von Diät zu Diät. Von der Jockey-Diät, die neun Kilo weniger in zwei Wochen versprach, zur dissoziierten Diät, die so heißt, weil sie zu mentaler Dissoziation führt, bis hin zur berühmten Scarsdale, die in Italien auch einfach Scars genannt wird, weil scarso »wenig« heißt.
Meine Banknachbarin im Gymnasium, Gioia, hatte eine ganz eigene Diät erfunden, die aus mageren, in ein bisschen Wasser gekochten Hamburgern bestand, sowie aus Salat mit Salz und Essig und aus Äpfeln. Ich hielt mich vor allem an die Scars, brach aber regelmäßig nach einer Woche ein: Pünktlich am achten Tag erwischte ich mich in der Pause, wie ich quasi in Trance halbmeterlanges Blätterteiggebäck kaufte an dem kleinen Stand in der Schule, wo zwischen halb elf und elf die Frauen von der Bar nebenan alles Mögliche verkauften: Tramezzini, rote und weiße Pizzette für die, die schon richtig Hunger hatten, Croissants, Berliner und Schweineohren für die, die noch sehnsüchtig ans Frühstück dachten. Sieben Tage hielt ich mich von diesem Stand fern, wich in ein anderes Stockwerk aus oder flüchtete in den Hof. Zu Beginn der zweiten – entsetzlichen – Diätwoche brachte ich es, halb ohnmächtig und mit weichen Knien, gerade noch fertig, tausend Lire aus der Tasche zu ziehen, und leckte dann an dem Zuckerguss des Blätterteigs wie eine, die seit Tagen nichts gegessen hat – was ja auch stimmte –, unter schrecklichen Schuldgefühlen, aber mit einem irren Genuss. Und doch begann ich jeden Monat von neuem verbissen mit der Scars, so dass ich es Stück für Stück – mit einer Woche Durchhalten pro Monat – schaffte, abzunehmen, ohne wieder zuzunehmen, und bei einem Meter fünfundsechzig ein Gewicht von höchstens sieben- bis neunundfünfzig Kilo zu halten. Standard also für eine, die kein Mannequin werden will.
In meinen Augen ist immer noch ziemlich viel von mir übrig. Der androgyne Körper, den ich anstrebte, ist ein Traum geblieben: Meiner besteht auch heute noch aus viel Fleisch.
Und er ist vor allem sehr weiblich geformt.
Ich musste feststellen, dass Gewicht verlieren nicht Busen und Hintern verlieren bedeutet, geschweige denn das Geschlecht. Das bleibt. Ganz und gar das gleiche.
Gioia war dagegen so zäh in ihrer Diät, dass sie außer der Bedeutung ihres Namens – Freude – auch ihre Menstruation verlor. Ich erreichte diesen Punkt nie und beneidete sie ein wenig darum: Sie hatte den Hunger besiegt und schien, wenn auch nicht zu einem endgültigen Abschied von der Klasse und von der Welt – so weit brachte auch sie es nicht –, zumindest zur Geschlechtslosigkeit bestimmt.
Jeden Tag, an dem ich ihre Stimme nicht »Hier« sagen hörte, durchfuhr mich ein Schauer des Schreckens und der Begeisterung. »Sie kämpft!« hätte ich den Schulkameraden zurufen mögen, aber sie hätten es nicht verstanden, denn der einzige Kampf, den sie ausfochten (oder zumindest der einzige, von dem ich wusste), galt der Schule. Meine Freundin dagegen war – wie im Übrigen auch ich – für die Schule perfekt geeignet. Für das Leben waren wir es nicht, aber das Leben wollte uns trotzdem.
Beide überlebten wir die Jugend und die Diäten, auch wenn wir im letzten Schuljahr für diejenigen, die uns nebeneinander stehen sahen – sie groß und dürr, ich dagegen eher klein und rundlich –, wie Baseballschläger und Ball aussehen mussten.
Schließlich gewöhnte sie sich an ihre äußere Hülle und passte sich ihr so gut an wie möglich, und das Blut begann wieder in ihr und aus ihr heraus zu fließen.
Ich dagegen halte, obwohl inzwischen Jahre vergangen sind, noch immer an meinem Protest fest, an meiner reglosen Revolte, die sich jetzt in diesem weißen horizontalen Dasein erschöpft. Wo ich alles sehe, schwarz auf weiß, glasklar.
Immer ein- und denselben Film.
