Verliebt auf dem Land - Brigitte D'Orazio - E-Book

Verliebt auf dem Land E-Book

Brigitte D'Orazio

4,7
4,99 €

Beschreibung

Romantisch, spannend, überraschend – ein Liebesroman voll frischer Luft: »Verliebt auf dem Land« von Brigitte D’Orazio jetzt als eBook bei dotbooks. Wohin gehst du, wenn dein Herz keine Heimat hat? Sandra sollte glücklich sein: Die junge Tierärztin hat einen verlässlichen Freund und ein Leben, das … ja, was eigentlich? Angenehm dahinplätschert? Damit kann sie nicht zufrieden sein! Und so beschließt Sandra, noch einmal ganz neu anzufangen: Sie kehrt der Großstadt, in der sie sich in letzter Zeit regelrecht eingesperrt gefühlt hat, den Rücken zu und zieht ins Allgäu. Doch dort wird sie nicht mit offenen Armen empfangen – die Dorfbevölkerung ist sicher, dass eine Frau einfach nicht dafür geschaffen ist, Pferde, Kühe und anderen Landtieren zu behandeln. Aber Sandra weigert sich, klein beizugeben. Und als sich herausstellt, dass es auf dem Land auch sonst nicht so idyllisch zugeht, wie man glauben sollte, kann sie zeigen, was in ihr steckt! Alte Gewohnheiten, neue Liebe, gefährliche Geheimnisse und eine starke Heldin zum Verlieben: Viel Vergnügen mit diesem Roman! Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Verliebt auf dem Land« von Brigitte D‘Orazio. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 367

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Über dieses Buch:

Wohin gehst du, wenn dein Herz keine Heimat hat? Sandra sollte glücklich sein: Die junge Tierärztin hat einen verlässlichen Freund und ein Leben, das … ja, was eigentlich? Angenehm dahinplätschert? Damit kann sie nicht zufrieden sein! Und so beschließt Sandra, noch einmal ganz neu anzufangen: Sie kehrt der Großstadt, in der sie sich in letzter Zeit regelrecht eingesperrt gefühlt hat, den Rücken zu und zieht ins Allgäu. Doch dort wird sie nicht mit offenen Armen empfangen – die Dorfbevölkerung ist sicher, dass eine Frau einfach nicht dafür geschaffen ist, Pferde, Kühe und anderen Landtieren zu behandeln. Aber Sandra weigert sich, klein beizugeben. Und als sich herausstellt, dass es auf dem Land auch sonst nicht so idyllisch zugeht, wie man glauben sollte, kann sie zeigen, was in ihr steckt!

Alte Gewohnheiten, neue Liebe, gefährliche Geheimnisse und eine starke Heldin zum Verlieben: Viel Vergnügen mit diesem Roman!

Über die Autorin:

Brigitte D’Orazio ist ein Pseudonym der erfolgreichen Autorin Brigitte Kanitz, unter dem sie ihre romantischen Unterhaltungsromane veröffentlicht. Sie arbeitete viele Jahre als Redakteurin für Zeitungen und Zeitschriften in Hamburg und in der Lüneburger Heide. Heute lebt sie gemeinsam mit ihren Zwillingstöchtern an der Adria.

Brigitte D’Orazio veröffentlichte bei dotbooks die Romane »Die Sterne über Florenz« und »Villa Monteverde« sowie die Kurzromane »Das Haus in Portofino«, »Geliebte Träumerin«, »Der Fünf-Sterne-Kuss«, »Sing mir das Lied von der Liebe« – diese vier Titel auch erhältlich im Sammelband »Zum Verlieben schön« –, »Fundstücke des Glücks«, »Kapitäne küsst man nicht« und »Ti amo heißt Ich liebe dich« – diese drei Titel auch erhältlich im Sammelband »Zum Träumen romantisch«.

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eBook-Neuausgabe April 2019

Dieses Buch erschien bereits 2006 unter dem Titel »Tierärztin Sandra Baum« und dem Autorennamen Brigitte Brunner im Knaur Taschenbuch Verlag und 2015 unter dem Titel »Tierärztin mit Herz sucht Glück auf dem Land« bei dotbooks.

Copyright © der Originalausgabe 2006 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2015 und 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung eines Bildmotivs von shutterstock/Dora Zett

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)

ISBN 978-3-95520-774-8

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Brigitte D’Orazio

Verliebt auf dem Land

Roman

dotbooks.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Lesetipps

Für meine Töchter Alice und Virginia

Kapitel 1

Sandra hob den Kopf, sog tief die Luft ein und lächelte verzückt. Diese Duftmischung aus frischem Heu und warmen Pferdeleibern, die Dämpfe aus der Mistkarre in einer Ecke der Stallgasse, dazu der schneidende Geruch nach verbranntem Horn, während der Hufschmied ein neues Eisen anpasste – das alles roch wie ... Sandra zögerte, dann wusste sie: Es roch wie Heimat.

»Pfui Teufel, stinkt das hier!« Jan fischte ein blütenweißes Taschentuch aus seinem Jackett und hielt es sich vor die Nase. »Lass uns hier bitte ganz schnell wieder rausgehen. Ich glaube, mir wird schlecht.« Damit machte er auf dem Absatz seiner handgenähten Wildlederschuhe kehrt und strebte der Stalltür zu, sorgfältig darauf bedacht, in keinen Pferdeapfel zu treten.

Sandra sah ihm nach und stieß einen tiefen Seufzer aus. Es war ein Fehler gewesen, mit Jan hierher zu kommen, aber er hatte ja darauf bestanden.

»Selbstverständlich fahre ich dich«, hatte er gesagt. »Ich lasse meine Freundin doch nicht mutterseelenallein ins Allgäu verschwinden.« Wobei »Allgäu« aus seinem Mund klang, als wär's eine wilde Provinz in Patagonien und nicht einer der schönsten Winkel Deutschlands.

Während der fünfstündigen Fahrt über die Autobahn hatte er dann nichts anderes getan, als auf sie einzureden, um sie in letzter Minute doch noch von ihrem verrückten Plan, wie er es nannte, abzubringen. Von ihrer gesicherten Existenz war die Rede, von seinen beruflichen Plänen und von ihrer gemeinsamen Zukunft.

Sandra hätte schreien können. Genau das war es doch, was sie forttrieb. Dieses durchdachte Leben, geplant bis in alle Einzelheiten, das sich bis zum Horizont ihres Alters erstreckte wie eine endlose öde Wüste.

Ziemlich gemeine Gedanken, fand sie selbst, aber Jan war selbst schuld. Warum konnte er ihre Entscheidung nicht akzeptieren? Warum gab er ihr nicht wenigstens die Chance, sich zu beweisen? Vielleicht hatte er mit seiner Meinung ja Recht, und sie würde in kürzester Zeit zurück in Köln sein.

Aber sie musste es wenigstens ausprobieren. Also tat sie, was sie schon seit Wochen tat, ließ ihn reden und schwieg.

Selbst als sie die A96 bei Mindelheim verließen und immer tiefer ins zauberhafte Voralpenland eintauchten, fuhr Jan in seiner Predigt fort.

»Guck dich doch an, Mäuschen. Du bist gerade mal einssechzig groß und bringst keine fünfzig Kilo auf die Waage. Erklär mir bitte, wie du zum Beispiel einen wilden Hengst zähmen willst.«

»Jan«, brach sie nun doch ihr Schweigen, »es gibt im Allgäu seit ewigen Zeiten keine Wildpferde mehr. Und nenn mich nicht Mäuschen.«

»Du weißt schon, was ich meine.«

»Klar. Du traust es mir nicht zu, eine neue Aufgabe anzupacken. Für dich ist es völlig in Ordnung, wenn ich für den Rest meines Lebens übergewichtigen Dackeln eine Diät verschreibe oder asthmakranke Perserkatzen zur Kur schicke.«

»Bisher warst du damit doch ganz zufrieden. Verdammt!« Letzteres galt der Straße, die sich in zunehmend engen Kurven durch die Landschaft schlängelte. Sie hatten Marktoberdorf hinter sich gelassen und würden in weniger als einer halben Stunde in Detting ankommen. Der Ort lag zwanzig Kilometer vor Füssen und sollte, so hoffte Sandra, ihre neue Heimat werden.

Jan nahm den Fuß vom Gas und zuckelte kurz darauf hinter einem Traktor her, wobei er nervös mit den Fingern auf das Lenkrad klopfte. Als endlich eine kurze gerade Strecke kam, ließ er den Motor seines silbergrauen Alfa Romeos 159 aufheulen und zog vorbei. Sandra war froh, dass es wirklich keine Wildpferde mehr im Allgäu gab, fürchtete aber um das Leben von Rehen und Hirschen.

Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, welchen Eindruck sie auf die Einwohner von Detting machen würde, wenn sie mit einem protzigen Auto und einem in Armani gekleideten Mann dort auftauchte. Sympathiepunkte sammle ich auf diese Weise bestimmt nicht, dachte sie müde. Eher werde ich von vornherein als arrogant abgestempelt.

»Ich glaube kaum«, nahm sie den Faden wieder auf, »dass du auch nur im Geringsten eine Ahnung hast, wovon ich träume. Ich bin Tierärztin, Jan, und ich will endlich meinem Beruf einen Sinn geben.«

»Sandra, bitte! Das haben wir doch schon tausendmal durchgekaut.«

»Ja, das haben wir.« Plötzlich überfiel sie tiefe Traurigkeit. Er wird es nie verstehen, dachte sie. Für ihn ist das alles hier bloß eine verrückte Marotte von mir. Unauffällig betrachtete sie sein Profil, das abgesehen von der vorspringenden Nase glatt, weich, beinahe unscheinbar wirkte. Er war zehn Jahre älter als sie, und vor einigen Monaten hatte er damit begonnen, sein grau werdendes Haar braun färben zu lassen. Sandra hatte ihn deswegen ausgelacht, jedoch nur einen verständnislosen Blick geerntet.

»Für einen Geschäftsmann ist es wichtig, gut und jung auszusehen«, hatte er ihr erklärt und dabei eingehend seine Augenfältchen im Spiegel geprüft. O Gott, hatte Sandra gedacht, demnächst wird er sich auch noch liften lassen. Das war einer dieser Augenblicke gewesen, in dem sie sich fragte, was sie beide bloß gemeinsam hatten.

Seit zwei Jahren waren sie ein Paar, aber Sandra spürte schon lange eine sonderbare Form der Erschöpfung, wenn sie mit Jan zusammen war. Es schien ihr, als wären sie einander nie wirklich nahe gekommen, als gäbe es eine Art Niemandsland zwischen ihnen, das sie nicht zu überqueren wagte. Es kam ihr so vor, als hätte sie vergessen, wie man liebte, oder – Sandra schauderte – als hätte sie es nie gelernt.

Sie blickte aus dem Fenster auf die sanften Hügel, die jetzt im Mai ihr helles Grün gegen das leuchtende Gelb von abertausenden Butterblumen eingetauscht hatten. Hier und da erhoben sich dunkle, Schatten spendende Tannenwälder über die Farbenpracht, und ein leichter Wind schickte wie gewaschen wirkende Schäfchenwolken über den tiefblauen Frühlingshimmel. In der Ferne erhob sich die Alpenkette, schneebedeckt und massiv, als würde die Welt hier enden.

»Hörst du mir überhaupt zu?«

»Wie bitte? Entschuldige.«

»Ich habe dich gefragt, ob ich nicht doch über Nacht bleiben soll. Ich kann auch morgen in aller Frühe zu dem Meeting nach München fahren.« Jan besaß in Köln eine gut gehende Werbeagentur, und es hatte Sandra kein bisschen überrascht, als sie erfuhr, dass er die Fahrt mit einem Geschäftstermin verband. So war Jan. Der Job kam an erster Stelle, alles andere hatte sich einzufügen.

»Danke, nicht nötig«, erwiderte sie schroff. »Ich komme schon klar.«

»Hm.« Er warf ihr einen Seitenblick zu. »Aber wenigstens will ich noch sehen, wo du unterkommst. Außerdem interessiert es mich, diesen Dr. Pauly kennen zu lernen. Ein Kerl, der sich mit Händen und Füßen gegen dich gewehrt hat, um dir dann doch den Zuschlag zu geben, das muss schon ein besonderer Kauz sein.«

Sandra sagte nichts und schaute weiter aus dem Fenster, doch die liebliche Landschaft hatte auf einmal ihren Reiz verloren. Wieder stiegen die ahnungsvollen Sorgen in ihr auf, die sie seit Wochen so angestrengt zu verdrängen suchte.

Es stimmte ja. Dr. Leonhard Pauly, Landtierarzt im Kreis Detting, hatte ihr auf ihre Bewerbung hin umgehend eine klare Absage erteilt. Sein Partner habe sich zwar zur Ruhe gesetzt, aber er denke nicht daran, eine Frau an seiner statt in der Praxis aufzunehmen. Schon gar kein junges Mädchen, wie er sich ausgedrückt hatte. Gewiss würde sie eine Stelle finden, die besser zu ihren Fähigkeiten passe.

Empört schrieb ihm Sandra zurück, sie sei zweiunddreißig Jahre alt, falls er das überlesen habe. Außerdem wiederholte sie, dass sie über vier Jahre Berufserfahrung in einer Kölner Tierklinik verfügte. Doch es nutzte nichts. Dr. Pauly blieb stur und schmetterte zwei weitere Anfragen kurz angebunden ab.

Zu dem Zeitpunkt hatte Sandra bereits ihre Stellung gekündigt, und sie dachte gar nicht daran, wegen dieses Allgäuer Maulesels ihren Traum aufzugeben. Sie wollte raus aus der Stadt und auf dem Land endlich eine Tierärztin sein, die wirklich gebraucht wurde. Die Erbschaft von Onkel Dieter würde ihr dabei helfen. Irgendwo fand sich bestimmt eine andere Chance.

Zu ihrer größten Überraschung hatte sie dann vor zwei Wochen eine E-Mail aus Detting bekommen. Nicht von Dr. Pauly persönlich (das konnte der Mann offenbar nicht mit seinem Stolz vereinbaren), aber immerhin von seiner Tierarzthelferin. Angela Guggemos fragte an, ob Sandra noch immer an der Partnerschaft interessiert sei, und ließ durchblicken, dass sich kein anderer Kollege gefunden habe.

Den Ausschlag gab schließlich die stolze Summe, die Sandra für ihre Aufnahme in die Tierarztpraxis anbot. Man einigte sich auf eine Probezeit von drei Monaten, und Sandra machte sich keine Illusionen. An jedem einzelnen Tag, in jeder Stunde würde sie beweisen müssen, dass sie den Anforderungen gewachsen war.

Das Tier tauchte so plötzlich wie ein Blitzschlag am rechten Straßenrand auf.

»Pass auf!«, schrie Sandra.

Fluchend riss Jan das Lenkrad herum und stieg auf die Bremse. Der Alfa Romeo kam mit einem Ruck seitlich zum Stehen. Beide wurden schmerzhaft in ihre Gurte gedrückt.

»Was zum Teufel war das?«

Sandra starrte zu dem Waldstück hinüber, in dem das Tier mit weiten Sätzen verschwunden war.

»Das sah aus wie ein Wolf«, murmelte sie ungläubig.

»Du spinnst!«

»Wirklich. Die Größe, das graubraune Fell, ich möchte wetten ...«

»Quatsch.« Jan brachte den Wagen wieder in Fahrtrichtung und trat mit äußerster Vorsicht auf das Gaspedal.

»In dieser Gegend gibt es weder Wildpferde noch Wölfe noch sonst irgendein gefährliches Viehzeug. Oder willst du mir plötzlich etwas anderes erzählen?«

Sie waren jetzt an dem Waldstück vorbeigefahren, aber Sandra hielt weiterhin nach allen Seiten Ausschau.

»Nein«, sagte sie endlich. »Natürlich nicht.«

Jan nickte zufrieden. »Bestimmt war's nur ein entlaufener Schäferhund.« Trotzdem nahm er die nächste Kurve so langsam, als würde er dahinter eine Herde Mammuts vermuten.

Ja, ein Schäferhund, dachte Sandra bei sich. Doch etwas stimmte nicht, das spürte sie überdeutlich. Etwas an dem Tier war anders gewesen – fremd, ungebändigt. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie seine Augen gesehen, helle, eisklare Augen, die zurückstarrten, als wollten sie sagen: Verschwinde! Das hier ist mein Revier!

»Seltsam«, murmelte sie.

»Was?«

»Ich habe noch nie einen Schäferhund mit blauen Augen gesehen.«

Jan zuckte mit den Schultern. Für ihn war das Thema offenbar abgeschlossen. Sein geliebtes Auto hatte keinen Kratzer davongetragen, was kümmerte ihn da ein verwilderter Köter? Aber Sandra ging das Tier nicht mehr aus dem Kopf. Selbst als hinter dem nächsten Hügel der Zwiebelturm der Dettinger Marienkirche auftauchte, dachte sie noch über den Vorfall nach. Fast schien es ihr, als hätte der Wolfshund sie warnen wollen. Aber wovor? Oder besser gesagt, vor wem?

»Willst du zuerst in die Pension oder direkt zu Dr. Pauly?«, fragte Jan, als sie langsam durch den historischen Ortskern von Detting fuhren.

»Dr. Pauly«, entschied sie und schüttelte endlich jeden Gedanken an den Wolfshund ab.

Kurz darauf erreichten sie das alte Bauernhaus, in dem die Praxis eingerichtet war. Zu Sandras Enttäuschung fanden sie jedoch nur die Tierarzthelferin vor. Deren rote Locken waren zu zwei Zöpfen gebunden, und ihre äußert knappe Kleidung schien nicht so recht zu ihrem Job zu passen.

Trotzdem sagte Angela Guggemos sachlich: »Der Doktor ist zu einem Notfall nach Drei Eichen gerufen worden. Das ist ein Reiterhof gleich hinter dem Ortsausgang. Sie müssen nur auf der Hauptstraße links abbiegen und den Hinweisschildern folgen, dann können Sie es nicht verfehlen.« Dazu lächelte sie und entblößte ein schimmerndes Zahnpiercing.

Sandra bedankte sich, stieg wieder ein und wies Jan den Weg.

Zehn Minuten später stand sie in der Stallgasse und atmete tief diese ganz spezielle Duftmischung ein. Außer dem Hufschmied am anderen Ende der Stallgasse war niemand zu entdecken, und so folgte sie Jan wieder nach draußen.

Ihr Freund probierte gerade die ersten freien Atemzüge und klopfte dabei sorgfältig seinen Anzug ab. »Das war ja unerträglich.«

Sandra musste plötzlich grinsen. »Dann geh erst mal in einen Kuhstall.«

»Gott bewahre! Schatz, du bist mir ein Rätsel. Wie kann es dir hier bloß gefallen?«

Ihr Grinsen verschwand und machte einem träumerischen Ausdruck Platz. »Es fühlt sich eben an wie ... wie mein Zuhause.«

»Zuhause? Ich denke, du stammst aus Gelsenkirchen, Mäuschen. Entschuldigung«, sagte er hastig, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. Dann fragte er: »Hast du mir nicht erzählt, dass es in eurer Straße keinen einzigen Baum gab? Von dem hier ganz zu schweigen.« Sein Arm glitt in großer Geste über Stallungen, Bauernhaus, Weiden und den von mächtigen Eichen umrahmten Reitplatz hinweg.

Es hat keinen Zweck, dachte Sandra. Jan würde es nie begreifen. Die grauen Häuser, die lichtlose Straße, die enge Wohnung – das war doch nur die Wirklichkeit gewesen. Sie aber, das Kind Sandra, hatte ganz woanders gelebt, in ihren Träumen dahinfliegend auf ungesatteltem Pferderücken über Wiesen und Felder, hinter ihr Sonja, vor Freude kreischend, und die Augen, vom selben dunklen Grün wie ihre eigenen, weit aufgerissen und strahlend.

Sonja.

Ein plötzlicher scharfer Schmerz fuhr mitten durch ihr Herz, und Sandra spannte jeden Muskel im Körper an, bis sie sich hart und unangreifbar fühlte.

»Also«, fragte Jan, »was machen wir jetzt?«

Dankbar für die Ablenkung, sah sie sich um. »Schauen wir mal in der Reithalle nach. Irgendwo muss mein neuer Kollege ja stecken.«

Weit kamen sie nicht.

»Sie können da jetzt nicht rein!« Eine junge Frau, blond, langbeinig und schön wie eine Statue, baute sich vor ihnen auf. Sie musterte erst Sandra und dann Jan ausgiebig, wobei ihr Blick angesichts des gut gekleideten Mannes ein wenig an Schärfe verlor. Sie selbst bot in ihren maßgeschneiderten weißen Reithosen und den tiefschwarz polierten Stiefeln ein Bild erlesener Eleganz.

»Warum nicht?« Sandra dachte gar nicht daran, sich einschüchtern zu lassen. Sie blickte zu der Statue mit den perfekten Engelslocken auf, die sie um Haupteslänge überragte, und stemmte die Fäuste in die Hüften. Allerdings musste sie ihr ganzes Selbstbewusstsein zusammenkratzen, um sich nicht minderwertig zu fühlen. Ihr eigenes dunkelblondes Haar, das nur an guten Tagen wie flüssiger Honig schimmerte, war in einem unvorteilhaften Pferdeschwanz gebändigt, in ihrem Gesicht fehlte jede Spur von Make-up, und ihre Jeans hatten vor ungefähr zehn Jahren schon bessere Tage gesehen.

»Dort drinnen geht es um Leben und Tod!« Mit theatralischer Miene wartete die junge Frau offenbar auf eine erschrockene Reaktion.

Jan tat ihr den Gefallen. »Wow! Ist ja wie im Film. Mensch oder Tier?«

Die Blondine starrte ihn an, nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte. »Es gab einen Unfall. Luzifer ist schwer verletzt.«

»Ist das ihr Freund?«

»Wollen Sie mich veräppeln?«

»Nichts läge mir ferner.« Jan setzte sein freundlichstes Lächeln auf, aber Sandra wusste, dass er sich diebisch amüsierte.

Besänftigt entspannte sich die selbst ernannte Türsteherin. »Luzifer ist ein Junghengst. Robert hat ihn gerade erst gekauft.«

»Und Robert ist ...«

»Mein Freund!«, kam es pikiert zurück. »Robert Hohenstein. Ihm gehört der Hof. Wer sind Sie überhaupt?«

Es war an der Zeit, einzugreifen. »Dr. Sandra Baum. Ich bin die neue Tierärztin.«

»Sie? Das ist jetzt ein Witz, oder?«

»Bislang habe ich meinen Beruf immer sehr ernst genommen.«

»Aber Sie sind doch ...«

Jan kam ihr zur Hilfe. »Zu klein, zu jung und zu zierlich, um es mit einem Junghengst namens Luzifer aufzunehmen. Ganz Ihrer Meinung, meine Liebe. Ich bin übrigens Jan Böhnke, der Mann, der sich seit Wochen den Mund fusselig quasselt, um Sandra den Blödsinn hier auszureden.«

»Aha.« Verwirrt blickte die Blonde von einem zum anderen. »Verena Riedhofer.«

»Sehr erfreut. Wir sollten jetzt gehen, Schatz.«

Sandra überhörte die Aufforderung. »Sei so gut und hol meine Tasche aus dem Auto. Ich will nachschauen, ob ich helfen kann.«

»Nein.« Verena wich keinen Millimeter von der Tür. »Ich habe Anweisung, niemanden hineinzulassen. Es ist kein schöner Anblick, glauben Sie mir. Robert will nicht auch noch einen Arzt rufen müssen, um ohnmächtige Leute zu versorgen.«

»So leicht werde ich nicht ohnmächtig.«

»Ich schon«, murmelte Jan. Sandra warf ihm einen langen Blick zu, aber er hob nur die Schultern, wandte sich ab und trottete davon. Kurz darauf war er mit ihrer Notfalltasche zurück. »Wenn du nichts dagegen hast, warte ich hier draußen.«

Sie nickte und machte einen Schritt auf Verena zu. »Sie hindern mich an der Ausübung meines Berufes! Wenn es dem Pferd da drinnen wirklich so schlecht geht, wie Sie behaupten, wird Dr. Pauly froh über jede Hilfe sein.«

Dessen war sie sich zwar keineswegs sicher, aber irgendwie musste sie schließlich an dieser Miss Reitstall vorbeikommen.

Sandra versuchte sich die Szene im Innern der Halle vorzustellen. Zwei Männer, die hilflos um ein schwer verletztes Pferd herumstanden und sie mit großer Erleichterung begrüßten. Dr. Baum würde wissen, was zu tun war. Hirngespinste! Eher würde man sie zur Seite stoßen, damit sie dem Fachmann nicht im Weg herumstand. Trotzdem, sie musste da rein. Instinktiv spürte Sandra, dass der Moment ihrer Generalprobe bereits gekommen war. Wenn sie jetzt versagte, würde sie im weiten Umkreis von Detting beruflich keinen Fuß auf den Boden kriegen. So viel war sicher.

»Lassen Sie mich endlich durch!« In ihrer Stimme klang plötzlich ein Befehlston mit, der die Statue ins Schwanken brachte.

»Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf«, sagte Jan zu Verena, »dann geben Sie besser nach. Einen Machtkampf mit Sandra kann man nur verlieren. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Und sagen Sie niemals Mäuschen zu ihr.«

»Warum sollte ich«, murmelte Verena.

Sandra war sich nicht sicher, ob sie Jan für seine Unterstützung dankbar sein sollte, aber als sie sah, wie die Statue einen Schritt zur Seite trat, dachte sie nicht weiter darüber nach, sondern ergriff ihre Chance und schlüpfte schnell in die Reithalle.

Kapitel 2

Im Innern der Halle herrschte mattes Zwielicht, und Sandra brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Dann entdeckte sie eine kleine Gruppe Männer, die sich um ein mittelgroßes dunkelbraunes Pferd bemühte.

Der eisenhaltige Geruch von frischem Blut waberte durch die stickige Luft und mischte sich mit den scharfen Körperausdünstungen des zitternden Tieres.

Entschlossen stapfte Sandra durch das Sägemehl auf die Gruppe zu. Beim Näherkommen konnte sie die drei Männer besser unterscheiden. Auf der ihr zugewandten Seite stemmte sich ein etwa sechzigjähriger Mann gegen den in Angstschweiß gebadeten Pferdeleib, als könnte er mit schierer Muskelkraft verhindern, dass der junge Hengst umkippte. Er war untersetzt und hatte ein wettergegerbtes Gesicht. Trotz der Anstrengung blieb ihm noch genügend Luft, um laut zu fluchen.

Sandra überlegte, ob sie Dr. Pauly vor sich hatte, verwarf den Gedanken aber sogleich. Vor Wochen hatte sie einmal mit dem Tierarzt telefoniert, und da hatte seine Stimme anders geklungen.

»Halt durch, Sepp! Er darf sich nicht hinlegen!« Diese Stimme erkannte Sandra sofort, und sie hörte die leise Panik heraus. In derselben Sekunde wurde sie von dem dritten Mann entdeckt, der den Braunen vorn am Kopf hielt und beruhigend auf ihn einsprach. Er war sehr groß, Sandra schätzte ihn auf über einsneunzig, hatte volles schwarzes Haar und strahlte selbst in dieser Situation einen unwiderstehlichen Charme aus. Sein beigefarbenes Hemd war voller Blut, und sie nahm an, dass sie Robert Hohenstein vor sich hatte, den Besitzer des Reiterhofs.

»Dr. Sandra Baum«, stellte sie sich erneut innerhalb von fünf Minuten vor. »Ich bin die neue Tierärztin.«

Bevor er etwas erwidern konnte, ging sie um das zitternde Pferd herum und schaute direkt auf den breiten, gebeugten Rücken des Tierarztes. Dann erfasste sie die Lage mit einem Blick. Der Hengst hatte eine große Bauchwunde, mindestens dreißig Zentimeter lang und stellenweise bis zu zwei Fingern tief. An dem hellrot herauspulsierenden Blut erkannte Sandra, dass eine Arterie getroffen war.

Der Tierarzt hatte an zwei Stellen bereits eine Klemme angebracht, um die Blutung zu stoppen, und nahm gerade eine dritte aus seiner Tasche. In dieser Sekunde knickte der Hengst mit den Vorderbeinen ein. Sandra zögerte nur kurz. Wenn er jetzt zusammenbrach und mit seinem schweren Körper die Wunde verdeckte, würde er verbluten. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus, die drei Männer zuckten zusammen, der Hengst richtete sich vor Schreck wieder auf.

»Himmelsakra!«, fluchte der Tierarzt und starrte ins Sägemehl. »Das war meine letzte Klemme.«

»Hier«, sagte Sandra ruhig. Sie reichte ihm ein frisches Instrument aus ihrer Tasche. Ein strenger Blick aus dunklen Augen streifte sie, eine Hand, groß wie eine Schaufel, griff nach der rettenden Klemme. Sandra wartete keine Anweisungen ab, sondern riss eine Spritze aus ihrer Verpackung, zog ein kreislaufstützendes Medikament auf und setzte die Nadel sicher am Hals des Pferdes an. »Was ist mit Tetanus?«, fragte sie dann knapp.

Dr. Pauly sah sie nicht an, antwortete aber: »Geben Sie ihm zur Sicherheit eine Auffrischung.«

Anschließend bereitete Sandra das Desinfektionsmittel vor, mit dem Dr. Pauly das verletzte Gebiet ausspülte. Dann hockte sie sich neben ihren Kollegen in das Sägemehl. Schweigend machten sie sich daran, die große Wunde zu nähen. Ohne sich abzusprechen, begann Dr. Pauly an der einen Seite, Sandra an der anderen.

Sie wusste, dass dieses Pferd noch Glück im Unglück gehabt hatte. Die lebenswichtigen Organe waren verschont geblieben, und sobald der Blutfluss gestoppt war, bestand keine unmittelbare Gefahr mehr.

Als die zu nähende Stelle immer kleiner wurde, zog Sandra sich zurück und beschränkte sich darauf, dem Kollegen Nadel und Faden zu reichen. Sie bewunderte seine knappen, präzisen Bewegungen. Seine großen Hände strahlten Ruhe und Selbstsicherheit aus, die Falte zwischen seinen buschigen Augenbrauen zeugte von tiefer Konzentration.

Sandra betrachtete den Mann, mit dem sie in den nächsten Monaten eng zusammenarbeiten sollte, und konnte nicht entscheiden, ob sie ihn attraktiv fand. Sein Gesicht war eine Spur zu breit und zu flach, um als markant durchzugehen, der Mund, zusammengepresst, wirkte abweisend.

Sie wusste, dass Dr. Pauly zehn Jahre älter war als sie, aber im Augenblick hätte sie ihn auf mindestens fünfzig geschätzt. Seine Haltung, sein Schweigen, seine Art, sie kaum wahrzunehmen, machten ihr eines klar: Es würde schwer werden, vor diesen harten Augen zu bestehen.

Endlich stand der Tierarzt auf und nahm aus ihren Händen das vorbereitete Verbandsmaterial entgegen. Er tränkte die sterile Gaze mit Desinfektionsmittel und presste sie gegen die vernähte Wunde. Dann folgte eine dicke Watteschicht und schließlich ein ausreichend großes, mit Bändern versehenes Tuch, die am Rücken des Hengstes fest verknotet wurden.

Sandra musste sich zu ihrer vollen Länge strecken, um zwei Bänder am Widerrist zu schließen, und sie spürte den kritischen Blick ihres Kollegen wie feine Nadelstiche. Nur gut, dachte sie, dass ich ihm vorher kein Foto geschickt habe, auf dem er sehen konnte, dass ich keine Walküre bin.

»Danke für Ihre Hilfe.« Die Worte überraschten sie, bis sie merkte, dass sie nicht vom Tierarzt stammten. Robert Hohenstein schenkte ihr ein warmherziges Lächeln. »Sie sind genau im richtigen Moment gekommen.«

Sandra winkte ab. »Ich hab nur meinen Job gemacht. Wie ist das überhaupt passiert?« Sie stellte fest, dass seine Augen von einem hellen, beinahe bernsteinfarbenen Braun waren, und diese Erkenntnis breitete sich rasch und ungestüm wie eine neugeborene Sehnsucht in ihrem Herzen aus.

Robert öffnete den Mund, um ihr zu antworten, als der Tierarzt schroff dazwischenfuhr. »Für ein Plauderstündchen ist jetzt keine Zeit, werte Kollegin. Luzifer muss schnellstens in seine Box. Sepp, du gehst hinten und passt auf. Fräulein Baum und ich stützen ihn an den Seiten, und du, Robert, machst langsam einen Schritt nach dem anderen.«

Fräulein Baum!, dachte Sandra wütend. Treffender hätte er seine Verachtung nicht ausdrücken können. Ungehobelter Kerl!

»Schaffen Sie das?«, fragte er sie jetzt.

»Ich denke schon«, gab sie ebenso unfreundlich zurück und war froh, als sie seinem scharfen Blick entkommen konnte.

Während sie zusammen die Wunde vernähten, hatte Sandra minutenlang so etwas wie Harmonie zwischen ihnen gespürt. Ganz so, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als Seite an Seite zu arbeiten. Alles Einbildung, dachte sie jetzt. Der Mann konnte sie nicht ausstehen. So viel war klar.

Seufzend nahm sie ihre Position an Luzifers rechter Flanke ein. Der Junghengst zitterte vor Anstrengung, als er nun langsam einen kurzen Schritt vor den anderen setzen musste. Schon nach zehn Metern war Sandra schweißgebadet. Das Tier schien sich mit seinem gesamten Gewicht ausgerechnet auf sie zu stützen.

»Möchten Sie ihn lieber führen?«, erkundigte sich Robert mitfühlend.

»Nein«, keuchte sie. »Es geht schon. Luzifer kennt mich nicht und wird mir vielleicht nicht folgen.«

»Wenn Fräulein Baum nicht mehr kann, tauscht sie die Position mit Sepp.«

»Und wenn Sie noch einmal Fräulein Baum zu mir sagen, gibt's ein zweites Unglück!«

Ein Ton klang zu ihr herüber, der ein Auflachen bedeuten konnte oder auch ein Wutschnauben. Sandra grinste und biss die Zähne zusammen.

Nach einer Ewigkeit erreichten sie die Tür zur Reithalle. Robert rief ein Kommando, und Verena öffnete. Draußen blieben sie stehen, um kurz Atem zu schöpfen.

»Kann ich ... irgendwie helfen?«, erkundigte sich Jan todesmutig. Dann starrte er auf Roberts blutbeflecktes Hemd, wurde erst rot, anschließend blass und setzte sich wo er war in den Sand.

»Gehört dieser Held zu Ihnen?«, erkundigte sich Dr. Pauly mit vor Spott triefender Stimme.

Sandra würdigte ihn keiner Antwort, sondern warf Verena nur einen Hilfe suchenden Blick zu.

»Ich hole ihm ein Glas Wasser«, murmelte sie und verschwand in Richtung Haupthaus.

Kaum war sie weg, kam ein junger Bursche aus dem Stall auf sie zugelaufen. Er sah aus wie eine jüngere Ausgabe des Hofbesitzers, noch unfertig, schlaksig, aber schon mit einer Ahnung von späterem Charme und Selbstbewusstsein.

»Du kommst genau richtig, Willi!«, rief ihm Robert zu.

Das Gesicht des Jungen verzog sich kurz zu einer trotzigen Grimasse, die ihm schlagartig ein kindliches Aussehen zurückgab. Dann zwang er sich zu einem coolen Blick.

»Bruderherz, du siehst ja echt scheiße aus.«

»Danke«, sagte Robert knapp. »Vielleicht hilfst du uns lieber, anstatt dumme Sprüche zu klopfen.«

»Ist gepeilt, großer Boss.«

Sandra mochte den Jungen auf Anhieb und lächelte ihm dankbar zu, als er ihren Platz an der Seite des Pferdes einnahm.

Zehn Minuten später war Luzifer heil in seiner Box angekommen und wurde Sepps Obhut überlassen. Dr. Pauly ermahnte den Stallknecht mehrmals, dass der Hengst sich vorläufig nicht hinlegen durfte. »Binde ihn ganz kurz an. Heute Abend komme ich noch einmal nach ihm schauen«, versprach er und ging dann hinaus, um seine Sachen einzuräumen.

Kurz darauf lief auch Sandra schnell in die Halle und holte ihre Tasche. Als sie zurückkam, stieg der Tierarzt gerade in einen altersschwachen Kombi von undefinierbarer Farbe. Grau vielleicht. Oder verblasstes Dunkelblau. Robert Hohenstein versuchte ihn aufzuhalten. »Verena kocht Kaffee für alle. Bleib wenigstens noch fünf Minuten. Du hast auch eine Pause verdient, Leo.«

Leo. Sandra gefiel die Abkürzung. Dr. Leonhard Pauly wirkte dadurch zugänglicher, beinahe menschlich.

Seine Entgegnung jedoch machte den Eindruck sofort wieder zunichte.

»Keine Zeit. Der alte Carl vom Brunner-Hof wartet schon auf mich. Zwei seiner Kühe geben seit gestern keine Milch. Aber meine reizende Kollegin hier freut sich bestimmt über einen netten Kaffeeklatsch.«

Damit schlug er die Wagentür zu, ließ den Motor an und fuhr vom Hof.

Wütend starrte Sandra ihm hinterher. Sie kannte ihn erst seit einer knappen Stunde, aber das genügte völlig, um ihn leidenschaftlich zu hassen.

»Nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen, Dr. Baum.« Robert Hohenstein blickte sie mitfühlend an. »Leo ist manchmal ein ziemliches Raubein, aber in Wirklichkeit hat er ein großes Herz.«

»Tatsächlich?«

Einen Moment schien es, als wollte der Hofbesitzer einen Schritt auf sie zu machen. Sandra stellte sich vor, wie er sie in die Arme nehmen würde und ...

»Ich glaube, ich muss mich dringend waschen und umziehen«, sagte er da. »Sonst müssen wir noch einen Arzt für ihren ... ähm ... Freund rufen.«

Mein Gott, Jan! Den hatte Sandra in den letzten Minuten ganz vergessen. Sie sah sich um. Er saß inzwischen nicht mehr auf dem Erdboden, sondern auf einem Baumstumpf, klopfte sich den Dreck von der Hose und gab sich alle Mühe, einen selbstsicheren Eindruck zu machen.

»Wir treffen uns in meinem Büro«, sagte Robert zu Sandra. »Mein Bruder zeigt Ihnen den Weg. Direkt daneben finden Sie ein kleines Bad, wo Sie sich frisch machen können. Ihrem ... Freund wird ein Kaffee auch gut tun.«

»Haben Sie nicht etwas Stärkeres?«, erkundigte sich Jan eine Viertelstunde später bei Verena. »Was trinkt man hier denn so? Obstler? Na, irgendetwas, das mich wieder richtig auf die Beine bringt.«

»Gern.«

Alle außer dem jungen Wilhelm bekamen ein Glas und stießen auf die überstandene Gefahr an. Wilhelm hatte Sandra inzwischen verraten, dass er es hasste, Willi genannt zu werden, und Bill vorzog. Sie versprach ihm, daran zu denken, und gewann in dem jungen Burschen einen Freund.

Endlich erfuhr sie auch, wie sich der junge Hengst die tiefe Wunde zugezogen hatte.

»Auf dem Trainingsplan stand heute das Gymnastikspringen über Bodenricks«, erzählte Robert Hohenstein. Sandra wusste, dass es sich bei diesen niedrigen Hindernissen, auch Cavalettis genannt, um einzelne Stangen handelte, die an ihren Enden von zwei kreuzförmig zusammengefügten Pfählen gehalten wurden. Je nach Bedarf konnten sie verschieden hoch aufgestellt oder auch übereinander gestapelt werden. »Am Ende der Reihe hatten wir einen Oxer aufgebaut«, fuhr Robert fort. Ein solches Hindernis stellte für ein Pferd in der Ausbildung schon eine größere Herausforderung dar. Das Tier musste nicht nur hoch, sondern auch weit springen, um über die doppelte Reihe von Stangen zu kommen. »In der zweiten Runde ist Luzifer vor lauter Übermut losgeprescht und mit Gewalt in diesen Oxer gerast. Dabei ist eine der oberen Stangen wie ein Streichholz durchgebrochen, und als Luzifer schwer auf die Seite stürzte, hat das eine gesplitterte Ende der Stange wie eine Speerspitze seinen Bauch schräg aufgerissen. Ich konnte gerade noch abspringen.«

Sandra schauderte, als sie daran dachte, wie gefährlich so ein Sturz auch für den Reiter war.

»Er hat sofort furchtbar geblutet«, fuhr Robert fort, »Und ich habe versucht, die Blutung mit meinen Händen zu stoppen.«

»Das war genau richtig«, lobte sie ihn.

Er sah sie an, und für einen Moment schien es außer ihnen beiden niemanden im Büro zu geben. Bis Verena laut sagte: »Ich habe übers Handy Dr. Pauly benachrichtigt und dann den Sepp gerufen. Er hatte zum Glück die geniale Idee mit dem Heu im Müllsack.«

»Heu im Müllsack?«, fragte Jan verständnislos und hielt ihr erneut sein Glas hin.

Sie füllte es bis zum Rand. »Ja. Den Sack hat er dann auf die Wunde gepresst und ...«

»Ich glaube, so genau will ich das gar nicht wissen.« Jan kippte seinen Schnaps hinunter und sagte zu Sandra: »Mäuschen, ich habe ein Problem.«

Sie schwieg, in Gedanken noch immer damit beschäftigt, Roberts Augenausdruck zu deuten.

»Schatz, hallo!«

»Ja, was ist denn?« Jetzt spürte sie auch Verenas Blick auf sich ruhen, und es war keine Freundlichkeit darin.

»Ich fürchte, ich bin nicht mehr fahrtüchtig. Dieses Allgäuer Obstwässerchen hat es ziemlich in sich.«

Sandra schaute auf ihr Glas, das sie kaum angerührt hatte, und seufzte. »Dann kommst du eben doch mit in die Pension und fährst erst morgen früh nach München.«

»Wird wohl das Beste sein«, nuschelte Jan.

Sie nickte. »Aber ich werde noch mindestens zwei Stunden hier bleiben, um sicherzugehen, dass bei Luzifer keine Komplikationen eintreten. Vielleicht ist jemand so nett und fährt dich zu Frau Wittenbach.«

»Maria? Sie haben ein Zimmer bei Maria Wittenbach gebucht?« Verena schickte ein kurzes, amüsiertes Lachen in die Runde.

»Ja, wieso? Stimmt etwas nicht mit ihrer Pension?«

Verena wollte gerade antworten, als Robert aufstand und sie mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte. »Frau Dr. Baum interessiert sich wohl kaum für das Dettinger Dorfgeschwätz.« Er sah auf die Uhr. »Musst du nicht zurück? Ich dachte, die Vernissage beginnt um sechs.«

Wilhelm stieß Sandra leicht mit dem Ellbogen an und raunte ihr zu: »Verena ist nämlich die Königin von Füssen, müssen Sie wissen. Ohne sie würde die bessere Gesellschaft glatt zusammenbrechen.«

Sandra unterdrückte ein Schmunzeln.

»Und ich dachte, du würdest mitkommen«, sagte Verena gerade.

»Tut mir Leid. Ich fürchte, dazu bin ich jetzt nicht mehr in der Stimmung. Ich bleibe vorläufig hier und helfe Frau Dr. Baum, wenn es nötig ist.«

Verenas Blicke jagten wie die Feuerstöße eines Drachen zwischen Robert und Sandra hin und her.

»Gleich platzt sie«, murmelte Wilhelm, der offensichtlich keine besondere Sympathie für die Freundin seines Bruders hegte.

Sandra spürte auf einmal, dass ihr die Situation über den Kopf wuchs. Sie stand ebenfalls auf und wollte aus dem Büro flüchten, in dem die Luft plötzlich vor Feindseligkeit vibrierte. Einzig Jans kläglicher Ruf hielt sie zurück: »Und was wird nun aus mir?« Sein Gesicht hatte eine zarte grüne Tönung angenommen, die Augen rollten mal hierhin, mal dorthin.

»He«, sagte Wilhelm, »mit dem geilen Schlitten da draußen fahre ich Sie ruckzuck zur Maria. Ich weiß bloß nicht, ob Sie dabei nicht ins Auto k...«

»Willi!« Robert von Hohenstein baute sich drohend vor seinem Bruder auf. »Ich glaube, der Schmied braucht noch deine Hilfe. Ab mit dir!« An Jan gewandt fügte er hinzu: »Ruhen Sie sich einfach eine Weile hier aus. Das Sofa ist ziemlich bequem.«

»Sehr freundlich, danke. Mit diesem Schnaps sollten sie übrigens nicht so um sich werfen.«

»Mich braucht hier wohl niemand mehr«, sagte Verena und rauschte hoch erhobenen Hauptes aus dem Büro. Wilhelm folgte ihr, nicht ohne Sandra verschwörerisch zuzuzwinkern.

»Gehen wir?«, fragte Robert.

Sie warf einen Blick auf Jan, der bereits eingeschlafen war, und nickte.

Als sie an Roberts Seite die Stallgasse entlangging, dachte Sandra nicht zum ersten Mal an diesem Tag: Das wird verflixt schwer hier in Detting. Und doch fühlte sie sich beschwingter als noch vor einer Stunde. Immerhin hatte sie die erste große Prüfung bestanden.

In Wirklichkeit hatte die Leichtigkeit in ihrem Herzen mehr mit der Frau als mit der Tierärztin in ihr zu tun, aber das mochte sich Sandra nicht eingestehen.

Kapitel 3

Es war schon spät am Abend, als Sandra endlich den Stall von Drei Eichen verließ. Die Sonne geizte mit ihren letzten Strahlen und zog sich dann hinter die westlichen Alpengipfel zurück. Sanft legte sich die Dämmerung an diesem langen Frühsommertag übers Land. Von irgendwoher drang der dunkle, klagende Ton eines Alphorns durch das Tal, andere stimmten ein und fanden sich zu einer urtümlichen Melodie zusammen, die Sandra tief in ihrem Innersten berührte. Sekundenlang fühlte sie sich eins mit dieser neuen Welt, verzaubert und lebendig. Sekundenlang war sie glücklich.

Jan stützte sich schwer auf die Motorhaube. »Bist du sicher, dass du fahren willst?«

»Kein Problem«, murmelte Sandra. Der Zauber war gebrochen. Sie öffnete die Beifahrertür und half Jan beim Einsteigen. Ihr Freund befand sich in einer Art Dämmerschlaf und sackte sofort auf seinem Sitz zusammen.

Fast drei Stunden hatte er auf dem Sofa im Büro geschlafen, doch die Zeit hatte offensichtlich nicht genügt, um den ungewohnten Alkohol im Blut abzubauen.

Während dieser langen Stunden war Sandra nicht von Luzifers Seite gewichen. Sie sagte dem Stallknecht, er könne sich um seine anderen Aufgaben kümmern, platzierte einen Strohballen vor die Box des Braunen und hockte sich darauf.

Sepp musterte sie einen Moment lang zweifelnd. Sandra konnte sehen, wie es hinter seiner zerfurchten Stirn arbeitete. Seit wann musste er Befehle von einer Frau entgegennehmen, die vor ein paar Stunden noch kein Mensch hier gekannt hatte? Doch schließlich trollte er sich.

Eine Zeit lang leistete Robert Hohenstein ihr Gesellschaft. Sie plauderten entspannt, vermieden aber allzu persönliche Themen.

Immerhin erfuhr Sandra, dass seiner Familie nicht nur dieser Hof, sondern auch ein Hotel in Füssen gehörte. Das Hohenstein lag mitten in der barocken Altstadt zu Füßen des berühmten Klosters St. Mang.

»Sobald Sie Zeit haben, müssen Sie uns einmal dort besuchen«, bat Robert, und es klang wie ein Herzenswunsch.

Dann klingelte mehrmals hintereinander sein Mobiltelefon, und mit leisem Bedauern in der Stimme sagte er: »Tut mir Leid, ich muss dringend weg. Sehe ich Sie morgen?«

»Ich denke schon«, erwiderte Sandra. Bestimmt steckt Verena dahinter, schoss es ihr durch den Kopf. Sie reichte ihm die Hand zum Abschied. Ihre Finger verschwanden in seiner großen gepflegten Hand, und Sandra spürte die Wärme, die er ausstrahlte.

Dann sah sie ihm nach, wie er mit eiligen Schritten davonging, groß und schlank, beinahe mager, mit der Haltung eines Gardeoffiziers und den fließenden Bewegungen eines Tänzers.

Eine Weile herrschte noch reges Kommen und Gehen in der Stallgasse. Einige Reitschüler kamen zu Luzifers Box und erkundigten sich nach seinem Befinden. Der Junghengst stand mit hängendem Kopf in der hintersten Ecke, und Sandra war auch für ihn froh, als Ruhe einkehrte. Endlich waren alle Reiter heimgefahren, der Schmied hatte seine Arbeit beendet, und der junge Wilhelm Hohenstein verabschiedete sich mit einem Grinsen von Sandra.

»Der Sepp bleibt da, falls Sie was brauchen, und Dr. Pauly kommt ja nachher wieder vorbei. Aber ich habe jetzt eine definitiv dringende Verabredung.«

»Ist sie hübsch?«, fragte Sandra augenzwinkernd.

»Und wie!«

»Dann nichts wie weg. Hübsche Mädchen soll man nicht warten lassen.«

Minuten später hörte sie ein Mofa über den Hof knattern, dann hüllte die Stille sie ein, nur unterbrochen von gelegentlichem Hufescharren aus einer der Boxen, leisem Schnauben und dem Klackern einer automatischen Tränke.

Sie musste darüber kurz eingenickt sein, denn Dr. Pauly stand plötzlich wie herbeigezaubert vor ihr.

»Sie können jetzt gehen«, sagte er, und Sandra fand, er klang nicht ganz so unfreundlich wie am Nachmittag. Aber vielleicht spielten ihre übermüdeten Sinne ihr auch nur einen dummen Streich.

»In Ordnung. Wir sehen uns dann morgen früh in der Praxis.«

Er antwortete nicht mehr, sondern schob bereits die Boxentür auf, um den jungen Hengst zu untersuchen. Nicht nötig, hätte sie ihm gern gesagt. Ich habe erst vor einer halben Stunde nach ihm gesehen, und es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Aber im Augenblick war es wohl klüger, einfach nur zu verschwinden.

Sandra ließ den Motor an und steuerte den Alfa so vorsichtig wie möglich über den ungepflasterten Hof.

»Mannomann«, stöhnte Jan und hielt sich den Kopf. »Geht das nicht langsamer?«

»Ist gleich vorbei.«

Kurz darauf erreichte sie die Hauptstraße und fädelte den Wagen in den überraschend starken Verkehr ein.

»Für einen Ort mit knapp tausend Einwohnern ist hier aber ziemlich viel los.«

Jan antwortete nicht, sondern starrte nur mit schmerzerfülltem Blick aus dem Fenster.

Es dauerte einen Moment, bis Sandra die vielen auswärtigen Nummernschilder bemerkte. Offenbar nutzten Reisende in den Süden eine Abkürzung, die mitten durch Detting führte.

Für den ansonsten so malerischen Ort im Königswinkel war das eine schwere Belastung. Rechts und links der Straße reihten sich die weiß verputzten Bauernhäuser mit ihren typischen oberen Stockwerken aus dunkel gebeiztem Holz aneinander. Von den meisterhaft geschnitzten Balkonbrüstungen stürzte eine rot-weiße Blumenfülle in die Tiefe, und die überstehenden Giebel schienen jedes Haus schützend zu umarmen. An den Außenwänden erzählten Lüftlmalereien von der bäuerlichen Geschichte der Gegend, oder sie stellten religiöse Themen dar.

Langsam fuhr Sandra am Kirchplatz vorbei, der von einem prächtigen Maibaum beherrscht wurde. Zehn, zwölf Meter mochte er hoch sein und zeugte vom Stolz der Dorfbewohner auf ihre jahrhundertealte Tradition.

Ein Stück weiter stand die zauberhafte Rokoko-Kirche St. Marien. Sandra nahm sich vor, am Sonntag zur Messe zu gehen. Sie war in einer katholischen Familie groß geworden. Ihre Eltern waren nicht sonderlich gläubig gewesen, aber sie selbst hatte in schweren Zeiten Rat und Hilfe bei Gott gesucht. Auch in den dunkelsten Tagen, als jedes Lachen verstummte und die Schuld sich schwer in ihr Herz senkte.

Der Gedanke, in dieser schönen Dorfkirche eine neue spirituelle Heimat zu finden, ließ Sandra jetzt alle Müdigkeit vergessen.

Kurz vor dem Ortsausgang in Richtung Füssen bog sie links ab in den Senkeleweg und hielt kurz darauf vor der Pension Wittenbach.

Wilhelm hatte ihr den Weg beschrieben, bevor er zu seiner Verabredung gefahren war, und sie fand das zweistöckige Haus auf Anhieb.

Sie hatte den Motor noch nicht ausgestellt, als bereits eine Frau herausgelaufen kam.

»Grüß Gott! Herzlich willkommen! Ich bin Maria Wittenbach. Ich warte ja schon seit Stunden auf Sie. Hoffentlich hatten Sie keinen Unfall?«

»Nein«, sagte Sandra und stieg aus. »Es tut mir Leid, ich hätte anrufen und Bescheid geben müssen. Wir sind aufgehalten worden.«

Die Wirtin war ihr auf den ersten Blick sympathisch, aber sie fand sie auch, nun ja, etwas ungewöhnlich. Sorgfältig gekleidet, ohne Zweifel, doch die einzelnen Teile schienen wahllos kombiniert zu sein. Der dunkelblaue Rock aus schwerem Wollstoff bildete einen bemerkenswerten Kontrast zu der sommerlichen weizengelben Seidenbluse. Die klobigen Winterstiefel waren ein apartes Gegengewicht zu dem Florentiner Hut, der an italienische Hitze und Meeresrauschen denken ließ. Es schien, als hätte sich Maria Wittenbach nicht zwischen den Jahreszeiten entscheiden können. Das gab ihr etwas Jugendliches, obwohl Sandra sie auf mindestens Anfang sechzig schätzte. Am auffälligsten jedoch waren die Ohrringe, große goldene Kreolen, exotisch und im krassen Widerspruch zu dem ungeschminkten Gesicht. Beim Reden schwangen sie fröhlich mit, als wollten sie jedem einzelnen Wort ihrer Trägerin besondere Bedeutung zumessen.

Sie war etwa einen halben Kopf größer als Sandra, was nicht viel zu bedeuten hatte, und neigte zu gemütlicher Fülle. Ihre Augen funkelten in einem freundlichen, warmen Braun, der breite Mund aber lachte gegen jedes Vorurteil von Mütterlichkeit an, und die stahlgrauen Haare lugten als frecher Pagenkopf unter dem Strohhut hervor.

Unwillkürlich fragte sich Sandra, ob Verena Riedhofers amüsierte Reaktion etwas mit der äußeren Erscheinung der Wirtin zu tun hatte. Sie vermutete aber, dass mehr dahintersteckte.

»Nun kommen Sie erst einmal herein, Sie sind bestimmt ausgehungert. Ich habe eine große Schlachtplatte vorbereitet. Meinem Bruder Michael gehört die Metzgerei gegenüber. Und unseren feinen Allgäuer Emmentaler gibt es auch. Dünn wie Sie sind, machen Sie doch hoffentlich keine Diät, oder?«

»Nein«, erwiderte Sandra lachend. »Ich wäre froh, wenn ich mal ein paar Kilo zulegen könnte.«