Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Midstrom ist gefallen. Die Hauptstadt der Lokirer wurde von den Zentauren und ihren Verbündeten erobert. Die Gefährten wurden während der Kriegswirren getrennt. Einige Helden konnten sich mit einem Zauber aus der besetzten Stadt stehlen. Doch die Versetzung missglückte, und so findet sich die Gruppe in einem verwunschenen Moor wieder, dessen tückischen Bedrohungen sie nur mit unerwarteter Hilfe entrinnen können. Doch ihr weiterer Weg ist nicht minder steinig und gefährlich und führt sie mitten durch das von den grausamen Pferdemenschen besetzte und verwüstete Hinterland. Auf ihrem Weg zurück in die Zivilisation machen sie neue Begegnungen und müssen sich zahlreichen Herausforderungen stellen. Doch auch im umkämpften Grenzgebiet, erwartet sie Ungemach, denn der Krieg wütet weiter, und Gerüchte werden laut, dass der Schwarze Baron von Kommorra in Lokirien sein Unwesen treibt, um dem Dunklen Feind zu einem entscheidenden Sieg zu verhelfen. Gelingt es den Helden, die erbittert sich wehrenden Lokirern mit ihren besonderen Fertigkeiten zu unterstützen und dem Vormarsch des Feindes Einhalt zu gebieten? Und welche Aussichten haben sie noch, ihr prophezeites Schicksal zu erfüllen, wenn ungewiss bleibt, ob ihre Gefährten den Fall von Midstrom überlebt haben?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 1279
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Darrien Vekhor schlenderte gedankenverloren über die gewaltige Galerie, welche sich entlang der gesamten nordwestlichen Innenwand des Vulkankraters erstreckte, hoch über der grasbewachsenen Caldera. Wie ein winziges, unbedeutendes Insekt nahm sich der junge Fürst im Vergleich zu den gigantischen Steinsäulen aus, die in beeindruckender Kunstfertigkeit und wuchtiger Erhabenheit aus dem rauen Gestein der Felswand geformt und mit edelstem Marmor verkleidet waren. Sie stützten das hohe Gewölbe auf einer Seite ab, unter welchem Darrien sich bewegte. Doch dem Fürsten stand für einmal nicht der Sinn danach, die atemberaubende Aussicht über die riesigen, geradezu märchenhaften Anlagen der Festung Amcarsadhon zu geniessen. Zu viel ging dem Einen durch den Kopf, als dass er die Musse gefunden hätte, seine Augen an den monumentalen Schöpfungen und opulenten Bauwerken der Drachen zu weiden.
Er war bereits seit Stunden wach und auf den Beinen, wiewohl der Morgen noch jung und die glosende Sonne des anbrechenden Tages erst vor wenigen Momenten in einem roten Flammenkleid im Osten in den verhangenen Himmel aufgestiegen war, um die fransigen Schleierwolken mit zartem Pinselstrich zu betupfen und die bewaldeten Hänge des Gebirgszuges mit wärmendem Glanz zu überziehen. Seltsame Träume hatten Darrien heimgesucht und ihn mitten in einer stürmischen Nacht aus dem Bett getrieben, und seither hatte er sich darum bemüht, die verwirrenden und beunruhigenden Gesichte zu entschlüsseln, die ihm gekommen waren und ihm keine Ruhe mehr liessen.
Waren es wirklich nur Träume, unbedeutende Schöpfungen meines schlummernden Verstandes, oder hat mir die Göttin Nirs im Schlafe Dinge gezeigt, die sich wahrhaft abgespielt haben?, fragte sich Darrien zum wiederholten Male, während er mit leerem Blick an der gewaltigen Bildwand vorüberging, welche die Innenseite des Laubengangs mit schier überwältigender Imposanz beherrschte. Geradezu verbissen befleissigte er sich, die Erinnerungen an die flüchtigen Visionen und Geschehnisse, denen er Zeuge geworden war, festzuhalten, doch mit jedem Augenblick verblassten sie stärker, als würde ein grauer Nebel in seinem Geiste aufwallen und jene Gesichte umhüllen, um sie aufzulösen und zu verschlingen. Bald würden nur noch verschwommene Ahnungen und vage Empfindungen übrigbleiben, und damit würde Darrien die Möglichkeit genommen, die Bilder und Szenen zu verstehen.
Ein verbittertes Lächeln wehte über das schlanke Antlitz des Einen, und leicht schüttelte er den Kopf. Als Fürst der Drachen und Auserwählter der Götter standen ihm seit seiner Weihe vor einigen Jahren ungeahnte Kräfte und Fertigkeiten zur Verfügung, mit deren Hilfe er manches bewirken konnte, das einem gewöhnlichen Menschen nicht einmal in seinen Träumen gelingen würde. Doch diesen aussergewöhnlichen Gaben zum Trotz, bin ich noch immer nicht befähigt, die kryptischen Geschenke der Göttin des Schlafes zu entwirren und klug zu werden aus diesen Schimären. In dieser Hinsicht bin ich ebenso machtlos und ungelehrt wie der unbedarfte, sterbliche Bursche, der vor bald einmal sechs Jahren diese Insel betrat, um hier sein Schicksal zu finden, sinnierte der Eine mit einem Seufzen. Was gäbe ich doch dafür, Einsicht und Klarheit zu erlangen?, ächzte er und hielt für einen Moment in seinem ruhelosen Umherschreiten inne.
Versonnen liess Darrien seinen Blick über die kolossale Festung der Drachen schweifen, welche den erloschenen Krater des Vulkans Varundol in grandioser Monumentalität ausfüllte. Mittlerweile hatte der Himmel über der Waldinsel einen klaren Azur angenommen, darin auch die letzten Sterne der Nacht versunken waren, und der vormals tiefschwarze Wolkenbrodem, der sich während der Nacht über dem Meer der Stürme geballt hatte, war längst zerfallen und in alle Winde zerstreut worden. Nur noch vereinzelte Wolkenbänder zogen gleich fransigen Fetzen eines zerschlissenen Gewandes gemächlich über die Dracheninseln hinweg und würden sich gewisslich in den nächsten Stunden gänzlich verflüchtigt haben. Das goldene Licht des Tagegestirns überflutete mit wärmender Kraft die Kraterfestung und das umliegende Land, und aus den dichten, immergrünen Wäldern ringsum erhoben sich Dampfwolken wie gespenstische Untiere und wabernde Phantome und krochen träge die schroffen Hänge des Gebirgszuges hinauf, welcher einem Zackenkamm gleich aus dem smaragdenen Pflanzenlabyrinth aufragte.
Gemessenen Schrittes trat Darrien an die hohe und breite Steinbrüstung der Galerie heran, die jedoch kunstvoll durchbrochen war und ein filigranes, verschlungenes Gitterwerk aus festem Stein bildete, das in seiner üppigen und komplexen Struktur selbst die besten Werke der zwergischen Steinmetze bei weitem übertraf. Nur das ewige Wesen der Drachen, gepaart mit ihrer magischen Begabung, vermochte solch vollkommene Schönheit aus kargem, sprödem Felsen zu formen. Der Eine bettete seine Arme auf das Steingeländer und beobachtete für eine Weile verträumt das Spiel der geschmeidigen Sturmdrachen, die in wilden Reigen durch die klare Luft des Morgens flogen. Das goldene Sonnenlicht liess ihr Schuppenkleid in einem Kaleidoskop aus hellen Blautönen schillern, und beinahe hätte Darrien beim Betrachten ihrer halsbrecherischen Flugmanöver seine Nöte vergessen.
Doch schon nach wenigen Momenten blitzten vor seinem inneren Auge wieder Bruchstücke und unzusammenhängende Bildscherben seiner Träume auf und erinnerten ihn an das beklemmende Drängen, welches er in dieser Nacht empfunden und ihn mit furchtbarer Gewalt aus dem Schlaf gerissen hatte. Wieder versuchte er, die zunehmend verschleierten und zerbröckelnden Trümmer jener nächtlichen Phantasmagorien in seinem aufgewühlten Geist zusammenzufügen und zu untersuchen, und dabei begann abermals ein Unbehagen sein Innerstes aufzurühren. In der Folge gedieh von neuem die Ahnung in ihm, gleichsam als wäre sie ein Schatten der Bangnis, dass er wahre Ereignisse im Schlaf erschaut hatte und nicht bloss wirre Hirngespinste.
Er hatte das blutige Chaos einer gnadenlosen Schlacht gesehen, brennende Häuser und sterbende Menschen inmitten eines heulenden Sturms. Ein Heer von Zentauren in messingfarbenen Rüstungen strömte einer stählernen Flut gleich über eine Stadt herein und hinterliess Tod, Zerstörung und Verzweiflung. Und mitten unter den weichenden Verteidigern glaubte er jene auserlesene Gefährtenschaft erblickt zu haben, welche der Paladin Torias Alfaran um sich geschart hatte, um mit ihnen den Machenschaften des Hexenmeisters entgegenzuwirken!
Darrien schloss angespannt die Augen und bemühte sich, irgendwie Gewissheit zu erlangen, ob seine Träume ihm tatsächlich das Schicksal dieser bunten Gemeinschaft offenbart hatten. Längst aber hatten sich die vormals eindringlichen Gesichte des Schlummers im Wachen des Verstandes verflüchtigt und waren zu einem formlosen und schwammigen Hauch verblasst, und das machte ihm zu schaffen. Er vermeinte noch, sich an vollbemannte Schiffe zu entsinnen, die im ungestümen Gewoge des Meeres auseinandergetrieben wurden, doch waren die Erinnerungen zu undeutlich, um daraus Schlüsse zu ziehen und gefestigte Erkenntnisse zu gewinnen.
Darrien biss sich auf die Lippen, und unwillkürlich krampfte sich eine Hand um das reich verzierte Heft seines Schwertes, mit dem er sich gegürtet hatte. Was kann ich tun, um mein ruheloses Gemüt zu besänftigen? Ich muss in Erfahrung bringen, was jener tapferen Schar widerfahren ist, deren Los auf eigentümliche Weise mit dem meinen eng verbunden ist. Es erscheint mir wenig plausibel, dass diese Träume mir grundlos gekommen sind. Was ich im Schlaf gesehen habe, müssen demnach Schatten wahrer Begebenheiten sein, die sich meilenweit entfernt zugetragen haben, und es lässt mich keinen Frieden finden.
Darrien richtete sich wieder auf, streckte den Rücken durch und fasste einen Entschluss. Ich muss Evarondul aufsuchen, und ihm von diesen Dingen berichten, sagte sich der Fürst. Er, der schon war, ehe Ciruna erstand, wird mir Aufklärung schenken und meine Ungewissheit ausmerzen. Er hat zweifelsohne gesehen, was vorgefallen ist, und er wird mir die Einzelheiten nicht vorenthalten, wenn ich ihn darum ersuche.
Das Gesicht eine grimmige Miene, setzte Darrien sich in Bewegung und eilte mit weit ausgreifenden Schritten der prachtvollen Kolonnade entlang. Er würde es wagen, den zeitlosen Herrn Amcarsadhons aufzustören, der die meiste Zeit über schlummernd in seinem Heiligtum zubrachte und von Dingen träumte, die vor Äonen geschehen waren, sich in eben diesem Augenblick in weit entfernten Gegenden Cirunas abspielten oder erst noch in den immerfort wandelnden Nebeln der Zukunft Gestalt annahmen. Evarondul würde ihm vom Geschick der Gefährten künden und seinem aufgewühlten Geist Klarheit spenden.
Der Eine war sich durchaus bewusst, dass der gewaltige, altehrwürdige Drache es nicht schätzte, wenn er oder andere seines hohen Volkes seine Ruhe störten und ihn wegen Kleinigkeiten und unbedeutender Belange aus seiner tiefen Andacht zerrten. Doch Darrien war davon überzeugt, dass sein Anliegen über die Rechtfertigung verfügte, um Evaronduls mystische Versunkenheit zu unterbrechen und seinen allweisen Rat einzuholen.
Obgleich Darrien vor fast sieben Monden die Bitte des beherzten Paladins abgeschlagen hatte, sich der kleinen Schar auserwählter Helden anzuschliessen, deren Bestimmung es sein sollte, im Verbund das Dunkel abzuwehren, welches alle Ländereien vom Meer der Morgenröte bis zum Meer der Abenddämmerung, vom hohen Norden bis zum tiefsten Süden zu überschatten begann, fühlte er noch immer eine gewisse Zusammengehörigkeit mit den sterblichen Abenteurern, die Torias Alfaran ins Nebelmeer von Altorosh gelockt hatte. Er hatte die meisten von ihnen kaum wirklich kennengelernt und konnte sich längst nicht mehr an alle Namen oder Gesichter erinnern. Und doch wusste er tief im Herzen, dass viele von ihnen durchaus über die Begabung verfügten, Grosses zu bewirken. Es war unzweifelhaft, dass ihre Taten in den kommenden Monaten und Jahren einen bedeutenden Einfluss auf den Ausgang des anbrechenden Krieges haben würden, der ganz Ciruna bis in die Grundfesten zu erschüttern drohte. Und das machte sie zu wichtigen Verbündeten, deren Schicksal ihm nicht gleichgültig sein durfte.
Viele der Drachen belächelten insgeheim die Bemühungen des Paladins und seiner Gruppe sterblicher Mitstreiter, und kaum einer wollte anerkennen, dass ihr Pfad mit dem der Drachen und Greife eng verknüpft war. Darum hatten die mächtigen Geschöpfe ihm davon abgeraten, sich Torias anzuschliessen und gemeinsame Sache mit ihm zu machen. In ihren hochmütigen Augen waren die Aufgaben, die er als ihr Fürst zu bewältigen haben würde, von weitaus dringlicherem Belang als die kleinen Erfolge, welche die Gefährtenschaft erstreiten mochten. Und in eben diesem Punkt widersprach Darrien den Ansichten der Drachen und bemühte sich seit Monden, sie von der Wahrheit seines Standpunkts zu überzeugen.
Aus eben diesem Grund trug sich Darrien nun mit der Absicht, mit seinem Begehren ohne Umschweife an Evarondul selbst heranzutreten. Der Herr der Drachen war einer der wenigen, der nicht versuchte, Darriens Entscheidungen zu hinterfragen und zu beeinflussen. Er liess ihm immerzu die Freiheit, seinen eigenen Weg einzuschlagen, stand ihm lediglich mit Rat und salbungsvollen Reden bei, die in ihrer Vielschichtigkeit und verschlungenen Bedeutsamkeit mitunter an die sibyllinischen Weissagungen des Orakels von Râhl gemahnten, das vor Monaten den Schergen des Dunklen Feindes zum Opfer gefallen und seither verschollen war. Evarondul würde nicht versuchen, ihm die Sorge um das Wohlergehen der Gemeinschaft auszutreiben, daher erhoffte sich der Eine, von ihm bedingungslose Unterstützung und Antworten zu erhalten.
Gewöhnlich ersuchte Darrien zuallererst bei Talankor, Triendel oder Parendlan Rat und Hilfestellung, wenn er vor gewichtigen Entscheidungen stand oder ihn Fragen und Zweifel marterten. Doch in diesem Falle erwartete er von keinem seiner Vertrauten ausreichend Anregung und Einsicht zu erhalten, denn so weitsichtig und klug die Hohen Drachen auch waren, sie verfügten nicht annähernd über die allumfassende Weisheit und Kenntnisse, über die Evarondul gebot.
Weder Talankor noch Triendel, die ihren Fürsten als einzige in seinem Glauben bestärkten, dass der Lebensweg der Gemeinschaft um Torias Alfaran unentwirrbar mit seiner hohen Fügung verbunden war, verfügten über die Gabe, durch den Dunst von Raum und Zeit zu spähen und ihm die sehnlichst erwünschten Gewissheiten zu verleihen.
Parendlan seinerseits verfocht zudem hartnäckig die allgemeine Haltung der Drachen, dass es sich für ihn als Erwählten nicht ziemte, die unbedeutenden Unternehmungen der kleinen Schar zu unterstützen. Er würde ihm in dieser Hinsicht seine Hilfe sicherlich verweigern und ihn einmal mehr zu überzeugen versuchen, dass er sich um die Belange der Gefährtenschaft nicht zu kümmern brauchte. Daher blieb Darrien einzig, Evaronduls Schlummer zu unterbrechen, auch wenn ihm die Vorstellung nicht vollkommen behagte.
Darrien verscheuchte seine Bedenken mit einem ärgerlichen Kopfrucken und fasste das Ende der weitläufigen Galerie ins Auge. Seine hohen, geschnürten Lederstiefel verursachten ein hallendes Geräusch, während er seine langen Beine in forschem Gang ausschreiten liess. Beiläufig nur streifte sein Augenmerk die grandiosen Malereien, welche in berauschender Kunstfertigkeit die geglättete Felswand zu seiner Linken bedeckten und sich über mehr als eine halbe Meile erstreckten. Nicht nur vermittelten die bestechenden Darstellungen aufgrund ihrer Vielfalt und Ausführlichkeit den Anschein von täuschender Lebensnähe, die Tatsache, dass sie sich in einem eigenen Rhythmus stets veränderten und bewegten, ineinander überflossen und sich zu neuen Gemälden zusammenfügten, verstärkte diesen Eindruck von scheinbarer Lebendigkeit noch. In diesem riesigen Kunstwerk aus Farbe und gebundener Zauberei hatten die Hohen Drachen in gemeinsamem Streben die Gesamtheit ihrer Erinnerungen zum Ausdruck gebracht und ihre Geschichte für die Nachwelt auf aussergewöhnliche Weise festgehalten und verewigt, von den Ursprüngen der Welt nach ihrer Schöpfung durch die Illadin, bis hin zu den mannigfaltigen, unrühmlichen Geschehnissen im furchtbaren Krieg um Pax Altorosh vor mehr als zwei Jahrtausenden, in deren Folge ein göttlicher Bannspruch über das hohe Volk der Drachen verhängt worden war, der sie zwang, für viele Jahrhunderte auf diesem kleinen Archipel auszuharren, von der Welt der Sterblichen entrückt, bis Darriens verheissene Ankunft sie aus diesem Exil erlöste.
Der Eine hatte während seiner ersten Jahre Stunden und Tage damit zugebracht, die wandelbaren Darstellungen und lebensnahen Bildwerke zu betrachten und zu studieren, und sich bemüht, die Überlieferung dahinter zu ergründen und in ihrer reichhaltigen Fülle zu erfassen. Doch noch immer wusste er nur wenig von den unzähligen Vorkommnissen, an denen die Drachen teilhatten. In langen Gesprächen mit Talankor, Triendel, Parendlan und anderen hatte er seine gewonnenen Erkenntnisse und Vermutungen über die Jahrtausende umfassende Vergangenheit Cirunas erörtert und besprochen und den Drachen manche Geheimnisse, Hintergründe, Zusammenhänge und Erklärungen entlockt. Doch allein Evarondul und seine wortkarge und abweisende Gemahlin Kalgianamar waren wahrhaftig berechtigt, ein vollumfassendes Bild der Weltgeschichte zu beschreiben, die jene riesigen Gemälde angeregt hatte, waren sie doch als einzige von Beginn an Zeuge der Ereignisse gewesen.
Selbst die unsterblichen Herren des Drachenvolkes aber hatten ihm nur wenig mehr vom bewegten Vermächtnis offenbaren können. Vieles von den frühesten Zeitaltern und den Begebenheiten vor der grossen Umwälzung waren nämlich auch ihnen nur noch vage im Gedächtnis erhalten geblieben. Das Verstreichen der Jahrtausende pflegte selbst ihre Erinnerungen zu verzerren und zu Träumen und flüchtigen Ahnungen verblassen zu lassen, die sich nur noch schwerlich in lebhafter Ausführlichkeit bewahren liessen. Und so hatte Darrien irgendwann das Interesse an der Ergründung der Geschichte verloren, da er zur Einsicht gelangt war, dass die vollständige Wahrheit, die dem Weltgeschehen zugrunde lag, allein den Göttern und Unsterblichen vorbehalten war.
Auch jetzt verspürte der Fürst keinerlei Verlangen, den regen, sich stetig verändernden Gemälden mehr als nur flüchtige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Auch wenn seit seiner Ankunft auf der einst verschollenen Insel immer neue Ereignisse auf der gigantischen Bildwand ihre Wiedergabe fanden, hatte er keine Hoffnung, in ihnen einen Hinweis auf das ungewisse Los der Gefährtenschaft zu entdecken. Er wusste, dass in diesem atemberaubenden Gemälde nur Vorfälle festgehalten wurden, an welchen ein Drache beteiligt war, waren sie doch Ausdruck und Gestaltwerdung ihrer gemeinsamen Erinnerungen. Folglich würde sich nichts finden, das sich in der Ferne zugetragen hatte, weitab von der Aufmerksamkeit der Drachen.
Was nützt es mir, bewegte Darstellungen meiner selbst zu betrachten, wie ich verängstigt, hilflos und getrieben von einer Inneren Stimme durch den Dschungel irre, meine Weihe zum Fürst im dunklen Tempel empfange, mich mit dem Schattendämon messe, den Romehk im Auftrag des Hexenmeisters aus seinem Gefängnis auf der Insel befreit hatte, oder mit Trikan ein feierliches Abkommen in der Einsamkeit der Ebenen von Altorosh schliesse, um das Bündnis der Drachen und Greife zu stärken?, überlegte Darrien. An all diese Dinge kann ich mich selbst gut erinnern, und sinnlos ist es, sie neuerlich als magischen Bilderreigen zu bewundern. Was ich wissen will, kann nur Evarondul mir enthüllen.
Noch hatte der Eine das Ende der Galerie nicht erreicht, als ihm eine Bewegung im Augenwinkel auffiel, die ihn stocken liess. Er verlangsamte seinen Schritt und verhielt schliesslich ganz, als eine grosse Gestalt vor ihm im Gewölbe der Arkaden auftauchte, nur einen Steinwurf von der weiten Plattform entfernt, die das Ende des steilen Treppenaufstiegs markierte. Im ersten Moment zeigte sich Darrien über die fremdartige Erscheinung der Kreatur erstaunt, die da in gemächlicher Bewegung auf ihn zuhielt, war sie ihm doch nicht so vertraut wie der Anblick eines Drachen. Doch seine anfängliche Befremdung verwehte rasch, als ihm wieder bewusstwurde, dass zwei erhabene Gäste seit einigen Wochen in Amcarsadhon verweilten.
Schräg und golden fiel das Sonnenlicht in breiten Fächern durch die gewaltigen Säulenreihen in das Gewölbe herein und liessen Fell und Gefieder des Greifen samtig schimmern. Der Leib des Geschöpfs war der einer prächtigen Raubkatze, nur um ein Vielfaches grösser und von ungleich kraftvollerer Majestät. Ein Muster aus schwarzen und braunen Flecken bedeckte die sandfarbenen Flanken, die sich in tiefen, gleichmässigen Atemzügen hoben und senkten. Die schwarz und braun gesprenkelten Federschwingen lagen eng am Leib, und der riesenhafte Falkenkopf ragte in stolzer Haltung zwischen den Schultern auf. Die vorderen Beine endeten in gelben Fängen mit schwarzglänzenden Krallen, so lang wie die Klingen eines Kurzschwertes.
Craon schritt gemessen an der kolossalen Bildwand entlang, und seine scharfen blauen Augen musterten gebannt die sich beständig verändernden Darstellungen darauf. Offensichtlich hatte der Greif von der Anwesenheit Darriens noch keine Notiz genommen, denn er machte keine Anstalten, ihn zu begrüssen.
Er scheint ganz gefesselt von den beeindruckenden Gemälden, vermutete der Eine und schmunzelte erheitert. Selbst Geschöpfe von solcher Hoheit lassen sich von der Pracht dieses Werks bezwingen.
„Ich grüsse Euch, ehrenwerter Craon“, hob Darrien schliesslich zu sprechen an, um die Aufmerksamkeit des Greifen zu erlangen. „Ein herrlicher Morgen entschädigt uns für die Unbilden, die uns die stürmische Nacht bescherte.“
Craons Falkenkopf schwenkte herum, als Darriens Stimme durch die Galerie hallte, und er blieb stehen. Dem Einen war, als zeigte der junge Greif Anzeichen von Verwunderung und leichter Scham, als er seiner ansichtig wurde, doch mochte sich Darrien auch täuschen, denn Wesen und Gebaren der Greife waren ihm nicht sonderlich geläufig, und schwer genug fiel es ihm noch, selbst die Stimmungen mancher Drachen anhand ihrer Regungen zu deuten.
Nach einem Moment des Verharrens neigte Craon in hoheitsvoller Geste sein Haupt und entfaltete gar leicht die Schwingen, einem menschlichen Höfling ähnlich, der seinen Mantel in einer theatralischen Verbeugung ausbreitete.
Verzeih mir meine Nachlässigkeit, Darrien von den Vekhor, dass ich deiner nicht zuvor gewahr wurde und dich in allem Respekt begrüsste, wie es mir geboten scheint, erklang die Erwiderung des Greifs in Darriens Kopf. Ich hatte nicht erwartet, dich, Fürst, hier anzutreffen und wähnte mich allein auf der Galerie. Ich hoffe, du trägst mir mein Versäumnis nicht nach.
Darrien lächelte freundlich und trat einige Schritte näher heran. „Mitnichten hege ich einen Groll gegen Euch, ehrenwerter Craon“, erwiderte der Eine. „Es stünde meinem Bestreben im Widerspruch, die jahrtausendealte Fehde zwischen Drachen und Greifen zu beenden, wenn mich allein dieser harmlose Zwischenfall schon verstimmen und dazu nötigen würde, einem von euch zu zürnen. Ich gehöre nicht zu jener Sorte Mensch, die sich zu viel auf ihren hohen Stand einbilden und sich diesen zu jeder Zeit mit leeren Formalitäten bezeugen lassen müssen.“
Ein schalkhaftes Funkeln schien in den blauen Falkenaugen des Greifs aufzublitzen, das Darrien als Lächeln auslegte. Das lobe ich mir, Fürst Darrien, erwiderte Craon im Geiste und deutete abermals eine Verbeugung an.
„Ausserdem vermag ich durchaus zu verstehen, dass Ihr mich nicht bemerkt habt, angesichts der überwältigenden Kunstfertigkeit, die sich an diesem Orte manifestiert sieht. Ich bin lediglich ein Mensch, unbedeutend und verschwindend klein im Vergleich zu dieser Wand, auf welcher Äonen voller weltbewegender Geschehnisse sich in beeindruckendem Farb- und Formenspiel stetig wiederholen und das Auge eines jeden Betrachters für lange Zeit verführen“, sprach der Fürst und deutete mit einer ausladenden Armbewegung auf die gewaltige Bildwand.
Craon folgte seiner Geste mit leuchtendem Blick und besah sich einmal mehr die unzähligen Figuren und wandelbaren Gegenden, die sich über die gesamte Felswand ausdehnten. Ja, es ist wahr, sinnierte der Greif in Gedanken. Die Kraft und bestechende Opulenz dieser Gemälde vermögen selbst mein Augenmerk zu fesseln, als würde ein Zauber sich meiner bemächtigen. Schon seit Wochen ist es mir ein Begehr, die in wogenden Darstellungen festgehaltenen Erinnerungen des Drachenvolkes zu betrachten, doch bislang scheute ich mich davor, meinem Herzenswunsch Folge zu leisten – aus mannigfachen Gründen.
Darrien liess ebenfalls seinen Blick über die geglättete Mauer schweifen. „Verfügt ihr Greife denn nicht über ein ähnliches Werk, das eure Sichtweise und Erlebnisse in kunstvoller Form wiedergibt?“, erkundigte er sich, seiner Neugier nachgebend.
Craon wandte sich dem Einen zu. Gewiss doch haben auch wir unser gemeinsames Gedächtnis in einer wunderbaren Schöpfung festgehalten und zu Gestalt gebracht, doch unterscheidet sie sich von dieser hier. Wir Greife bannten die Erinnerungen an unsere bewegte Vergangenheit auf magische Weise in einen gewaltigen Kristall im Herzen Odarunaans. Betrachtet man die geschliffene Oberfläche des Steins, erscheinen Bilder und Geschehnisse, als würden sie wie Spiegelungen oder Visionen aus den klaren Tiefen emporsteigen und Form annehmen.
Der Greif hielt inne, und für einen Moment lang schwieg er. Darrien gewann den Eindruck, er müsste sich erst überwinden, seine nächsten Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Doch dann fuhr Craon fort: Da auch wir ein solches Werk unser Eigen nennen, fürchtete ich mich lange davor, das eure aus der Nähe zu betrachten, auch wenn mein scharfer Blick es seit Wochen aus der Ferne bewunderte. Wohl hat meine Vernunft in den vergangenen Wochen den Sachverhalt anzunehmen gelernt, dass vieles von dem, was mein Volk seit Jahrhunderten für wahr und unumstösslich erachtet, womöglich durch unsere eigene Anmassung und Verblendung, durch Leugnen, Umdeuten und Rechtfertigen verfälscht und verdreht wurde und vieles auch vergessen ging, doch mein Herz hat diese Erkenntnis noch nicht erlangt. Mich schreckt die Vorstellung, dass sich mir auf dieser Bildwand nun Tatsachen eröffnen und enthüllen mögen, die meine Anschauung zutiefst erschüttern könnten, und es bereitet mir Unbehagen, erkennen zu müssen, dass wir an der Fehde mit den Drachen ebenso grossen Anteil hatten, wie wir ihnen stets vorhielten. Das war einer der Gründe, die mich bislang davon abhielten, hier hinaufzusteigen, um die Sichtweise unseres vermeintlichen Erzfeindes zu erschauen, denn meine leisen Zweifel an der unbestrittenen Rechtschaffenheit meines Volkes könnten hier Nahrung finden.
Craons offenes und ehrliches Geständnis überraschte Darrien, und zugleich verspürte er für den Greif tiefe Anerkennung und Bewunderung, dass er ihm so bereitwillig einen Blick in sein Denken und Fühlen gewährte. Bislang war ihm Craon stets als zurückhaltender, beinahe scheuer Zeitgenosse erschienen, der sich nur langsam an die Gesellschaft der Drachen gewöhnte und diesen mitunter vorsätzlich aus dem Weg ging, anstatt sich mit ihnen auszutauschen. Viel lieber pflegte er im Alleingang und ungestört die Inseln und die Festung im Vulkankrater zu erkunden, und er zog es vor, aus sicherer Entfernung das Verhalten der einstigen Todfeinde und ihren Lebensraum zu begutachten und kritisch zu durchleuchten. Er schien ein kluges, aber vorsichtiges Wesen zu besitzen, das Veränderungen zwar nicht grundsätzlich abgeneigt war, aber diese nur zaghaft zuliess. Insofern erwies sich seine Freimütigkeit als überaus ungewöhnlich.
Dokaali, seiner quirligen und weitaus lebhafteren jungen Gefährtin, die keinerlei Scheu im Umgang mit den Drachen aufzeigte, hätte der Eine eine solche Aufrichtigkeit eher zugetraut. Sie schien es zu geniessen, der Gleichförmigkeit entflohen zu sein, die während ihrer Verbannung auf Odarunaan für viele Jahrhunderte ihren Alltag beherrscht hatte. Gesellig und neugierig wie sie war, schien sie im Gegenzug mit ihrer zuweilen aufdringlichen Art manche der Drachen zu befremden, die sich noch schwertaten, solche Gäste unter sich zu wissen – von jenen ganz zu schweigen, die noch immer von Hass zerfressen waren und den Greifen nach wie vor unversöhnlich und feindselig gegenüberstanden.
Als Einziger liess sich Kailedhos in keiner Weise von dem übermütigen Gebaren Dokaalis einschüchtern, und so waren die Hohen Drachen alsbald zu der stummen Übereinkunft gelangt, dass der grossmäulige Wicht sich mehrheitlich der Betreuung der Greifendame annehmen sollte, und dieser zeigte sich nur zu gern bereit, sie herumzuführen, wie er es schon mit Darrien gehandhabt hatte. In gewissen Zügen waren Kailedhos und Dokaali sich sehr ähnlich, denn beide nannten ein bisweilen fast kindliches, unbekümmertes und überdrehtes Gemüt ihr Eigen. Folglich hatte sich zwischen den beiden Jungspunden in den vergangenen Wochen eine eigentümliche Freundschaft entwickelt, die Darrien durchaus Hoffnung verlieh, dass dereinst wieder Frieden und Eintracht herrschen würde zwischen den beiden zerstrittenen Völkern.
„Diese Gefahr besteht durchaus, mein Freund, doch bin ich der Ansicht, dass die Zweifel dazu beitragen mögen, das tiefe Zerwürfnis zwischen Drachen und Greifen zu schlichten“, meinte Darrien nach einem Moment der Andacht und brach damit das Schweigen. „Wenn ein jeder, Drache wie Greif, zu der Einsicht gelangen würde, dass auf beiden Seiten grosse Fehler, Schandtaten und Verbrechen begangen wurden und beide Völker im Laufe der Jahrhunderte Schuld auf sich geladen haben, wäre dies ein erster Schritt hin zur Versöhnung, denn wer sich eingesteht, nicht stets edelmütig gehandelt zu haben, kann den anderen um Lossprechung bitten und für diesen gleichermassen Verständnis aufbringen und ihm Vergebung zukommen lassen. Zugleich aber sind auch diese Darstellungen und bildhaften Erinnerungen geprägt von einer einseitigen Sichtweise und verfälscht durch Hochmut, Hass, Verzweiflung, Schmerz und allmähliches Vergessen. Es mag folglich durchaus zutreffen, dass Euch mit der Betrachtung dieses Werks unliebsame Aufklärung zuteilwerden wird, doch inwiefern sie wahrhaftiger ist als die Geschichte, die ihr Greife im Gedächtnis tragt, wissen allein die Illadin. Haltet Euch dies stets vor Augen, mein Freund, und Ihr braucht die Erleuchtung nicht zu fürchten, die vielleicht auch Euer Herz erhellen wird.“
Craon schwieg einen Moment und liess sich die Worte des Fürsten durch den Sinn gehen. Schliesslich neigte er abermals sein gefiedertes Haupt in tiefer Achtung. Du sprichst wie ein Weiser unter den Hohen, junger Fürst, und dies will ich anerkennen und in Ehren halten, versprach der Greif im Geiste.
„Das wäre mir nur recht, ehrenwerter Craon“, erwiderte Darrien mit einer angedeuteten Verneigung. „Doch nun verzeiht mir, wenn ich unsere Unterhaltung nicht weiter fortzuführen gedenke. Gewisse Dinge von grosser Bedeutung scheinen sich letzte Nacht zugetragen zu haben, die mir den Schlaf raubten. Seit Stunden schon treiben mich sorgenvolle Gedanken um, und Ungewissheiten quälen meine Seele, die ich allein nicht zu lüften vermag. Mir scheint geboten, ich müsse Rat suchen beim Herrn der Drachen, und darum bitte ich Euch, mich nun zu entschuldigen.“
Gewiss doch will ich dich nicht länger aufhalten, junger Fürst, meinte Craon ohne Arg in der Geiststimme. Darrien verneigte sich abermals vor dem Greif und schickte sich an, an ihm vorbeizuschreiten und unter dem hohen Torbogen, der das Ende der Galerie bezeichnete, auf den weiten Altan hinauszutreten, der vom Licht der Morgensonne beschienen wurde.
Auch mir war in dieser Nacht, als hätte sich die Dunkelheit verdichtet, die danach trachtet, Ciruna Tayis’ strahlenden Antlitzes für immerdar zu entziehen und sie in ewige Finsternis und Verzweiflung zu hüllen, fügte Craon unvermutet an, als der Eine sich eben fortbegeben wollte. Verwundert hielt Darrien nochmals inne und fasste den Greif ins Auge, der ihn weit überragte. Seine Stirn legte sich in feine Furchen, denn die Worte Craons schürten nur seine Vermutung, dass seine verwirrenden Träume nicht bloss harmlose Ausgeburten seines schlummernden Verstandes gewesen sein konnten.
Craon senkte sein Haupt, um dem Einen tief in die gelben Drachenaugen spähen zu können. Der Sturm, der sich in der vergangenen Nacht über dem Meer gebildet hatte, war kein natürliches Wettervorkommnis, soviel weiss ich zu sagen. Ich spürte den dunklen Willen eines machtvollen Zauberwirkers, der das Gefüge der tellurischen Ströme in grossem Masse verzerrte und sie sich unterjochte. Amcarsadhon und die Inseln der Drachen wurden von der Gewalt des verheerenden Unwetters lediglich gestreift. Das Auge des Sturms zog gen Südwesten und entfaltete über der Ostküste Lokiriens seine zerstörerische Kraft. Ich denke, wir wurden Zeugen der wachsenden Macht des Dunklen Feindes.
Darriens schlankes Gesicht verdüsterte sich noch weiter, und seine schwarzen Pupillen verengten sich zu dünnen Schlitzen. „Dann hat mich mein Gespür nicht getrogen, denn wie Ihr fühlte ich den kalten Arm des Bösen in jener Nacht, der nach den pulsierenden Adern der natürlichen Magie griff, um sie zu entarten und für seine verruchten Zwecke zu missbrauchen“, stiess er durch den Zaum seiner knirschenden Zähne und starrte einen Moment lang selbstvergessen in die Leere. Schliesslich hob er abermals den Blick zu Craon empor. „Eure Worte offenbarten mir, was ich unlängst fürchtete, aber nicht wagte, für wahr zu erachten. Eile scheint mir nun geboten, denn ich muss erfahren, was sich in Lokirien zugetragen hat und welche Auswirkungen dies auf unser aller Streben haben wird. Wenn es wahr ist, was ich geträumt habe, könnten die Leben bedeutender Sterblicher in grosser Gefahr schweben oder gar den Machenschaften dieses Hexenmeisters zum Opfer gefallen sein, was ich nicht hoffe. Angesichts dessen darf ich nicht untätig bleiben. Noch einmal ersuche ich Euch um Vergebung, dass ich nicht länger hier verweilen kann, um mit Euch zu plaudern, mein Freund.“
Du brauchst dich nicht zu erklären, mein Fürst, denn es gibt nichts, das ich dir verzeihen müsste, erwiderte der Greif verständnisvoll. Du hast ein hohes Amt inne und musst deiner Bestimmung folgen, und in der Tat scheinen die Ereignisse der letzten Nacht deiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu bedürfen. Geh nun hin, Fürst Darrien, und tu, was du für geboten und richtig erachtest. Du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen, der ich hier nur bescheidener Gast bin. Sehr gut vermag ich mich selbst zu unterhalten.
Nach einer weiteren respektvollen Verbeugung, setzte sich Darrien unverzüglich in Bewegung und liess den Greif unter den gewaltigen Arkaden des Säulengangs zurück. Von einem heftigen Drängen getrieben, hastete der Eine mit pochendem Herzen auf die weitläufige Plattform hinaus, die wie ein Felsvorsprung aus der schroffen Kraterwand des Vulkans ragte. Für die Dauer eines Wimpernschlags hielt er am Rande des Balkons inne und warf einen Blick auf die Stufen des langen Treppenaufstiegs, der unmittelbar aus der Felswand gehauen war und sich in vielen steilen Kehren zum Becken des Kraters hinunterwand. Ein Abstieg über diese Treppe hätte ihn viel Zeit gekostet, die ihm auf einmal zu fehlen schien, daher entschied sich Darrien kurzerhand, auf schnellstem Wege von seinem Hochstand in die eigentliche Festung hinabzusteigen. Ohne Furcht stiess er sich sodann vom Rande des Söllers ab und sprang hinaus in die leere Luft, als wolle er sich in den Tod stürzen.
Den schlanken Körper wie ein Tau gespannt, die Arme eng an den Leib gepresst und die Beine steif und gerade von sich gestreckt, glitt der Eine hoch über den Dachfirsten und kühnen Kuppelgewölben der riesigen Gebäude Amcarsadhons dahin und liess sich von den warmen Höhenwinden tragen. Die Gaben seiner Fürstenweihe erlaubten ihm, mühelos wie ein Vogel oder Drache durch den Himmel zu schweifen und seinen Fall zu verzögern, zu lenken und auszudehnen, sodass er nicht wie ein sterblicher Mensch haltlos in die Tiefe stürzte, um nach kurzer Zeit auf dem Boden zu zerschmettern, sondern geschmeidig dem Grund entgegenschwebte oder in gesteuertem Sturzflug auf sein Ziel zuhielt. Wie ein Pfeil schoss er nun auf den prachtvollen und massigen Bau im Schatten der Ostwand zu, der aus der Luft betrachtet einer ruhenden Drachenschildkröte von kolossalem Wuchs ähnlichsah, die zu Stein geworden war, und schnell sank er dem Erdboden entgegen.
Zwei verspielte Sturmdrachen, welche in der Nähe durch die Lüfte tobten, sahen ihren Fürsten und schlossen eilig zu ihm auf, um dann für eine kurze Weile in übermütigen Spiralen und Schrauben um ihn zu wirbeln und seinen Sturzflug mit spielerischer Eleganz zu skandieren, in Erwartung eines vergnüglichen Zeitvertreibs. Darrien aber, der in der Vergangenheit des Öfteren mit den kleinen, schlanken Drachen um die Wette geflogen war und seine Fertigkeiten dabei ausgelotet und verbessert hatte, achtete diesmal kaum auf die geflügelten himmelblauen Würmer, die ihn begleiteten, und strebte stur dem mächtigen Steinbau aus Basalt, rauchigem Kristall, Obsidian, schwarzem Marmor und spiegelndem Gagat entgegen, worin Evarondul seine Ruhestätte hatte. Ihm stand der Sinn nicht nach Zerstreuung und heiterer Kurzweil, zu düster waren die Schatten, die sein Gemüt umfangen hielten.
Lasst ab von mir, ich bitte euch, wandte er sich im Geiste an die beiden niederen Drachen, die offensichtlich nicht bemerkten, dass er nicht zum Vergnügen durch die Leere über dem Vulkankessel glitt. Heute verlangt es mich nicht nach solcher Heiterkeit. Hinfort mit euch! Endlich begriffen die geschuppten Würmer seine Not, liessen ein enttäuschtes Kreischen vernehmen und schwenkten dann von ihm weg, um zu zweit über die Dächer und Turmkronen Amcarsadhons zu tollen. Darrien seinerseits hatte bereits merklich an Höhe verloren und bremste seinen steilen Flug daher ab, indem er leicht Arme und Beine spreizte und zugleich im Geiste die Windströmungen veränderte, so dass sie ihn auffingen wie unsichtbare Arme. Weit gemächlicher zog er einige weite Schlaufen über dem herrschaftlichen Palast des Drachenkönigs, der in seiner Monumentalität und opulenten Ausführung jedes Schloss eines sterblichen Herrschers beschämte, und sank geruhsam, aber nicht minder von Unrast und innerer Anspannung geplagt, auf die smaragdgrüne Rasenfläche vor dem majestätischen Portal nieder.
Sanft und geschmeidig setzte der Eine seine Füsse auf dem Grund des Kraters auf und tat noch ein paar Schritte, um den Schwung aufzunehmen und gewandt zu verwirken, mit welchem er unter den Ästen der herrschaftlichen und altehrwürdigen Bäume landete, die einen lieblichen Hain vor der reich verzierten Front des Palastes bildeten. Ohne sich auch nur einen Moment des Innehaltens zu gönnen, schritt Darrien auf das riesenhafte Portal aus glattem, schwarzglänzendem Vulkanglas zu, welches vor ihm unter einem höhlenartigen Torgewölbe voller schmückender Figuren aus gewachsenem Basaltgestein aufragte.
Noch hatte er die breiten Stufen nicht erreicht, die ihn zum geschlossenen Eingang hochführten, als eine mächtige, dröhnende Stimme in seinem Kopf sprach und ihn verharren liess. Ich weiss, warum du gekommen bist, Auserwählter, raunte die Gedankenstimme in harmonischem und zugleich ehrfurchtgebietendem Dreiklang. Du suchst Antworten auf drängende Fragen, die dich seit Stunden umtreiben. Dein Herz ist schwer vor Sorge um jene Gefährtenschaft sterblicher Hasardeure, deren Schicksalsweg dem deinen ähnelt.
Sogleich überwand Darrien jenen Anflug von Überraschung, der ihn hatte stocken lassen, und er sank vor dem Portal des Palastes auf ein Knie nieder und senkte sein Haupt vor der überwältigenden Präsenz Evaronduls, der im Geiste nach ihm griff, ohne selbst in all seiner Erhabenheit und Pracht hervorzukommen. Mit geschlossenen Augen sandte der Eine seine eigenen Gedanken aus, um dem Herrn der Drachen zu antworten.
Ja, Herr, wie stets vermag Euer allsehendes Auge meine Hülle aus sterblichem Fleisch zu durchdringen und in mein Herz zu schauen. Vergebt mir, dass ich Eure würdevolle Andacht störe mit meinem kleinlichen Begehren, doch wisst Ihr wohl um meine Überzeugung, dass jene Gemeinschaft eine hehre Aufgabe zu erfüllen hat im aufziehenden Weltensturm, und dass ihr Los nicht minder bedeutend ist, als das meine. Darum gilt meine besondere Achtung ihrem Streben, und Bangnis erfüllt mich, dass ihnen etwas zugestossen sein könnte im finsteren Wüten der vergangenen Nacht. Habt Ihr die Güte, Herr, mir mehr zu berichten von den düsteren Ereignissen im fernen Lokirien, die ich bruchstückhaft im Schlaf erschaute, und mir dergestalt Aufklärung zu spenden und die Ungewissheiten zu zerstreuen, die mein Gemüt verdunkeln?
Ich ehre die Leidenschaft, mit welcher du den Pfad der Gefährtenschaft überwachst und um ihr Wohlergehen besorgt bist, mein Fürst, erwiderte Evarondul, und im mehrstimmigen Klang seiner Worte glaubte Darrien sowohl Mitgefühl und Sanftmut, als auch eine gewisse Strenge und einen Unwillen herauszuhören. Doch das Geschehen an der Ostküste Lokiriens hat keinen Vorrang, denn andernorts hat sich in den frühen Morgenstunden gleichfalls etwas von noch grösserem Belang ereignet, dem dein Augenmerk gelten sollte. Wohl bewusst ist mir, dass deine Sorge dem Überleben der Gemeinschaft gilt, zumal Nirs in ihrer göttichen Weisheit dir Visionen im Schlaf gesandt hat, die seither deinen Geist zermürben. Doch wenig vermagst du an den Vorkommnissen zu ändern, die sich bereits zugetragen haben und vergangen sind, und sollten die treuen Helden zu Schaden gekommen sein in den Wirren des Schlachtgetümmels und dem widernatürlichen Brodeln, wirst auch du es nicht mehr verhindern können. Deine Macht ist gross, doch was geschehen ist, lässt sich nicht umstossen.
Der Eine biss sich auf die Unterlippe und rang die Verdrossenheit nieder, die in seinem Blute aufwallen wollte. Dass Evarondul ihm nicht gestattete, Gewissheit zu erlangen über das Geschick der Gefährten, stimmte ihn missmutig. Doch musste er sich dem Willen des weisen Drachenkönigs fügen und durfte nicht gegen seine Entscheidungen aufbegehren. Wer bin ich schon, dass ich von einem Geschöpf von unsterblicher Weisheit erzwingen wollte, was es mir nicht anzuvertrauen beschlossen hatte?, mahnte er sich im Stillen und atmete tief durch. Ausserdem kann ich die Wahrheit nicht leugnen, die seinen Worten innewohnen. Ich vermag keinen Einfluss auf Gegebenheiten zu nehmen, die bereits vergangen sind. Das Schicksal der Gefährtenschaft liegt nicht in meiner Hand, und ich darf mich nicht erkühnen, den Willen der Illadin lenken zu wollen. Auch ich bin lediglich ein Diener ihrer unergründlichen Absichten.
Darrien beugte sein Haupt noch etwas tiefer. Ich verstehe, ehrwürdiger Evarondul, sprach er im Geiste. Ich werde nicht länger an meinem nichtigen Anliegen festhalten und tun, was Ihr mich heisst. Sagt mir nun, welche bedeutsame Begebenheit Eure Aufmerksamkeit erlangte, und welchen Anteil ich daran nehmen kann.
Wohl weisst du, mein Fürst, um das schändliche Verbrechen, welches die Schergen des Hexenmeisters vor einigen Monden begangen haben, als sie unvermutet und ohne Vorwarnung das erlauchte und heilige Orakel von Râhl überfielen und die Stätte seines Wirkens verwüsteten, sprach der Drachenkönig mit donnernder Gedankenstimme, und die Erinnerungen an die verwerfliche Tat schürten seinen Zorn. Seit jenem dunklen Tage ward von dem Orakel kein Zeichen und keine Spur mehr gesichtet, und selbst mir blieb verborgen, ob es den ruchlosen Dienern des Bösen gelungen war, seine Stimme für immerdar zum Verstummen zu bringen oder seine hehre Gestalt in schwarze Ketten zu legen und sie in einen Kerker der Schatten zu bannen. Doch an diesem lichten Morgen nun trat das Orakel aus der Verschollenheit hervor und streifte die Schleier der Undurchsichtigkeit von sich, um sich von neuem zu offenbaren. Nur kurz, und selbst für meinen weitsichtigen Geist kaum zu erfassen, trat es in Erscheinung auf einer abgeschiedenen, unbewohnten Insel fernab der Westküste Sul-Aris im Meer der Abenddämmerung, auf halbem Wege zwischen dem Hoheitsgebiet der Zentauren und dem verhüllten Reich von Yon Guai im fernen Westen. Dorthin nun sollst du dich wenden, denn mir war, das Orakel habe sich mir gezeigt, um uns Kunde zukommen zu lassen von den Dingen, die noch kommen werden und die sich selbst mir kaum darlegen werden. Mich dünkt, es sei Eile geboten, denn nicht lange wird das Orakel an diesem Platze verweilen, auf dass der Schatten aus Caldôr-Dùm seiner nicht ansichtig wird und abermals danach trachtet, seiner habhaft zu werden.
Darrien erhob sich und richtete den Blick seiner gelben Drachenaugen auf das schimmernde Obsidiantor des Palastes unter den von geschichtsträchtigem Zierrat überladenen Archivolten. Sein Ärger über Evaronduls Weigerung, ihm tiefere Einsichten in das Kriegstreiben in Lokirien zu gewähren, war gänzlich verflogen, nun da er die Nachricht vom Wiedererscheinen des verschollenen Orakels erhalten hatte. Dass Evarondul seinerseits um die Verfassung jener Erscheinung besorgt war, die seit Urzeiten die Völker Cirunas mit verschwommenen, vieldeutigen und rätselhaften Weissagungen von einer möglichen Zukunft beschenkte, konnte der Eine durchaus nachvollziehen.
Schliesslich verbarg sich hinter dem Orakel eine Wesenheit, die wie der Herr der Drachen alterslos und ewig war und seit Anbeginn der Zeit diese Gefilde bewohnte. In gewisser Weise durfte Darrien davon ausgehen, dass das Orakel eine verwandtschaftliche Beziehung zu Evarondul aufwies, die weit zurückreichte in eine Urzeit, vor dem Erwachen des Ersten Volkes; das Orakel war gleichsam eine entfernte Base oder gar Schwester des Herrn der Drachen, ähnlich wie auch Akraavin, der König der Greife, sein Bruder war, wenn auch nicht im Blute wie bei den Abkömmlingen sterblicher Völker.
Ich werde mich sputen, Herr, um deinem Wunsch nachzukommen, entgegnete Darrien schliesslich mit einem bedächtigen Kopfnicken, nachdem er ein Bild empfangen hatte, das ihm Standort und Aussehen des Eilands zeigte. Ich werde unverzüglich aufbrechen, die Insel aufsuchen und dort darauf warten, dass das Orakel in meiner Gegenwart zutage tritt, um sein Wort zu verkünden.
Dafür sei dir meine Dankbarkeit gewiss, mein Fürst, erwiderte Evarondul lobend. Ich habe Daliondil nach Amcarsadhon gerufen und ihn damit betraut, dich geschwind und möglichst ungesehen über die weiten Wasser und die Ländereien Sul-Aris’ gen Westen und Süden zu tragen, der Insel zu, die ich dir genannt habe. Seine Schwingen sind die schnellsten unter jenen meiner Kinder, und bald schon wird er in der Festung anlangen, um dich zu holen.
Darrien deutete eine Verbeugung an, die eine Hand am Griff seines Schwertes. Ich bin bereit, diese Reise anzutreten und meine Pflicht zu erfüllen, Herr.
Eben wollte sich der Eine vom gewaltigen Portal abwenden und von dannen schreiten, als ihm die Stimme Evaronduls erneut Einhalt gebot. Eines noch will ich dir mitgeben, ehe du aufbrichst, mein Fürst. Zweifellos wird auch Akraavin Kenntnis erhalten haben von der Rückkehr des Orakels, und es mag eintreffen, dass du Trikan begegnen wirst auf der Insel, der mit demselben Auftrag entsandt wurde. Was ihr beide dort entdecken werdet, könnte einen Schatten auf eure hehren Bemühungen werfen, die Fehde zwischen unseren Völkern zu schlichten. Warnen will ich dich vor allzu schnellen Trugschlüssen und falschen Anschuldigungen. Ich vertraue darauf, dass du dem Fürsten der Greife weiterhin mit grosser Umsicht und Feingefühl begegnest.
Ein leichtes Unbehagen machte sich in Darriens Magengrube bemerkbar und liess ihn die Stirn in Falten legen. Das feine Schmunzeln erstarb, das sich in seine Züge geschlichen hatte, als ihm die Möglichkeit in Aussicht gestellt wurde, erneut auf den Elfen Trikan zu treffen, mit dem ihn bereits eine zarte, gedeihende Freundschaft verband, denn Evaronduls Warnung hinterliess einen schalen Geschmack in seinem Mund. Zwar vermochte er sich in diesem Augenblick keine denkbare Gegebenheit vorzustellen, die ihn dazu bringen könnte, in Streit mit dem Fürsten der Greife zu geraten, welcher ihr gemeinsames Vorhaben zunichtemachen könnte. Dennoch stand Darrien einer Begegnung mit Trikan auf einmal mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber.
Habt Dank für Euren weisen Rat, Herr, antwortete der Eine schliesslich. Ich werde ihn im Herzen und im Kopfe tragen, sollte es zu jenem Wiedersehen kommen.
Dessen bin ich gewiss, mein Fürst, sprach Evarondul im Dreiklang seiner dröhnenden Geiststimme, die Darrien nach wie vor bisweilen Schmerzen verursachte. Und verzage nicht wegen der Geschehnisse, die dir in deinen Träumen erschienen sind. An vielen Orten auf Ciruna herrschen nun Chaos, Blutvergiessen und Zerstörung, und manche verlustreiche Schlacht muss noch geschlagen werden in dem Krieg, der seinen Anfang genommen hat. Die Gefährtenschaft um den Paladin Torias Alfaran wird sich noch viele Male bewähren müssen, und auch wenn ich nicht zu sagen vermag, ob sie letztendlich obsiegen wird, weiss ich doch zu berichten, dass sie noch lange nicht dem Dunkel anheimgefallen ist. Und nun gehe hin, mein Fürst, und verrichte deine Aufgabe zu meiner Zufriedenheit, denn Daliondil ist gekommen. Und sei gewiss, du wirst noch früh genug wieder auf jene tapferen Helden treffen, derentwegen du um deinen verdienten Schlaf gebracht wurdest.
Abermals verneigte sich Darrien in Ehrerbietung vor dem Tor des wuchtigen Gebäudes und schritt alsdann aus, um in eiligem Lauf durch die Weite der Kraterfestung zu hasten. Die tröstenden Worte des Drachenkönigs hallten noch lange in seinen Gedanken nach und verliehen seinen Schritten Kraft und Schwung. Zwar wusste er noch immer nicht viel von den Ereignissen, die vergangene Nacht in Lokirien vonstattengingen, doch beruhigte ihn das Wissen, dass die mutige Schar, die der Paladin um sich versammelt hatte, noch nicht umgekommen war. Und diese Kunde genügte ihm vollauf, um sich nun ganz seinem gewichtigen Auftrag zu widmen.
Darrien kam gerade aus dem Schatten der monumentalen Sternenkuppel gelaufen, die sich auf einer turmähnlichen Basis aus dem südlichen Wall des Vulkankraters emporwölbte, mit dessen schroffem Gestein ihr Fundament verwachsen war, als vor ihm auf der weiten Grasfläche vor der gigantischen Ratshalle Daliondil zur Landung ansetzte. Sein geschmeidiger, schlanker Leib war von azurblauen Schuppen bedeckt, die leicht im grellen Licht der Sonne schillerten, und seine Flügel waren spitz und stromlinienförmig. Als der junge Drache den Einen bemerkte, beugte er sein schmales Haupt am Ende des langen Halses, um ihn respektvoll in Empfang zu nehmen, und seine gelben Augen glühten wie goldene Gemmen.
Darrien hielt sich nicht lange mit umständlichen Begrüssungsritualen auf, sondern drängte seinen Begleiter zur Eile. Er richtete ein paar freundliche Worte an Daliondil, ehe er geschickt auf seinen Rücken kletterte und sich zwischen zwei spitzen Zacken auf seiner Schulter niederliess. Nur einen Atemzug später erhob sich der Drache bereits mit mächtigen Schlägen seiner schimmernden Schwingen in die Lüfte, um Darrien im Schutze der letzten Schleierwolken hoch über dem Meer seinem Bestimmungsort entgegenzutragen.
„Bei Voromals schwarzer Höllenbrut!“, fluchte Torac Norrik herzhaft auf, als sein Stiefel einmal mehr im schwarzen Morast des tückischen Untergrundes versank und darin stecken blieb. „Das darf doch einfach nicht wahr sein! Gibt es denn keinen sicheren Ausweg aus diesem stinkenden und von allen Göttern verlassenen Flecken Land?“
Joran hielt neben seinem aufgebrachten Jugendfreund inne, der knurrend und schimpfend sein linkes Bein aus dem faulig riechenden Moorloch zu zerren versuchte, in das es fast drei Handbreit tief eingesunken war. Für gewöhnlich hätte der junge Ritter eine fast kindische Schadenfreude empfunden, seinen seit vielen Stunden unaufhörlich zeternden Gefährten abermals in eine verborgene Schlammfalle treten zu sehen; doch auch an ihm waren die ständigen Rückschläge und enttäuschten Erwartungen der vergangenen Tage nicht vorübergegangen, ohne ihre hässlichen Spuren zu hinterlassen, sodass ihm das Unglück des ständig murrenden und jammernden Himmelsritters längst kein neckisches Vergnügen mehr bereitete. Vielmehr ärgerte er sich zunehmend über dessen Unaufmerksamkeit, die ihn immer wieder von neuem in müssige Missgeschicke tappen liess.
„Lass mich dir helfen, Rac“, anerbot er sich trotz allem höflich und legte eine Hand auf die verkrampfte Schulter seines Freundes.
Torac aber wusste seine Geste nicht zu würdigen und, wütend wie er war, schlug er Jorans dargebotene Hand zur Seite. „Du brauchst nicht immer gleich herbeizuspringen wie eine fürsorgliche, alte Glucke, wenn dieser vermaledeite sumpfige Untergrund einmal mehr danach trachtet, meine Füsse zu verschlingen, verflucht!“, fauchte der blonde Sepharier seinen Freund über die Schulter hinweg an. „Ich bin kein kleines Kind mehr, das immerzu umsorgt und verhätschelt werden muss. Ich weiss mir sehr wohl selbst zu helfen, darum lass mich in Frieden.“
Verdrossen wich Joran ein wenig zurück und verkniff sich einen bissigen Kommentar, da er es vermeiden wollte, mit seinem schlechtgelaunten Gefährten in einen handfesten Streit zu geraten. Stattdessen beobachtete er ihn dabei, wie er sich abmühte, seinen Fuss aus der morastigen Falle zu befreien, die sich als äusserst hartnäckig herausstellte. Torac wetterte und fluchte in der Manier eines vulgären Fuhrmanns, und seine lauten Ausrufe breiteten sich weit über das leere, kalte und wenig einladende Land aus, durch welches sich ihre kleine Schar seit Tagen bewegte. Als einziger von den Gefährten war er zu vernehmen, denn die anderen verhielten sich still, doch in seiner Unzufriedenheit verursachte er einen Radau wie eine ganze Horde johlender Orks, und das behagte nicht allen.
„Dein Freund benimmt sich wie ein tollwütiges Tier“, bemerkte Jendara wispernd, die an den Ritter herangetreten war. Ihre blauvioletten, fein geschwungenen Elfenaugen, die Joran einmal mehr an den scharfen Blick eines Raubtieres gemahnten, durchbohrten ihn mahnend. „Er sollte sich beruhigen und sich hüten, solchen Lärm zu erzeugen. Wir können nicht wissen, wen er mit seinem fortwährenden Geschrei auf uns aufmerksam macht. Dieses weite Marschland ist nicht unbewohnt und ohne Leben, und auch ich weiss nicht, welche Gefahren uns hier auflauern mögen.“
Wie um ihre Worte zu bestätigen, flatterten etwas weiter vorne ein paar Vögel kreischend aus einem kargen Gesträuch und zogen zeternd über den grauen, dunstverhangenen Himmel davon, aufgeschreckt von Toracs Stimme. Irgendwo heulte etwas, und in einem nahen Wasserloch, von Schilf umrahmt, stiegen Luftblasen auf.
Joran bedachte die hochgewachsene Aldani mit einem Stirnrunzeln. „Warum sagt Ihr mir das?“, grollte er verärgert. „Er ist es, der flucht und zetert, nicht ich. Weist ihn zurecht, wenn Ihr Euch an seinem Benehmen stört. Ich bin für sein Handeln nicht verantwortlich.“
Sein Einwand schien Jendara in keiner Weise zu beeindrucken. Mit scharfem Blick hielt sie ihn gefangen, und ihr ebenmässiges und altersloses Gesicht wurde weiterhin von strengen, beinahe zornigen Zügen beherrscht. Sie neigte nur leicht den Kopf zur Seite und blinzelte nicht einmal. Ihr schlanker, geschmeidiger Körper schien angespannt, wie der einer Katze kurz vor dem Sprung. „Du bist sein Kommandant, und wenn du ihm befiehlst zu schweigen, wird er dir gehorchen müssen“, zischte sie.
Joran schnaubte abschätzig. „Wir sind längst keine Soldaten des königlichen Heeres von Londurin mehr, seitdem wir Torias Gefolgschaft geschworen und uns seiner Sache verschrieben haben. Dienstgrade haben in unserer Gemeinschaft keine Bedeutung. Ich bin nur einer unter gleichen, so habe ich es jedenfalls verstanden. Daher habe ich kein Recht, ihm Befehle zu erteilen und ihn wie einen Untergebenen abzustrafen, sollte er meiner Order nicht nachkommen. Euch als langjähriger und getreuer Gefolgsfrau des Paladins hingegen stünde der Rang einer Anführerin unserer Schar weitaus eher zu als mir, denn schliesslich verfügt Ihr über Kenntnisse und Erfahrungen, welche die meinen bei weitem übertreffen.“
Noch immer zeigte sich in Jendaras makellosem Antlitz keine Regung, doch in ihren mandelförmigen Augen schien ein gefährlicher Funke zu glühen, der Joran einen kalten Schauder über den Rücken sandte. Sie erwiderte nichts, sondern starrte ihn nur lauernd an.
Womöglich ist es klüger, nachzugeben und ihre Forderung zu befolgen, sagte sich der Ritter schliesslich und wich ihrem Blick aus. Auch in ihr scheint sich der Unmut in den vergangenen Tagen zu einem schwarzen Klumpen geballt zu haben, und es erscheint mir nicht ratsam, sie gegen mich aufzubringen. Die Stimmung in der Gruppe ist düster und angespannt genug, da fehlt nicht viel, um das Feuer des Haders zu entzünden.
Joran liess ein missmutiges Seufzen vernehmen, wandte sich von Jendara ab und trat abermals zu Torac hin, der noch immer an seinem Fuss zerrte und dabei das Unheil der Sechsten Sphäre mit seinen Ausrufen herabbeschwor. Wieder wollte der Himmelsritter seinen Freund verscheuchen und drückte ihn mit der Schulter weg, doch Joran liess sich diesmal nicht beirren und zwang dem blonden Krieger mit etwas Nachdruck seine Hilfe auf.
Gemeinsam gelang es den beiden Sephariern, Toracs Fuss aus dem Sumpfloch zu zerren. Mit einem lauten, feuchten Schmatzen löste sich der Stiefel endlich ruckartig aus der zähen Umklammerung des kalten Morasts, und Torac stolperte ächzend nach hinten, verlor den Halt und stürzte mitsamt Sack und Pack zu Boden. Obgleich der Aufprall auf dem schlammigen Untergrund nicht sonderlich hart war, blieb der Himmelsritter stöhnend liegen und wand sich unter Schmerzen.
Da nun eilte Talina voller Sorge an die Seite ihres Gatten und versuchte, ihm aufzuhelfen. Auch Joran beugte sich neben ihm nieder, um ihm unter die Arme zu greifen und ihn wieder auf die Beine zu hieven.
„Lass mich in Frieden, du verlauster Bastard eines Trollebers!“, schimpfte der Himmelsritter hitzig durch zusammengebissene Zähne, das schmale Gesicht noch immer von Qualen verzerrt. „Deinetwegen bin ich gefallen und habe mir die Seite geprellt. Hättest du mich machen lassen, anstatt wie ein übermütiger Oger an meinem Bein zu reissen, wäre das nicht geschehen, verflucht!“
Er betastete behutsam seine Leibesmitte, wo ihn vor einer Woche die Lanzenspitze eines Zentauren gestreift hatte, während sie gemeinsam die Brücke zur Speicherinsel von Midstrom gegen den Ansturm einer feindlichen Horde verteidigt und damit unschuldigen Bewohnern die Gelegenheit zur Flucht ermöglicht hatten. „Ich kann nur hoffen, dass die Wunde nicht aufgerissen ist“, ächzte er und sog scharf die Luft ein, als seine Fingerspitzen über den untersten Rippenbogen fuhren.
In gewisser Weise ärgerte sich Joran über sich selbst, dass er die Mitschuld an der Misere seines Freundes trug. In der Tat hatte er sich etwas ungeschickt angestellt, als er Toracs Fuss aus der schlammigen Pfütze zerrte. Doch der giftige Tonfall, mit dem dieser ihn nun zeihte, mit Absicht seinen Sturz verursacht zu haben, und sein nimmermüdes Gemaule, liessen den Ritter wütend auffahren. „Unterstehe dich, dein Unglück allein mir zuzuschieben“, knurrte er. „Du bist derjenige, der alle paar hundert Schritt seine Füsse in ein Sumpfloch stecken muss, weil du dich lieber wie ein verwöhnter Geck aus den Adelsgesellschaften Phallurdas’ in Selbstmitleid suhlst und jammerst, anstatt deines Weges zu achten. Ich gebe zu, ich bedauere, dass du gefallen bist, angesichts deiner Verletzung, doch mitnichten habe ich es so gewollt. Ein wenig Dank wäre durchaus angebracht, denn hätte ich dir nicht geholfen, würdest du dich noch immer damit abmühen, dich zu befreien. Wenn es dir nicht genehm ist, dass ich einem Freund behilflich bin, werden wir anderen uns einfach weiterbewegen und dich allein in deinem Elend zurücklassen, solltest du beim nächsten Mal aus reiner Unvorsicht im Morast zu versinken drohen.“
„Das würde dir so passen, du hinterlistiger Goblin“, erwiderte Torac grollend. „Mich hier in diesem götterverlassenen Marschland in einem dreckigen Wasserloch versaufen lassen und vergnügt von dannen ziehen. Diesen Gefallen aber werde ich dir nicht erweisen, du schurkischer Hund.“
Bevor Joran erneut zu einer zornigen Entgegnung ansetzen konnte, mischte sich Talina resolut in ihr Streitgespräch, um ihre beiden Landsleute zur Vernunft zu bringen. „Das ist genug, bei T’Laras Güte! Ihr zwei benehmt euch schlimmer als eine Rotte zänkischer Goblins. Die vergangenen drei Tage erwiesen sich für jeden von uns als äusserst zermürbend, doch das ist bei weitem kein Grund, sich wegen Kleinigkeiten anzufeinden. Rauft euch zusammen und zügelt euren Frust, denn ihr beschämt den hehren Ruf von Londurins Streitmacht mit eurem kindischen Getue.“ Sie stiess ihren Atem geräuschvoll durch die zierliche Nase und schüttelte ihren hübschen Kopf. „Und so etwas bezeichnet sich als Offiziere des königlichen Heeres.“
Torac funkelte seine Gemahlin empört an, die ihn stützte, und löste sich in einem Akt des Trotzes von ihrer Seite, um auf eigenen Beinen zu stehen. Zähneknirschend aber schwieg er, wie wenn er sich scheuen würde, der bildschönen Kriegerin zu widersprechen, die ihre beiden Freunde abwechselnd anblickte.
Joran seinerseits schloss für einen Moment die Augen und zähmte seine Wut. Sie spricht wahr, gestand er sich im Stillen ein. Ich führe mich auf, wie ein närrisches Kind und nicht wie ein Ritter und Kommandant. Ich hätte mich von Toracs haltlosen Anschuldigungen und Nörgeleien nicht aufbringen lassen dürfen. Das ist meiner nicht würdig.
In einem heftigen Stoss liess er seinen Atem durch die Nase entströmen, und schlug die Augen wieder auf, um in aller Ruhe ihre momentane Lage zu überschlagen und einmal mehr seinen Blick über die graue, frostklirrende Umgebung schweifen zu lassen.
Seit drei vollen Tagen schon streifte ihre kleine Gemeinschaft ziellos durch jene ausgedehnte und trostlose Sumpflandschaft. Tearsdoors missglückter Zauber hatte sie in diese unbekannte Gegend versetzt, aus der es scheinbar keine Ausflucht gab. Ursprünglich hatten sie geplant, sich mittels eines magischen Rituals aus der besetzten lokirischen Stadt Midstrom zu stehlen, um sich anschliessend durch das südliche Umland der Küste entgegenzubewegen, wo ihnen womöglich ein Weg nach Nornyndland offen gestanden hätte. Auf jene Insel nämlich hatte sich der Grossteil der überlebenden Krieger Midstroms mitsamt ihrer Kvinna geflüchtet, nachdem offensichtlich wurde, dass die Zentauren und ihre Verbündeten die Stadt überrennen würden. Auch Torias und die andere Hälfte ihrer Gefährtenschaft hatten sich auf die letzten Schiffe zurückziehen können, die von den verheerenden Bränden verschont geblieben waren, welche die stolze Stadt im Strom verzehrt hatten. Doch ob ihnen die Überfahrt nach Nornyndland wirklich geglückt war, blieb ungewiss, denn ein heftiger Sturm hatte das Meer zu riesigen Wellenbergen aufgewühlt, denen die lokirischen Langschiffe womöglich zum Opfer gefallen waren.
Joran verdrängte den erschreckenden Gedanken an das mögliche Verhängnis seiner Gefährten. Es ist ohnehin zwecklos, über solchen Dingen dunkel zu brüten und sich von Ängsten vereinnahmen zu lassen, sagte sich der junge Ritter. Keiner von uns vermag am Schicksal unserer Freunde und Gefährten etwas auszurichten, ob es nun glücklich oder bitter ausgefallen ist. Wir können nur hoffen und unseren eigenen Weg bestimmen, und der ist schwer und verschlungen genug.
Um das Los abwesender Gefährten zu bangen war fürwahr nicht sehr hilfreich, zumal ihre kleine Gruppe selbst in einer misslichen Lage steckte, aus der sie sich bis anhin nicht hatten befreien können. Wohin genau Tearsdoors Zauber sie verschlagen hatte, wusste keiner seiner Begleiter mit Gewissheit zu sagen. Jedenfalls befanden sie sich weitab irgendwelcher Küsten in einer menschenverlassenen und unwirtlichen Gegend. Fern im Süden waren gelegentlich die Gipfel und Grate karger Berge zu erkennen, wenn sich die grauen Dunstschlieren für einmal auflösten, die das endlose Moor zumeist wie ein klammes Gespinst verhüllten. Gleich einem geisterhaften Heer gestaltloser Wesen stiegen die Nebelschwaden aus den zahlreichen Tümpeln, Wasserlöchern und kleinen Seen empor oder sickerten aus dem morastigen Untergrund hervor, um dicht über dem Boden zu einer wallenden Flut zu verschmelzen, die lautlos um die Füsse der Gefährten spülte, oder zu einer undurchsichtigen Glocke anzuwachsen, welche die rastlosen Eindringlinge einschloss und ihnen die Sicht raubte.
Jener Gebirgszug, der zuweilen wie ein schwarzer Hag gesplitterter Zinnen durch die treibenden Schleier drückte, war indes der einzige sichere Wegweiser in diesen ansonsten flachen, gleichförmigen und endlos erscheinenden Marschen voller Schilf, Riedgräser, knorriger Sträucher und kümmerlicher Baumgestalten. Die Sonne selbst liess sich bei Tage nur selten blicken, und auch die Sterne waren des Nachts kaum zu sehen, denn zumeist hing ein dichtgewobener Baldachin aus bleiernen grauen Wolken über dem Land, der kaum einmal aufbrach. Hie und da rieselten gar feine Schneeflocken hernieder, und in den lichtlosen Stunden wurde es kalt genug, dass Raureif und Frost sich wie ein dünner eisiger Panzer um die welke und verdorrte Vegetation legen konnten.
Drei Tage lang irrten Joran und seine Gefährten nun durch dieses Land, ohne wirklich zu wissen, wohin sie sich wandten. Schon in der Nacht, als sie sich in jener Moorlandschaft wiederfanden, hatten sie versucht, sich zu orientieren und herauszufinden, wo sie sich aufhielten. Jendara hatte bald einmal die Vermutung aufgestellt, dass es sich bei dem Gebirgszug im Süden um die Walberge handeln mochte und sie sich folglich nördlich davon aufhielten, in einer rauen und wilden Gegend im besetzten und verwüsteten Nordviertel Lokiriens, unweit der Grenzen zum Reich der feindlichen Zentauren.
Joran und die anderen hatten dieser Annahme eine gewisse Glaubwürdigkeit eingeräumt und sich damit zufriedengegeben, zumal keiner mit einer schlüssigeren Erkenntnis aufwarten konnte. Seither bemühten sie sich erfolglos, jenen Bergen entgegenzustreben und einen Ausweg aus dem tückischen Sumpfland zu finden. Doch was sie auch versuchten, das Moor wollte sie nicht aus seinem nebligen und menschenfeindlichen grauen Dunstkreis entlassen. Als wäre jener Flecken Wildnis von einem eigenen, lebendigen und bösen Geist erfüllt, der danach trachtete, alles zu verschlingen, was sich einmal in seinem Netz verfangen hatte, verhinderten Witterung, Natur und Landschaft, dass es ihnen glückte, sich den Bergen anzunähern, die in den Augen der erschöpften Gefährten mehr und mehr zum Sinnbild der Erlösung und der Freiheit wurden. Stets versperrten unüberwindliche Hindernisse ihr weiteres Vorankommen, sodass ihre Schar oftmals umkehren oder weite Umwege einschlagen musste, die sie immer tiefer ins Herzen des Moors trieb, anstatt hinaus. Die Gegend glich einem dämonischen, sich ständig verändernden und ausweglosen Labyrinth, dass selbst Jendara und Carvik, welche über hervorragende Kenntnisse im Fährtenlesen verfügten, hoffnungslos in die Irre geführt wurden.
Welchen verschlungenen Pfad sie auch einschlugen, immerzu trafen sie auf Lachen aus schmutzigem, faulig riechendem Wasser, die sich zu Seen ausdehnten, deren Ufer im wallenden Nebel mitunter nicht zu erkennen waren, oder auf alte, verlandende Flussläufe und tödliche Moorgruben, die jeden unvorsichtigen Wanderer zu verschlucken suchten. Viel zu oft fiel es selbst dem Leoparden und der erfahrenen Wiesenelfe schwer, den sicheren Untergrund von tückischen Sumpflöchern und Wasserstellen zu unterscheiden, denn der schlammige, aber feste Boden ging zumeist nahtlos und ohne erkennbare Anzeichen in Morast, Treibsand oder brackiges, von Algen, Moosen, Wasserlinsen und abgestorbenen Pflanzenresten bedeckte Tümpel über, und nicht gewiss war, wie tief diese Wasserstellen waren und welche üblen Gefahren ihnen innewohnten.
Als würde sich das Gelände nicht schon als verhängnisvoll genug herausstellen mit all seinen Fallen und unpassierbaren Stellen, erschwerte das für gewöhnlich undurchsichtige Nebelgespinst zusätzlich ein sicheres und rasches Vorankommen. Die meiste Zeit über war der graue Brodem so fest, dass die Gefährten gerade einmal einige Schritt weit sehen konnten, und daher war es ihnen selten möglich, zu erkennen, ob jener Teich, dessen morastiges Ufer sie erreicht hatten, die Ausdehnung eines Sees besass oder doch nur ein kleines Wasserloch war. Und wenn sie sich dann entschieden, ihn zu umgehen, verloren sie nicht selten ihren ursprünglich eingeschlagenen Weg bald einmal aus den Augen und drangen unwissentlich immer tiefer ins Moor hinein. Da das dichte und öde Grau des bedeckten Himmels und die wehenden Dunstvorhänge es zumeist unmöglich machten, sich am Sonnenstand oder den Sternen zu orientieren, bemerkten Jendara oder Carvik oftmals erst viel zu spät, dass sie wieder vom Pfad abgekommen waren und sich von den topografischen Besonderheiten der Landschaft hatten irreführen lassen.
