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In "Von den Engeln beschützt" öffnet Sandra die Tür zu ihrer zutiefst bewegenden Lebensgeschichte. Sandra wurde von Anfang an in eine Welt von Misshandlungen und emotionalem Missbrauch hineingeboren. Hinter den verschlossenen Türen ihrer scheinbar glücklichen Familie verbarg sich ein düsteres Geheimnis. Mit beeindruckender Offenheit beschreibt Sandra ihre unerschütterliche Reise von der Dunkelheit ins Licht. Sie erzählt von den extremen Herausforderungen ihrer Jugendzeit, von einsamen Kämpfen und schmerzhaften Verlusten. Doch inmitten dieser Dunkelheit fand sie Zuflucht und Trost in spirituellen Erlebnissen mit der geistigen Welt und in ihrer Verbindung zu Gott. Diese spirituelle Kraft wurde zu ihrem Anker in den stürmischen Gewässern ihres Lebens. 'Von den Engeln beschützt' ist nicht nur eine Geschichte des Überlebens, sondern auch eine inspirierende Reise zur Selbstentdeckung und Selbstheilung von schweren traumatischen Erfahrungen. In dieser Autobiographie macht Sandra anderen traumatisierten Menschen Mut und Hoffnung. Ihr Buch ist eine Quelle der Inspiration für jeden, der nach Stärke sucht, um aus den Schatten ins Licht zu treten.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2025
Von den Engeln beschützt
Meine Geschichte von Misshandlung, Heilung und göttlicher Führung
Einleitende Worte
Mut zur eigenen Geschichte
Schon seit 2021 werde ich von der geistigen Welt gedrängt, meine Geschichte zu erzählen. Und es hat mich sehr viel Mut gekostet, alles niederzuschreiben und auch noch zu veröffentlichen. Während des Schreibens über meine traumatischen Erlebnisse, wurde ich immer wieder getriggert. Ich bin nochmal in die Vergangenheit eingetaucht, die ich schon längst durchgearbeitet habe. Obwohl alles schon so lange zurückliegt, empfand ich während des Schreibens manchmal Trauer oder Wut, über das, was passiert ist. Es ist auch nicht einfach, schmerzvolle Traumata möglichst sachlich niederzuschreiben. Ich hatte außerdem vielfach mit Blockaden und Ängsten zu kämpfen, um überhaupt anzufangen. Nachdem ich so viel Heilung erfahren habe, wollte ich alles einfach nur noch hinter mir lassen. Ich hatte sehr viele Selbstzweifel und dachte oft: Wer würde eine Horrorgeschichte lesen wollen? Würde mir überhaupt jemand glauben? Dann dachte ich wiederum, ich kann nicht gut genug schreiben. Was habe ich schon zu sagen? Wer bin ich schon? Negative Gedanken wollten mich klein halten, damit ich es bleiben lasse. Es wäre viel einfacher gewesen, aber ich arbeitete mich lieber weiter durch meine Blockaden und nun darfst du dieses Buch in Händen halten.
Die Vorlage für dieses Buch sind meine dokumentierten Erinnerungen und Flashbacks, die ich während meiner Zeit mit meiner posttraumatischen Belastungsstörung hatte. Wann immer ich Alpträume oder Flashbacks hatte, schrieb ich mir alles von der Seele. Danach waren sie oft weg und kamen nie wieder. Bis zum nächsten Flashback. Mir war es wichtig, alles zu dokumentieren, damit ich nicht später zu den Erwachsenen gehöre, die alles verdrängen und behaupten, in ihrer Kindheit wäre nie irgendetwas passiert, obwohl sie sich ständig wie schwer traumatisierte Menschen verhalten. So hatte ich alles Schwarz auf Weiß und konnte jederzeit alles nachlesen. So konnte ich mir selbst niemals einreden, ich hätte eine tolle Kindheit gehabt (Verleugnung) oder das wäre alles nicht so schlimm gewesen (Minimierung). Ich kann diese Methode nur jedem empfehlen. Meine Dokumente über meine Flashbacks waren eigentlich nur für mich bestimmt. Ich habe sie nie jemandem gezeigt. Zum ersten Mal veröffentliche ich hier einiges davon. Vorher habe ich alles für mich behalten.
Ich verwende in diesem Buch auch immer wieder die Bezeichnung „Vater“, obwohl er das für mich nie war. Jahrelang konnte ich dieses Wort gar nicht aussprechen, gerade in meiner Jugendzeit nicht. In der Realität nennen ich ihn nur meinen „Erzeuger“ oder ich nenne ihn bei seinem Vornamen, den ich hier nicht preisgeben will. In diesem Buch werde ich keine Namen oder Orte nennen bis auf wenige Ausnahmen, weil man sonst Rückschlüsse auf noch lebende Personen nehmen könnte. Mir geht es um die Geschichte an sich, die ich erzählen möchte, so wie sie tausenden Menschen jeden Tag passiert.
Triggerwarnung
Früher habe ich mich extrem geschämt für meine Vergangenheit und war nicht fähig, darüber zu sprechen. Mittlerweile spreche ich offen darüber, weil ich keine Menschen mehr in meinem Leben haben möchte, die nicht damit umgehen können. Auch im Buch spreche ich offen über die erlebte Misshandlung und schildere alles im Detail. Somit möchte ich eine Triggerwarnung aussprechen. Wenn du selbst schwer misshandelt wurdest, dann wirst auch du getriggert werden. Mache eine Pause und lege das Buch weg, wenn das passiert. Schreibe dir dann deine eigenen Trigger von der Seele. Das tut gut.
Ich habe sowohl große Trauma-Momente in meinem Leben beschrieben, als auch kleine Erlebnisse, um zu zeigen, wie schnell meine Eltern (insbesondere mein Vater) gewaltbereit gegen mich wurden. Mir war es ein Anliegen, dass Misshandlungsopfer die Manipulationen von toxischen Menschen erkennen. Permanente Abwertungen und Einreden von Schuldgefühlen (Täter-Opfer-Umkehr) sind zum Beispiel ein beliebtes Mittel.
Man möge es mir verzeihen, dass es teilweise sehr emotional geschrieben ist und weniger sachlich, aber es ist kein Verlagsbuch, bei dem ein nicht genannter Ghostwriter mitschreibt und schöne neutrale Sätze formuliert. Es sind alles meine eigenen Gedanken und nichts ist dabei zensiert oder verfälscht.
Lichtblicke
Wenn ich ein Buch schreibe über ein so schweres Thema wie Kindesmisshandlung, ist es mir ein Bedürfnis, auch Lichtblicke in die Geschichte zu bringen. Es war sicher nicht alles schlecht in meiner Kindheit, aber durch meine Traumata und Amnesien kann ich mich tatsächlich an fast gar nichts Schönes mehr erinnern. Ich kann mich an lustige Erlebnisse mit meinem Bruder, Haustieren oder Freunden erinnern. Aber ich habe keine einzige schöne Erinnerung an meine Eltern. Null Komma null. Und ich habe es wirklich versucht, mich auch an schöne Dinge zu erinnern. Aber es wollte nie irgendwas kommen. Das ist traurig, aber zu verkraften.
Daher möchte ich lieber über die kleinen und großen Wunder berichten, die Gott für mich erwirkt hat. Ich wurde oft beschützt in Situationen, die übel hätten ausgehen können. Zweimal hat Gott mich vor dem Tod gerettet. Ich hätte sonst schon viel zu früh die Erde verlassen können. Aber es wurde nicht zugelassen von der geistigen Welt.
Mein Buch ist aber keineswegs religiös. Tatsächlich habe ich mit Religionen nichts mehr am Hut, gerade weil ich in der Kindheit schlechte Erfahrungen mit Pfarrern gemacht habe (schildere ich auch in diesem Buch). Es ist eher spirituell, also frei von religiösen Dogmen. Der Glaube an einen Schöpfer, der für uns sorgt und liebt. Das gemeinsame Element, das alle Religionen miteinander verbindet.
Da fällt mir gerade ein Witz ein: Was ist der Unterschied zwischen Religion und Spiritualität? Religion ist etwas für Menschen, die Angst vor der Hölle haben. Spiritualität ist etwas für Menschen, die schon dort waren…. (und wieder zurückgekommen sind, sollte man hinzufügen).
Ich erzähle hier von meinen spirituellen Erfahrungen und Erlebnissen, die mir mein schweres Leben und meine Traumata verständlicher gemacht haben. Auch davon habe ich bislang nie jemandem davon erzählt und viele Leser werden mir das gar nicht glauben können. Wenn du also nicht an einen Gott glaubst, sondern lieber an den Urknall und die zufällige Evolution durch Mutation der Gene, dann ist mein Buch wohl auch nichts für dich. Oder vielleicht fängst du wieder an, an Wunder zu glauben und an eine höhere Macht?
Ohne die geistige Welt und deren Schutz hätte ich meine Kindheit nicht überlebt, also muss ich davon berichten. Für mich war Spiritualität schon immer ein Teil meines Lebens. Ich kenne es gar nicht anders...
Familienverhältnisse
Willkommen auf der Erde!
An einem Sonntag im März 1984 erblickte ich in einem Krankenhaus in Regensburg zum ersten Mal das Licht der Welt. Es war ein etwas holpriger Start ins Leben. Ich entwickelte damals in meinen ersten Lebenstagen eine Neugeborenengelbsucht und musste entsprechend mit Phototherapie behandelt werden. Dabei wird man mit blauem Licht bestrahlt, das der Gelbfärbung der Haut entgegenwirkt.
Ich soll außerdem ein sogenanntes „Schreibaby“ gewesen sein. Vielleicht war mir unterbewusst klar, was mich erwarten würde in diesem Leben? Wir planen alle unser Leben vor der Geburt und vergessen es, sobald wir inkarnieren. Als Babys sind wir noch stark mit der geistigen Welt verbunden, aber je älter wir werden, desto weniger erinnern wir uns an unsere wahre Herkunft. Und als Erwachsene haben wir unsere wahre Heimat schließlich ganz vergessen, wissen nicht mehr, wer wir sind und was wir hier geplant haben. Und wir wissen nicht mal, dass es eine geistige Welt gibt.
Anders sein
Ich fühlte mich schon immer irgendwie anders als andere Menschen. Meist fühlte ich mich wie ein Alien auf der Erde, der nirgendwo dazugehört und fühlte mich oft unverstanden. Ich verstand auch nicht, warum ich immer meine Gefühle mündlich ausdrücken musste. Warum fühlten die Menschen nicht einfach, was ich fühlte? Ich konnte ihre Gefühle doch auch fühlen, ohne dass sie es mir sagten. Wieso tat es meinen Eltern nicht weh, wenn sie uns Kinder anbrüllten oder schlugen? Es war wie eine Mauer zwischen mir und meinen Eltern, die ich nicht durchdringen konnte.
Mir war nicht klar, dass ich als hochsensibles Kind geboren wurde und andere Wahrnehmungen hatte als „normale“ Menschen. Ich besaß mehr Empathie und fühlte viel mehr als andere. Ich konnte zwischen den Zeilen lesen und vieles intuitiv wahrnehmen. In jungen Jahren war es für mich ganz natürlich, meiner Intuition zu vertrauen, aber je älter ich wurde, desto mehr war ich im Konflikt, ob ich lieber meiner Intuition vertrauen sollte oder meinem Verstand.
Mein Anderssein bezog sich auch auf Dinge, von denen ich eigentlich nichts wissen konnte, weil sie mir niemand sagte. Woher ich dieses Wissen hatte? Keine Ahnung.
Ich wusste zum Beispiel, dass es möglich war, mit Verstorbenen Kontakt aufzunehmen und mit ihnen zu sprechen. Ich tat es einfach, obwohl mir niemand sagte, dass so etwas möglich ist. Ich hatte eben dieses innere Wissen.
Mein Opa (Vater meiner Mutter) ist verstorben, als ich noch ein Kind war. Zeitlich kann ich es nicht mehr genau einordnen. Ich kannte ihn nicht besonders gut. Er war der Typ „Träumer“. Immer war er mit seinen Gedanken woanders und wirkte oft geistesabwesend.
Er verkroch sich oft in den Keller und bastelte stundenlang an seinen Erfindungen. Eine seiner Erfindungen war eine kleine Rikscha, die er für uns Enkelkinder baute. Er hat dann die Schäferhündin meiner Tante vor die Rikscha gespannt und uns Enkelkinder hineingesetzt. Wir sind dann mit der Rikscha zur Tankstelle gefahren, um Süßigkeiten zu kaufen. Mein Opa lief neben uns her. Für die Hündin war es eine Leichtigkeit den Wagen zu ziehen und sie machte es mit Freude mit.
Als er eines Tages von uns ging, wollte ich es als Kind nicht akzeptieren. Er war ein guter Mensch und ich vermisste ihn. Daher beschloss ich, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Ich war der festen Überzeugung, dass ich mit ihm sprechen konnte und es klappte tatsächlich. Ich schloss meine Augen, begab mich geistig in einen meditativen Zustand und hatte die feste Absicht, mit meinem Opa zu sprechen.
Und dann sah ich ihn in seinen besten Jahren, viel jünger und gesünder als ich ihn kannte. Er hatte sein typisches blau-rot-kariertes Hemd an und seinen braunen Hut auf. Neben ihm stand ein großes Lichtwesen. Ein strahlendes Wesen aus Licht mit menschlichen Umrissen. Vermutlich sein Geistführer. Wir haben alle einen. Mein Opa und sein Geistführer waren beide überrascht, mich zu sehen. Das Lichtwesen lächelte mich an: „Was machst du denn hier? Bei dir ist es noch nicht soweit!“ Ich ignorierte das Lichtwesen und wandte mich direkt an Opa. „Kannst du bitte wieder zurückkommen? Wir vermissen dich!“. Er erklärte mir dann, dass das nicht so einfach gehen würde. Er könne nicht zurückkommen und würde hierbleiben. Ich war natürlich traurig darüber, denn ich hatte damals noch kein rechtes Verständnis vom Tod und was er bedeutete. Ich sah dann noch im Hintergrund auf einer Wiese einen kleinen hellbraunen Dackel sitzen, der offensichtlich auch auf ihn wartete. Es irritierte mich etwas. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Hund war…
Ich teilte dieses Erlebnis mit meinen Verwandten und meiner Oma (wir waren nicht blutsverwandt. Sie war die zweite Frau von meinem Opa). Sie bestätigte mir, dass das blau-rote Hemd und sein Hut sein Lieblingsoutfit waren. Noch größer war die Überraschung, was den Hund betraf. Den gab es wirklich! Sie zeigte mir ein Foto von zwei Dackeln, die er früher besaß, die aber vor meiner Geburt bereits gestorben waren. Einer davon war schwarz und der andere braun! Da hatten meine Verwandten nun den Beweis, dass tatsächlich ein Jenseitskontakt zustande gekommen war. Ich hatte mir das alles also nicht eingebildet, denn ich wusste nichts von diesen Hunden und hatte nie vorher von ihnen gehört. Von da an war meinen Verwandten aber auch klar, dass ich irgendwie seltsam und anders war als die anderen Kinder.
Mein Bruder
Rund zweieinhalb Jahre nach mir wurde im Dezember 1986 mein Bruder Michael geboren. Niemand wusste, dass mein Bruder geistig behindert auf die Welt kommen würde. Es wurde erst bei seiner Geburt entdeckt, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er hatte Trisomie 21 (das Chromosom 21 ist dreimal vorhanden anstatt zweimal wie bei einem gesunden Menschen). Diese geistige Behinderung ist auch besser bekannt unter dem Namen „Down-Syndrom“.
Meine Eltern waren natürlich geschockt, weil sie nicht damit gerechnet hatten. Es wurde ihnen keine Hilfe angeboten und sie wurden auch nicht wirklich aufgeklärt, was da auf sie zukam. Mein Bruder würde niemals selbstständig leben können und wäre sein Leben lang auf einen Betreuer angewiesen. Körperliche Behinderungen hatte er zum Glück keine.
Von einem spirituellen Standpunkt aus gesehen glaube ich, dass es keine Zufälle gibt und dass jedes Lebewesen sein irdisches Leben vor der Geburt plant. Auch, ob wir behindert auf die Welt kommen wollen. Dabei gibt es Lernaufgaben sowohl für den Behinderten, aber mehr noch für denjenigen, der für den Behinderten verantwortlich ist. Also den Erziehungsberechtigten. Das sind sogenannte „Seelenverträge“ zwischen den Beteiligten. Man sollte also nie jemanden bemitleiden wegen seiner angeborenen Behinderung oder ihm gar wünschen, er wäre besser nicht geboren worden. Diese Seelen nehmen bewusst Leid auf sich.
Meine früheste Kindheitserinnerung geht auf eine Erinnerung mit meinem Bruder zurück. Er war erst ein paar Wochen alt und meine Mutter hat ihn in einer kleinen Plastikwanne gebadet. Ich beobachtete sie zunächst dabei und dann meinte sie, ich dürfte ihn auch waschen. Ich fühlte sehr viel Liebe für dieses kleine hilflose Wesen. Ich spürte eine tiefe Seelenverbindung zu ihm und wollte immer für ihn da sein.
Meine Eltern & Großeltern
Meine Eltern waren noch jung und unerfahren, als ich auf die Welt kam. Meine Mutter war 22 und mein Erzeuger 24. Vor meiner Geburt arbeitete sie als Verkäuferin in einer Metzgerei und später, als wir Kinder auf der Welt waren, als Näherin, um sich Geld dazuzuverdienen. Ich war dann bis spät abends immer alleine mit meinem Vater und wartete stundenlang ungeduldig darauf, bis sie wieder zurückkam.
Das machte sie aber nicht lange. Als wir im Kleinkindalter waren, war sie dann Vollzeit-Hausfrau. Gerade auch, weil mein behinderter Bruder viel Aufmerksamkeit und Betreuung brauchte. Er war hyperaktiv und wollte ständig beschäftigt werden und suchte unsere Aufmerksamkeit. Er stand regelmäßig um 6 Uhr morgens auf der Matte und machte Krach in seinem Kinderzimmer! Mein Bruder hatte Energie ohne Ende! Ich hingegen hatte keine Probleme mich selbst zu beschäftigen.
Meine Mutter hatte selbst eine schwierige Kindheit, die sie leider nie überwunden hatte. Sie hatte sich nie professionelle Hilfe geholt und ihr schweres Kindheitstrauma war unbehandelt geblieben. Ich erlebte in all den Jahren immer wieder, wie ihr immer alles gleich zu viel wurde. Sie war eigentlich stets überfordert mit ihrer Mutterrolle. Sie war auch grundsätzlich ein sehr ängstlicher Mensch mit einem extrem geringen Selbstwertgefühl. Ihre Mutter, also meine Großmutter, soll eine Alkoholikerin gewesen sein. Sie starb dann auch an einem Unfall in Folge ihres Alkoholkonsums. Meine Mutter war damals nur 9 Jahre alt, als sie zu einer Halbwaisen wurde. Mit ihrer Stiefmutter, die sie dann vorgesetzt bekam, verstand sie sich nicht. Sie bekam zu Hause selbst nie die Liebe, die sie brauchte. Mit 18 Jahren zog sie sofort von Zuhause aus und lief ausgerechnet meinem Vater in die Arme. Sie erhoffte sich mit meinem Erzeuger ein besseres Leben als in ihrer Kindheit, aber ihre Ehe war leider nur eine Fortsetzung ihrer eigenen Kindheitshölle. Leider hat sie nie etwas dagegen unternommen. Sie verhielt sich meinem Vater gegenüber extrem unterwürfig und setzte sich fast nie zur Wehr, egal was er sagte oder tat. Ich sah meine Eltern daher nur selten miteinander streiten.
Mein Vater arbeitete nach seinem Abitur viele Jahre bei der Bundeswehr als Techniker. Als egoistischer Choleriker hat er dort sicher gut hin gepasst. 7 Jahre soll er dort verbracht haben. Danach war er kurze Zeit angestellt bei einer Firma als Computertechniker. Weil ihm ein Leben als Angestellter nicht taugte, machte er sich schließlich selbstständig. Er ließ sich nicht gerne bevormunden. Er kann und weiß schließlich alles besser als seine Chefs. Er wollte selbst Chef sein und über alles bestimmen können. Genauso verhielt er sich auch in der Familie. Es gab von Anfang an keine Gleichbehandlung in der Ehe mit meiner Mutter. Er bestimmte alles und fragte uns nie nach unserer Meinung. So etwas wie einen Familienrat, dass wir z.B. gemeinsam abstimmen durften, wohin wir in den Urlaub fahren oder dergleichen gab es nicht. Meine Mutter tat einfach alles, was er wollte. Sie gab selten irgendwelche Widerworte. „Er ist unser Ernährer. Wir müssen alles tun, was er sagt.“ Diesen Satz hörte ich später immer und immer wieder.
Mein Vater hatte auch eine problematische Kindheit (was ich erst sehr viel später erfuhr), aber er redete nie darüber. Er schwieg seine Eltern komplett tot, als hätte es sie nie gegeben. Meine Mutter tat das genauso. Die wenigen Informationen, die ich über ihre Kindheit und meine Großeltern habe, stammen von Verwandten.
Mein Vater hat als Baby ein schweres Verlassenheitstrauma erlitten. Er musste aus mir unbekannten Gründen längere Zeit (ca. 1 Jahr) im Krankenhaus bleiben und seine Eltern konnten ihn dort nicht oft besuchen, da das Krankenhaus weiter weg war. Er hatte eine Krankenschwester, die sich oft um ihn kümmerte und diese hielt er dann später für seine eigene Mutter. Meine Tante berichtete mir, dass er seine eigenen Eltern nicht erkannte und nicht akzeptierte, als er zurückkam. Er schrie nach „seiner Mutter“, der Krankenschwester, die sich um ihn kümmerte. Zu dieser hatte er eine enge Bindung aufgebaut und nicht zu seinen Eltern. Er kann bis heute nicht alleine sein, ohne starke Ängste zu spüren.
Genau wie meine Mutter, weigerte er sich ebenfalls, seine traumatische Kindheit aufzuarbeiten. Er leugnet bis heute sogar, dass er überhaupt traumatisiert wäre. Ihm würde nichts fehlen. Man wird nicht cholerisch und misshandelt seine eigenen Kinder, wenn man nicht selbst schwer traumatisiert wurde. Das liegt auf der Hand. Man verletzt andere nur, wenn man selbst verletzt wurde. Ein glücklicher und nicht traumatisierter Mensch würde ja niemals auf die Idee kommen, andere zu verletzen.
Mir ist das lange Zeit nicht aufgefallen, dass meine Großeltern niemals mit einem Wort erwähnt wurden, denn es war normal in meiner Familie. Ich habe es erst als Erwachsener bemerkt, dass es nicht normal ist, seine Eltern totzuschweigen. Normale Menschen erzählen auch mal Erinnerungen an die Kindheit zu Geburtstagsfesten oder Weihnachten etc. Aber meine Eltern erzählten niemals Erinnerungen aus ihrer Kindheit. Als hätte es ihre Kindheit überhaupt nicht gegeben und sie wären schon als Erwachsene auf die Welt gekommen. Das ist praktisch ein sicheres Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt und bewusst totgeschwiegen wird.
Meine beiden Omas habe ich nie kennengelernt, denn die Oma mütterlicherseits ist gestorben, als meine Mutter noch ein Kind war. Und meine Oma väterlicherseits ist ein paar Monate nach meiner Geburt gestorben. Meine Taufe hat sie noch miterlebt. Meine beiden Opas sind gestorben, als ich noch im Grundschulalter war. Somit bin ich größtenteils ohne Großeltern aufgewachsen. Zu meiner Stiefoma hatte ich nie viel Kontakt, weil sie sich nicht mit meiner Mutter verstanden hatte. Meine Mutter hielt sie weitgehend von uns fern.
Dysfunktionale Kindheit
Wie viele schwer traumatisierte Menschen kann ich mich nicht mehr so gut an meine frühe Kindheit erinnern. Da gibt es sehr viele Lücken. Ich habe fast gar keine schönen Erinnerungen an meine Kindheit. Die sehr wenigen schönen Erinnerungen beziehen sich auf meinen Bruder, meinen Hund oder meine damaligen Schulfreunde. Mit meinen Eltern habe ich tatsächlich keine einzige schöne Erinnerung.
Es kann nicht alles schlecht gewesen sein, aber ich kann mich einfach nicht mehr erinnern. Meine traumatischen Erfahrungen von Kindesmisshandlung überwiegen schwer und haben sich praktisch in mein Gedächtnis eingebrannt. Das kann ohnehin keine einzelne schöne Erfahrung wieder wettmachen.
Ich fühlte mich immer abgelehnt von meinen Eltern und nicht willkommen in meiner Familie. Als sei ich in eine falsche Familie geboren worden, die mich nie haben wollte. Und meine Eltern ließen mich stets spüren, dass ich alles falsch machte und nie irgendetwas richtig machen konnte.
Warum ist niemanden etwas aufgefallen?
Meine Verhaltensauffälligkeiten als Kind
Auf den Kinderfotos lache ich meist noch fröhlich und unbekümmert. Vor allem weil ich ein gutes Verhältnis zu meinem Bruder hatte, mit dem ich oft spielte. Und ich wusste auch nichts von den Dingen, die mich in Zukunft noch erwarten würden. Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm es in unserer Familie noch werden würde.
In meinen Teenagerjahren änderte sich mein unbekümmertes Verhalten drastisch. Da lächle ich nur mehr gequält auf Fotos, weil man es von mir erwartete. Oder ich lächle gar nicht mehr. Ich sah dann eher traurig aus und irgendwann, so ab 15 Jahren, gab es fast gar keine Fotos mehr von mir, weil ich mich weigerte, heile Familienwelt zu spielen. Höchstens noch zu offiziellen Anlässen wie Geburtstagen oder Weihnachten. Da spielte ich dann aus Pflichtgefühl mit, sonst hieß es nur, ich wäre eben ein schwieriger Teenager und alles wäre meine Schuld.
Ich war schon in jungen Jahren verhaltensauffällig. Wenn man genau hinsieht, dann kann man auf den Kinderfotos auch die Auffälligkeiten erkennen: Da sieht man Kratzer und Wunden im Gesicht. Diese hatte ich mir teilweise selbst zugefügt, weil ich unter traumatischem Stress litt. Ich hatte das Gefühl, meine Haut würde permanent unter Strom stehen und jucken und ich kratzte mich überall blutig. Ich hatte abgekaute Fingernägel. Aus einer Art Zwangshandlung heraus riss ich mir selbst manchmal die Haare und Wimpern aus. Ich wusste nicht, wieso ich es tat.
Noch in der Grundschule war ich Bettnässer. Ich wachte einfach nicht auf, wenn ich auf die Toilette musste. Ab 18 Uhr bekam ich dann nichts mehr zu trinken, damit ich nicht ins Bett machte. Aber es half nichts. Wenn ich durstig war, trank ich einfach Leitungswasser aus dem Wasserhahn im Bad. Anstatt mit den Misshandlungen aufzuhören, bekam ich einfach nichts mehr zu trinken. Das war die Erziehungsmethode meiner Eltern.
Ich konnte oft nicht im Dunkeln einschlafen und wurde nachts von Alpträumen geplagt. Ich hatte sehr oft Bauchschmerzen und einen aufgeblähten Bauch. So schlimm manchmal, dass ich nur noch vor Schmerzen am Boden liegen konnte. Das fing als Baby schon an und die Probleme gingen bis ins Teenageralter.
Ich war ängstlich, ständig innerlich angespannt und irgendwie nervös. Ich hatte mehr und mehr mit Scham- und Schuldgefühlen zu kämpfen, weil ich offensichtlich weder erwünscht noch gewollt war in dieser Familie. Man hatte mir immerzu das Gefühl gegeben, ich wäre ein schlechter Mensch und hätte alle Strafen und Misshandlungen auch noch verdient. Ich wäre eben zu dumm, um irgendetwas richtig zu machen. Wenn ich etwas richtig machte, dann wurde es entweder komplett ignoriert oder mit „das kannst du besser“ gewürdigt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals ehrliches Lob von meinen Eltern erhielt. Sie erwarteten einfach von mir, dass ich auf Anhieb immer alles richtig machte und es gleich bei der ersten Erklärung kapierte. Oder ich musste es ohne Erklärung kapieren.
Ich konnte oft nicht herausfinden, was meine Eltern eigentlich von mir wollten und warum ich geschlagen worden war. Ich konnte das gar nicht verhindern. Die Regeln änderten sich ständig. Aber ich durfte nicht nach den Regeln fragen, denn dann war ich dumm. Sie sagten mir auch, Schläge gehören zur Erziehung dazu. Sie nannten es nicht Misshandlung, sie nannten es Erziehung.
Mein Selbstwertgefühl schwand mit jedem Jahr mehr in dieser Familie, die keine war. Ich fühlte, ich war nichts wert und ich konnte einfach nichts richtig machen. Im Gegenteil. Ich wurde darin beschämt, dass nichts richtig war, was ich tat. Ich hatte Angst etwas Falsches zu sagen oder etwas Falsches zu machen und dann bestraft zu werden. Ich wurde extrem schüchtern und traute mir nichts mehr. Hatte Angst vor allem und jedem. Vor allem vor fremden Menschen. Männer wie Frauen. Ich vertraute niemandem. Ich sprach manchmal überhaupt nicht. War einfach nur still. Ich wollte einfach nur noch unsichtbar sein und möglichst nicht beachtet werden. Hauptsache ich ecke nirgendwo an und falle gar nicht auf. Damit ich mir keine dummen Sprüche anhören muss. Aber nichts zu sagen, war dann auch wieder falsch und ich wurde z.B. als „stummer Fisch“ oder als „Stoffel“ beschimpft.
Es wurde zu meiner Überlebensstrategie, unsichtbar zu sein und meine Eltern möglichst nicht zu belästigen und sie möglichst nicht zu brauchen. Alles alleine hinzubekommen. Das habe ich dermaßen perfektioniert, dass ich als Teenager eine graue Maus war und von niemandem beachtet wurde.
Ich war als Kind überangepasst, um nichts falsch zu machen, aber meine Eltern erzählten überall herum, ich wäre genau das Gegenteil. Ich wäre schwer erziehbar und ein schlimmes Kind. Und sie holten sich von anderen Eltern ihr Mitleid ab, wie schwer sie es hatten und ich sollte immer schön dankbar sein für meine Eltern, die alles für mich taten. Keiner hatte aber einen blassen Schimmer, was wirklich hinter verschlossenen Türen passierte. Vermutlich war ich wegen der extremen Angepasstheit irgendwie unsichtbar für andere und niemand schien die Misshandlungen in meinem Umfeld zu bemerken. Ich wurde einfach als geistesgestört und schwierig abgestempelt.
Ich erkannte nicht, dass es eine Methode meiner Eltern war, mich ständig zu beschämen, um mich so gefügig zu halten. Permanente Abwertung ist die Hauptstrategie von misshandelnden Eltern. Damit die Kinder niemals ein starkes Selbstwertgefühl erlangen und sich wehren. Wenn eine Lüge oft genug wiederholt wird, dann glaubt man sie irgendwann. Das ist Gehirnwäsche mit dem Ziel, sein Kind dumm und angepasst zu halten. Damit es nie merkt, was vor sich geht. Als Kind durchschaut man so etwas nicht. Keine Chance. Man denkt sich tatsächlich irgendwann: Mit mir stimmt etwas nicht. Man kann mich einfach nicht lieben. Ich habe keine Liebe verdient usw.
Es gab noch eine weitere Auffälligkeit, die ich mit meinem Bruder gemeinsam hatte: Wir hatten niemals Heimweh. Bei sämtlichen Schulausflügen bemerkte ich, das Kinder Heimweh nach ihren Eltern hatten. Mir war das fremd. Ich war froh, dass ich meine Ruhe hatte. Als wir in der 8. Klasse Realschule für ein paar Tage Skiunterricht in den Bergen hatten, war ich das einzige Kind, das nicht seine Eltern anrief. Es gab noch keine Handys und das einzige Telefon war in der Herberge. Dort reihten sich alle Kinder auf und riefen abends ihre Eltern an. Nur ich nicht. Dazu hatte ich keine Lust. Womöglich musste ich mich sonst wieder beschimpfen lassen. Meine Eltern riefen schließlich in der Herberge an und erkundigten sich nach mir.
Verhaltensauffälligkeiten meines Bruders
Auch mein Bruder war verhaltensauffällig. Während ich sehr ruhig und zurückgezogen war, war mein Bruder das komplette Gegenteil von mir. Er war sehr extrovertiert und hyperaktiv. Er konnte keine Minute lang still sitzen und machte, was er wollte. Er zog gerne mal in aller Öffentlichkeit seine Hose runter und urinierte an einem Baum. Das fand er witzig. Da niemand ihm beibrachte, wie man sich mit anderen Kindern anfreundete, war es seine Art, sie zu ärgern. Zum Beispiel warf er ihnen Sand ins Gesicht am Spielplatz oder tauchte die anderen Kinder unter Wasser im Freibad. Das verursachte regelmäßig Ärger mit anderen Eltern. Er war in Wahrheit derjenige, der frech und ungezogen war und nicht ich.
Er wurde zunehmend auch im Unterricht an der Schule immer wieder ausgeschlossen und durfte im Sportunterricht nicht teilnehmen. Seine Lehrer wandten sich gegen ihn. Sie verstanden nicht, warum er zeitweise so aggressiv war. Schließlich mussten meine Eltern ihn von der Schule nehmen und er ging auf eine andere Behindertenschule. Dort hatte er zum Glück bessere Lehrer, die ihn integrierten und ihn annahmen wie er war, anstatt ihn zu bestrafen. Seine Aggressionen ließen nach, denn er fühlte sich nun willkommen und nicht mehr abgelehnt. Er spielte in dieser Schule jahrelang in einer Basketballgruppe, die er liebte und blühte regelrecht auf. Er ging plötzlich gern zur Schule.
Privat nutzte mein Bruder allerdings jede Gelegenheit, um von zu Hause zu flüchten. Bei allen Ausflügen und allen Urlauben, die wir machten, haute er ab und ging uns verloren. Wenn wir bei Verwandten zu Besuch waren, wollte er nie nach Hause. Genau wie bei mir, war Heimweh ein Fremdwort für ihn. Wir kannten kein Heimweh. Wir wollten nie allein zu Hause sein bei meinen Eltern. Michi klammerte sich an alle möglichen Gegenstände wie z.B. an ein Tischbein und man musste ihn regelrecht ins Auto zerren. Vor meinen Verwandten konnten sich meine Eltern stets beherrschen und machten ihm keine Vorwürfe. Später in seinen Teenagerjahren war er zu dick und zu schwer geworden. Man konnte ihn nicht mehr einfach forttragen und musste dann abwarten, bis er wirklich von alleine mitging. Das konnte manchmal bis zu einer Stunde dauern.
Wenn Kinder niemals Heimweh haben und nicht nach Hause wollen, sich sogar noch an Möbelstücke klammern oder sich verstecken, ist das eigentlich ein klares Zeichen, dass Zuhause etwas nicht stimmen kann. Aber tatsächlich fand es meine Verwandtschaft lustig, wie sich mein Bruder wie ein Klammeräffchen an die Möbel klammerte, weil er nicht nach Hause wollte. Ich stand neben meinen Eltern und konnte nichts sagen. Es hätte nur Ärger für mich gegeben. Man weiß als Kind einfach nicht, wie man sich bemerkbar machen oder um Hilfe bitten soll.
Irgendwie ist es mir schon ein Rätsel, warum niemand in meinem Umfeld die Misshandlungen bemerkte, schließlich gab es viele Anzeichen und Verhaltensauffälligkeiten, wie gerade eben beschrieben. Dahinter steckt wohl kognitive Dissonanz. Man will einfach nicht sehen, was nicht wahr sein darf.
Kindergarten und Schulzeit
Widerstand gegen den Kindergarten
Die Kindergartenzeit war für mich extrem langweilig und öde und ich wollte schon lieber in die Schule gehen. Ich war sehr wissbegierig und wollte endlich lesen und schreiben lernen. Weil ich laut den Ärzten für mein Alter zu klein geraten war, ließen mich meine Eltern noch ein weiteres Jahr in den Kindergarten gehen. Niemand hatte mich gefragt, was ich wollte.
Aus Protest habe ich mich morgens immer unter dem Tisch versteckt und meine Eltern mussten mich hervorziehen und in den Kindergarten bringen. Im katholischen Kindergarten habe ich rein gar nichts gelernt. Wir spielten nur Spiele und machten Mittagsschlaf. Mit 6 ½ Jahren wurde ich endlich eingeschult. Ich kann mich überhaupt nicht an dieses Ereignis erinnern. Ich weiß nicht, wie meine Schulkameraden aussahen. Ob ich eine Lehrerin hatte oder einen Lehrer. Ich weiß nur noch eines: Mir ging das alles viel zu langsam. Während die Kinder die ersten Buchstaben lernten, brachte ich mir selbst das Lesen bei und konnte schon früher lesen als die anderen Kinder. Um die Welt zu verstehen, musste ich lesen lernen. Ich war ein wissbegieriges Mädchen, das viele Fragen stellte, aber selten eine Antwort bekam. „Das lernst du dann, wenn du groß bist.“ „Das erklären wir dir später. Das verstehst du noch nicht.“ usw. Es war ihnen meist zu mühsam, mir irgendwas zu erklären.
Mobbing in der Schule
Ich kann mich leider nur noch bruchstückhaft an meine Schulzeit bis zur Realschuhle erinnern, aber es gab in der Grund- und Hauptschulzeit neben den Misshandlungen meiner Eltern auch noch unschöne Erfahrungen mit falschen Freunden und Mobbing.
Mit der allerersten Schulfreundin hatte ich bereits Pech, denn ich bemerkte irgendwann, dass sie mir meine Spielsachen klaute. Sie tauchten dann wieder bei ihr im Kinderzimmer auf. Sie behauptete stets, ihre Mutter hätte die Spielsachen für sie gekauft, aber ich wusste, es waren meine. Ich fing an, meine Spielsachen mit einem Stift zu markieren und konnte sie somit überführen. Ich setzte ihre Mutter in Kenntnis und bekam alle meine Spielsachen wieder zurück. Die Freundschaft war dann allerdings zu Ende.
In der Schule wurde ich außerdem Opfer von Mobbing. Es waren ausschließlich immer andere Mädchen, die mich ärgerten. Sie fegten meine Sachen vom Schultisch, sie rempelten mich an, so dass ich meine Sachen fallen ließ oder meine Aufzeichnungen verschmierte. Sie schnitten meine Schnürsenkel an den Schuhen ab. Sie hielten mich fest, sodass ich zu spät zum Unterricht kam. Sie beschädigten und klauten mir meine Sachen. Ich wusste mich nicht zu wehren. Meine Eltern würden mir sowieso nicht helfen. Das taten sie nie. Dann hatte die Mobbing-Sache ein unerwartetes Ende. So kam es eines Tages, dass mich ein großes Mädchen von hinten festhielt, während ich auf dem Weg zum Sportunterricht war. Aus Panik heraus schlug ich wild um mich und verpasste dem Mädchen aus Versehen eine Ohrfeige. Es war ungewollt, aber sie ließ mich sofort los und stand ganz verdattert da. Es war mir peinlich und ich wollte mich schon entschuldigen, bis ich von allen Seiten Applaus erhielt. Andere Mädchen, die das beobachtet haben, klatschen mir Beifall. Also behielt ich es für mich, dass es ein Versehen war. Ich beachtete sie nicht mehr und ging zum Sportunterricht. Von da an wurde ich in Ruhe gelassen und nicht mehr gemobbt. Diese Situation hat mich gelehrt, dass man nur gemobbt wird, wenn man sich mobben lässt. Die Mobbing-Täter sind gar nicht so stark, wie man denkt. Aus heutiger Sicht und mit meiner Erfahrung würde ich es jedenfalls sofort unterbinden und es nicht mehr dazu kommen lassen.
Das Verschwinden der besten Freundin
