Vor dem Fest - Saša Stanišić - E-Book

Vor dem Fest E-Book

Saša Stanišić

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Beschreibung

Es ist die Nacht Vor dem Fest im uckermärkischen Fürstenfelde. Das Dorf schläft. Bis auf den Fährmann – der ist tot. Und Frau Kranz, die nachtblinde Malerin, die ihr Dorf zum ersten Mal bei Nacht festhalten will. Ein Glöckner und sein Lehrling wollen die Glocken läuten, das Problem ist bloß: die Glocken sind weg. Eine Füchsin sucht nach Eiern für ihre Jungen, und Herr Schramm, ein ehemaliger Oberst der NVA, kann sich nicht entscheiden, ob er Zigaretten holen soll oder sich in den Kopf schießen. Alle haben sie eine Mission. Alle wollen sie etwas zu Ende bringen, bevor die Nacht vorüber ist.

Keiner von ihnen will den Einbruch ins Haus der Heimat beobachtet haben. Das Dorfarchiv steht aber offen. Doch nicht das, was gestohlen wurde, sondern das, was entkommen ist, quält die Schlaflosen. Die Nacht gebiert Ungeheuer: Alte Geschichten und Erinnerungen, Mythen und Märchen, sind ausgebrochen und ziehen mit den Menschen um die Häuser. Sie fügen sich zum Roman einer langen Nacht, zu einem Mosaik des Dorflebens, in dem Alteingesessene und Zugezogene, Verstorbene und Lebende, Handwerker, Rentner und arbeitslose Halbgötter in Fußballtrikots aufeinander treffen. Und in dem es Herrn Schramm einfach nicht gelingen will, an Zigaretten zu kommen. Wie wird es aussehen das Dorf, wenn das Fest beginnt?

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SAŠA STANIŠIĆ

VOR

DEM

FEST

Roman

Luchterhand

Für Katja.

For billions of years since the outset of time

Every single one of your ancestors has survived

Every single person on your mum and dad’s side

Successfully looked after and passed on to you life.

What are the chances of that like?

The Streets: On the Edge of a Cliff

I

WIR SIND TRAURIG. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann. Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben.

Um den See kannst du theoretisch zu Fuß, immer am Ufer entlang. Allerdings haben wir den Pfad vernachlässigt. Der Boden ist sumpfig und die Stege morsch und unglücklich, das Gebüsch hat sich ausgebreitet, brusthoch steht es dem Pfad im Weg.

Die Natur erobert sich zurück, was ihr gehört. Würde man woanders sagen. Wir sagen das nicht. Weil es Unfug ist. Die Natur ist inkonsequent. Auf die Natur ist kein Verlass. Und auf was du dich nicht verlassen kannst, damit bau keine Redewendungen.

Unterhalb der Ruine von Schielkes ehemaligem Hof, wo der See die Landstraße zärtlich berührt, hat jemand seinen halben Hausrat am Ufer entsorgt. Ein Kühlschrank steckt im matschigen Grund, eine Dose Tunfisch noch darin. Der Fährmann hat es uns erzählt. Und dass er wütend geworden sei. Nicht wegen des Abfalls generell, sondern wegen Tunfisch speziell.

Jetzt ist der Fährmann tot, und wer uns erzählen soll, was die Ufer treiben, wissen wir nicht. Wer soll so schön sagen: »Wo der See die Landstraße zärtlich berührt«, und: »Das war Tunfisch aus den fernen Meeren Norwegens.« Solche Sätze können nur Fährleute.

Wir haben uns seit der Wende keine gute Redewendung mehr ausgedacht. Der Fährmann war ein guter Erzähler. Glaub aber ja nicht, dass wir in diesem Moment der Schwäche den Tiefen See, der ohne den Fährmann noch tiefer geworden ist, nach seinem Befinden fragen. Oder den Großen See, der den Fährmann ertränkt hat, nach seinem Motiv.

Wie der Fährmann ertrank, hat niemand gesehen. Besser ist es. Was willst du beim Ertrinken auch sehen? Schön ist das nicht. Er muss am Abend hinausgefahren sein, auf dem See lag Nebel. In der Morgendämmerung trieb ein Kahn auf dem Wasser, leer und vergeblich wie ein Abschiedsgruß ohne ein Gegenüber.

Taucher sind gekommen. Frau Schwermuth hat ihnen Kaffee gemacht, sie haben den Kaffee getrunken und auf den See gesehen, und dann sind sie in den See gestiegen und haben den Fährmann rausgeholt. Große Männer, blond und wortkarg, Verben nur im Imperativ, verladen den Fährmann. Stehen am Ufer in ihren engen Anzügen, schwarz und steif wie Ausrufezeichen, gesetzt vom Tod. Essen vegetarische Brote, tropfen.

Der Fährmann wurde begraben, und der Glöckner hat seinen Einsatz verpasst, anderthalb Stunden später hat es geläutet, da waren alle schon beim Beerdigungskuchen im Gleis 1. Ohne Hilfe kommt der Glöckner ja kaum noch eine Treppe hoch. Letztens hat er um Viertel nach zwölf die Glocke achtzehn Mal schlagen lassen und sich auch noch die Schulter ausgekugelt. Dabei haben wir eine Läutautomatik und Johann, den Lehrling. Beide mag der Glöckner aber nicht besonders.

Es gehen mehr tot, als geboren werden. Wir hören die Alten vereinsamen. Sehen den Jungen beim Schmieden zu von keinem Plan. Oder vom Plan, wegzugehen. Im Frühling haben wir den Stundentakt vom 419er eingebüßt. Die Leute sagen, ein paar Generationen noch, länger geht das hier nicht. Wir glauben: Es wird gehen. Es ist immer irgendwie gegangen. Pest und Krieg, Seuche und Hungersnot, Leben und Sterben haben wir überlebt. Irgendwie wird es gehen.

Bloß ist jetzt der Fährmann tot. An wen sollen die Trinker sich wenden, wenn Ulli sie rausgeschmissen hat? Wer soll für die Gäste aus dem Großraum Berlin Schatzschnitzeljagden auf den Inseln so gut veranstalten, dass kein Schatz je gefunden wird und danach die Kinder auf der Fähre leise heulen und die Mütter sich höflich beim Fährmann beschweren und die Väter Tage noch grübeln, wo man den Fehler gemacht hat, und erst die neuen Bundesländer, dann ihre Männlichkeit in Frage stellen, und am Ufer angekommen, essen sie einen Apfel und radeln auf ihren desillusionierten Fahrrädern weiter Richtung Ostsee und kommen niemals wieder? Wer?

Der Fährmann ist tot, und die anderen Toten wundern sich, was soll ein Fährmann unter der Erde? Er hätte ordentlich im See bleiben sollen und gut.

Niemand sagt, ich bin der neue Fährmann. Die wenigen, die verstehen, dass wir unbedingt einen neuen Fährmann brauchen, verstehen nichts von Fähren. Oder davon, wie man Gewässer tröstet. Oder sie sind zu alt. Andere tun so, als hätten wir niemals einen Fährmann gehabt. Die dritten sagen: Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.

Der Fährmann ist tot, und niemand weiß, warum.

Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Und die Seen sind wieder wild und dunkel und schauen sich um.

DIE TANKSTELLE HAT DICHTGEMACHT, zum Tanken musst du nach Woldegk. Im Schnitt fährt das Dorf seitdem weniger im Kreis durch das Dorf und mehr geradeaus nach Woldegk, Fontane rezitierend, die, die Fontane auswendig kennen. Im Schnitt vermisst eher Jung die Tankstelle als Alt. Nicht nur wegen Benzin. Wegen KitKat und Bier auf die Hand und Unforgiving, Geschmacksrichtung Orange Inferno,dem Energy-Drink, der die ostdeutschen Tankstellen im Sturm erobert mit 32 mg Koffein pro 100 ml.

Lada, den man Lada nennt, weil er als Dreizehnjähriger mit dem Lada von seinem Großvater nach Dänemark gefahren ist, hat heute zum dritten Mal binnen drei Monaten seinen Golf im Tiefen See geparkt. Hat das was mit der fehlenden Tankstelle zu tun? Nein. Das hat was mit Lada zu tun. Und mit dem Uferweg, der sich hier prima für 200 km/h eignet theoretisch.

Der See hat geblubbert. Johann und der stumme Suzi haben es am Ufer erst lustig, dann nicht mehr lustig gefunden. Eine Minute ist vergangen. Johann hat sein Stirnband ausgezogen und ist rein, und er ist der schlechteste Schwimmer von den dreien. Der jüngste auch. Junge unter Männern. Umsonst. Lada ist von alleine aufgetaucht. Die Kippe noch zwischen den Lippen. Musste Johann ein bisschen mitretten.

Fürstenfelde. Einwohnerzahl: ungerade. Unsere Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Sommer hat die Nase klar vorn. Unser Sommer fällt kaum schlechter aus als am Mittelmeer. Statt Mittelmeer haben wir die Seen. Der Frühling ist nichts für Allergiker und nichts für Frau Schwermuth vom Haus der Heimat, die wird im Frühling depressiv. Der Herbst ist zweigeteilt in frühen Herbst und späten Herbst. Im späten Herbst hat sich der Landmaschinentourismus etabliert. Stadtväter bringen ihre Söhne zum Landmaschinengucken in der Nacht. Söhne: begeisterte Schockstarre vor riesen Rädern und Reflektoren und Rabatz. Die Geschichte des Winters in einem Dorf mit zwei Seen ist immer eine Geschichte, die anfängt, wenn die Seen gefrieren, und aufhört, wenn das Eis taut.

»Was machst du jetzt mit der Karre?«, hat Johann Lada gefragt, und Lada, der in puncto Autos-aus-dem-See-Holen und Wieder-zum-ordnungsgemäßen-Laufen-Bringen kein Anfänger ist, sagte: »Hol ich die Tage.«

Der stumme Suzi warf die Angel wieder aus. Wegen Ladas Missgeschick hatte er kurz pausiert. Suzi angelt für sein Leben gern. Bist du stumm geboren, bist du fürs Angeln irgendwie auch prädestiniert. Wobei, was heißt schon stumm? Politisch korrekt wäre: Kehlkopf kaputt.

Johann klopfte sachte einen Rhythmus auf seinen Oberschenkel. Morgen hat er seine Glöckner-Prüfung. Er hat eine kleine Melodie extra für das Fest komponiert und wird sie mit den Klöppeln schlagen. Beiern nennt sich das. Lada und Suzi wissen davon nichts. Ist besser so, sonst gibt es wieder blöde Sprüche.

Die drei zogen sich bis auf die Unterhosen aus. Johann und Lada, damit die Sachen trockneten, Suzi aus Solidarität. Ladas einwandfreie Muskulatur, Suzis einwandfreie Muskulatur. Johanns Rippen. Suzi kämmt das Haar nach hinten, immer einen Kamm dabei, eine vom Aussterben bedrohte Geste. Schwanz eines Drachens auf der Stirn, der mächtige Drachenleib um Suzis Nacken, der feuerspeiende Drachenkopf am Schulterblatt. Suzi, schön wie italienische Filme der Fünfziger. Suzis Mutter schaut sich die immer an und flennt.

Grashüpfer. Schwalben. Wespen. Alle sehr müde, sehr.

Der Herbst ist ja schon da.

Heute, das war der letzte warme Tag dieses Jahr. Der letzte Tag, an dem du gut in Unterhose im Gras liegen konntest, und Käfer klettern auf dir herum, als wärst du ein natürliches Hindernis in der Endmoränenlandschaft, was du ja irgendwie auch bist. Kommst du von hier, weißt du so was: der letzte warme Tag. Nicht wegen der Schwalben oder wegen der Wetter-App. Du weißt das, weil du dich ausgezogen hast und dich hingelegt hast und,falls du ein Mädchen bist, die Zehen in den Sand gesteckt hast. Falls du kein Mädchen bist, hast du nichts mit den Zehen gemacht, sondern dich einfach nur hingelegt.Und so liegend hast du in den Himmel geguckt, und es war ganz klar: Heute – der letzte warme Tag. Sollte durch ein Wunder doch noch einer kommen, das würde nichts bedeuten. Heute war der letzte.

Lada und Johann sahen Suzi zu und gaben ihm Tipps, er fing nämlich nichts. Versuch’s mal unter der Esche, den Fischen ist es zu heiß, so was. Suzi nahm die Angel zwischen die Beine und gebärdete. Lada versteht Suzis Sprache ziemlich gut. Eigentlich versteht er sie ziemlich schlecht, aber er kennt den stummen Suzi halt seit immer. »Uns gehört die Zeit«, hat er für Johann übersetzt. Der sah ihn fragend an. Lada zuckte mit den Schultern, spuckte in den See. Auf dem Uferweg kam Anna mit dem Fahrrad. Trägerkleidchen, so was. Johann winkte spontan, ein Junge halt. Anna sah geradeaus.

»Wie winkst du denn?« Lada boxte Johann gegen die Schulter. Über dem See tuckerte ein Ausflugsboot. Lada pfiff schrill. In die Touristenhüte kam Bewegung. Lada winkte, die Touristen winkten zurück. Die Touristen machten Fotos. Dann zeigte Lada den Touristen den Mittelfinger.

»Das zählt nicht, das sind Touristen, die winken, komme, was wolle«, sagte Johann.

Lada boxte ihn wieder. Auf Ladas Schulter fletscht ein Wolf die Zähne. Auf Ladas Rücken steht: The Legend.

»Was guckst du?«

»Ich lass mich auch tätowieren.«

»Hörst du das, Suzi? Der Scheißer will sich tätowieren lassen. Geil.«

Eines hat Johann im Umgang mit Lada gelernt: Nicht die Nerven verlieren. Dranbleiben. Sich provozieren lassen: Schwäche. »Bedeutet der was?«, fragte er. Auch Suzi hat einen Wolf an der Wade.

Lada sah ihm in die Augen. Spuckte seitlich aus. »Die Wölfe kommen zurück.« Er sprach sehr langsam. »Deutschland wieder Wolfsland. Aus Polen und Russland, Tausende Kilometer machen die. Herrliche Tiere. Jäger. Sag mal Rudel!«

»Rudel.«

»Hammer, oder? So eine Power in dem einen Wort! Der Suzi und ich, wir sind Befürworter von dem Wolf.« Lada packte Johann im Nacken. »Das bleibt unter uns, verstanden? Wir haben Wölfe hergeholt. Aus der Lausitz. Weil, früher hat’s hier auch Wölfe gegeben. Frag deine Mutter. In der Zerveliner Heide, beim Raketenstützpunkt? Da haben wir sie frei gelassen.«

Cool bleiben. Weiter fragen. Manchmal labert Lada so was, um Johann zu erschrecken. Suzi hat sich umgedreht, lauschte aufmerksam. Johann räusperte sich.

»Wie viele denn?«

»Witzig. Ich dachte, du fragst bestimmt, wie. Vier. Zwei Jungwölfe, zwei Erwachsene. Hör zu, Alter: Das ist kein Scheiß. Du hältst die Fresse, haben wir uns verstanden?«

»Ist klar.«

»Gut.«

Suzi hatte einen am Haken. Kurze Gegenwehr. Ein kleiner Karpfen. Suzi setzte ihn wieder zurück.

Lada erhob sich. »Männer, auf geht’s, zum Ulli. Suzi gibt einen aus.« Und so kam es auch, weil Lada ist jemand, der sein Wort hält.

DER KARPFEN KANN FUTTERNEID EMPFINDEN. Wenn Fische fressen, kommt er. Im Herbst, bei sinkender Wassertemperatur, braucht er immer weniger Nahrung.

Die Hornissenmännchen begatten die Jungköniginnen und sterben akkurat. Die Jungköniginnen richten sich bis zum Frühling ein unter dem Moos, im morschen Holz, in den Albträumen der Libelle.

Im Kiecker, dem alten Wald, meißelt der Specht die Millisekunden unserer Sterblichkeit ab.

Der Herbst ist ja da.

Das Rudel ist wach.

GENAU EIN JAHR IST ES JETZT HER, am Tag vor dem letzten Fest, da hat Ulli seine Garage ausgeräumt, hat eine Sitzgruppe und fünf Tische und eine Heiztonne aufgestellt, einen Vorhang aus rot-gelbem Tüll vor das einzige Fenster gehängt und einen Kalender mit Polinnen, die an Motorrädern lehnen, halb wegen Ironie, halb wegen Ästhetik, an die Wand genagelt. Ein Sternikostetachtzig Cent, ein Stierineunzig, Molle mit Kompott einsfünfzig, und am Wochenende kann man Fußball gucken, und das alles rechnen ihm die Männer hoch an, auch wenn es keiner sagt.

Wir trinken in Ullis Garage, weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist. Nirgends, wo nicht Zuhause ist, gibt es überdacht und in Laufdistanz Pils und Sky Bundesliga und Rauchen und Unter-sich-Sein.

Alle Ehre, Gleis 1. In Gleis 1 willst du aber nicht picheln. Du willst dir ein Abendessen leisten, vielleicht zu einem Jubiläum. Weil, betrink dich mal, während dich Plastikblumen und Radtouristen angucken. Ab und an besorgt Veronika echte Tulpen. Betrink dich mal, während dich echte Tulpen angucken.

Ullis Garage riecht lieblich nach Motoröl. Das Tor schmücken alte Motorradkennzeichen und Bierwerbung und auf einem Schild der Reichsadler mit der Aufschrift Deutsche# Kaiserreich. Es stimmt schon, dass fast nur Männer aus den Neubauten kommen. Manchmal gibt es Stress. Nicht schlimm. Nicht Hass. Manchmal verstehst du dein eigenes Wort nicht. Im Nachhinein bist du auch froh darüber. Manchmal erzählt einer, und alle hören zu. Heute Abend, letzte Runde, wird der alte Imboden erzählen. Imboden ist sonst ein stiller, aber heftiger Trinker. Vor drei Jahren starb seine Frau, da hat er überhaupt erst angefangen. Ulli sagt, der muss jetzt die ganzen nüchternen Jahre aufholen.

In der Garage hat man wegen des Festes morgen über die Feste früher gesprochen, und dass früher bitteschön so viel besser gefeiert wurde. Niemand konnte sich zum Beispiel an eine frische, zufriedenstellende Schlägerei erinnern unter erwachsenen Männern. Die wären früher gang und gäbe gewesen. Heute prügelt nur die Jugend. »Und zwar fies«, hat Lada gelacht, und sonst hat keiner gelacht.

Ja, und jetzt steht der Imboden auf und geht erst mal austreten, sagt aber, bevor er den Raum verlässt – die Garage hat kein Klo, aber vor der Platte steht eine Art Baum –, er sagt: »Moment, jetzt aber. Das stimmt so nicht.«

Seit einigen Wochen klebt ein buntes Bild auf dem Kühlschrank. Ullis Enkelin, Rike, ist in dieser Phase. Das Bild zeigt Opi und Rike in einem kleinen Rechteck, das ist die Garage. Als Ulli das Bild aufgehängt hat, hat er die nackten Polinnen abgehängt. Folgerichtig nannten die Männer Ulli ein paar Tage lang »Opi«. Dann haben sie das vergessen und nannten Ulli wieder Ulli.

Jeder darf bei Ulli trinken, auch mehr, als er kann. Wenn aber einer nicht mehr liegen kann, ohne sich festzuhalten, und auch noch andere zu Boden ziehen will, um dies und jenes mit ihnen auszumachen, dann nickt Ulli Lada zu, und Lada begleitet oder trägt denjenigen nach draußen.

Jeder kann bei Ulli mehr sprechen und mehr meinen als sonst wo. Wenn aber einer auch dann noch spricht und mehr meint, wenn es Ulli reicht, dann nickt Ulli Lada zu.

Man zahlt bei Ulli weniger als woanders. Wenn aber einer nach einem Monat nicht alles gezahlt hat, dann nickt Ulli Lada zu.

Jeder kann bei Ulli einen Witz erzählen, den nicht alle lustig finden. Wenn aber einer etwas ernst meint, das nicht alle lustig finden, dann nickt Ulli Lada zu.

Jeder kann bei Ulli weinen, auch laut. Aber niemand weint bei Ulli.

Jeder kann bei Ulli eine Geschichte von früher erzählen, meistens hören die anderen zu.

Imboden ist vom Pissen zurückgekommen, und Imboden hat erzählt.

UNTER EINER BUCHE, AM RAND DES ALTEN WALDES, liegt still auf dem Laub die Fähe. Von dort, wo der Wald auf Felder trifft, Weizen, Gerste, Raps, sieht sie auf die kleine Ansammlung von Menschenbauten, die auf einem so schmalen Streifen Land zwischen zwei Seen stehen, als hätten die Menschen in ihrem unbändigen Willen, für sich das Angenehmste zu schaffen, aus einem Gewässer zwei geschnitten, um genau dazwischen, fruchtbar und praktisch an gleich zwei Ufern gelegen, Platz für sich und ihre Jungen zu haben, Platz für ihre festen Wege, die sie selten verlassen, Platz für ihre Nahrungsverstecke, ihre Steine und Metalle und die Unmengen anderer Dinge, die sie horten.

Die Fähe ahnt die Zeit, da die Seen noch nicht existierten und keine Menschen hier ihr Revier hatten. Sie ahnt Eis, das die Erde horizontlang zu tragen hatte. Eis schob Land vor sich her, brachte Gestein, höhlte die Erde aus, hob sie zu Hügeln, die heute noch sich wellen, Zehntausende von Fuchsjahren später. In ihrem Schoß wiegen sich die zwei Gewässer, in ihrer Brust stecken die Wurzeln des alten Waldes, in dem die Fähe ihren Bau hat, einen Tunnel, nicht sehr tief, vom Dachs geborgt, mit ihren beiden Welpen jetzt darin – hoffentlich! – und nicht draußen vorwurfsvoll wartend wie letztes Mal, als sie wieder nur Käfer brachte. Der Habicht kreiste schon.

Den erdigen Honig vom Balg ihrer Jungen würde sie unter Tausenden Aromen schmecken, auch jetzt, trotz des falschen Windes, ist sie seiner Süße in der Tiefe des Waldes gewiss. Auch des Hungers ist sie gewiss, des beständigen, strengen Hungers. Ein Junges, kränklich kams zur Welt, ist ihr schon weggestorben. Die beiden anderen stellen sich mit den Käfern geschickt an. Die Sprünge auf die Maus – aus dem Stand fast senkrecht in die Luft – sind noch zu sehr Spiel: Oft wird die Beute darüber vergessen.

Die Fähe hebt den Kopf. Sie forscht nach den Menschen. Es sind keine nah. Aus deren Bauten steigt eine Wärme auf, die an Holz erinnert. Auch tote Pflanzen schmeckt die Fähe dort, wohlgenährte Hunde und Katzen, verwirkte Vögel und vieles, was nicht leicht zuzuordnen ist. Vor manchem fürchtet sie sich. Das meiste ist ihr gleich. Dann Dung, dann Wolle, dann Gärung und Huhn und Tod.

Huhn!

Hinter geflochtenen Metalldrähten in Holzverschlägen: Huhn! Dahin, zum Huhn, will die Fähe heute Nacht.

Ihre Welpen entfernen sich immer länger vom Bau. Die Fähe ahnt, heute Nacht wird die letzte Jagd in deren hungrigem Auftrag sein. Bald ziehen sie alleine los und suchen sich ein eigenes Revier. Zum Abschied will sie ihnen etwas Gutes, etwas Besonderes bringen. Nicht Käfer oder Wurm, nicht von den Menschen zurückgelassene halbe Früchte, sondern – Eier. Weil nichts ein besseres Aroma hat als die delikate, dünne Schale, weil nichts so guttut wie der sämig süße Dotter.

In einen Hühnerbau zu gelangen ist nie einfach. Auch wenn kein Hund ihn bewacht und die Menschen schlafen. Die Krallen der Vögel fürchtet sie nicht. Doch beinahe unmöglich ist der Eier-Transport. Ihre früheren Versuche endeten kläglich, wenn auch köstlich. Diesmal will sie ihr Maul so achtsam schließen wie im Spiel mit ihren Welpen. Diesmal will sie nicht zwei auf einmal nehmen, sondern zurückkommen für das zweite.

Ein Dachsweibchen schlüpft aus dem Gehölz. Die Fähe wittert Farn an ihr und Angst. Wovor? Fledermäuse schießen über ihrem Kopf. Einsilbige Gesellen, zu schnell für jeden Scherz, flattern nervös davon. Am Waldrand hält eine Wildschweinrotte Jagdrat. Unberechenbare Nachbarn, leicht zu reizen, aber fürsorglich. Schmecken gut nach Morast, Schwefel, Gras und Sturheit. Diskutieren jetzt wuselig, rufen grell in ihrer eckigen Sprache, stoßen einander an, scharren mit den Hufen.

Ihre Unruhe treibt auch die Fähe an. Sie trabt los, will die Launischen schnell hinter sich lassen.

Das Oben trägt bullernd den Donner. Es gefällt ihm nicht, dass die Fähe unterwegs ist. Es warnt sie. Droht ihr.

UND HERR SCHRAMM, ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei Von Blankenburg Landmaschinen, schaut die Sportclips auf sport1: Martina (19, Tschechien) macht Sport. Martina spielt Billard. Herr Schramm ist ein kritischer Mann. Er hat Einwände gegen die Sendung, er findet es nicht gut, wie Martina Billard spielt. Martina setzt die Stöße unbedacht. Rein gar nichts trifft Martina, und das beschäftigt Herrn Schramm. Martina aber lacht, wenn sie nichts trifft. Martina tanzt um das Queue, und das passt doch nicht, es passt nicht, dass sie tanzt, es passt nicht, dass sie sich auf den Tisch setzt und mit dem Hintern die Kugeln verschiebt, und es passt nicht, dass sie allein spielt. Weil, wenn du allein spielst, dann musst du doch die klare Absicht haben, die Kugeln zu versenken. Der Gegner, gegen den man am liebsten gewinnt, daran glaubt Herr Schramm fest, ist man selbst.

Klar, Martina muss nach jedem Stoß ein Kleidungsstück ausziehen, das ist ja auch in Ordnung. Aber das hätte sie woanders genauso gut gekonnt. sport1 hätte sie nicht an einen Billardtisch stellen sollen, sondern halt dorthin, wo Martina sich auskennt. Herr Schramm glaubt, dass es für jeden Menschen etwas gibt, worin er gut ist. Er versucht zu erraten, was das für Martina sein könnte. Die Hinweise sind mager: Ihr Busen ist voll, die Finger kurz, ihre Fingernägel glänzen. Herr Schramm glaubt an Talent, und Herr Schramm liebt Talent. Herr Schramm sieht Menschen bei ihrem Talent gern zu: ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden und einer leeren Packung Nikotinkaugummis.

Martina sieht er ungern zu. Martina hat noch ihr Höschen an, es ist schwarz und hat vorn eine 8 in einem weißen Kreis. Das findet Herr Schramm witzig. Aber um das Höschen geht es nicht mehr. Es geht darum, dass Martina so miserabel spielt, als würde sie nicht mal die Regeln kennen. Und Regeln sind doch das Erste, was du jemandem beibringst, der irgendwo nicht hingehört.

Herr Schramm ist ein Mann, der Konversationen mit Unbekannten meidet und mit Bekannten am liebsten über Flugabwehrraketen, Fledermäuse und den ehemaligen Skispringer Jens Weißflog spricht, den talentiertesten Skispringer aller Zeiten.

Er findet Martinas Waden gut, wenn sie sich weit über den Tisch beugt. Als sie aber das Höschen abstreift, es über ihren Stock stülpt, beim Stoß dann neben die Weiße haut und darüber auch noch kichern muss, reicht es Herrn Schramm.

»Ja, sag mal«, sagt Herr Schramm.

Er schaltet den Fernseher aus.

In deutschen Haushalten finden sich im Schnitt mehr Bakterien auf der Fernbedienung als auf der Klobrille. Herr Schramm denkt über »im Schnitt« nach. Es geht um die Relation. Klobrillen sind größer als Fernbedienungen. In seinem eigenen Haushalt, denkt Herr Schramm, finden sich im Schnitt mehr Enttäuschungen über ihn selbst als über die Welt.

Mit einem Seufzen erhebt er sich vom Sofa und zieht in derselben Bewegung die Unterhose von den Knöcheln hoch. Die restliche Kleidung liegt im Bad. Er prüft, ob das Kleingeld in den Taschen für eine Schachtel reicht. Ja.

Herr Schramm sitzt erst mal ein bisschen in seinem Golf. Ein großer Mann mit Haltung und Haltungsschaden, der nachdenkt: Im Schnitt. Martina (19, Tschechien). Die Fledermaus hängt kopfüber da, weil ihre Beine zu schwach sind. Sie kann nicht mit Anlauf losfliegen wie zum Beispiel die Gans.

Im Handschuhfach liegt die Pistole.

Herr Schramm hat vieles, was er heute bereut, aus eigenem Antrieb getan. Das, worin Herr Schramm gut war, war Druck. Aushalten und ausüben.

Er fährt los. Vielleicht zum Zigarettenautomaten, vielleicht zur verlassenen Flugabwehr-Raketenabteilung 123 Wegnitz, wo er siebzehn Jahre stationiert war. Kippen oder Kopfschuss, er hat sich noch nicht entschieden.

Martina hat vielleicht ein Talent für Fingernägel. Wie hieß das noch mal?

In Wilfried Schramms Haushalt finden sich im Schnitt mehr Gründe gegen das Leben als gegen das Rauchen.

WIR SIND FROH, Anna wird verbrannt. Morgen Abend beim Fest wird das Urteil vollstreckt. Die Kinder werden zu den Kälbern ins Heu gelegt, aber sie schlafen nicht, sie lugen zwischen den Brettern nach dem, wovor sie im Schlaf Angst haben möchten, und wenn in den Flammen nichts mehr kocht und zischt und weint, stöpselt der Bäcker die Geige an seinen mobilen Verstärker, und dann wird gegeigt, dann wird gesungen, auf dem Grill brät Raubfisch weich. Anna wird verbrannt, und manches Paar findet sich in solch erleichterter Nacht, tanzt unter Funken und Sternen und Sicherheitsvorkehrungen, dass nichts Feuer fängt, was von Flammen keinen Nutzen hat.

Der Herbst ist ja jetzt da. Den Äckern pflücken die Raben die Wintersaat aus dem Leib. Lassen sich auf Vogelscheuchen nieder, putzen sich das Gefieder.

Noch ist Zeit vor dem Fest. Die Nacht muss ausgestanden werden, am Tag werden die letzten Vorbereitungen getroffen. Das Dorf kocht, das Dorf sprüht Glasreiniger, das Dorf schmückt die Laternen. Für die gute Statik des Scheiterhaufens hat lange unser Tischler gesorgt, der ist jetzt tot. Ein zugezogener Innenarchitekt aus Berlin hat sich an seiner Stelle angeboten, aber das gibt nur Probleme, wenn wir den ranlassen, das Dorf meinte schon, es geht doch nicht darum, wo ich mein Sofa hinstelle, sondern dass es nicht wieder so ein Unglück gibt wie 1599, als vier Häuser Feuer fingen und in dem Durcheinander zwei berüchtigte Räuber dem Flammentod entfliehen konnten, also macht das jetzt eine Gerüstbaufirma aus Templin.

Das Dorf bestuhlt. Die Sitzordnung, brisantes Thema. Wer kriegt den Biertisch vorn am Scheiterhaufen? Wer hat es sich verdient, den Flammen nah zu sein? Wer definiert Verdienst in diesem Jahr?

Das Dorf putzt die Schaufenster. Das Dorf poliert die Felgen. Das Dorf duscht. Die Fischerei geht auf den Hecht, die Bäckerei geizt nicht mit der Marmeladenfüllung. Mancher Haushalt wird sich wappnen mit einer doppelten Dosis Insulin.

Töchter schminken Mütter, Mütter träufeln Augentropfen in die Unterlidtaschen müder Väter, Väter finden ihre Hosenträger nicht. Der Frisör würde den Umsatz seines Lebens machen, wenn es denn einen gäbe. Angeblich soll einer aus Woldegk kommen, aber wie das ablaufen soll – macht er Hausbesuche wie donnerstags der Arzt, oder baut er irgendwo zentral Stuhl und Spiegel auf? Wir wissen es nicht.

Frau Reiff hat zum Tag der offenen Tür in ihre Töpferei geladen: Kaffee, Honigstullen, Vortrag. Die Besucher lassen sich Bierkrüge mit Raku-Technik von ihr brennen oder versuchen selbst »eine Vase«. Später gibt es im Innenhof ein Konzert afrikanischer Musik aus Stuttgart. Die Musiker sind schon angereist. Sie loben die ganze Zeit die Landschaft, als könnte das Dorf etwas dafür.

Bäcker Zieschke wird wieder die Kunst und Kurioses Auktion leiten, letztes Jahr mit Hemd aus der Hose und einer Bierflasche als Auktionshammer. Der Erlös kommt dem Haus der Heimat zugute. Einige Gegenstände können wir schon verraten:

Antiquarischer Globus (inkl. Preußen): Startpreis 1 EuroSelbstklebender Silikon-BH SECRET +: Startpreis 2 EuroWäschekorb mit unbekanntem Inhalt: Startpreis 3 EuroPrenzlauer Heimatkalender von 1938: Startpreis 6 EuroVoPo-Uniform (mit Mütze, getragen): Startpreis 15 EuroEin nagelneues Ölbild von Frau Kranz (in der Nacht vor dem Fest gemalt): Startpreis k. A.

Auch Auswärtige werden mitbieten und über manches Angebotene lachen, am heftigsten, wenn es gar nichts zum Lachen gibt. So klingt es, wenn welche sich für klüger halten als die Geschichte, sie trauen uns die Ironie nicht zu.

Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.

Noch ist Zeit. Das Dorf schaltet die Fernseher aus, das Dorf flufft die Kissen auf, heute Nacht hat das Dorf kaum Geschlechtsverkehr. Das Dorf geht früh zu Bett. Lassen wir die Träumenden in Frieden. Vertreiben wir uns die Zeit mit den Ruhelosen:

Mit unseren Seen, sie schlafen ohnehin nie.

Mit den Tieren, sie ziehen in den Kampf. Im Schutz der Dunkelheit bricht die Fähe auf zu einer denkwürdigen Jagd.

Mit unseren Glocken, gleich läuten sie den Festtag ein, und wer kann sich heute noch eines Glöckners rühmen und eines Lehrlings noch dazu?

Herr Schramm wiegt die Pistole in der Hand.

Auch Frau Kranz ist wach. Ist das nicht schade? Wie schön manch alte Frau doch schnarcht! Sie ist unterwegs, gut gerüstet für die Nacht: Taschenlampe, Regencape, die Staffelei hat sie geschultert, zieht den Trolley mit ihrem alten Lederköfferchen hinter sich her. Unter dem Woldegker Tor nimmt sie einen Schluck aus der Thermoskanne, darin ist nicht nur Tee. Frau Kranz ist bestens gerüstet.

Und Anna, unsere Anna. Morgen ist ihr letzter Tag. Sie liegt im Dunkeln, summt ein Lied, das Fenster ist offen, eine einfache Melodie, die Nacht zieht kühl über ihre Stirn. Anna ist allein. Anna war im letzten Jahr viel allein auf dem Gehershof, umgeben von der heruntergekommenen Vergangenheit ihrer Familie, Großvaters Werkzeug, Mutters Garten, von Anna vernachlässigt, von den Wildschweinen geliebt, im Schuppen der Škoda, in dem die Katze ihre soundsovielte gescheckte Generation geworfen hat, unter dem Fenster das verwilderte Feld. Und heute Nacht, so eine Nacht ist das, Erinnerungen an ein einmal volles Haus, und die Frage, was je gut war für sie in den achtzehn Jahren dort, und am Montag kommt Lada zum Entrümpeln, und im Frühling übernehmen die Berliner, und Anna, allein, mit aufmerksamer Gleichgültigkeit den Gleichaltrigen gegenüber, Anna mit Abitur und Liebe zu Schiffen, Anna, die mit Großvaters Luftgewehr aus dem Badezimmerfenster auf die Wildschweine im Garten schießt, die durch Nächte läuft, auch heute Nacht, komm zu uns:Am Feld entlang, am Kiecker, an den Seen, all die alten Wege ein letztes Mal, das ist der Plan, Neubauten, Ruinen, Jugend an diesem Ort, wir sind froh, Anna ist nicht allein, Anna summt ein Lied, eine liebe, kindliche Melodie, wir sind bei ihr.

Die Nacht vor dem Fest ist eine eigenartige Zeit. Früher einmal wurde sie Die Zeit der Helden genannt.Wir hatten zwar mehr Opfer zu beklagen, als Helden zu feiern, aber gut, es schadet nicht, auch mal das Positive hervorzuheben.

ENDE DER LESEPROBE

Der Autor dankt dem Deutschen Literaturfonds e.V., Darmstadt, der Spreewälder Kulturstiftung und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für die Unterstützung bei der Arbeit an diesem Buch.Die Handlung des vorliegenden Buchs ist rein fiktional. Ähnlichkeiten zu Menschen und Tieren, zu Tieren mit Menschengesicht, zu Lebenden und Toten, sind nicht beabsichtigtDas Märchen Der Ring des Kesselflickers findet sich im Band »Die rote Feuerkugel – Sagen aus der Uckermarck«, 2009 im Schibri-Verlag erschienen. In Teilen freie Bearbeitung der Quelle durch Saša Staniši.

8. Auflage, korrigierte Version 7/15

Copyright © 2014

Luchterhand Literaturverlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Herstellung: Inka Hagen

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-13326-9