Wachstumsschmerz - Sarah Kuttner - E-Book
Beschreibung

Wann ist denn nur alles so kompliziert geworden? Luise und Flo sind ein Paar und beschließen, endlich erwachsen zu werden. Sie suchen eine Wohnung, ziehen zusammen, schaffen sich ein gemeinsames Bett an und tanzen zu Manfred Krug durch ihre neuen Zimmer. Doch nach kurzer Zeit stehen sie im Flur nebeneinander wie zwei an der Raststätte vergessene Kinder. Luise hat das Gefühl, nur Erwachsen zu spielen. Irgendwie ist dieses Leben falsch. Als ob jemand plötzlich alles verwandelt hätte, die Regeln geändert für das Leben, ab dreißig oder so. Thirdlife Crisis: Darf man die zahllosen Möglichkeiten des Lebens einfach ignorieren und wie ungebetene Gäste vor der Tür stehen lassen? Wie kann man der Liebe vertrauen, wenn man nicht mal sich selbst vertraut? Wie konnte die Zeit nur so schnell vergehen? Und was fangen wir mit den nächsten zwei Dritteln des Lebens an? So berührend wie lustig, ernsthaft und schlau erzählt Sarah Kuttner von der Sehnsucht und der Angst, ein eigenes, richtiges, erwachsenes Leben zu haben. Der neue Roman von Sarah Kuttner – Autorin des Bestsellers ›Mängelexemplar‹

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:261


Sarah Kuttner

Wachstumsschmerz

Roman

Fischer e-books

für S.

Prolog

Ein und aus und ein und aus und ein …

Technisch ist es nicht möglich, das Atmen zu vergessen. Blut braucht Sauerstoff, und das Zwerchfell macht irgendwas mit Unterdruck, und zack wird eingeatmet, egal ob man will oder nicht. Wobei man natürlich meistens will.

Dennoch kann ich grad nicht. Jeder Atemzug ist ein unüberwindbares Hindernis, ein Kraftakt, für den ich zu erschöpft bin. Und obwohl mein Körper im Grunde Gehorsam leistet und »ein und aus« spielt, habe ich das Gefühl, ihm dabei mehr als nötig unter die Arme greifen zu müssen, während ich deine Tasche packe.

Ich bin eine halbe Stunde um deinen Schrank herumgeschlichen, habe mich gefürchtet vor den nur noch halb gefüllten Regalen. Unvollständige Stapel mit T-Shirts, Pullovern (dick) und Pullovern (dünn) und Strickjacken (kein Platz auf der Kleiderstange dafür, zu viele Kleider von mir) und Hosen. Deine Unterwäsche ist vollständig weg. Davon kann man ja auch nie genug haben.

Kleine, viel zu flache Stapel von Kleidung. Traurig sehen sie aus, aber ordentlich! Denn hin und wieder lege ich sie ordentlich zusammen. Weil ich es ordentlich mag und weil ich den Akt mag. Deine Klamotten, die du in hilflosen Outfitwahlmomenten (wie sehr ich dich dafür liebe!) jedes Mal frustriert und unordentlich zurück in den Schrank stopfst.

Und dann der Geruch. Ich kann doch kaum selbständig atmen, wie soll ich denn noch den Geruch deiner Wäsche ertragen? Wie durch Zauberei riecht deine Kleidung anders als meine. Vielleicht weil ganz unten in deinen Stapeln T-Shirts liegen, die wir noch nie zusammen gewaschen haben. T-Shirts, für deren Rettung du immer exotische Gründe findest. Und wenn dir die exotischen Gründe ausgehen, dann kuckst du einfach bestimmt, und ich seufze und falte alte Shirts nach ganz unten im Stapel. Und dort liegen sie jetzt und riechen so sehr nach dir, dass sowohl ich als auch mein Körper vergessen zu atmen.

Aber jetzt muss geatmet werden, denn draußen schneit es, und es sind wie letzten Dezember vollkommen unerwartet minus zehn Grad, und als du gegangen bist, waren es aber noch plus neun Grad, und es konnte ja keiner wissen, dass es so schnell so kalt wird, und du brauchst doch deine dicke Jacke und die dicken Pullover und deine Schals und Handschuhe, sonst ist dir kalt, und ich wünschte, ich könnte all deinen Winterkram übereinanderziehen, damit mir nicht so kalt wäre.

1.

Du bist immer so fixiert auf das, was noch fehlt.Und jetzt schau nicht so gequält – es sieht scheiße aus.

Gisbert zu Knyphausen, »Spieglein, Spieglein«

Das Bad ist schön und hell und stinkt.

Flo steht mit hängenden Schultern neben mir und macht seinen »Keine Ahnung«-Blick, während die große Frau nicht aufhört, über Asien zu brabbeln. »Ist ja ’ne ganz andere Welt! Aber uns war Deutschland schon immer irgendwie zu nass und kalt und dunkel und festgefahren. Unsere Tochter soll mehr sehen von der Welt als das hier!«

Wow. Sehr innovativer Standpunkt. »Das hier«, was ihre Tochter nicht mehr sehen soll, ist eine eigentlich ganz okaye Drei-Zimmer-Wohnung mit Dielen und falschem Stuck und Flügeltüren und einem großen, hellen Bad, das stinkt.

So sehr, dass ich leider gar nicht das Große Ganze sehen kann. Ich bin genervt: Gibt es für Wohnungsbesichtigungen nicht, wie für die meisten Lebenssituationen auch, eine Art moralischen Regelkatalog für das Verhalten vor und während der Besichtigung durch potentielle Nachmieter? Man sollte meinen, dass zumindest die Klassiker gelten wie: ein bisschen aufräumen, keine Schlüpfer rumliegen lassen und nicht kurz vor dem vereinbarten Termin kacken gehen, ohne zu lüften.

Aber es ist ja nicht nur das Bad. Die ganze Wohnung riecht irgendwie falsch. Nach Muff und schlechtem Atem und Dinkel.

Letzteres ist vermutlich Unsinn, ich weiß gar nicht, wie Dinkel riecht oder überhaupt aussieht, aber die große, strenge Frau und ihr ungleich luschiger Anwaltsmann sehen aus wie Leute, die irre gern Sachen mit Dinkel machen. Leider ist der Eigengeruch einer Wohnung nur geringfügig nachträglich manipulierbar. Im Grunde muss man davon ausgehen, dass sie für die gesamte Mietdauer so riecht, wie vom Vormieter übergeben, es sei denn, man experimentiert dauerhaft und exzessiv mit Duftölen und Sprays, und so sind Flo und ich nicht.

Ein weiterer Dealbreaker ist, dass die Vormieter ganz offensichtlich Idioten sind. Und der Gedanke daran, die nächsten zehn Jahre deren in der gesamten Wohnung verteiltes Drecks-Karma zu atmen, macht mir schlechte Laune.

Während ich mir, nicht besonders dezent durch den Mund atmend, im Bad anhöre, warum Hongkong in jedem Fall die bessere Wahl für Lebenkindkarrieregesundheit ist, schleicht Flo lustlos durch den Rest der Wohnung. Ich kann an seinen Augen sehen, dass er keinerlei Interesse hat. Er spielt einfach Wohnungsbesichtigung, also schlendert er rum und fasst wahllos Gegenstände an, klopft an Wände und schabt mit den Füßen auf dem Holzboden rum.

»Wenn Sie also Interesse an diesem Schmuckstück haben, würde ich Sie bitten, einfach den Verwalter zu kontaktieren. Der will dann sicher Ihre ganzen Unterlagen haben. Ich drücke Ihnen die Daumen. Wie Sie sich vorstellen können, sind Sie nicht die Einzigen, die interessiert sind!«

Ich bin zu müde für Krawall, also sage ich nur »danke« und »gerne« und »echt wunderschön« und »viel Erfolg in Asien« und ziehe einen dankbar dreinblickenden Flo am Hemdsärmel aus der Wohnung.

Auf der Straße verändert sich Flos gesamte Körperspannung. Er hat glänzende Augen und ist ganz hibbelig und freut sich offensichtlich sehr: »Auf keinen Fall, oder? Wonach hat das da gerochen? Kohl? Angst? Tod?« Ich muss lächeln. Flos fast weißblonde Haare stehen vom Kopf ab vor Glück. Er tänzelt neben mir auf dem Bürgersteig, und ich befürchte, dass er, kämen wir an einer leeren Getränkedose vorbei, sie wie im Film übermütig kicken würde.

»Und die Alte! Eigentlich sollte Amnesty International dafür sorgen, dass ihre Familie vor ihr in Sicherheit gebracht wird! Die werden vermutlich gegen ihren Willen nach Asien deportiert.«

Ich pule uns zwei ein wenig zerknüllte Zigaretten aus der zerdrückten Schachtel, zünde sie an und gebe die zerknülltere an Flo weiter. Er merkt es gar nicht, so elektrisiert ist er.

Klar, richtig beschissene Wohnungsbesichtigungen fetzen. Man darf in fremde Leben schmulen ohne diesen lähmenden Wunsch, die Wohnung unbedingt haben zu wollen. Man muss sich bei den Vormietern/Maklern/Verwaltern nicht anbiedern und einen möglichst lässigen, lustigen, reifen und liquiden Eindruck hinterlassen. Außerdem werden in schlechten Wohnungen die eigenen Ansprüche und Bedürfnisse viel klarer als in tollen Wohnungen. Es schult den Blick für das, was man nicht möchte.

Aber mir geht langsam die Luft aus. Seit einem halben Jahr suchen Flo und ich eine Wohnung. Schon seit über einem Jahr tragen wir uns mit dem Gedanken zusammenzuziehen. Es ist für uns beide das erste Mal. Wir sind ziemlich spät dran, gemessen an unserem gleichaltrigen Freundeskreis. Mit Anfang dreißig planen einige von ihnen schon das zweite Kind, wir werden fast verrückt vor Angst zusammenzuwohnen. Woher nehmen all diese Menschen nur die Sicherheit? Den Mut, einen so gewichtigen Schritt so dermaßen leichtfüßig zu gehen? Unsere Füße sind bleischwer. Wir haben nie unsere Wohnungen mit unseren Partnern geteilt. Wir haben immer allein gewohnt. Und dennoch schleicht sich bei mir das Gefühl ein, dass es Zeit ist. Ich bin keine zwanzig mehr, mir ist egal, dass andere Mütter auch schöne Söhne haben, dass da plenty more fish in the sea ist, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, schließlich kommt und geht sie von einem zum anderen. Bei uns ist sie gekommen und geblieben. Und nun sollte ich einen Schritt weitergehen. Mich entwickeln, wachsen. Die nächste Ebene. Frauenmagazinkram eben. Da ein Kind für Flo und mich grade überhaupt nicht in Frage kommt, bleibt nicht besonders viel Entwicklungsspielraum für unsere Beziehung, außer zusammenzuziehen. Theoretisch sieht Flo das auch so. Wir sind seit dreieinhalb Jahren zusammen. Wir finden uns toll, kennen einander, lieben einander, das ganze Programm. Es gibt für uns beide niemanden, mit dem wir uns besser einen gemeinsamen Alltag vorstellen könnten. Alles spricht dafür, also haben wir uns letzten Herbst entschieden. Wir suchen uns jetzt eine Wohnung. Was soll schon schiefgehen? Wir haben exakt die gleiche Alltagsgeschwindigkeit, verbringen eh die allermeiste Zeit beieinander, und anstatt permanent Kleidung und Laptops und Bettlektüre von A nach B zu tragen und im Kühlschrank Lebensmittel verrotten zu lassen, weil man doch wieder drei Tage am Stück in der Wohnung des anderen war, wird eben durchgezogen! Ein Kleiderschrank! Ein Kühlschrank! Es gibt mehr Gründe dafür als dagegen, und wir sagen sie uns wie ein kleines Gebet immer wieder gegenseitig auf. Die Gründe dagegen allerdings benennen wir nur, um sie strategisch zu benutzen. Denn sie geben den Pro-Gründen Rückenwind. Du bist gerne alleine ab und zu? Jeder kann sein eigenes Zimmer haben! Manchmal schläfst du auch gern allein? Easy! Zwei Betten! Du hast Angst, dass das unsere Beziehung zerstört? Quatsch! Kuck dir doch die anderen an!

Und notfalls ziehen wir halt wieder auseinander.

Dass das mit ziemlicher Sicherheit eine Zerreißprobe für eine Beziehung wäre, die elchtestähnliche Ergebnisse bringen würde, verschweigen wir einander. So etwas gibt es nämlich nicht in unserem Bekanntenkreis. Eine Beziehung, die ein einvernehmliches Auseinanderziehen überlebt hätte.

Und so haben wir, dem dringenden Bedürfnis nach Manifestierung, Erwachsensein und Alltagsromantik folgend, einfach beschlossen, dass es das ist, was wir wollen: zusammenleben.

 

Die Wohnungssuche ist kräftezehrend. Obwohl wir beide könnten, habe ich für dieses Projekt die treibende, nicht unhysterische Rolle übernommen. Ich kümmere mich um alles. Surfe auf allen Immobilienportalen, telefoniere mit Maklern und Verwaltern, vereinbare am laufenden Band Besichtigungstermine und flirte, wenn nötig, mit Vormietern und potentiellen Entscheidungsträgern.

Die ersten Monate der Wohnungssuche haben noch irren Spaß gemacht. Der Immobilienmarkt, hauptsächlich über das Internet betrachtet, schien reichhaltig wie ein pralles Füllhorn. Die Preisklasse, in der wir suchen, liegt im oberen Mittelmaß, Einschränkungen sind lediglich unser Wunschbezirk und dass die Wohnung uns eben zu mindestens fünfundachtzig Prozent gefallen muss.

Wobei Flos fünfundachtzig Prozent in etwa da liegen, wo auf meiner Skala fünfundvierzig Prozent sind. Das Einzige, was ihm wirklich wichtig ist, ist ein Balkon. Ich halte das für überflüssig, da wir in Park-Nähe suchen und eh nie auf unseren jetzigen Balkonen sitzen. Ein Balkon ist meiner Meinung nach ein zu vernachlässigendes Prestigeobjekt, und außerdem reduziert er die Anzahl der Angebote um etwa fünfzig Prozent. Das ist ein Fakt. Dass Flo einen Balkon will aber eben auch. Sei’s drum.

Nach ein paar Wochen trostloser Besichtigungen und nachlassender Flirtbereitschaft gegenüber Arschlochmaklern ist meine Hoffnung inzwischen im Parterre angekommen. Mir fällt auf, dass in dem scheinbar berstenden Füllhorn immer die gleichen schwervermittelbaren Wohnungen stecken, deren okaye Fotos oft über Erdgeschosslage, schlimm geflieste Bäder ohne Wannen, winzige Küchen und schlecht geschnittene Räume hinwegtäuschen. Gleichzeitig bin ich nicht gewillt, in einen anderen Bezirk zu ziehen oder sonstige Abstriche zu machen. Ich bin zweiunddreißig, ich möchte in den nächsten zehn Jahren nicht noch einmal umziehen, in dieser Wohnung soll zumindest ein bisschen altgeworden werden, und das geht nicht, wenn man mit dem verklärten und anspruchsarmen Auge eines Kunststudenten sucht.

Flo kommen meine hohen Ansprüche und die damit erschwerten Bedingungen für einen baldigen Wohnungsfund entgegen. Obwohl unausgesprochen, hadert er viel mehr als ich mit diesem großen Schritt. In Flo wohnt ein ewig Sechzehnjähriger, der dem Erwachsensein und den damit verbundenen Veränderungen zwar mit Interesse, aber auch mit Unbehagen gegenübersteht. Obwohl im Grunde nichts gegen das Zusammenziehen spricht, löst der Gedanke daran regelmäßig Panik in ihm aus. Auch wenn er das nicht zugibt, kann ich es in seinen Augen sehen. In unzähligen Gesprächen hat er immer wieder beteuert, dass er bereit ist, dass er sich freut, dass er will, dass der Gedanke an ein gemeinsames Heim nur ungewohnt, nicht aber angsteinflößend sei. Doch sobald eine Besichtigung ansteht, wird mein lauter, lustiger und mutiger Freund ganz seltsam starr. Die Furcht, dass es diesmal die richtige Wohnung sein könnte und somit sein gewohntes Leben ein jähes Ende nehmen könnte, lähmt ihn. Aber nachdem ich ihm immer wieder verschiedene Notausgänge angeboten habe, deren Nutzung er wiederholt ausgeschlagen hat, sehe ich es als erzieherische Maßnahme, die Suche durchzuziehen und Flos Sorgen zu ignorieren. Zumal in meinem Kopf kein Platz für seine Ängste ist, meine nehmen genug Synapsen für sich in Anspruch. Was ich brauche, ist ein Gefühl von Sicherheit, die Bestätigung, dass wir das Richtige machen. Wenn Flo mir das nicht geben kann, muss ich damit leben, aber ich werde nicht auch noch seine Ängste zu meinen hereinlassen, damit sie gemeinsam runter zum Spielen gehen können.

 

»Noch schnell ’nen Kaffee irgendwo?« Flo möchte die misslungene Besichtigung noch ein bisschen feiern, seine Erleichterung zu verstecken fällt ihm schwer. So ist das bei Flo. All seine Gefühle sind sofort sichtbar. Liegen auf seinem Gesicht wie ein teurer, schimmernder Puder. Eine der seltensten und vor allem schönsten menschlichen Eigenschaften, die ich kenne. Ich kann sogar kurz meine Enttäuschung vergessen und verliebt sein.

»Ich kann nicht. Ich muss jetzt zu diesem Casting.«

»Ah, der Drecksfilm?«

»Der Drecksfilm!«

»Dann viel Glück! Du weißt, ich werde dich immer lieben! Egal, wie dreckig das Drehbuch ist, richtig?«

»Richtig.«

»Es sei denn, es handelt sich um einen Sat.1-Zweiteiler mit Veronica Ferres, dann müssen wir uns trennen. Aber das verstehst du, stimmt’s?«

»Absolut.«

Ich küsse Flo auf den Mund, versuche mit wenig Erfolg, seine aufgeregten Haare zu glätten, und küsse ihn noch mal.

Es ist tatsächlich ein Drecksfilm. Zumindest ist das Drehbuch eines der schlechtesten, das ich je gelesen habe. Auf der anderen Seite bin ich weder professionelle Schauspielerin noch professionelle Drehbuchleserin. Ich bin ein »Face«. Also die hippe Variante von einem Model. Aber auch nur ab und zu, und vor allem nicht professionell. Professionell bin ich gelernte Herrenschneiderin, und meine Modeltätigkeit beschränkt sich darauf, dass ich seit ein paar Jahren auf dem Boden der Kartei einer Agentur für »Spezielle Models« rumkullere. Was im Prinzip bedeutet, dass ich bei weitem nicht hübsch genug bin, um als normales Model durchzugehen. Leider bin ich aber auch nicht, wie das Credo der Agentur vermuten lassen sollte, speziell genug, um auf eine lässige Berlin-Mitte-Art in glänzenden 80er-Jahre-Spandex-Overalls bei »American Apparel« rumzuhängen. Dass ich überhaupt in einer Agentur bin, liegt einzig und allein daran, dass ich vor fünf Jahren zufällig in der U-Bahn für eine ziemlich gutbezahlte Werbung gecastet und auch besetzt wurde. Seitdem latsche ich regelmäßig unmotiviert zu Castings, auf die ich keine Lust habe, streite mich dort mit den Kreativen/Fotografen/Masken rum und hinterlasse so wenig Feenstaub wie möglich. Dass ich jetzt überhaupt zu dem Drecksfilmcasting unterwegs bin, liegt einfach daran, dass es um die Hauptrolle geht. Das reizt kurzfristig sogar mich.

Der Drecksfilm spielt in den späten 50er Jahren und macht mir leider, seit ich das Drehbuch gelesen habe, schlechte Laune. Außerdem weiß ich gar nicht so richtig, ob und wie gut ich wirklich schauspielern kann: Wie viele akzeptable Arten gibt es denn bitte, einen Satz wie »Die Nachtigall hat aufgehört zu singen. Ich habe Angst, dass ich schwanger bin, Bobby« zu sagen?

Ich steige missmutig aus der Straßenbahn und suche einfach nach dem nächsten alten Fabrikgebäude. Die Wahrscheinlichkeit, dort das Studio für das Casting zu finden, ist so hoch, dass ich gar nicht auf die genaue Adresse sehe, die mir meine Agentin per SMS geschickt hat. Und sosehr ich heimlich wünschte, mal überrascht zu werden und in einen fiesen Nachkriegsneubau geschickt zu werden oder über einen ungepflegt wirkenden Hundesalon, habe ich recht. Knapp fünfzig Meter von der Haltestelle entfernt steht ein Backsteingebäude mit zwanzig verschiedenen Label-Schildern am Eingang. Die ursprüngliche Leuchtreklame aus den 20er Jahren (»Schicke Mode für sie und ihn«) hat man natürlich erhalten. Ironie kommt nie aus der Mode. Unfassbar, wie viele Modelagenturen, Caster, Fotografen und Werbespacken ihre »Locations« immer noch in Lofts haben. Man sollte meinen, dass dieser Pulk von Kreativen, Outlaws und Grenzgängern mehr Anspruch an die eigene Einzigartigkeit hätte. Andererseits ist es dieser Tage wirklich schwer, noch gegen einen Strom zu schwimmen, wenn doch in alle Richtungen geströmt wird. Man kann ja gar nicht mehr gegen das Establishment sein, wenn besetzte Häuser als nonchalant gelten, die eigenen Eltern sich bei uns Gras ausleihen, um abends bei einem Weinchen mit Freunden zu kiffen, Nena penetrant Chucks und Charlotte Roche Schluppenbluse und Gretchenfrisur trägt. In welche Richtung soll man sich denn noch wenden, um anders zu sein? Also was wäre eine lässigere Variante für ein Büro? Vielleicht was am traurigen Ku’damm? Zweiter Stock überm »Pimkie«? Oder zwei kleine Räume in der obersten Etage von »Wertheim«? Irgendwas mit niedrigen Styropordecken und Teppich? Das würde mich beeindrucken! Allerdings wäre es genau so lange unschick, bis der nächste aufstrebende Anders-Seier merkt, dass das so uncool ist, dass es schon wieder cool ist, und zack würde es Sinn machen, »Teppich Kibek«-Aktien zu kaufen.

Kurz wird mir von der plötzlich bemitleidenswert erscheinenden Hoffnungslosigkeit der jungen Kreativen schwindelig, und dann fällt mir ein, dass mir die Immobilien der anderen egal sein müssen, schließlich habe ich genug eigene Immobilienprobleme.

 

Im dritten Stock (runtergerockter Lastenaufzug, natürlich) des zweiten Hinterhofes komme ich in einen großen Raum voller zarter Casting-Bewerberinnen, die für die Rolle schon perfekt geschminkt sind. Ihre toupierten Mad-Men-Haare, dominanten Augenbrauen und breiten Lidstriche stehen ihnen so dermaßen gut, dass man meinen könnte, das Jahr 2011 sei nur peinlich unrealistischer futuristischer Humbug. Ich atme tief durch, murmle irgendwas in die Runde und setze mich auf die mir zugewiesene Sitzgelegenheit (Gynäkologen-Stuhl, original 40er Jahre, megawitzig) vor den Maskenspiegel.

Während lustlos an mir rumgemalt wird, versuche ich, im Geiste noch mal die auswendig gelernten Sätze zu rezitieren. Um mich herum aufgeregtes Gekicher und Geflüstere und Händegeknete und Klamottengerichte. Ich bin ein bisschen neidisch auf diese ganze Nervosität. In mir fühlt sich alles abgefuckt und entnervt an. Ich hasse das Drehbuch, ich hasse den Charakter, den ich spielen soll, und ich bin mir fast sicher, dass ich als Schauspielerin überhaupt nichts tauge. Eine Tatsache, die durchaus nicht an meiner Eitelkeit kratzt, allerdings die Wahl meiner Möglichkeiten für ein erfülltes Leben ein weiteres Mal einschränkt.

Nachdem die Schminkefrau fertig ist und sich, ohne meine Reaktion auf ihr Werk abzuwarten, wortlos einen Kaffee holen geht, sehe ich in den Spiegel und bin kaum verwundert: Ich sehe aus wie Heinz Rühmann in »Charley’s Tante«. Make-up kann aus irgendeinem Grund leider überhaupt nichts für mich. In dieser Situation besonders schade, denn jeder hier im Raum sieht aus wie die atemberaubende Betty Draper, nur ich sehe aus wie ihr Mann Don, der in Bettys Schminkkoffer übernachtet hat.

Ich fühle mich plötzlich sehr erschöpft, mache mit dem Handy ein Bild von mir und schicke es unkommentiert an Flo. Wenige Sekunden später antwortet er: »HEINZ! ICH FAND DICH GROSSARTIG IN ›DIE FEUERZANGENBOWLE‹!« Mein Magen zieht sich vor Liebe schmerzhaft zusammen, und dann soll ich in den Raum, in dem das eigentliche Casting stattfindet.

Es ist stickig. In dem eher kleinen und merkwürdigerweise fensterlosen Raum stehen der Regisseur, ein Kameramann und »Bobby«, der bullige männliche Platzhalter für den Hauptdarsteller. Neben dem ganzen verklärt romantischen und schlecht geschriebenen Bullshit, den ich gleich vorspielen muss, gibt es auch eine Kussszene, vermutlich der einzige Grund, warum sich das Hauptdarsteller-Surrogat als Sparringspartner zur Verfügung stellt. Augenscheinlich wurde grad ein grandioser Witz gemacht, »Bobby« fasst sich zumindest beherzt zwischen die Beine und lacht ein Lachen, das er selbst vermutlich gern als dreckig bezeichnen würde. Als mein Eintritt bemerkt wird, schaltet er sofort um und beflirtet mich mit der Leidenschaft und Professionalität eines Callboys, wohl um die Kleine locker zu machen. Und zwar so locker, dass ich nicht vor seiner Zunge erschrecke, die er mir wenige Minuten später, während der halbgaren Bettszene, in den Mund steckt. Eine Zunge, die schon mindestens zehn überraschte Betty Drapers vor mir im Mund hatten. Ein nahezu bewundernswerter Einsatz. Diese Schauspieler, immer bemüht, das Beste aus einer Szene rauszuholen.

Aber damit kann ich umgehen. Schwieriger sind, wie erwartet, die Sätze, die ich sagen soll.

»WENN DU NICHT BEI MIR WÄRST, WÜSSTE ICH NICHT, WAS ICH TUN WÜRDE.«

»GLAUBST DU, DASS DU MICH HÖREN WÜRDEST, WENN ICH DICH RUFE? EGAL, WIE WEIT DU WEG WÄRST?«

»ICH WÜRDE DICH IMMER HÖREN. ÜBER OZEANE HINWEG WÜRDE ICH DICH HÖREN (fängt an zu weinen).«

Ist das wirklich etwas, das man in den 50er Jahren zueinander gesagt hat? Wenn man verliebt zusammen im Bett lag? Ich versuche, die Worte so entspannt wie möglich aus mir herausfallen zu lassen. Aber ich höre mich und klinge hohl. Unglaubwürdig.

Und dann das Weinen. Natürlich will man echte Tränen. Und zwar gern auf der Stelle. Ich bin sicher, dass vermutlich noch nicht einmal die enorm begabte Ferres aus dem Stand anfangen könnte zu weinen, aber ich habe inzwischen schon vollkommen aufgegeben und versuche es also einfach.

»Nee, nee … ähm …« Der Regisseur blättert hektisch auf dem Clipboard, um meinen Namen in Erfahrung zu bringen. »… Luise!! Mach mal mit mehr Emotionen! Versuch dich mal so richtig in Suzie reinzuversetzen, ja?«

Suzie: 16 Jahre, erste große Liebe: Bobby, ein von Suzies Familie nicht geduldeter, weil afroamerikanischer Wanderarbeiter, Outlaw, Hengst und Tausendsassa, der laut Drehbuch permanent schlüpfrige Witze über sein »Stehvermögen« macht und nun aber leider weiter zum nächsten Hafen und somit Hasen muss.

Wirklich? Ich bekomme nicht mal genug Emotionen zusammen, um eine Augenbraue zu heben, geschweige denn zu weinen, also verstecke ich mein Gesicht in meines Geliebten Halsbeuge, versuche es noch mal und lache dann einfach vor Verlegenheit ein kleines bisschen. »Siehste! Siehste!! Jetzt hast du es, stimmt’s? Das war echtes Weinen, richtig? Ist doch super!« Der Regisseur ist ganz aufgeregt und stolz, echte Emotionen in mir geweckt zu haben, »Bobby« ist stolz über eine weitere Perle auf seiner Kusskette, und ich bin unangenehm berührt ob meiner eigenen Unfähigkeit, fühle mich schmutzig aufgrund des bedrückend schlechten Buchs und möchte jetzt gerne Heinz aus meinem Gesicht waschen.

Memo

Ich muss dir noch so viel erzählen!

Unser Nachbar, den wir nur einmal gesehen haben, was wir cool fanden, weil das bedeutete, dass er nie zu Hause ist und wir deshalb keine Lärmbelästigung zu fürchten hatten, er hat sein Schlafzimmer direkt neben unserem. Ich hatte das aufgrund diverser Außenfassadenbetrachtungen und damit zusammenhängender Fenster-Zählungen und schlichter Logik (»Kuck, ein blickdichter Vorhang, das muss das Schlafzimmer sein!«) herausgefunden. Dir war das egal, und ich glaube, du fandest mich ein bisschen anstrengend. Nun, es ist sein Schlafzimmer, ich weiß das, denn er hat eine neue Freundin. Seit einigen Tagen vögeln die beiden sich die verdammte Seele aus dem Leib. Jede Nacht von etwa null bis drei Uhr. Ich bin nicht neidisch, ich fühle mich nur wie ein unfreiwilliger Voyeur, und ich fühle mich wirklich von dem Lärm belästigt. Er ist so verblüffend laut, dass ich seit Tagen rätsele, ob die Wand, die unsere Schlafzimmer trennt, wirklich eine tragende aus Stein ist oder ob im Zuge der 90er-Jahre-Sanierung die Wohnungen neu aufgeteilt wurden und mich nur Rigips von des Nachbarn neuer Leidenschaft trennt. Ich würde so gerne mal klopfen, um zu hören, ob es hohl klingt. Ich trau mich nur nicht.

Mich überfordert ihr Sex wirklich sehr. Er ist so nah, und mir ist das viel zu intim, weil ich jeden Atemzug hören kann, jeder hirschähnliche Schrei klingt, als käme er aus unserer Wohnung, und dann hören sie auf und rauchen und kichern (darauf bin ich neidisch!) und lernen sich kennen, und dann ficken sie wieder, und es ist so nah!

Vor ein paar Tagen bin ich von seinem Orgasmus aufgewacht! Das muss man sich mal vorstellen, ich bin hochgeschreckt, weil er gekommen ist wie ein Tier, das schlimme Schmerzen hat!

»Warum machen Leute das?« Meine Schwester Jana studiert Psychologie und stellt daher immer die richtigen Fragen.

»Was?«

»Klettern. In Hallen.«

Flo ist verwirrt, dann wirkt er ein kleines bisschen verletzt. »Ich nehme an, weil es ihnen Spaß macht.«

»Ja? Welcher Teil?«

Jetzt will Flo Jana gerne hauen, glaube ich.

»Nun, in erster Linie wegen der Auslastung, der sportlichen Betätigung, denke ich.«

»Warum?«

»Verarschst du mich, Jana?«

»Florian, ich bin eine direkte Blutsverwandte deiner Freundin, glaubst du wirklich, dass wir beim Thema Bewegung scherzen? Warum gehen die Leute nicht einfach joggen, wenn sie sich unbedingt bewegen wollen? Weshalb kommen sie hierher, hängen sich an Seile und klettern an Kunstfelsen rum?«

»Nun, als direkte Blutsverwandte von Luise sollte dir aber auch schnell aufkommende Langweile nicht fremd sein. Und das wiederum ist das Tolle am Klettern. Es ist abwechslungsreich und aufregend und … keine Ahnung … spannend!«

Flo kriegt langsam eine rote Birne. Es nervt ihn, dass ich das Klettern und somit irgendwie seine Berufung langweilig finde. Von Jana hatte er sich augenscheinlich mehr erhofft und sie daher eingeladen. Jetzt ist sie da und wir hier in Flos Kletterhalle. Da ich mit dem Assistant Manager schlafe, dürfen wir umsonst klettern, eine Tatsache, die Flo irre romantisch findet, und eine Gelegenheit, die ich aus Neugierde genau einmal wahrgenommen habe. Und obwohl Klettern relativ eindrucksvoll aussieht und ich daher doch mit einigem Respekt, wenn auch mit wenig Körperspannung, an die Sache herangegangen bin, war ich enttäuscht. Innerhalb weniger Minuten bin ich die 25-Meter-Wand hochgeklettert, hab mich abseilen lassen, mich selbst aus dem Sicherungsgeschirr gefriemelt, Flo in die erwartungsfrohen Augen geschaut und gesagt: »Öde. Kaffee?«

Danach hat Flo zwei Tage lang nicht mit mir gesprochen.

Dass ich Jana mitbringe, ist eine Art verspätetes Entschuldigungsgeschenk.

Janas Psychologiestudium sorgt auch dafür, dass sie weiß, wann es genug ist, und das ist augenscheinlich jetzt. »Alles klar, dann besorg mir mal diese Gürtel, oder was immer man dafür braucht!« Mein zauberhafter Flo ist schnell wieder auf den Beinen, emotional und auch körperlich, und er flitzt weg, um den ganzen nötigen Kram zu holen.

Vollkommen eingeschirrt sieht Jana aus, als würde sie eine Kinderleine tragen. Laut sage ich das aber nicht, denn der Witz kam beim letzten Mal schon nicht besonders gut an, außerdem sollte man Flo nicht noch mehr ärgern, sonst lässt er nachher Jana fallen, der Chef sichert nämlich höchstpersönlich ab.

»Darf ich die Leine halten?«, frage ich.

»Bist du bekloppt?«, fragen beide aus einem Mund.

»Was denn? Im Grunde muss man doch nur das Seil richtig halten. Und vielleicht ist Flo grad zu emotional für eine professionelle Sicherung.«

Flo bekommt einen Strichmund. Den bekommt er sehr selten, und er markiert die Grenze, die die schlaue Jana schon viel früher bemerkt hat. Das hier ist Flos Revier, hier darf nicht gewildert werden. Und angesichts der Tatsache, dass es sonst kaum Reviere gibt, in denen ich nicht wildern darf, trete ich einen Schritt zurück, damit Jana in Ruhe losklettern und Flo lossichern kann.

Jana braucht kaum länger als ich, um an der Hallendecke abzuklatschen, und springt mit wehenden Haaren am professionell gesicherten Seil an der Wand entlang herunter. Auf der Matte angekommen, fragt sie, ob sie noch mal dürfe, und Flo streckt mir die Zunge raus und sagt: »Klar!«

Ich gehe raus, um zu rauchen und meine Freundin Rieke anzurufen. Unterwegs klaube ich halbherzig ein paar Wohnungsangebote von der Mitglieder-Pinnwand und setze mich auf die Raucherbank. Das Holz ist von der Sonne aufgeheizt, und schnell klebt der Schweiß meiner Shorts an meinem Hintern.

»Wo bist du?«, will Rieke wissen.

»Vor der Kletterhalle«, antworte ich missmutig.

»Wenigstens nur davor. Bist du nicht eigentlich mit Jana verabredet?«

»Ja. Die ist in der Kletterhalle.«

Ich glaube hören zu können, wie Rieke eine Augenbraue hochzieht, dann sagt sie knapp: »Das tut mir leid. Rufst du deshalb an?«

»Weshalb?«, frage ich.

»Um Absolution für deine Verachtung zu erhalten?«

»Vielleicht. Kommt drauf an, wie schlimm du das fändest.«

»Was genau verachtest du denn? Jana? Das sportliche Bewusstsein der Menschen im Allgemeinen? Oder dich selbst dafür, dass es dir abgeht?«

Ich denke kurz nach und entscheide mich für die zweite Möglichkeit mit einem leichten Hang zur dritten.

»Dann hast du vollste Absolution von mir! Brauchst du sonst noch was, sonst müsste ich hier weitermachen.«

»Was denn weitermachen?«

»Jetzt schindest du Zeit!«

»Mit dir zu telefonieren fetzt nicht«, nöle ich.

»Telefonieren fetzt nie«, stellt Rieke richtig und legt einfach auf.

 

Menschen in Bürokleidung laufen an mir vorbei in die Halle. Es ist kurz nach achtzehn Uhr, vermutlich fährt man direkt nach der Arbeit noch mal schnell hier vorbei, um eine Runde zu … na ja … klettern. Und obwohl mir dafür vollkommen das Verständnis fehlt, sehen sie aufgeregt aus. Abenteuer-hungrig, Thrill-darbend, Excitement-geil. Ich finde es ein wenig schade, dass mir so dermaßen die Leidenschaft für diesen Sport (oder irgendeinen Sport) fehlt. Und während ich darüber nachdenke, was mich stattdessen im Leben hungrig macht, was mein Synonym für diese Kletterlust ist, merke ich, dass ich nicht hungrig bin. Auch nicht satt. Eher appetitlos. Ein Gefühl, als hätte ich vor dem Abendessen genascht, und nun stehe ich vor dem größten Buffet der Welt und finde all die exotischen, schönen und vor allem so reichhaltigen Speisen nur okay. Wann war ich denn überhaupt das letzte Mal wirklich hungrig?

»Luise, wollen wir was essen, oder bist du noch eingeschnappt?«

Jana steht mit verschwitzten Haaren und rotem Gesicht vor mir und strahlt.

 

»Du fandest es super?«

Ich frage das entrüstet, aber leise, da Flo in Hörweite an der Hallen-Snack-Ausgabestelle Hot Dogs und Getränke für uns besorgt.

»Ja!«

»Aber welchen Teil?«

»Äffst du mich nach, Luise?«

»Nein, im Ernst. Ich möchte gern verstehen, warum dir das Klettern solchen Spaß macht, ich es aber für den ödesten Sport der Nachkriegsgeschichte halte!«

Ich bekomme einen strafenden Blick von Flo, der die Hot Dogs auf unserem Tisch und trotzdem einen Kuss auf meinem Kopf platziert. Zu groß ist augenscheinlich der Triumph, dass zumindest eine aus unserer Familie Gefallen am Klettern gefunden hat.

»Ach Mann, ich will ja gar nicht stänkern, ich kapier’s nur nicht: Man latscht hoch, springt runter und latscht wieder hoch. Wo ist der Teil mit der Spannung und Aufregung und so? Das Ganze ist so viel einfacher, als es aussieht.«

»Aber das war nur deshalb so leicht, weil du alle bunten Dinger benutzt hast.«

»Klettergriffe. Grips«, wirft Flo ein.

»Aber dafür sind die bunten Dinger doch da, damit man sich daran langhangelt. Oder nicht?«

»Klettergriffe!«

»Ja, am Anfang. Aber dann kann man richtige Routen klettern. Indem man zum Beispiel nur die roten Dinger benutzt.«

»Klettergr… O.k. Ich kapier’s. Ihr sagt das nur, weil ihr das Wort so lustig findet, richtig?«

»Wenn man nur die roten Dinger benutzt, ist es doch total schwer, die Wand hochzukommen!«, sage ich entrüstet.

Flo steht auf und geht. Er ist schließlich Assistant Manager, und in einer so gut besuchten Halle fällt, besonders zur Kletter-Rush-Hour, sicher eine Menge Managing an. Ich streiche ihm noch schnell versöhnlich über den Rücken, erwische aber nur noch ein Stück Hintern.

»Luise, jetzt mal ohne Quatsch: Dir ist klar, dass es genau darum geht, oder? Dass es schwerer ist, wenn man nur die roten Dinger benutzt?«

Ich seufze und werde ein wenig trotzig: »Nein! Weshalb sollte das Spaß machen? Es wird dadurch kompliziert, und das ist anstrengend. Warum sollte man das wollen?«

Ich befürchte, dass es jetzt gleich nicht mehr ums Klettern, sondern ums Große Ganze geht.

Jana merkt das natürlich auch, und für einen kurzen Moment wünsche ich mir, dass meine kleine Schwester BWL studieren würde. »Wenn du alle Griffe jederzeit benutzen kannst, bist du natürlich sehr schnell am Ziel, da sie alle nah beieinanderliegen und du gar nicht nachdenken musst. Und selbstverständlich ist das auch enorm befriedigend. Und dann ist es aber eben ganz schnell öde. Weil es dich nicht fordert. Wenn du aber nur eine bestimmte Farbe benutzen darfst, musst du nachdenken. Und planen und abwägen und dabei viel mehr Kraft aufwenden, weil die Griffe eben weiter auseinanderliegen und dein Geist und deine Arme und Beine viel mehr aushalten müssen. Das ist der Teil, der es interessant macht.«