Walk by FAITH - Felicitas Brandt - E-Book
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Walk by FAITH E-Book

Felicitas Brandt

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Beschreibung

Der erste romantische Liebesroman im Genre Faithful New Adult von Autorin Felicitas Brandt ist der Auftakt der Faith.Hope.Love-Serie. Erst der Druck in ihrem Jura-Studium, dann der Tod ihrer geliebten Oma – Valeries Leben ist ein einziger Scherbenhaufen. Bei ihrer Tante in Berlin versucht sie, wieder Fuß zu fassen, zu sich und ihrem Glauben zurückzufinden und Frieden mit ihren Gefühlen zu schließen. Dort trifft sie aber auch auf Jayden, den sympathischen, leicht geheimnisvollen Besitzer der Musikbar Balou. Bei ihm fühlt sich die Welt etwas weniger hoffnungslos an und Stück für Stück erobert er mit seiner offenen Art Valeries Herz. Doch ihn zu lieben ist gefährlich, denn um jemand anderen zu schützen, hat Jayden sich mit den falschen Leuten eingelassen …

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Seitenzahl: 635

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Beliebtheit




FELICITAS BRANDT

WALK BYFaith

Das Bibelzitat aus Jesaja 43,19 folgt dem Bibeltext der Einheitsübersetzung derHeiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe

© 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart.Alle Rechte vorbehalten.

Das Bibelzitat aus Jeremia 31,3 folgt dem Bibeltext der Schlachter.Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

© 2020 Brunnen Verlag GmbH, GießenLektorat: Carolin KotthausUmschlagfoto: shutterstockUmschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Satz: DTP Brunnen

ISBN Buch 978-3-7655-2114-0ISBN E-Book 978-3-7655-7558-7

www.brunnen-verlag.de

Für meine Omas –

ihr fehlt mir viel mehr, als es dafür Worte gibt.

Inhalt

1 Der Tag, an dem Meister Yoda von einem Anzugträger ermordet wurde

2 Die Grinsekatze kommt zum Tee

3 Wie das Leben so spielt, spielt es Klavier

4 Cranberrys und Katzentatzen

5 Ein verhängnisvolles Angebot

6 Ewiger Sonnenschein schafft eine Wüste

7 Stranger in Paradise

8 Von Feen und Küken

9 Über bunte Haare und fragwürdige Jobs

10 Monsterviren

11 Wir werden alle sterben

12 Super-Snoopy vs. superkrank

13 Mario Kart

14 Staubwedel-Stepptanz

15 Die dunkle Seite

16 Feuertreppengeflüster

17 Louise

18 Ziemlich halb okay und griesgrämige Kugelfische

19 Familienbande und Frittiertes

20 Ein rosafarbenes Wiedersehen

21 Dosenprinzessin und Einhornflügel

22 Balkongeflüster

23 Kaffee für dich und Kaffee für mich

24 Ein Märchenprinz im Anwaltskostüm

25 Der letzte Funken Ich

26 Pancakes und eine Schublade

27 Zuflucht und Ed Sheeran

28 Das Superheldenquiz

29 Ab jetzt ohne Geheimnisse

30 Ein neuer Avenger

31 Zerstört

32 Ohana heißt Familie

33 Ein kleines bisschen wie im Happy End

34 Ein Schritt zum Glück

35 Chris Hemsworth wäre mir lieber gewesen

36 Gefühlsbetont

37 Der Spiegel des Prinzen

38 Superhelden ohne Umhang nennt man Papa

Epilog

Danksagung

Playlist

1

Der Tag, an dem Meister Yoda von einem Anzugträger ermordet wurde

„Das ist die bescheuertste Idee des Jahrhunderts“, verkündete die leise Stimme in meinem Hinterkopf und ich konnte ihr nicht wirklich widersprechen. Die eisige Luft einer Klimaanlage tanzte über meine Haut und kühlte meinen schweißnassen Rücken. Wahrscheinlich würde mir diese Aktion noch eine Grippe einbringen. Wenigstens war das Vorstellungsgespräch jetzt vorbei und ich konnte die Flucht ergreifen. „Lass mich jetzt bitte nicht diese Treppe runterfallen“, flehte ich lautlos.

„Ich bringe Sie wieder runter.“ Die blonde Sekretärin erhob sich von ihrem Stuhl und lächelte mich strahlend an. Sie wirkte wie Anne Hathaway in der zweiten Hälfte von Der Teufel trägt Prada, selbstbewusst und wunderschön. Ich rückte nervös meine Brille zurecht, auf der ein dicker Fingertapser mein Blickfeld störte, und nickte.

Also dann jetzt die Horrortreppe.

Auf Horrorschuhen.

Und in Begleitung.

Awesome!

Wofür genau waren noch mal die Fahrstühle erfunden worden?

„Alles in Ordnung?“ Die junge Frau, die vermutlich gar nicht viel älter war als ich, aber dreimal so erwachsen und kompetent wirkte, schaute mich fragend an, weil ich noch immer wie angewurzelt vor der teuer aussehenden Tür verharrte.

„Ja, ähm … Entschuldigung.“ Ich schüttelte leicht den Kopf, wobei meine von der ungewohnten Haarspange malträtierte Kopfhaut unangenehm ziepte. Ich verspürte schon seit etwa 20 Minuten den Drang, mir das Ding vom Kopf zu reißen und darauf herumzutrampeln. Hör auf, dich wie eine Irre zu benehmen, Valerie!

„Kein Problem. Wollen wir dann?“

Seufzend stöckelte ich los. Diese Schuhe waren furchtbar unbequem und viel zu hoch – zumindest für mich, die ich nichts anderes als Chucks und flache Stiefeletten gewohnt war. Ich spürte den mitleidigen Blick meiner Begleiterin und konnte es ihr kaum verübeln. Die Bluse hatte Tante Fiona aus der hintersten Ecke ihres Schrankes gekramt. Sie war mir zu klein und saß nicht gerade vorteilhaft auf meinen Speckröllchen. Der Rock war zu kurz, aber der einzige, den ich in Schwarz gehabt hatte und der mir passte. Dazu die Schuhe, die meine Tante mir ebenfalls geliehen hatte. Ich sah aus wie die billige Imitation einer Flugbegleiterin. Immerhin schaffte ich es die Treppe herunter, ohne mir den Hals zu brechen. Auch kleine Erfolge waren Erfolge!

Meine Begleitung – ihr Namensschild wies sie als Melissa Nowak aus – lächelte immer noch. Ich fragte mich, ob sie am Ende eines Arbeitstages wohl Muskelkater im Kiefer hatte.

„Frau van der Linde?“ Melissa sah mich fragend an und mir wurde bewusst, dass ich wohl eben ihre Frage verträumt hatte.

„Entschuldigung, wie bitte?“, stotterte ich. So viel zu dem Vermeiden von Peinlichkeiten.

„Ich habe Sie gefragt, ob wir uns dann bald wiedersehen?“

„Ähm, ja … Frau Lorenz hat mir diese Woche noch zum Einleben gegeben. Danach kann ich dann anfangen.“

„Sehr schön, das freut mich.“ Sie streckte die Hand aus. „Kommen Sie gut in Berlin an.“

Unsicher sah ich auf ihre Hand, dachte an meinen abgeplatzten Nagellack am rechten Zeigefinger und an meine schwitzigen Handflächen. Anscheinend hatte ich zu lange gezögert, denn Melissa Nowak zog ihre Hand zurück, während von ihrem perfekten Lächeln ein winziges Stück abplatzte und zu Boden segelte. „Danke schön“, sagte ich hastig. „Ich … Wissen Sie vielleicht, wo man hier gut einkaufen kann?“

Mein Gegenüber nickte freundlich. „In der Friedrichstraße werden Sie fündig werden. Wenn Sie zu Monjas Mode gehen, sagen Sie, dass Melissa Sie schickt. Dann hilft sie Ihnen weiter. Sie hat elegante Blusen und Röcke … in allen Größen.“

Na wenigstens hat sie nicht Übergrößen gesagt, Valerie. Das ist doch was. Ich zwang mich zu einem Lächeln, doch es wurde mehr eine Grimasse. „Monjas Mode? Das werde ich mir merken, danke.“

„Jederzeit. Bis nächste Woche dann.“ Elegant schwebte sie davon und ich beneidete sie um die Fähigkeit, auf ihren hohen Schuhen laufen zu können. Und um ihre Hüften. Und ihre Beine. Und die Hochsteckfrisur, die nicht so aussah, als würde sie wehtun, so wie meine.

Seufzend schulterte ich die Handtasche, die meine Tante mir geliehen hatte – das Einzige an meinem Outfit, das wirklich gut aussah –, und trat ins Freie. Es war Anfang Mai und ein angenehmer Wind wehte durch die Straßen von Berlin. Der Himmel war mit hellgrauen Schleierwolken bedeckt, die träge über den Häusern dahinzogen.

Warum nur hatte ich mich zu diesem Vorstellungsgespräch überreden lassen? Es wunderte mich sehr, dass sie mich tatsächlich genommen hatten. Wenn da mal nicht Tante Fiona ihre Finger im Spiel gehabt hatte … Als mein Magen laut knurrte, erinnerte ich mich daran, dass ich heute noch nichts gegessen hatte.

Mein Blick huschte über die Straße und verfing sich an einer Gestalt, die in meine Richtung kam. Ihr lila Haar fing die Sonnenstrahlen ein und leuchtete, als bestünde es aus geschmolzenen Diamanten. Das Gesicht war schmal und fein wie bei einer Porzellanpuppe und die dunkel geschminkten Lippen verstärkten den Eindruck noch. Eine Puppe oder … eine Fee. Sie trug einen schlichten schwarzen Rock und ein T-Shirt mit dem Gesicht von Taylos Swift darauf. Dazu graue Chucks.

Ein Surren ertönte neben mir und die Drehtür bewegte sich. Was jetzt geschah, lief nicht wie im Film in Zeitlupe ab und doch erfasste ich jede Einzelheit.

Ein Anzugträger stürmte aus dem Hotel, in der einen Hand eine Aktentasche, in der anderen einen Kaffeebecher, mit dem er einem Taxifahrer gestikulierte, dass dieser gefälligst alles stehen und liegen lassen sollte, um ihn sofort zu seinem hoch wichtigen Ziel zu bringen. Mit großen Schritten rannte er in die Fee mit den Diamanthaaren hinein, die nun mit einem erstickenden Schrei zu Boden ging. Der Inhalt ihrer Tasche verstreute sich über den Asphalt und ein Schwall Kaffee spritze auf ihr Shirt. Ein empörtes „Hey“ klang über die Straße.

Der Mann sah gleichgültig auf das Mädchen hinunter. „Pass doch auf, du Emo!“ Er wollte an ihr vorbei und trat mit voller Absicht auf etwas aus ihrer Tasche, das mit einem Knacken zu Bruch ging.

Unbewusst hatte ich mich in Bewegung gesetzt. Der Anzugträger wandte sich jetzt in meine Richtung, den Blick fest auf das Taxi vor ihm gerichtet, während das Mädchen völlig perplex am Boden saß. Noch zwei Schritte … Mit voller Wucht rammte ich den Anzugmann. Schmerz schoss durch meine Schulter, vermischte sich aber sofort mit wilder Genugtuung, als ihm sein Kaffee aus der Hand glitt. Ein Tröpfchenregen sauste durch die Luft und besudelte seine glänzenden Schuhe, als der Becher zu Boden krachte. „Hey!“ Fassungslos starrte er mich an.

„Pass doch auf, du Emo!“, spottete ich und rückte meine Brille zurecht. Ich rechnete damit, dass der Typ augenblicklich ausrasten würde, doch stattdessen stieg er bloß mit wütendem Blick in sein Taxi. Gut.

Hastig stoppte ich mit dem Fuß eine auf mich zurollende Deoflasche, ehe sie in der Kaffeepfütze landen konnte und hob sie auf. Die junge Frau kauerte noch immer am Boden und sammelte ihre Sachen ein. Ich griff, was ich zu fassen bekam, und hockte mich neben sie. „Hier.“

Sie sah zu mir auf. Erst jetzt sah ich die Tränen auf ihren Wangen und ihre verweinten, roten Augen. „Ach komm, wegen diesem Idioten brauchst du doch nicht zu heulen“, murmelte ich etwas unbeholfen.

„Tu … tu ich gar nicht“, schluchzte sie. Von ihren Ohren baumelten Eulen-Ohrringe, deren Augen die Farbe ihrer Haare hatten. „Ich heule nicht wegen dem Idioten, sondern wegen der Existenz von Idioten an sich. Und der Tatsache, dass ich die einfach magisch anziehe.“

„Einer dieser Tage?“, fragte ich mitleidig und sie nickte.

„Absolut.“

„Ich habe auch so einen. Eigentlich ist es schon eher ein Dauerzustand.“ Ich stopfte die Sachen in ihre Tasche zurück, während sie ein zerbrochenes Etwas vom Asphalt pflückte. Behutsam hielt sie das seltsame grüne Ding in den Händen.

„Er hat Meister Yoda getötet.“

„Bitte was?“ Verdutzt blickte ich auf die kleine grüne Plastikfigur mit dem übergroßen Kopf, der neben dem Körper lag. Uäh, ermordetes Plastik.

„Das war mein zweitliebster Funko Pop“, schluchze die Fee. „Er hat ihn getötet.“ Tränen fielen auf den mit Kaffee besudelten Rock.

„Hey, komm erst mal hoch, ja? So bequem sind die Bürgersteige selbst hier am Nabel der Welt nicht.“ Behutsam zog ich sie auf die Beine und versuchte gleichzeitig meine Bluse zu richten, die in ungebetene Höhen rutschte. Dann kramte ich ein Taschentuch aus meiner geliehenen Designer-Handtasche und reichte es der Fee. Die putzte sich geräuschvoll die Nase. Noch immer liefen Tränen über ihre Wangen und ich fühlte eine fiese Hilflosigkeit vom Boden aufsteigen und in meine Glieder kriechen. „Kann ich … ähm, kann ich dich irgendwo hinbringen?“

„Zu Jayden. Kannst du mich zu Jayden bringen?“, schniefte die Fee. „Bitte.“

„Ähm, klar … ich weiß nur nicht wirklich, wo das ist.“

„Planetenweg. Vor dem Friedhof. Ich sag dir, wo wir lang müssen.“

Friedhof. Da wollte ich heute eigentlich nicht unbedingt hin, aber gut. Ich legte einen Arm um die weinende Fee und bugsierte sie vorsichtig durch die mittägliche Menschenmenge, die sich zielstrebig von A nach B bewegte. Zum Glück war es nicht weit, denn obwohl die Fee praktisch nichts wog, fiel mir das Laufen auf diesen Absätzen mit ihr an meiner Seite noch schwerer.

„Ich bin Tori“, stellte die Fee sich nach ein paar Schritten vor. „Viktoria, aber Tori reicht vollkommen.“

„Valerie. Und Val reicht ebenfalls“, erwiderte ich und hoffte gleichzeitig, dass Tori es dabei belassen würde. Leider tat sie es nicht.

„Valerie?“, hakte Tori nach. „Irgendwoher kenne ich den Namen.“ Bitte nicht, bitte, bitte, bitte nicht! Tori schnipste mit den Fingern und strahlte mich an. „Ich hab’s! Es gab da doch diesen Song!“

„Ja“, nickte ich gequält. Bitte sing es nicht, bitte!

„Du meinst, du bist nach einem Lied benannt?“ Tori wandte mir ihr mit Wimperntusche verschmiertes Gesicht zu und ich konnte ganz genau sehen, wie die Liedzeilen hinter ihrer Stirn auftauchten. „Hey, das ist doch total cool. Ich will auch nach einem Lied benannt sein.“

„Tori, das Lied ist von 2006.“

„Oh, stimmt.“ Tori verzog enttäuscht das Gesicht. „Schade, das wäre eine coole Story gewesen. Ich wäre gerne nach einem Lied benannt worden.“

„Damit die Leute immer, wenn sie deinen Namen zum ersten Mal hören, anfangen den Song zu singen? Glaub mir, das willst du nicht.“

„Hm, das kann ich verstehen. Aber der Name ist trotzdem cool. Und jetzt, wo wir quasi Freundinnen sind, hätte ich da noch eine Frage: Hast du Hunger oder ist das ein bedrohliches Werwolfknurren, was du da von dir gibst?“

Und ich hatte so gehofft, sie würde es nicht hören! „Äh nein, ich habe Hunger, sorry“, nuschelte ich verlegen. „Tante Fiona hatte heute Morgen nur matschigen Haferbrei, der war nicht wirklich mein Fall.“

„Mh mh“, machte sie nur und kramte in ihrer Tasche herum, bis sie ein kleines Päckchen Kekse fand, die wir schweigend teilten.

Irgendwann wies Tori nach links. Die Straße, in die wir abbogen, war weniger belebt. Ich erhaschte einen Blick auf ein Reisebüro, in dem jedoch kein Licht brannte. Außerdem war da noch ein kleiner Bäcker, dessen Ladenfenster einen breiten Riss aufwies. Ein Stück von uns entfernt bewegte sich eine schwarz gekleidete Gestalt auf dem Bürgersteig und fegte irgendetwas Buntes zusammen. Konfetti? Das Gesicht konnte ich nicht sehen, nur eine dichte schwarze Haarmähne – und überhaupt sehr viel Schwarz. Und es war eindeutig ein Kerl.

„Oh bitte, lass das nicht Jayden sein“, flehte ich noch, dann waren wir auch schon so nahe, dass er das Klackern meiner Schuhe hören konnte und sich umdrehte. Mein Herz machte einen Satz. Er war mindestens 1,80 m groß und hatte ein schmales Gesicht mir hervorstehenden hohen Wangenknochen. Sein Kinn war kantig und glatt rasiert, die Lippen voll. Seine Haare waren bei näherem Hinsehen gar nicht ganz schwarz, sondern mit einem Hauch Braun darin. Wie Kaffee mit einem winzigen Schuss Milch. Um sein linkes Handgelenk schlangen sich mehrere Bänder, einige bunt, geflochten wie Freundschaftsbänder, andere aus Leder. Aus dem Kragen seines schwarzen Kapuzenpullis ragte ein Kopfhörer.

„Tori?“

Oh, na toll, war ja klar. Warum konnte Jayden keine schrumpelige alte Oma mit Gehstock und drittem Gebiss sein? Was war das überhaupt für ein Name? Jayden … klang irgendwie … fremd. Aber schön. Himmel, der Kerl sah aus wie Jamie Fraser, nur … anders. Dunkler. Mehr Darth Vader als Anakin Skywalker.

Mit einem Klappern fiel der Besen zu Boden, schon stand er vor uns. „Tori, was ist passiert?“

„Ritsch ist ein Arsch“, schluchzte die Diamant-Fee, ohne mich loszulassen.

„Hat er dir was getan?“ Jaydens Gesicht wurde so finster, als wäre von jetzt auf gleich ein Sturm aufgezogen. Wut blitzte aus seinen Augen und ich machte unwillkürlich einen halben Schritt zurück. Tori geriet kurz ins Wanken. Der Blick des Darth Jamie Fraser huschte zu mir. Seine Augen wirkten nachtschwarz und gerade jetzt so voller Kälte, dass ich das Gefühl hatte, unter seinem Blick zu erfrieren.

Tori, die von alldem nichts mitzubekommen schien, schnaubte. „Nein, er ist einfach nur ein Arsch.“

Für einen winzigen Moment zuckte ein Lächeln über seine Lippen. Die Kälte verschwand, als wäre sie nichts weiter gewesen als ein Nebelfetzen, der jetzt von Wind davongetragen wurde. „Das ist eine mir sehr wohl bekannte Tatsache.“

„Ja ja, du hast es wieder mal gewusst. Hack ruhig darauf rum.“ Tori zog die Nase hoch. Wieder flossen Tränen und zogen feine Linien aus Mascara über ihr Gesicht.

Jayden berührte sanft ihre Wange. „Tori, der Typ ist fast 30, hängt immer noch in den ersten Semestern Medizin fest und hat eine Wohnung, die seine Mami ihm bezahlt – über einem Dönerladen, weil er das für praktisch hält.“

„Es ist wirklich praktisch, wenn man Hung… – warte mal!“ Tori zog misstrauisch die Nase hoch. „Woher weißt du, wo er wohnt?“

Vielleicht war es Einbildung, aber ich glaubte zu sehen, wie Jaydens Ohren rot wurden. „Ähm …“

„Jayden Theodore Sebastian, hast du mich etwa gestalkt?“ Tori machte sich von mir los, stemmte die Hände in die Hüften und reckte sich, was angesichts ihrer 1,60 m eher süß als beängstigend wirkte.

Ihr Gegenüber hob kapitulierend die Hände. „Es war ein Zufall, okay? Und was soll bitte das ‚Theodor‘?“

Tori schnaubte. „Es dient der Unterstützung meiner Rede. Und was für ein Zufall könnte dich wohl –“

„Zu einer Dönerbude führen? Hm, lass mich nachdenken.“ Er grinste verschmitzt und der Zorn wich langsam aus seinen Augen. Ich kam mir seltsam vor, wie ein Zuschauer bei einem Theaterstück. Irgendwie Teil des Ganzen, aber dann doch wieder furchtbar fremd und störend. Jayden schenkte Tori ein Lächeln. „Kleines, ich wollte doch bloß auf dich aufpassen. Der Typ ist nicht gut für dich.“

„Nein“, schniefte die Fee und ihre Schultern sackten nach unten. „Ist er nicht. Und dann hat mich grad auch noch so ein Anzugträger umgerannt und meinte, ich sehe aus wie ein Emo. Und auf meinem Rock ist Kaffee. Es ist mein Lieblingsrock. Jedenfalls heute.“ Als sie wieder zu weinen begann, nahm Jayden sie in die Arme und barg ihren Kopf an seiner Brust.

„Soll ich ihn für dich kaltmachen?“

„Das hat sie schon übernommen.“ Die Fee – Tori – verbesserte ich mich innerlich, wies in meine Richtung und Darth Frasers Blick traf mich erneut. Diesmal musterte er mich einmal von oben bis unten. Ich bemühte mich um eine ausdruckslose Miene und zog unwillkürlich den Bauch ein.

„Sie übertreibt“, murmelte ich. „Ich habe nicht wirklich was gemacht.“

„Du hast Kaffee über ihn geschüttet und ihn beleidigt“, verbesserte mich Tori „Das ist das Großartigste, was jemand seit Langem für mich getan hat.“

Jayden tätschelte ihren Rücken. Tori sagte etwas zu ihm, was ich nicht verstand, aber ich nahm es als Signal für meinen Rückzug. Ich rückte meine Tasche zurecht, machte einen Schritt zurück … und fiel. Tollpatschig, wie ich war, hatte ich den Bordstein übersehen. Da ging er hin, der letzte Rest meiner nicht vorhandenen Würde.

Darth Fraser sah mich mit zusammengezogenen Brauen an. Sein Blick machte ziemlich klar, dass er mich für komplett gaga hielt. „Alles klar?“

„Sicher, ich, ähm … muss dann auch mal los.“

„Danke, dass du Tori hergebracht hast.“

„Und mich gerächt hast“, kommentierte Tori.

„Und sie gerächt hast“, wiederholte Darth Fraser brav.

Ich hob die Hand und versuchte cool zu lächeln. „Gern geschehen. Ich –“

Jaydens Blick, der sich förmlich an meiner Hand festsaugte, ließ mich innehalten. Ein amüsiertes Lächeln zeichnete sich jetzt auf seinen Lippen ab. Dann blickte er mir wieder in die Augen. „Trotzdem danke. Wenn du mal wieder in der Gegend bist, schau gerne vorbei. Deine Getränke gehen aufs Haus.“ Er bugsierte Tori zum Eingang der Bar und warf mir über die Schulter noch einen Blick zu. „Bis dann … Snoopy.“

2

Die Grinsekatze kommt zum Tee

Ich schloss die Eingangstür des Mehrfamilienhauses auf, in dem Tante Fiona wohnte, und versuchte dabei, weder etwas fallen zu lassen noch einen der großen Blumentöpfe zu rammen, die den Weg zur Treppe säumten. Die Tüte in meiner Hand raschelte vernehmlich und ich überlegte kurz, ob ich sie hinter einer der Pflanzen verstecken sollte. Andererseits war es noch keine drei Uhr – Tante Fiona war sicher noch nicht zu Hause. Also erklomm ich die gigantische und zugegeben wirklich schöne Treppe. Breite Stufen und ein geschwungenes Geländer führten mich zur ersten Etage hinauf. Das Haus bestand aus vier Parteien und Tante Fiona besaß eine der beiden, die an den offenen Flur am Kopf der Treppe grenzten. Ich schob den Schlüssel ins Schloss und betrat die Wohnung.

„Valerie, bist du das?“

Oh, doch kein Sturmfrei. Dämliche, verwirrende Krankenhausarbeitszeiten! „Nein“, rief ich zurück. „Ich bin es, die Grinsekatze. Hat jemand den verrückten Hutmacher gesehen? Wir waren zum Tee verabredet.“

Ich glaubte sie seufzen zu hören, dann tauchte Tante Fiona im Flur auf. Sie trug einen grauen Bleistiftrock und einen dazu passenden Blazer über einer schwarzen Bluse, die wiederum die Farbe ihrer Pumps widerspiegelte. Tante Fiona war das, was herauskam, wenn man eine Arbeitsbiene und eine Stilikone kreuzte. Sie war eine Mischung aus Lady Di und Meredith Grey aus Greys Anatomy. Sie sah gut aus, hatte ihr Studium mit Bestnoten abgeschlossen und war eine der renommiertesten Chirurginnen des Landes – und ich hatte nicht ein einziges dieser Gene geerbt. Das Leben war eben ungerecht.

„Deinen Humor hast du von deinem Vater.“ Das „Aber leider nicht deine Arbeitsmoral“ blieb unausgesprochen in der Luft hängen.

„Ich wusste nicht, dass du heute schon so früh zu Hause bist“, erwiderte ich und schnappte ein bisschen nach Luft, während ich die Tür hinter mir schloss. Im Flur roch es nach frisch aufgelegtem Parfüm. Von hier aus gelangte man in die vor Edelstahl funkelnde Küche, von der man wiederum ins Wohnzimmer kam. Die ganze Wohnung war ziemlich beeindruckend. Stuckleisten, ein Kronleuchter über dem Esstisch, ein steinerner Kamin und ein riesiger Balkon, von dem man einen ziemlich coolen Blick über Berlin hatte. Die Etage über uns war in zwei Flügel unterteilt. Der kleinere war ihr Bereich, mit Schlaf- und Arbeitszimmer, während in dem anderen die Gästezimmer und ein angehender Fitnessraum untergebracht waren.

Ach ja. Und ich.

Seit drei Tagen (mit heute vier) gehörte mir eins der Gästezimmer. Das schönste selbstverständlich, immerhin hatte mich meine Tante trotz meiner Absonderlichkeiten unendlich lieb. Es lag zur von der Straße abgewandten Seite und abends konnte man durch die Fenster den Sonnenuntergang beobachten. Ich hatte ein Bad ganz für mich alleine und, wenn ich wollte, völlige Ruhe. Genau das, was mir im letzten Jahr so gefehlt hatte. Genau das, weswegen ich vermutlich durchgedreht und hierher verbannt worden war.

„Ich konnte schon heute Morgen operieren und da mein Patient gute Werte hat, habe ich ihn meinen Assistenten überlassen.“ Sie zog in einer vermutlich unbewussten Bewegung ihren Pieper aus der Tasche ihres Blazers und warf einen Blick darauf. „Ich denke, heute Abend sollte nichts mehr passieren, und ich habe auch keine Bereitschaft.“

„Der Blazer ist hübsch“, bemerkte ich, als mich zur Treppe wandte, um in mein Zimmer zu verschwinden. Meine Füße taten tierisch weh, ganz zu schweigen von meinen Oberschenkeln. Ich wollte meine Jogginghose und Flauschsocken! Auf der Stelle!

Tante Fiona lächelte flüchtig, dann fiel ihr Blick auf die Tüte und plötzlich wirkte ihr Blick wie der eines Drogenhundes vor einem verdächtigen Koffer. „Was ist das?“

„Frustfutter und Glückhormone“, erwiderte ich.

Ihre Augen verengten sich. „Lief das Gespräch nicht gut?“

„Das kommt drauf an, was du unter gut verstehst. Aber ich habe den Job“, fügte ich hinzu, ehe sie sich Sorgen machen konnte. „In ein paar Tagen kann ich anfangen.“

„Was lief dann nicht gut?“, hakte sie nach.

Ich seufzte. „Alles! Diese Klamotten und … die Haare … die Schuhe …“ Ich kickte die verhassten Dinger von den Füßen und wäre dabei beinahe umgefallen. Meine Tüte fiel mit einem ungesunden Plumps zu Boden und offenbarte ihren Inhalt. Aber Tante Fiona achtete gar nicht darauf. Ihr Blick klebte plötzlich an meinem Handgelenk. Anders aber als bei Darth Fraser eben ließen ihre Augen keinen Humor erkennen. „Du hast das draufgelassen?“

Das war in diesem Falle ein Tattoo. Gut, kein richtiges, sondern so eins zum Aufkleben von einer Fruchtzwerge-Packung. Aber dafür sah es ziemlich gut aus. Es zeigte den kleinen Cartoon-Hund Snoopy mit seinen riesigen schwarzen Ohren und dem süßen Blick. Meine kleine Schwester Jude hatte ihn mir zum Abschied auf den Arm geklebt und dafür, dass er schon seit fast vier Tagen drauf war, sah er noch ganz schön gut aus. Was vielleicht auch daran lag, dass ich beim Duschen und Händewaschen immer extra aufpasste. Möglicherweise, weil ich ein emotionales Wrack war und mich durch diese chemische Klebefigur mit meiner kleinen Schwester verbunden fühlte. Na und?! „Unter der Bluse hat man es gar nicht gesehen“, verteidigte ich mich hastig. Okay, Darth Fraser hatte es gesehen. Aber das war ein Unfall gewesen. Quasi.

„Mh mh.“ Tante Fiona war nicht überzeugt. „Aber wenn du im Estrell anfängst, machst du es bitte ab, ja? Und wenn du dich in diesen Klamotten nicht wohlfühlst, dann kauf dir andere. Du musst dich dran gewönnen, so etwas zu tragen.“

Das „Warum?“ rutschte viel zu schnell über meine Zungenspitze, die ich mir unter dem tadelnden Blick meiner Tante fast abbiss. „Tschuldige“, fügte ich rasch hinzu. „Langer Tag.“ Ich sah genau, wie sie einen Blick auf ihre innere Uhr warf, die vermutlich nicht einmal ansatzweise Richtung Feierabend zeigte. „Ich gehe ein Bad nehmen“, schob ich noch nach und erklomm die ersten Stufen der Treppe.

„Hast du morgen schon was vor?“, fragte Tante Fiona.

„Ich denke, ich werde mich ein bisschen in der Stadt umsehen. Vielleicht –“

„Prima, ich werde dir eine Liste mit Läden machen, in denen du nach Klamotten suchen kannst. Es gibt einen, in den ich fast ausschließlich gehe, und die Damen dort kennen mich. Meine Kontodaten sind dort auch hinterlegt. Ich werde anrufen und sagen, dass sie alles über mich abrechnen sollen. Du musst nicht knauserig sein, aber ein bisschen Beherrschung wäre nett, in Ordnung?“ Sie zwinkerte mir zu.

Ich schluckte den Sarkasmus hinunter und erklomm eine weitere Stufe. „Ich werde es versuchen. Also dann, einen schönen Abend dir!“ Meine Flucht wurde nicht weiter vereitelt und zwei Minuten später landete die Tüte mit meinen Einkäufen auf einem Sessel, die Haarklammer auf dem Boden, weil ich den Tisch verfehlte, und die Bluse im Wäschekorb. Das Top darunter hatte ich auf links anziehen müssen, damit die Worte „Keep calm and kiss an Avenger“ nicht durch den Stoff schimmerten. Ob Melissa Nowak wusste, was ein Avenger war? Ich selbst wusste es erst seit wenigen Wochen, seit ich meinen Kopf aus der Universitätsblase gesteckt und angefangen hatte, an dem Leben der Außenwelt teilzunehmen. Zumindest an dem Teil, der mit einem Netflix-Passwort zu erreichen war.

Seufzend ließ ich mich auf das Sofa fallen. Das Zimmer war schön, wirklich schön. Und riesig. Unendliche Weiten im Vergleich zu der Streichholzschachtel, in der ich bis vor Kurzem noch am Campus gewohnt hatte. Aber es war meine Streichholzschachtel gewesen.

Tante Fiona hatte sich mit dem Einrichten viel Mühe gegeben. Die größten Wände waren staubgrau gestrichen worden, die anderen weiß, ebenso wie die Decke, was der dunkleren Farbe ihre Strenge nahm. Der Boden war mit Laminat in unterschiedlichen Grautönen bedeckt, hier und da unterstützt von einem flauschigen Teppich in hellem Rosa. Die Couch und die zwei kleinen Sessel bildeten einen gemütlichen Wohnbereich. Durch einen großen Kleiderschrank und einen Vorhang wurde ein Teil des Raumes für den Schlafbereich abgegrenzt. Der Schrank war riesig. Ich hatte nicht ansatzweise genug Klamotten mitgebracht, um ihn zu füllen, aber das war mir egal. Viel brauchte ich hier eh nicht – den Fernseher interessierte es schließlich nicht, ob ich das T-Shirt schon einmal angehabt hatte oder ob es von einem Schokoladenfleck geziert wurde.

Doch das Coolste an dem Zimmer war das breite Fenster. Es war wie in dem Film, in dem Hugh Jackmann aus der Vergangenheit in die Gegenwart reist und auf Meg Ryan trifft, die in dieser Wohnung lebt, wo ihr Bruder dauernd über die Feuerleiter durchs Fenster einsteigt. Meine Mutter liebte diesen Film und wir hatten ihn mindestens ein Dutzend Mal geschaut. Die Leiter hier sah aus, als wäre sie noch nie benutzt worden. Es war zwar nicht so, als würde ich Besuch erwarten, aber ich fand das ganze Setting trotzdem unglaublich cool und besonders. Die Leiter hatte eine kleine Plattform und war umrahmt mit einem schwarzen Eisengitter, sodass der Platz gerade so für zwei Klappstühle gereicht hätte. Meine Wohnung an der Uni war direkt unter dem Dach gewesen, mit wenig Fenstern und gar keinem Balkon. Dafür aber mit einer anstrengenden Mitbewohnerin. Mit dem Zimmer hier hatte ich mich wirklich ordentlich gesteigert.

Ehe meine Gedanken weiter zurück zur Universität und damit zu meinen ziemlich deprimierenden letzten Monaten kriechen konnten, schnappte ich mir die Einkaufstüte und kippte sie auf dem Sofa aus. Weingummi, Salt&Vinegar-Chips und Flauschsocken mit kleinen Katzen-Emojis drauf kamen zum Vorschein.

In Windeseile schlüpfte ich in etwas Bequemeres und verzog mich mit meinem Laptop aufs Sofa. Das Bad verschob ich auf später. Auf meinem Handy entdeckte ich ein paar neue Nachrichten: eine von meiner Schwester, zwei von meinen Eltern, die meisten von Leuten von der Uni. Vor allem meine Mitbewohnerin Laureen verlangte nach Aufmerksamkeit und fragte mich, wann ich endlich zurückkommen würde. Ihr Tonfall steigerte sich von genervt zu aggressiv und ich klickte ihren Chat weg, ohne die Nachrichten ganz zu lesen. In meinen Mails waren Einladungen zu Veranstaltungen an der Uni, Erinnerungen an Kurse, für die ich mich eingetragen hatte.

Hatte.

Vergangenheit.

So wie in „veränderter Zustand“.

So wie in „Ich war durchgedreht und hatte mein Jurastudium geschmissen“.

So wie in „Versager“.

Seufzend ließ ich mein Handy auf das Sofa fallen und startete die nächste Folge der Serie, die ich gerade schaute: Sherlock Holmes. Benedict Cumerbatch war definitiv etwas, was ich verpasst hatte. Doch ich konnte mich weder auf die Worte noch auf die Bilder konzentrieren. Unablässig kreisten die Gedanken durch mein Gehirn. Obwohl mich das Vorstellungsgespräch beinahe an den Rand einer Panikattacke getrieben hatte, so hatte es doch auch ein Loch in die Decke aus Melancholie und Traurigkeit gerissen, die mich seit Wochen umhüllte. Und durch das kleine Loch war etwas gekrochen, das sich fast wie Hoffnung angefühlt hatte. Der kleine Stupser eines möglichen Neuanfangs, die Chance, wieder auf die Beine zu kommen. Ich fragte mich immer noch, wo ich die Kreuzung zum Happy End verpasst hatte und stattdessen auf den Abgrund zugesteuert war. Was war nur schiefgelaufen, dass ich jetzt hier saß, in einer fremden Stadt, einer fremden Wohnung bei einer Tante, die mir einmal nahegestanden hatte, die ich aber in den letzten Jahren nur von Weihnachten und Geburtstagen kannte?

Die Antwort war recht einfach: alles.

Es hatte schleichend angefangen, beinahe unbemerkt. Und dann war es irgendwann nicht mehr zu übersehen gewesen. Das Studium hatte mich fest im Griff gehabt und jede Sekunde meines Alltags bestimmt. Dann der Anruf meines Vaters. Omas Tod. Das alles hatte mich wie eine Betonkugel getroffen und aus der Bahn geworfen. Fast zwei Wochen war ich im Bett geblieben, bis meine Eltern einen Plan zu meiner Rehabilitation gefasst hatten – der schließlich hier in meinem Exil geendet hatte.

„Komm schon, Val. Das reicht mit dem Selbstmitleid“, befahl ich mir selber und richtete mich auf. Die Handlung der Folge war mir mittlerweile ein totales Rätsel und ich klickte mich gerade wieder zum Anfang zurück, als mein Handy vibrierte. Als ich es endlich aus einer Sofaritze hervorgekramt und entsperrt hatte, erschien eine Zeichnung von einem Glas Nutella, worüber in fetten Buchstaben stand:

Wenn du denkst, es geht nicht mehr, löffel das Nutella leer.

Auf dem nächsten Bild blickte mir ein zwölfjähriges Mädchen mit süßen Zöpfen und großen Augen entgegen, das ein Nutellaglas neben sein Gesicht hielt. Unwillkürlich lachte ich und drückte auf Videoanruf. Die Verbindung brauchte einen Moment, aber dann ertönte die unverwechselbare Stimme meiner kleinen Schwester Jude. „Hey Valli.“

„Hallo Krümel“, begrüßte ich sie liebevoll. „Was bedeutet die Kalorienbombe?“

„Mathe ist ein gemeines Mistvieh“, seufze Jude dramatisch und begann das Glas in ihrer Hand aufzuschrauben. „Ehrlich, wofür genau braucht man das noch gleich?“

„Um groß und schlau zu werden und die Welt zu beherrschen“, gab ich altklug zurück.

„Pff, ich will die Welt gar nicht beherrschen“, erwiderte meine Schwester in einem ähnlichen Tonfall. „Wenn ich groß bin, werde ich einfach irgendetwas, was nichts mit Zahlen zu tun hat. Und schon habe ich ein Problem weniger.“ Sie zuckte mit den Schultern und brachte mich erneut zum Lachen. Das Bild wackelte, als Jude den Deckel des Glases beiseitelegte und ich erkannte, dass meine kleine Schwester in unserer Küche am Tisch stand. Genau über ihr an der hellgrün gestrichenen Wand stand in weißer Schrift der Lieblingsbibelvers unserer Mutter: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott. Ich helfe dir.“

Mein Herzschlag beschleunigte sich. Ganz automatisch hielt ich Ausschau nach unseren Eltern. Pa war sicher noch auf der Arbeit, aber meine Mutter war eigentlich immer da, wenn Jude aus der Schule nach Hause kam. Und jetzt war es ja schon deutlich später.

„Bist du ganz allein?“ Ich bereute die Worte noch in derselben Sekunde, in der ich sie ausgesprochen hatte.

„Mami ist im Wohnzimmer. Willst du sie sprechen?“

Ich schluckte, setzte zu einer Antwort an und schüttelte dann doch nur den Kopf. Judes Augen wurden traurig. Mit zwölf Jahren war es nicht gerade leicht, wenn die große Schwester sich mit den Eltern zerstritten hatte. „Tut mir wirklich leid, Krümel“, flüsterte ich.

Sie bemühte sich um ein tapferes Lächeln. „Ist schon gut. Kommst du nach Hause irgendwann?“

„Irgendwann.“ Ein schmerzhafter Stich durchzuckte mein Herz. „Ich brauche noch etwas Zeit, okay?“

„Du fehlst mir.“

Ich presste die Lippen aufeinander und hoffte, dass sie nicht erkennen konnte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. „Du fehlst mir auch, Krümel“, presste ich hervor. „Du hast ja keine Ahnung, wie sehr.“

Sie setzte zu einer Antwort an, doch dann schien sie etwas zu hören und drehte den Kopf. Das Handy folgte der Bewegung und ich erhaschte einen Blick auf den Türrahmen, in dem eine Frau Mitte vierzig stand. Eine Frau, die die gleiche Haarfarbe hatte wie ich. Für einen Moment starrte ich meine Mutter an und sie erwiderte meinen Blick. Dann wurde das Display dunkel. Jude hatte den Anruf beendet.

Das Handy glitt mir aus den bebenden Fingern. Ich zog ein Kissen heran, bettete den Kopf darauf und ließ meine Tränen darin versickern, während Benedict Cumberbatch mit dramatischer Geste nach seinem Mantel griff.

3

Wie das Leben so spielt, spielt es Klavier

Beim Aufwachen fiel ich fast von der Couch. Meine Beine hatten sich irgendwie in der im Schlaf herangezogenen Wolldecke verheddert. Blinzelnd sah ich auf die Uhr: kurz vor 7. Das machte dann wie viele Stunden Schlaf? Ziemlich viele vermutlich. Mein Magen knurrte vernehmlich und mein Kopf schmerzte. Seufzend richtete ich mich auf. Meine Augen brannten noch immer vom vielen Weinen und fühlten sich heiß an. Okay – aufstehen, duschen, etwas essen und dann in die Stadt! Heute würde ein guter Tag werden!

Über dem Waschbecken sah mir mein Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Lange Haare, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie braun oder schwarz waren, und deren Spitzen dringend mal wieder geschnitten werden mussten. Graugrüne Augen mit leichten lilafarbenen Ringen darunter, umrahmt von einer Brille mit dickem Rahmen. Die Brille war neu. Ich hatte sie nach dem Tod meiner Oma aus einer spontanen Eingebung heraus gekauft. Keine zwei Tage danach war mir mein Leben um die Ohren geflogen. Trotz neuer Brille.

Eine halbe Stunde und eine heiße Dusche später war mein Kopf sehr viel klarer und mein Magen stinksauer vor Hunger. Ich huschte in die Küche hinunter, die bereits verwaist war, und fragte mich, wie Tante Fiona es immer schaffte, alles so blitzsauber zu hinterlassen. Im Kühlschrank wartete ein großer Becher mit geschnittenem Obst und einem blauen Klebezettel:

Bin im Krankenhaus und heute erst spät zu Hause. Hab einen schönen Tag! Tante Fiona

Freudestrahlend fiel ich über diesen kleinen Liebesbeweis her und nahm es als Zeichen, dass heute ein guter Tag werden würde. Keep your head up dudelte aus dem Radio und unterstütze meine spontan herangezüchtete positive Grundeinstellung. Auf dem Küchentisch lag ein Block mit einer Liste von Läden samt Adressen und gleich daneben stand unter einem Strauß Wiesenblumen ein Tischkalender mit Bibelversen. „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“ leuchtete es mir in türkisenen Buchstaben entgegen. Mein Magen zog sich zusammen. „Verfolgst du mich jetzt?“, brummte ich. „Ich bin gerade wirklich nicht in Stimmung.“ Eine Gänsehaut kroch mir über den Rücken und ich warf einen Blick über die Schulter durch das Fenster in den strahlend blauen Himmel. Die Risse in meinem Herzen ziepten. Ruckartig wandte ich mich ab, schnappte den Zettel vom Block und sprang auf, um mich dem Tag zu stellen.

Vier Läden später war meine Illusion zerstört und mein Selbstbewusstsein nicht länger existent. Mit hängendem Kopf flüchtete ich zu Starbucks und bestellte mir einen riesigen White Mocca Frappuccino. Mit dieser Motivationsbombe bewaffnet schlenderte ich weiter durch die Straßen, spähte in Schaufenster und versuchte mich frei und ungebunden zu fühlen. Aber es klappte nicht. Dann jedoch hörte ich Klaviermusik und folgte neugierig dem Geräusch, bis ich mich in der Straße von gestern wiederfand. Die Musik kam aus dem Gebäude, vor dem dieser Jayden gestern den Bürgersteig gefegt hatte. „Balou“ stand auf dem Schild über den Eingang. Ein Café? Eine Bar?

Unwillkürlich blickte ich mich um, aber die schwarz gekleidete Gestalt von gestern war nirgends zu sehen. Gut. Ich verhielt mich in menschlicher Gegenwart eh wie ein Trottel. Die Musik zog mich weiter an und so steuerte ich auf den Eingang zu. Da ich kein „Geschlossen“-Schild entdecken konnte, machte ich ein paar zögernde Schritte ins Innere. In einer Ecke war ein riesiger Tresen aus dunklem Holz. Die Wände bestanden aus verschieden schattierten Ziegeln und verströmten eine süße Wildheit. Instrumente waren daran befestigt. Gitarren, Geigen, Trompeten, eine Mandoline und sogar ein Cello erkannte ich auf den ersten Blick – und das waren noch nicht alle.

Eine Wendeltreppe führte in der Nähe der Bar zu einer Galerie hinauf. Der Laden hatte entweder doch geschlossen oder war furchtbar schlecht besucht. Die Stühle standen auf den Tischen und der Geruch von Putzmitteln hing in der Luft. Auf dem Tisch, der mir am nächsten stand, lag zudem ein dunkles Handy und ein Buch. Sein Umschlag war ziemlich abgegriffen, aber der Titel ließ sich noch erkennen: Der Herr der Ringe. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Schon wollte die Filmmusik dazu in meinem Kopf aufsteigen, doch das Klavier, das einzig Lebendige in diesem Raum, unterband es. Der Mann, der daran saß, schien ungefähr in meinem Alter zu sein. Seine Haut war tiefschwarz, seine Miene konzentriert. Die Haare waren zu Rastazöpfen geflochten und in einem wilden Knoten auf seinen Kopf drapiert. Er trug ein schlichtes hellblaues Trägershirt – viel mehr konnte ich von ihm nicht erkennen. Aber er spielte wunderschön. Ich lehnte mich an den Türrahmen und hörte ihm zu. Das Lied kannte ich nicht, aber das war völlig egal, denn jeder Ton war pure Magie und verströmte ein Gefühl von Frieden. Ich schloss die Augen und sog es in mich auf.

„Gefällt es dir?“

Ich fuhr so schnell herum, dass mir kurz schwindelig wurde. Jayden stand hinter mir. Riesig groß und wieder ganz in Schwarz.

Beruhigend hob er die Hände. „Wow Snoopy, ganz easy. Ich bin es doch bloß.“

„Schleich dich gefälligst nicht so an mich ran!“, fauchte ich über meinen rasenden Herzschlag hinweg.

Er hob die Brauen. „Ich schleiche? Wer steht denn hier im Schatten rum, hm?“

„Die Tür war auf.“

„Und das ‚Geschlossen‘-Schild gilt dann nicht?“ Sein Lächeln war breit und selbstbewusst.

Ich hob trotzig das Kinn. „Da war keins.“

Er bückte sich und fischte ein Schild vom Boden, das ich tatsächlich übersehen hatte. Hups. „Das Band ist gerissen, ich konnte es nicht aufhängen“, erklärte er seelenruhig. „Ich schätze, ich muss es reparieren.“

„Solltest du vielleicht.“ Oh Mann, Valerie, tu was und steh nicht rum wie ein Depp! „Sorry, ich wollte hier nicht … einfallen.“

„Kein Problem. Es ist schwer Ty zu wiederstehen, wenn er erst mal loslegt.“

Mein Blick wanderte wie magnetisch angezogen zu dem Klavierspieler. „Er ist wirklich gut. Spielt er hier öfter?“

„Nur wenn niemand da ist. Er mag Publikum nicht besonders.“ Jayden betrachtete Ty, der völlig in seine Musik versunken war und uns gar nicht zu bemerken schien. „Eigentlich sollte er mir beim Saubermachen helfen, aber ich bringe es nicht über mich, ihn von den Tasten wegzuholen. Ich würde mir vorkommen wie ein Kätzchenmörder.“ Unwillkürlich lachte ich auf und Jayden grinste mich an. Es veränderte ihn schlagartig. Mit einem Mal konnte ich kaum mehr verstehen, was mir gestern an ihm Angst eingeflößt hatte. „Und was treibst du hier?“, fragte er weiter. Ich zuckte die Achseln. „Ich habe versucht shoppen zu gehen.“

„Du hast es versucht?“ Sein Blick bohrte sich in den meinen und ich fühlte mich wie in einem Karussell, dem jemand plötzlich einen Schubs gegeben hatte. Atme, Valerie, befahl ich mir. Einfach weiteratmen.

Jayden öffnete den Mund, doch ehe er etwas sagen konnte, erklang hinter uns eine tiefe Stimme. „Hey Jay, hör auf zu flirten und hilf mir die Kaschemme hier sauber zu kriegen, ehe ich es mir anders überlege und dich sitzen lasse.“

Mir war gar nicht aufgefallen, dass die Musik aufgehört hatte. Ty war aufgestanden und musterte uns. Er war riesengroß, bestimmt zwei Meter, und hatte durchtrainierte Oberarme, wie jemand der sich regelmäßig im Fitnessstudio aufhielt und irgendwelche Gewichte stemmte. Ich glaubte Misstrauen in seinem Blick zu sehen, obwohl das auf die Entfernung vermutlich Quatsch war.

Jayden seufzte. „Das war mein Stichwort.“

„Ja dann … ähm, viel Spaß euch.“ Ich winkte unbeholfen und machte einen Schritt Richtung Tür.

„Oh ja, Böden schrubben ist wahnsinnig spaßig.“ Jayden wackelte mit den Augenbrauen. „Kann es kaum erwarten.“ Er streckte die Hand aus. „Darf ich?“

Mit roten Wangen, streckte ich ihm die Finger entgegen. Er drückte sie kurz. „Ehm, eigentlich wollte ich deinen leeren Becher wegwerfen. Oder brauchst du den noch zum Festhalten?“

Erde, tu dich auf und verschling mich, bitte! BITTE!

„Tschuldige“, nuschelte ich und reichte ihm mit brennenden Wangen den Becher, ehe ich herumwirbelte und die Flucht ergriff. Sein „Hey Snoopy“, ließ mich noch einmal stocken und einen fragenden Blick über die Schulter werfen. „Heute Abend ist Open Mic Night, das heißt, jeder, der möchte, darf auftreten. Schau doch vorbei. Deine Freigetränke sind noch offen.“

Jayden

Sein Blick wanderte über die Buchseite, aber die Worte drangen nicht bis in sein Gehirn vor. Zum wiederholten Mal blätterte er zum Anfang der Szene zurück, in der Frodo auf Gandalfs Geheiß hin das Auenland verließ, nicht ahnend, dass sich mit dieser Reise alles ändern würde. Eigentlich hatte er sich darauf gefreut, den ersten Teil des Herrn der Ringe noch einmal zu lesen, aber momentan sah es nicht danach aus, als würde ihm das heute gelingen. Seufzend strich er sich die Haare aus dem Gesicht und blätterte vor, um zu sehen, wie viele Seiten das Kapitel noch hatte. Ein Tick, der andere Leute manchmal wahnsinnig aufgeregte.

Plötzlich schnipste jemand neben seinem Ohr unangenehm laut mit den Fingern. „Hey!“

Jayden hob den Kopf und sah seinen besten Freund Ty fragend an. „Hm?“

„Du hast mir kein bisschen zugehört, oder?“ Ty sah ihn prüfend an und schüttelte den Kopf. „Ich fasse es nicht. Hast du nicht mittlerweile alle Bücher auf dieser Welt durchgelesen?“

„Die Duden fehlen mir noch. Ich komme aber einfach nicht darüber hinweg, dass es mit dem Aal nicht weitergeht.“

Tys Augen verengten sich. „Du bist ja so unglaublich witzig.“

Jayden schenkte ihm sein schönstes Lächeln. „Danke.“

Im nächsten Moment trat jemand durch die Eingangstür des Balou ein und Jayden zuckte wie elektrisiert nach oben. Doch als er sah, dass es Tori war, sank er wieder zurück auf seinen Barhocker. Tori winkte kurz zu ihnen herüber und sprach dann weiter in ihr Telefon, während sie mit einer Plastiktüte bewaffnet in Richtung Küche verschwand. Jayden ließ seinen Blick durch den leeren Raum schweifen. Es war noch früh, mit Gästen war der Erfahrung nach erst in etwa einer Stunde zu rechnen. Genug Zeit für sein Buch. Genug Zeit zum Entspannen. Eigentlich.

Es dauerte einen Moment, bis er die Stille bemerkte. Ty hatte aufgehört zu reden und bedachte ihn stattdessen mit einem bohrenden Blick. „Sorry, was hast du gesagt?“, fragte Jayden und fuhr sich über die Augen. Er hatte letzte Nacht nicht viel geschlafen.

„Du bist gar nicht wegen dem Buch abgelenkt“, sagte Ty. „Du denkst an sie.“

Jayden gelang es gerade noch, ein schuldbewusstes Zusammenzucken zu unterdrücken. „Was meinst du?“

„Spiel nicht den Unschuldigen, Jay. Ich kenne dich! Du denkst an dieses Mädchen. Diese Vanessa.“

„Valerie“, verbesserte Jayden ihn und bemerkte im selben Moment, dass er in die Falle getappt war.

„Ha!“ Ty riss triumphierend die Faust nach oben. „Ich wusste es.“

Jayden verdrehte die Augen. „Kindskopf.“ Und wenn schon. Ja, möglicherweise hatte er kurz an das Mädchen gedacht, dem er jetzt schon zwei Mal innerhalb von zwei Tagen begegnet war. Valerie. Bei ihrem ersten Treffen hatte er ihr vor Sorge um Tori zunächst nicht viel Beachtung geschenkt. Doch dann hatte sie diesen Blick gehabt, der zeigte, dass sie sich in dieser Situation zwar gerade sehr unwohl fühlte, aber durchaus bereit war, ihm die Stirn zu bieten. Das hatte ihn neugierig gemacht.

„Jay!“ Dieses Mal begnügte Ty sich nicht mit einem Schnipsen, sondern rammte ihm seine Faust gegen die Schulter.

„Hey“, protestierte Jayden. „Was soll denn das?“ Ty schlug noch einmal zu und Jayden wich zur Seite aus.

„Ich versuche dich wieder zur Vernunft zu bringen.“

„Durch Schläge?“ Jayden blockte den Angriff seines Freundes und schlug zurück. Die Bewegung brachte Erinnerungen mit sich, die er nicht sehen wollte. Wut begann augenblicklich in ihm zu brodeln, er konnte nichts dagegen tun. „Hör auf damit!“

„Warum denn, hm?“ Ty kam näher, umging völlig gelassen Jaydens Deckung und traf erneut. Es waren keine festen Schläge, eher neckend. Doch das machte Jayden nur noch wütender – und Ty wusste das ganz genau! Schließlich was das der Grund für die zahlreichen Stunden, die sie auf den Matten im Fitnessstudio gegeneinander verbracht hatten. Die Wut, die ihn manchmal so fest packte, dass er förmlich blind zu werden schien. Im nächsten Moment spürte Jayden, wie sich etwas heimtückisch hinter seinen Knöchel einhakte und zu Boden riss. Es krachte und der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen, doch wirklich verletzt war nur sein Stolz. Wütend sah er nun zu Ty hoch. „Zufrieden, oh großer Meister?“, blaffte er und unterdrückte den Drang, den Stuhl neben sich zu packen und seinem besten Freund über den Kopf zu ziehen. Atme, befahl er sich selbst. „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit.“ Der Druck in seiner Brust ließ nach, mit jedem Wort, das er sich aufsagte, jedem Atemzug, der die Buchstaben begleitete. Er hatte den Bibelvers vor Jahren entdeckt und nutzte ihn noch immer, um sich in manchen Situationen zu beruhigen. Jayden zog noch einmal tief die Luft ein und rappelte sich dann hoch. „Ja, ich habe an sie gedacht. Und? Ist das ein Verbrechen?“

Ty schüttelte den Kopf. „Jay, du kannst das Mädchen nicht in unseren Sumpf mit hineinziehen. Das ist viel zu gefährlich und das weißt du auch. Vergiss sie! Sonst bringst du sie noch um!“

4

Cranberrys und Katzentatzen

Open Mic Night – anfangs wollte ich nicht hingehen. Aber andererseits hatte ich auch keine Lust auf einen weiteren Abend mit mir und dem Laptop. So sympathisch mir Herr Cumberbatch auch war. Also schlüpfte ich in eine saubere Jeans und meinen schwarzen Lieblingspulli, schnappte mir meinen Rucksack und meinen aktuellen Lieblingsschal – grau mit Punkten – und machte mich auf den Weg. Da Tante Fiona wie angekündigt noch arbeiten war, kam ich ohne Angabe eines Ziels davon. Glück gehabt! Eine Nichte, die sich abends in einer Bar herumtrieb – auch wenn es eine Bar mit Instrumenten an der Wand und einer guten Atmosphäre war –, passte nicht so wirklich zu dem Image meiner Lebensretter-Tante. Vor allem, da es sich bei der Nichte um jemand mit einem leicht labilen Hintergrund handelte.

Ein sanfter Maiwind tanzte durch die Straßen Berlins, trieb die Musik und das Lachen aus den Cafés, Bars und Restaurants vor sich her. Ich stellte fest, dass ich die Stadt am Abend lieber mochte und mit einem Lächeln in die Bahn stieg und durch die Straßen lief. Ohne Handynavi. Weswegen ich mich auch prompt verlief. Ernüchtert und mit den freundlichen Hinweisen einer Dame, die eben ihren Blumenladen abschloss, erreichte ich schließlich das Balou. Musik drang mir entgegen, ein paar Frauen tanzten sogar vor der Bar auf der Straße und vorsichtig schob ich mich an ihnen vorbei. Drinnen war es unglaublich voll. Überall sah ich, wie Menschen lachten, tanzten oder sich unterhielten. Auf der Bühne neben dem Klavier stand ein rothaariges Mädchen im kleinen Schwarzen und sang. Sie sah aus, als wüsste sie, was sie tat. Und sie klang auch so.

„Du bist gekommen!“ Eine kleine Person mit lilafarbenen Haaren stürzte auf mich zu und riss mich mit der Kraft eines Grizzlybären in eine Parfümwolkenumarmung. „Oh du meine Güte, ich bin so froh! Jayden meinte, dass er dich heute Morgen gesehen hat, und ich hab mich so geärgert, dass ich nicht da war, weil ich mich doch bei dir bedanken wollte für du weißt schon was, obwohl du bestimmt sagen wirst, dass es nichts gibt, wofür ich mich bedanken müsste, weil du eine von diesen unfassbar netten Personen bist, die fremde Männer anrempeln und beschimpfen, nur weil sie ein anderes und dir völlig unbekanntes Mädchen umgerannt haben, aber ich sage dir, das war eine unfassbare Heldentat und das Liebste, was jemand jemals für mich gemacht hat, zumindest fast, und darum gehört dir mein unaussprechlich größter Dank!“ Tori – denn niemand anderes war es, die da meine Privatsphäre missachtete und ohne Punkt und Komma auf mich ein quatschte – rückte nun ein Stück ab und sah mich strahlend an. „Aber ich konnte mich ja noch gar nicht richtig vorstellen. Hi, ich bin Tori – so viel weißt du ja schon. Ich liebe Funko Pops, Taylor Swift und Eiscreme und ich bin dir zutiefst dankbar.“ Sie trug ein lockeres rosa Top, auf dem in feinen Lettern „Shake it Off“ stand. Dazu hatte sie einen schwarzen Tüllrock gewählt, der mit kleinen silbernen Punkten übersät war. Es sah aus, als hätte sie sich ein Stück Sternenhimmel umgenäht.

„Äh hi“, erwiderte ich und schüttelte die mir hingestreckte Hand. „Ich habe nicht so wirklich Ahnung, was Funko Pops sind.“

„Angesichts der Tatsache, dass du mich gerettet hast und dass ich mir sicher bin, dich in dieser Hinsicht belehren zu können, bin ich gewillt, dir zu verzeihen“, erwiderte sie großmütig. „Willst du was trinken? Ty macht seine berühmten Margaritas.“ Tatsächlich entdeckte ich den Klavierspieler an der Bar. Er trug jetzt ein eng anliegendes grünes T-Shirt und seine Rastazöpfe fielen ihm offen über den Rücken. Als hätte er meinen Blick gespürt, sah er mich plötzlich zwischen all den Leuten an. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als er die Augen zusammenkniff und mich beinahe wütend anschaute. Ich zuckte unwillkürlich zurück. Was hatte ich ihm denn getan? Passte ich nicht zur Kundschaft? Doch die anderen Leute um mich herum waren alle in meinem Alter und sichtlich entspannt. Vielleicht spürte er die Aura des Wahnsinns um mich herum. Ich schluckte und verkroch mich in meinen Schal. Nur nicht auffallen, Valerie. Und nur nicht verrückt wirken.

„Hey.“ Tori schnipste vor meinem Gesicht mit den Fingern. „Erde an Supergirl.“

„Mh, was?“

„Ich habe gefragt, ob du was trinken willst. Und was du in Berlin machst. Du bist doch nicht von hier.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte ich verdutzt.

„Ich bitte dich.“ Tori lachte auf. „Das sieht man doch. Alles an dir schreit ‚Hilfe, ich bin ein Touri!‘.“

„Selbst ohne Käppi und große Kamera?“

Tori hob unschuldig die Schultern. „Ich bin halt ein Profi. Und als Profi merke ich auch, wenn du versuchst abzulenken.“

Ich überlegte verzweifelt, wie ich mich aus der Affäre ziehen konnte, denn meine derzeitigen Aufenthaltsgründe in dieser Stadt waren nicht gerade mein Lieblingsthema. Da kam mir ausgerechnet Taylor Swift zu Hilfe und zwar in Form der ersten Takte aus Love Story.

„Oha, ich liebe dieses Lied!“, jauchzte Tori und fasste meine Hand. „Taylor ist die Beste! Kommst du mit hoch, es singen?“

Ich starrte sie an, als hätte sie mir vorgeschlagen, spontan auf dem Mars Cocktails trinken zu gehen. „Nichts auf dieser Welt kriegt mich auf diese Bühne!“

„Darauf komme ich zurück“, prophezeite sie grinsend und wirbelte dann als lila Blitz durch die Menge. Glück gehabt. Ich suchte mir einen ruhigeren Platz an der hinteren Wand und beobachtete, wie Tori auf der Bühne mit dem Schlagzeuger tuschelte, ehe sie das Mikro eroberte. „Hallo Berlin, ich bin Tori und das hier ist mein absoluter Lieblingssong. Hoch die Feuerzeuge!“

Ich grinste und wünschte mir ein Knicklicht, das ich schwenken konnte. Toris Stimme war rau und süß, wie brauner Zucker, der sich erst kratzig anfühlt und dann langsam auf der Zunge zergeht.

„Sie ist gut, nicht wahr?“, sagte jemand dicht an meinem Ohr.

Ich zuckte so heftig zusammen, dass ich mir fast auf die Zunge gebissen hätte, und wirbelte zu Jayden herum. Denn niemand anders hatte sich da wieder mal an mich angeschlichen. Böse funkelte ich ihn an. „Du musst das echt lassen!“

„’tschuldige“, er hob die Hände und lächelte zerknirscht. „War keine Absicht. Kann ich dir was zu trinken anbieten? Ty macht …“

„Exzellente Margaritas, ich hörte davon.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube, ich verzichte heute mal auf Alkohol.“

„Darauf sind wir vorbereitet.“ Er winkte mir, ihm zu folgen, und bahnte sich einen Weg Richtung Theke. Immer wieder streckte jemand die Hand aus und klopfte ihm auf die Schulter oder sprach ihn an. Jayden lächelte und schien beinahe jeden Gast persönlich zu kennen und zu begrüßen. Ich fühlte mich unter den neugierigen Blicken nicht sehr wohl und hielt meinen Blick fürs Erste auf seinem Rücken gerichtet. Ich war so damit beschäftigt, dass ich fast in Jayden reinkrachte, als er vor unserem Ziel anhielt. Schlitternd wich ich zur Seite aus und geriet prompt ins Taumeln. Amüsiert sah Jayden auf mich hinunter. „Alles klar bei dir?“

Himmel, war der Kerl groß! „Ja, sicher“, nuschelte ich und wünschte mich nach Hause zu Sherlock Holmes und seinen Problemen.

„Also, was willst du trinken?“ Jayden deutete auf die ganzen Flaschen, die dekorativ einsortiert in Hängeregalen dastanden. Ich blinzelte. Steckte da zwischen den Flaschen nicht das zerfledderte grüne Buch von gestern? So, als wäre es hastig beiseitegelegt worden. Ich stellte mir Jayden vor, wie er in die letzten Seiten vertieft hinter der Theke gestanden hatte und plötzlich aufschreckt war, als die ersten Gäste kamen. Das Bild gefiel mir.

Jayden begann derweil die Getränkekarte runterzurasseln. „Eistee, Cola, Saft … – Ty!“ Der riesige Barkeeper kam zu uns herüber und nickte Jayden zu. „Die Lady braucht etwas zu trinken.“

„Ich denke, da kann ich weiterhelfen.“ Ty sah mich an. Sein Blick war neutral. Nicht feindselig, aber auch ohne jede Spur von Freundlichkeit. „Was hättest du gerne?“

„Mh, irgendwas mit Cranberrys habt ihr wahrscheinlich nicht, oder?“

Der Blick aus seinen dunklen Augen hätte selbst Goliaths großen Bruder in die Knie gezwungen. Stumm drehte er sich um und verschwand durch eine unscheinbare Tür hinter der Bar. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern. „Er mag mich nicht.“

„Du hast gezweifelt“, tadelte Jayden mich.

„Was?“ Ich verstand nur Bahnhof.

„Du hast an ihm gezweifelt. Ihm unterstellt, dass er keine Cranberrys hat. Das mag er nicht.“ Jayden hob die Schultern. „Er ist da ziemlich sensibel.“

„Oh.“ Eine Erwiderung, mit der ich womöglich alles noch schlimmer gemacht hätte, wurde mir erspart, als Ty zurückkam. In der Hand hatte er ein riesiges Glas mit dunkelroter Flüssigkeit und Eiswürfeln, das er nun geschickt mit Limettenscheiben garnierte.

„Virgin Cranberry Margarita. Bitteschön.“ Er stellte das Glas vor mir auf den Tresen.

Behutsam griff ich nach dem Glas und trank einen vorsichtigen Schluck. Süß und sauer explodierte es förmlich auf meinen Geschmacksnerven und ich nickte ihm anerkennend zu. „Das schmeckt großartig!“

Ein Lächeln schlich sich auf Tys Lippen und machte sein Gesicht ein bisschen weicher. Er tippte sich mit zwei Fingern grüßend an die Schläfe, dann wandte er sich dem nächsten Gast zu. Jayden winkte mich derweil zu einem Tisch mit hohen Stühlen nicht weit von der Theke entfernt und mit einem guten Blick auf die Bühne. Lässig stützte er die Ellenbogen darauf. „Also Snoopy, was treibt dich nach Berlin?“

Ich fragte mich, ob ich ihn bitten sollte, diesen Spitznamen nicht zu benutzen, entschied mich aber dagegen und fragte stattdessen: „Wer sagt, dass ich neu hier bin?“

„Ist nur ein Gefühl.“

„Tori hat fast das Gleiche gesagt.“ Ich sah zu der Bühne hinüber, auf der mittlerweile keine Tori mehr zu sehen war. Sie war irgendwo von der Menge verschluckt worden.

„Und dabei ist ihre Menschenkenntnis fürchterlich schlecht.“

Mein Blick wanderte zurück zu Jayden. „Wegen diesem Typen?“ Jayden nickte. Mein Blick fiel auf den Cocktail, den ich nicht bezahlt hatte. „Ähm, bist du eigentlich sicher, dass du mir ein Freigetränk spendieren willst?“

Jayden nickte. „Klar! Auch mehr als eins, schließlich hast du Tori geholfen. Du hast was gut bei mir.“ Es klang, als wäre das etwas Bedeutsames. Etwa so wertvoll wie ein Bündnis mit dem Secret Service.

Mit roten Wangen fummelte ich an einer der Limettenscheiben herum, bis sie in das Glas platschte und feine Spritzer auf den Tisch malte. Die Art, wie er mich ansah, machte mich nervös. Da war etwas in seinem Blick, dass ich nicht einordnen konnte. Es fühlte sich fast so an, als wollte er direkt in mich hineinsehen, aber das wollte ich keinesfalls.

Ich sah, wie das rothaarige Mädchen, das bei meinem Eintreffen auf der Bühne gestanden hatte, aufreizend langsam an Jayden vorbeiging, doch der löste den Blick nicht von mir. Nervös zog ich meine Unterlippe zwischen die Zähne und hörte gleich die Stimme meiner Mutter, die mich ermahnte, das bloß sein zu lassen.

„Hey ihr.“ Tori tauchte aus der Menge auf und hüpfte neben mir auf einen Barhocker. „Was geht ab?“

„Hey Tori.“ Jayden küsste sie flüchtig auf die Wange. „Gute Arbeit da oben.“

„Ich hoffe, der Bassist bleibt uns länger erhalten, er groovt so schön.“

„Ich werde ihn für dich an die Bühne fesseln.“

Während die beiden redeten, ließ ich meine Blicke schweifen und bewunderte die Instrumente an der Wand, bis Tori mich anstupste. „Worüber denkst du nach?“

„Die Deko – die ist ziemlich … außergewöhnlich.“

„Hörst du, Jayden? Außergewöhnlich“, wiederholte Tori mit einem undeutbaren Unterton.

„Immerhin sagt sie nicht ‚verrückt‘“, erwiderte Jayden achselzuckend. „Das ist doch was.“

„Warum die ganzen Instrumente an der Wand?“, fragte ich und sah mich betont aufmerksam um. „Hast du keine Angst, dass sie jemand stiehlt? Es sind ein paar gute dabei.“

„Niemand würde von Jayden stehlen“, warf Tori ein. „Das ist quasi gegen das Gesetz.“

„Das ist Stehlen meistens“, erwiderte Jayden trocken.

Tori verdrehte die Augen. „Gut, dann gegen den Kodex. Den Balou- Kodex.“

Neugierig sah ich Tori an. „Es gibt einen Balou-Kodex?“

„Na klar. Ins Balou darf jeder kommen, solange er sich benimmt. Schlägereien oder Provokation sind nicht geduldet. Die Mädchen sind hier sicher. Auf den Klos wird nicht gefixt und in den dunklen Ecken nicht gedealt. Das ist der Balou-Kodex.“

„Und weiß das der Typ da vorne auch?“, fragte ich, während ich beobachtete, wie ein junger Kerl mit Hut und Bart eine Mandoline von der Wand nahm.

„Ist schon gut, Snoopy. Entspann dich.“ Jayden legte mir eine Hand auf die Schulter. „Dafür sind die Instrumente da.“

Ich sah ihn verwirrt an. „Um gestohlen zu werden?“

„Er stiehlt es nicht.“ Jayden nickte zur Bühne hinüber. „Schau.“

Der Hutmann kletterte tatsächlich auf die Bühne sprach mit der Band, ehe er ans Mikro trat. „Hey.“ Er hatte eine viel tiefere Stimme, als ich gedacht hätte, und sie zitterte leicht vor Nervosität. „Lasst euch nicht stören, ich wollte euch nur kurz meinen neuen Song vorstellen.“ Damit setzte er sich unter ermutigendem Applaus auf den bereitstehenden Hocker und begann zu spielen. Und wie er spielen konnte!

Ich bemerkte erst, dass meine Kinnlade heruntergeklappt war, als Tori sie sanft zuschob. „Du sabberst, Süße.“

Ertappt wischte ich mir über das Kinn und funkelte sie an. „Gar nicht.“ Tori und Jayden lachten beide und ich hob ergeben die Hände. „Okay, okay, also das hier ist keine normale Bar, ich hab’s kapiert.“

„Richtig.“ Tori strich sich die Haare zurück. „Die Instrumente sind nicht nur Deko, sie werden regelmäßig von unseren Gästen benutzt. Jeder, der möchte, darf darauf spielen. Sie werden gepflegt, gestimmt, all dieses Zeugs eben. Es ist eine lebendige Deko, wenn du so willst.“

„Wow.“ Mein Blick glitt über die Wand. „Und wo kommen die alle her? Das muss doch irre viel Geld gekostet haben.“

„Der Schuppen gehörte früher mal einem Musiker-Duo, ein Musikprofessor und ein Sänger. Beide hatten gute Kontakte. Viele der Instrumente sind ausrangierte Sachen von Bands, Spenden, der kleinste Teil ist wirklich selber gekauft.“

„Irre. Und das alles gehört dir?“, fragte ich Jayden, nur um sicherzugehen.

„Entspreche ich nicht deinen Vorstellungen eines Barbesitzers?“, fragte der belustigt. „Was fehlt mir? Das fleckige Unterhemd?“

„Und der Rauschebart“, stimmte ich zu. „Und dazu noch so 15 bis 20 Jahre Weisheit.“

„Ich bin die Definition von Weisheit, Snoopy.“ Jayden sah mir so tief in die Augen, dass ich mich unwillkürlich am Tisch festklammerte, weil der ganze Raum zusammenzuschrumpfen schien. Große Güte, was hatte der Typ nur an sich?

„Und du?“, fragte ich Tori und stolperte fast über meine Worte. „Was tust du hier?“

„Singen“, erwiderte sie mit einem Lächeln, das mich an eine zufriedene Katze erinnerte, der man eine Schale voll Sahne anbot. „Jayden nerven. Mit Ty Kicker spielen. Dinge. Aus Gründen.“

„Ah“, machte ich nicht sehr intelligent und nippte erneut an meinem Cocktail. „Cool.“