Wechselgeld für einen Kuss - Ruth Gogoll - E-Book

Wechselgeld für einen Kuss E-Book

Ruth Gogoll

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Beschreibung

Lian Lorenz, geheimnisvoll und unverschämt, tritt in Nicolas Leben wie ein plötzlicher Blitzschlag. Sie erinnert Nicola so sehr an ihre letzte Freundin, mit der sie keine guten Erfahrungen gemacht hat, dass sie zuerst nichts mit Lian zu tun haben will. Doch Lian kann nicht nur an Fassaden hochklettern, um Nicolas Schlüssel aus deren Wohnung zu holen, sie schleicht sich auch langsam in Nicolas Herz, obwohl Nicola sich mit aller Macht dagegen zu wehren versucht. Auch, weil ein Geheimnis um Lian zu schweben scheint, das Nicola nicht lösen kann. Wer ist Lian eigentlich? Und wird es eine Zukunft für sie geben, wenn Nicola das herausfindet?

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ruth Gogoll

Wechselgeld für einen Kuss

Roman

© 2020édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-317-3

Coverfoto:

1

»Was für ein Mist!« Nicola suchte in den Tiefen ihrer Handtasche herum und wurde immer ungeduldiger. Und das hier an der ALDI-Kasse! Gerade eben hatte sie doch noch einen Zehner gehabt. Und mehr brauchte sie auch gar nicht. Nur diesen Zehner. Aber auf einmal war er verschwunden. Sie hatte ihn vorhin doch hier reingesteckt . . .

»Kommt da jetzt noch was, junge Frau?« Die Kassiererin schaute sie grimmig an. »Da warten nämlich noch mehr Leute.«

»Ja. Ja, ich weiß.« Unbehaglich fühlte Nicola Wärme in ihre Wangen steigen. Wie peinlich konnte es eigentlich noch werden?

»Kann ich Ihnen aushelfen?« Ein Arm schob sich an ihr vorbei und legte einen Fünfziger auf das Band, auf dem Nicolas wenige Einkäufe immer noch darauf harrten, bezahlt zu werden.

Bevor Nicola überhaupt etwas sagen konnte, hatte die Kassiererin sich den Schein schon gegrabscht und das Wechselgeld herausgegeben. Nicolas Einkäufe landeten mit fulminantem Schwung auf der anderen Seite des Bandes, in der Grube zum Einpacken.

»He, wie kommen Sie dazu –?« Nun endlich protestierte Nicola, aber als sie die Person, die ihr den Fünfziger geliehen hatte, anpflaumen wollte, blieb ihr die Luft weg. Wie sah die denn aus? Strahlende blaue Augen und darüber dunkle lockige Haare. Wie ein junger weiblicher George Clooney.

›George‹ bemerkte ihre Reaktion, und ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Sie können es mir ja zurückgeben«, sagte sie. »Aber hier bei ALDI fühle ich mich immer, als würde jemand mit einer Peitsche hinter mir stehen, weil man sich so beeilen muss. Ich hasse das.«

»Ja, ähm . . .« Nicola schluckte. »Ich auch.« Sie fühlte ein sanftes Kribbeln in sich. »Furchtbar. So viele Leute.«

»Tja.« ›George‹ grinste. »Wie wäre es denn, wenn wir irgendwo hingehen, wo weniger Leute sind?«

Das Kribbeln in Nicola verstärkte sich. Aber auf einmal kehrte ihre natürliche Mutwilligkeit zurück. »Schon meine Mami hat mir immer gesagt, ich soll nicht mit Fremden mitgehen«, erwiderte sie spitz.

»Dann stelle ich mich wohl besser vor, damit ich Ihnen nicht mehr fremd bin«, entgegnete ›George‹ lachend, während sie nebeneinander den ALDI verließen. »Lian Lorenz.« Sie machte eine leichte Verbeugung, als sie ihren Namen nannte.

Das beeindruckte Nicola aber in keiner Weise. Wofür hielt diese Lian – ungewöhnlicher Name irgendwie, was sollte der eigentlich bedeuten? – sich? »Und jetzt wollen Sie meinen?«, pflaumte sie sie deshalb erneut an.

»Wäre nett«, sagte Lian. »Aber Sie müssen nicht.«

Oh mein Gott. Diese blauen Augen. Wenn die nur nicht gewesen wären . . . »Nicola«, entgegnete sie. »Das muss reichen.«

Ein amüsiertes Schmunzeln spielte um Lians Lippen. »Reicht«, sagte sie. »Fürs Erste.«

»Was meinen Sie damit: fürs Erste?«, fauchte Nicola fast. Diese Frau brachte sie einfach dazu. Sie war unmöglich. Oder vielleicht ärgerte sie, Nicola, sich auch nur darüber, dass sie ihr laut pochendes Herz einfach nicht zur Ruhe zwingen konnte.

»Nun ja, Sie schulden mir«, Lian schaute auf den Zettel in ihrer Hand, »neun Euro dreiundachtzig. Wollen Sie die etwa nicht zurückzahlen?«

Jetzt hätte Nicola ihr endgültig ins Gesicht springen können. »Ach, deshalb haben Sie mir das Geld geliehen!«, blaffte sie Lian an. »Machen Sie das immer so? An der ALDI-Kasse warten, bis eine Frau kein Geld dabeihat und Sie galant einspringen können?« Das galant betonte sie so abschätzig, dass klar war, dass sie das Gegenteil meinte.

Erneut zuckten Lians Mundwinkel. »Ich bin eigentlich eher selten bei ALDI«, antwortete sie. »Das war mehr ein Zufall heute.«

»Schöner Zufall!« Nicola hievte die Tasche mit ihren Einkäufen in den Korb am Lenker ihres Fahrrads. »Sie können viel behaupten, wenn der Tag lang ist!« Aufgebracht öffnete sie das Schloss, zog es ab und warf es ebenfalls in den Korb.

Als sie schon aufsteigen wollte, fragte Lian mit einem süffisanten Unterton in der Stimme: »Und was ist jetzt mit meinen neun Euro dreiundachtzig?«

Verdammt! Nicola ärgerte sich erneut, dass sie das vor lauter Ärger schon fast vergessen hatte. Und noch mehr ärgerte sie sich, dass sie ihr Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Sonst hätte sie jetzt einfach irgendwo an einem Geldautomaten Geld ziehen können. »Ich kann Ihnen das Geld in einem Umschlag schicken, wenn Sie mir Ihre Adresse geben.« Hochmütig hob sie das Kinn, als wäre das eine Gnade, die sie dieser dahergelaufenen Frau erwies.

»Oh nein. Auf so etwas lasse ich mich nicht ein.« Lian Lorenz lachte. »Sie fahren doch jetzt bestimmt nach Hause. Und da Sie mit dem Fahrrad unterwegs sind, nehme ich einmal an, das ist hier in der Nähe. Also werde ich einfach mitkommen, und dort können Sie mir das Geld dann geben.« Sie lachte erneut und ließ Münzen in ihrer Hand klimpern. »Das Wechselgeld habe ich ja noch. Nur falls Sie es zu Hause nicht klein haben.«

Fast hätte Nicola ihre Kiefer durchgebissen, so presste sie sie aufeinander. »Wofür halten Sie sich eigentlich? Meinen Sie, ich lasse einfach so jede x-beliebige Fremde in meine Wohnung?«

»Sie müssen mich ja nicht reinlassen.« Lian grinste. »Ich warte gern vor der Tür, während Sie das Geld holen.«

Wenn sie jetzt nicht endgültig explodieren wollte, musste Nicola aufsteigen und losfahren. »Dann kommen Sie eben mit«, knurrte sie ungnädig. »Wie, ist mir egal.« Und schon stieß sie dermaßen in die Pedale, dass sie über den Parkplatz davonschoss.

Ob diese Lian irgendein Fahrzeug hatte oder ihr hinterherlaufen musste, das war ihr so was von völlig schnuppe. In der Tat hätte sie sie am liebsten neben oder hinter sich herkeuchen sehen, aber davon war nichts zu hören.

Ein Stück vom Parkplatz entfernt bemerkte sie plötzlich, dass ein Auto sehr nah an sie heranfuhr, neben sie, nicht an ihr vorbei.

»Sie sind schnell.« Lian lachte.

Unwillkürlich warf Nicola einen Blick neben sich. Ein Cabrio! Das war ja wohl kaum zu glauben! Und dann machte sie so einen Aufstand wegen neun Euro dreiundachtzig? Das konnten doch nur Peanuts für sie sein. »Nicht schnell genug«, gab sie mit zusammengepressten Lippen zurück.

»Aber, aber.« Erneut klang Lians Lachen aus den Tiefen der beigen Lederpolster. »Sie wollten doch nicht tatsächlich die Zeche prellen?«

Das Cabrio in british racing green war so niedrig, dass Nicola von oben wie in einen Brunnen hineinschauen konnte. Schickes Teil. Und irgendwie passte diese Lian auch dazu. Oder umgekehrt das Auto zu ihr.

Wieso kaufte die bei ALDI ein? Nicola hätte sie eher in einem Delikatessenladen gesehen.

»Davon war nie die Rede!« Warum habe ich meine Einkäufe nicht einfach dortgelassen? Schon wieder ärgerte Nicola sich. Das hier hätte sie sich gern erspart. Aber wer hatte das ahnen können? So schlimm hatte Lian-George gar nicht ausgesehen.

Sie bog in die nächste Seitenstraße ein, und Lian folgte ihr. Das zweite Haus auf der rechten Seite war das, in dem Nicolas Wohnung lag. Sie sprang vom Fahrrad, lehnte es an die Wand und nahm ihre Einkäufe aus dem Korb.

»Ich brauche mein Rad wohl nicht abzuschließen, bis ich zurückkomme«, warf sie beißend in das Cabrio hinein. »Sie sind ja da, um aufzupassen.«

Erneut lachte Lian, und es klang so amüsiert, dass das allein schon eine Beleidigung war. »Ich werde jeden Dieb mit wilden Dschungelschreien verscheuchen«, versprach sie völlig unernst.

Wahrscheinlich wird sie es ihm noch in die Hand drücken, weil sie das so lustig findet, dachte Nicola, aber sie wollte diese Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen, und deshalb sprang sie fast zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf.

In ihrer Wohnung angekommen stellte sie die Einkäufe auf den Küchentisch – und da lag ja auch ihr Portemonnaie. Wie praktisch. Sie rollte über sich selbst die Augen. Schnell nahm sie einen Zehner heraus und raste wieder zur Tür, die Treppe hinunter und zum Haus hinaus.

»Hier!« Ruckartig streckte sie den Schein mit einem steifen Arm in das Cabrio hinein und versuchte, den Blick in Lians amüsiertes Gesicht zu vermeiden. »Den Rest können Sie behalten!«

»Wie großzügig.« Lian grinste und nahm den Schein entgegen. »Ich will Sie aber auf keinen Fall übervorteilen.« Sie öffnete die Mittelkonsole und nahm das Wechselgeld heraus. »Ich habe es ja schon passend da.«

Unwillig warf Nicola den Kopf in den Nacken. »Benzingeld«, gab sie knapp zurück. »Weil Sie mir ja folgen mussten.« Sie verweigerte die Annahme des Wechselgelds, indem sie sich auf dem Absatz umdrehte und hocherhobenen Hauptes zum Haus zurückmarschierte. »Oh nein!« Entsetzt starrte sie auf die geschlossene Tür.

Und unvermeidlich – wie konnte es anders sein? – stand auch schon Lian neben ihr. »Schlüssel vergessen?«, fragte sie mit einem verdächtig süßen Tonfall in der Stimme.

»Nein, überhaupt nicht!« Gleich bekam Nicola endgültig einen Wutanfall. »Wie kommen Sie darauf?«

»Na ja, Sie stehen hier vor der Tür, Ihr Fahrrad steht noch hier, Sie schließen es nicht ab, schieben es nicht hinein und gehen selbst auch nicht rein«, bemerkte Lian trocken. »Da könnte man doch vermuten –«

»Haben Sie sonst nichts zu tun als zu vermuten, Sie . . . Sie Sherlock Holmes?«, schrie Nicola sie beinah an. Sie konnte sich gerade noch so beherrschen, dass ihre Stimme sich nicht überschlug. »Schwingen Sie sich doch endlich in Ihr schickes Halbauto und verschwinden Sie!«

»Sie finden es schick?« Völlig unbeeindruckt drehte Lian sich kurz zu ihrem Cabrio um, das da ganz unschuldig am Straßenrand stand. »Es gefällt Ihnen?«

»Was . . . hat . . . das . . . für . . . eine . . . Bedeutung?« Nicolas Nägel bohrten sich in ihre Handflächen, und sie bekam die Wörter kaum heraus. In ihrem Hals bildete sich ein furchtbarer Kloß. Wenn der Schrei herauskam, würde man sie gleich in die Psychiatrie einweisen. Der würde die ganze Straße erschüttern.

»Na ja, ich freue mich, wenn es Ihnen gefällt.« Lian grinste wieder. »Wenigstens etwas, das Ihnen an mir gefällt. Alles andere scheinen Sie ja nicht zu mögen.«

»Wundert Sie das?« Nicola atmete tief ein und aus, um sich wieder in den Griff zu bekommen.

Darauf antwortete Lian nicht, sondern ließ ihren Blick über die Fassade schweifen. »Kann Sie denn nicht irgendjemand reinlassen?«, erkundigte sie sich. »Das sind doch mehrere Wohnungen.«

»Hier unten zur Haustür schon.« Nicola versuchte, sich ganz normal zu verhalten, obwohl es ihr schwerfiel und einiges abverlangte. Aber vor dieser . . . Person wollte sie sich keine Blöße geben. Das hätte noch gefehlt! »Nur meine Wohnungstür . . .«

»Keine Nachbarin, die einen Schlüssel hat?«, fragte Lian pragmatisch.

»Leider nein.« Nicola zuckte die Schultern. »Ich wohne hier noch nicht so lange.«

Lian nickte. »Balkon?« Erneut schweifte ihr Blick über die Fassade, als würde sie nach einem solchen suchen, obwohl hier nichts davon zu sehen war. »Hat Ihre Wohnung einen?«

»J-Ja schon . . .« Erstaunt blickte Nicola sie an. »Aber die Wohnung ist im zweiten Stock. Da kann man nicht so einfach hochspringen.«

»Zeigen Sie mir Ihren Balkon?« Lian hob fragend die Augenbrauen und wies mit dem Arm um die Ecke. »Hinter dem Haus?«

»Das hat doch keinen Sinn.« Trotzig verschränkte Nicola die Arme. »Was nützt Ihnen ein Balkon im zweiten Stock? Sie wollen nur genau wissen, wo ich wohne.«

Lian trat einen Schritt vor und schaute auf das Klingelbrett. »Es gibt zwei Namen hier im zweiten Stock«, stellte sie fest. »Einer davon muss Ihrer sein. Also weiß ich doch im Prinzip schon, wo Sie wohnen.«

Dem konnte Nicola schlecht widersprechen. »Na gut, wenn Sie unbedingt wollen.« Sie seufzte. »Ist ja sowieso schon alles egal. Muss ich wieder den Schlüsseldienst holen. Und das wird teuer.«

»Wieder?«, hakte Lian schmunzelnd nach. »Sie haben sich hier schon einmal ausgesperrt?«

»Nicht hier.« Widerspenstig presste Nicola die Lippen zusammen. »Aber Schlüsseldienste sind überall teuer.«

»Dann wäre es vielleicht gut, wenn wir versuchen würden, diese Ausgabe zu vermeiden«, sagte Lian und ging mit nach oben gerichtetem Blick langsam um die Ecke herum, auf die sie zuvor gezeigt hatte.

Nicola sah sie hinterm Haus verschwinden und kam sich wie ein Kind vor, das jemand einfach so stehengelassen hatte. Was bildete sich diese komische Cabriofahrerin eigentlich ein? Sie fühlte sich gereizt und nervös und hätte am liebsten auf etwas eingeschlagen. Vielleicht stellte Lian sich ja zur Verfügung.

Entschlossen stapfte sie ihr hinterher, blieb vor der hinteren Fassade des Hauses stehen und wies mit einem Arm nach oben. »Da. Das ist mein Balkon.« Ihre Augen blitzten Lian an. »Nun haben Sie ihn gesehen und können hoffentlich abdampfen. Oder wollen Sie noch hierbleiben, bis der Schlüsseldienst kommt, weil Sie das so genießen?«

»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte Lian, betrachtete die Balkone kurz, nahm Anlauf und sprang an das Geländer des Balkons im Erdgeschoss, hangelte sich hoch, stieg auf das Geländer, sprang noch einmal, hievte sich auf den Balkon im ersten Stock und wiederholte das dann für den zweiten.

Die Balkontür hatte Nicola zwar nicht offengelassen, aber das Küchenfenster, das ebenfalls auf den Balkon hinauszeigte.

»Ich steige durchs Fenster«, rief Lian ihr da auch schon vom Balkon herunter zu. »Gehen Sie zur Haustür!«

»Das hättest du mir nicht sagen müssen, das weiß ich selbst«, grummelte Nicola. »Besserwisserin.«

Aber sie ging nach vorn, und im nächsten Moment öffnete sich die Tür, und Lian stand vor ihr. »Bitte sehr«, flötete sie mit einem breiten Grinsen fast und hielt Nicola ihre Schlüssel hin. »Und jetzt nicht wieder verlieren.«

Sie lachte, ging an Nicola vorbei, schwang sich ohne die Türen zu öffnen in ihr Cabrio und glitt davon.

2

»Was für eine Kratzbürste!« Lian lachte, während der Fahrtwind durch ihre kurzen Haare fuhr, ihre Locken verwirbelte und ihre Kopfhaut kribbeln ließ.

Sie liebte Herausforderungen, und dazu gehörten auch Frauen, die nicht leicht zu kriegen waren. Was gab es Langweiligeres als eine Frau, die eine vom ersten Moment an anschmachtete? Das hatte sie oft genug erlebt. Das brachte überhaupt nichts. Na ja, für eine Nacht vielleicht.

Aber diese Nicola . . . die hatte schon was. Sie war so zickig, wie eine Frau nur sein konnte, und trotzdem hatte Lian gleich zu Anfang das Interesse in ihren Augen gesehen. Es war nur kurz aufgeblitzt, weil die Wut, die Nicola offensichtlich in sich trug, es gleich wieder zurückgedrängt hatte, aber Lian entging so etwas nicht.

Warum sollte sie es nicht versuchen? Im Moment hatte sie ja Zeit, in den nächsten Wochen hatte sie nichts anderes zu tun, da konnte sie sich auch um diese Nicola kümmern. Das war auf jeden Fall spannender, als nur irgendwo herumzusitzen – und wenn es in der Südsee war – und zu relaxen.

Sie ließ ihren Blick an der Straße entlangschweifen, die sie gemütlich entlangcruiste, und entdeckte nach kurzer Zeit einen Blumenladen. Welche Frau mochte keine Blumen? Selbst so eine wie Nicola Harnoncourt – die Klingelschilder waren wirklich sehr nützlich gewesen, was den Namen betraf – konnte dem Charme eines Blumenstraußes gewiss nicht so einfach widerstehen.

Sie betrat den Laden, und er erschien zuerst einmal leer. Dann kam eine Frau mit einer grünen Schürze von hinten nach vorn. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Können Sie mir einen Strauß zusammenstellen, der ein Frauenherz zum Schmelzen bringt?«, fragte Lian.

Die Floristin blickte sie irritiert an.

Lian lachte. »Keine roten Rosen, bitte. Das wäre zu banal. Sie ist eine . . . ganz besondere Frau.«

Endlich hatte die Floristin ihre erste Überraschung überwunden. »Ihre Frau?«, fragte sie.

»Leider nein«, erwiderte Lian schmunzelnd. »Aber was nicht ist, kann ja noch werden.«

Nachdenklich betrachtete die Blumenfachfrau die verschiedenen Vasen, die das Angebot ihres Geschäfts enthielten. »Blaue Iris vielleicht«, sagte sie. Sie schaute Lian fragend an. »Mag sie Blau?«

Lian zuckte die Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Habe sie eben erst kennengelernt.«

»Oh.« Das warf die Floristin offensichtlich in ihrer Planung zurück. »Blaue Iris bedeuten Ich stehe mit meinem ganzen Sein zu dir. Dafür ist es dann vielleicht noch etwas früh.«

Amüsiert lachte Lian auf. »Ja, ich glaube, da muss ich noch etwas Geduld haben.« Sie schüttelte zweifelnd den Kopf. »Obwohl das wirklich nicht meine starke Seite ist.«

»Geduld«, nahm die Blumenhändlerin den Faden auf. »Das wären Veilchen.«

»Veilchen?« Ein lautes Lachen verließ Lians Lippen. »Ich soll ihr Veilchen schicken?«

»Sie sollen gar nichts.« Die Floristin hob die Hände. »War nur ein Vorschlag.« Etwas bedauernd lächelte sie. »Die Blumensprache ist ja auch aus der Mode. Die versteht heute niemand mehr.«

Kurz überlegte Lian. Dann fühlte sie, wie ihre Mundwinkel zu zucken begannen. »Doch, sie wird es verstehen«, sagte sie. Sie amüsierte sich köstlich bei dem Gedanken. »Veilchen sind auf jeden Fall keine roten Rosen. Die sie garantiert von jeder anderen bekommen hat und bekommen würde.«

Die Blumenhändlerin fühlte sich für eine Entscheidung in dieser Hinsicht offensichtlich nicht zuständig und wartete einfach ab, was Lian als Nächstes sagen würde.

»Gut«, sagte Lian. »Veilchen. Kann man daraus überhaupt einen Strauß machen?«

Nun zuckten die Mundwinkel der Floristin fast genauso wie Lians zuvor. »Ich kann aus allem einen Strauß machen«, versprach sie selbstbewusst.

Lian nickte. »Dann tun Sie das doch, bitte. Und dann schicken Sie die Veilchen«, sie musste erneut lachen bei der Vorstellung, wie Nicolas Gesicht aussehen würde, wenn sie diesen Strauß bekam, »an diese Adresse hier.«

Sie griff nach einem Werbeprospekt, suchte eine unbedruckte Stelle und schrieb Nicolas Namen und Adresse darauf. Außerdem zog sie eine Grußkarte aus dem Ständer vor der Verkaufstheke und schrieb darauf: Erwarten Sie mich heute Abend. Ich komme über den Balkon. Das Ganze verzierte sie mit zwei ineinander verschlungenen großen Ls.

Es fiel ihr wirklich schwer, ihre zuckenden Mundwinkel zu beherrschen, als sie der hilfreichen Blumenfrau die Karte überreichte. »Und was macht das jetzt alles zusammen?«

Die Floristin nannte ihr den Preis, Lian bezahlte, verabschiedete sich und verließ das Geschäft.

Kaum glitt die Glastür hinter ihr zu, spitzte sie die Lippen und begann gutgelaunt zu pfeifen, während sie erwartungsvoll vor sich hinlächelte.

Das versprach ein interessanter Urlaub zu werden.

3

Nicola kochte innerlich schon seit zwei Stunden, es brodelte förmlich in ihr, und die Blasen schlugen immer höher, seit sie diesen . . . Blumenstrauß – sie gab ein abschätziges Geräusch von sich, als sie das Wort nur dachte – bekommen hatte. Und diese Karte . . .

Am liebsten hätte sie irgendetwas an die Wand geworfen. Aber ehrlich gesagt war sie nicht sehr mit weltlichen Gütern gesegnet, und sie brauchte alles, was sie hatte. Und dann noch für diese . . . Lian. Nein, das war die Frau nicht wert. Wütend biss sie die Zähne zusammen.

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Nicola überlegte, ob sie überhaupt öffnen sollte. Lian hatte gesagt, sie wollte über den Balkon kommen – weshalb Nicola sowohl die Tür als auch das Fenster verriegelt hatte –, also konnte sie es nicht sein. Sie hätte dann wohl eher ans Küchenfenster oder die Balkontür geklopft. Zumindest hätte Nicola sie gehört, wenn sie sich heraufschwang. Und sonst kannte sie noch niemanden so richtig in dieser Stadt oder in diesem Haus.

Es klingelte noch einmal, und diesmal wurde das Klingeln von einer Stimme begleitet. »Frau Harnoncourt? Sind Sie da? Könnte ich mir von Ihnen ein bisschen Zucker leihen?«

Das war eine Nachbarin, die sie bereits kennengelernt hatte. Nicola biss sich auf die Unterlippe. Normalerweise hatte sie nicht viele Vorräte, das konnte sie sich gar nicht leisten, aber Zucker konnte man nun einmal nur in relativ großen Packungen kaufen, und sie hatte genügend übrig, um ihrer Nachbarin etwas davon abzugeben.

Allerdings hatte Nicola den Verdacht, dass der Zucker lediglich ein Vorwand war. Auch wenn sie noch nicht lange hier wohnte, aber diese Nachbarin wusste eigentlich alles, was im Haus vor sich ging, das hatte Nicola schon mitbekommen.

Merkwürdigerweise fand Nicola sie trotzdem nicht unsympathisch. Diese begeisterte Ehefrau und Mutter hatte trotz ihrer offensichtlichen Neugier, die sie auch gar nicht versteckte, etwas Erfrischendes. Also öffnete Nicola ihr.

»Guten Abend, Frau Schindler«, begrüßte sie sie zwar immer noch leicht genervt, aber trotzdem durchaus freundlich. Seltsamerweise hatte Frau Schindler so eine beruhigende Ausstrahlung, dass sie selbst Nicola alle aufmüpfigen Gedanken vergessen ließ, die sonst sehr schnell in ihr aufloderten. »Wie viel Zucker brauchen Sie denn?«

»Vierzig Gramm.« Frau Schindler lächelte. »Stellen Sie sich vor, ich will Pudding machen als Nachtisch, mache das Päckchen auf, und dann erst sehe ich, dass ich keinen Zucker mehr habe. Nun steht alles fast fertig da, die Milch hat schon gekocht, alle warten auf den Pudding, und ich . . .«, sie lachte, »bin mal wieder eine schlechte Hausfrau.« Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. »Das ist aber nichts Neues, deshalb stört es mich auch gar nicht. Mein Mann und meine Kinder sind sowieso daran gewöhnt.« Ihre Augen strahlten, als hätte sie gerade eine höchst erfreuliche Erfolgsgeschichte erzählt.

Ganz gegen ihren Willen und ganz sicher entgegen ihrer Stimmung in den letzten Stunden musste auch Nicola lachen. »Ich hole Ihnen schnell den Zucker. Warten Sie kurz.«

Sie lief rasch in die Küche, griff sich eine Tasse, schüttete den Zucker hinein und brachte die Tasse wieder zur Tür.

Dort hätte sie sie allerdings fast fallengelassen.

Frau Schindlers strahlende Augen richteten sich vor der Wohnungstür nämlich gerade auf eine große Frau, die neben ihr stand. »So sportlich möchte ich auch mal sein«, verkündete sie seufzend und warf einen entsagungsvollen Blick auf Nicola, der dann wieder zu Lian zurückschwenkte. »Wie Sie da an den Balkonen hinaufgeklettert sind . . .«

Natürlich hatte sie das mitbekommen, dachte Nicola. Konnte ja auch gar nicht anders sein.

»Gut, dass Sie keine Einbrecherin sind«, fuhr Frau Schindler fort. Plötzlich stutzte sie und zog die Stirn kraus. »Sind Sie doch nicht, oder?«, fragte sie etwas verunsichert nach.

»Nein, bin ich nicht«, erwiderte Lian lächelnd.

Und schon lachte Frau Schindler wieder. »Na, dann bin ich ja beruhigt. Sonst hätte ich jetzt immer darauf achten müssen, alles abzuschließen, und ich bin doch so furchtbar schusselig.« Sie griff nach der Tasse, die Nicola immer noch in der Hand hielt. »Darf ich? Meine Kinder haben sich so auf den Pudding gefreut.« Sie zwinkerte erst Nicola und dann auch Lian zu. »Und besonders mein Mann. Er ist eigentlich das größte Leckermaul von allen.«

Auch wenn man ihr ansah, dass sie gern noch geblieben wäre, um mehr über Nicola zu erfahren und vielleicht als spezielles Leckerchen sogar auch noch über Lian, verabschiedete sie sich nun mit der Tasse in der Hand in den ersten Stock hinunter, wo sie wohnte. Auf der Treppe drehte sie sich allerdings noch einmal sehnsuchtsvoll um, als ob es ihr wirklich schwerfiele. Doch dann überwand sie sich und lief eilig die Stufen hinab.

Diesen kurzen Übergang nutzte Nicola, um sich an den Ärger zu erinnern, der sie stundenlang in Aufregung versetzt hatte, und sie fühlte ihn sofort wieder in sich hochsteigen, bis das brodelnde Gefühl zurückkehrte. »Ich dachte, Sie wollten über den Balkon kommen?«, keifte sie Lian an.

Lian zuckte die Schultern. »Tja, das wollte ich, aber das letzte Mal war ich dafür noch passender gekleidet.« Sie lachte und wies auf den eleganten Abendanzug, den sie trug. »Nun bin ich es leider nicht mehr.« Etwas spöttisch verzog sie einen Mundwinkel. »James Bond würde natürlich trotzdem an der Fassade hochklettern und hätte hinterher kein Stäubchen auf dem Anzug, aber leider bin ich nicht James Bond. Deshalb wollte ich das meinem Anzug nicht antun.« Sie schmunzelte.

»Zweifellos sind Sie nicht James Bond«, schnappte Nicola. »Und selbst wenn Sie es wären . . . Als Bond-Girl bin ich nicht geeignet.« Mit einem abweisenden Gesichtsausdruck verschränkte sie die Arme vor der Brust.

»Das habe ich auch in keiner Weise angenommen«, erwiderte Lian galant. »Dafür sind Sie viel zu intelligent.«

Diese Bemerkung nahm Nicola ein wenig den Wind aus den Segeln. »Ähm . . . ja«, konnte sie fast nur stottern, was sie maßlos ärgerte. »Kommen Sie rein.« Sie trat zurück, ließ die Wohnungstür offen und ging durch die kleine Diele in das große Zimmer voraus, das gleichzeitig Aufenthaltsraum, Schlafzimmer und Küche war. Die Küchenzeile war ein wenig abgeteilt, und ihr Bett stand in einer Art Nische, aber das war auch alles, was es an Unterteilung gab.

Warum tue ich das jetzt? dachte sie. Warum lasse ich sie nicht einfach draußen stehen und schlage ihr die Tür vor der Nase zu? Plötzlich musste sie innerlich schmunzeln. Damit sie dann doch noch über den Balkon kommt?

Kurz stellte sie sich vor, wie die Nachbarn dann die Feuerwehr rufen würden, weil sie alle Einstiegsmöglichkeiten verriegelt hatte und Lian wie ein Klammeraffe an der Fassade hing. Aber das würde sie natürlich nicht. Sie würde vermutlich ganz elegant und James-Bond-mäßig hinunterklettern. Genauso elegant, wie sie gerade in ihrem Anzug vor Nicola stand.

»Ich war nicht ganz sicher, ob Sie mir überhaupt öffnen würden«, sagte sie jetzt und zeigte beim Lächeln ihre ebenmäßigen weißen Zähne.

Ob die überkront sind? dachte Nicola. Solche Zähne konnte doch kein Mensch von Natur aus haben. »Hätte ich auch nicht«, gab sie gereizt zurück. »Aber meine Nachbarin wollte sich Zucker leihen.«

»Da habe ich aber Glück gehabt.« Lians Lächeln hätte wirklich aus der Zahnpastawerbung stammen können.

Vielleicht war sie das auch, ein Model für Werbung, ging es Nicola durch den Sinn. Gut genug dafür sah sie auf jeden Fall aus. »Haben Sie«, bestätigte sie knapp. »Und was wollen Sie jetzt aus diesem Glück machen?«

Mit einem suchenden Blick schaute Lian sich um. »Veilchen mögen Sie wohl nicht?«

Nicola hatte die Veilchen in der Küche stehenlassen, sie wusste nicht, warum. Sie hätte sie natürlich auch in den Mülleimer werfen können, so wütend, wie diese Geste sie gemacht hatte, aber irgendetwas hatte sie davon abgehalten. Vielleicht hatte sie es einfach nur den armen, unschuldigen Blümchen, die ja schließlich nichts für die Unverschämtheit der Frau konnten, von der sie kamen, nicht antun wollen oder können.

»Etwas anderes war Ihnen wohl zu teuer?«, fauchte sie Lian an. »Hat das Benzingeld, das ich Ihnen gegeben hatte, nicht gereicht?«

»Siebzehn Cent?« Lian lachte. »Aber zu Ihrem Temperament passen Veilchen wirklich nicht. Das hätte ich bedenken sollen.«

»Hätten Sie vielleicht«, stimmte Nicola grimmig zu. »Oder Sie hätten gleich darauf verzichten sollen, mir Blumen zu schicken, welcher Art auch immer. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?« Ihre Augen blitzten Lian an. »Sie haben sich doch nicht etwa irgendetwas davon versprochen?«

Lian hob die Augenbrauen. »Sollte ich das?« Amüsiert schüttelte sie den Kopf. »Ein Abendessen vielleicht?«, fragte sie. »In einem Restaurant Ihrer Wahl?«

Das trockene Auflachen, das sich Nicolas Kehle entrang, endete in einem Nicken. »Ja, sicher«, sagte sie. »Ich weiß schon, wie Sie sich das vorstellen. Erst essen, dann zu Ihnen nach Hause. Und dann muss ich das Abendessen abarbeiten, nicht wahr?«

»Ts, ts, ts.« Lian bewegte einen Finger wie tadelnd durch die Luft. »Was haben Sie nur für eine schmutzige Phantasie. Ich esse gern gut, Sie nicht? Und das tut man im Allgemeinen in einem Restaurant.«

»Wenn man nicht zu Hause kocht«, blaffte Nicola zurück. »Weil man sich Restaurants nicht leisten kann.«

»Okay . . .«, erwiderte Lian gedehnt, legte leicht den Kopf schief und betrachtete Nicola kurz. »Dann essen wir eben zu Hause.« Blitzartig griff sie nach Nicolas Taille, zog sie in ihre Arme und küsste sie. »Wenn du es so willst«, fügte sie hinzu, als sie Nicola losließ und wieder einen Schritt zurücktrat.

Nicola war von dem Kuss so überrascht worden, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte, die sie jetzt wieder ausstieß. »Du bist . . . Du bist wirklich . . .« Sie fand keine Worte. »Unverschämt ist gar kein Ausdruck für dich.«

»Vielleicht finden wir zusammen noch einen anderen«, erwiderte Lian lässig und lächelte sie mit einer Harmlosigkeit an, als wäre gar nichts geschehen. »Im Restaurant. Ich habe nämlich wirklich Hunger.«

»Wenn du denkst, dass ich jetzt mit dir in ein Restaurant gehe . . .« Nicola verschränkte die Arme vor der Brust und blies die Backen auf.

»Ich denke«, sagte Lian langsam und sehr freundlich, »dass du doch auch Hunger haben musst. Ich sehe nämlich nicht, dass du gekocht hast.« Sie blickte kurz auf die Küchenzeile. »Also was spricht dagegen, dass wir zusammen essen gehen?« Mit einer harmlosen Geste zuckte sie die Schultern. »Jeder muss essen. Und offensichtlich sollten wir das beide jetzt tun, weil es unseren Bedürfnissen entspricht.«

»Bedürfnissen!« Nicola lachte abschätzig auf. »Deine Bedürfnisse sehe ich!«

Lian grinste. »Es gibt noch andere Bedürfnisse als essen, das ist wahr. Und wenn ich eine Frau wie dich sehe, kann ich auch nicht verhindern, daran zu denken –«

»Denken!«, unterbrach Nicola sie empört. »War das eben Denken bei dir? Das nenne ich aber ganz anders!«

»Ich musste doch wissen, ob es sich lohnt.« Lians Grinsen war ein Ausdruck äußerster Amüsiertheit.

»Ob es sich . . .«, Nicola schnappte nach Luft, »lohnt? Was soll das denn heißen?«

»Nun ja, ich hatte so einen Verdacht«, sagte Lian, »aber genau wissen konnte ich es natürlich nicht.«

»Verdacht?« Nicola runzelte die Stirn. »Was für einen –« Sie brach ab. »Ach so. Ob ich auf Frauen stehe, meinst du«, fuhr sie dann mit einem genervten Augenrollen fort.

Nickend bestätigte Lian diese Vermutung. »Es spielt zwar keine so große Rolle, weil auch viele Frauen, die mit Männern zusammen sind oder sein wollen, einem Abenteuer mit einer Frau nicht abgeneigt sind, aber ehrlich gesagt«, sie seufzte geradezu entsagungsvoll, »hatte ich darauf im Moment keine Lust.«

»Ach, du Arme.« Gespielt bedauernd blickte Nicola sie an. »Haben sie dir so wehgetan, die bösen Heterofrauen?«

Lian lachte. »So weit lasse ich es nicht kommen. Aber eine Frau, die wirklich weiß, was sie will, ist mir schon lieber.« Fragend hob sie die Augenbrauen. »Tatsächlich gar keinen Hunger?«

Obwohl Nicola das eigentlich keiner Antwort würdigen wollte, knurrte in diesem Augenblick ihr Magen. Verräter! dachte sie.

Doch Lian hätte sich nun fast ausgeschüttet vor Lachen. Dann riss sie sich zusammen und blickte nur noch belustigt. »Es ist gegen deine eigenen Interessen«, sagte sie. »Aber ich will dir da trotzdem nicht reinreden.«

»Wie rücksichtsvoll von dir.« Nicola verzog das Gesicht. »Ich habe noch eine Tiefkühlpizza im Eisfach. Das reicht mir.«

»Nur eine?«, hakte Lian nach.

»Nur eine.« Nicolas Augenbrauen zogen sich zusammen. »Ich kann mir keine Vorräte leisten für Besuch, den ich gar nicht erwartet habe. Geschweige denn eingeladen.«

Etwas ratlos hob Lian eine Hand. »Sieh mal, ich bin dir doch sowieso noch eine Entschädigung schuldig. Willst du das Essen nicht als Entschuldigung annehmen? Und einen schönen Abend?«

»Na.« Nicola blickte sie schräg von der Seite an. »Das bezweifle ich mit dem schönen Abend. Wir waren ja schon übereingekommen, dass du ganz etwas anderes willst.«

»Und das wäre kein schöner Abend?« Gespielt enttäuscht schaute Lian sie an. »Ich bin am Boden zerstört. Bisher hatte ich eigentlich keine Klagen in der Beziehung.«

Nicolas Mundwinkel zuckten. Kann ich mir vorstellen, dachte sie, aber sie sagte es nicht laut. Denn in ihrem Inneren meldete sich doch das eine oder andere Teufelchen, das sie davon zu überzeugen versuchte, Lians bisher angeblich nicht in Frage gestellte Vorzüge auszuprobieren. Schließlich war sie jetzt wieder Single und hatte das Recht dazu.

»Na gut«, sagte sie. »Lass uns essen gehen. Mehr aber auch nicht.«

»Wie Sie befehlen, Madame.« Lian verbeugte sich spöttisch. »Ich werde meine tiefempfundenen Gefühle für dich in den Keller verbannen.«

»Ha! Tiefempfundene Gefühle!« Höhnisch lachte Nicola auf. »Du weißt doch gar nicht, was das ist. Alles, woran dir liegt, ist dein Vergnügen.«

»Wie gut du mich kennst«, sagte Lian und grinste wieder.

»Dich vielleicht nicht.« Kurz ließ Nicola ihren Blick über sie schweifen. »Aber Frauen wie dich. Und davon habe ich genug.«

»Ach, wirklich?« Interessiert hob Lian die Augenbrauen. »Wie wäre es, wenn du mir beim Essen davon erzählst?« Sie hob ihren Arm angewinkelt an, als wollte sie Nicola einladen, sich dort einzuhaken.

»Bevor ich das kann – falls ich es überhaupt tue –, muss ich mich aber erst noch umziehen«, sagte sie. »Denn so, wie ich jetzt bin, kann ich ja wohl kaum gehen.« Etwas selbstkritisch schaute sie an dem Jogginganzug hinunter, den sie aus Bequemlichkeitsgründen zu Hause trug, und lachte leicht. »Vor allem nicht, wenn du hier im Abendanzug ankommst.« Mit einem Arm wies sie zur Tür. »Und da ich nur ein Zimmer habe, musst du leider draußen warten.«

»Wie schade.« Lians Lippen zuckten. »Ich liebe Vorspeisen. Da kann man sich so richtig auf das Hauptgericht freuen.«

»Raus«, sagte Nicola und streckte ihren Arm noch weiter aus. »Sonst bekommst du weder Vorspeise noch Hauptgericht.«

»Schon gut.« Lian hob die Hände, aber mit einem Gesichtsausdruck, als machte ihr das alles großen Spaß. »Bin schon draußen.« Sie ging zur Wohnungstür und ließ sie tatsächlich hinter sich zuschnappen.

Nicola durchsuchte das Wenige, das ihr Kleiderschrank hergab, und entschied sich dann für ein Kleid, das sie schon lange nicht mehr getragen hatte. Es entsprach nicht der neuesten Mode, aber sie hatte es immer gemocht. Und es passte gut zu ihren blonden Haaren. Außerdem hatte sie die passenden Schuhe dazu. Was man nicht von vielem in ihrem Kleiderschrank sagen konnte.

Sie ging unter die Dusche – Lian konnte ruhig warten, und wenn sie das nicht konnte, war Nicola ihr nicht wichtig genug – und zog sich danach sorgfältig an, bis ihr ihr eigenes Spiegelbild gefiel.

Sie wusste, es würde auch Lian gefallen, aber darum ging es nicht.

Sie würden nur essen gehen, sonst nichts.

4

»Ihr Zucker, Frau Harnoncourt.« Es schien, als hätte Frau Schindler auf der Treppe auf sie gewartet, als Nicola von der Arbeit kam.

Sie lächelte müde. »Das wäre nicht so eilig gewesen.«

»Doch, doch.« Frau Schindler hielt die Tasse in die Höhe, die Nicola ihr gegeben hatte. »So etwas vergisst man leicht, wenn man zu lange wartet.«

Nicola schloss ihre Wohnungstür auf, hatte aber keine Hand mehr frei, die Tasse zu nehmen. Etwas umständlich versuchte sie, die Sachen, die sie trug, neu zu verteilen, da sagte Frau Schindler schon: »Kommen Sie. Ich helfe Ihnen«, nahm ihr eine Tüte ab und marschierte ihr wie selbstverständlich in die Wohnung voraus.

Und wenn ich jetzt nicht aufgeräumt hätte? dachte Nicola noch, aber es war zu spät, um Frau Schindler von irgendetwas abzuhalten, so oder so.

Glücklicherweise hatte Nicola zwar eine chaotische Ader, aber es störte sie, wenn Sachen herumlagen. Vor allem, seit sie nur noch einen einzigen Raum hatte. Das hatte ihren Ordnungssinn sehr beflügelt. Wenn es keine Schlafzimmertür oder Küchentür gab, die man einfach zumachen konnte . . .

Sie war sich sicher, dass Frau Schindler nur ihre Neugier befriedigen wollte. Auf jeden Fall war es klar, warum sie alles, was in diesem Haus vor sich ging, wusste. Sie hatte keinerlei Berührungsängste.

»So«, sagte sie jetzt mit einem so strahlenden Lächeln, als ob sie – im Gegensatz zu Nicola – einen herrlichen Tag gehabt hätte. »Das wär’s.« Sie hatte die Tüte auf dem Boden abgestellt und die Tasse mit dem Zucker nach einiger Überlegung neben die Veilchen, die in der kleinen Vase standen. »Die sind aber hübsch«, sagte sie. »Aus dem Garten?«

Wenn es einen Preis für eine erfolgreiche Überrumpelungstaktik gab, Frau Schindler hätte ihn bekommen. Nicola öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann wieder und erwiderte beim zweiten Versuch: »Ja, von meiner Mutter.« Ihre Mutter hätte sich sehr über diese Aussage gewundert, da sie sich schon seit einiger Zeit nicht gesehen hatten und sie auch gar keinen Garten besaß, aber sie war ja nicht da.

Statt sich wieder zu verabschieden, legte Frau Schindler etwas besorgt den Kopf zur Seite und sah Nicola an. »Sie sehen müde aus. Richtig erschöpft. Haben Sie überhaupt schon gegessen?«

Tatsächlich müde schüttelte Nicola den Kopf. »Nein, aber ich habe noch eine Tiefkühlpizza –«

Weiter kam sie nicht.

»Tiefkühlpizza!« Frau Schindler schlug nicht nur bildlich, sondern gleich richtig die Hände über dem Kopf zusammen. »Das kann man doch nicht essen!«

»Na ja, man kann schon . . .«, setzte Nicola an, aber wieder kam sie nicht weit.

»Nein, nein, nein!« Wild entschlossen schüttelte Frau Schindler den Kopf. Dann warf sie kurz forschend einen Blick auf Nicolas Tüten. »Ist da irgendetwas Gefrorenes drin oder etwas, das in den Kühlschrank muss?«

»Ähm, nein«, antwortete Nicola verwirrt.

»Dann kommen Sie mit zu mir«, beschloss Frau Schindler daraufhin, nahm sie am Arm und schob sie zu ihrer eigenen Wohnungstür hinaus. »Ich habe genug Essen für eine ganze Armee, meine Familie hat mich heute im Stich gelassen, weil mein Mann mit den Kindern zum Sport gegangen ist, und es ist noch so viel vom Abendessen übrig, dass ich Sie schmale Person davon sicherlich satt kriege.« Sie lachte ziemlich zufrieden. Es ging doch nichts über einen gut gefüllten Kühlschrank.

Obwohl Nicola sich darauf gefreut hatte, endlich die Beine hochlegen zu können, hatte sie Frau Schindlers Energie nichts entgegenzusetzen und ließ sich fast willenlos von ihr die Treppe hinunter in die Schindlersche Wohnung schieben.

»Übrigens, ich heiße Marlies«, verkündete sie fröhlich, als sie Nicola am Küchentisch auf einem Stuhl versorgt hatte. »Und wie heißt du?«

Kaum etwas von dem allen hatte Nicola so richtig mitbekommen, und sie war auch viel zu erschöpft, um darüber nachzudenken, dass Frau Schindler sie mit einem eleganten Schwung vom Sie ins Du befördert hatte, also antwortete sie fast mechanisch: »Nicola.«

»Schön, Nicola, dass wir uns mal ein bisschen näher kennenlernen.« Geschäftig holte Marlies Schindler Töpfe aus dem Kühlschrank, stellte sie auf den Herd und schaltete ihn an. Hier in dieser Wohnung, die auf der linken Seite des Treppenhauses lag, gab es mehrere Räume, nicht nur einen. Und selbstverständlich eine separate Küche. Die Einzimmerwohnungen waren alle auf der rechten Seite, wie Nicolas. »Du musst ja einen furchtbar anstrengenden Beruf haben, wenn du so fix und fertig nach Hause kommst.«

»Verkäuferin«, sagte Nicola. »Etwas anderes habe ich so schnell nicht bekommen.«

»Den ganzen Tag auf den Beinen, oh je«, bedauerte Marlies sie sofort. »Willst du die Beine hochlegen?« Sie zog einen zweiten Stuhl zu Nicola heran, wartete ihre Antwort gar nicht erst ab, sondern griff an ihre Knöchel und platzierte ihre Unterschenkel auf der Sitzfläche des Stuhls. Gleichzeitig schaffte sie es jedoch mühelos, einfach weiterzureden. »Du bist also gar nicht Verkäuferin von Beruf?«

»Doch, schon«, sagte Nicola. »Das habe ich ursprünglich mal gelernt, aber zuletzt habe ich im Büro gearbeitet.« Die Erinnerung daran ließ einen dunklen Schatten über ihr Gesicht huschen.

»Dann trink jetzt erst mal einen Kaffee.« Wie eine fliegende Kellnerin hatte Marlies schon eine Tasse vor Nicola platziert. »Ich trinke immer welchen nach dem Abendessen. Manche Leute können ja nicht schlafen, wenn sie abends noch Kaffee trinken, aber ich schlafe wie ein Murmeltier, selbst wenn ich kurz vor dem Zubettgehen noch Kaffee trinke. Macht mir gar nichts«, verkündete sie strahlend.

Nicola hatte große Probleme, sich überhaupt auf irgendetwas zu konzentrieren. Marlies brachte sie völlig durcheinander. Hatte sie sie jetzt etwas gefragt? Musste sie antworten?

»Milch und Zucker?«, fragte Marlies in diesem Augenblick, als hätte sie Nicolas Gedanken gelesen. »Hab ja wieder welchen.« Sie lachte.

»Milch«, sagte Nicola. »Kein Zucker.«

Und schon stand die Milch neben ihr. »Nimm dir, wie viel du magst«, bot Marlies an, ging wieder zum Herd und kümmerte sich um die Töpfe, in denen sie die Sachen, die sie zuvor im Kühlschrank aufgehoben hatte, nun aufwärmte.

Fast wie ein Roboter goss Nicola Milch in die Tasse, rührte um und nahm einen Schluck. »Puh, stark«, stellte sie fest und setzte die Tasse wieder auf den Unterteller zurück.

»Was nützt es, Kaffee zu trinken, wenn er nicht stark ist?«, lachte Marlies. »Dann ist es doch nur gefärbtes Wasser.«

Nicola nickte müde. »Wahrscheinlich hast du recht.«

»Natürlich habe ich recht.« Daran schien für Marlies kein Zweifel zu bestehen. Ein Teller landete vor Nicolas Nase. »So, musste ja nur aufgewärmt werden.« Endlich setzte Marlies sich Nicola gegenüber. Eine Kaffeetasse hatte bereits auf dem Tisch gestanden. Es sah so aus, als stände sie den ganzen Tag da und würde immer nur nachgefüllt. »Nun iss erst mal. Essen hält Leib und Seele zusammen.« Sie musterte Nicola kritisch. »Und du bist viel zu dünn.«

Gemessen an Marlies Schindlers etwas rundlichen Formen war Nicola das tatsächlich. Aber auch ansonsten. Sie hatte in letzter Zeit sehr abgenommen, obwohl sie noch nie dick gewesen war. Deshalb sah sie jetzt aus wie jemand, der fast schon übertrieben auf seine Figur achtete, auch wenn sie das noch nie getan hatte.

Um zu essen, musste Nicola die Beine zwar wieder von dem Stuhl nehmen, auf dem Marlies sie abgelegt hatte, aber sie merkte, dass selbst diese paar Minuten des Hochlegens ihr gutgetan hatten. Ihre Füße taten nicht mehr so weh. Und obwohl sie das nicht gedacht hätte, hatten die leckeren Düfte, die durch Marlies’ Küche zogen, doch ihren Appetit geweckt. Zuvor hatte sie das Gefühl gehabt, sie wäre zu müde zum Essen. Wahrscheinlich wäre die Tiefkühlpizza auch heute im Kühlfach geblieben.

Aber nach dem Essen gestern . . . da hatte sie gedacht, sie müsste überhaupt nie wieder essen. Das war sehr üppig gewesen. Viel üppiger, als sie es sonst gewöhnt war. Lian hatte sich nicht lumpen lassen.

Lian . . . Fast hätte Nicola verwirrt den Kopf geschüttelt. Es war gestern Abend wirklich bei dem Essen geblieben. Lian hatte nicht einmal den Versuch gemacht, sie noch einmal zu küssen.

Sie wusste zwar nicht, wie sie darauf reagiert hätte, aber dass Lian sich wie der perfekte Gentleman verabschiedet hatte, ohne auch nur einen Versuch zu starten, noch einmal in Nicolas Wohnung zu kommen, brachte sie völlig aus dem Konzept. Sie hätte sich vorstellen können – und sie hatte sich fast schon darauf vorbereitet gehabt –, Lian einen Vortrag zu halten, dass sie keine Frau war, die mit jeder gleich am ersten Abend ins Bett hüpfte, aber dass das gar nicht nötig gewesen war, hatte sie doch etwas ratlos zurückgelassen.

»Schmeckt’s nicht?«, fragte Marlies auf Hausfrauenart enttäuscht. »Ich weiß, es ist nur Eintopf . . .«

»Nein, nein.« Schnell nahm Nicola den Löffel, den Marlies ihr hingelegt hatte, und begann zu essen. »Sehr lecker«, gab sie gleich darauf das erwartete Urteil ab, aber es stimmte auch. Marlies konnte wirklich gut kochen, sie musste nicht lügen.

»Wenn du das nicht magst, hätte ich auch noch Grießpudding.« Lachend wies Marlies auf den zweiten Topf. »Ich habe viel zu viel gemacht. Irgendwie habe ich es nicht so mit Mengen, obwohl ich das nach all den Jahren ja eigentlich wissen sollte. Ich habe immer Angst, ich kriege meine Rasselbande nicht satt.«

Mittlerweile hatte Nicola die Hälfte ihres Tellers geleert, und es schmeckte ihr immer besser. »Es ist schön, wenn man nach Hause kommt und nicht erst noch kochen muss«, sagte sie lächelnd. »Vor allem nach so einem anstrengenden Tag.«

»Das glaube ich dir.« Marlies schaute sie mitfühlend an. »Die Kunden sind manchmal schlimm, oder?« Sie lachte wieder. »Ich weiß, dass ich manchmal schlimm bin. Es gibt einfach viel zu viele Sachen zur Auswahl. Ich kann mich nie entscheiden. Und alles kaufen kann man ja nicht.«

Marlies brachte Nicola zum Lachen, und dafür war sie ihr genauso dankbar wie für das Essen.

»Na ja, manche können das«, sagte sie immer noch ein wenig lächelnd. »Ich arbeite in einer sehr exklusiven Boutique. Meistens kaufen die Leute da nicht mehr als ein Teil auf einmal. Allerdings gibt es auch welche«, sie seufzte, »die sich da austoben, als wären die Sachen im Sonderangebot auf einem Wühltisch.«

»So viel Geld möchte ich mal haben!« Marlies lachte.

»Ich auch.« Nicolas Gesichtsausdruck wurde etwas starr. »Aber man kann eben nicht alles haben.«

»Stimmt auch wieder.« Marlies sah so aus, als würde sie ernsthaft über dieses Rätsel nachdenken. Aber ein anderes beschäftigte sie anscheinend noch mehr. »War diese große Frau, die gestern die Fassade hochgeklettert ist, eine Kollegin von dir?«

Wenn Nicola nicht so müde gewesen wäre, hätte sie sich schon längst gewundert, wann diese Frage – oder eine andere in der Art – kommen würde. Vielleicht hatte Marlies sie auch hauptsächlich deshalb eingeladen. »Nein«, sagte sie. »Keine Kollegin. Nur eine . . . Bekannte.«

Sie musste wirklich darüber nachdenken. Was war Lian eigentlich? Sie hatten gestern einen richtig schönen Abend miteinander verbracht, wie Lian es versprochen hatte. Aber warum? Was bezweckte Lian damit?

»Na, du hast ja vielleicht Bekannte!«, lachte Marlies. »Ich habe noch nie jemanden getroffen, der einfach so eine Fassade raufklettern kann.«

»Ich auch nicht«, sagte Nicola. »Lian ist –« Sie brach ab.

»Lian?« Marlies runzelte die Stirn. »Ist das ihr Name? Habe ich noch nie gehört.«

Nicola zuckte die Schultern. »Es gibt ja immer so Moden . . . Vielleicht gab es da mal eine Phase. Wie Kevin bei den Jungs.«

»Nein, kann mich nicht erinnern«, sagte Marlies. »Wir haben ja öfter mal nach Kindernamen gesucht. Immerhin habe ich drei.« Sie lachte. »Was ist sie denn von Beruf?«, schoss sie gleich die nächste Frage ab und hob neugierig die Augenbrauen. »Hat das vielleicht irgendwas mit Bergklettern zu tun oder so?«

»So gut kenne ich sie nicht.« Wenn das so weiterging, konnte sie bei jeder Frage nur die Schultern zucken, dachte Nicola.

»Schlecht verdienen kann sie jedenfalls nicht«, meinte Marlies mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck, als ob sie jetzt in Gedanken alle gutbezahlten Berufe durchginge, um einen zu finden, der zu Lian passte. »Der Wagen, den sie fährt, ist nicht ganz billig.«

»Woher weißt du –?« Nicola unterbrach sich selbst. »Ach ja, natürlich.«

»Sie hat dich doch gestern Abend abgeholt«, gab Marlies da auch schon die Antwort. »Zuerst hatte ich ja nicht vorn rausgeguckt, hab sie erst gesehen, als sie hier hochgeklettert ist, aber als sie dann abends wiederkam . . . so schick angezogen . . .«

»Ja, wir sind essen gegangen.« So müde, wie sie war, war Nicola ein leichtes Opfer für so eine Befragung. »Aber ich habe sie erst gestern kennengelernt, und weil ich meinen Schlüssel in der Wohnung liegengelassen hatte, hat sie mir geholfen.« Sie verschwieg, dass das schon das zweite Mal gewesen war gestern, denn sie wollte sich bei Marlies nicht gleich als der Schussel vom Dienst einführen. »Deshalb kenne ich sie nicht besonders gut.«

»Du kannst einen Schlüssel bei mir lassen«, bot Marlies sofort an. »Falls das noch mal passiert. Ist doch immer wieder mal möglich.«