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In ihren Kindheitsträumen reist Christina Weber durch fremde Länder und träumt davon deren Einwohner und Sprachen kennenzulernen. Schon bald geht ihr das Erwachsenwerden in einer Gesellschaft, die geprägt ist von alten Mustern und rückständigen Denkweisen zu langsam. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und Abenteuern wächst zusehends in dem jungen Mädchen. Mit noch nicht einmal 20 heiratet sie einen Mann, den sie erst sechs Monate kennt und bricht mit ihm in die Ferne auf. Afrika, Asien - sie sieht ihre Träume als verwirklicht an. Doch das Schicksal legt ihr Steine in den Weg. Sie muss erfahren, dass ein Leben voller Abenteuer auch seine Schattenseiten hat. Wird es ausreichen "zum Glück begabt zu sein", wie die Autorin von sich selbst glaubt? Mit kuriosen, dramatischen, aber auch heiteren und versöhnenden Episoden nimmt Christina Weber den Leser mit auf ihre eigene Zeitreise durch ein turbulentes, nicht alltägliches Leben mit ihrer Familie einmal rund um die Welt.
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Seitenzahl: 557
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Christina Weber, Jahrgang 1954, lebte mit ihrem Mann und den beiden Söhnen vierzehn Jahre im Auftrag der Firma Siemens im Ausland. Sie spricht mehrere Sprachen und startete nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland im Alter von 42 Jahren ihre eigene Berufskarriere bei einem großen Sportartikelhersteller in der Region. Später trennte sie sich von ihrem Mann und lebt heute in einer mittelfränkischen Kleinstadt, wo sie als Kind die Schule besuchte und mit ihrer Familie lebte.
„Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“
~ Annie Ernaux ~
Einmal die Welt bereisen. Afrika, Asien – unbekannte Länder, deren Menschen kennenlernen, ihre Sprachen sprechen. Diesen Traum hatte ich schon als Kind, als die Welt noch eng, die Informationen spärlich und meine Möglichkeiten überschaubar schienen. Dieser Enge wollte ich so schnell wie möglich entfliehen. Mit 19 ließ ich mein altes Leben hinter mir und heiratete einen Mann, den ich kaum ein halbes Jahr kannte.
Mit dem Mann war die Welt, die ich mir immer erträumt hatte, zum Greifen nah. Und wir waren die Pioniere. Wir bereisten die Welt zu einer Zeit, als das Leben im Ausland noch ein herausforderndes Abenteuer war. Wir liebten die Magie der fremden Landschaften und Kulturen, wir verloren Kinder, wir bekamen Kinder und führten Kämpfe, die wir am Ende nicht gewinnen konnten.
Wer würde heute noch heiraten, nur um seinem Partner ins Ausland folgen zu können? Wer würde in Kauf nehmen, dass die medizinischen Voraussetzungen in dem fremden Land die Gesundheit der eigenen Familie in Gefahr bringen würde? Wer würde die Lücken in der eigenen Berufskarriere hinnehmen, die die Jahre als „Siemens-Ehefrau im Ausland“ mit sich brachten? – Das Leben im Ausland in den Jahren zwischen 1975 und 1992 war kein Spaziergang. Wir hatten uns immer wieder neu anzupassen. Denn wer nicht in der Lage war, sich anzupassen, lief Gefahr, der Zeit im Ausland nichts abgewinnen zu können. Das alles war für mich nie ein Problem. Was allerdings zu einem Problem – dem wohl folgenschwersten – für mich wurde, waren die Nachteile, die ich als Frau aus dieser Zeit mitgenommen habe.
Über all dies und über meine Erlebnisse und Erkenntnisse über die Jahre hinweg möchte ich erzählen. Ich berichte aber auch von der Courage und der unerschütterlichen Zuversicht einer Frau, die beharrlich ihr Drehbuch neu geschrieben hat, wenn ihr Leben es verlangte.
Ich schreibe vor allem für meine Söhne, die mein Leben auf unfassbare Weise bereichert haben. Ich möchte, dass sie etwas von der Epoche kennenlernen, in der ich groß geworden bin, dass sie erfahren, woher ich komme und was mich geprägt hat.
Beflügelt von meinen Erlebnissen mit wunderbaren Menschen, einzigartigen Kulturen, eingeholt von den Schattenseiten des Lebens und wieder versöhnt durch unbeschreiblich glückliche Momente, schreibt sich meine spannende, manchmal tieftraurige und immer wieder kuriose Reise durch das Leben wie von selbst. Ich hoffe es gelingt mir, meine Leser mitzunehmen auf diese Reise.
I.
Kindheit und Jugend (bis 1973)
II.
Zeit für Veränderungen (1973 bis 1974)
III.
Algier, Algerien (1975 bis 1980)
IV.
Kinshasa, Zaire (1980 bis 1981)
V.
Kairo, Ägypten (1982 bis 1983)
VI.
Ulsan, Südkorea (1983 bis 1986)
VII.
Höchstadt, Deutschland (1986 bis 1988)
VIII.
Peking, V.R. China (1988 bis 1992)
IX.
Zurück in Deutschland (1992 bis 2001)
X.
Ein neuer Lebensabschnitt (2001 bis 2021)
bis 1973
„What if I fall? Oh my Darling, what if you fly”~ Erin Hanson ~
Es war der 17. Januar 1945, der Tag nach dem Luftangriff auf Magdeburg.
„Wat wolln’se denn hier Frollein…“, hörte meine Mutter den jungen Soldaten sagen, der ihr völlig erschöpft, mit schleppenden Schritten, mehr taumelnd als laufend am Ortseingang entgegenkam. Aus rot unterlaufenen Augen sah er meine Mutter an: „... da is’ doch alles kaputt, Frollein, da is’ nüscht mehr. Geh’n se nach Hause, Frollein.“ Er zeigte hinter sich. Meine Mutter blickte an ihm vorbei und sah am Horizont in der Richtung, wo Magdeburg lag, schwarze Rauchwolken, die in den Himmel aufstiegen.
Und dann erkannte sie die Menschen. Kolonnen von übernächtigten, verängstigten alten Männern, Frauen und Kindern, manche in Schlafanzügen oder Bademänteln oder mit irgendeinem Kleidungsstück, das sie gerade noch hatten greifen können, notdürftig bedeckt. Die Menschen hatten in der Nacht alles verloren, aber sie waren am Leben. Sie klopften an die Türen und fragten nach Kleidung, Essen und einem Dach über dem Kopf. Meine Oma Lieschen, eine resolute Hebamme, kümmerte sich als erstes um eine junge Mutter, die erst vor einigen Tagen entbunden hatte und nun erschöpft und hilflos mit ihrem Baby vor ihnen stand, besorgte Babykleidung und Windeln. Meine Mutter hatte am Abend zuvor gegen den Willen ihres Chefs ihre Arbeitsstelle, die Apotheke in der Stadt Magdeburg verlassen und war mit der letzten Straßenbahn, die noch fuhr, und dem letzten Zug nach Hause gekommen. Sie hatte keine Vorstellung gehabt, was sie erwarten würde, als sie sich am Tag nach dem verheerenden Bombardement auf den Weg Richtung Magdeburg machen wollte.
Bis zu dem Tag, an dem meine Mutter in dem kleinen Dorf im Frankenwald landen sollte, in dem ich später geboren wurde, vergingen noch einige Jahre. Der Krieg war zu Ende und sie hatte noch im letzten Kriegsjahr meinen Vater kennengelernt. Einen jungen Mann aus Schlesien, der während seines Kriegsdienstes als Funker durch Gommern kam, das Örtchen, in dem meine Mutter lebte. Von da an schrieben sie sich Briefe. Wunderschöne Briefe konnte er schreiben, erinnerte sich meine Mutter. Zuerst hatte sie sich in seine Briefe verliebt und dann in ihn.
Mein Vater hatte seine Mutter, meine Großmutter, kurz vor der Vertreibung aus Weißstein in Schlesien verloren. Sie war an Gelbsucht gestorben – mit nicht einmal sechzig Jahren.
Allein mit seinen vier Töchtern Liesbeth, Käte, Ursula und Annemarie hatte mein Opa die Flucht antreten müssen. Meine Tanten waren bereits Ende Zwanzig, und bis auf Liesbeth und die schon wieder verwitwete Annemarie alle ledig.
Sie hatten alles zurücklassen müssen. Auch die Musikinstrumente meines Vaters, der gerade in Breslau ein Musikstudium begonnen hatte – ein Klavier, sein Cello und seine Konzertflöte. Lediglich seine Piccoloflöte, die in die Hosentasche passte, hatte mein Opa retten können.
Mit einem Flüchtlingstransport kam die Familie in dem Dorf Fischbeck bei Hameln an. Ich erfuhr später, dass die Bauersfamilie, die meinen Großvater mit seinen Mädchen aufnehmen sollte, sich zuerst geweigert hatte. Erst als der Bürgermeister des Ortes sich der Sache annahm, durfte die Familie in einem Zimmer unter dem Dach einziehen. Später, erinnerte sich mein Vater, waren immer die „Flüchtlingskinder“ schuld, wenn irgendetwas in Haus oder Hof zu Bruch gegangen war.
Währenddessen machte sich mein Vater auf den Weg, von einem Auffanglager für zurückgekehrte Soldaten der deutschen Truppen irgendwo in Norddeutschland, nach Franken. Auf einem Zettel in seiner Tasche stand die Adresse seines Schwagers Fritz, der in den letzten Kriegstagen gefallen war. Abgeschossen über Frankreich mit seinem Sturzkampfbomber, einer Ju 87.
Die ersten Wochen bei der Familie seines gefallenen Schwagers in einem winzigen Dorf in der Nähe von Bamberg verbrachte mein Vater damit, Körbe zu flechten und sich so gut er konnte auf dem Bauernhof nützlich zu machen.
Aber es musste ja irgendwann weitergehen. Die Heimat und die Musikinstrumente waren dahin, das Musikstudium wieder aufzunehmen undenkbar. Er hatte kaum Geld für das Nötigste, geschweige denn für neue Instrumente. Und so entschied er sich für ein neues Studium – als Lehrer. In Bamberg. Immerhin waren sein Vater und sein Großvater ebenfalls Lehrer gewesen, dann sollte es wohl so sein.
Nach ihrer Hochzeit hatten meine Eltern in Kulmbach, in Oberfranken ihre neue Heimat gefunden. Bevor jedoch geheiratet werden konnte, hatte es einige aufregende Grenzüberschreitungen bei Nacht und Nebel gegeben.
Der Grund für die gefährlichen nächtlichen Aktionen war ein Gesetz, das im Januar 1951 erlassen worden war. Demnach hatte jeder, der die DDR verließ, seinen Personalausweis abzugeben.
Seit 1949 hatte es bereits eine Zonengrenze zwischen der Besatzungszone im Westen und der im Osten gegeben. Als aber mehr und mehr Menschen die Sowjetische Besatzungszone verließen und in den Westen gingen, galt: „Das Verlassen der DDR ist strafbar.“
So kam es, dass die standesamtliche Trauung meiner Eltern in Fischbeck im Westen Deutschlands stattfand, die kirchliche Trauung in Schwanebeck im Osten.
Meine Eltern waren inzwischen aus Kulmbach, wo mein Vater seine erste Anstellung als Lehrer bekommen hatte, nach Wilhelmsthal im Frankenwald umgezogen. Eine der ersten Aufzeichnungen meiner Mutter in einem Baby-Tagebuch, das sie über einen kurzen Zeitraum über meinen älteren Bruder Achim und mich führte, beschreibt, wie mein Bruder Achim „bei sehr starkem Frost und viel Schnee“ im Januar 1953 das Licht der Welt erblickt hatte.
Meine Eltern in Schwanebeck - 1950
Meine Mutter beschreibt, als wäre es gestern gewesen, wie sie die kleinen, ärmlichen Zimmer, in dem Haus, in dem bis vor nicht allzu langer Zeit Ordensschwestern gelebt hatten, erst einmal vom allergrößten Dreck befreien musste: Mäusedreck in den Ecken, Tausende toter Fliegen und Käfer auf den Fensterbänken, Spinnweben an den Decken und in den Ecken der hoffnungslos erblindeten Fensterscheiben.
Sie erzählt, wie sie das Wasser an einer kleinen Pumpe in der ehemaligen Waschküche des „Schwesternhauses“ holte – zum Wäschewaschen, für die Körperpflege und zum Kochen. Eines Tages fiel ihr auf, dass das Wasser gelblich aussah und irgendwie seltsam roch. Der Frost hatte die Toilettengruben aufgebrochen und die Brühe sickerte in den Brunnen. Jetzt gab es kein Wasser zum Kochen und zum Windeln waschen. Sicherlich war sie verzweifelt, als sie schrieb: „… was sollte nun werden ...?“
Neben der Kirche war ein zweiter Brunnen. Da mussten sie nun das Wasser holen. Aber ohne Pumpe, sie mussten mit dem Eimer schöpfen. Einige von Vatis Schülern brachten ihnen morgens eine Milchkanne voll Wasser, damit sie wenigstens Babynahrung für den kleinen Achim zubereiten und Kaffee und Essen kochen konnten. Die Rettung nahte in Gestalt von amerikanischen Soldaten, die sich mit Tankwägen ins tief verschneite Dorf vorgekämpft hatten und Wasser für die Bevölkerung brachten.
Ich halte eine dieser kleinen, nur wenige Zentimeter großen Schwarz-Weiß-Fotografien mit den weißen, gezackten Rändern, die wie Mäusezähne aussehen, in der Hand. Einer der Tanklastwagen ist darauf zu sehen. Er steht auf der nur notdürftig von den Schneemassen geräumten Dorfstraße, die Männer davor in dicke Armeemäntel und Mützen mit Ohrenklappen gehüllt.
Und dann kam ich. Was mich anbelangte – mich hatte wohl „der Esel im Galopp verloren“, so zumindest hatten meine Eltern sich nach meiner Geburt angesichts meiner rabenschwarzen Haarpracht amüsiert. Ich war eine Hausgeburt und von meiner Hebammen-Oma höchstpersönlich auf die Welt befördert worden. Auch wenn man sich über meine schwarzen, dichten Haare lustig macht, Zweifel an meiner Herkunft waren ausgeschlossen.
Über die Grenzen meiner oberfränkischen Heimat kam ich als Kind selten hinaus – hinter Wilhelmsthal, war die Welt zu Ende. Zumindest fühlte es sich für mich so an. Möglicherweise war sie auch erst hinter Tettau zu Ende. Dort gab es am 735 Meter hohen Wildberg eine kleine Skisprungschanze, zu der wir am Sonntagnachmittag schon mal mit unserem schicken grünen „Leukoplast Bomber“ tuckerten und den tollkühnen Skispringern zusahen, die uns mit ihren Sprungweiten, die so um die 50 Meter lagen, verblüfften. Die Winter in Oberfranken waren schneereich damals und es kam oft vor, dass wir tagelang nicht aus unserem Dorf herauskamen.
Auf den Leukoplast-Lloyd war mein Vater besonders stolz. Zehn PS waren besser, als zu laufen. Auch die Karosserie war zwar alles andere als stabil, aber man hatte ein Dach über dem Kopf. Das Auto war aus Sperrholz mit Kunstleder darüber gebaut. Wenn es mal einen kleinen Schaden an dem Wagen gab, dann ließ der sich relativ einfach mit einem Leukoplast-Pflaster reparieren. Ich vermute mal, dass es damals in unserem Dorf noch nicht mal eine Kfz-Werkstätte gab.
Alles, was jenseits von Tettau lag, war für mich dunkles, unheimliches Land, wo unbestimmte Gefahr lauerte. Ganz so wie in “Hänsel und Gretel” dem Märchen der Gebrüder Grimm, wo die böse Hexe im dunklen Wald die Geschwister in ihr Zuckerhäuschen lockte, um sie im Backofen zu rösten und aufzuessen.
Bei unseren Sonntagsausflügen gerieten wir immer mal wieder in diese unheimliche Gegend. Ich hatte ein ungutes Gefühl, wenn ich aus sicherer Entfernung auf den Schlagbaum starrte, auf die Stacheldrahtzäune und die uniformierten „Vopos“, die Volkspolizisten. Mit geschultertem Gewehr patrouillierten sie am Grenzstreifen hin und her und straften uns mit Verachtung.
Wir lebten im „Zonenrandgebiet“. Die Grenze zur damals noch existierenden DDR war nur rund 30 Kilometer entfernt. Ich erinnere mich, wie ich einmal erleichtert über eine Wiese rannte, die voll mit goldgelben Schlüsselblumen war – froh und erleichtert, dass mich kein Vopo auf die andere Seite des Schlagbaums hatte zerren können.
Wir amüsierten uns über merkwürdige Namen meiner Klassenkameradinnen, wie „Pipiana“ oder „Romana“. Ein wahrer „running gag“ wurde die Geschichte des Jungen aus der Klasse meines Vaters am Tag seiner ersten Heiligen Kommunion. Er war in der Kirche mit einem anderen Jungen in Streit geraten. Nach der Heiligen Messe hatte er sich vor der Kirchentür vor seinem Kontrahenten aufgebaut und gedroht, ihn umzubringen, sobald der „Stand der heilig machenden Gnade“, vorüber sei. Woher das dermaßen in Rage geratene Kerlchen wusste, dass diese „Gnade“ nur genau einen Tag andauern würde, hat sich uns meines Wissens niemals erschlossen.
Es kam sogar vor, dass verfeindete Nachbarn sich den „roten Hahn aufs Dach setzten“. Ich erinnere mich, dass die nächtliche Feuersirene mich mehr als einmal in Angst und Schrecken versetzt hatte. Die Dorfbewohner waren heißblütig, und stritten sich im Bierrausch, was auch schon einmal in blutigen Messerstechereien enden konnte.
Ihr fränkischer Dialekt war nicht einfach zu verstehen. Aber die „Wilhelmsthäler“ waren von ihrer Sprache überzeugt und so tadelte eines Tages ein Nachbarsjunge meine Mutter: „Hörscht, Frau Lehrer, du plauderscht fei gonz folsch.“. Meine Eltern waren auf jeden Fall „Nei G’schmeckte“, wie man die Flüchtlinge aus den Ostgebieten wenig freundlich nannte.
Wir wohnten hoch oben auf dem Berg im „Konsum“, das war der Lebensmittelladen des Ortes. Ich muss wohl vier Jahre alt gewesen sein, an diesem frühen Morgen im Winter, als ich nur mit Pantoffeln und Nachthemd bekleidet in die eiskalte Küche tapste. Meine Mutter kniete vor dem gusseisernen Holzofen und schichtete kleine Brennholzscheite in das Ofenloch.
„Es hat geschneit!“, rief sie mir über die Schulter zu. „Guck’ mal raus!“ Ich zerrte einen Küchenstuhl ans Fenster, kletterte hinauf und sah zarte, wunderschöne Muster aus Eiskristallen, die die Fensterscheibe überzogen. Wenn ich ganz nah herankam, konnte ich mir einen kleinen Ausguck frei hauchen. Ich sah hinaus in die stille winterliche Morgendämmerung, auf die mit Schnee überzuckerten Hänge bis tief hinunter ins Tal, wo die Häuser immer winziger wurden, wie in einer Puppenstube. Es war ein stilles, lautloses Bild. Ich sehe es noch heute vor mir. Die Flammen aus dem Küchenofen knackten und knisterten. Langsam füllte sich der Raum hinter mir mit Wärme, während ich mit meiner kleinen Stirn an der kalten Scheibe klebte.
Als wäre es gestern erinnere ich mich auch an den Abend im Konsum, als ein wirklich spektakulärer Sturm über Wilhelmsthal hinwegfegte. Ich sehe noch, wie der Ziegelstein durch die Fensterscheibe des Zimmers flog und auf dem Kopfkissen meines Bruders landete. Wir waren allein zu Hause Unsere Eltern waren ein einziges Mal ausgegangen, ins Kino nach Kronach. Sie waren so schnell sie konnten zurückgekommen und doch glaube ich noch heute, dass ich meine panikartigen Ängste vor Katastrophen jeglicher Art von diesem Erlebnis zurückbehalten habe. Am nächsten Morgen sahen wir, dass der Sturm das Dach des Nachbarhauses abgedeckt hatte, die Bettdecken und Kopfkissen bis hinunter ins Tal gesegelt waren. Die Leute mussten am Tag den Berg hinuntersteigen und alles wieder einsammeln.
Bei unseren eher seltenen Ausflügen fuhren wir hin und wieder in die Kreisstadt Kronach. Bei einem Cafébesuch durfte ich meine erste Cola trinken, während meine Eltern sich das obligatorische Kännchen Kaffee und ein Stück Kuchen dazu gönnten. Ich vertrieb mir die Zeit, indem ich verstohlen die junge Bedienung musterte. Sie trug ein weißes Spitzenschürzchen über dem schwarzen Rock und eilte mit ihrem beladenen Tablett zwischen den kleinen runden Tischen hin und her. Ich fand diesen Schwarz-Weiß-Look ziemlich schick und verkündete meinen staunenden Eltern einen ersten konkreten Berufswunsch: „Kaffeefräulein“.
Mit etwa fünf oder sechs Jahren saß ich häufiger bei Frau Hering, die über uns wohnte. Mittlerweile wohnten wir nicht mehr über dem Konsum. Wir waren in das viel modernere Lehrerwohnhaus, das ein Stückchen höher am Berg lag, umgezogen. Frau Hering war klein, mollig und auffällig energisch wie so viele Menschen, die ihre fehlende Körpergröße mit übermäßigem Selbstbewusstsein kompensieren. Und sie war die Schulrektorin.
Ein bisschen schüchtern klemmte ich auf der äußersten Kante des Wohnzimmersessels bei Frau Hering und balancierte einen dicken Bildband auf meinen Knien. „Serengeti darf nicht sterben“ stand auf dem glänzenden Einband über dem Foto einer gewaltigen Elefantenherde. Neugierig und gleichzeitig fasziniert blätterte ich weiter und betrachtete interessiert die Bilder einer Gruppe dunkelhäutiger Menschen, die, die wie gut erzogene Schulkinder, brav aufgereiht und stocksteif, vor ihren Lehmhütten standen. Mit feierlich ernstem Gesichtsausdruck blickten sie in die Kamera, und ich glaubte, zu verstehen, wie wichtig dieses Ereignis für diese Menschen gewesen sein musste.
Ich hatte zum letzten Weihnachtsfest eine „Negerpuppe“ bekommen und weiß bis heute nicht, warum es gerade eine schwarze Puppe sein musste, die man mir unter den Weihnachtsbaum legte. Ich hielt sie auf jeden Fall damals sehr andächtig im Arm und nahm sie ohne jeglichen Vorbehalt in meine Puppenfamilie auf. Vielleicht waren die weißen Puppen ausverkauft oder das Christkind wollte mich damals schon darauf aufmerksam machen, dass es auch Menschen mit anderen Hautfarben gab.
Abend in meinem Bett, überlegte ich schon einmal, wie es wohl wäre, wenn ich selbst in einem dieser Jeeps – genau wie auf den Bildern bei Frau Hering – Staubwolken aufwirbelnd durch die Steppe holpern würde und mit eigenen Augen die Zebras und Giraffen in der Serengeti beobachten würde.
Heidi, Frau Herings Tochter, kam die Stufen im Treppenhaus heruntergehüpft, in dem es nun nicht mehr nach Bohnerwachs roch wie vorher im Konsum. Heidis flache Sandalen klapperten wie Kastagnetten auf den Steinfliesen und ihr brünetter Pferdeschwanz wippte keck auf und ab. Mit offenem Mund und ohne eine Spur von Scham starrte ich sie an. Nach dem „Kaffeefräulein“ war sie wohl mein nächstes Vorbild.
Sehr zu meinem Bedauern war Heidi die meiste Zeit nicht da. Nachdem sie ihr Abitur bei den Englischen Fräulein, einem Internat in Bamberg, absolviert hatte, war sie nach Barcelona gegangen, um Sprachen zu studieren. Als Heidi mit ihrem farbigen Freund aus Afrika zu Besuch kam, war das eine kleine Sensation. Sie unterhielten sich auf Suaheli und die kleine, mollige Frau Hering mit den lila gefärbten Haaren lernte nun auch Suaheli. Schließlich wollte sie sich mit dem Freund ihrer Tochter in seiner Muttersprache unterhalten können.
Dass der Freund ein Farbiger war, war ihr sowieso „schnuppe“. Frau Hering und Heidi vermittelten mir eine unbestimmte Ahnung von dem was mein Leben zukünftig bestimmen sollte – Weltoffenheit und gerne ein bisschen anders sein als die anderen. Mein Wunsch Sprachen zu erlernen geht eindeutig auf diese Zeit zurück. Ich hatte die Ahnung, dass Mutter und Tochter Hering ihrer Zeit voraus waren.
Einmal im Monat stand ein Vertreter vor unserer Tür, von dem Mutti unsere Kleidung kaufte. Das war während dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Besonders in entlegenen Dörfern, in denen es keine Bekleidungsgeschäfte gab. In seinem Opel Kombi schleppte er Koffer an, prall gefüllt mit Textilien: Socken, Unterwäsche, bis hin zum eleganten Sonntagskleid. Ich erinnere mich an ein graublaues Kleid, das Mutti bei ihm kaufte. Es hatte ein Muster aus weißen, wie hingekritzelt wirkenden Strichen, die wie verfallene, schiefe Häuser aussahen. Wir tauften das Kleid, das „alte Haus von Rocky Docky-Kleid“ nach einem Song von Bruce Low aus den Fünfzigern.
Unsere nächste größere Anschaffung, war ein blauweißer Lloyd, mit dem wir uns auch längere Entfernungen zutrauten. Zum Beispiel das zirka 60 Kilometer entfernte Bamberg. Im Kaufhaus Hertie, das für mich der Inbegriff des großstädtischen Einkaufens schlechthin war, verpasste man mir meinen ersten, richtig schicken Wintermantel: ockergelb mit blauen Knöpfen, dazu eine pfiffige blaue Kappe mit gelben Knöpfen. Ich mochte den Mantel, aber mit der Kappe auf dem Kopf schämte ich mich in Grund und Boden und ließ sie verschwinden, sobald Mutti außer Sichtweite war.
Schlesisches Himmelreich
Mein Vater hatte noch lange seinem Musikstudium nachgetrauert, aber irgendwann sah er wohl ein, dass man auch als Lehrer viele Möglichkeiten hatte, sich der Musik zu widmen. Viele Jahre leitete er Chöre und Flötengruppen mit Erwachsenen, in denen auch ich mit meiner Sopranflöte mitspielen durfte, was mich damals sehr stolz machte. Ansonsten empfanden mein Bruder Achim und auch später unser kleiner Bruder Jens es eher als eine Qual, wenn uns Vater mit seinen Vorstellungen von einem perfekten Geigen- oder Schifferklavierspiel drangsalierte.
Für die in meinen Augen fast abgöttische Liebe meines Vaters zu seiner alten Heimat hatte ich lange kein Verständnis und fand sein Getue übertrieben sentimental. Alles was mit Schlesien zu tun hatte, war für ihn das „Himmelreich“. Ganz gemäß dem schlesischen Nationalgericht, dem „Schlesischen Himmelreich“, ein undefinierbarer Eintopf aus Graupen, getrocknetem Obst und fettem, geräuchertem Schweinebauch, der mir regelmäßig Würgereiz verursachte, sobald er auf den Tisch kam. Aber alles Würgen und Jammern half nichts, ich musste den Teller leer essen. Gott sei Dank wurde dieses grauenhafte Gericht irgendwann von unserem Speiseplan gestrichen.
Ich weiß heute, dass der Verlust seiner Heimat meinen Vater schwer belastet hat. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er deswegen auf alles böse war – auf seine Frau, seinen Beruf, sein Leben – auf mich. Vielleicht war er aber nur böse, weil er mit niemandem darüber reden konnte – denn wer wollte schon damals mit einem Flüchtling über Vergangenes reden. Gerade ging es doch den Menschen von Tag zu Tag besser. Außerdem waren die Einheimischen der Meinung, dass die Flüchtlinge doch froh sein sollten, dass man sie aufgenommen, sie verköstigt und ihnen ein Dach über dem Kopf gegeben hatte. Mein Vater hatte das alles nie ganz verwinden können.
Ein Heiliger Abend ohne die obligatorischen Bratwürste mit schlesischem Speck-Sauerkraut, dem schlesischen Mohnkuchen und dem feierlichen „Transeamus“ von der kleinen 18 Zentimeter Single-Schallplatte, war undenkbar. Bevor die ganze Familie um Mitternacht geschlossen zur Christmette ging, zündete mein Vater auf dem Fensterbrett in Richtung Osten Kerzen an für die Menschen in Ostdeutschland, die durch den Krieg von uns getrennt worden waren. Das waren die Jahre zwischen 1955 und 1960 und die schrecklichen Kriegsjahre waren in den Köpfen und Herzen meiner Eltern noch lange nicht vergessen – auch wenn sie es peinlichst vermieden, davon zu erzählen.
Ich rollte die Augen nach oben, wenn mein Vater seinen schlesischen Dialekt auspackte. „Der ist wohl mit der Ritsche getitscht“, sagte er einmal, als der örtliche Pfarrer Fröhlich, ganz seinem Namen Ehre machend, fröhlich verkündete: „Jeder Mensch hat seinen Vogel und vielleicht auch ich!“ Mit der „Ritsche“ war ein kleines Fußbänkchen gemeint und „getitscht“ hieß wohl so viel wie „geschlagen“. Dann vertiefte er sich wieder in seinen „Schlesischen Heimatboten“, ein Blättchen, das die Hoffnung so vieler Vertriebener auf eine Rückkehr in die Heimat wachhielt. Ich wünschte mir manches Mal, dass sich mein Vater mehr mit der Gegenwart, mit mir und meinen Geschwistern und der Zukunft befasst hätte.
Der Kommunismus stellte für ihn das ganze Übel dieser Welt dar. Er hatte nur diese eine wütende Sicht auf die Dinge, die er bis zum Erbrechen zum Besten gab. Was aber seine wirkliche Einstellung zum Dritten Reich und zum Nationalsozialismus war, habe ich nie erfahren.
Ich schaltete innerlich ab, wenn er einen seiner missmutigen und einseitigen Monologe hielt, und begab mich mit meinen Gedanken auf Wanderschaft, irgendwo hin, wo es fröhlicher zuging und wo ich mit Menschen lachen und reden konnte, die aufgeschlossener waren.
Über den biografischen Hintergrund meiner Mutter wurde sehr viel weniger gesprochen. Nur so viel: Mein Vater ließ keine Gelegenheit verstreichen, um zu erwähnen, dass meine Mutter aus einer unchristlichen Familie stamme. Sie war evangelisch und ihre Mutter obendrein noch geschieden. Geschiedene und Kommunisten stellten für meinen Vater dasselbe Übel dar. Bevor meine Eltern heirateten, verlangte er allen Ernstes von ihr, zum katholischen Glauben zu konvertieren. Eine wahre Katholikin ist dennoch nie aus ihr geworden.
Ich war wohl zwölf Jahre alt, als meine Mutter mir zum ersten Mal die ganze Geschichte erzählte. Von der Bombennacht im Januar 1944, wie sie nur mit knapper Not dem Inferno entkommen war, bei dem 5.000 bis 6.000 Menschen starben, 16.000 verletzt wurden, Tausende vermisst und weit über 200.000 obdachlos geworden waren.
Ihr Vorgesetzter aus der Apotheke in Magdeburg, wo sie ihre Ausbildung zur Apothekenhelferin machte, war Herr Glemm. Er hatte meine damals 19jährige Mutter wie alle anderen, die sich im Haus aufgehalten hatten, als der erste Bombenalarm losheulte, in den Luftschutzkeller schicken wollen. Doch meine Mutter hatte kurz vorher mit Lieschen – so nannte sie ihre Mutter – telefoniert. Lieschen hatte sie gedrängt so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, aber Herr Glemm meinte es sei schon viel zu gefährlich und wollte sie nicht gehen lassen.
Meine Mutter jedoch, ein forscher und dickköpfiger „Backfisch“, der sie damals war, passte eine günstige Gelegenheit ab und entwischte. Nahm die letzte Straßenbahn, die noch fuhr, stieg in einen Zug um, der irgendwo mitten im Gelände anhielt und lief die letzten fünf Kilometer an diesem klirrend kalten Januarabend über die dunkle Landstraße. Erschöpft und völlig verängstigt zu Hause angekommen, blickten Mutter und Tochter Arm in Arm in der Tür stehend Richtung Stadt. Sie sahen zu, wie der Himmel rotglühend leuchtete im stundenlangen, nicht enden wollenden Bombenhagel. Sie war starrsinnig, meine Mutter, und mutig – und das hatte ihr das Leben gerettet.
Nach und nach kramte meine Mutter noch mehr Geschichten hervor. Sie erzählte von der Kameradin im Arbeitsdienst, die vor dem Frühstück die winzige Butterration von den Tellern ihrer Kameradinnen klaute, um daraus einen Hochzeitskuchen für ihre Schwester zu backen. Fast konnte man ihr nicht böse sein, sagte meine Mutter, sie wollte doch nur ihre Schwester an ihrem Hochzeitstag mit einem selbstgebackenen Hochzeitskuchen glücklich machen. Dafür hatte sie in Kauf genommen ihre Kameradinnen zu bestehlen.
Manche der Geschichten beschäftigten mich lange, wie auch die ihrer besten Freundin, die jungverheiratet im achten Monat schwanger von einer Horde russischer Soldaten, die in das Dorf eingedrungen waren, auf einen Lastwagen gezerrt wurde. Einige Hundert Meter nach dem Ortsausgang vergewaltigten sie die Männer – einer nach dem anderen – und ließen sie anschließend im Straßengraben liegen. Ich erfuhr diese Geschichten aber erst, als ich schon längst das Haus verlassen hatte.
In den Sommerferien fuhren wir mit der Eisenbahn in die DDR zu meinen Großeltern. Schon Wochen vorher hatte ich Herzklopfen vor Sorge, dass die Reisegenehmigung, die die strengen ostdeutschen Behörden ausstellen mussten, womöglich abgelehnt würde. Obwohl ich eher wenig davon überzeugt war, dass ausgerechnet der liebe Gott helfen könnte, schickte ich ihm doch vorsichtshalber beim sonntäglichen Besuch der Messe ein Stoßgebet. Man konnte nie wissen.
War die Reiseerlaubnis dann endlich da, wir saßen im Zug und näherten uns der sogenannten Zonengrenze, spürte ich wieder dieses mulmige Gefühl im Magen. Die unfreundlichen, herrischen Uniformierten flößten mir Unbehagen ein und ich bibberte innerlich vor Angst, sie würden uns auf der Stelle wieder zurückschicken. Meine Mutter dagegen fürchtete, sie würden die Westschokolade und den Westkaffee finden, den sie zwischen Kulturtasche und Unterwäsche versteckt hatte.
Die weiblichen Kontrolleurinnen, die sich wie Aufseherinnen in einem Strafgefangenlager benahmen, schnauzten uns barsch an: „Koffer aufmachen! Wat hamse’ da?“ Ungerührt durchwühlten sie alles, was sich darin befand. Mutti stand anschließend immer kurz vor einem Migräneanfall, vor lauter Aufregung über die schikanöse Behandlung. Die Menge an Genussmittel, die man mitführen durfte, hatten wir selbstverständlich erheblich überschritten. Denn der Kaffee und die Schokolade „Marke Bück-dich“, wie Oma sie nannte, die man in der „Ostzone“ bekam, waren „nicht zu genießen“
„Wir ham‘ hier keene Zone“, hatte einmal ein Vopo meinen Vater bei der Einreise mit dem Auto angeraunzt. Der hatte nämlich unvorsichtigerweise die Frage gestellt, ob „wir denn hier richtig in der Zone“ wären. Für diese Art von Humor hatte hier keiner Sinn.
Wieder allein im Abteil, zog ich das Fenster herunter und hielt meine Nase in die Luft. Ich schnupperte – da war er wieder, dieser fremdartige Geruch von Braunkohle, der überall auf den Bahnhöfen hing. Ich war beruhigt, der „Ostzonen- Geruch“ versprach schöne Ferien. Dieser Geruch und die Sommerferien bei Oma und Opa gehörten für mich so untrennbar zusammen wie Weihnachten und der Tannenbaum.
Am Bahnhof in Gommern holte uns ein schnoddriger Taxifahrer – ein „Ostpreiße“, wie Mutti mir zuflüsterte – ab. Mit seiner alten, klapprigen Wartburg holperten wir über das aus Vorkriegszeiten stammende Katzenkopfpflaster in Richtung „Zuckerfabrik“ – so hieß die Straße, in der meine Großeltern wohnten. „Freilein, jehn se wech, sonst rrrrasiere ich Ihnen die Brrrustspitzen wech“, war sein zotiger Kommentar in Richtung einer jungen Frau, die aus seiner Sicht nicht schnell genug über die Straße kam. Ein widerlicher Kerl.
Die sommerlichen Besuche bei Oma und Opa aber liebte ich. Wenn ich daran zurückdenke, bilde ich mir noch heute ein, den Geschmack dieses künstlich gelben Vanilleeises auf der Zunge zu haben, dass wir aus einer muschelförmigen Waffel schleckten. Auch die Brause – wahlweise himbeerrot oder waldmeistergrün und in Flaschen mit Schnappverschluss verkauft – gab es nur dort. An heißen Nachmittagen fuhren wir mit den Fahrrädern an den „Kulk“, einen kleinen Baggersee außerhalb des Dorfes mit einem breiten Sandstrand. Für mich, die noch nie vorher am Meer gewesen war, hätte die Adria nicht schöner sein können.
Bevor Oma und Opa in die Zuckerfabrik Nr. 12 gezogen sind, wohnten sie in einem einstöckigen Haus direkt an der Ortsdurchfahrtsstraße von Gommern. Es lag Wand an Wand mit einer Bäckerei mit einem Hinterhof. Über diesen Hinterhof schlüpfte ich häufig durch den Hintereingang in die Bäckerei und stand sofort in der Backstube. Ich hatte es dem jungen Bäckergesellen wohl angetan. Sobald er mich sah, fischte er einen großen Brocken zusammengeklebten Puderzucker aus einem Blecheimer und hielt ihn mir hin: „Hier, für dich, Anna May Wong. Lass dir’s schmecken!“
Anna May Wong war damals eine chinesisch-amerikanische Filmschauspielerin, die auch in Europa beachtliche Erfolge einfuhr. Mein dunkler Bubikopf, mein wie mit einem Lineal kerzengerade geschnittener Pony und meine etwas klein geratenen Mandelaugen hätten ihn sofort an Anna May Wong erinnert, erklärte er seine Namenswahl für mich. Ich kannte keine Anna May Wong, war aber stolz auf den Vergleich mit einer prominenten Filmschauspielerin und ließ mich gern so nennen – Hauptsache die tägliche Puderzuckerration war gesichert.
Über besagten Hinterhof führte auch der einzige Weg für das tägliche Geschäft – zum Plumpsklo. Der beißende Geruch, das Loch in der Holzsitzbank, unter dem sich tief unten ein Misthaufen befand, die auf einem rostigen Nagel in der Holzwand aufgespießten Zeitungspapierstückchen – all das war mir so abscheulich, dass ich mir den Gang zur Toilette, so oft ich konnte, verdrückte. Ich hatte panische Angst davor, entweder abzurutschen und in das Loch zu stürzen oder vor einer Ratte, die unten lauerte und mich in meinen Allerwertesten beißen würde.
Meine Großmutter war für ihre Zeit eine mutige Frau. Sie war in zweiter Ehe verheiratet. Die Geschichte ihrer ersten Ehe mit meinem leiblichen Großvater war für die damalige Zeit außergewöhnlich. Sie war Anfang 20, als sie die Ehe mit dem schneidigen Kaufmann aus Magdeburg einging. Drei Jahre später war sie Mutter von zwei kleinen Kindern. Wie es damals üblich war, wurde sie auf die Haushaltsschule geschickt. Einen eigenen Beruf durfte sie nicht erlernen. Es dauerte nicht lange, bis sie feststellen musste, dass ihr Ehemann leidenschaftlich gern auf Pferde wettete. Immer öfter verschwand er übers Wochenende, um bei Pferderennen in Hamburg alles Geld zu verwetten, das er während der Woche in seinem Kaufmannsladen verdient hatte. Oma Lieschen fackelte nicht lange, packte ihre beiden Kinder, damals zwei und drei Jahre alt, und zog zurück zu ihren Eltern. Meine Urgroßeltern besaßen eine Schmiede in Ottleben, ein großes Herz und einen wachen, fortschrittlichen Verstand. Die Kinder blieben bei Oma und Opa und mein Urgroßvater ermöglichte seiner Tochter eine ordentliche Ausbildung zur Hebamme.
Nachdem sie ihren Abschluss in der Tasche hatte, suchte Oma Lieschen für sich und die Kinder eine eigene Wohnung im Nachbarort und fing an, in ihrem neuen Beruf zu arbeiten. Die Arbeit einer Hebamme war allerdings in den damaligen Zeiten mehr als beschwerlich. Mit dem Fahrrad radelte meine Großmutter, oft auch mitten in der Nacht, in entlegene Dörfer, um Babys auf die Welt zu helfen. Aber wohin dann mit den eigenen Kindern? Der perfekte Zufall stellte sich ein, als Oma Lieschen eine Frau kennenlernte, die etwa gleichen Alters, ebenfalls unverheiratet war und eine kleine Tochter hatte. Man war sich schnell einig – die neue Bekannte namens Berta würde mit ihrer Tochter Herta, die passenderweise genauso alt war wie meine Mutter, bei Oma Lieschen und ihren Kindern einziehen und sich um Haushalt und Kinder kümmern. Oma Lieschen brachte indessen das Geld nach Hause. Ein extra Lohn war nicht drin. Dafür hatte Berta mit ihrer Tochter freie Unterkunft, alles was sie zum Leben brauchten und – eine Familie. Diese Wohngemeinschaft – die man heute als klassische Win-Win-Situation bezeichnen würde – bestand fort, bis meine Mutter das Teenageralter erreicht hatte und Berta gleichzeitig einen neuen Lebens- und Arbeitsbereich gefunden hatte.
Ich war sieben, als unsere Familie das „Zigeunerdorf“ im tiefen Frankenwald hinter sich gelassen hatte. Wir waren in ein kleines Städtchen im Steigerwald umgezogen. Vati war zum Rektor an der dortigen Volksschule befördert worden. Von jetzt an standen mein älterer Bruder Achim und ich im allgegenwärtigen Blickfeld einer frommen und selbstgerechten Gemeinde.
Leider war ich schon damals kurzsichtig und erkannte grundsätzlich die Leute auf der anderen Straßenseite nicht. Ich übersah den katholischen Pfarrer und grüßte stattdessen freundlich, so wie man es mir beigebracht hatte, den Bürgermeister, der der SPD angehörte, der Partei, die für meinen Vater der verlängerte Arm des Kommunismus war.
Das gab Ärger und war auf die Dauer anstrengend. Und nicht nur das. Die Leute im Dorf beobachteten uns argwöhnisch und lauerten nur darauf, die kleinen Freiheiten, die man sich als Kind so gern mal erlaubte, postwendend unseren Eltern zuzutragen.
Meine Eltern – und ich bin fest davon überzeugt, dass sie da nicht die einzigen waren – glaubten prinzipiell erst einmal anderen Leuten und nicht den eigenen Kindern. Auch, dass ich mir in der Schulpause anstelle der Kakaotüte einen Kaugummi mit einem unfassbar coolen Elvis-Presley-Wackelbildchen für 20 Pfennige gekauft hatte, wurde meinen Eltern zugetragen. Warum Erwachsene damals so genüsslich Kinder denunziert haben, begreife ich bis heute nicht.
Wie war es also, als ich in den 60er Jahren ein Kind war? Wer kann sich zum Beispiel heute noch vorstellen, wie man als kleines Kind in dieser Zeit in einem Krankenhaus behandelt wurde?
Genauso lieblos, wie mir vor der Blinddarm-Operation die Äthermaske als Anästhesie auf das Gesicht gedrückt wurde, so wurde mir nach dem Aufwachen ein schwerer Sandsack auf den Bauch gelegt. Meine Handgelenke wurden an den Stäben des Gitterbettes festgemacht, mit dem Kommentar, dass ich doch bestimmt „später mal einen Bikini tragen will…“ und schön ruhig auf dem Rücken liegenbleiben müsse. Ich hing trotzdem mitten in der Nacht halb aus dem Bett, sodass meine Bettnachbarin nach der Nachtschwester klingeln musste. Was mir davon blieb, war eine ziemlich große und hässliche Narbe. Die hinderte mich später aber nicht daran, dennoch einen Bikini zu tragen.
Außer mir waren zehn Erwachsene in diesem Krankensaal, Kinderstationen gab es damals noch nicht. Meine Eltern durften nicht bei mir bleiben – bis ich wieder aufgewacht war. „Ein Krankenhaus ist doch kein Rummelplatz“, hieß es damals. Es fiel niemanden auf, dass ein sehr trauriges siebenjähriges Mädchen mit einer riesigen Narbe am Bauch sich von allen verlassen fühlte.
Ein wahrer Albtraum meiner Kinderzeit war ein Lehrerkollege meines Vaters, der seine Hände überall hatte – auch dort, wo sie nichts zu suchen hatten. Meine Freundin Monika hat es mir erzählt, wie seine Hand in ihr Höschen gewandert war und sie nicht gewagt hatte, sich zu rühren. Mir kam es wohl zugute, dass ich die Tochter des Chefs war. Ich kam mit ein paar blauen Flecken davon, wenn er viel zu dicht hinter mir stand und mich in die Oberarme kniff, weil ich beim Einmaleins nicht schnell genug die richtige Lösung parat hatte. Ich hasste es, wenn ich an sein Pult kommen musste, wo er meinen Hefteintrag in Augenschein nahm. Mir grauste vor diesem unerträglichen Gesichtsausdruck, mit dem er einen Fehler in meinem Heft kommentieren und mich dabei in die Innenseite meines Oberschenkels kneifen würde. Dieser Mann saß zu allem Überfluss Abend für Abend mit meinen Eltern vor unserem Fernseher, um die Tagesschau zu sehen. Er ließ sich einen Schoppen Frankenwein nach dem anderen einschenken und aalte sich in seinem Sessel breitbeinig in seiner unsäglichen Selbstgefälligkeit. Ich hatte mehr als einmal gesehen, wie er seine Zunge hinter die Unterlippe schob und sein seltsam stierender Blick wanderte. Ich wusste nicht, was es war, aber ich spürte, dass da irgendetwas Unaussprechliches vor sich ging.
Ein Lehrer war damals die Autoritätsperson schlechthin und über jeden Zweifel erhaben. Uns Kindern hätte schwerlich jemand geglaubt, wenn wir ihn öffentlich beschuldigt hätten. Und so schüttelte auch meine Mutter nur den Kopf, als ich ihr in der Badewanne sitzend erzählte, wo die blauen Flecken herkämen.
In der Kirche saß der Kollege immer ganz vorn, sang mit schief gelegtem Kopf andächtig alle Kirchenlieder mit, drängelte sich bei offiziellen Festlichkeiten in die Nähe des Dorfpfarrers – und fasste während des Unterrichts kleinen Mädchen unter den Rock. Irgendwie passte das alles nicht zusammen. Diese Frömmigkeit und die gleichzeitige Scheinheiligkeit, mit der ich aufwuchs, waren mir damals schon suspekt. Trotz alledem liebte ich als Kind den Zauber der christlichen Feste. Die Feierlichkeit der Ostermesse oder die Prozession an Fronleichnam, wo wir auf farbenfrohen Blumenteppichen standen, die am frühen Morgen noch die Frauen der Kirchengemeinde kunstvoll gestreut hatten. Andächtig saß ich auch vor meinen kleinen Mai-Altar, den ich mir in meinem Zimmer in einer Ecke aufgebaut hatte. Geschmückt mit einem Marienbildchen, einer Kerze und wildem Flieder, den ich im gegenüberliegenden „Köberswäldla“, einer kleinen Waldlichtung, gepflückt hatte. Es sind schöne Erinnerungen. Mit der Zeit wuchs jedoch mein Widerwillen gegen die Heuchelei dieser bigotten Dorfbewohner, gegen den Pfarrer und vor allem diesen Lehrer.
Viele Jahre später wurde genau dieser Lehrerkollege meines Vaters strafversetzt. Ironischerweise auf einen Posten in der Jugendarbeit des Erzbistums Bamberg. Mein Vater hat sich bis zu deinem letzten Tag nie dazu geäußert.
Traditionen sind schön, aber wenn man sich nur aus Tradition in Frömmigkeit übt und da, wo es keiner sieht, auf Moral und christliche Werte pfeift, dann kann es mit dem Glauben nicht so weit her sein. Ich trat aus der Kirche aus, als es mir möglich war, und nicht erst, als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1993 in Afrika den Gläubigen die Benutzung von Kondomen verbot. Was definitiv nochmals zu meinem Austritt geführt hätte, wenn ich das ehrenwerte Haus nicht schon früher verlassen hätte. Ich wusste schon sehr früh, dass ich in so einer Kirche nicht bleiben möchte.
Eines Nachmittags beobachtete ich meine Mutter dabei, wie sie in das dunkelbraune Vorratsregal im Flur Unmengen von Tüten mit Reis, Nudeln, Zucker und Mehl stapelte. Was sie denn da mache, wollte ich wissen. „Die Kuba-Krise“, antwortete meine Mutter, „es könnte sein, dass es wieder Krieg gibt.“ Das war im Oktober 1962 und ich hatte keine Ahnung was es mit der Kuba-Krise auf sich hatte. Mehr war aber auch nicht aus ihr heraus zu kriegen. Ich wandte mich deshalb wieder den bunten Fotos von meinen Eiskunstlauf-Idolen Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler zu, die ich ausschnitt und in ein leeres Schulheft klebte. Und träumte davon, selbst einmal Eisprinzessin zu sein – Träume einer Achtjährigen.
In einer alten, zerfledderten Zeitschrift aus dem Jahr 1953, die meine Eltern sorgsam aufgehoben hatten, fand ich die Bilder der pompösen Krönung von Elisabeth II. in England. Ich konnte mich nicht sattsehen an all dem Glanz und Prunk. Dass es so etwas überhaupt gab! Auch die „Bunte“ Zeitschrift lag ab und zu herum. Dort sah ich die Bilder der Ermordung von John F. Kennedy, dem 35. Präsident der Vereinigten Staaten. Er war 22. November 1963 erschossen worden, während einer Fahrt im offenen Wagen durch eine jubelnde Menschenmenge. Es waren Eindrücke aus einer anderen Welt, von der ich noch weit entfernt war.
Zum Glück hatten wir endlich ein Fernsehgerät, als Neil Armstrong im Juli 1969 als erster Mensch auf dem Mond landete. Vorher mussten wir in die Nachbarschaft gehen, wenn es etwas Interessantes zu sehen gab – wie für „Die Höhlenkinder“, ein Film über im Krieg versprengte Kinder, die sich mutterseelenallein auf der Flucht vor dem Feind durchschlugen. Ich glaube das war überhaupt der erste Film, den ich im Fernsehen gesehen habe.
Mit zehn trat ich an das Gymnasium in der Kreisstadt Höchstadt über – neue Freiheiten und neue Freundschaften taten sich auf. In den Familien der Freundinnen ging es irgendwie entspannter, unterhaltsamer zu als bei uns zu Hause. Zumindest war das mein Eindruck. Ich fühlte mich dort wohl, wo viel diskutiert und gelacht wurde. Ich dachte an die todlangweiligen Vorträge meines Vaters über Religion und Politik, die wir über uns ergehen lassen mussten, ohne die Chance zu haben, jemals etwas zu hinterfragen. Dabei war es doch wohl inzwischen wieder legitim, unterschiedliche Meinungen zu haben und diese frei zu äußern. Warum durfte ich das nicht? Aber ich widersprach nicht und hatte wenigstens meine Ruhe. Eine sichere Methode, um die harmonischen Momente nicht zu stören
Eine meiner besten Freundinnen in dieser Zeit war Sigi. Sigi war das Nesthäkchen von Käthe und Adi Dassler, den Firmeninhabern des Sportartikelherstellers adidas. Sigi war ein sehr wohlbehütetes Mädchen und durfte ihre Freundinnen nicht zu Hause besuchen. Umgekehrt war es anders. Ich durfte so viele Nachmittage, wie ich wollte, bei Sigi verbringen. In der Dassler – Villa in Herzogenaurach, im sogenannten „Tee-Zimmer“, stand ein überdimensional langer Esstisch, an dem eine ganze Fußballmannschaft Platz finden musste. Dort machten wir unsere Hausaufgaben und beobachteten dabei kichernd durch einen Türspalt Sigis ältere Schwester Brigitte. Die machte sich gerade fesch für ein Rendezvous mit Franz Beckenbauer beim Oktoberfest in München und versuchte angestrengt, sich in ein buntes Dirndl zu zwängen. Sigi lästerte genüsslich und war überzeugt, dass ihre Schwester sowieso keine Chancen beim „Franzl“ hätte.
Neidisch war ich schon, als Sigi von ihrer Flugreise zur Fußballweltmeisterschaft nach England berichtete und vom Finale der englischen Nationalmannschaft gegen Deutschland im Wembley-Stadion. Überschattet wurde für Sigi das Ereignis nur dadurch, dass es ihr sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückflug regelmäßig speiübel wurde. Selbst das hätte ich gern in Kauf genommen.
In meinem kleinen Leben gab es den ständigen Wettstreit zwischen den kulinarischen Besonderheiten aus Schlesien und Sachsen-Anhalt: Königsberger Klopse gegen schlesische Beamtenstippe, norddeutscher Milchreis mit Zucker und Zimt – original im Bett gekocht – gegen Schlesisches Himmelreich. Die Küche aus Sachsen-Anhalt war verbesserungswürdig, aber die schlesische einfach nur ein Graus. Glücklicherweise kam so langsam Bewegung in unseren Speiseplan:
Die erste grüne Paprikaschote tauchte auf und die ersten Spaghetti mit Tomatensoße. Die Familie des Kon-Rektors, die über uns wohnte, hatte aus dem ersten Italien-Urlaub in Rimini, das Rezept für „Pasta Asciutta“ mitgebracht. Ab dem Zeitpunkt roch es einmal pro Woche im Treppenhaus nach Spaghetti mit Tomatensoße.
Irgendwann war auch die Kanne mit dem kalten Muckefuck-Kaffee aus dem Kühlschrank in der Küche verschwunden. Sie war durch weiße und gelbe Limo ersetzt worden, die der „Limo-Mann“ jetzt alle vierzehn Tage ins Haus lieferte.
Eines Tages fiel mir auf, dass meine Mutter ihre Nylonstrümpfe mit Laufmasche nicht mehr zur Reparatur brachte, sondern sich einfach neue kaufte. Denn das konnte man sich jetzt leisten. Auch dass die Bauern ihr Bier aus dem Bierkeller in der Nachbarschaft nicht mehr mit Pferdewägen, sondern mit dem Traktor holten, fiel mir auf, und dass im Gemischtwarenladen des Dorfes die Papiertüten verschwunden waren, in denen, solange ich denken konnte, Zucker, Mehl und vieles andere abgefüllt worden war. Die Zeiten änderten sich.
Ich muss um die zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als wir einen Sommerausflug an den Bodensee machten. Mit einem Rundfahrtdampfer überquerten wir den See von Meersburg nach Konstanz. Gebannt lauschte ich einer Gruppe junger Leute, die auf dem Deck saßen und „My Bonnie is over the ocean, my Bonnie is over the sea“ auf ihren Gitarren spielten und dazu sangen. Danach wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Gitarre. Als ich fünfzehn war, lag sie endlich zu Weihnachten unter dem Christbaum.
Mit zwölf verknallte ich mich während der Ferien auf der Insel Föhr in Bernd. Bernd war vierzehn und wirkte schon sehr erwachsen. Ich trug den ersten Minirock und mein Pony reichte mir weit über die Augenbrauen, wie bei Anita Pallenberg, der Freundin von Rolling Stone Brian Jones. Natürlich hatte ich auch eine große, dunkle Sonnenbrille auf der Nase, die mich älter und cooler aussehen ließ. Was nicht unbeabsichtigt war, wie ich zugeben muss.
Der Sommerhit „Black is black“ der Band „Los Bravos“ schallte aus allen Eisdielen und Kofferradios, die muskulöse, junge Männer auf ihren Schultern durch die Gegend trugen. Ich sah den schäkernden jungen Leuten hinterher, die den Strand entlang schlenderten und registrierte jede noch so kleine Veränderung in mir. Ich wollte mehr davon. Das erste größere Herzklopfen ließ nicht lange auf sich warten, als ich an einem heißen Sommertag nach einem Schulsportfest meinen ersten Kuss bekam. Ich war dreizehn und Tommy fünfzehn. Heute noch muss ich jedes Mal lächeln, wenn ich an der Straßenecke vorbeikomme und zum tausendsten Mal daran denken muss, wie es damals passierte.
Mein Leben fing an spannender zu werden und ich hatte bald einen Plan: Ich wollte Stewardess werden. Mutti war skeptisch und wollte mir mein Vorhaben ausreden. Das Bild der Flugbegleiterinnen damals war das der jungen Damen, die eben nicht mit Anfang 20 heiraten und sich um Haushalt und Familie kümmern wollten. Ich nehme an, dass das beunruhigend auf meine Mutter wirkte. Diese jungen Frauen waren in ihrer Lebensweise ein Stück freier und flogen in der Weltgeschichte umher. Auch das Image der Stewardess, die allzeit auf Service ausgelegt war, gefiel meiner Mutter gar nicht. Aber ich hatte für die Sorgen meiner Eltern – wie alle Teenager dieser Welt – kein Verständnis. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen.
Irgendwann, Anfang der 70er Jahre, ließ meine Mutter leise anklingen, dass sie gerne wieder in ihrem Beruf als Apothekenhelferin arbeiten würde. Damit war mein Vater genauso wenig einverstanden, wie mit ihrem Wunsch, den Führerschein zu machen. Ich erinnere mich noch gut an die heftigen Diskussionen zwischen meinen Eltern. Da war es vorbei mit Vatis Kosenamen „Lilofee“ für meine Mutter und ich verspürte einen Kloß im Hals, wenn ich hörte, wie er kein gutes Haar mehr an ihr ließ.
Für uns heute unvorstellbar, dass Frauen nur dann erwerbstätig sein durften, „soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war“. Hatte die Frau kleine Kinder zu versorgen, war dies auf jeden Fall nicht mit einer Erwerbstätigkeit vereinbar. So die offizielle Formulierung. Eine Frau war also buchstäblich gefangen in ihrer Ehe und hatte – auch wenn die Ehe nicht gut lief – keinerlei Chance, sich eine eigene Versorgung aufzubauen, für den Fall, sollte die Ehe doch auseinandergehen.
Eine meiner Tanten – die Tanten waren die vier Schwestern meines Vaters – hatte mir von dem sogenannten „Fluchtgeld“ erzählt, das sich viele Frauen damals auf den guten Rat ihrer Mütter und Großmütter hin vom Haushaltsgeld abzwackten und in der hintersten Ecke einer Schublade bunkerten. Heute soll es der nacheheliche Versorgungsausgleich richten. Aber es ist noch immer schwierig, das zu bekommen, was einem durch die lange Zeit, die man nicht erwerbstätig sein konnte, entgangen ist.
Bis 1958 hatte der Ehemann auch das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder. Mein Vater war der Meinung, dass es seinem Ruf als Herrn Rektor schaden würde, wenn meine Mutter wieder arbeitete. Was auch immer er damit meinte. Aber selbst, wenn ein Ehemann seiner Frau erlaubte, zu arbeiten, verwaltete er ihren Lohn. Das änderte sich nur schrittweise. Ohne Zustimmung des Ehemannes durften Frauen kein eigenes Bankkonto eröffnen – noch bis 1962. Kaum zu glauben: Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau endlich als geschäftsfähig angesehen.
Familienzuwachs
Zu unserem allergrößten Glück bekamen wir 1967 noch einmal Familienzuwachs. „Das Mini“ nannte ich ihn geheimniskrämerisch, wenn ich in der Schule von der aufregenden Neuigkeit erzählte und mich dabei sehr wichtig fühlte. Nach der Hausgeburt meines großen Bruders im alten Schwesternwohnhaus und meiner im Konsum in Wilhelmsthal war die Geburt meines kleinen Bruders im August in unserer Familie die erste in einer Klinik.
Er sollte auch gleich an Ort und Stelle in der Kapelle des Krankenhauses zusammen mit ein paar anderen Neugeborenen getauft werden. Da zeigte sich, dass eine Hausgeburt einen unschätzbaren Vorteil hat: Man kann sich nämlich ganz sicher sein, das richtige, das eigene Baby zu haben. Mein Brüderchen dagegen schrappte nur haarscharf daran vorbei, in der falschen Familie aufzuwachsen. Zum Glück hatte eine der Schwestern im allerletzten Moment die Verwechslung bemerkt. Leichenblass im Gesicht hatte sie der Taufpatin das fremde Kind aus dem Arm gerissen und durch das richtige ersetzt.
Mit 14 ging es für mich in die Tanzstunde. Für den Abschlussball wurde ich mit einem netten weißen Kleidchen mit schwarz gepaspelten Rüschen ausstaffiert und frisurentechnisch von der Schwester meiner Freundin Karin, die Friseurin war, verschönert. Mit hochroten Wangen – die Trockenhaube war so heiß, dass man auf meinem Kopf ein Spiegelei hätte braten können – saß ich vor dem Spiegel und sah ungläubig zu, wie aus einem jungen Mädchen eine biedere Matrone wurde. Noch vertraute ich der Friseurin, die doch sicherlich wusste, was sie mit mir vorhatte und wagte keine Einwände. Am Ende hatte ich Korkenzieherlocken, die wie Lametta am Christbaum um mein Gesicht herumbaumelten. Ich war kaum zu Hause angekommen, da schloss ich mich im Badezimmer ein und zerrte und kämmte so lange an diesen unsäglichen Kringellocken, bis man mich wieder einigermaßen erkennen konnte.
Viele Jahre später in Algier, als ich mir für einen Heiligen Abend im Freundeskreis einmal wieder Locken gezwirbelt hatte, meinte meine andere Freundin Karin damals wenig diplomatisch: „Ähm, du siehst aus, wie deine eigene Putzfrau.“ Von da an hat man mich niemals mehr mit Locken gesehen.
Musik hat in meinem Leben schon immer eine gewisse Rolle gespielt. Als Kind spielte ich gerne Flöte, etwas später dann auch Geige – und doch legte ich beide Instrumente irgendwann zur Seite. Eine ganz andere Musik war in mein Leben getreten – und damit die Rebellion. Die Pop-Musik war da!
Freitagabend gab es die „Schlager der Woche“ im Radio zu hören und ich wäre lieber hungrig ins Bett gegangen, als nur ein einziges Lied der wöchentlichen Hitparade zu verpassen. Zuerst waren es Schlagersternchen wie Wencke Myhrre, France Gall und Mireille Matthieu, die mich faszinierten. Dann kamen die Songs von englischen Bands: Die Hermann‘s Hermits, die Monkees, die Beatles, Julie Driscoll – eine neue Zeit war angebrochen. Es war unsere Zeit. Es war die Musik, die wir hören wollten und die nur für uns gemacht war. Bald schwappte der „Flower-Power“-Spirit mit Liedern wie „San Francisco“ zu uns über und wir träumten von Freiheit und einem anderen Leben als das, welches unsere Eltern uns vorgelebt hatten.
Ich entdeckte AFN, das „American Forces Network“, den Sender der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland. Hier wurde ganz andere Musik gespielt – Rock, Blues, Jazz und Country. Allein die Moderation der DJs war ein neues Lebensgefühl. Es kamen lockere, entspannte Sprüche und Spaß über den Äther in unsere piefigen Kinderzimmer.
Als der Beat-Club mit Uschi Nerke am Samstagnachmittag live aus Bremen gesendet wurde, hing bei uns der Haussegen schief. Mein Vater geriet regelrecht in Rage über die „Negermusik“ und diese „schamlose“ Uschi Nerke, die eine Stunde lang in ihren atemberaubend kurzen Mini-Kleidern über den Bildschirm flimmerte.
Ich wurde aufmüpfig und war ziemlich gut darin. In der Schule dagegen waren meine Leistungen mäßig. Folglich musste ich die neunte Klasse wiederholen, was meine Eltern mit erstaunlicher Fassung trugen.
So oft es ging, machte ich mich aus dem Staub. Kaum war ich aus der Tür der elterlichen Wohnung, rollte ich meinen Minirock schamlos noch um einige Zentimeter nach oben und atmete tief durch, erleichtert einmal mehr der bedrückenden Atmosphäre daheim entkommen zu sein.
Um die Ecke wartete bereits mein blondgelockter Schwarm aus dem Nachbardorf, der mich, lässig an seine knatternde Kreidler 503gelehnt, verheißungsvoll anlächelte. Wir fuhren „auf Tanz“ ins Nachbardorf, wo meine Freundin Karin in ihren umwerfend heißen Hotpants umgeben von einer Gruppe Verehrer schon auf uns wartete. Wir ließen nichts aus, Karin und ich. Erst ein paar Tage zuvor waren wir auf einer Party in einem Waldhäuschen, das den Eltern eines Freundes gehörte, gewesen. Nach einem ordentlichen Rausch mit einem ekeligen Gesöff, das „Escorial Grün“ hieß, hatte sich Karin regelrecht die Seele aus dem Leib gekotzt. Wir waren eben Teenager und wollten genau das erleben, was uns unsere Eltern verbieten wollten.
Aber es war nicht so, dass unsere Eltern uns alles verweigerten. Karin und Sabine waren 14, ich war 15 Jahre alt, als uns unsere Eltern erlaubten im Schrebergarten-Häuschen von Karins Eltern ein paar Tage Urlaub zu machen. Der Schrebergarten befand sich direkt am Main, vor den Toren des Weinörtchens Sommerach. Dass so viel Freiheit ausgenutzt werden musste, hätte eigentlich allen klar sein sollen. Vermutlich hatte sich aber keiner unserer Eltern als Spielverderber zeigen wollen. Und so durften wir das erste Mal in unserem Leben allein Urlaub machen.
Der Sonntagnachmittag, als wir an der Straße ein Auto anhielten, das uns nach Sommerach in die Nachmittags-Disco mitnehmen sollte, war höllisch heiß. Das Autoradio spielte „In the year 2525“ und wir Mädels fühlten uns angekommen in unseren fröhlich bunten Papierkleidchen, die gefährlich knapp unterm Po endeten.
Papierkleider zum Wegschmeißen war einer der Modetrends in den „Sixties“. Die Kleider hatten einen einfachen ärmellosen Schnitt in A-Form und sahen auf den ersten Blick gar nicht aus wie Papier, sondern wie ein Baumwollstoff, der mit diesen hypnotisierenden, geometrischen Mustern im „Op-Art-Design“ bedruckt war. Neben der Tatsache, dass die Kleider extrem erschwinglich waren (ich kann mich erinnern, dass ich mir eines der Kleider damals für fünf Deutsche Mark vom „Quelle Versand“ schicken ließ), waren diese Kleider auch noch ultra praktisch. Es gab eine Gebrauchsanweisung dazu und den wichtigen Warnhinweis, dass beim Waschen in der Waschmaschine das Papiergewebe seine flammhemmende Eigenschaft verlieren könnte. Noch viel besser und praktischer war, dass man keine Nadel und keinen Faden brauchte, um das eh schon kurze Kleid noch ein bisschen zu kürzen. Eine Schere, ein bisschen Augenmaß und eine Portion Mut reichten aus.
Mary Quant hatte den Minirock in England erfunden und der französische Modedesigner André Courrèges hatte ihn in die Pariser Haute Couture eingeführt. Der Courrèges-Stil war etwas komplett Neues. Es war dieser „Space-Look“, in Anlehnung an die Weltraumerforschung der 1960er Jahre. Weiße Stoffe mit schwarzen, geometrischen Säumen und Paspelierungen – ich hatte sogar ein paar kurze, weiße Stiefelchen mit schwarzem Pelzrand in diesem Look.
Als ich etwa 16 Jahre alt war, wurde die Luft bei uns zu Hause von Tag zu Tag dicker. Wenn mein Vater liebevoll in sein Tagebuch schrieb, dass „Schnäbelchen“ – damit war ich gemeint – jetzt „einen Spleen hat und putzsüchtig und schnippisch ist“, dann rührt mich das heute an. Die Wertschätzung und Anerkennung, die ich damals gebraucht hätte, ersetzte das aber bei weitem nicht. Mit elterlicher Anerkennung wurde damals eher sparsam umgegangen. Ein Erziehungsprinzip, das ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Wenn es keine Wertschätzung für mich gab, dann war ich es wohl auch nicht wert – so hatte ich es auf jeden Fall abgeleitet und verinnerlicht. Und es hat mich viele Jahre meines Lebens ausgebremst.
Wenn ich jedoch eine Idee hatte, ließ ich mir die nicht so leicht ausreden. Eines Abends saß ich vor der alten rotbraunen Knittax-Strickmaschine, die ich mir von meiner Mutter ausgeborgt hatte, und schob unschlüssig den Schlitten über den vielen kleinen Nadeln, die die Maschen hielten, hin und her. Wenn ich bei diesem Skiurlaub mit den Freunden aus Herzogenaurach im Dezember mitfahren wollte, dann musste ich meine Ringelpulli-Produktion steigern. Und zwar deutlich. Meine Pullis in allen erdenklichen Farbvariationen verkauften sich zwar schon großartig an der Schule, aber ich könnte mit Sicherheit noch einige mehr verkaufen, wenn – ja, wenn ich jemanden hätte, der die Pullis für mich zusammennähen würde. Die Fünfen in Mathe und Latein ließen sich sowieso nicht mehr ändern beschloss ich und engagierte am nächsten Tag eine Freundin, die die fertig gestrickten Einzelteile zu fertigen Pullis zusammennähte. Meine unternehmerischen Qualitäten waren hier zwar schon wieder zu Ende, aber das Geld hatte ich schnell zusammen: Mein allererster Skiurlaub in St. Johann bei Kitzbühel war gesichert.
Mit meinen Vorbildern änderte sich auch mein Frisuren-Geschmack. Kurzentschlossen säbelte ich mir eines Abends in meinem Zimmer mit einer Nagelschere das schulterlange Haar ab – raspelkurz wie das der Sängerin Julie Driscoll oder – falls einem dieser Name nichts sagt – so kurz, wenn auch nicht ganz so gleichmäßig, wie ein englischer Fußballrasen.
Ungeniert rauchend schob ich den Kinderwagen mit meinem kleinen Baby-Bruder Jens durch den Ort und grüßte den Pfarrer einfach überhaupt nicht mehr. Klar, dass meine Eltern wenig „amused“ über ihren renitenten „Backfisch“ waren und doch schienen sie auf einmal gar nichts dagegen zu haben, als ich das Gymnasium mit 17 Jahren abbrach. Ich fand, dass es an der Zeit war meinen Weg allein zu gehen.
Es gab zwei Ausbildungsrichtungen, die für mich in Frage kamen: Die eine war Fremdsprachenkorrespondentin – damit liebäugelte ich ja schon lange. Die andere war eine redaktionelle Ausbildung beim „Fränkischen Tag“ in Bamberg. Mein Vater, der selbst als freier Autor für die Regionalzeitung schrieb, hatte mir ein Vorstellungsgespräch verschafft. Es hätte mir gefallen, eine richtige Ausbildung zur Redakteurin zu machen – aber leider hätte ich da jeden Tag mit dem Zug von Schlüsselfeld nach Bamberg fahren können. An meiner Situation innerhalb der Familie hätte sich nichts geändert. Ich brauchte Abstand.
Erster Aufbruch
Meine Entscheidung fiel daher auf die Auslandskorrespondentenschule Coburg, kurz ASCO. Coburg hatte genau die richtige Entfernung, nämlich knappe 100 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Eindeutig zu weit zum täglichen Pendeln. Meine Eltern fanden ein möbliertes Zimmer für mich bei einer älteren Lehrerswitwe. Ausgestattet mit ein paar Cordhosen, selbstgestrickten Pullovern, einem Kassettenrecorder, mit Tütensuppen, Eiern und Äpfeln wurde ich im Jean-Paul-Weg in Coburg abgeladen. Als die Haustür hinter meinen Eltern zugefallen war und ich aus dem Fenster meines neuen Zimmers in die Zweige des Apfelbaums in dem kleinen Hintergarten blickte, war ich frei. Veränderungen waren schon damals kein Schreckgespenst für mich gewesen. Im Gegenteil – sie waren ein erster Geschmack von Freiheit.
Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg zu der Schule, in der ich mich zwei Jahre lang ausschließlich mit der englischen und französischen Sprache beschäftigen sollte. Ich wusste, dass der erste Schritt getan war und ich meinem Leben eine neue Richtung gegeben hatte. Ich war abgenabelt und überzeugt, dass mich zu Hause ohnehin niemand vermisste. Wenn überhaupt, dann mein niedlicher, kleiner Bruder Jens, unser Nesthäkchen, der damals vier Jahre alt war. Es fühlte sich an wie mein erster grandioser Sieg über diejenigen, die mir so lange im Weg gestanden hatten.
Mit den Mädels aus meiner Schule und den Jungs, die in Coburg am Technischen Polytechnikum – heute heißt es Fachhochschule – studierten, saßen wir nächtelang zusammen. Wir ereiferten uns über Themen wie den Vietnamkrieg, redeten uns in Rage über die imperialistischen USA mit ihren kapitalistischen Machenschaften und hatten doch eigentlich gar nichts verstanden. Unser Held hieß Willy Brandt, der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Für meinen Vater war er schlichtweg ein „Verräter“, der die deutschen Ostgebiete verraten und verkauft hatte. Seine Reaktion, als Willy Brandt im Dezember 1971 den Friedensnobelpreis für seine Ost- und Entspannungspolitik erhielt, musste ich glücklicherweise nicht miterleben.
Im Jahr 1972 machten wir uns auf den Weg zu einem Rockfestival. Das legendäre Woodstock Festival in den USA – zwei Tage voll von „peace and music“ – war gerade mal drei Jahre her und wer wäre damals nicht gern dabei gewesen. Umso mehr hofften wir, dass das deutsche Festival mindestens genauso cool und abgefahren werden würde wie Woodstock.
„Die Jugendlichen werden unser Städtchen zerstören“, klang die Stimme eines ängstlichen Bürgers. Er befürchtete eine „Invasion der Hippies“ als bekannt wurde, dass das „2nd British Rock Meeting“ auf der Insel Grün in Germersheim stattfinden sollte. Wenn man die Bilder vergleicht, dann ging es in Germersheim tatsächlich ähnlich chaotisch zu wie in Woodstock. Geschätzte 60.000 Jugendliche waren angereist und die Polizei hatte größte Schwierigkeiten, die Verkehrslage in den Griff zu bekommen. Ich erinnere mich, dass auch wir ewig weit weg von der Festwiese einen Parkplatz gefunden hatten und unsere Zelte und Rucksäcke mit Essen und Trinken darin, gefühlt kilometerweit schleppten. Vorbei an endlosen Autoschlangen, die die schmale Zufahrtsstraße säumten.
