Wer Hoffnung sät - Chris Fabry - E-Book

Wer Hoffnung sät E-Book

Chris Fabry

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Beschreibung

Karin ist mit einem Pastor verheiratet, hat drei Kinder und lebt in der Kleinstadt Dogwood, West Virginia ein nettes Leben. Doch das seltsam distanzierte Verhalten ihres Mannes irritiert sie mehr und mehr. Ruthie, eine ältere Frau aus Karins Gemeinde, wird ihr eine wichtige Stütze. Doch je mehr die beiden in Karins Vergangenheit vordringen, desto deutlicher wird, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt ... Die Dinge werden nicht einfacher, als Will nach zwölf Jahren Gefängnis nach Dogwood zurückkommt, wo ihn viele noch immer hassen. Denn damals hat er unter Alkoholeinfluss zwei kleine Mädchen überfahren. Jetzt ist sein Plan, endlich das zu Ende zu bringen, was er damals begonnen hatte: Das Traumhaus für seine Traumfrau zu bauen und sie zu heiraten. Nur dass diese Frau niemand anders ist als ... Karin. Dieser Roman von Bestseller-Autor Chris Fabry besticht durch vielschichtige, lebensnahe Charaktere und wurde mit dem renommierten "Christy Award" ausgezeichnet.

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Seitenzahl: 498

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Über den Autor

Chris Fabry wurde mit seinen vielfach preisgekrönten Romanen „Mehr als mein Herz“ und „Junikäfer, flieg“ bekannt. Er ist Vater von neun Kindern, arbeitet neben dem Schreiben als Radiomoderator und lebt mit seiner Familie in Arizona.

Alle Sorgen lassen sich erdulden,wenn man sie in eine Geschichte packtoder eine Geschichte über sie erzählt.

Tania Blixen

Viele Menschen rühmen sich ihrer Güte,aber wer findet einen, auf denVerlass ist?

Sprichwörter 20,6

Teil 1

1 Karin

Ruthie Bowles hat mir einmal gesagt, dass ich sie irgendwann hassen würde, und sie hat recht behalten.

Kennengelernt habe ich Ruthie an einem Dienstagnachmittag nach einer schlaflosen Nacht in meinem begehbaren Kleiderschrank, meinem Zufluchtsort, in dem überall Gedichtbände herumlagen und die vom vielen Lesen völlig zerfledderte Bibel meiner Mutter mit auffällig vielen Eselsohren bei den Psalmen. Die Gedichte halfen mir, bei Verstand zu bleiben, und die Psalmen gaben mir Hoffnung. Das Schlafmittel, das ich nahm, wirkte schon lange nicht mehr.

„Wer gegen Ungeheuer kämpft“, schreibt Nietzsche, „mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Auf diese Aussage stieß ich eines Morgens gegen drei in einer Zitatensammlung und fand sie interessant. Ruthie zitiert zwar nicht Nietzsche, aber wahr ist wahr. Ich bin eine, die in Abgründe schaut und sie studiert.

Als ich Ruthie kennenlernte, ging es mir seelisch sehr schlecht. Das lag an den Fehlern, die ich gemacht hatte, an falschen Freunden und Entscheidungen.

Ich kannte die Frauen in der Nachbarschaft, Namen und Gesichter aus der Gemeinde und der örtlichen Grundschule, aber eine richtig gute Freundin hatte ich nicht, und es bestand auch kaum Aussicht, eine zu finden.

Mein Mann Richard ist Pastor in der Little Brown Church, die, wenn Sie mich fragen, eigentlich gar nicht klein ist und auch eher dunkelrot als braun. Er unterstützt mich sehr. „Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst“, sagt er immer. „Wir machen doch alle hin und wieder schwierige Phasen durch.“

Ich habe es bisher höchstens drei Mal erlebt, dass er nachts nicht schlafen konnte, und wenn ich seinen gleichmäßigen Atem neben mir höre, könnte ich ihn beinahe hassen. Für angstvolle Seelen ist Schlaf nämlich ein Luxus. Seit meiner Kindheit singe ich von „Gottes Gnadenstrom“ und hätte niemals gedacht, dass dieser Strom einmal austrocknen könnte.

Und dann die Gemeinde. Ich hatte mich nach einem Zufluchtsort gesehnt, aber es ist ein Gefängnis daraus geworden. Für mich hat Gemeinde immer in erster Linie etwas mit Beziehungen zu tun gehabt und nicht mit einem Gebäude, aber durch meine seelischen Probleme habe ich mich eher von den Menschen entfernt, als ihnen näherzukommen.

In meinen ersten Nächten in dem Schrank, in dem ich mich verkrochen hatte, als alles über mir zusammenzubrechen schien, habe ich wirklich Angst gehabt, den Verstand zu verlieren. Ich hatte Bilder von Männern in weißen Kitteln vor Augen, die meine Arme fixierten und mich zu einem großen Transporter schoben, während meine Kinder schrien und die Ältesten der Gemeinde kopfschüttelnd zuschauten. Meinen Mann hörte ich sagen: „Sie braucht einfach ein bisschen Zeit. Wir machen doch alle hin und wieder schwere Zeiten durch.“

Und dann kam Ruthie in meine Einsamkeit hineingetippelt – zu einem Zeitpunkt, als Gott meine Seele so kurz hielt, dass weniger gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Die Engel hielten sich die Bäuche vor Lachen über meine Gebete. So viele Engel.

Und Gott schwieg.

Ich hatte das Gefühl, Gott ständig nur im Weg zu stehen, worüber er offenbar so erzürnt war, dass er mich nicht einmal mehr auffordern wollte, endlich zur Seite zu gehen, sondern einfach schwieg. Und so wurde er für mich der ewig Schweigende.

Nicht Gott war anscheinend mein ständiger Begleiter, sondern meine Ängste. Ich redete mir ein, dass er einfach nur im Urlaub war, dass er an diesem Strand mit den vielen Fußspuren unterwegs war und irgendjemand anderen trug als mich. Mein Inneres schrumpfte immer mehr zusammen, bis meine Seele verschrumpelt war wie die Backpflaumen, die Ruthie so liebte.

Ich führte Tagebuch – fragen Sie mich nicht, warum – und das Gefasel darin befasste sich mit all meinen Ängsten und Fragen. Ruthie war die Erste, die mir sagte, dass Gott mich nicht verlassen habe, sondern mich näher zu sich hinzöge, und zwar aus dem Seichten heraus, vorbei am Abgrund, in den Strom seiner Liebe und Barmherzigkeit hinein.

Ja, klar, dachte ich. Gott hatte mich nicht gefragt, ob ich ins Tiefe wollte, und nein, vielen Dank auch, mir gefiel es ganz gut im Seichten. Man kann viel besser spielen, wenn keine Strömung herrscht. In der Mitte verliert man leicht den Halt und die Kontrolle.

Man verliert.

Irgendetwas zog mich zu dieser alten Frau hin. War sie ein getarnter Engel? Das wäre typisch für meine Art von Glück – einen Engel mit Krampfadern zur Seite gestellt zu bekommen. Doch der Hoffnungsschimmer, dass Gott sie geschickt haben könnte, ließ mich weitermachen. Ich wusste ja nicht, dass sie Geheimnisse hatte und einen Schrank voller schlimmer Erinnerungen. Sie hatte schon lange vor mir in den Abgrund geschaut und mit ihren eigenen Ungeheuern gekämpft.

Aber das geht uns wohl allen so.

Ich bin in Dogwood aufgewachsen. Meine Mutter und mein Vater, Cecilia und Robert Ashworth, leben immer noch dort – und auch seine Eltern. Zumindest Wills Mutter.

Als Ruthie und ich das erste Mal zusammen aßen – bei der Mahlzeit, die sie als das „Erste Abendmahl“ bezeichnete – fragte sie mich nach ihm. Ganz unschuldig, zumindest kam es mir damals so vor. Etwas an ihren Fragen hätte mich aufhorchen lassen und darauf bringen müssen, dass sie mehr wusste, als sie zugab. Sie hatte ja keine Ahnung, wie viele „ers“ es vor dem Pastor schon gegeben hatte und auch nicht, dass meine Gedanken immer wieder zu jemandem hingezogen wurden, den ich nie lieben und nie wieder küssen, umarmen oder berühren würde.

„Mein Mann ist ein guter Mensch“, sagte ich. Das klang passend, und ich hoffte, dass sie den Schmerz hinter dieser Antwort nicht bemerkte. Ich wusste, dass ich mich nur mit dem Zweitbesten zufriedengegeben hatte. Mit jemand Sicherem. Treu wie ein alter Hund – aber besser riechend.

Ruthie ließ die Antwort so glatt vorbeigleiten, wie meine Kinder die Rutsche heruntersausten. Wir waren auf dem Spielplatz und schauten ihnen beim Spielen zu. Tammy ist noch bei mir zu Hause, Darren und Callie gehen schon zur Schule.

Ich wechselte das Thema und fragte Ruthie: „Haben Sie Kinder?“

„Ja, aber sie sind schon erwachsen“, antwortete sie. „Eh man sich’s versieht, sind sie flügge. Gerade, wenn man das mit der Erziehung einigermaßen hinbekommt. Aber wahrscheinlich ist es ja genau so gedacht.“

„Und Ihr Mann?“, fragte ich.

„Der hat das Nest auch verlassen“, antwortete sie mit einem Lächeln.

War er tot? Hatte er sie verlassen? „Das tut mir leid“, sagte ich nur.

„Ich erinnere mich noch gut daran, wie es war, als meine Kinder im Alter von Ihrer Kleinen waren. Damals war ich anders. Bin ganz und gar aufgegangen in Schaum.“

„Das verstehe ich nicht. Was meinen Sie damit?“

Ruthie rutschte auf der Bank etwas vor und erklärte: „Na ja, Schaum eben, wie beim Bier vom Fass. Man jagt die ganze Zeit hinter irgendwelchem seichten Zeugs her, das keine Substanz hat. Früher habe ich gedacht, das würde mich glücklich machen und mir Erfüllung bringen. Aber seichtes Zeugs ist nun mal seichtes Zeugs – nicht viel mehr als Luft. Was ich wirklich brauchte, war darunter, auf dem Grund der Seele. Man kann mit Schaum ohne Substanz nicht glücklich werden, jedenfalls nicht lange.“

Sie klang wie ein Prediger oder wie einer dieser Motivationsgurus, die ihre Weisheiten häppchenweise unters Volk bringen. Ich hätte am liebsten umgeschaltet oder wäre gegangen, hätte mir irgendeine Ausrede ausgedacht – wie beispielsweise einen erfundenen Arzttermin, oder dass ich mich um die Wäsche kümmern müsse. Aber es war schon gegen Abend, und ich konnte ihr nichts vormachen. Außerdem hatte sie etwas an sich, das mich zu ihr hinzog. Ob es an ihrer Stimme lag, an ihrem Blick oder auch an der Art, wie sie mitten im Leben zu stehen und zu tanzen schien? Ich weiß es nicht.

„Kommen Sie doch zu mir nach Hause zum Essen“, sagte Ruthie, so wie ein Zauberer ein gebratenes Hühnchen aus dem Hut zieht.

„Das ist wirklich nett von Ihnen, aber …“

„Sie sehen aus, als könnten Sie eine Freundin gebrauchen“, erklärte sie. „Und ich liebe Kinder.“

Als ich noch klein war, spielten mein Bruder und ich immer gern in einem Gebüsch, obwohl meine Mutter es uns verboten hatte. Einmal suchten wir dort nach irgendwas und stießen dabei auf ein riesiges Hornissennest. Bobby Ray rannte los, aber ich blieb wie angewurzelt stehen, gelähmt vom Anblick des Nests und der wimmelnden Insekten. Einen ganzen Monat lang hatte ich Albträume von Hornissen, die jeden Zentimeter meiner bloßen Haut zerstachen.

Eine stach mich tatsächlich und holte mich dadurch aus meiner Schockstarre. Ich rannte mit geschwollenem Arm zu meiner Mutter, die eine frische Zwiebel aus dem Kühlschrank holte, sie in der Mitte durchschnitt und die eine Hälfte auf den Stich legte. Die Zwiebel fühlte sich kalt und glitschig an, aber meine Mutter sagte: „Halt sie an der Stelle fest. Der Zwiebelsaft zieht das Gift heraus.“

Jetzt starre ich auf das Hornissennest namens Leben und habe solche Angst davor, dass ich wie gelähmt bin. Ruthie war diejenige, die das Gift aus meiner Seele zog. Sie wurde meine Lehrerin, und der Klassenraum waren ihr Wohnzimmer oder der Spielplatz im Park. Einige der intensivsten und schwierigsten Lektionen nahmen wir in der Warteschlange an der Supermarktkasse durch.

„Das Leben ist nicht hübsch, deshalb müssen wir es umarmen und das Hässliche rausquetschen“, sagte sie eines Tages.

Sie hatte ja keine Ahnung, wie viel Hässliches es da gab.

2 Danny Boyd

Mein Therapeut sagt, jeder hat eine Geschichte. Hier ist meine.

Ich habe an einem Julimorgen des Jahres 1980 um 7:43 Uhr meine beiden Schwestern umgebracht. Dass es Juli war, weiß ich deshalb noch so genau, weil die Baseballsaison noch nicht einmal halb vorbei war, aber mein Vater die Reds schon aufgegeben hatte. Und dass es 7:43 war, ist belegt, weil meine Uhr stehen geblieben ist, als ich über die Leitplanke sprang. Die Uhr, die ich von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, blieb einfach stehen. Der kleine Zeiger zwischen der Sieben und der Acht und der große zwischen der Acht und der Neun. Aber näher an der Neun.

Das war das Erste, was ich dem Mann erzählt habe, der mir helfen sollte. Er wollte wissen, warum ich sie umgebracht hätte, doch ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Ich nahm aber an, dass er es sowieso schon wusste. Er schien ziemlich viel zu wissen, obwohl er die ganze Zeit nur Fragen stellte.

„Jeder hat eine Geschichte“, sagte der Therapeut also.

Ja, klar.

„Wieso erzählst du mir nicht auch den Rest?“, fragte er.

„Weil ich mich an nicht viel erinnern kann“, antwortete ich.

Er strich sich über seinen Bart. Warum haben eigentlich alle Therapeuten einen Bart? Zumindest in Filmen haben sie immer einen. Therapeuten müssten sich eigentlich rasieren oder wenigstens den Bart ein bisschen stutzen, damit sie nicht aussehen, als hätten sie etwas zu verbergen, oder?

„Du hast sie nicht wirklich umgebracht, nicht wahr?“, fragte er jetzt.

„Doch, das habe ich.“

„Das stimmt nicht“, widersprach er.

„Doch.“

„Dann geh doch noch mal mit mir zusammen zurück zu dem Morgen und erzähl mir, was passiert ist.“

„Warum?“

„Ich möchte gerne hören, wie du es in Erinnerung hast, es noch einmal mit dir gemeinsam durchleben.“

Das konnte ich nicht. Obwohl ich den Anblick und die Geräusche und Gerüche jenes Morgens wohl schon Tausende Male durchlebt hatte – im Schlaf oder vielleicht auch, wenn ich wach war. Keine Ahnung.

Meine kleine Schwester mit ihrem seltsam verdrehten Hals – die Arme lagen seitlich an ihrem Körper, aber der Kopf war verkehrt herum, so als ob sie Faxen machte. Carla war gerade acht geworden. Am 20. Juni. Das Datum kann man sich leicht merken, weil es auch der Geburtstag des Bundesstaates West Virginia ist. Aber an viel mehr darüber erinnere ich mich nicht, außer dass es während des Bürgerkrieges war und wir kein Sklavenstaat sein wollten wie Virginia. Es ist schwer, sich die Einzelheiten zu merken, besonders in einem Test.

Carla hatte zu ihrem Geburtstag ein Cowgirl-Outfit bekommen, und wenn Mama es erlaubt hätte, wäre Carla wahrscheinlich jeden Tag darin herumgelaufen. Als sie das Paket aufmachte, kreischte sie vor Begeisterung und zog auf der Stelle mitten in der Küche ihre Sachen aus, um es anzuprobieren. „Carla!“, sagte Mama, aber meine Schwester ließ sich nicht aufhalten. An dem Morgen, an dem ich sie umgebracht habe, hatten Carla und Tanny frisch gestärkte weiße T-Shirts an und rochen wie eine Million Blumen. Hand in Hand gingen sie in eine Zukunft, die sie nie erleben sollten – und das ist meine Schuld.

Wenn ich an diesen Morgen denke, dann rieche ich noch die ausgelaufene Kühlerflüssigkeit, die da überall war, und ich höre, wie der Motor tickt und zischt. Ich hatte noch nie gesehen, wie stark ein Auto durch den Aufprall eines Menschen beschädigt werden kann. Durch einen Hirsch oder ein Reh schon – aber durch einen Menschen? Besonders, weil es ja noch kleine Kinder waren.

Dann setzte der Wagen ein Stückchen zurück, und meine andere Schwester lag auch darunter. Eine Atemwolke entwich aus ihrem Mund, und sie starrte mich mit glasigem Blick an, als wäre sie krank oder so.

Carla und Tanja lagen tot an der Straße und ich war schuld.

Der Therapeut schaute mich sehr lange mit zusammengepressten Lippen an, und dann sagte er: „Erzähl mir ihre Geschichte.“

Ich dachte, er meinte meine Schwestern, also fing ich an zu erzählen, wie es war, zwei Schwestern zu haben, und wie sehr ich mir einen Bruder gewünscht hatte, mit dem ich mit Autos spielen oder Fahrrad fahren konnte. Auch wenn die Mädchen richtig toll Fahrrad fahren konnten. Carla konnte sogar ein paar von den Sprüngen, die ich auch machte. Wahrscheinlich war sie mutiger als viele Brüder, aber ich wollte trotzdem einen. Und deshalb habe ich wahrscheinlich noch viel schlimmere Schuldgefühle wegen dem, was ich getan hatte.

Dann erzählte ich ihm, wie ich Tanja das Fläschchen geben durfte, als sie noch ein Baby war. Und wie sie mir einmal den ganzen Flascheninhalt auf meinen Baseballhandschuh gespuckt hatte. Ich hätte sie am liebsten gehauen, aber alle haben nur gelacht. Ha-ha. Der Geruch ist nie wieder aus dem Handschuh rausgegangen, und das Leder war ruiniert. Jedes Mal danach, wenn ich bei einem Baseballspiel einen Ball nicht gekriegt habe, habe ich ihr die Schuld gegeben.

Aber als ich so erzählte, habe ich gemerkt, dass mein Therapeut das nicht gemeint hatte. Er wollte gar nicht, dass ich ihm von meinen Schwestern erzählte.

Ich berichtete, wie ich sie auf den Weg mitgenommen hatte, den wir eigentlich nicht gehen durften – die Abkürzung rauf zur 60, einen Schotterweg. Mama hatte uns immer wieder gesagt, dass wir niemals diesen Weg nehmen dürften, wenn wir zu Oma wollten, weil er viel zu gefährlich sei. Wenn sie gewusst hätte, wo wir uns sonst noch überall rumtrieben, hätte sie wohl nicht so viel Angst gehabt, aber wahrscheinlich hatte sie recht. Rückblickend ist es immer einfach zu sehen, wann Leute recht gehabt haben.

Unterwegs erinnerten Tanja und Carla mich daran, dass Mama uns verboten hatte, den Weg zu nehmen, und sie versuchten mich zu überreden, unten am Fluss entlang zu gehen. Aber ich packte ihre Hände und zog sie mit mir. Ich wollte nämlich unbedingt an dem Haus vorbeigehen, in dem das Mädchen mit den roten Haaren wohnte. Sie hatte ein Pferd, und die Jungs in der Schule hatten gesagt, dass sie morgens manchmal noch ritt, bevor ihr Vater aus dem Haus ging. Ich dachte, dass er ein guter Vater sein musste, wenn er ihr erlaubte zu reiten, bevor er zur Arbeit fuhr. In die Nickelfabrik oder zu Union Carbid – keine Ahnung, wo er gearbeitet hat.

Ich konnte es kaum glauben, aber an dem Morgen war das Mädchen mit den roten Haaren tatsächlich draußen, auch wenn sie anscheinend nicht viel Spaß hatte, denn sie weinte und zerrte am Arm ihres Vaters, während er das Pferd in den Anhänger lud. Erst dachte ich, das Pferd müsste vielleicht zum Tierarzt, aber das Mädchen schrie: „Nein! Das kannst du nicht machen!“

Und da musste ich an das Buch Wilbur und Charlotte denken, das Mrs Munroe uns in der vierten Klasse vorgelesen hatte. Alle weinten, als Charlotte starb – ich hoffe, ich verderbe jetzt keinem den Lesespaß. Ich konnte die ersten Zeilen einfach nicht vergessen, wie der Vater mit der Axt zum Schweinestall geht.

Ich hätte dem rothaarigen Mädchen gern geholfen, wäre gerne hingerannt und hätte das Pferd für sie gerettet, damit wir Freunde werden und eines Tages heiraten würden. Wahrscheinlich wollte er das Pferd zur Hundefutterfabrik bringen – oder vielleicht auch zur Leimfabrik. Von meinen Freunden wusste ich, dass man dort alte Pferde hinbrachte. Ich wünschte, dass das, was danach in meiner Geschichte passierte, ihn daran gehindert hat, das alte Pferd umbringen zu lassen, aber das glaube ich nicht.

Der Vater des Mädchens mit den roten Haaren hat zu mir hingeschaut. Ich wollte ein Held sein, aber dann habe ich mich doch nicht getraut, sondern bin mit Carla und Tanja weitergegangen zu dem Weg, den wir eigentlich nicht gehen durften.

Der Therapeut sah mich an, als wüsste er, was ich dachte, als könnte er in mein Innerstes hineinschauen, auch wenn ich weiß, dass das gar nicht geht. So ein Blick, wie man sie in Filmen sieht. Als ob er genau wüsste, was in mir vorging.

„Ich gebe dir jetzt eine Aufgabe“, sagte er.

„Eine Aufgabe?“

„Ja, und jemand, der so intelligent ist wie du, müsste das eigentlich hinbekommen.“ Er drehte sich um, griff nach einem linierten DIN A 5-Block, riss die Seiten ab, die schon beschrieben waren, und warf ihn mir dann in den Schoß.

„Fang am Anfang an“, sagte er. „Und lass nichts aus.“

„Aber ich kann nicht schreiben“, entgegnete ich.

„Erzähl es einfach so, wie es dir in den Sinn kommt und mach dir keine Gedanken wegen der Rechtschreibung. Es muss nicht perfekt sein.“

„Bekomme ich dafür eine Note oder so?“, erkundigte ich mich.

„Möchtest du denn eine?“, fragte er.

„Nein“, antwortete ich.

Daraufhin beugte er sich vor und fragte: „Was willst du, Danny? Was willst du wirklich?“

Ich wollte schreien. Ich wollte, dass mir das Furchtbare, was ich getan hatte, vergeben würde. Ich wollte mich nicht mehr so furchtbar schuldig fühlen. Aber es war ja nun mal meine Schuld. Ich wäre liebend gerne an ihre Stelle getreten, wenn sie dadurch wieder lebendig geworden wären. Ich wollte, dass wir wieder eine Familie waren statt einer Horde wandelnder Leichen, Wesen, die untot durch die Gegend wankten wie die Zombies aus dem Film Die Nacht der lebenden Toten. Ich habe den Film zwar nicht gesehen, aber ein Freund hat mir davon erzählt.

„Jeder hat eine Geschichte“, sagte der Therapeut jetzt noch einmal.

„Was soll das denn bringen, alles aufzuschreiben?“, fragte ich nach.

Daraufhin legte er die Hände zusammen, sodass die Zeigefinger wie ein Kirchturm nach oben zeigten und seine Lippen berührten – rote Lippen mitten in dem Bartgebüsch – und sagte: „Nichts, was gut ist, bleibt verborgen.“

„Aber was schlecht ist, auch nicht. Irgendwann streckt es seinen Kopf raus und beißt einem in den Hintern.“

„Stimmt“, sagte er lächelnd. „Aber es ist immer am besten, es möglichst schnell aufzudecken, damit alle es sehen und anfangen können, es zu verstehen. Damit zu leben. Damit zu arbeiten.“

Ich wünschte, ich könnte lächeln wie er. Als ob ein Licht aus seinen Augen kam, durch das man weit, weit sehen konnte – so weit man wollte, bis zum Ende von etwas. Aber hinter den Fältchen in seinen Augenwinkeln bemerkte ich auch ein ganz klein wenig Traurigkeit. Ich fragte mich, was wohl seine Geschichte war. Was er wohl gesehen und getan hatte. Wieso er Therapeut in einem Kaff wie unserem geworden war, der mit einem Jugendlichen redete, der seine Schwestern umgebracht hatte.

„Du warst damals erst elf“, sagte er.

„Ich hätte es besser wissen müssen. Wenn ich gehorcht hätte, wäre das Ganze nicht passiert, und wir würden Tanjas Geburtstag feiern“, erklärte ich.

Er nickte. „Du hast einen Fehler gemacht, aber du wolltest doch nicht-“

„Ich habe sie umgebracht.“

Sehr lange saß er einfach nur da und sah mich an. Ich hasse es, wenn Erwachsene Kinder anstarren. Der Raum fühlte sich an, als ob er Musik bräuchte, irgendein Hintergrundgeräusch. Wenn er das Fenster öffnete, würde vielleicht ein Vogel zwitschern oder irgendetwas anderes würde die Stille durchbrechen.

Er tippte mit der Spitze des Stiftes auf den Tisch und fragte: „Schreibst du es auf?“

„Habe ich denn eine Wahl?“

Er griff nach dem Block auf meinem Schoß, als wollte er ihn mir wieder wegnehmen, aber ich hielt ihn fest. „Ich kann aber nicht versprechen, dass ich es richtig mache.“

„Glaubst du, dass mir das wichtig ist? Ich möchte es nicht richtig, sondern so, wie es war“, entgegnete er.

„Ich sage nur, dass es sowieso nichts bringt. Was glauben Sie, wie lange ich dafür brauche?“

Er gab mir noch einen Block. „Schreib über sie, bis du so weit bist, darüber zu reden.“

„Moment. Sie meinen doch meine Schwestern, oder …?“

„Jeder hat eine Geschichte“, sagte er. „Erzähl ihre.“

Ich schaute auf die beiden Blöcke mit den perfekten Linien auf den Blättern, die aussahen, als würden sie unendlich weitergehen. Das tun parallele Linien nämlich. Das hat jedenfalls Mrs Arnold im Matheunterricht gesagt. Parallele Linien gehen einfach immer weiter und weiter und weiter und berühren sich niemals. Irgendwie auch traurig. Ich klemmte mir die Blöcke unter den Arm, während seine Worte noch in meinem Kopf nachhallten.

„Aus Schmerz kann etwas Gutes entstehen“, sagte er. „Natürlich ist nicht alles davon gut, aber manches schon. Und die Orte, an die einen der Schmerz führt, sind gute Orte, nicht schlechte. Hab also nie Angst vor den Orten, an die dich der Schmerz führt.“

„Wie beispielsweise ein Krankenhaus?“, fragte ich nach.

Er lächelte.

Ich ging nach Hause und stellte fest, dass er recht hatte. Es hat wirklich jeder eine Geschichte.

3 Will

Justizvollzugsanstalt Clarkston,West Virginia

Ich kann nichts dagegen tun, dass meine Hände unkontrolliert zittern. Genau wie damals bei der Gerichtsverhandlung. Es hilft nicht einmal, wenn ich sie in die Taschen stecke.

Das Neonlicht über mir ist so grell, dass mein Spiegelbild wie ein Geist aussieht. Seit zwölf Jahren meide ich Spiegel. Nur noch zwei Monate, aber ich glaube nicht, dass ich jemals wieder in einen Spiegel schauen kann, ohne mich daran zu erinnern, was passiert ist. Es hat jedenfalls ausgereicht, dass sich auch einem starken Mann der Magen umdreht.

Männer, die zum Präsidenten gewählt werden, ziehen mit dunklem, vollem Haar ins Weiße Haus ein, und wenn sie dann ein paar Jahre später wieder ausziehen, sehen sie zwanzig Jahre älter aus. Ich hätte die Zeit allerdings wesentlich lieber im Weißen Haus als in Clarkston verbracht. Als ich dieses weiße Haus hier betreten habe, wog ich knapp neunzig Kilo, und ich kann froh sein, wenn es bei meiner Entlassung noch siebzig sind.

Trost finde ich nur, wenn ich die Augen zumache und an zu Hause denke. Daran, was die Nachbarn wohl machen, ans Angeln mit Onkel Luther – oder mit meinem Vater –, auch wenn ich das nie wieder erleben werde.

Es gibt Leute dort, die noch in der Grundschule waren, als ich weg bin. Jetzt sind sie mit dem College fertig – oder eben im Gefängnis. Vielleicht auch mit dem College fertig und im Gefängnis.

Der Stuhl quietschte, als ich mich vorbeugte und meine Ellenbogen auf der Resopalplatte des Tisches abstützte. Der Brief war letzte Woche gekommen. Die Formulierung war ein bisschen verwirrend, aber ich habe verstanden, dass sie mich besuchen kommen würde. Und jetzt sitze ich mit einem Knoten im Magen hier und bekomme einfach nicht in meinen Kopf, dass das wirklich passieren soll.

In meinen ersten beiden Monaten hier habe ich Briefe geschrieben, in denen ich ihr mein Herz ausgeschüttet und meine Gefühle beschrieben habe. Die Hälfte davon habe ich weggeworfen, weil ich entweder zu viel oder zu wenig gesagt hatte. Die andere Hälfte habe ich abgeschickt.

Doch auf keinen einzigen habe ich eine Antwort bekommen.

Natürlich sind mir Gerüchte zu Ohren gekommen. Wilde Gerüchte, dass sie weggezogen sei oder dass sie schwanger geworden sei und heiraten musste. Mein Bruder Carson hat sie übel beschimpft mit Ausdrücken, die ich hier gar nicht wiederholen kann. Aber ich habe in den letzten zwölf Jahren jeden wachen Moment an sie gedacht.

Am Ende der Reihe mit Stühlen prallt eine Stimme an dem zerschrammten Plexiglas ab. Tränen. Hände, die einander fassen. Ein Häftling, der falsch beschuldigt wurde. Eine weinende Mutter. Ich kenne das alles mittlerweile nur zu gut.

Ich kann aber nicht leugnen, dass ich auch einen Funken Hoffnung habe. Nach einem Jahr habe ich aufgehört, die Briefe abzuschicken, aber aufgehört zu schreiben habe ich nie. Und auch nicht, sie zu lieben. Es gibt Dinge, die ich tun muss, wenn ich wieder rauskomme. Schwere Dinge. Es gibt Menschen, denen ich gegenübertreten muss. Aber wenn ich sie noch einmal sehen kann …

Zwölf Jahre lang habe ich jeden Abend das Licht ausgemacht, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und bin in einen Traum hineingedriftet, den Traum von einem Haus auf einem Hügel, mit Blick auf eine Wiese und bewaldete Hänge bis zum Horizont. Ich komme von der Arbeit, bleibe stehen und nehme ein Kind auf den Arm, das mir entgegengerannt kommt. Dann taucht sie auf der Veranda auf, entspannt in Sandalen mit einem Glas Eistee in der Hand, und lächelt mich und das Kind an. Ich sehne mich danach, dass dieser Traum wahr wird, aber mir ist sehr bewusst, dass es nur ein Traum ist.

Jemand bewegte sich hinter mir, und ich drehte mich mit einem Ruck um. Das ist ein Reflex, den ich entwickelt habe, um hier zu überleben.

„Immer mit der Ruhe“, sagte der Vollzugsbeamte und hob die Hände. „Ich habe gerade gehört, dass sie da sind.“

Ich nickte. „Danke.“

4 Bobby Ray

Es war nicht das, was ich erwartet hatte. Ich ging durch die Polizeistation und fand einen grünen Schreibtisch vor, der aussah, als wäre er nach Vietnam und wieder zurück geschleppt worden.

„Ihre Uniform ist noch in der Reinigung“, sagte die Sekretärin Maggie, eine Brünette, die einmal blond und jetzt rot gefärbt war. Sie hätte eigentlich richtig hübsch sein können, aber inzwischen bestand sie nur aus Dekolleté und breiten Hüften und machte wie zum Selbstschutz ständig irgendwelche Witze über ihr Gewicht. Ich merkte schnell, dass die anderen auf dem Revier nur zu gern die gleiche Art von Witzen über sie machten, besonders Wes, ein Streifenpolizist, der nur nachts arbeitete. Er war spindeldürr, hatte Augen wie ein Wiesel und einen Gang, als gehöre ihm die ganze Welt.

„Du solltest heute mit ins Blue Moon kommen“, sagte Wes zu ihr und zwinkerte mir dabei zu. „Da findet ein Wet-T-Shirt Contest statt, und ich bin ganz sicher …“

„Jetzt hör endlich auf damit. Schon mal was von sexueller Belästigung gehört?“

„Ich habe noch nie sexuelle Belästigung erlebt, die mir nicht gefallen hätte“, entgegnete er nur.

Zum Glück ertönte jetzt ein akustisches Signal und die Tür ging auf. Zwei Männer kamen herein, von denen der Ältere aussah, wie ich mir Mose vorstellte. Er hatte ein glattes, echsenhaftes Gesicht und roch, als hätte er sich gerade beim Barbier rasieren lassen. Seine Schläfen wurden schon grau, der Rest seiner Haare war hellbraun, so wie eine unserer Katzen in der Scheune. Der Mann hatte einen Brustkorb wie ein Scheunentor und die Körperhaltung eines Profiboxers.

Der zweite Mann war jünger, hatte aber die gleiche stämmige Statur und einen ebenso gewaltigen Brustkorb. Sein Haar war kurz geschnitten und er trug einen dunklen Schnurrbart.

„Morgen, Chief“, sagte Maggie. „Das sage ich ja heute wahrscheinlich zum letzten Mal zu Ihnen, oder?“

Der Mann legte seine Hand auf den Tresen. „Aber für Sie bleibe ich doch trotzdem immer der Chief, Maggie, oder?“

„Ja, wahrscheinlich schon“, antwortete sie lächelnd.

„Das stört dich doch nicht, oder, mein Junge?“, fragte er dann und drehte sich zu dem anderen Mann um, der hinter ihm stand.

Der hieß Eddie, und ich hatte ihn schon kennengelernt, als ich einen Monat zuvor zum Vorstellungsgespräch da gewesen war. Desinteressiert sah er kurz die Briefe und Papiere in seinem Posteingangsfach durch und antwortete wie beiläufig: „Solange mein Gehalt stimmt, ist es mir egal, wie du ihn nennst.“

Der Chief drehte sich mit einem strahlenden Lächeln wieder um und fragte dann den anderen anwesenden Polizisten: „Und, Wes, alles gut gelaufen letzte Nacht?“

„War alles ruhig, Sir. Habe nur drüben in der Virginia Avenue zwei Teenager auf dem Rücksitz von einem Ford Focus beim Rummachen erwischt.“

Als der Chief lachte, konnte man den Kaugummi an seinen Zähnen kleben sehen. „Da ist ja nicht gerade viel Platz auf dem Rücksitz“, bemerkte er. „Klingt jedenfalls ungemütlich. Hast du sie aufgeschrieben?“

„Nee, der Junge war der kleine Bruder von ’nem Freund. Ich habe ihm nur ordentlich Angst eingejagt und dann gesagt, er soll die beschlagenen Scheiben abwischen und Land gewinnen.“

Jetzt kam der Chief auf mich zu und sagte: „Sie müssen Bobby Ray sein.“

„Ja, Sir. Und es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Sir.“

Er gab mir die Hand, die kalt und überraschend weich war. „Sie sind Cecilias und Roberts Junge, nicht wahr?“, fragte er.

„Ja, Sir.“

„Und Sie haben eine Schwester, die ein bisschen älter ist als Sie, richtig?“

„Ja, Karin.“

„Wie geht es ihr denn?“

„Danke, ganz gut, mit Höhen und Tiefen“, erklärte ich.

„Das geht uns doch allen so, oder?“, bemerkte er. Er nahm sich ein Bonbon aus dem Schälchen auf Maggies Schreibtisch und wickelte es aus. „Also, ich gebe den Staffelstab an jemanden weiter, auf den Sie sich verlassen können. Ich wäre nicht in den Ruhestand gegangen, wenn ich nicht sicher wäre, dass ich das Revier in gute Hände abgebe.“

„Recht so, Chief“, sagte Wes.

Der Chief nickte. „Ja, Eddie hier hat bei den Besten gelernt, wenn ich das so sagen darf.“

Eddie stand mit aufgekrempelten Ärmeln und einem Grinsen im Gesicht da, als nähme er dem Chief die Komplimente nicht so recht ab. Auf dem Namensschild unter dem Sheriffstern stand „Buret“, und er sah aus wie ein einsamer Bulle auf offenem Feld, mit Oberarmen, die so dick waren wie meine Oberschenkel. Er schüttelte mir die Hand – genau so fest wie sein Vater – und sagte: „Schön, Sie wiederzusehen. Willkommen bei der Polizei.“

In dem Moment klingelte das Telefon. Maggie legte die Hand auf den Hörer und sagte: „Es ist der Bürgermeister, Chief.“

„Räum gefälligst dein Büro, alter Mann“, sagte Eddie. „Ich möchte heute Nachmittag einziehen.“

Der Chief schüttelte daraufhin nur den Kopf und schloss die Tür. Durch die Scheibe konnte ich hören, wie er sagte: „Hallo, Bürgermeister. Wie geht’s denn so?“

„Kommen Sie mit zu dem Frühstück, Wes?“, fragte Eddie.

„Wenn sie hier ohne mich auskommen, gern“, antwortete er.

Daraufhin drehte sich Eddie zu mir um und sagte: „Ich hatte mir gedacht, dass Sie hier die Stellung halten, während wir den alten Sack verabschieden.“

„Ja, klar.“

„Ich lasse mein Funkgerät an, nur für alle Fälle“, versprach er.

„Aber ich habe noch gar keine Uniform.“

„Das macht nichts. Sie sitzen ja nur am Telefon. Maggie kommt nämlich auch mit“, verkündete er und zog dann die Schreibtischschublade auf, aus der er einen Gürtel mit einer Dienstwaffe, Tränengas, Funkgerät und einen Schlagstock nahm und außerdem ein silbernes Dienstabzeichen in einem Lederetui.

„Ihre Uniform holen wir auf dem Rückweg vom Restaurant aus der Reinigung ab. Noch Fragen?“

„Was ist, wenn ein Notfall gemeldet wird?“

Er schrieb die Nummer des Restaurants auf und sagte: „Aber es wird niemand anrufen.“

Ich trug gerade einen Pappkarton mit meinen Sachen herein, als die vier in die beiden Streifenwagen stiegen und mit quietschenden Reifen davonfuhren. Eddie hatte sogar das Blaulicht eingeschaltet. Eine letzte Ehrenrunde für den alten Chief, nahm ich an.

Ich richtete mich an dem Schreibtisch in der Ecke ein und ging die Schubladen durch, um zu sehen, was darin war. Eddie hatte mir bei dem Vorstellungsgespräch gesagt, dass mein Vorgänger eine Stelle in Charleston angenommen habe. Seine Fragen hatte ich offenbar zu seiner Zufriedenheit beantwortet, und außerdem wusste er ja, dass ich aus dem Ort stammte und wusste, wie die Menschen hier tickten.

„Dogwood, wird nie eine große Stadt werden“, hatte Eddie damals gesagt. „Und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Ich möchte, dass hier alles so ruhig bleibt, wie es immer gewesen ist.“

Ich stellte das gerahmte Foto von Lynda und mir auf, einen Schnappschuss, der in unseren Flitterwochen in einem Nationalpark ganz in der Nähe gemacht worden war. Und dann noch ein Foto, das erst ein paar Monate alt war. Darauf hat Lynda schon einen deutlich sichtbaren Babybauch, auf den ich meine Hand gelegt hatte. Die Schwangerschaft war ein weiterer Grund, weshalb ich diesen Job so schnell angenommen hatte. Ich brauchte ein geregeltes Einkommen für meine Familie.

Auf einem dritten gerahmten Foto ist jede Menge Sand zu sehen und meine Kumpels, die mit markigem Gesichtsausdruck neben einem Kampfhubschrauber stehen. Nach dem Militärdienst hatte ich die Offiziersausbildung absolviert und einen Job ergattert, aber wo jetzt Orson – mein Kosename für das Baby – unterwegs war und die Großeltern schon ganz wild auf ihr erstes Enkelkind waren, schien es eine gute Idee, wieder hierherzuziehen. Lyndas Eltern leben nur eine Viertelstunde entfernt, sodass dieser Schritt eigentlich nur vernünftig schien. Wir fanden ein Haus – die alte Benedict-Farm war in mehrere Parzellen aufgeteilt worden – und mit unserem Ersparten und ein bisschen Unterstützung von beiden Elternpaaren konnten wir uns die Anzahlung leisten. Bis ich mit der Renovierung fertig war, konnten wir bei Lyndas Eltern wohnen. Die Renovierung stellte sich dann allerdings als sehr viel aufwendiger heraus, als wir gedacht hatten. Die Wasserleitungen waren in desolatem Zustand und das Dach war an vielen Stellen undicht – aber ich war optimistisch, dass es rechtzeitig vor der Geburt des Babys fertig werden würde.

Auf dem letzten Foto, das ich auf meinen Schreibtisch stellte, waren Karin und ich als Kinder abgebildet. Das Bild war zu Halloween entstanden, als ich sechs war und sie zehn. Sie hat ein Ballerinakostüm mit Tutu an, ich halte einen Motorradhelm in der Hand und trage ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Nr 43“, weil ich als Rennfahrer Richard Petty ging. Wange an Wange schauen wir in die Kamera. Ich bin froh, dass ich ein Foto von Karin habe, auf dem sie lächelt und glücklich ist.

Erneut war jetzt das Klingeln der Eingangstür zu hören, und zwei Frauen kamen herein. Die jüngere der beiden trug enge abgeschnittene Jeans, und ihre Bluse war vorn zusammengeknotet, sodass man ihre straffen Bauchmuskeln sehen konnte. Ihr aschblondes Haar hing glatt herunter. Sie hatte einen Schmollmund, ganz leicht vorstehende Zähne und einen bösen Raucherhusten.

Die ältere Frau war sehr dick, hatte ein Grübchen im Kinn und dunkles Haar mit grauen Strähnen. Ihre Arme sahen aus wie die des Michelin-Männchens, und sie trug Kunstfaserleggings, die beim Gehen knisterten.

„Kann ich Ihnen helfen, meine Damen?“

„Wo ist Eddie?“, erkundigte sich die ältere der beiden.

„Er ist für ein paar Stunden weg. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

„Sind Sie der Neue?“, fragte sie.

Ich gab ihr die Hand zur Begrüßung und stellte mich vor. „Ich bin Bobby Ray Ashworth. Meine Uniform ist noch nicht fertig.“

„Sind Sie Roberts und Cecilias Sohn?“, fragte sie nach.

„Ja, genau.“

Sie musterte mich einmal von oben bis unten und bemerkte dabei meinen Ehering. „Ach je, Doris Jean, die Guten sind immer schon vergeben“, erklärte sie.

Die andere Frau hob ihre eine Hand mit nikotingelben Fingern und sagte: „Wir sind wegen meinem Bruder Arron hier.“

Die Ältere stellte sich jetzt als Emma Spurlock vor, Mutter von Arron und Doris Jean. Ich hatte diesen Familiennamen schon seit Jahren immer wieder im Zusammenhang mit Diebstählen, Vandalismus und Brandstiftung gehört. Die Spurlocks hatten so viele Kinder, dass man sich erzählte, wenn man einen Stein auf das Wellblechdach ihres Hauses warf, kämen tagelang Kinder rausgerannt. Jedes Mal, wenn wieder eines der Kinder das Alter erreicht hatte, in dem es Streichhölzer anzünden oder ein Einwegfeuerzeug bedienen konnte, wurde die Feuerwehr darüber informiert.

„Ich habe Arron jetzt schon vor zwei Tagen als vermisst gemeldet“, sagte die ältere der beiden Frauen. „Aber ich habe immer noch nichts von Eddie gehört.“

Ich fand sofort den richtigen Aktenschrank und war beeindruckt von Maggies Ablage. Das hatte ich nicht erwartet. Doch der Ordner für die Vermisstenmeldungen war leer. Ich bat Mutter und Tochter, einen Moment zu warten, ging in Eddies Büro und schaute dort die Papiere auf seinem Schreibtisch durch, doch auch dort fand ich nichts.

„Wie gesagt ist heute mein erster Arbeitstag“, erklärte ich. „Ich notiere mir Ihre Nummer und sage Eddie, dass er sich bei Ihnen melden soll, sobald er zurück ist, ja?“

„Wir haben noch mehr Informationen für ihn“, sagte Doris Jean.

„Wie lange ist Arron denn schon weg?“

„Seit dem letzten Wochenende. Er hat um acht Feierabend gemacht und ist dann rüber in die Billardhalle. Danach hat ihn niemand mehr gesehen, und nach Hause gekommen ist er auch nicht“, berichtete Doris Jean.

„Das haben wir aber alles schon Eddie erzählt“, fügte Mrs Spurlock hinzu.

Ich notierte mir ihre Telefonnummer und klebte den Zettel an Eddies Bürotür.

„Arron ist ein guter Junge, der schwer arbeitet“, sagte Mrs Spurlock.

„Wo arbeitet er denn?“, erkundigte ich mich.

„Drüben in der Exxon-Tankstelle. Jetzt schon seit fast fünf Jahren. Ich bin ganz krank vor Sorge.“

Ich nickte und versprach: „Wir tun, was wir können, Mrs Spurlock.“

5 Karin

Ruthie kam ins Gemeindebüro, die schwarze Handtasche über dem Arm, als hätte sie einen Termin mit Gott höchstpersönlich, und wollte mit mir sprechen. Ich saß gerade mit den Mitarbeiterinnen der Frauenarbeit zur Planung des nächsten Frauenfrühstücks zusammen. Schnell entschuldigte ich mich, ging hinaus auf den Gang zu Ruthie und dann mit ihr in das Büro meines Mannes. Richard arbeitete zu Hause an einer Predigt oder am Jahreshaushalt der Gemeinde. Ich schloss die Tür, und wir setzten uns einander gegenüber in die Sessel vor seinem Schreibtisch. Sie sah durch mich hindurch, und ich schaute intensiv den Buchrücken eines Wälzers mit dem Titel Bibelwissen für Laien an.

„Was gibt’s denn?“, fragte ich.

„Du bist vor ein paar Tagen bei mir gewesen“, antwortete sie. „Was wolltest du?“

Aha, wir waren also jetzt per Du. Ruthie war mindestens siebzig, hatte schütteres graues Haar, und die Haut an ihrem Hals hing in schlaffen Falten herunter wie bei einem Truthahn. Ihre Augen waren leicht zusammengekniffen, so wie man es bei Pulitzerpreisträgern sieht, denen der Schmerz darüber ins Gesicht geschrieben steht, dass sie zu viel von der Welt gesehen haben, weil sie über die tieferen Dinge des Lebens schreiben. Ihr Blick ließ mir das Lächeln auf dem Gesicht erfrieren, und mir war klar, dass sie etwas wusste.

„Du standest auf der Einladungsliste und hast kein Telefon“, antwortete ich.

Ruthie kniff die Augen noch ein bisschen mehr zusammen und fragte: „Einladungsliste für was?“

„Für das Frauenfrühstück. Ich bin in der Vorbereitungsgruppe, und wir versuchen …“

„Ist das nicht erst im Mai?“, unterbrach sie mich. „Das ist doch noch über einen Monat hin.“

„Ja, das stimmt, aber wir versuchen, so früh wie möglich einzuladen“, erklärte ich. Ich zählte einige Einzelheiten der geplanten Veranstaltung auf – die Referentin, was es zu Essen geben würde, die Kinderbetreuung –, aber als ich mit meinem Sermon fertig war, bedachte mich Ruthie nur wieder mit diesem typischen Blick.

„Was stimmt eigentlich nicht mit dir?“, fragte sie dann unvermittelt.

„Wie bitte?“, fragte ich verblüfft.

Sie öffnete ihre Handtasche, holte ein Tuch heraus und nahm ihre Brille ab, woraufhin an ihrem Nasenrücken zwei rote Druckstellen zu sehen waren. Ausgiebig putzte sie die Gläser und setzte die Brille dann wieder auf. „Irgendetwas ist los“, erklärte sie, „und Gott schickt mich, um herauszufinden, was es ist.“

Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, dem Raum würde sämtlicher Sauerstoff entzogen, und ich musste ein paarmal ganz bewusst durch den Mund Luft holen. Natürlich stimmte etwas nicht – stimmte ganz furchtbar nicht. Aber nur Gott und ich wussten davon, und er weihte mich nicht ein, was es war.

„Betrügst du deinen Mann?“, fragte Ruthie.

„Natürlich nicht! Wie kommst du denn darauf?“

Ruthie steckte das Tuch wieder zurück in die Handtasche. Wenn jeder so sparsam mit Papiertüchern umginge wie Ruthie, dann wäre Kleenex längst pleite.

„Es hat mich ziemlich viel Überwindung gekostet, hierherzukommen. Frag die Damen da drinnen, die werden dir sagen, wie lange ich schon nicht mehr hier gewesen bin. Und wenn du meine Hilfe nicht willst, dann ist das auch in Ordnung“, erklärte sie.

„Hat Richard dich geschickt?“, erkundigte ich mich.

Ruthie schloss die Handtasche, stand auf und hängte sich ihren Gehstock mit dem Griff über den Arm. „Niemand außer Jesus selbst könnte mich hierherbringen. Wenn du reden möchtest, komm zu mir. Morgen um vier.“ Und mit diesen Worten humpelte sie davon.

Als ich wieder zu den anderen Frauen ging, war Constance Weldon gerade dabei, die Bücher aufzuzählen, die unsere Referentin geschrieben hatte. „Was ist denn los, Karin? Sie sehen ja aus, als wären Sie gerade einem Gespenst begegnet“, sagte sie, als sie von ihrer Liste aufblickte.

Ich antwortete, ich hätte gerade Besuch von Ruthie Bowles gehabt, woraufhin sich die Frauen nur vielsagend ansahen. Schließlich strich Constance mit der Hand über ihren Notizblock und erklärte: „Ruthie ist einer von unseren wohlmeinenden Drachen.“

„Und was heißt das?“

„Sie meint es gut, aber so ganz alle Tassen im Schrank hat sie nicht mehr.“

Lucille Collander, die mitfühlendste der Bande, schüttelte den Kopf so heftig, dass Haare herabfielen. „Ach, sie hat auch viel Schweres hinter sich. Ich halte ihr zugute-“

Aber Constance unterbrach sie ziemlich rüde: „Wir wollen doch wieder zur Sache kommen, ja?“

Das Treffen nahm seinen Lauf, doch ich konnte an nichts anderes mehr denken als an Ruthie.

Als sich an diesem Abend die Kinder eine Weile allein beschäftigten, fragte mich Richard, wie mein Tag gewesen sei. Ich erzählte ihm von Ruthie, und er sagte, er habe schon davon gehört. Genau genommen hatte er andere über sie reden hören.

„Hast du letzte Nacht geschlafen?“, fragte er, offenbar um das Thema zu wechseln.

„Lange genug.“

„Möchtest du über irgendetwas reden?“

Ich gähnte und sagte: „Es war ein langer Tag.“

Diese Nacht war die Schlimmste. Manche Leute gehen mit Schlaflosigkeit produktiv um, indem sie die Zeit nutzen, um beispielsweise Fotoalben zu gestalten, aber ich geriet immer wieder in diese endlosen Gedankenschleifen, in denen ich dann festhing und beinah den Verstand verlor. Und dann kam ein noch schlimmerer Gedanke: Was, wenn ich meinen Glauben verlor? Wozu nützt denn ein Verstand noch, wenn man keinen Glauben mehr hat?

Als ich schließlich einschlief, träumte ich. Es war derselbe Traum, den ich schon seit Jahren immer und immer wieder träumte, wie eine verschlüsselte Botschaft …

Ich stehe vor meinem Elternhaus, vor dem der Labrador angekettet ist. Sein Fell hat die Farbe von Erde, und an seinen Lefzen hängt Erde. Hechelnd liegt er da und beachtet mich nicht – als wäre ich unsichtbar.

Mit einem Säugling im Arm stehe ich vor der Tür, klopfe an und warte. Das Baby ist ein Neugeborenes, winzig, rosig und federleicht. In den drei Hickory-Bäumen vor dem Haus zwitschert ein Vogel und hüpft von Ast zu Ast. Der mittlere Baum ist groß und breitet die Zweige aus, als begrüße er etwas – oder jemanden.

Mein Vater öffnet die Tür. Er wirkt älter, rundlicher, und seine Haare weichen von einer kahlen Stelle aus immer weiter zurück wie Soldaten, die von einem Frontalangriff überwältigt worden sind. Seine Zähne sind gelb von Kaffee, und sein Hemd hat Schweißflecken. Seine Augen sind Teiche der Erinnerung, ein Ozean voller Weisheit – wenn ich ihn nur erreichen könnte!

Er sieht das Baby, lächelt und nimmt es mir mit seinen starken Händen ab. Ich habe noch nie erlebt, dass mein Vater sich so um etwas kümmert, und ich gebe das Baby bereitwillig, fast gleichgültig an ihn ab. Ich bin froh, dass ich es los bin. Erleichtert.

Ich suche in der Küche nach meiner Mutter, aber sie ist nicht da. In dem Gang, der auf die Rückseite des Hauses führt, ist es dunkel. Ich muss mit ihr reden. In Zeiten wie diesen ist sie meine Stütze. Sie weiß immer, was zu sagen ist und was nicht. Trost und Frieden in einer Baumwollkittelschürze.

Ich gehe wieder ins Wohnzimmer, wo mein Vater sich über mein stilles Kind beugt, Gesichter schneidet, lächelt, gurrende Laute von sich gibt und versucht, ihm irgendeine Reaktion zu entlocken. Ein Defibrillator in Menschengestalt.

Ich schaue mir die Szene an, und ein Gefühl von Verzweiflung, Versagen und Widerwillen überwältigt mich. Die Kleine interessiert mich nicht. Weder liebe noch hasse ich sie. Es ist mir egal, was aus ihr wird. Ich habe keine Vorstellung von ihrer Zukunft, aber ich empfinde auch keine Reue darüber, wie sie auf die Welt gekommen ist. Sie hat keinerlei Bedeutung für mein Leben, und darüber bin ich entsetzt.

Mein Vater beschäftigt sich intensiv mit ihr. Er kann sich gar nicht von ihr losreißen. Er ist schon allein von dem Gedanken an die Kleine völlig hingerissen.

„Ich muss gehen“, bringe ich mit erstickter Stimme heraus.

Seine Miene wird weich in einer Mischung aus Traurigkeit und Liebe. Es fühlt sich an, als würde er mir direkt ins Herz schauen. „Ich weiß“, sagt er. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater jemals so liebevoll und einfühlsam gewesen ist. „Ich passe auf sie auf, bis du wieder da bist“, sagt er. „Bis du so weit bist“, fügt er noch hinzu.

Ich drehe mich um und verlasse sie ohne zu zögern und auch ohne Bedauern, gehe an dem Hund vorbei, zwischen den Bäumen hindurch, und die Straße erstreckt sich weiter vor mir, als das Auge reicht.

6 Will

In dem Plexiglas sind münzgroße Löcher, und ich muss mich beherrschen, nicht den Finger hineinzustecken, während ich im Kopf die Liste der Personen durchgehe, die mich möglicherweise besuchen könnten. In den zwölf Jahren, die ich jetzt hier bin, ist nur eine Handvoll Menschen hier gewesen. Vielleicht ist es ja Carson.

Meine Mutter war nach der Beerdigung meines Vaters da, um mir Fotos zu zeigen. „Ich nehme an, du hast das von Karin gehört“, hatte sie gesagt und den Kopf geschüttelt.

„Mama …“

„Ich weiß, du willst es nicht hören, aber-“

„Ein Tod in meinem Leben reicht mir im Moment. Bitte“, hatte ich sie angefleht.

Daraufhin schob sie mir die Fotos durch den schmalen Schlitz unter der Scheibe hindurch zu, und ich fühlte mich wie ein Bankangestellter, der eine Einzahlung entgegennimmt.

Beim ersten Hinsehen sahen die Bilder grässlich aus. Inzwischen hole ich sie manchmal schon hervor, wenn ich einsam bin, und versuche, mich an die Namen der Menschen mit schlecht sitzenden Anzügen und fettigem Haar zu erinnern, die darauf abgebildet sind. Landleute. Gute, anständige Leute.

Auf einem der Fotos erkenne ich meine Sonntagsschullehrerin aus der kleinen Kirche an der Ecke wieder. Von Mrs Gilfillen bekamen wir damals die Aufgabe, alle Bücher der Bibel auswendig zu lernen, und ich quälte mich schon allein Wochen damit ab, die kleinen Propheten nicht durcheinanderzubringen. Und dann vergaß ich Sacharja. Für manche klangen diese Namen sicher wie aus einer anderen Welt, aber ich hörte sie jeden Tag: Amos, Micha, Obadja – das waren Namen von Männern, mit denen mein Vater beim Barbier oder im Futtermittelladen sprach.

Ich versuchte mir die Tränen zu verkneifen, als Mrs Gilfillen den Siegern des Wettbewerbs die Preise überreichte, aber ich schniefte dabei so laut, dass alle lachen mussten. Es war nicht das letzte Mal, dass ich dieses Gefühl hatte.

Auf mehreren Fotos, die meine Mutter bei diesem Besuch im Gefängnis mitbrachte, war der Leichnam meines Vaters zu sehen – die runzeligen, abgearbeiteten Hände auf der Brust gefaltet und ohne die Brille, die ihm immer ganz weit unten auf die Nasenspitze gerutscht war, wenn er Zeitung las oder Kreuzworträtsel löste. Im Sarg trug er den einzigen Anzug, den er meines Wissens besaß – einen schwarzen Nadelstreifenanzug. So nah ich mir das Foto auch vor die Augen hielt, ich konnte sein Gesicht nicht erkennen. Um es vor mir sehen zu können, mit der Zahnlücke, die deutlich zu sehen war, wenn er lachte, musste ich die Augen schließen.

Der Geiz dieses Mannes war legendär – 5 Prozent Trinkgeld waren in seiner Welt ein gutes Trinkgeld. Als er einmal einen entzündeten Zahn hatte, ließ er sich sehr zögerlich und widerwillig zur Praxis des Zahnarztes fahren. Carson erzählte später, was damals passierte, und ich wusste, dass es stimmte, denn es war so typisch für unseren alten Herrn.

„Der Doktor muss entscheiden, was gemacht werden soll“, sagte die Zahnarzthelferin, „aber es sieht nicht gut aus.“

„Wie viel würde es kosten, den Zahn zu ziehen?“, fragte er, und sie sagte es ihm.

„Als er danach nach Hause kam“, berichtete Carson, „holte er die Flasche mit Schnaps aus dem Büfett und ging damit in den Keller hinunter. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht, aber dann hörten wir ihn plötzlich dort unten schreien, während wir in der Küche saßen und ich Mama bei einem Stück Kuchen erzählte, was sich in der Zahnarztpraxis abgespielt hatte. Ich rannte nach unten und fand ihn an der Werkbank. Das Schweißgerät brannte noch, und auf der Werkbank stand ein Glas Schnaps. Er hatte mit dem Schweißgerät eine Zange erhitzt, bis sie weißglühend war, sie dann in ein Gefäß mit Wasser gehalten, um sie abzukühlen und danach noch in den Alkohol getaucht. Ich nehme an, um die Zange möglichst steril zu machen. Seine gesamte Kleidung war blutbesudelt, und sogar auf die Sägespäne auf dem Boden war jede Menge davon getropft. Lächelnd ließ er den gezogenen Zahn in den Alkohol fallen. Der Mann war wirklich ein zäher Hund.“

Auf den Fotos von der Beerdigung meines Vaters stehen Menschen mit Plastikbechern herum und unterhalten sich. Mein aufgebahrter Vater im Hintergrund, genau wie zu Lebzeiten. Ohne es zu wissen oder zu wollen, hatte er Menschen zusammengebracht und lag selbst schweigend bei den Gesprächen alter Freunde.

Ja, er hatte sogar entscheidend dazu beigetragen, dass Karin in unsere Gegend kam. Er hatte eines Tages Mr Ashworth im Landhandel getroffen und ein Gespräch mit ihm angefangen. „Sind Sie auf der Suche nach einem neuen Rasenmäher?“, hatte mein Vater ihn gefragt.

„Ach, nein, ich träume nur ein bisschen“, antwortete Robert Ashworth. „Meine Frau und ich überlegen, unser Haus zu verkaufen und wieder hier in die Gegend zurückzuziehen.“

Daraufhin kratzte sich mein Vater am Kinn und sagte: „Es gibt ein neues Baugebiet beim Postamt, haben Sie davon schon gehört?“

„Das Land hat doch früher den Tunneys gehört, oder?“, fragte Mr Ashworth nach.

Ein zufälliges Gespräch, der Austausch von Informationsbrocken – wie anders wäre doch mein Leben verlaufen, wenn dieser Austausch nie stattgefunden hätte.

Die Nachricht vom Tod meines Vaters wurde mir vom Gefängnisdirektor überbracht. Ein Vollzugsbeamter führte mich in sein Büro. Der Gefängnisdirektor war kein völlig gefühlskalter Typ. Er bot mir sogar einen Kaffee und ein Wasser an, nachdem er mir gesagt hatte: „Tut mir leid, mein Junge, aber Ihr Vater ist verstorben.“

Ich starrte nur sehr lange ins Leere, unfähig, irgendetwas zu sagen.

„Ich habe es heute Morgen erfahren“, fuhr er fort. „Ich wünschte, ich könnte Sie an der Beerdigung teilnehmen lassen, aber das ist leider nicht möglich. Ihr Bruder hat mir erzählt, dass Ihr Vater auf dem Mount Pleasant beigesetzt wird. Den würden Sie kennen, hat er gesagt.“

Ich nickte.

Dann zog der Gefängnisdirektor eine Schublade auf und nahm ein Notizbuch mit einem Preisschild auf der Rückseite heraus. $1,97 stand darauf. Er warf es auf den Tisch und sagte: „Bevor der Staat uns die Gelder gestrichen hat, gab es hier einen Gefängnisseelsorger, und wenn er wegen so etwas gerufen wurde, hat er die Insassen immer ermuntert, ihre Gefühle aufzuschreiben. Nach allem, was mir Ihr Bruder erzählt hat, haben Ihr Vater und Sie sich sehr nahegestanden.“

„Ja, das kann man sagen.“

„Wenn Sie wollen, kann ich die Kapelle für Sie aufschließen lassen, damit Sie ein bisschen Zeit zum stillen Gedenken haben.“

Ich starrte auf eine der Büsten an der Wand und hätte am liebsten geweint, aber ich konnte nicht. „Ja, das würde ich sehr gerne“, sagte ich dann. „Aber wenn es geht, wäre ich dort gern allein.“

Der Gefängnisdirektor beugte sich vor, die Ellbogen auf seinen Tischkalender gestützt, der beinah die gesamte Schreibtischplatte einnahm, und sagte: „Ich habe hier schon viele Männer kommen und gehen sehen, und die meisten von ihnen hatten ihre Strafe verdient. Aber Sie habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder beobachtet, und ich schwöre, ich habe keine Ahnung, weshalb Sie hier sind, auch wenn ich wie jeder andere die Zeitung lese und entsetzt war, als es passiert ist.“ Er schaute kurz auf seine braunen, runzeligen Hände, die aussahen wie die Hände meines Vaters. Jedenfalls so, wie ich sie in Erinnerung hatte. „Die Vollzugsbeamten sagen das auch. Ich weiß, dass hier drinnen schreckliche Sachen passieren, aber irgendjemand passt offenbar auf Sie auf.“

Seine Worte umspülten mich wie Wasser. Ich hatte zwar in Clarkston ein paar Freundschaften geschlossen, aber größtenteils blieb ich für mich.

Am nächsten Tag brachte mich ein Vollzugsbeamter in die Kapelle und schloss dann die Tür hinter mir wieder ab. Ich stand ganz hinten in dem Raum und betrachtete das Kreuz, das grob in das Lesepult eingeschnitzt war. Es fühlte sich beinah an, als wäre ich wieder in der alten weißen Kirche und hörte die alten Choräle.

Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi.

Ich schaute auf meine Uhr. Zu Hause würde jetzt gleich der Trauergottesdienst beginnen, und mir kam der Gedanke, dass offenbar erst jemand sterben musste, damit meine Mutter und mein Vater das Haus verließen. Abgesehen von Arztbesuchen und Einkäufen blieben sie zu Hause, was teilweise ihre eigene Entscheidung war, teilweise auch an mir lag.

Manche älteren Ehepaare träumen davon, auf ihre alten Tage noch Reisen zu unternehmen. Europa, China oder auch eine Kreuzfahrt. Die Träume meiner Eltern waren an das Haus gebunden, das sie gemeinsam gebaut hatten. Sie zogen sich zu einer Art dauerhaftem Winterschlaf zurück, zufrieden damit, die Welt von ihren Fernsehsesseln aus auf dem Bildschirm zu sehen. Sicher lag es zum großen Teil an mir, dass sie so lebten. Ich hatte auch gegen sie ein Verbrechen begangen. Für die Giftwolke, die über ihrem Leben hing, war ich verantwortlich.

Ich versuchte mir den Sarg vorzustellen, mit dem bleichen Gesicht meines Vaters darin. Meine Stimme geriet ins Stocken, war nur noch ein Flüstern, als ich das Notizbuch öffnete und vorlas, was ich aufgeschrieben hatte, so als würde ich es auf seiner Trauerfeier vortragen: „Wenn von der Liebe meines Vaters zu mir die Rede ist, dann spielt dabei Baseball die entscheidende Rolle. Wenn es um eine zärtliche Berührung geht oder eine Umarmung, die mir in Erinnerung geblieben ist, dann ist das immer untrennbar mit Geschichten über unseren Sport verbunden. Wenn die Rede davon ist, wie ein Vater innige Gefühle ausdrückt und sein Innerstes zeigt, dann erzähle ich von Pitchouts und Squeeze Bunts.“

Meine Stimme wurde beim Lesen fester, und ich verfiel in einen angenehmen Sprechrhythmus, sodass es sich anfühlte wie ein entspannter Waldspaziergang mit meinem Vater.

„Die Frauen in meinem Leben – meine Mutter, meine Freundinnen – sind mit diesem Teil von mir, der sich nach dem frischen Geruch von Baseball sehnt, nie in Kontakt gekommen. Das akkurat gemähte Infield. Dunkelbraune Erde und schneeweiße Bases. Der strenge Duft von Hickoryholz und Leder. Nach getaner Arbeit, wenn es abends kühler wurde, warfen mein Vater und ich immer ein paar Bälle, während im Radio die Spielberichterstattung lief.

Das Baseballspiel schweißte uns zusammen. Baseball war unsere gemeinsame Leidenschaft. Wir waren nie in der Lage, unsere Gefühle und Gedanken auszudrücken und uns einfach nur aneinander zu erfreuen – außer beim Baseball.

Als Kind hatte ich keine Ahnung, wie mein Vater über seine Arbeit in der Chemiefabrik dachte und was er dabei empfand, und ich weiß es immer noch nicht. Ich weiß nur wenig über seine Kindheit, über den Kummer, als er seine Mutter und einen Bruder bei einer Grippewelle verlor, und später dann, als er von seiner Stiefmutter misshandelt wurde. Ich weiß nicht, warum er meine Mutter geheiratet hat. Und es gibt tausend weitere Fragen, die ich ihm hätte stellen sollen.

Aber eines weiß ich: Baseball war das, was uns verband, und jedes Frühjahr, wenn es wieder losging, hatte ich das Gefühl, dass diese Verbindung noch stärker und intensiver wurde.

Wenn wir, als ich noch klein war, am heiligen Sakrament der Frühjahrstrainingsergebnisse teilhatten, dann lockten wir die Sonne am Himmel von West Virginia, ein bisschen höher zu steigen und ein bisschen wärmer und heller zu scheinen. Wir standen zitternd unter dem riesigen blauen Himmelszelt in dem Wissen, dass es derselbe Himmel war, unter dem sich auch all die Baseballplätze der Major League erstreckten.

Im Sommer schwitzten wir uns durch jedes Spiel. Wir zählten Mücken, fingen Glühwürmchen und glaubten an unser Team. Es bestand ein gewaltiger Altersunterschied zwischen uns, wir hatten einen völlig unterschiedlichen Musikgeschmack, ganz verschiedene Lieblingsgerichte und eine gegensätzliche politische Meinung, aber wir waren beide baseballbegeistert. Wir führten Ergebnistabellen und kannten alle Spielergebnisse der unterschiedlichen Ligen und Turniere der letzten paar Jahre auswendig.

Wenn es Herbst wurde, lobten wir Gott, der die Titelkämpfe vor den Playoffs erschaffen hat. Wir verfluchten den Dämon des Saisonendes. Baseball war der Leim, der unser beider Leben verband und dafür sorgte, dass wir immer wieder zueinanderfanden. Baseball war jedes nicht ausgesprochene zärtliche Wort, jedes Schulterklopfen, jeder Kosename.

An dem letzten Morgen, den mein Vater und ich gemeinsam verbrachten – kurz vor meiner Verurteilung – unterhielten wir uns das letzte Mal miteinander. Wir sprachen über unsere Spaziergänge im Wald – Erinnerungen an Spazierstöcke und einen alten Hund. Wir sprachen über unsere Stadt, darüber wie sie sich veränderte und über Baseball.“

Mein Kinn bebte, als ich mich an sein Gesicht erinnerte. „Ich habe meinen Vater auf so vielerlei Weise enttäuscht. Es gibt Dinge, die ich über ihn nie erfahren werde und Dinge, die er mich nie wird sagen hören.“

Ich hielt inne, als mir flüchtig ein Bild durch den Kopf ging, von Vater und Sohn, wie sie an einem warmen Sommerabend einen Baseball hin und her werfen. „Du hast einmal gesagt, dass das Leben eines Mannes eine Aneinanderreihung von Entscheidungen ist. Von kleinen, ganz alltäglichen, scheinbar unbedeutenden Entscheidungen. Entscheidungen, die von anderen unbemerkt bleiben – wenn man sie denn selbst überhaupt bemerkt. Im Laufe der Zeit werden diese Entscheidungen wie Regentropfen, die nach und nach den Strom des Lebens füllen. Du hast geglaubt, dass die großen Entscheidungen durch all die vielen kleinen getroffen werden. Wenn ich mich auf tausend Arten anders entschieden hätte, wäre ich jetzt vielleicht nicht hier.“

Die Tür der Kapelle ging auf, der Vollzugsbeamte tippte sich an die Mütze und sagte entschuldigend: „Wollte nur mal nachschauen.“

„Ich bin noch da“, sagte ich.

Als er die Tür wieder geschlossen hatte, senkte ich den Kopf und fuhr fort: „Es tut mir leid, Papa. Es tut mir leid, dass ich nicht da war, um dich zu Grabe zu tragen. Es tut mir leid, dass wir nicht mehr über die Play-Offs reden konnten. Ich hoffe, dass du es eines Tages verstehen wirst.“

Und dann fing ich an zu weinen.

7 Karin

Ich sah Ruthie, wie sie den Parkplatz überquerte. Ihre Beine bewegten sich wie Rührbesen, und über der Schulter trug sie eine schwarze Handtasche von der Größe eines kleinen Bisons. Wir waren gerade mitten in der Entscheidung, ob es bei dem Frauenfrühstück auch Salate geben sollte, und ich starb tausend Tode. Ich hatte schon mehrere Nächte nicht mehr geschlafen, und meine Gedanken schweiften ständig ab. Mein persönliches Rom stand in Flammen, während wir über Salatdressings sprachen.

Ich entschuldigte mich, fing Ruthie an der Tür ab und führte sie durch die Eingangshalle zum Büro meines Mannes, der gerade einen Krankenbesuch machte.

„Ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust“, sagte sie, als ich die Tür geschlossen hatte. „Die Sache geht mir schon eine ganze Weile durch den Kopf, und ich glaube, es würde uns beiden guttun. Wollen wir uns nicht setzen?“

„Wie du willst“, sagte ich, ein bisschen zu schnell, wie sich herausstellte.