Wie man sie zum Schweigen bringt - Leena Lehtolainen - E-Book

Wie man sie zum Schweigen bringt E-Book

Leena Lehtolainen

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9,99 €

Beschreibung

Eine Frau zwischen Korruption und Kindergarten
Auf dem Weg zu einer Stadtratssitzung wird ein bekannter Innenarchitekt überfallen und getötet. Schnell findet Maria Kallio heraus, dass der Kleinkriminelle Marko die Tat begangen hat. In fremdem Auftrag offenbar; doch bevor Marko aussagen kann, wird auch er umgebracht. Da erhält Maria Anweisung, die Ermittlungen einzustellen. Und sie fragt sich: Wäre es nicht angenehm, einmal die Verbrechen zu bekämpfen anstatt ihre bornierten Vorgesetzten?
«Eine Krimiserie mit Kult-Status.» (Bunte)
«Ein Finnen-Krimi mit Herz und Hirn.» (Petra)
«Unbedingt lesen!» (Lübecker Nachrichten)
Maria Kallios sechster Fall

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 501




Leena Lehtolainen

Wie man sie zum Schweigen bringt

Maria Kallios sechster Fall

Roman

Deutsch von Gabriele Schrey-Vasara

EINS

Der erste Schlag kam überraschend. Petri hatte die Gestalt, die auf dem Wanderweg wartete, nicht gesehen. Er war spät dran, außerdem gingen ihm der Streit und die bevorstehende Sitzung im Kopf herum. Niemand sah, wie sich der Angreifer auf den langsam bergauf strampelnden Radfahrer stürzte. Der erste Schlag warf Petri vom Fahrrad, nahm ihm aber nicht das Bewusstsein. Nur der Helm zerbrach. Dann fuhr die Eisenstange auf sein Gesicht nieder und brach ihm die Nase.

Petri gab nicht so leicht auf. Er war klein und schlank, aber wendiger als der Gegner in seiner Lederkluft. Mit einem Tritt brachte er den Angreifer fast zum Straucheln, doch dessen Schläge wurden daraufhin noch wuchtiger.

Als Petri versuchte sich aufzurappeln, zog der Angreifer ein Messer. Petri war schon auf den Knien, er schrie, da bohrte sich das Messer in seine Schulter. Das Gesicht des Unbekannten war sekundenlang dicht vor ihm, geschützt vom Visier eines Motorradhelms, und Petri sah sein eigenes Entsetzen in den Augen des anderen. Dann zog der Angreifer das Messer aus der Wunde und stach erneut zu, wieder und wieder.

Das Letzte, was Petri hörte, war das jubilierende Zwitschern eines Buchfinken. Als das Motorrad angelassen wurde, hatte er bereits das Bewusstsein verloren.

ZWEI

Mir liefen die Tränen übers Gesicht, sosehr ich auch gegen sie ankämpfte. Ich hatte nie gelernt, wie man Zwiebeln schneidet, ohne zu weinen. Halbblind tastete ich nach dem klingelnden Handy.

«Maria Kallio.»

«Koivu hier, grüß dich.»

«Hallo! Warte mal, ich muss mir die Tränen abwischen.» Ich legte das Handy weg, drehte die Kochplatte aus, nahm die Pfanne vom Herd und schnäuzte mich ausgiebig.

«Was bringt dich denn zum Weinen? Etwa ‹Reich und schön›?», frotzelte Koivu, als ich sprechbereit war.

«Nee, ’ne Zwiebel. Ich mach gerade Räucherlachssoße.»

«Das Kochen wirst du Antti überlassen müssen. Schwere Körperverletzung in Latokaski, Täter unbekannt. Das Opfer wird gerade operiert, hat aber kaum Überlebenschancen. Anu und Puustjärvi sehen sich in der Gegend um, wir brauchen Verstärkung.»

«Ruf erst mal bei der Schutzpolizei an und versuch, Lähde zu erreichen. Wo bist du jetzt?»

«Im Präsidium, aber ich fahr gleich zur Klinik.»

«Hier in Espoo? Dann treffen wir uns spätestens in einer Stunde dort.»

Ich schaltete die Kochplatte wieder ein und gleich noch eine zweite für die Nudeln dazu. Die Soße würde nicht so lange köcheln wie geplant, doch das ließ sich nicht ändern. Hauptsache, ich bekam etwas Warmes in den Bauch. Zum Mittagessen hatte ich keine Zeit gehabt, und nach der Arbeit war ich sieben Kilometer gejoggt. Meine letzten Reserven waren aufgezehrt, mit leerem Magen würde ich nichts mehr zustande bringen.

Ich warf die klein gewürfelten Zwiebeln in die Pfanne, gab zwei zerdrückte Knoblauchzehen dazu und ließ das Gemisch in Olivenöl glasig werden. Die Zucchiniwürfel und der in Stücke geschnittene kaltgeräucherte Lachs brauchten nicht lange zum Garwerden. Ich war keine Meisterköchin, aber Soßen gelangen mir immer. Ich gab die Nudeln in das siedende Wasser, mischte den Salat und schmeckte die Soße mit Crème fraîche, Rosépfeffer und einem Schuss Weißwein ab. Dann holte ich meine Familie zu Tisch. Antti war damit beschäftigt, einen Apfelbaum zu stutzen, der mit knapper Not den Winter überstanden hatte, und unsere Tochter Iida baute für ihre Puppen eine Burg aus Steinen und Lehm, den sie sich auch ins Gesicht geschmiert hatte.

«Das Essen ist fertig!», rief ich. Bis Antti der Kleinen Hände und Gesicht gewaschen hatte, würden die Nudeln gar sein. Unser Kater Einstein schlüpfte mit ins Haus. Er hatte den Lachs gerochen und wusste, dass von Iidas Teller einige Brocken für ihn abfallen würden.

«Möchtest du ein Glas Wein?», fragte Antti, als ich Iida das Lätzchen umband.

«Nein danke. Koivu hat angerufen, ich muss noch arbeiten.»

«Schade. Es ist so ein schöner Frühlingsabend, wir hätten einen Spaziergang machen können», bedauerte Antti und goss sich selbst großzügig ein.

«Es dauert sicher nicht lange. Ich habe morgen früh eine Sitzung, deshalb will Koivu heute Abend noch das Vorgehen mit mir abklären. Schwere Körperverletzung», sagte ich leise. Iida war zwar erst zweieinhalb, doch in ihrer Anwesenheit sprach ich nicht gern über berufliche Dinge.

Ich aß hastig, zog eine saubere Bluse an und vergewisserte mich, dass mein Pferdeschwanz nicht allzu schief saß. Vor dem verwitterten Einfamilienhaus, in dem wir zur Miete wohnten, wirkte mein Dienstwagen, ein neuer, glänzender Saab, wie ein Fremdkörper. Unsere Straße war voller Frostlöcher, ein Stück weiter sah es schon anders aus: Hier wurde die neue Schnellstraße gebaut, und die Landschaft war nicht wieder zu erkennen. An einen Schaufellader, der auf der Baustelle stand, hatte jemand mit großen roten Buchstaben «Naturmörder» gepinselt. Solche Sachbeschädigungen wurden oft härter geahndet als Körperverletzungen.

Auf den ersten Blick schien es in der Klinik ruhig zu sein, doch hinter den Glastüren sah man weiß gekleidete Gestalten hin und her eilen, und draußen fuhr mit Sirenengeheul ein Krankenwagen ab. Koivu erwartete mich in der Eingangshalle. Er war einsneunzig groß und hatte den Körperbau eines Eishockeyspielers. Seine braunen Augen sahen müde aus, doch bei meinem Anblick hellte sich sein Gesicht auf.

«Hallo, Chefin! Ilveskivi wird gerade operiert, aber es sieht nicht gut aus. Schwere Verletzungen am Rückgrat und an der Lunge, dazu eine Stichwunde am Herzbeutel. Sein Herz hat im Krankenwagen schon einmal stillgestanden, aber man hat ihn wieder belebt. Außer dem Messer hat der Täter eine schwere Schlagwaffe benutzt, möglicherweise eine Eisenstange.»

«Das Opfer konnte also identifiziert werden?»

«Er hatte einen Personalausweis bei sich. Petri Olavi Ilveskivi, geboren im Februar zweiundsechzig. Möbeldesigner und Stadtverordneter.»

«Deshalb kam mir der Name so bekannt vor! Ein bekennender Schwuler, wenn ich mich nicht täusche?»

Koivu nickte. «Nicht vorbestraft, aber laut Register wurden Ilveskivi und sein Freund kurz vor der letzten Kommunalwahl von Skinheads zusammengeschlagen.»

Ich erinnerte mich dunkel an den Fall, in dem ich nicht selbst ermittelt hatte, weil ich damals noch im Mutterschaftsurlaub war. Ilveskivi und sein Lebensgefährte hatten sich spätabends im Bus umarmt, was eine Horde von Skinheads dermaßen erbost hatte, dass sie an derselben Haltestelle ausgestiegen waren und die beiden Männer zusammengeschlagen hatten.

«Das wird eine Riesensache», prophezeite Koivu. «Die Techniker sind am Tatort, Anu und Puustjärvi sprechen mit dem Jogger, der Ilveskivi gefunden hat. Lähde und Mela machen noch bis neun Uhr die Runde durch die Nachbarschaft. Der Tatort ist abgelegen, aber über den Wanderweg ist eine komplette Elefantenherde getrampelt, ehe wir ihn absperren konnten. Die Sanitäter hielten die Versorgung des Opfers für wichtiger als eventuelle Spuren.»

«Wurde Ilveskivi beraubt?»

«Sein Portemonnaie mit Geld und Kreditkarten steckte noch in der Brusttasche, seine Aktentasche lag neben dem Rad.»

«Seltsam. Wurden die Skinheads damals verurteilt?»

«Sie sind mit Geldstrafen davongekommen, bis auf den Anführer, der unter Bewährung stand und die Reststrafe absitzen musste. Seit einem Jahr ist er wieder draußen. Ich habe angeordnet, ihn gleich morgen zur Vernehmung vorzuführen. Und Eija Huovinen sammelt gerade Informationen über Ilveskivi.»

«Im ‹Z-Magazin› war im Dezember ein Artikel über die Weihnachtsvorbereitungen von Ilveskivi und seinem Mann.»

«Wie kannst du dich an all das erinnern?», wunderte sich Koivu.

«Berufskrankheit», lachte ich. Mein gutes Namensgedächtnis war mir bei den Ermittlungen oft von Nutzen gewesen, und ich bemühte mich, es zu pflegen.

Koivus Handy klingelte.

«Koivu. Hallo.»

Aus seinem Tonfall schloss ich, dass die Anruferin Kriminalmeisterin Anu Wang war, die zweite weibliche Ermittlerin in unserem Dezernat und zugleich Koivus Freundin.

«Ein Motorrad? Eine Harley oder ein normales? Okay. Bittet sie, morgen aufs Präsidium zu kommen und sich Fotos anzusehen. In der Klinik, mit Maria.»

Wang und Puustjärvi hatten mit einer Frau gesprochen, die kurz nach fünf ihren Hund ausgeführt und sich über einen Motorradfahrer geärgert hatte, der über den Wanderweg preschte. Da der Weg für Motorfahrzeuge gesperrt war, hatte sie versucht, das Nummernschild zu erkennen, doch es war völlig verdreckt gewesen.

«Ich versuche die Krankenschwester zu finden, mit der ich wegen Ilveskivi telefoniert habe», wandte sich Koivu nun an mich. Wir machten uns auf den Weg in die chirurgische Abteilung, deren Warteraum fast leer war. Nur ein untersetzter Mann hockte in einer Ecke, das Gesicht in den Händen vergraben.

«Das dürfte Tommi Laitinen sein. Ich geh mal hin und rede mit ihm. Komm wieder hierher, wenn du mit der Krankenschwester gesprochen hast.»

Ich trat zu dem Mann in der Ecke. Er trug eine helle Baumwollhose und eine dunkelblaue Cordjacke, seine braunen Lederschuhe waren sorgfältig poliert. Am Hinterkopf wurde das hellbraune Haar bereits schütter.

«Tommi Laitinen? Kommissarin Maria Kallio von der Polizei Espoo. Sind Sie imstande, einige Fragen zu beantworten?»

Es dauerte eine Weile, bis meine Worte ihn erreichten.

«Jetzt nicht», antwortete er schließlich kraftlos, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.

Ich setzte mich. Die Situation war mir nicht neu. Es wäre grausam gewesen, Laitinen zu vernehmen, andererseits brauchte er jemanden, mit dem er reden konnte.

«Soll ich einen Freund oder einen Verwandten herbitten?», fragte ich, doch er schien meine Worte nicht zu hören. Also saßen wir einfach stumm da, und ich versuchte, mir den Bericht im «Z-Magazin» in Erinnerung zu rufen.

Ilveskivi und Laitinen lebten seit rund fünfzehn Jahren zusammen und hatten sich vor zehn Jahren verlobt. Sie träumten davon, ein Kind zu adoptieren.

Der vierzigjährige Laitinen war Kindergärtner von Beruf. Auf dem Zeitungsfoto hatte er schalkhaft gelächelt. Jetzt waren nur seine dünnen, rotbraunen Haare zu sehen. Seine Hände waren so breit, dass er den Verlobungsring mit dem einen Quadratzentimeter großen Onyx gut tragen konnte. Seine Brille lag neben ihm auf der Bank.

Etwa fünf Minuten saßen wir uns schweigend gegenüber. Dann ging die Tür auf, und Koivu kam mit zwei Männern im Chirurgenkittel herein. Ich suchte Koivus Blick, er schüttelte fast unmerklich den Kopf.

«Herr Laitinen», sagte der ältere der beiden Ärzte, «wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihr… dass Petri Ilveskivi die Operation nicht überlebt hat. Mein Beileid.»

Laitinen blieb eine ganze Weile reglos sitzen. Als er schließlich den Kopf hob, sprühten seine Augen vor Hass.

«Ich geh hier nicht weg, ohne Petri gesehen zu haben!»

Er sprang auf, nahm seine Brille und ging auf die Tür zu, durch die Koivu und die Ärzte hereingekommen waren. Ich fasste instinktiv nach seinem Arm. Er war klein, nicht einmal einssiebzig, aber so stark, dass ich ihn nicht allein festhalten konnte. Koivu kam mir zu Hilfe.

«Es ist kein schöner Anblick. Warten Sie lieber, bis wir ihn ein wenig hergerichtet haben.»

«Ich weiß, dass Petri erschlagen worden ist! Ich will sehen, was die Scheißkerle ihm angetan haben, damit ich es ihnen heimzahlen kann!»

Ich spürte, wie Laitinen zitterte, die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Obwohl er völlig aufgewühlt war, konnte ich mir die Frage nicht verkneifen:

«Von wem sprechen Sie?»

«Von den verdammten Skinheads! Die haben doch nur auf eine Gelegenheit gewartet, wieder auf Petri loszugehen!»

«Hat man Sie bedroht?»

«Bis letzten Herbst haben wir anonyme Anrufe bekommen, dann haben wir uns eine Geheimnummer geben lassen», antwortete er, nun schon etwas gefasster.

«Die Polizei fahndet bereits nach den Tätern von damals, und wir werden sie auch finden», versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Da er nicht mehr zitterte, ließen wir ihn los.

«Ich kann Sie nach Hause bringen», fuhr ich fort. Die Ärzte hatten ihren Teil getan, nun war die Polizei an der Reihe.

«Es will mir nicht in den Kopf, dass Petri tot ist. Wenn ich ihn sehen könnte…»

Fragend sah ich den Arzt an, der bedächtig nickte.

«In Ordnung, Sie können Ihren Freund sehen.»

Das Zittern setzte wieder ein, dann brüllte Laitinen:

«Petri war mein Mann!»

Er stürmte hinaus, und ich folgte ihm. Ich hatte in meinem Leben schon viele Leichen gesehen und würde auch diesmal weder blass werden noch kreischen. Nicht die Toten flößten mir Entsetzen ein, sondern das, was die Lebenden einander antaten.

Laitinen rannte in den Aufwachraum, in den man die Leiche gebracht hatte. Als er die Gestalt auf dem Klinikbett sah, blieb er stehen und schloss kurz die Augen. Eine Krankenschwester zog das Laken so weit herunter, dass das geschwollene, blutige Gesicht zu sehen war. Er betrachtete es wortlos. Er weinte. Nach einer Weile trat er ans Bett und strich vorsichtig über die Wange des Toten.

«Noch ganz warm», wisperte er und wandte sich ab.

Hätte die Leiche noch am Tatort gelegen, hätte ich ihn gebeten, sie nicht zu berühren, aber in diesem Fall spielte das keine Rolle. Bei der Obduktion würde routinemäßig nach Spuren des Täters gesucht werden, doch der Erfolg hing vom Zufall ab. Ich hätte mir gern Ilveskivis Hände angesehen, in der Hoffnung, unter den Fingernägeln Hautfetzen zu finden, doch dafür war jetzt nicht der richtige Moment.

«Sind Sie so weit?», fragte ich Laitinen. Er murmelte etwas Unverständliches, dann fasste er überraschend nach meiner Hand, und wir gingen gemeinsam zu Koivu ins Wartezimmer.

«Der Arzt musste zur nächsten Operation, seinen Bericht bekomme ich morgen», sagte Koivu und kam erst danach auf die Idee, sich Tommi Laitinen vorzustellen.

«Wir können Sie nach Hause bringen, oder zu einem Freund, wenn Ihnen das lieber ist», bot ich noch einmal an.

«Nach Hause», sagte er matt.

Wir gingen hinaus in den kühlen, nach frischem Birkengrün duftenden Frühlingsabend. Ich öffnete Laitinen die Beifahrertür, Koivu kroch nach hinten.

Die Adresse, die Laitinen mir nannte, befand sich im Stadtteil Latokoski, in einer Siedlung mit Reihen- und Einfamilienhäusern, in der das Gewaltdezernat selten zu tun hatte. Die einstöckigen Reihenhäuser fügten sich harmonisch in die felsige Umgebung ein. Am kupfernen Türschild stand «Ilveskivi und Laitinen».

Laitinen nahm es gleichgültig hin, dass wir ihm ins Haus folgten. Es dämmerte bereits, doch er machte kein Licht, und als Koivu nach dem Schalter tasten wollte, schüttelte ich den Kopf. Wir gingen durch den Flur in ein geräumiges Wohnzimmer. Tommi Laitinen setzte sich auf ein weiches, weinrotes Ledersofa, Koivu wählte einen der gleichfarbenen Sessel. Ich blieb neben dem schmalen Bücherregal stehen.

«Wir lassen Sie ungern allein. Wen könnten wir bitten, Ihnen zur Seite zu stehen?»

Er starrte auf den Boden und gab keine Antwort. Bläuliches Licht fiel herein. Es war die Dämmerstunde, die Zeit der Träume, doch die Stille in diesem Raum atmete Verzweiflung. Ich wiederholte meine Frage und bekam endlich eine Antwort:

«Niemanden. Ich will nur Petri.» Dann brach er wieder in Tränen aus.

Auf dem Küchentisch stand ein halb leeres Glas Orangensaft, daneben lag ein Mickymaus-Heft. Die Wände waren in einem blassen Zitronengelb gestrichen, die Schränke in einem kräftigeren Gelb, wie Löwenzahn. Die dunklen Stahlmöbel und das strenge Grau des Fußbodens bildeten einen wohl durchdachten Kontrast zu den kräftigen Farben. Wie Esstisch und Stühle war auch der Halter für die Küchenrolle aus Stahl. Unter einem Stuhl kauerte eine Schildkröte, die mich verwundert anblinzelte.

Ich gab Laitinen Küchenpapier und stellte ein Glas Wasser vor ihn hin. Dann setzte ich mich zu ihm aufs Sofa und fragte, wer sein bester Freund sei. Die Antwort war ein Kopfschütteln.

«Und Petris bester Freund?» Ich ließ nicht locker, obwohl Koivu unruhig im Sessel hin und her rutschte. Die schwere Körperverletzung hatte sich in ein Tötungsdelikt verwandelt, oft waren die ersten vierundzwanzig Stunden entscheidend für die Aufklärung. Koivu wollte aufs Präsidium, um die bisherigen Ergebnisse zu sichten.

Das Klingeln des Telefons durchschnitt die Stille, und da Laitinen keine Anstalten machte zu antworten, nahm ich den Hörer ab.

«Bei Ilveskivi und Laitinen, Kallio am Apparat.»

«Guten Tag, hier spricht Eila Honkavuori», sagte eine Frauenstimme verwirrt. «Ist Petri Ilveskivi zu Hause?»

«Er ist im Moment nicht zu sprechen.»

«Ich wollte mich nur erkundigen, warum er nicht zur Ausschusssitzung gekommen ist. Könnte ich mit Tommi Laitinen sprechen?»

«Einen Augenblick, ich sehe nach, ob er an den Apparat kommen kann.»

Das Telefon war dasselbe Modell wie meins, ich drückte auf die Pausentaste und sagte:

«Eine gewisse Eila Honkavuori fragt nach Ihnen.»

Er schüttelte nur den Kopf. Eila Honkavuori hatte von einer Ausschusssitzung gesprochen, war also offenbar ebenfalls Kommunalpolitikerin. Wenn sie Ilveskivi nicht besonders nahegestanden hatte, konnte ich ihr die traurige Nachricht am Telefon übermitteln. Noch zögerte ich allerdings, denn ich wusste nichts über die Anruferin.

«Tommi Laitinen kann im Moment nicht an den Apparat kommen. Soll ich ihm etwas ausrichten?»

«Wer sind Sie überhaupt?», fragte sie misstrauisch. «Was geht dort vor? Warum war Petri nicht bei der Sitzung?»

Da streckte Laitinen plötzlich die Hand aus. Ich reichte ihm den Hörer, er atmete schwer und stieß hervor:

«Hier ist Tommi. Petri ist tot. Jemand hat ihn auf dem Weg zur Sitzung erschlagen.»

Obwohl er den Hörer ans Ohr gepresst hatte, hörte ich den Aufschrei am anderen Ende.

«Ich würde alles darum geben, wenn es nicht wahr wäre», sagte Laitinen. «Man weiß es noch nicht, aber wahrscheinlich die Skinheads. Ja, komm ruhig her, die Polizisten möchten, dass jemand bei mir ist. Wie geht’s Turo?», fragte er zum Schluss, doch am anderen Ende war bereits aufgelegt worden, und man hörte es nur noch tuten.

«Eila kommt mit dem Taxi. Sie können also gehen.» Er riss ein Stück Küchenpapier ab und wischte sich die Tränen aus den Augen. Dann klopfte er seine Taschen ab, bis er die Brille fand. Der eine Bügel hatte sich verzogen. Mit geschickten Fingern bog er ihn zurecht, man sah, dass er gern werkelte.

«Hat Frau Honkavuori einen weiten Weg?»

«Sie wohnt in Tuomarila.»

Er stand auf und verließ das Zimmer, offenbar wollte er zur Toilette. Ich inspizierte das Bücherregal: viele Bildbände, vor allem über Malerei und Architektur. Auf dem Brett mit der Belletristik standen Klassiker der Schwulenliteratur: Armistead Maupin, E.M.Forster, Pentti Holappa, Uuno Kailas. Das Gemälde über dem Sofa zeigte einen jungen Mann mit erigiertem Penis. Würde man mir Sexismus vorwerfen, wenn ich ein solches Bild in meinem Dienstzimmer hängen hätte?

Laitinen machte sich im Flur zu schaffen, er stopfte Mäntel und Schuhe in einen schwarzen Müllsack. Wieso räumt er ausgerechnet jetzt die Wintersachen weg?, dachte ich, doch dann ging mir auf, dass er die Sachen seines Lebensgefährten ausmusterte. Ich ging zu ihm.

«Wollen Sie damit nicht lieber warten? Womöglich tut es Ihnen später Leid, alles weggeworfen zu haben.»

«Ich kann es nicht ertragen, Petris Sachen zu sehen», antwortete er, hörte aber folgsam auf.

Ich nahm ihm den Müllsack aus der Hand und stellte ihn beiseite. Im Flur war es schon fast dunkel, doch ich machte kein Licht. Vielleicht brauchte Laitinen das Halbdunkel, das die Konturen weicher machte und die traurige Wahrheit verhüllte. In der Stille, die uns umgab, hörte ich seinen Magen knurren. Dann klingelte Koivus Handy, er meldete sich und antwortete einsilbig. Offenbar hatten Lähde und Mela etwas herausgefunden.

Wir standen noch eine Weile im Flur, dann hörte man draußen Motorengeräusch. Ein Wagen hielt und fuhr wieder weg, auf dem Gartenweg waren Schritte zu hören, und im nächsten Moment klingelte es. Tommi öffnete die Tür, und als er die Frau, die draußen stand, ansah, brachen beide in Tränen aus und fielen sich um den Hals. Ich zog mich ins Wohnzimmer zurück.

«Mela hat angerufen. Er hat schon drei Zeugen, die einen Motorradfahrer gesehen haben. Da haben wir morgen viel zu tun», seufzte Koivu. «Können wir jetzt gehen?»

«Klar. Ich spreche nur noch kurz mit der Frau.»

Eila Honkavuori war eine der stattlichsten Frauen, die ich je gesehen hatte. Sie war groß, fast einsachtzig, und wog sicher hundert Kilo. Die langen schwarzen Locken reichten bis auf den Rücken, an Hals, Armen und Ohren klirrte Schmuck, das geblümte Batikkleid hatte einen weit schwingenden Rock. Ihr schönes rundes Gesicht war vom Weinen gerötet, die langen Wimpern schimmerten feucht. Ich stellte uns vor, hinterließ meine Karte und gab beiden zum Abschied die Hand. Die Frühlingsnacht roch intensiv nach frischer Erde, die Vögel sangen um die Wette.

«Übernimm du bei der Morgenbesprechung die Aufgabenverteilung, ich muss nach Pasila zu einer HEV-Sitzung. Sucht weiter nach Augenzeugen und schaut euch an Ilveskivis Arbeitsplatz um. Am Nachmittag werden wir wohl eine Pressekonferenz abhalten müssen», sagte ich, als ich Koivu vor dem Präsidium absetzte. «Ich bin gegen Mittag aus Pasila zurück, dann können wir den aktuellen Stand besprechen.»

Eigentlich glaube ich nicht an Vorahnungen, aber als mir auf der Vähän-Henttaantie eine schwarze Katze vor den Wagen lief, fuhr mir der Schreck in die Glieder. Zum Glück konnte ich rechtzeitig bremsen und hatte niemanden hinter mir. Trotzdem brauchte ich eine große Tasse Kamillentee und musste lange in dem Kinky-Friedman-Buch lesen, das Puupponen mir geliehen hatte, bevor ich endlich Schlaf fand.

DREI

Ich wurde wach, als Iida ins Schlafzimmer tapste. Morgens schien die Sonne direkt auf ihr Bett, wir mussten unbedingt einen Vorhang besorgen. Sie krabbelte über Antti hinweg in die Mitte und fing an, mit meinen Haaren zu spielen. Das hatte sie schon als Baby gern getan.

Später frühstückten wir in aller Ruhe. Die lakritzschwarzen Wintermorgen, an denen keiner so recht aus dem Bett fand und immer irgendein Handschuh verschwunden war, schienen in weiter Ferne zu liegen. Ich zog mein hellgraues Kostüm an und kämmte und schminkte mich sorgfältig, denn ich legte Wert darauf, bei der bevorstehenden Besprechung kompetent zu wirken. Ich würde nämlich wieder einmal die einzige Frau in der Runde sein.

Iida grapschte nach meinem Lippenstift und schaffte es bei der Gelegenheit, den Inhalt meines Schmuckkästchens auf dem Boden zu verstreuen. Ich zählte dreimal nacheinander bis zehn, um sie nicht anzuschreien. Mit Geduld war ich noch nie gesegnet gewesen, da hatte ich im Umgang mit meinem Kind viel lernen müssen. Diesmal schafften wir es jedoch ohne Katastrophe zum Haus der Tagesmutter. Da Antti im Herbst mit der Arbeit an einem Emissionsmessungsprojekt des Meteorologischen Instituts begonnen hatte, hatten wir für Iida eine Betreuung suchen müssen. Wir hatten Glück gehabt, denn ihre Tagesmutter Helvi war eine humorvolle, vernünftige Frau. Wenn ich Iida abholte, redeten wir oft noch miteinander und verbesserten die Welt.

«Heute Nachmittag holt Antti die Kleine ab, ich habe heute wieder einen entsetzlichen Tag», seufzte ich, als ich Iida ablieferte.

«Der Mord an dem Radfahrer? Ich hab in der Zeitung davon gelesen.»

«Genau der», sagte ich kurz angebunden. Helvi hatte im Lauf des Winters gelernt, dass Polizisten der Schweigepflicht unterliegen. Zum Glück gehörte sie ohnehin nicht zu dem Menschenschlag, der sich daran ergötzte, über die grausigen Einzelheiten von Gewaltverbrechen zu reden. Ich fuhr in Richtung Pasila, wo die HEV-Sitzung stattfinden sollte, benannt nach den Anfangsbuchstaben der Städte Helsinki, Espoo und Vantaa, die zusammen die Hauptstadtregion bildeten. Die Polizeikräfte der drei Städte hatten eine gemeinsame Arbeitsgruppe zur Prävention von Drogenkriminalität gebildet, an der auch Vertreter der Gewaltdezernate teilnahmen, da Drogen bei einem Großteil der Gewaltverbrechen in der Hauptstadtregion eine Rolle spielten.

Als ich an Laajalahti vorbeifuhr, bewunderte ich die Eisfläche auf der Meeresbucht, die an einen Baiserboden erinnerte. Das Eis war schon so brüchig, dass man die Wellenbewegung darunter deutlich erkennen konnte. Bald würde es ganz verschwunden sein. Nach einem langen, schneereichen Winter war es in der Osterwoche unvermutet Frühling geworden. Plötzlich war es zehn Grad wärmer, und die Schneefläche schmolz täglich um einige Zentimeter zusammen. Auf den Feldern sangen die Lerchen, und ich wartete ebenso sehnsüchtig auf die Ankunft der Bachstelzen wie unser Kater Einstein. Am Karfreitag hatte ich an einem sonnigen Wegrand den ersten Huflattich entdeckt. Danach hatte es jedoch einen Rückschlag gegeben. Erst jetzt, in der letzten Aprilwoche, hatte man allmählich wieder das Gefühl, es könnte in diesem Jahr doch noch Sommer werden.

Als ich vor dem Polizeigebäude in Pasila hielt, klingelte mein Handy. Die angezeigte Nummer sagte mir nichts, doch den Namen der Anruferin kannte ich. Johanna Rasi war die Chefin der Grünen in Espoo. Sie erkundigte sich nach den Ermittlungen im Fall Petri Ilveskivi. Ich konnte ihr nicht viel sagen und zog mich mit der Behauptung aus der Affäre, die Sitzung fange gleich an.

Im Polizeigebäude roch es genau wie damals, als ich vertretungsweise dort gearbeitet hatte. Die Spuren des zwei Jahre zurückliegenden Bombenanschlags waren beseitigt. Der Fußboden war frisch gebohnert, ich schlitterte auf meinen hohen Absätzen zum Konferenzraum.

Wir einigten uns auf eine striktere Vorgehensweise, die eine verschärfte Kontrolle der Haftanstalten einschloss. Die unbegreifliche Leichtigkeit, im Gefängnis an Drogen zu kommen, war sowohl für die Polizei als auch für die Leiter der Gefängnisse ein heikles Thema, denn man musste davon ausgehen, dass es unter den eigenen Leuten Kuriere gab. Anders war die Situation kaum zu erklären.

Im Herbst hatte ich einen Drogenkönig aus Espoo geschnappt, nachdem er versucht hatte, einen seiner Dealer, der in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte, in einem Waldsee zu ertränken. Pfadfinder hatten den bewusstlosen Mann gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Als er wieder zu Bewusstsein gekommen war, hatte er um Polizeischutz gebeten und nach langem Zureden ausgepackt. Das Ergebnis war eine ganze Serie langer Haftstrafen gewesen. Der Drogenkönig Salo hatte nach der Urteilsverkündung gedroht, den Staatsanwalt und mich umzubringen. Seitdem war unser Haus mit einer teuren Alarmanlage ausgerüstet.

Salo war zu acht Jahren verurteilt worden, aber er hatte Verbindungen nach draußen. Deshalb fürchtete ich mich manchmal. Ich wählte meine Joggingstrecke sorgfältiger als früher und hatte unser Bett umgestellt, sodass man es nicht ins Visier nehmen konnte, ohne in den Bereich der Alarmanlage zu geraten. Vor allem für Drogenfahnder gehörten Morddrohungen mittlerweile zum Alltag. Kaum einer fühlte sich als Held, doch alle taten weiterhin ihre Arbeit.

Auf typische Espooer Art fuhren der Kommissar des Rauschgiftdezernats und ich in getrennten Wagen zurück zum Präsidium. Mein Dienstzimmer lag im fünften Stock. Die Fenster gingen nach Süden, zur Autobahn Helsinki– Turku. Im Sommer war es dementsprechend heiß und laut. Ich zog die Jacke aus und wischte mir den Lippenstift ab. Aulikki Heinonen, die Vorsitzende der Stadtverwaltung, hatte eine Bitte um Rückruf hinterlassen. Ich wollte gerade nach dem Hörer greifen, als das Telefon klingelte.

«Kallio», meldete ich mich und erwartete, Koivus hellen Bass zu hören.

«Spreche ich mit der Kriminalhauptkommissarin?», fragte eine Männerstimme.

«Ja, Kriminalhauptkommissarin Maria Kallio am Apparat.»

«Reijo Rahnasto, Stadtverordneter, guten Tag. Sie untersuchen den Mord an Petri Ilveskivi?»

«Ja», antwortete ich, ohne mir die Mühe zu machen, ihn zu korrigieren. Vorläufig sprachen wir nicht von Mord, sondern von einem Tötungsdelikt. Mordanklagen wurden äußerst selten erhoben. Im Fall Ilveskivi deutete die Tatsache, dass der Täter ein Messer und eine Schlagwaffe bei sich gehabt hatte, allerdings auf eine vorsätzliche Handlung hin. Der Name des Opfers war bisher noch nicht bekannt gegeben worden, woher hatte Rahnasto seine Informationen?

«Entsetzlich, dass so etwas passiert. Hat man den Täter bereits gefasst?» Er hatte eine tiefe, trockene und heisere Stimme, die sich anhörte, als leide er unter schwerem Husten.

«Haben Sie sachdienliche Hinweise?», fragte ich barsch. Ich hatte weder Zeit noch Lust, mit Neugierigen zu plaudern. Wie hatte Rahnasto die Zentrale dazu bewegen können, das Gespräch durchzustellen?

«Ich bin der Vorsitzende des Stadtplanungsausschusses. Ilveskivi war gestern auf dem Weg zur Sitzung unseres Ausschusses, als er überfallen wurde.»

Obwohl ich die Kommunalpolitik einigermaßen regelmäßig verfolgte, konnte ich mir beim besten Willen nicht die Namen und Gesichter aller Stadtverordneten merken. Allerdings kam mir der Name Rahnasto vage bekannt vor.

«Haben Sie eine Ahnung, wer hinter diesem unerhörten Anschlag stecken könnte?», forschte er weiter.

«Die Ermittlungen dauern an, für zwei Uhr ist eine Pressekonferenz anberaumt. Mehr kann ich zurzeit nicht sagen.»

«Nicht nur als Kommunalpolitiker, sondern auch als Bürger dieser Stadt hoffe ich, dass die Polizei den Fall unverzüglich aufklärt!», erklärte Rahnasto pathetisch. Im selben Moment klopfte es, und Koivu trat ein.

«Wir tun unser Bestes», antwortete ich so freundlich, wie ich konnte, und legte kurzerhand auf. Der Polizeichef hatte mich schon einige Male wegen mangelhafter Öffentlichkeitsarbeit gerügt. Hoffentlich zählte Rahnasto nicht zu seinem Freundeskreis.

Koivu setzte sich ächzend hin, man sah ihm an, dass er kaum geschlafen hatte. Als wir uns kennen lernten, war er vierundzwanzig gewesen und hatte mich an ein zahmes Bärenjunges erinnert. Im Lauf der Jahre hatte er sich vom herzerfrischend niedlichen Jungen zum stattlichen Mann entwickelt. Die Lachfältchen um die Augen standen ihm gut.

«Was gibt’s Neues?»

«Hier ist das Wichtigste.» Er legte mir einen Stapel Vernehmungsprotokolle hin, er wusste, dass ich sie lieber so las als am Bildschirm.

«Gib mir eine Zusammenfassung.»

Das blaue Hemd spannte über seinen Schultermuskeln, als er sich reckte, bevor er mit seinem Bericht begann.

«Drei Zeugen haben ein Motorrad gesehen, aber ihre Aussagen sind widersprüchlich. Einer sagt, die Nockenkette hätte so gehangen wie bei einer Kawasaki, die Marke hat er früher selbst gefahren. Der zweite ist ganz sicher, dass es eine Harley-Davidson war, und der dritte spricht von einem Moped, beschreibt aber ein Motorrad. Der Fahrer trug eine schwarze Lederjacke oder einen Overall, einen schwarzen Helm und Stiefel, die Kleidung deutet also eher auf ein Motorrad hin als auf ein Moped. Ein Augenzeuge beschreibt ihn als klein und schlank, die beiden anderen meinen, er sei mittelgroß und mager gewesen. Über das Geschlecht der Person konnte keiner etwas sagen, weil in Motorradkluft auch Frauen breitschultrig aussehen. Und das Gesicht war hinter dem geschlossenen Visier nicht zu erkennen. Über das Kennzeichen wissen wir nur, dass der erste Buchstabe wahrscheinlich ein A oder H ist. Das Nummernschild war unkenntlich gemacht worden.»

Ich überlegte, wie exakt ein zufälliger Beobachter die Größe eines Motorradfahrers abschätzen konnte. Immerhin verzerrten die dicke Lederkleidung, der Helm und die Fahrhaltung das Bild.

«Demnach würde es sich also nicht um eine Bande handeln, sondern um einen Einzeltäter?»

«Das lassen die bisherigen Beobachtungen vermuten. Trotzdem habe ich die Männer, die vor ein paar Jahren an der Körperverletzung beteiligt waren, zur Vernehmung holen lassen. Zwei der drei wurden heute Morgen schon gefunden. Der eine hatte ein Alibi, der andere, ein gewisser Pirinen, war zu Hause und schlief. Ich habe ihn aber wieder laufen lassen. Er ist nämlich so groß wie ich und wiegt weit über hundert Kilo. Der Augenzeuge, der einen kleinen, schlanken Fahrer gesehen haben will, wirkte ausgesprochen zuverlässig.»

«Und der dritte?»

«Jani Väinölä? Wird noch gesucht. Heute früh um acht, als die Kollegen von der Streife bei ihm geklingelt haben, war er nicht zu Hause. In seine Wohnung sind sie allerdings nicht gegangen, weil sie keinen Haftbefehl hatten. Jetzt halten sie vor dem Haus Wache.»

«Gut. Habt ihr euch mit Ilveskivis Verwandten in Verbindung gesetzt?»

«Die Eltern wohnen hier in Espoo in Oittaa, die Schwester in Helsinki. Anu und der Polizeigeistliche waren bei ihnen. Sie haben mit keinem Wort erwähnt, dass Ilveskivi mit einem Mann zusammenlebte.»

Im Interview des «Z-Magazins» hatten Ilveskivi und Laitinen die Vorzüge einer dauerhaften Partnerschaft gepriesen und gesagt, sie wollten heiraten. Offenbar legten Ilveskivis Eltern keinen Wert auf einen Schwiegersohn.

«Der Arzt meinte, dass der Täter außer dem Messer auch eine Eisenstange benutzt hat. Das muss doch auffallen, wenn jemand mit so einem Ding in der Hand herumläuft. Ich denke, bei der Pressekonferenz werde ich die Bevölkerung um Mithilfe bitten. Wir könnten auch eine Meldung ans Fernsehen geben, ‹Fahndungsstudio›», überlegte ich laut. «Wann ist die Obduktion?»

«Morgen früh», antwortete Koivu trocken. Es war einer der Vorteile meiner Stellung als Dezernatsleiterin, dass ich nicht mehr an Obduktionen teilzunehmen brauchte, sondern den für die Ermittlungen verantwortlichen Hauptmeister schicken konnte. Koivu mochte Autopsien so wenig wie ich, aber einer musste nun mal dabei sein.

Wir fragten uns manchmal beide, warum wir zur Polizei gegangen waren und obendrein zur Mordkommission, wo der Glaube an das Gute im Menschen ständig auf eine harte Probe gestellt wurde. Ich hoffte, dass es für den Überfall auf Ilveskivi wenigstens ein klares Motiv gab, und sei es der Hass der Skinheads. Am schrecklichsten war der Gedanke, jemand, der zufällig vorbeikam, hätte ihn erschlagen, vielleicht im Drogenwahn. So etwas passierte leider allzu oft.

«Was könnte eine spontane Tat ausgelöst haben? Hat der Täter Ilveskivi erkannt?»

«Vielleicht hat Ilveskivi versucht, ihn aufzureißen…», begann Koivu, doch ich unterbrach ihn.

«Fang bloß nicht mit dem Scheiß an, Schwule würden mit jedem Mann ins Bett gehen, der ihnen über den Weg läuft! Aufreißen, ich bitte dich! Wie soll das denn gehen, wenn der eine Fahrrad fährt und der andere Motorrad?»

«Vielleicht hat der Motorradfahrer angehalten und um Feuer gebeten?», versuchte es Koivu noch einmal, grinste jedoch dabei. Zu seiner Ehre musste gesagt werden, dass er sich ernsthaft bemühte, vorurteilslos zu sein, obwohl die testosterongeschwängerte Atmosphäre bei der Polizei ein fruchtbarer Nährboden für Schwulenwitze war.

«Angenommen, der Überfall war geplant, woher wusste der Motorradfahrer, dass Ilveskivi gerade um diese Zeit an der Stelle vorbeikommen würde? Er war auf dem Weg zu einer Sitzung des Stadtplanungsausschusses, die um sechs Uhr im Espooer Zentrum begann, so viel war öffentlich bekannt. Aber wer konnte wissen, wie er dorthin fuhr?»

Koivu zuckte die Schultern. Ich schlug vor, Tommi Laitinen zu fragen. Vielleicht war es ein öffentliches Geheimnis, dass Ilveskivi bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zu den Sitzungen fuhr.

«Diese Eila Honkavuori ist immer noch bei Laitinen, jedenfalls hat sie sich gemeldet, als ich vorhin dort angerufen habe. Hast du nach der Pressekonferenz noch Zeit, dir anzusehen, was bis dahin an Informationen eingegangen ist?»

«Ja. Antti holt Iida heute ab. Kommst du mit in die Kantine? Ich muss unbedingt was essen, bevor die Presse anrückt.»

Da er schon gegessen hatte, besprachen wir noch rasch die Aufgabenverteilung. Dann rief ich pflichtbewusst bei der Vorsitzenden der Stadtverwaltung an, die jedoch in einer Besprechung saß, sodass ich guten Gewissens zum Essen gehen konnte. Die niedrige, mit künstlichen Blumen geschmückte Kantine im Untergeschoss war gut besetzt. Ich nahm die Tagessuppe und war freudig überrascht, Jyrki Taskinen, den Kripochef und ehemaligen Leiter des Gewaltdezernats, allein an einem Ecktisch sitzen zu sehen. Ich hatte damit gerechnet, ihn am Vormittag in Pasila zu treffen, doch er war nicht zur Sitzung erschienen. Vor ihm lag ein angebissenes Schinkenbrötchen, er rührte zerstreut in seinem Kaffee.

«Hallo, Jyrki. Du warst nicht bei der Sitzung?»

«Nein, ich musste Silja helfen. Sie hatte heute Morgen einen Unfall.»

«O je! Schlimm?»

«Sie klagt über Nackenschmerzen, wahrscheinlich ein Schleudertrauma. Der andere Fahrer hat die Vorfahrt missachtet und ist ihr seitlich reingeknallt. Zum Glück fuhren beide langsam, so hat Siljas Škoda nur einen Blechschaden abgekriegt. Das lässt sich reparieren, und die Gegenseite zahlt. Ein ganz junger Bursche, hat gerade erst den Führerschein gemacht.»

Taskinens Tochter war eine Eiskunstläuferin der Spitzenklasse und trainierte den größten Teil des Jahres in Kanada. Der fünfte Rang bei der Weltmeisterschaft und die Bronzemedaille bei der EM hatten ihr zum Glück neue Sponsoren gebracht, sodass die Taskinens das teure Training nicht mehr vollständig aus der eigenen Tasche bezahlen mussten. Gerüchten zufolge war Silja mit einem mehrfachen Weltmeister im Eiskunstlauf befreundet, und Taskinen klagte gelegentlich über die Höhe seiner Telefonrechnung.

«Wie gehen die Ermittlungen im Fall Ilveskivi voran? Wenn du Verstärkung brauchst, könnte ich dir zwei Leute vom Raubdezernat zuteilen.»

«Wirklich?», fragte ich freudig überrascht. Tötungsdelikte hatten immer höchste Priorität, aber in der Praxis bestand meist keine Aussicht auf zusätzliche Ressourcen.

«Ich habe heute Morgen zugehört, als Koivu die Aufgaben verteilt hat. Da war der Fall noch völlig offen. Wie steht es jetzt?»

«Kein Stück besser. Um zwei ist Pressekonferenz, wir müssen die Bevölkerung schon jetzt um Mithilfe bitten.»

«Hatte Ilveskivi Kontakte zum Drogenmilieu?», fragte Taskinen unvermittelt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In seinem Haus hatte ich keine Anzeichen für Rauschgiftkonsum entdeckt, aber heutzutage war alles möglich.

«Die Ergebnisse der Blutuntersuchung liegen noch nicht vor.»

«Der Fall wird ziemliches Aufsehen erregen. Der Stadtdirektor hat heute früh schon mit dem Polizeichef telefoniert.»

«Wie ist das möglich? Wir hatten den Namen des Opfers doch noch gar nicht bekannt gegeben?»

«So etwas spricht sich herum.»

«Offensichtlich. Ich hatte heute schon Anrufe von der Vorsitzenden der Grünen, der Vorsitzenden der Stadtverwaltung und von einem wichtigtuerischen Stadtverordneten, der mir Löcher in den Bauch gefragt hat. Bei der Pressekonferenz werde ich bestimmt in Stücke gerissen», sagte ich geknickt. Ilveskivis sexuelle Orientierung war ein gefundenes Fressen für die Medien: Ein Tötungsdelikt lieferte besonders interessante Schlagzeilen, wenn man eine sexuelle Komponente hineinbringen konnte.

«Du schaffst das schon», sagte Taskinen und legte kurz seine Hand auf meine, bevor er aufstand. «Du bekommst so viel Verstärkung, wie du brauchst.»

Sein Lächeln kam von Herzen, und es fiel mir leicht, es zu erwidern. Als Dezernatsleiter war Taskinen der ideale Chef für mich gewesen, und als Leiter der Kripo hatte er sich ebenfalls bewährt. Bei unserer ersten Begegnung hatte ich ihn als humorlosen Pedanten eingestuft, doch schon bald bemerkt, dass er ein ungewöhnlich geradliniger Mensch war, der von sich selbst und von seinen Mitarbeitern viel verlangte, aber auch offen sagte, was er erwartete. In der schneefreien Zeit lief er wöchentlich achtzig Kilometer. Er war schlank und gepflegt, aber nicht unbedingt ein Adonis. Trotzdem hatte es von Anfang an zwischen uns gekribbelt, was auch unserer Umgebung nicht entgangen war. Als ich zur Dezernatsleiterin ernannt worden war, hatte ein verbitterter Kollege mir vorgeworfen, über das Bett des Chefs Karriere zu machen. In Wahrheit hatten wir uns nie auch nur geküsst.

Ich nahm die beiden Boulevardzeitungen mit, um nachzusehen, was sie über den Fall Ilveskivi berichteten. Sie brachten große Fotos, aber nur zwei Spalten Text. Lähde und Mela, die mir auf dem Gang entgegenkamen, berichteten, sie hätten den ganzen Vormittag die Bewohner der Häuser in der Umgebung des Wanderweges befragt, aber keine neuen Informationen über den Motorradfahrer bekommen.

«Heutzutage kümmert sich kein Mensch mehr um Verkehrsschilder. Wenn ein Laster über den Wanderweg gefahren wäre, hätte es wahrscheinlich auch keiner gemerkt», brummte Lähde. Er war der Älteste in unserem Dezernat, ein fünfundfünfzigjähriger dicker Mann, der selbst im Winter schwitzte und nach dem Tod seines Freundes und Kollegen Pertti Ström noch einige Kilo zugelegt hatte. Mela war das genaue Gegenteil, ein zweiundzwanzigjähriger sportlicher Praktikant.

«Und heute Nachmittag befragt ihr Ilveskivis Kollegen?»

«Ja. Was war er nochmal, Innenarchitekt? Aber ja, gnä’ Frau, der gelbe Sofabezug passt wunderbar zum rosa Vorhang», säuselte Mela plötzlich, als spielte er einen Homosexuellen in einem dämlichen Fernsehsketch. Lähde stieß ihn warnend an, doch ich ließ es ihm durchgehen, obwohl ich es nicht mochte, wenn meine Untergebenen sich über ein Opfer lustig machten. Mela war noch ein Kind.

Die Pressekonferenz verlief leidlich gut. Der Kriminalreporter der einen Boulevardzeitung hatte von irgendwem erfahren, wer das Opfer war, und sich dementsprechend vorbereitet.

«Ilveskivi bekannte sich öffentlich zu seiner Homosexualität, er prahlte geradezu damit. War seine sexuelle Orientierung der Grund für den Mord?»

«Darauf gibt es bisher keinen Hinweis.»

«Nein? Sein Freund musste doch vor einigen Jahren den Arbeitsplatz wechseln, als die Kindergarteneltern erfuhren, dass er schwul ist.»

Davon hatte ich noch nichts gehört. Offenbar wusste man an Tommi Laitinens derzeitigem Arbeitsplatz, dass Homosexualität und Pädophilie keineswegs dasselbe waren. Ich brachte die Sprache auf die erwünschten Hinweise aus der Bevölkerung. Wir würden sehr viele bekommen, das wusste ich aus Erfahrung, aber nur wenige würden hilfreich sein. Die Kameras surrten, und ich versuchte nicht zu blinzeln, wenn wieder ein Blitzlicht aufflammte. Ich hätte es vorgezogen, mein Bild nicht in der Zeitung zu sehen, doch ich konnte das Fotografieren nicht verbieten. Morgen würde meine Mutter anrufen und sich beschweren, ich hätte immer noch nicht gelernt, mich ordentlich zu kämmen.

Als ich die Pressekonferenz endlich überstanden hatte, war meine Bluse durchgeschwitzt. Ich ging in mein Dienstzimmer, um mich umzuziehen. An der Tür hing ein Zettel von Koivu: «Komm rüber. Die Techniker haben die Eisenstange gefunden.»

Koivu arbeitete konzentriert am Computer. Ich hatte mich immer noch nicht an die Lesebrille gewöhnt, die er seit einiger Zeit brauchte. Anu Wang hatte eine Pilotenbrille im Stil der siebziger Jahre für ihn ausgesucht, die mich an die hartgesottenen Helden der ersten amerikanischen Polizeiserien erinnerten.

«Was ist mit der Stange?», fragte ich schon an der Tür und trat so eilig auf Koivu zu, dass ich im Vorbeigehen einen Papierstapel von Puupponens Schreibtisch fegte. Beim Aufsammeln sah ich, dass es sich um die Kopie einer finnischen Schulgrammatik handelte. Warum las Puupponen so etwas, hatte er das Gefühl, keine Vernehmungsprotokolle schreiben zu können?

«Im Wald, etwa zehn Meter vom Tatort, wurde ein Stück Wasserrohr gefunden, einen halben Meter lang, an dem sich getrocknetes Blut befand. Es ist schon auf dem Weg ins Labor. An der gleichen Stelle waren Reifenspuren von einem Motorrad, die Abgüsse sollen ganz gut geworden sein. Außerdem lag da noch eine Zigarettenkippe, ziemlich frisch, die haben sie auch ins Labor geschickt. Sie muss natürlich nicht vom Täter stammen, aber wir wollen nichts unversucht lassen.»

«Hervorragend! Vielleicht kommen wir doch noch weiter. Taskinen hat uns Verstärkung vom Raubdezernat versprochen, obwohl es ja kein Raubüberfall war.»

«Und wenn es doch einer war? Vielleicht hat Ilveskivis unerwartete Gegenwehr den Räuber aus dem Konzept gebracht, und er ist ohne Beute weggerannt. Allerdings haben wir Tommi Laitinen die Aktentasche noch nicht gezeigt. Womöglich hat der Täter etwas rausgenommen.»

«Kann sein», sagte ich. Da klingelte mein Handy.

«Liisa Rasilainen von der Schupo, grüß dich. Jani Väinölä ist in seiner Wohnung, er hat sich am Telefon gemeldet. Hat allerdings gleich wieder aufgelegt, als er hörte, dass die Polizei ihn sprechen will. Jetzt bräuchten wir einen Haftbefehl.»

«Ich erteile der Streife fünf-zwo-fünf die Anweisung, Jani Juhani Väinölä unter dem Verdacht der Beteiligung an einem Tötungsdelikt festzunehmen», sagte ich. «Lasst es ruhig angehen, fordert Verstärkung an, wenn nötig. Koivu und ich kommen sofort hin.» Ich gab Koivu ein Zeichen und holte meine Jacke. Nach kurzem Überlegen steckte ich auch die Dienstwaffe ein.

«Die Hauptkommissarin will bei einer Verhaftung dabei sein? Was ist los mit dir?», fragte Koivu im Aufzug.

«Zu viele Sitzungen, ich brauch Action. Väinölä ist möglicherweise ein Mörder, also ist es wohl besser, ihm mit voller Besatzung gegenüberzutreten. Hast du deinen Revolver mitgenommen?»

«Nein», sagte er verwundert. «Hast du die Waffe neuerdings immer dabei?»

Ich schüttelte den Kopf, dann stiegen wir in den Wagen, und Koivu fuhr nach Suvela, einer der wenigen Hochhaussiedlungen in Espoo. Im landesweiten Vergleich waren die Espooer Siedlungen sauber und ordentlich. Espoo war die Stadt mit den höchsten Zuwachsraten im ganzen Land und wollte hoch qualifizierte und gut verdienende Einwohner. Man konnte Ungelernten und Arbeitslosen zwar nicht befehlen wegzuziehen, aber es sollten wenigstens keine neuen mehr hinzukommen. Deshalb ließen diejenigen, die das Sagen hatten, lieber Eigentumswohnungen bauen als Mietskasernen.

In den älteren Teilen von Suvela waren die Bäume bereits herangewachsen und prangten in frischem Grün. Kinder strömten aus der Schule, ein etwa elfjähriger Junge kramte eine Zigarettenschachtel aus der Tasche, sobald er den Schulhof verlassen hatte. Wir hätten natürlich eingreifen müssen, doch dazu hatten wir jetzt keine Zeit. Vor dem Haus, in dem Väinölä wohnte, standen zwei Streifenwagen. Alles schien ruhig zu sein.

«Weigert er sich herauszukommen?»

«Der Kerl kennt seine Rechte ganz genau», schnaubte Liisa Rasilainen. «Er hat uns durch die geschlossene Tür zugerufen, ohne Haftbefehl ginge er nirgendwohin.»

Liisa Rasilainen war eine der dienstältesten Frauen bei der Espooer Polizei. Im Herbst hatten wir ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Sie war fünfzehn Zentimeter größer als ich und schlank, aber muskulös. Ihr kurz geschnittenes, dichtes dunkles Haar war von breiten grauen Streifen durchzogen. Sie sah aus, als wäre sie im dunkelblauen Polizeioverall zur Welt gekommen. In jüngeren Jahren hatte sie ein paarmal versucht, zur Motorradstaffel zugelassen zu werden, und sogar den Radstemmtest bestanden, der für Frauen angeblich unüberwindlich war, aber bei den psychologischen Tests war sie durchgefallen; man behauptete, sie sei nicht hart genug. Sie selbst führte das Testergebnis darauf zurück, dass die Männer ihren letzten Machosektor für sich behalten wollten.

«Ich vermute, Väinölä hat etwas in seiner Wohnung, was die Polizei nicht sehen soll. Rauschgift vielleicht, oder eine illegale Waffe», fügte sie hinzu. «Gehen wir nochmal rauf?»

«Und bringen aus reiner Bosheit einen Durchsuchungsbefehl mit?», grinste ich.

«Keine schlechte Idee.» Wir gingen in den zweiten Stock, wo Rasilainens Partner Jukka Airaksinen bereits mit dem Hausmeister wartete. Der Generalschlüssel war sofort angefordert worden, nachdem ich den Haftbefehl erteilt hatte. Ich hoffte, wir würden ihn nicht brauchen.

Ich klingelte zweimal, dann hob ich die Briefklappe.

«Väinölä, machen Sie auf! Wir haben einen Haftbefehl. Sie werden der Beteiligung an einem Tötungsdelikt verdächtigt. Wenn Sie nicht selbst öffnen, kommen wir mit dem Generalschlüssel rein.»

Eine Minute verging, dann hörte man schleppende Schritte, und die Tür ging auf, allerdings nur so weit, wie es die Sicherheitskette zuließ.

«Zeig mir deinen Polizeiausweis», kommandierte Väinölä mit gewollt tiefer Stimme. Da platzte mir der Kragen.

«Lass den Unsinn, das ist kein amerikanischer Film. Raus jetzt, die Hände über den Kopf!»

Er kam langsam heraus, und Rasilainen legte ihm Handschellen an. An seinen Bewegungen sah man, dass ihm diese Maßnahme vertraut war.

Er war ziemlich klein, aber breit wie ein Schrank, vermutlich dank Krafttraining und Pillen. Die Schultern passten kaum durch die Tür, und sein Bizeps war beachtlich. Offenbar war er auf seine Oberarmmuskeln auch besonders stolz, denn er trug nur ein ärmelloses schwarzes Hemd. Auf den einen Arm war ein Hakenkreuz tätowiert, den anderen zierten die finnische Flagge und ein Männerkopf, der wahrscheinlich Marschall Mannerheim darstellen sollte. Auf den kahl geschorenen Hinterkopf hatte er sich ebenfalls ein Hakenkreuz tätowieren lassen.

«Verdammt nochmal, gibt’s bei der Polizei eigentlich bloß noch Weiber?», röhrte er. Airaksinen und Koivu, die sich im Hintergrund hielten, schien er nicht bemerkt zu haben.

«So ist es», antwortete Rasilainen. «Und wir Weiber sind mütterlich besorgt um jeden, der verhaftet wird. Ich hol dir eine Jacke, in dem dünnen Hemd erkältest du dich noch.»

«Du Scheißfotze gehst da nicht rein, ihr habt keinen Durchsuchungsbefehl!», brüllte Väinölä. Koivu und Airaksinen packten ihn und führten ihn ab, während Rasilainen und ich in die Wohnung gingen.

Eine Haussuchung durften wir tatsächlich nicht durchführen, aber unter dem Vorwand, eine Jacke zu holen, konnten wir zumindest einen Blick in seine Behausung werfen. Wir betraten den Flur, von wo aus wir freie Sicht auf den Rest der Wohnung hatten. Väinöläs Einzimmerwohnung schien ein regelrechter Nazitempel zu sein. Ich überlegte, was Mannerheim und General Ehrnrooth dazu gesagt hätten, dass ihr Bild neben dem Hitlers an der Wand prangte. Daneben hing ein Plakat, das die Somalis zurück nach Somalien wünschte, ein anderes forderte Schwule und Schwedischsprachige auf, Finnland zu verlassen. Unfreiwillig komisch wirkte ein Plakat mit dem Text «Der Nigger nimmt dir dein Mädchen», auf dem ein flachsblonder Finne versuchte, eine vollbusige Schöne mit blonden Zöpfen aus den Armen eines dunkelhäutigen Krauskopfes zu reißen. Musste Väinölä sich ständig vor Augen führen, was er hasste, um seinen Hass virulent zu halten und nicht zu sehen, dass der Rest der Welt seine Ansichten nicht teilte?

Liisa Rasilainen nahm eine grüne Bomberjacke vom Haken. Am Ärmel prangte die finnische Flagge.

«Verdacht auf Volksverhetzung. Auf der Basis können wir einen Durchsuchungsbefehl beantragen», sagte ich, als wir abschlossen und gingen.

«Nun mach mal halblang, Maria, eine Hakenkreuztätowierung am Hinterkopf ist noch kein Verbrechen», wandte Liisa ein.

«Das nicht, aber potthässlich. Hast du inzwischen über unsere Fußballpläne nachgedacht?»

«Ja. Ich bin dabei.»

Auf ihrem Geburtstag war die Idee aufgekommen, bei der Espooer Polizei eine Frauenelf zu gründen. Dabei hatte sich herausgestellt, dass auch Liisa in ihrer Jugend in einer Jungenmannschaft gekickt hatte. Später hatte sie ihr Hobby wegen der unregelmäßigen Arbeitszeiten aufgegeben. Ich versprach, ein Spielfeld zu organisieren.

Väinölä saß im vergitterten Teil des Streifenwagens und sah uns bitterböse an, als wir vorbeigingen.

«Bringt ihn in den Vernehmungsraum vier», wies ich Airaksinen an.

Koivu wartete aufgeregt in unserem Wagen.

«Weißt du was, Maria, der Kerl hat sich gerade verplappert. Er wüsste, dass wir ihm den Mord an Ilveskivi anhängen wollen, hat er gesagt. Er muss in den Fall verwickelt sein, wenn er weiß, dass Ilveskivi tot ist. Der Name wurde doch erst vor einer Stunde bekannt gegeben.»

VIER

Koivu und ich besprachen uns kurz, bevor wir zum Vernehmungsraum gingen. Wir einigten uns darauf, dass ich die böse Hexe und er den netten Kerl spielen würde. In Wahrheit hasste Koivu alle Skinheads, seit einer von ihnen ihm vor einigen Jahren seine Freundin abspenstig gemacht hatte.

«Wenn wir Väinölä als Mordverdächtigen vernehmen, darf er uns die Hucke voll lügen», seufzte er.

«Stimmt. Aber so steht es nun mal im Haftbefehl.»

Der Vernehmungsraum vier war ein fensterloses Kabuff mit einer Schreibtischlampe, die man bei Bedarf drehen konnte, sodass sie den Vernommenen blendete. Väinölä hing in seinem Stuhl, als wäre er der Herr über das gesamte Polizeiwesen. Koivu setzte sich an den Computer und rief die Maske des Vernehmungsprotokolls auf. Väinölä, Jani Juhani, geboren 13.4.1976, Beruf: arbeitslos. Eine auf Bewährung ausgesetzte Haftstrafe wegen Körperverletzung, dann eine weitere ohne Bewährung wegen Körperverletzung, Diebstahl und Hehlerei. Rauschgiftdelikte hatte man ihm bisher nicht nachweisen können.

«Hauptmeister Koivu meint, du wüsstest, unter welchem Verdacht du stehst», begann ich.

«Klar, wegen dem Mord an diesem verdammten Schwulen! Der Schwanzlutscher hat’s verdient, aber ich war’s nicht.»

«Woher weißt du, dass Petri Ilveskivi umgebracht worden ist? Der Name wurde erst heute Nachmittag bekannt gegeben.»

«Hört ihr Bullen kein Radio? Um drei haben sie es in den Nachrichten gebracht.»

Im Zeitalter der Handys war das theoretisch möglich. Wir mussten es nachprüfen.

«Außerdem hab ich mit Piri telefoniert, der hat mir erzählt, dass die Bullen bei ihm waren.»

Koivu warf mir einen zweifelnden Blick zu. Natürlich hatte er Pirinen nicht gesagt, wessen Tod wir untersuchten.

«Besitzt du ein Motorrad?»

«Guck doch in eurem Scheißregister nach!»

«So ein elendes Würstchen kann sich garantiert kein Motorrad leisten», flüsterte ich Koivu zu, allerdings laut genug, dass Väinölä es hören konnte. Er war schon oft genug vernommen worden und kannte die Spielregeln, wir mussten aufpassen, dass wir uns keine Beschwerde einhandelten. Erstaunlicherweise hatte er nicht sofort die Aussage verweigert und einen Anwalt verlangt, was leider darauf hindeutete, dass er unschuldig war.

Als ich aufstand, zuckte er unwillkürlich zurück, als glaubte er, ich würde ihn schlagen. Aber diesen Fehler hatte ich noch nie begangen, obwohl ich mich manchmal nur mühsam beherrschen konnte. Ich ging in die dunkelste Ecke, so weit weg von Väinölä wie nur möglich. Morgen würden wir den Durchsuchungsbefehl bekommen, und von mir aus sollte Väinölä die gesetzlich erlaubten achtundvierzig Stunden in einer Zelle schmoren.

Ich betrachtete seine Hände. Sie waren klein, die Finger kurz. An den Knöcheln waren keine Abschürfungen zu sehen, doch das bewies gar nichts. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte der Täter Lederhandschuhe getragen. Ob er rauchte, brauchten wir Väinölä nicht zu fragen, er roch intensiv nach Zigaretten.

«Was hast du gestern zwischen fünf und sechs gemacht?», fragte Koivu mit bewundernswerter Ruhe.

«Gestern… Kinderstunde geguckt, Mann. Warte mal. Ich hab nicht immer die Uhr im Blick. War ich beim Training…»

«Wo?»

«Nee, ich war in Helsinki. Einkaufen.»

«In welchen Läden?»

«Weiß ich nicht mehr genau.» Er rieb sich die Glatze, auf der die ersten Schweißtropfen aufgetaucht waren. Vor Nervosität oder weil die Lampe so warm war?

«Hast du was gekauft?», fragte ich.

«Präser und ’ne Flasche Schnaps.»

«Hast du die Quittungen noch?»

«Heb ich nie auf.»

«Das solltest du aber. Dann könntest du beweisen, dass du in der Stadt warst», sagte Koivu freundlich und erkundigte sich weiter nach den Einkäufen. Väinöläs Aussage klang überzeugend, aber wenn er der Täter war, hatte er einen ganzen Tag Zeit gehabt, sich seine Worte zurechtzulegen. Seltsam, dass er keinen seiner Freunde um ein Alibi gebeten hatte.

«Der Kaufhausdetektiv bei Stockmann erinnert sich bestimmt an mich. So ’n dünner mit Schnurrbart. Er ist mir von der Strumpfabteilung bis zu den Plattenständern nachgelaufen.»

Auch das war möglich und nachprüfbar, ebenso der Einkauf im Alkoholgeschäft in der Kaivokatu, an den er sich plötzlich erinnerte. Das Hakenkreuz auf dem Kopf war so auffällig, dass sich sicher Zeugen fanden, falls er wirklich in der Stadt gewesen war.

«Warum habt ihr Petri Ilveskivi und Tommi Laitinen im Herbst sechsundneunzig zusammengeschlagen?»

Er drehte sich zu mir um.

«Kannst du blöde Kuh nicht lesen? Steht doch alles im Protokoll und im Urteil.»

«Warum macht es dir Angst, wenn Männer sich küssen? Weil du das auch gern tun würdest?»

«Du bist natürlich auch so ’ne verdammte Lesbe, sonst wärste nicht Polizistin geworden!», brüllte Väinölä und verweigerte von da an jede Aussage. Ich ließ ihn abführen.

«Ein Motorrad hat er nicht, das hab ich heute Morgen schon überprüft», sagte Koivu, als wir in unsere Abteilung zurückgingen. «Aber das kann man leihen oder klauen. Ich werde Anu und Puupponen bitten, sein Alibi zu überprüfen und mit seinen Kumpels zu reden.»

«Väinölä ist ein Ermittlungsstrang, ein zweiter sind natürlich Ilveskivis Angehörige und Freunde. Hast du heute schon mit Tommi Laitinen gesprochen?»

«Nur kurz, er war noch ziemlich durcheinander. Morgen müssen wir ihn befragen.»

«Ilveskivi und ich haben gemeinsame Bekannte. Bei denen könnte ich heute mal vorbeischauen.»

«Und wieder mal in der Freizeit arbeiten», grinste Koivu. Dabei war er selbst auch nicht anders. Die Arbeit ging oft genug vor. Diesmal würde ich allerdings Arbeit und Vergnügen verbinden können: Unsere Freunde, die Jensens, hatten vier Kinder, da konnte ich Iida mitnehmen.

Ich wollte gerade nach Hause gehen, als das Telefon klingelte. Der Kriminalreporter des einen Boulevardblattes bat um Bestätigung der Information, dass es im Fall Ilveskivi eine Verhaftung gegeben habe. Wie hatte er davon erfahren?

«Sagen wir so: Wir haben zurzeit eine Person hier, die uns bei den Ermittlungen unterstützt», wich ich aus.

«Jani Väinölä? Der Mann, der Ilveskivi und seinen Freund vor ein paar Jahren zusammengeschlagen hat?»

«Namensnennungen könnten die Ermittlungen beeinträchtigen.»

Wir stritten uns eine Weile, der Reporter war hartnäckig, aber ich auch. Auf dem Heimweg kaufte ich ein und hatte den Eindruck, halb Espoo hätte sich im selben Supermarkt eingefunden. Zum Glück gab es in der Delikatessabteilung fertige Samosa, womit das Problem des Abendessens für Antti und mich gelöst war. Iida konnte den Hackbratenrest essen, den ich vor einer Woche eingefroren hatte.

Manchmal empfand ich es als willkommene Abwechslung, mich mit dem häuslichen Speiseplan zu beschäftigen, doch diesmal fiel es mir schwer, mich zu erinnern, was zu Hause fehlte. Katzenfutter auf jeden Fall. Ich kaufte zehn Dosen von Einsteins Lieblingssorte. Er war auf seine alten Tage wählerisch geworden und fraß längst nicht alles, was man ihm vorsetzte.

Die Baustelle an der Schnellstraße machte den Heimweg immer wieder zum Abenteuer, die Umgebung veränderte sich fast täglich. Der Huflattich, der nach besten Kräften versuchte, den aufgewühlten Straßenrand zu verschönern, wirkte fast rührend.

Nach dem Essen rief ich bei den Jensens an und fragte, ob wir sie besuchen dürften. Es war ihnen recht. Also schraubte ich den Kindersitz auf mein Rad, zog Iida warm an und radelte nach Mankkaa. Antti blieb zu Hause, obwohl die Jensens ursprünglich seine Freunde waren. Kirsti Jensen hatte an der Universität das Arbeitszimmer mit ihm geteilt. Ich wiederum hatte mich besonders mit Kirstis Frau, der Psychiaterin Eva Jensen, angefreundet. Talvikki, das jüngste Kind der Familie, war nur ein halbes Jahr älter als Iida, und die beiden Mädchen verstanden sich gut miteinander.

Ich klingelte an der Doppelhaushälfte von Eva und Kirsti, obwohl ich eigentlich mit Lauri Jensen sprechen wollte. Er war Architekt und hatte meines Wissens beruflich mit Petri Ilveskivi zu tun gehabt. Die Familie Jensen bestand aus vier Elternteilen und vier Kindern. Antti und ich waren ein wenig neidisch, denn jedes der beiden Paare konnte problemlos ausgehen, während sich das andere um die Kinder kümmerte. Als sie davon hörten, hatten die Jensens erklärt, wir könnten Iida jederzeit zu ihnen bringen.

Die Golden Retriever sprangen uns entgegen, und Iida fing gleich an, mit ihnen herumzutoben. Während ich mich mit den beiden Frauen unterhielt, verschwand Iida mit den größeren Kindern im Spielzimmer. Zum Glück hatte sie keine Angst vor fremden Umgebungen und anderen Menschen. Nach einer Weile gesellte sich Lauri Jensen zu uns. Er sah verweint aus.

«Ach, Maria», sagte er, umarmte mich und brach erneut in Tränen aus.

«Du weißt sicher, was passiert ist», meinte Kirsti. «Ein guter Freund von Lauri ist gestorben.»

«Das ist einer der Gründe, weshalb ich hier bin», gab ich errötend zu. Eigentlich war es unverschämt von mir, einen trauernden Freund zu belästigen. «Ich dachte mir nämlich, dass du Petri Ilveskivi gekannt hast, Lauri. Es tut mir Leid.»

«Leitest du die Ermittlungen?», fragte Lauri und trocknete sich die Tränen ab.

«Ja. Schaffst du es, darüber zu reden?»

«Die ganze Nacht, wenn es dir weiterhilft. Stimmt es, dass Petri erschlagen wurde?»

Ich erzählte nicht mehr als bei der Pressekonferenz, die Jensens wussten, dass ich an die Schweigepflicht gebunden war. Eva ging ins Kinderzimmer, um den aufkommenden Lärm zu dämpfen, Kirsti wollte Tee kochen. Ich blieb eine Weile mit Lauri allein.

«Ich habe Petri erst im Beruf näher kennen gelernt, obwohl wir uns vorher schon ein paarmal im Verein für sexuelle Gleichstellung gesehen hatten. Er war dort aktiv, hat auch jahrelang im Vorstand gesessen, aber allmählich interessierte ihn die Kommunalpolitik doch mehr. Er hat eine Weile in unserem Architekturbüro gearbeitet, bis er sich für Möbeldesign entschieden hat. Sein Spezialgebiet waren Sofas, unter anderem hat er für Asko und Skanno Entwürfe gemacht. Er war begabt, wollte sich aber nicht an einen einzelnen Hersteller binden. Deshalb hat er öfter Auftragsarbeiten übernommen, für Inneneinrichtungszeitschriften zum Beispiel. Das Sofa, auf dem du sitzt, hat er übrigens auch entworfen. Schön bequem, oder?»

Lauri und Petri hatten sich etwa einmal im Monat getroffen, aber fast täglich gemailt. Lauri meinte, Petri habe in letzter Zeit unruhig gewirkt, er wisse aber nicht, warum.

«Vielleicht war er überarbeitet. Im Beruf, aber auch durch den Wahlkampf. Der Stadtplanungsausschuss hat im Moment alle Hände voll zu tun, kein Wunder bei dem Tempo, in dem Espoo zugebaut wird. Aber ich nehme an, da war noch etwas anderes. Es hat ihn sehr bedrückt, dass das neue Partnerschaftsgesetz gleichgeschlechtlichen Paaren kein Adoptionsrecht gibt. Petri und Tommi haben sich schon lange ein Kind gewünscht. Sie haben Eva und Kirsti gebeten, ein Baby für sie zu bekommen, aber…»

«Wir wollen mit den Kindern leben, die wir zur Welt bringen», unterbrach ihn Kirsti, die gerade hereinkam. «Und unsere WG kann nicht grenzenlos erweitert werden. Petri war ziemlich wütend über unsere Weigerung, und Tommi noch mehr, fürchte ich.» Sie seufzte. «Außerdem ist das Kapitel Fortpflanzung für mich abgeschlossen. Ich bin über vierzig und traue mir nicht mehr zu, eine Schwangerschaft zu überstehen, wenn ich überhaupt noch schwanger würde.»

Ich hätte an Petri Ilveskivis Probleme denken sollen und nicht an meine. Trotzdem spürte ich einen leichten Stich. Ich war im Frühjahr fünfunddreißig geworden, Iida war jetzt zweieinhalb. Wenn sie Geschwister bekommen sollte, mussten wir bald damit anfangen. Nur wusste ich nicht, was ich eigentlich wollte.

«Petri und Tommi haben eine Frau gesucht, die einem gemeinsamen Sorgerecht zustimmen würde. So haben es in unserem Bekanntenkreis einige geregelt. Bisher hatten sie aber niemanden gefunden, und jetzt…» Lauri wischte sich eine Träne vom Gesicht.

«Hat Petri ein geregeltes Leben geführt?»

«Ja. Er meinte, als Freelancer müsse man gut organisiert sein, um sich über Wasser zu halten. Einmal hat er im Scherz gesagt, weil er einen halb künstlerischen Beruf ausübe und obendrein schwul sei, würden ihn alle für einen Bohemien halten, obwohl er in Wahrheit ein pedantischer Ordnungskrämer sei. Tommi ist genauso, in ihrem Haus ist es unerträglich sauber.»

«Wenn die beiden zu Besuch hier waren, haben sie immer unter dem Chaos gelitten», ergänzte Kirsti.

«Ist Petri regelmäßig dieselbe Strecke gefahren? War er pünktlich?»

«Er kam grundsätzlich ein paar Minuten zu früh und war ein Gewohnheitsmensch, wie er im Buche steht. Zum Beispiel hat er immer dasselbe gefrühstückt: Kaffee, Brot, Orangensaft und Joghurt. Wir haben einmal in Turku im selben Hotel übernachtet. Dort gab es zum Frühstück keinen Joghurt, und Petri rannte in den nächsten Laden und kaufte einen Becher.» Ein Lächeln stahl sich in Lauris braune Augen.

«Er wäre ein guter Vater geworden. Kleine Kinder lieben feste Gewohnheiten», lachte Kirsti.

Eva kam aus dem Kinderzimmer zurück und erzählte, die Kinder spielten gerade Frisör und hätten Iida eine Prinzessinnenfrisur versprochen. Dann ging sie in die Küche, um den Tee aufzugießen, den Kirsti vorbereitet hatte.

«Petri war der Inbegriff des treu sorgenden Familienvaters», fuhr Lauri fort. «Tommi und er waren sehr glücklich miteinander, ihnen fehlte nur ein Kind. Sie waren schon ziemlich verzweifelt und kamen auf die verrücktesten Ideen.»

«Zum Beispiel?»

«Die Bekanntschaft einer schwangeren Fixerin zu suchen, die nicht in der Lage sein würde, selbst für ihr Kind zu sorgen. Petri hat auch gesagt, manchmal hätte er Angst, Tommi könnte ein Verhältnis mit einer Frau anfangen, nur um ein Kind zu bekommen.»

«Wer ist Eila Honkavuori?»

«Eine gute Bekannte von Petri, sie ist auch im Stadtplanungsausschuss. Ich habe sie nur ein paarmal auf Partys gesehen. Sieht toll aus.»

«Eila könnte mir gefährlich werden, wenn ich nicht glücklich verheiratet und sie nicht hetero wäre», seufzte Kirsti. «Sie ist so eine Art Erdmutter.»

Wir setzten uns an den Teetisch, und Lauri erzählte weiter. Eva dagegen wirkte ungewohnt still, sie beschäftigte sich vorwiegend mit den Kindern und machte einen kleinen Imbiss für sie zurecht. Als ich mit der halb schlafenden Iida im Kindersitz nach Hause radelte, dachte ich über das nach, was ich im Lauf des Abends gehört hatte. Nach Lauris Ansicht hatte Ilveskivi sich mit Sicherheit erbittert gegen seinen Angreifer gewehrt. Demnach wies der Lederanzug des Täters vermutlich Kampfspuren auf. Auch danach würde in Jani Väinöläs Wohnung gesucht werden, wenn am nächsten Morgen der Durchsuchungsbefehl vorlag.