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Band 3 der Usedom mit Herz & Liebe ADVENT Reihe Vier Frauen. Ein kaputter Zug. Und ein Dezember, der anders läuft als geplant. Nach dem Brand im Café zieht Louise für ein paar Wochen nach Zinnowitz. Ihre Wohnung wird renoviert, der Job wartet – eigentlich ist alles geklärt. Der Aufenthalt im Hotel Lange ist nur ein Zwischenkapitel. Doch schon am ersten Abend steht sie zwischen Kisten voller Kugeln und einem Tannenbaum, der dringend geschmückt werden muss. Finn, der Sohn des Hotelchefs, ist freundlich und wirkt ein bisschen verloren. Aber er ist nicht der einzige Grund, aus dem Louise immer weniger zurück in ihr altes Leben will.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
1. Advent - UBB
Sag mal, Loui, könntest du mir das Rezept schicken?« Jo biss ein weiteres Stück von einem meiner Kekse ab.
Isa, Rina und ich sahen sie mit erhobenen Augenbrauen an. Und vermutlich dachten wir alle das Gleiche, doch nur ich stellte die überraschte Frage: »Du backst?«
Jo legte den Kopf schief. »Allerdings. Ich habe eine Nichte. Und mit der backe ich, wenn ich meine Schwester besuche oder sie zu mir kommen.«
»Wie alt ist sie?«, fragte Isa, die, wie wir inzwischen wussten, auch eine Nichte hatte.
»Vier. Und ich habe ihr versprochen, dass wir backen, wenn ich das nächste Mal da bin.«
Ich nahm mein Handy in die Hand. »Was haltet ihr davon, wenn wir alle Nummern austauschen? Es wäre doch schön, wenn wir in Kontakt bleiben, oder?« Der Zug der Usedomer Bäderbahn war inzwischen weitergefahren, nachdem wir fast zwei Stunden auf offener Strecke gestanden hatten. Ich war so froh, dass ich diese Zeit nicht allein darauf hatte warten müssen, dass ich die Reise fortsetzen konnte. Mit den drei Frauen, unserem mit Isas Koffer improvisierten Adventstisch, meinen Keksen, Jos Tee, Rinas Servietten und Isas Teelichtern war es so gemütlich gewesen, dass ich fast traurig gewesen war, als die Zugbegleiterin erklärt hatte, dass die Fahrt weiterging.
Inzwischen hatten wir Wolgast passiert und es würde nicht mehr lange dauern, ehe wir den Bahnhof von Zinnowitz erreichten. Dort würde ich aussteigen, um einen herrlichen Monat im Hotel Lange zu verbringen. Und die Aussicht darauf, hin und wieder eine der drei Frauen zu treffen, mit denen ich die letzten Stunden verbracht hatte, gefiel mir.
Die anderen stimmten zu und wir tauschten die Nummern, sahen aber davon ab, eine Nachrichtengruppe zu gründen. Darin war ich eh nicht besonders gut. Entweder sie nervten mich oder ich erzählte viel und hatte später das Gefühl, dass es zu viel gewesen wäre.
»Und jetzt schicke ich dir das Rezept.«
»Mir auch«, sagte Isa. »Ich hab schließlich auch eine Nichte.«
»Dann möchte ich es aber auch haben«, warf Rina ein, die immer noch sehr niedergeschlagen wirkte. Ähnlich wie Isa, doch bei ihr war es irgendwie anders.
Ich schickte es allen dreien. Und dann setzten wir unser Gespräch fort, bis es Zeit für mich wurde, meine Sachen zusammenzupacken und mich von ihnen zu verabschieden. Jede einzelne stand auf, um mich zu umarmen, und Isa, die mit mir am Gang gesessen hatte, half mir dabei, meine Sachen zur Tür zu bringen.
Dort umarmte ich sie noch einmal. »Es war so schön, euch kennenzulernen. Komm gut nach Ückeritz und schick mir ein Foto, wenn du das Rezept mit Harriet ausprobiert hast.«
»Das mache ich.« Sie lächelte mich warm an und wirkte dabei ein bisschen weniger müde, ein bisschen weniger traurig als zu Beginn unserer gemeinsamen Fahrt.
»Und du erhol dich so richtig.«
»Das mache ich«, erwiderte ich, als der Zug stoppte und der Knopf an der Tür zu leuchten begann. Isa drückte darauf. »Mach’s gut, Loui.«
»Du auch, Isa.« Ich sah an ihr vorbei zu Rina und Jo, die beide zum Gang gerutscht waren und winkten. »Tschühüss!« Dann drängten die anderen Fahrgäste darauf, dass ich den Zug verließ, und ich ließ mich von dem Strom der Menschen auf den Bahnhof tragen.
Es war dunkel und kalt und es regnete. Das perfekte Wetter, um gemütlich im Warmen zu sitzen und nach draußen zu schauen. Ich aber stand draußen und blickte zurück durch das Fenster der UBB, hinter dem Isa sich wieder zu den anderen beiden gesetzt hatte. Sie sahen nicht nach draußen, weil sie in den Scheiben nur ihre eigene Spiegelung erkennen würden. Ich wäre am liebsten wieder eingestiegen, um zurück in die Gemütlichkeit der vergangenen Stunden einzutauchen.
Was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht, ganz allein für einen kompletten Monat ans Meer zu fahren? Im Dezember. Ich biss mir auf die Lippe, winkte, als die Bahn losfuhr, auch wenn die anderen mich nicht sahen. Dann atmete ich die Luft, die ich in den letzten Sekunden in meiner Lunge gehalten hatte, mit einem langen Zug aus. Sie verwandelte sich in eine Nebelwolke, in der ich fast komplett allein auf dem Bahnsteig stand. Die anderen Fahrgäste waren in Richtung des Bahnhofsgebäudes verschwunden.
Allein. Ich war jetzt allein. Keine Sophie, die ich abends anrufen konnte, damit wir uns auf ein Glas Wein trafen. Kein Richard, der für seine Mittagspause eine zehnminütige Fahrt mit dem Fahrrad in Kauf nahm, damit er sie bei mir im Café verbringen konnte. Meine Eltern lebten ohnehin in Kiel. Geschwister hatte ich keine.
Und jetzt war ich komplett auf mich allein gestellt.
In meiner Jackentasche vibrierte es. Ich zog das Telefon heraus und meine Miene hellte sich auf, als ich den Anrufer sah.
»Du stehst schon wieder. Allerdings stehst du in Zinnowitz und da wolltest du hin, oder?«
Ich lachte auf. »Stalkst du mich, Ricky?«
»Du weißt, dass ich nicht möchte, dass du mich so nennst.«
»Und du weißt, dass diese Verfolgungsapp nur für Notfälle gedacht ist.« Ich nahm den Griff meines Koffers und setzte uns beide in Bewegung. »Wenn ich nachts allein durch dunkle Parks laufe, zum Beispiel.«
»Bitte lauf nachts nicht allein durch dunkle Parks.«
»Mache ich nicht. Das weißt du doch.«
»Also, bist du angekommen?«
»Jap.« Ich sah mich um, trat in das Bahnhofsgebäude, durchquerte es mit wenigen Schritten und wunderte mich, als ich auf der Straße stand, wo die zwei Dutzend Menschen hin waren, die den Zug gemeinsam mit mir verlassen hatten.
»Loui?«
»Tut mir leid. Es ist so still hier.«
»Nimm die Straße.«
»Ich fürchte, es gibt gar keinen anderen Weg. Vielleicht gibt es sogar nur eine einzige Straße.«
Er lachte schallend auf. »Unsinn, so klein ist Zinnowitz nun auch wieder nicht. Wir waren letztes Jahr dort. Erinnerst du dich?«
»Hey, natürlich erinnere ich mich. Aber irgendwie hat es mit euch zusammen größer gewirkt.«
»Mit uns wirkt alles größer. Also, Liebes, erzähl mir von deinen neuen Freundinnen. Wer war am besten gekleidet?« Als Richard und ich uns kennengelernt hatten, war ich überzeugt gewesen, dass er schwul war, weil mir das Fernsehen einen bestimmten schwulen Stereotyp präsentiert hatte. Doch dann hatte er mich zum Essen eingeladen, wir hatten miteinander geschlafen und er hatte mir wie jeder andere Kerl erklärt, dass er nicht der Typ für Beziehung war. Erst ein Jahr später hatte er mir verraten, dass er auch gern mit Männern schlief.
»Eindeutig Jo.« Und dann fing ich an, ihm von den drei Frauen zu erzählen, während ich die Straße in Richtung Strand entlangging, die mich zum Hotel Lange führte. Meinem neuen Zuhause für den Rest des Jahres. Das Glücksgefühl kehrte zurück. Ja, ich würde auch gern Zeit mit meinen Freunden verbringen. Aber wer hätte jemals erwartet, dass ich es mir würde leisten können, einen kompletten Monat in einem Hotel zu wohnen? Ich ganz sicher nicht. Vermutlich wäre ich vollkommen verwöhnt, wenn ich zurück nach Berlin zog. Ich würde jemanden brauchen, der bei mir putzte und für mich kochte.
Doch daran wollte ich jetzt nicht denken. Jetzt wollte ich einfach nur ankommen, ein heißes Bad nehmen und den Tag bei einem leckeren Essen, das in meiner gebuchten Halbpension dabei war, ausklingen lassen.
Es ist Tradition, dass der Weihnachtsbaum am ersten Advent geschmückt wird.«
»Geschmückt, Finn. Nicht aufgestellt.«
Als ich auf das Hotel Lange zuging, sah ich zwei Männer, die einen riesigen Tannenbaum die Treppe hinauf zum Hotel schleppten.
»Entspann dich, Mads.«
»Ich war entspannt. Bis du mich vor fünfzehn Minuten angerufen und von einem Abendessen mit Mia weggerissen hast. Gab es niemand anderes, der dir dabei helfen konnte?«
»Ich wollte es mit dir machen. Früher haben wir das immer zusammen gemacht.«
Ich fühlte mich unwohl, die beiden zu belauschen. Aber sie blockierten die Treppe mit diesem riesigen Baum und ich würde warten müssen, bis sie oben angekommen waren. Oder … »Kann ich helfen?« Ich stellte meinen Koffer an die Seite, meine Tasche darauf und ging zu den beiden.
Sie sahen überrascht zu mir. In dem fahlen Licht der Laternen und der Hotelbeleuchtung erkannte ich sie kaum, doch dass sie miteinander verwandt waren, war offensichtlich. Ich nahm an, dass es Brüder waren. Die Brüder Lange.
»Das ist lieb. Aber wir schaffen das.« Der, der seinen Bruder gebeten hatte, entspannt zu sein, lächelte mich freundlich an. »Aber wir machen ein bisschen Platz, damit Sie durchkommen.« Er trat ein paar Schritte zur Seite, bis er eingeklemmt zwischen Baum und Geländer auf der Treppe stand. Sein Bruder folgte seinem Beispiel. »Er hat recht. Danke. Wir schaffen das. Haben Sie einen schönen Aufenthalt.«
»Danke.«
Dann meldete sich der andere Bruder wieder zu Wort. »Brauchen Sie Hilfe mit dem Koffer?« Er machte Anstalten, den Baum abzulegen, doch ich winkte schnell ab, als ich den fast schon panischen Ausdruck im Gesicht seines Bruders sah. »Nein, der ist nicht so schwer.« Das stimmte nicht ganz, denn ich hatte ihn ziemlich vollgequetscht. Sophie hatte mir die Klamotten geschenkt, die ihr seit Jahren nicht mehr passten, und ich hatte sie alle eingesteckt. Sophie war einkaufssüchtig, weshalb sie und Ricky sich so gut verstanden. Und sie schmiss nie etwas weg, was er ihr ständig vorhielt. Tatsächlich war es seine Idee gewesen, dass sie in ihrem riesigen Schrank nach Klamotten suchte, die ihr zu klein geworden waren. Ich hatte sie ihr abkaufen wollen, doch davon hatte sie nichts wissen wollen.
Schnell stieg ich die Treppen hoch, lächelte beide an und ging durch die weit geöffnete Tür. Dadurch war meine Ankunft etwas kühler, als ich es erwartet hatte. Doch das störte mich nicht. Gleich würde ich mein warmes Zimmer betreten, ich würde mir einen Tee bestellen und auftauen.
»Guten Abend.« Die Frau an der Rezeption begrüßte mich freundlich. Ich erwiderte den Gruß und nannte ihr meinen Namen, als die beiden Brüder mit dem Baum durch die Tür traten und ihn ins Haus schleppten. Sie gingen an uns vorbei, in den Lounge-Bereich ein paar Meter weiter.
Die Rezeptionistin lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Wie schön, Sie in unserem Haus begrüßen zu dürfen.« Sie fragte meine weiteren Daten ab, ließ mich ein Formular ausfüllen und erklärte mir, wann es Frühstück und Abendessen gab. Dann wandte sie sich zu einer deutlich jüngeren Frau, die neben ihr gestanden und uns aufmerksam beobachtet hatte. Sie war fast noch ein Mädchen. Vermutlich war sie Auszubildende. »Laura, würdest du Frau Winterfeld zum Fahrstuhl begleiten und ihr erklären, wo sich Zimmer 328 befindet.«
»Natürlich, sehr gern«, erwiderte diese und lächelte mich ebenso freundlich an. Dann kam sie hinter dem Tresen hervor. Die andere Mitarbeiterin überreichte mir eine Schlüsselkarte in einem kleinen Heft mit meiner Zimmernummer und weiteren Informationen.
»Haben Sie einen wunderschönen Aufenthalt. Die Rezeption ist 24 Stunden lang besetzt. Rufen Sie also gern an, wenn Sie etwas brauchen.«
»Das mache ich, vielen Dank.«
Dann führte mich Laura zu den Fahrstühlen, die sich in der Nähe des Lounge-Bereiches befanden, in dem die Brüder den Baum in einem Ständer befestigten. »Laura, steht der Baum gerade?« Ich konnte nicht sagen, welcher der beiden älter war. Jetzt im helleren Licht nahm ich die Unterschiede zwischen den Männern aber deutlicher wahr.
»Nicht ganz. Er kippt ein bisschen nach rechts.«
Der andere Bruder, der unter dem Baum hockte, verstellte etwas. Jener, der gefragt hatte, fixierte den Baum.
Laura und ich lachten und ich sagte: »Sie meinte das andere rechts.«
Der Bruder unter dem Baum steckte den Kopf hervor. »Rechts von euch aus betrachtet oder von uns?«
»Von uns aus.« Sie presste die Lippen aufeinander, um nicht noch einmal zu lachen. Doch keiner der beiden wirkte empört oder schien es ihr auf andere Weise vorzuwerfen.
Wieder verstellte er etwas, wieder fixierte der andere den Baum. »Finn, das ist die gleiche Richtung. Noch ein Stück weiter und du musst die Menschen um dich herum davon in Kenntnis setzen, dass ein Baum fällt.«
»Sehr witzig.« Das fand der Mann unter dem Baum offensichtlich wirklich, denn er lachte nun selbst. Finn hieß er also. Er schraubte erneut an den Rädchen des Weihnachtsbaumständers und endlich bewegte er sich in die richtige Richtung.
»Wie sieht es jetzt aus?«, fragte der andere.
Laura und ich verengten die Augen und nickten dann fast gleichzeitig. »Sieht gut aus«, sagten wir unisono und lachten wieder.
Finn kam unter dem Baum hervorgekrabbelt. Die Haut in seinem Gesicht war gerötet und er klopfte die Hände gegeneinander.
»Soll ich einen Besen holen, um die Nadeln aufzufegen?«
»Das wäre wunderbar, Laura«, sagte der andere Mann und Laura verschwand in Richtung Tresen. Dann schlug er Finn auf die Schulter. »Den Rest schaffst du allein, oder?«
»Ja, sicher.« Vielleicht irrte ich mich, doch ich meinte, einen Funken Enttäuschung auf Finns Gesicht zu erkennen. »Grüß Mia von mir, ja?«
Der andere hob leicht die Augenbrauen, nickte dann aber. »Sicher. Gute Nacht, Finn.«
»Gute Nacht, Mads.«
Mads nickte mir zu, verabschiedete sich von der Frau hinter der Rezeption und dann von Laura, die mit einem Besen aus dem Restaurant kam. Ich hatte nicht länger einen Grund, hier zu stehen, und tippte auf den Knopf am Fahrstuhl.
»Wann wird der Baum denn geschmückt, Herr Lange? Letztes Jahr haben wir Azubis es alle zusammen am ersten Advent gemacht.«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich mit einem Ping-Geräusch.
»Sind denn noch weitere Auszubildende da?«
Laura überlegte. »Ja, ich glaube schon.«
»Dann finde sie und ich hole die Boxen mit den Kugeln. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten wieder hier.«
Am liebsten hätte ich gefragt, ob ich mithelfen dürfte, doch es schien Tradition zu sein, dass sich die Auszubildenden darum kümmern. Deshalb hielt ich den Vorschlag zurück und trat zwischen die Fahrstuhltüren, die sich gerade wieder schließen wollten.
Zwei Stunden später beendete ich mein Abendessen mit einem Dessert, das so lecker war, dass ich nur winzige Mengen der Zimt-Sanddorn-Creme auf meinen Löffel schob, damit es nicht weniger wurde. Die Kellnerin hatte mir erzählt, dass die Köchin gern ausgefallene Kreationen ausprobierte und ich mich in den kommenden Wochen auf einige Überraschungen freuen dürfte. Viel mehr Zeit hatte sie sich nicht für mich nehmen können, denn eine große Reisegruppe hatte das Restaurant kurz nach mir betreten. Offenbar hatte niemand mit so einer großen Gruppe gerechnet, denn sogar Laura hatte beim Servieren der Speisen und Getränke geholfen, zusammen mit zwei weiteren Auszubildenden in Restaurant-Uniform und einem Kochlehrling, dessen Gesicht noch von der Arbeit in der Küche glänzte.
Jetzt war es ruhiger. Die Gruppe war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war und gegessen hatte. Außer meinem war nur ein weiterer Tisch besetzt. Ein älteres Paar mit einem kleinen Kind. Vermutlich Großeltern, die die Zeit mit ihrer nicht schulpflichtigen Enkelin außerhalb der Saison genossen.
Als ich meinen Teller so sauber gekratzt hatte, dass man ihn vorbehaltlos wieder in den Schrank hätte stellen können, erhob ich mich. Inzwischen war es halb zehn Uhr abends und anders als das kleine Mädchen war ich nun müde genug, um auf der Stelle ins Bett zu fallen.
Ich legte ein Trinkgeld auf den Tisch. Die Rechnung für mein Wasser würde aufs Zimmer gebucht werden. Genau, wie der Tee, den ich getrunken hatte. Auf das Bad hatte ich verzichtet, weil es schon so spät gewesen war. Ich hatte mich nur umgezogen, hatte, eingekuschelt in eine Decke auf dem Sessel am Fenster, den Tee getrunken und als ich dort fast eingeschlafen wäre, war ich die Treppen hinuntergestiegen, um zu essen.
Als ich das Restaurant verließ, war es ruhig im Hotel. An der Rezeption war niemand, doch im Lounge-Bereich fand ich Finn, der umgeben von Boxen neben dem Baum stand. Er wirkte etwas verzweifelt.
»Hatten die Azubis keine Zeit?« Ich war es gewöhnt, Fremde anzusprechen. Im Café tat ich das ständig. Für viele war dies einer der Gründe, warum sie wiederkamen. Ich fand schnell ein Gesprächsthema mit den Menschen und schaffte es fast jedes Mal, über etwas mit ihnen zu reden, das sie wirklich interessierte.
»Waren Sie gerade essen?«
Ich nickte, weil ich mir schon gedacht hatte, dass es damit zusammenhing.
»Dann haben Sie sicher gesehen, warum ihnen die Zeit gefehlt hat.«
»Können sie es nicht morgen machen?«
»Die meisten von ihnen sind in der nächsten Woche in der Berufsschule. Am Dienstag kommt mein Vater und es wird ihm nicht gefallen, wenn der Baum nicht fertig ist.« Einer seiner Mundwinkel hob sich. »Und ich bin mir sehr bewusst, wie das geklungen haben muss.« Er löste sich von dem Baum und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu. »Hallo, ich bin Finn Lange.«
Ich ergriff seine Hand. »Ich bin Loui Winterfeld. Und ich bin ziemlich gut im Weihnachtsbaumschmücken.«
»Und bescheiden noch dazu.«
Ich legte den Kopf schief. »Nein, das kann ich eigentlich nicht von mir behaupten.«
Wir lachten beide und es war herrlich leicht.
»Ich arbeite seit vielen Jahren in einem Café und dort haben wir zwei Bäume. Ich bin jedes Mal diejenige, die sie schmückt. Und meine Eltern warten auch jedes Jahr, bis ich komme, ehe sie den Baum kaufen. Meine beiden besten Freunde laden mich sogar extra zu Baumschmückpartys ein, damit ich ihre Bäume schmücke. Und Sie sollten den Baum sehen, der jedes Jahr in meiner Wohnung steht.«
Sicher glaubte er, ich würde übertreiben, doch das tat ich ganz und gar nicht. Ricky und Sophie hatten ihre Bäume in diesem Jahr extra früher gekauft, damit ich sie für sie schmückte.
»Und jetzt bieten Sie mir ihre Hilfe bei diesem Ungetüm an?«
Ich blickte hoch zu der Spitze, die etwa dreißig Zentimeter unterhalb der Decke endete. Es würde Stunden dauern, den Baum zu schmücken. Doch meine Müdigkeit war wie weggeblasen. »Wenn Sie Hilfe brauchen.«
Finn Lange deutete auf die offen stehenden Kartons. »Wonach sieht es denn aus?«
»Danach, dass Sie unbedingt Hilfe brauchen.«
Er lächelte schief und wirkte dabei um einiges jünger. Er hatte mir auch schon vorher gefallen, doch dieses Lächeln ließ ihn charmant wirken. Es passte zu dem dunkelblauen Strickpulli, dem gepflegten Bart und seiner aufrechten Haltung.
»Dann fangen wir am besten sofort an. Gibt es ein Farbkonzept?«
»Ich habe keine Ahnung. Die Mitarbeiterin, die sich in den letzten Jahren mit den Auszubildenden darum gekümmert hat, arbeitet nicht mehr für uns.« Ein Schatten zog sich bei diesen Worten über sein Gesicht. Er verschwand aber schnell wieder. »Normalerweise ist es in den Farben des Hotels gehalten.« Er deutete auf die dunkelblauen und weißen Kugeln. Dort befanden sich auch mehrere goldfarbene Bänder und kleinere künstliche Stechpalmenzweige.
»Wo sind die Lichterketten?«
»Hier drüben.« Er deutete auf eine riesige Kiste. »Damit sollten wir anfangen, oder?«
Ich lächelte und fand es irgendwie süß, dass er scheinbar wirklich nicht wusste, wie man einen Weihnachtsbaum schmückte. Süß und auch ein bisschen traurig. Hatte er das als Kind nie getan? »Genau, wir beginnen mit der Lichterkette.« Ich zog die Leiter, die ausgeklappt neben uns stand, näher an den Baum und erklomm die ersten Stufen.
Finn wollte mich davon abhalten. »Ich kann das machen.«
»Wissen Sie denn, wie?«
Er verzog das Gesicht. »Nicht so, dass ich es erklären könnte.«
