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Vier Frauen. Ein kaputter Zug. Und ein Dezember, der anders läuft als geplant. Isabel braucht Abstand – von Berlin, vom Job, von sich selbst. Der Dezember auf Usedom bei ihrem Bruder, seiner Tochter Harri und dem kleinen Welpen Freddy soll nur eine Pause sein. Kein Neuanfang. Keine große Sache. Doch als Hannes, der beste Freund ihres Bruders, plötzlich wieder vor ihr steht – der Einzige, der sie Bella nennt – geraten ihre Pläne ins Wanken. Zwischen Spaziergängen am Meer und dem Umbau eines alten Restaurants wird ihr klar: Vielleicht ist das, was sie verloren glaubte, gar nicht so weit weg.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
1. Advent
Es nieselte, als ich am Bahnhof Züssow aus dem ICE stieg, der mich von Berlin hierher gebracht hatte. Die Dunkelheit zog aus dem Osten heran. Es war kalt. Nicht kalt genug für Schnee, doch kalt genug, damit meine Finger sich unter dem Regen rot verfärbten und ich sehnsüchtig auf die digitale Anzeige starrte, die mir verkündete, dass die Usedomer Bäderbahn in drei Minuten eintreffen würde.
Der Bahnsteig war voll. Warum waren am ersten Advent um halb vier Uhr nachmittags so viele Menschen unterwegs? Sollten sie nicht gemütlich bei ihren Liebsten am Kaffeetisch sitzen und sich den Bauch mit Plätzchen vollschlagen? Plätzchen. Mein Magen knurrte. Eigentlich hatte ich mir am Hauptbahnhof etwas zu essen kaufen wollen, doch dann war ich so spät dort eingetroffen, dass mir die Schlangen an den Imbissbuden zu lang erschienen, und ich hatte auf einen Snack-Automaten auf dem Bahnsteig gehofft. Es hatte keinen gegeben. Außerdem war der ICE nur zwei Minuten nach meinem Eintreffen in den Bahnhof gefahren.
Wegen meiner kurzfristigen Buchung hatte ich keine Sitzplatzreservierung mehr bekommen und wollte keine Sekunde damit verschwenden, mir etwas mit zweifelhaften Nährwerten zu suchen, wenn ich sie ebenso dazu verwenden konnte, mir für die nächsten Stunden einen guten Platz zu sichern.
Normalerweise fuhr ich mit dem Auto, wenn ich Flo besuchen wollte. Doch da die Temperaturen an der Null-Grad-Marke kratzten, hatte ich mich für die Bahn entschieden.
Der Zug fuhr ein. Die Lautstärke der Maschinen erfüllte den gesamten Bahnhof. Eine Mitarbeiterin ging zu jenem Teil der Bahn, der für den Lärm verantwortlich war, öffnete eine Klappe und gab damit den Blick auf jede Menge Elektronik frei. Ich konnte nicht sehen, was sie tat, und nach einer Minute klappte sie die Öffnung wieder zu und forderte uns zum Einsteigen auf. Zuvor waren die Türen verschlossen gewesen, was dafür gesorgt hatte, dass sich die meisten der anderen Fahrgäste vor ihnen in mehreren Knäueln versammelt hatten.
Als ich endlich einsteigen konnte, war der Zug so voll, dass ich ihn einmal durchqueren musste, um einen Platz in einem Vierersitzbereich zu finden. Dort saßen bereits drei andere Frauen, die ungefähr in meinem Alter waren. Eine von ihnen trug Kopfhörer und sah aus dem Fenster. Sie schien die jüngste zu sein und ihr Blick war traurig und fast schon leer. Ihr gegenüber saß eine Frau, die ich gern nach ihrem Lieblingsladen gefragt hätte. Ihr Kleidungsstil gefiel mir und war meinem nicht unähnlich. Dezent, aber auch elegant. Bequem, aber hochwertig. Sie hatte einen Laptop auf dem Schoß und tippte darauf herum, als würde sie schon seit Stunden in diesem Waggon sitzen. Dabei waren es vermutlich nicht einmal Minuten.
Die dritte Frau war die einzige der drei, die meinen Blick mit einem freundlichen Lächeln erwiderte.
»Ist hier noch frei?«
Sie sah kurz zu den anderen beiden. Die Frau mit dem Laptop nickte nur, die andere reagierte nicht. Vermutlich hatte sie meine Frage nicht gehört.
»Ich schätze schon«, antwortete die Frau mit dem freundlichen Lächeln.
Erleichtert öffnete ich den Reißverschluss meiner Jacke. Dann sah ich nach oben, doch die Gepäckablagen waren voll und mein Koffer, in den ich ausreichend Klamotten gequetscht hatte, um den gesamten Dezember bei Flo und Harri zu verbringen, würde niemals zwischen die Taschen und Rucksäcke passen, die dort bereits platziert worden waren.
Deshalb schob ich ihn so nah wie möglich an meinen Sitz heran und hoffte, dass die Zugbegleiterin sich nicht darüber beschweren würde, dass ich damit einen Fluchtweg versperrte. Ich zog die Jacke aus, weil es hier im Zug im Gegensatz zu der Kälte draußen, warm war. Dann holte ich mein Buch aus der Tasche, in das ich mich schon im ICE nicht hatte vertiefen können, und begann zum zehnten Mal, den ersten Satz von Kapitel zwei zu lesen.
»Meine Damen und Herren, willkommen an Bord der Usedomer Bäderbahn«, erklang in diesem Moment die Stimme der Zugbegleiterin. »Bitte entschuldigen Sie die Verspätung, unser Zug hatte einen technischen Defekt und wir mussten ein paar Minuten auf der Strecke stehen bleiben, um ihn zu beheben. Bitte halten Sie Ihre Fahrkarten bereit und suchen Sie sich einen Sitzplatz, wenn Sie noch keinen gefunden haben. Der nächste Halt ist Karlsburg.«
Die Frauen an den Fenstern hatten die Ansage nicht beachtet. Zumindest hatten sie es nicht gezeigt. Die Frau, die mir gegenübersaß, runzelte stattdessen die Stirn. »Hoffentlich bleiben wir nicht auch auf offener Strecke stehen.«
Die Frau mit dem Laptop, die neben ihr saß, warf ihr einen Blick zu, der halb genervt, halb amüsiert wirkte. Sie wartete nicht darauf, dass die mit dem freundlichen Lächeln den Blick erwiderte, und vertiefte sich wieder in ihre Arbeit.
Ich hatte meinen Laptop zwar dabei, bereute es inzwischen aber. Ich wollte keine E-Mails lesen, keine Designprogramme öffnen und überhaupt so wenig von der Berliner Außenwelt mitbekommen wie möglich. Deshalb würde ich ihn im Koffer lassen. Ich wollte die Adventszeit bis ins neue Jahr hinein mit meiner Familie verbringen. An Weihnachten würden auch unsere Eltern auf die Insel kommen. So wie in jedem Jahr. Niemand verlangte von Flo, dass er mit seiner Tochter bis nach Berlin fuhr, wenn wir genauso gut zu ihm kommen konnten.
Ich schlug das Buch zu und lehnte den Kopf gegen den Sitz. Meine Augen fielen zu und ich vergaß die Bitte der Zugbegleiterin, die Fahrkarte bereitzuhalten. Mein Bewusstsein schwand. Ich war müde. Doch davon ließ ich mich nicht täuschen. Schon im ICE, in dem ich einen unverhofften Fensterplatz in Fahrtrichtung hatte ergattern können, hatte meine Erschöpfung es nicht geschafft, mich schlafen zu lassen.
Denn mit den geschlossenen Augen verschwanden die Reize von Außen und das Gedankenkarussell sprang wieder an. Ich war zu müde, um dagegen anzukämpfen. Wozu auch? Was für einen Unterschied machte es, ob ich darüber nachdachte oder nicht. Es war geschehen, ich konnte es nicht ändern und musste ausbaden, was ich angerichtet hatte.
»Die Fahrkarten, bitte.« Die Stimme der Zugbegleiterin ließ mich aus meinem Dämmerzustand hochfahren. Hastig kramte ich in meiner Jackentasche nach meinem Telefon, fand es erst nicht und erinnerte mich dann daran, dass ich es ins Außenfach meiner Handtasche gesteckt hatte. Während ich herumwühlte, die App öffnete und den Code raussuchte, den sie scannen musste, kontrollierte sie die Fahrkarten der anderen drei Frauen, die fast schon gelangweilt, auf jeden Fall aber deutlich besser vorbereitet als ich, ihre Handys zückten und vor den Scanner hielten.
Nachdem sie auch meinen Fahrschein in ihr System gebracht hatte, wandte sie sich der Sitzgruppe neben uns zu. Ich verriegelte mein Display wieder, nicht ohne zu registrieren, dass ich keine Benachrichtigungen hatte. Nicht, weil mir niemand schrieb oder mich anrief. Nein, ich hatte sie ausgeschaltet, weil ich es nicht ertrug, immer wieder an mein Scheitern erinnert zu werden, weil mir jemand schrieb, dass alles halb so schlimm wäre. Lügen. Und außerdem brauchte ich diese Erinnerungen ganz bestimmt nicht.
Am liebsten hätte ich auch mein Handy zu Hause gelassen, doch das hätte einige logistische Probleme nach sich gezogen. Wie hätte ich zum Beispiel einen Fahrschein vorzeigen sollen? Oder Flo darüber informieren, dass mein Zug später kam? Ja, dafür gab es analoge Alternativen, doch sie waren ziemlich unpraktisch.
Allerdings hatte ich mir vorgenommen, das Telefon auszuschalten, sobald ich bei Flo und Harri im Auto saß. Vielleicht würde ich es sogar schaffen, es für den Rest des Jahres in diesem Zustand zu lassen. Ein Monat ohne digitale Außenwelt. Dieser Gedanke fühlte sich so leicht an, dass sich ein Lächeln auf meine Lippen legte.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die Frau, die mir gegenübersaß, mich ebenfalls lächelnd musterte. Ich richtete den Blick auf sie und für einen Moment schauten wir einander an.
»Der nächste Halt ist Karlsburg.«
Ich wandte den Blick zum Fenster. Es war fast dunkel. An einem sonnigen Tag wäre die Dämmerung nicht so früh über uns hereingebrochen, doch heute hingen die Wolken tief und die Sonne hatte keine Chance, den letzten Novembertag noch etwas aufzuhellen.
Nachdem der Zug wieder angefahren war, senkte ich den Blick erneut auf den ersten Satz von Kapitel zwei. Die Buchstaben verschwammen. Nicht, weil mir Tränen in die Augen stiegen, sondern weil ich meinen Blick nicht auf sie fokussieren konnte. Es eigentlich auch gar nicht wollte. Ich wollte aktiv dabei sein, wenn dieser Zug mich noch weiter von Berlin wegbrachte. Ich wollte aktiv loslassen.
Mein Magen knurrte erneut. Dieses Mal jedoch war jemand in der Nähe, der es hören konnte. Die Frau mit dem Laptop sah kurz zu mir. Nicht genervt, sondern mit einem Lächeln, das irgendwie nett war. Die Frau mit dem freundlichen Lächeln mir gegenüber dagegen grinste.
»Hunger?«, fragte sie und ich nickte.
»Ich hätte ein paar Plätzchen. Möchtest du welche?« Sie duzte mich, was mich freute. Doch noch mehr freute ich mich über ihr Angebot. Sie öffnete eine große Plastikbox, in der sich sicher hundert verzierte Weihnachtsplätzchen befanden.
Fragend sah ich sie an. »Die sind doch sicher für jemanden bestimmt, oder?«
Jetzt strahlte sie. »Jap, für mich. Und für alle, die mit knurrendem Magen in der Bahn auf dem Weg nach Usedom sitzen. Fährst du bis Usedom?«
Ich nickte. »Ja, bis Ückeritz.«
»Wie schön. Ich steige in Zinnowitz aus. Dann fahren wir ja noch ein bisschen zusammen.«
Als ich noch immer nicht in die Dose griff, fügte sie hinzu: »Nun nimm schon. Ich habe genug.«
»Vielleicht folgt sie ja dem allgemeinen Rat, keine Süßigkeiten von Fremden zu nehmen«, erklang da die Stimme von der Frau mit dem Laptop.
Unwillkürlich musste ich lachen.
»Möchtest du auch eines?«, fragte die Frau mit dem freundlichen Lächeln jene mit dem Laptop und ich verspürte den Impuls, die beiden nach ihren Namen zu fragen.
»Unbedingt. Die sehen köstlich aus.« Sie griff in die Dose und steckte sich einen Stern in den Mund. »Mh, die sind fantastisch. Hast du die gebacken?«
»Habe ich.« Die Frau mit dem freundlichen Lächeln wirkte sehr erfreut. Dann sah sie zu mir. »Du kannst auch zwei haben.«
»Also ich hätte gern noch ein zweites.« Die Laptop-Frau nahm sich ein Plätzchenherz, bevor die andere es ihr direkt anbot.
Mir lief das Wasser im Mund zu kleinen Sturzbächen zusammen und ich fürchtete zu sabbern, wenn ich mir nicht endlich selbst einen … oder besser zwei Kekse nahm. Ich entschied mich für zwei bunt verzierte, kreisförmige Plätzchen und musste der Laptop-Frau recht geben. Sie waren fantastisch.
»Danke«, sagte ich, nachdem ich das zweite genießerisch gegessen hatte. Nicht wie die Laptop-Frau mit einem einzigen Haps, sondern Stück für Stück.
»Sehr gern. Du kannst noch mehr haben, wenn du möchtest.«
In diesem Moment wurde die Bahn langsamer, bis sie zum Stehen kam.
Wir sahen nach draußen.
»Buddenhagen ist sicher ein winziges Nest, aber ich vermute, dass sie zumindest ein paar Laternen auf dem Bahnhof haben, oder?« Die Keks-Frau erhob sich leicht, um sich zum Fenster zu beugen. Auch die anderen beiden sahen nach draußen.
»Meine Damen und Herren, leider mussten wir einen außerplanmäßigen Zwischenstopp einlegen. Der Defekt, der uns schon auf der Hinfahrt dazu gezwungen hat, ist wieder aufgetreten. Wir werden das Problem beheben und bitten Sie, auf Ihren Plätzen zu bleiben. Verlassen Sie unter keinen Umständen den Zug, da wir uns auf offener Strecke mit Gegenverkehr befinden.«
Die Kopfhörer-Frau hatte ihre Kopfhörer in den Nacken geschoben und wie der Rest von uns zugehört. Die Tür zum Cockpit, die sich direkt neben unserem Sitzbereich befand, öffnete sich und der Zugführer trat heraus. Er warf einen missbilligenden Blick auf meinen Koffer und drängte sich und seinen weit herausstehenden Bauch daran vorbei.
Ich presste die Lippen aufeinander, doch die Keks-Frau lachte. »Vielleicht sollten sie die Züge etwas länger machen, wenn die Gepäckstücke der Touristen so stören.«
»Ich bin keine Touristin«, sagte ich und wusste nicht, warum. Es war schließlich nicht so, dass ich auf der Insel wohnte. »Ich besuche meinen Bruder und seine Tochter.«
»Wie schön. Wie alt ist sie?«, fragte die Keks-Frau, öffnete die Dose wieder und hielt sie erst mir und dann den anderen beiden hin.
»Sieben.« Ich nahm mir einen Stern. »Mein Bruder hat gerade viel zu tun. Er arbeitet in der Leitung eines Hotels und sie planen ein großes Event. Deshalb verbringe ich den Dezember bei den beiden, um ihm ein bisschen zu helfen.« Dass es vielmehr er und Harri waren, die mir halfen, verschwieg ich.
Die Laptop-Frau hatte mich interessiert gemustert. »Welches Hotel leitet er?«
»Er leitet es nicht direkt. Er arbeitet mit der Geschäftsleitung zusammen. Es ist das Dünenschloss in Kölpinsee.«
»Was für ein Zufall.« Die Laptop-Frau klappte ihren Laptop zu. »Ich bin auf dem Weg nach Kölpinsee, um im Hotel Dünenschloss ein großes Weihnachtsevent zu organisieren.«
Verwirrt starrte ich sie an und nahm mir fast schon mechanisch ein Keksherz. »Wirklich?«
»Wirklich.« Sie grinste und griff selbst in die Keksdose. Dann zog sie eine große Thermosflasche aus dem Seitenfach ihres Rucksacks. »Hat jemand Lust auf einen Apfel-Zimt-Tee? Wenn ihr einen Becher dabeihabt, dann gebe ich eine Runde aus. Ich wusste doch, warum ich ihn bisher nicht angerührt habe.«
Apfel-Zimt-Tee? Das war so ziemlich das Letzte, was ich von der eleganten Business-Frau erwartet hätte, und sofort war sie mir noch sympathischer.
Die Keks-Frau zog einen leeren Recup-Becher aus dem Rucksack. So einen hatte ich auch dabei. Die Kopfhörer-Frau hatte einen Pappbecher, in dem sich vor einer Weile Kaffee befunden zu haben schien.
»Sehr gut. Wie schön, dass ihr vorbereitet seid.« Die Laptop-Frau steckte ihren Laptop in den Rucksack und öffnete die Flasche. »Ich bin übrigens Joanna, Jo reicht aber. Und ihr?«
Bevor wir antworten konnten, erklang erneut die Durchsage der Zugbegleiterin. »Meine Damen und Herren, bitte entschuldigen Sie die Verzögerung, die länger anhält, als wir es vermutet hatten. Wir können den Fehler dieses Mal nicht allein beheben, weshalb wir Hilfe anfordern müssen. Leider gibt es auf diesem Streckenabschnitt keine ausreichende Netz-Versorgung. Sollten Sie Zugang zu einem Handynetz haben, melden Sie sich bitte bei uns. Danke.«
Jo, die Laptop-Frau zuckte mit den Schultern und zog im nächsten Moment die Füße aus ihren Stiefeln. »Dann können wir es uns genauso gut gemütlich machen, oder?«
»Das ist eine wirklich gute Idee«, sagte die Kopfhörer-Frau, die bisher geschwiegen hatte. »Ich bin Rina. Bitte nennt mich bloß nicht Katharina. Dann denke ich, ich hätte etwas falsch gemacht.« Auch sie zog ihre Schuhe aus und verschränkte, wie Jo, die Beine im Schneidersitz.
Die Keks-Frau sah mich an, dann zu meinem Koffer. »Der wäre ein guter Tisch. Ein bisschen niedrig, aber höher als der Boden.«
Ich folgte ihrem Blick und verstand, was sie meinte. Mein Hartschalenkoffer war so vollgepackt, dass er liegend fast so hoch war wie die Sitze. Auch sie zog nun ihre Schuhe aus. »Ich bin Louise. Aber nennt mich Loui.« Sie sah mich fragend an. »Wollen wir?«
»Klar.« Ich nahm meine Jacke, die ich auf dem Koffer abgelegt hatte, hängte sie an den Kleiderhaken neben mir und half Loui, den Koffer zwischen uns zu schieben. Ich musste meine Füße ebenfalls auf den Sitz legen, damit das funktionierte, und zog nun selbst meine Schuhe aus. Dann sah ich in die erwartungsvollen Gesichter der anderen drei. »Was ist?«, fragte ich ahnungslos.
Loui lachte. »Du bist die Einzige, die ihren Namen noch nicht verraten hat.«
»Oh, ja richtig. Entschuldigt. Ich bin Isabel. Aber ich höre besser auf Isa.«
Jetzt lächelten sie alle.
Loui stellte die Keksdose in die Mitte unseres improvisierten Tisches. Jo füllte unsere Becher mit dem wunderbar duftenden Tee und Rina zog eine Packung Taschentücher hervor, die mit winterlichen Motiven bedruckt waren. Sie nahm vier Tücher heraus und legte eines davon vor jede von uns. Dann nahm sie zwei weitere heraus und legte sie unter die Keksdose. Loui nahm die, die vor uns lagen, und faltete sie mit geübten Fingern zu kleinen Kunstwerken. Ich dachte zunächst, dass ich nichts würde beitragen können, doch dann fielen mir die LED-Kerzen ein, von denen ich eine extra in meine Handtasche gesteckt hatte, um Harri damit zu begrüßen, wenn sie und Flo mich vom Bahnhof abholten.
Ich öffnete meine Tasche, schaltete die Kerze ein, noch bevor ich sie herauszog, und stellte sie dann neben die Keksdose. »Der erste Advent«, fügte ich hinzu, als wollte ich erklären, warum es nur eine Kerze war.
»Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass wir uns hierfür verabredet haben«, sagte Jo. »Viel besser hätte ich das auch nicht planen können.«
Wir lachten, sogar Rina mit dem traurigen Blick.
»Also, wenn das Event bei Flo genauso gemütlich wird, dann komme ich auch vorbei.«
»Oh, nein. Das wird eine Gala, wie Kölpinsee sie noch nie gesehen hat.«
»Ich bin ziemlich sicher, dass Kölpinsee noch nie eine Gala gesehen hat«, erwiderte ich.
»Mag sein. Aber nach diesem Winter wird der Ort bekannt dafür sein.«
Ich mochte Jo. Ich mochte ihre offene selbstbewusste Art, ihren Klamottenstil und ihren Tee. Sie sah zu Loui und dann zu Rina. »Und ihr, warum fahrt ihr auf die Insel?«
»Das Café, in dem ich arbeite, ist abgebrannt. Einen Tag, nachdem ich die Herbstdeko abgenommen hatte. Ich wollte letzte Woche mit dem Schmücken für die Weihnachtszeit anfangen.« Sie zog ihr Telefon aus der Tasche, scrollte durch ein paar Bilder und zeigte uns schließlich das Café. »Das hier ist es. Oder war es.«
»Loui, das sieht toll aus. Das hast du alles selbst gemacht?« Ich war wirklich beeindruckt. Ich liebte es, Räume einzurichten, doch die Dekoration war eine ganz andere Nummer. Die anderen sahen sich die Bilder ebenfalls an und äußerten sich ähnlich bewundernd.
