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Band 2 der romantischen Liebesromanreihe auf der Insel Usedom an der Ostsee rund um fünf Freundinnen, die sich vor zehn Jahren ein Versprechen gaben. Eine Sommernacht am Strand, fünf beste Freundinnen und ein Versprechen, das die Zeit überdauert. Nach der Trennung von Finn wollte Clara nur noch eins: Abstand. Doch das ist leichter gesagt als getan, wenn man auf einer Insel lebt – und der Ex nicht nur im selben Hotel arbeitet, sondern auch noch der Sohn des Chefs ist. Während Finn nichts unversucht lässt, ihr das Leben schwer zu machen, muss Clara sich fragen, ob sie wirklich an dem Ort bleiben will, den sie einst als ihr Zuhause gewählt hat. Dann taucht Noah auf. Surflehrer, Freigeist – und jemand, der mit seiner entspannten Art alles infrage stellt, was Clara für sicher hielt. Sie will ihn nicht mögen. Sie kann ihm nicht trauen. Und doch bringt er sie mehr aus dem Gleichgewicht, als sie sich eingestehen will. Zwischen Streit, Neuanfängen und der unaufhaltsamen Kraft der Ostsee muss Clara entscheiden, ob sie weiter an der Vergangenheit festhält – oder endlich den Mut findet, loszulassen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Zwei Monate zuvor
Gib es doch endlich zu, Finn! Hätte Mia sich damals nicht von dir getrennt, wärst du noch immer mit ihr zusammen. Hättest du in den vergangenen Jahren irgendeine Chance gesehen, wieder mit ihr zusammenzukommen, hättest du mich sofort verlassen. Und jetzt ist sie da, deine Chance. Zumindest scheinst du das zu glauben.«
»Lass den Quatsch, Clara.« Finn schloss die Wohnungstür hinter uns. Die Tür zu der Wohnung, die uns inzwischen zu klein geworden war. Die wir durch eine andere ersetzen wollten, die Platz für ein weiteres Zimmer bot, von dem wir noch nicht genau festgelegt hatten, wie wir es nutzen wollten. Es hatte der Startschuss für unsere gemeinsame Zukunft sein sollen. So hatte Finn es ausgedrückt.
»Ich war immer nur zweite Wahl.« Wütend atmete ich ein und aus. So schnell, dass ich mich selbst beruhigen musste, um nicht zu hyperventilieren.
»Mia war meine erste große Liebe. Wann hörst du endlich auf, eifersüchtig darauf zu sein? Es ist nichts passiert.«
»Nichts passiert? Es kann jeder sehen, wie du ihr schöne Augen machst, wie du nur auf den richtigen Zeitpunkt wartest, um ihr zu zeigen, dass du bereit für sie bist.«
Er schnaubte, warf den Schlüssel in den Kasten an der Garderobe und zog die Schuhe aus.
»Und wie eifersüchtig du darauf bist, dass sie sich für deinen Bruder entschieden hat. Wobei ich hier gar nicht sicher bin, ob du eifersüchtig bist, weil er dein Mädchen bekommen hat oder weil er mal wieder etwas bekommen hat, was du wolltest. Geht es um Mia oder um Mads?«
»Es geht um keinen der beiden. Es geht um uns. Aber offenbar suchst du ja nach einer Möglichkeit, mich loszuwerden. Brauchst du eine Ausrede? Kommt es dir gelegen, dass die alte Vertrautheit zwischen Mia und mir noch da ist?«
Ich lachte zynisch auf. »Vertrautheit? Sag mal, checkst du nicht, wie sie sich versteift, wenn du sie umarmst? Wie sie vor dir zurückweicht?«
Ein Zucken in seinem Gesicht verriet mir, dass er genau wusste, wovon ich sprach. In diesem Moment überfiel mich eine tiefe Erschöpfung. Ich konnte das nicht mehr. Jahrelang hatte ich mit der Angst gekämpft, Finn könnte Mia noch immer lieben. Dass ich nur ein billiger Ersatz für das gewesen war, was er nicht hatte haben können. Die letzten knapp zwei Wochen hatten mir deutlich gezeigt, dass diese Angst mehr ein Gespür gewesen war. Eine Warnung meiner Intuition.
»Komm schon, Clara, ich liebe dich.« Finn kam zu mir und küsste mich sanft auf den Mund. Es fühlte sich so falsch an.
Ich trat einen Schritt zurück und sah ihn mit festem Blick an. »Und Mia? Liebst du sie auch?«
»Was ist das für eine dämliche Frage?«
»Wie ist die Antwort, Finn?«
»Die erste Liebe … das ist etwas Besonderes. Das weißt du doch selbst. Wie hieß er noch? Dieser Fußballer? Jens?«
Ich dachte an den schlacksigen blonden Kerl, der mich entjungfert hatte, und verzog das Gesicht. Ich wollte nicht an ihn denken und schon gar nicht über ihn reden. »Liebst du Mia noch, Finn?«
»Ja, verdammt, ich liebe sie noch. Ich bin sicher, wenn du sie fragst, wirst du die gleiche Antwort bekommen. Verhafte mich dafür, dass ich noch immer etwas für den Menschen empfinde, der mir gezeigt hat, was Liebe bedeutet.«
Ich lachte freudlos auf. »Nein, das hat sie offensichtlich nicht. Es sei denn, du hast mich angelogen. Denn so, wie du dich mir gegenüber verhältst, verhält man sich nicht einem Menschen gegenüber, den man liebt.«
Er erwiderte nichts, was meine wiedergefundene Energie erneut im Boden versickern ließ. Ein Teil von mir hatte sich gewünscht, dass er anders reagierte. Dass er es irgendwie schaffte, mir die Angst zu nehmen. Die Überzeugung aus meinem Kopf zu wischen, dass ich nie genug für ihn sein würde, solange ich mich nicht in Mia verwandelte.
»Natürlich liebe ich dich. Aber es ist anders.«
»Ich liebe dich, aber? Ist das dein Ernst?«
»Du kannst das einfach nicht vergleichen.«
»Weißt du was? Du hast recht. Das kann ich nicht. Denn ich liebe dich. Oder zumindest dachte ich, dass ich das tun würde. Und ich liebe nur dich. Und ich will auch keinen anderen. Nur dich.« Ich schüttelte den Kopf, als die Erkenntnis mich erreichte. »Ich wollte nur dich.«
»Was soll das heißen?«
»Ich frage dich noch ein letztes Mal, Finn: Liebst du mich mehr als Mia? Willst du mit ihr oder mir zusammen sein?«
»Clara, hör endlich auf, solche Fragen zu stellen.« Er klang verzweifelt, aber er gab mir nicht die Antwort, die ich hören musste.
»Antworte mir.« Meine Stimme klang schwach, weil ich seine Worte eigentlich nicht mehr brauchte, um zu wissen, was er mir nicht sagen wollte.
»Ich bin mit dir zusammen. Und ich liebe dich.«
»Wenn du mir nicht sagen kannst, dass du nicht mit Mia zusammen sein willst, dass du sie nicht mehr auf diese Art liebst, auf die du mich liebst …« Ich beendete den Satz nicht.
»Ich habe dich nie so geliebt wie sie. Das war anders.«
Der Stich war scharf und hatte eine so starke Zerstörungskraft, dass ich zusammenzusacken drohte. Doch ich hielt mich aufrecht.
»Willst du wieder mit ihr zusammen sein? Was würdest du tun, wenn diese Möglichkeit bestünde?«
Er runzelte die Stirn. »Ich bin ziemlich sicher, dass die Möglichkeit besteht. Aber ich ergreife sie nicht.«
»Willst du wieder mit ihr zusammen sein, Finn?« Ich brauchte eine direkte Antwort. Anderenfalls würde ich mich für den Rest meines Lebens fragen, was die Wahrheit war.
»Clara.«
»Ja oder nein, Finn?«
»Ich denke, wir hätten uns niemals trennen sollen, wenn es das ist, was du meinst. Aber das haben wir und jetzt bin ich mit dir zusammen. Ich verlasse dich nicht, weil eine Frau auftaucht, die mich vor zehn Jahren verlassen hat.«
»Ja oder nein, Finn?«
»Verdammt, Clara …«
»Ja oder nein?« Ich atmete schwer. Die Wut darüber, dass er mir nicht direkt antwortete, baute sich mit jedem Herzschlag zu einem wackligen Gebäude auf, das bald einstürzen und alles mit sich reißen würde.
Er sagte nichts und ich stellte die Frage stumm immer wieder, bis er entmutigt zur Seite blickte, dann wieder zu mir sah und mich anfunkelte. »Wenn du unbedingt alles kaputt machen willst, dann ist die Antwort Ja. Ich wäre gern noch mit ihr zusammen. Ich wünschte, wir hätten uns nicht getrennt. Mia und ich gehören zusammen. Das wusste damals schon jeder. Damals brauchte sie aber eine Pause und …«
Ich hob die Hand, mehr wollte ich nicht hören.
Finn schien erst mit meiner Bewegung bewusst zu werden, was er gesagt hatte. »Clara.« Er flüsterte. »Es spielt keine Rolle.«
»Doch, Finn, es spielt eine Rolle.«
»Ich würde dich niemals wegen ihr verlassen.« Er wollte nach meiner Hand greifen, doch ich entzog sie ihm.
»Aber ich verlasse dich wegen ihr.« Als die Worte ausgesprochen waren, starrten wir uns an. Ich hatte es gesagt. Und viel wichtiger noch, ich hatte es gemeint. Es waren nicht Trauer oder Wut, die jetzt über mir zusammenbrachen. Es war eine tiefe Erleichterung, die mich erfasste.
»Bitte geh und lass mich für eine Stunde allein. Ich packe in der Zeit meine Sachen.«
»Clara, du kannst nicht einfach …« Er klang wütend und ich schnitt ihm das Wort erneut mit einer Handbewegung ab.
»Nein, Finn. Geh einfach. Du hast alles gesagt, was ich hören musste.«
»Aber ich habe es nicht so gemeint, wie du es verstanden hast. Clara, ich liebe dich. Bitte, verlass mich nicht.« Seine Stimme brach und fast hätte ich nachgegeben. Doch ich war ziemlich sicher, dass es nicht der Schmerz darüber war, dass ich ging, sondern dass er es war, der verlassen wurde.
Als ich ins Schlafzimmer ging, den Koffer, mit dem wir zu Weihnachten nach London geflogen waren, unter dem Bett hervorzog und meine wichtigsten Sachen hineinlegte, folgte er mir nicht. Nach einer Minute fiel die Wohnungstür ins Schloss. Weitere zwanzig Minuten später hatte ich nicht nur den Koffer, sondern auch eine Tasche gepackt und setzte mich an den Küchentisch, um Leonie anzurufen und sie zu bitten, in ihrer Wohnung unterzukommen. Sie beantworte den Anruf nicht, weshalb ich eine Nachricht schrieb.
Auf diese antwortete sie nach wenigen Minuten. Tut mir leid, Süße, die Wohnung ist noch für zwei Monate vermietet.
Ich biss mir auf die Unterlippe, dachte darüber nach, in ein Hotel zu gehen, doch eigentlich gab es nur einen Ort, an dem ich jetzt sein wollte.
Das sind eindeutig Sitzgelegenheiten. Mia, nun komm doch mal her. Ich sag’s dir, er wird dort sein eigenes Café aufbauen.« Ich stand mit vor der Brust verschränkten Armen auf der Terrasse von Papas Café. Anfangs hatte ich den Namen seltsam gefunden, aber nachdem Mia mir von ihrem Vater erzählt und mir das Notizbuch gezeigt hatte, in dem er seinen Traum vom eigenen Café bis ins kleinste Detail geplant hatte, konnte ich mir keinen besseren vorstellen. Ich hatte sogar die Idee gehabt, dass wir die Geschichte auf die Rückseite der Karten drucken ließen, doch Mia wollte keine Karten, weil sie sich damit zu fest an ein bestimmtes Angebot gebunden hätte.
»Mia! Jetzt komm doch.« Ich sah mich zu ihr um. Sie setzte Pflanzen in die viereckigen, hüfthohen Blumenkästen, die wir in den letzten Tagen mit Mads’ Hilfe gebaut hatten. Neben ihr lag Anton auf dem Boden. Zuvor war er um uns herumgesprungen und hatte neugierig an der Erde geschnuppert. Ich mochte den kleinen Kerl und manchmal durfte er sogar auf dem Boden neben meinem Bett schlafen.
Mia hob den Kopf, ließ die Hände aber in der Erde. »Ich würde dieses Café gern in drei Wochen eröffnen und ich weiß nicht, ob du die Liste gesehen hast, die sich aus meinem Schlafzimmer die Treppe hinunter bis zum Strand rollt. Da stehen all die Dinge drauf, die ich bis zu dieser Eröffnung noch erledigen darf. Und ich erinnere mich dunkel, dass meine beste Freundin mir dabei helfen wollte.«
Diese Worte lenkten mich von Noah, dem unverschämten Surflehrer ab, der zu viele Möbel für eine Surfschule vor seinem Schuppen stehen hatte. Beste Freundin. »Du bist fies. Du weißt genau, dass ich alles andere vergesse, wenn du mich daran erinnerst, dass wir wieder beste Freundinnen sind.«
»Soll ich dich umarmen?« Sie hob fast schon drohend ihre mit Erde beschmierten Hände.
Ich sah an meinen Klamotten hinab, die die gleichen waren, die ich beim Malern vor ein paar Wochen getragen hatte. Und beim Abschleifen des Holzbodens. Beim Putzen der Fenster und Fassade. Und beim Freimachen des alten Strandzugangs, der über die Jahre, in denen er nicht benutzt worden war, zugewachsen war. »Na, mach doch.« Meine Hände waren selbst braun vom Pflanzen und ich hielt sie vor mich wie ein Zombie, als ich auf Mia zulief, die lachend ein paar Schritte zurücktrat.
Ich jagte sie, als wären wir kleine Mädchen, und lachend rannte sie vor mir davon. Irgendwann erwischte ich sie und legte meine Hände auf ihre Wangen. Ich rieb ein bisschen hin und her und betrachtete danach zufrieden mein Ergebnis. Die dunklen Stellen passten ganz hervorragend zu Mias offenem Mund und den funkelnden Augen.
»Na warte.« Sie ließ mir keine Chance zur Flucht und Sekunden später schmierte sie ihre Hände auf meiner Stirn, meinem Kinn und meinen Wangen ab. »Das ist besser.«
Ich kicherte und betrachtete mich in der bodentiefen Fensterscheibe. »Absolut. Das sollten wir als Make-up-Code für alle deine Mitarbeiter einführen.«
»Alle meine Mitarbeiter? Du meinst mich?«
Ich beantwortete ihre Frage nicht, denn ich hatte noch etwas anderes in der Scheibe gesehen. Einen Mann, der mit einem offenen Jeanshemd und bunt gemusterter Badeshorts den neuen alten Strandaufgang heraufgestiegen kam. Seine viel zu langen braunen Locken hüpften bei jedem Schritt. Zu den braunen Stellen auf meinem Gesicht gesellten sich rote Wutflecken. Noah.
»Hallo, Ladys.« Er wandte sich direkt an Mia, die wie immer freundlich lächelte und wirkte, als begrüße sie ihren neuen besten Kumpel. »Ich wollte fragen, ob ihr mir einen Schraubenzieher leihen könnt. Meiner ist in den Tiefen des weißen Ostseesandes verschwunden.« Er musterte Mia. Ich hatte mich inzwischen zu den beiden gedreht, die Arme vor der Brust verschränkt.
Jetzt grinste er. Vermutlich würde er mit diesem Grinsen in den nächsten drei Monaten einige Surfschülerinnen in seinen Holzschuppen locken können. Und mit dem offenen Jeanshemd. Oder dem, was es entblößte.
»Allerdings wollte ich euch nicht bei eurem Wellness-Vormittag stören.«
Mia ließ sich nicht beeindrucken. »Du bist herzlich eingeladen, mitzumachen.« Sie hob ihre Hände und näherte sie seinem Gesicht. Er wich lachend zurück.
Mich störte all das auf so vielen verschiedenen Ebenen. Einerseits mochte ich nicht, wie Noah mit Mia flirtete, obwohl er Mads kannte und die beiden viel zu oft zusammenstanden und quatschten. Außerdem war es, als würde er mir etwas wegnehmen, das ich gerade mit Mia geteilt hatte.
»Geh am besten ins Haus. Die Werkzeugkiste steht hinterm Tresen.« Sie deutete zum Haus und wandte sich dann wieder dem Blumenkasten zu, um Erde über die Wurzeln der Pflanzen zu schütten. Ich ging zu ihr und drückte die Erde fest.
»Gefunden.« Als hätte er einen Tyrannosaurus rex erlegt, hielt er den Schraubenzieher in die Höhe. »Danke. Ich bringe ihn gleich zurück. Sollte er sich jedoch auf die Suche nach meinem Schraubenzieher machen, werde ich dir einen neuen besorgen.«
Mia lachte, doch ich sah ihn ernst an. »Sag mal, Noah, was baust du da unten eigentlich? Wofür brauchst du die Stühle? Und die Tafel? Du möchtest nicht zufällig auch einen Kaffeewagen unter den alten Rettungsturm stellen?«
Er rollte genervt mit den Augen, sah dann aber wieder Mia an. Irgendwann hatte er aufgehört, direkt mit mir zu sprechen. »Die Strandstühle sind für die Leute, die warten, die, die gerade Theoriestunden ablegen, und jene, die bei euch einen Keks gekauft haben und damit zu mir kommen, weil sie Interesse am Kitesurfen haben.«
»Das ist eine super Idee.«
Noah lächelte. »Ich wollte noch etwas mit dir besprechen. Mads hat heute früh erzählt, wann deine Eröffnung ist. Ich hatte das bisher nicht auf dem Schirm.« Er verzog das Gesicht, wirkte zerknirscht, aber das konnte nicht echt sein. »Wir haben uns das gleiche Wochenende ausgesucht.«
Mia wirkte endlich mal nicht pupsfreundlich, sondern irritiert.
»Ich finde das aber gar nicht schlimm. Wir könnten ein richtiges Event daraus machen. Und während ich meinen Schraubenzieher im Sand gesucht habe, sind mir Dutzende Ideen gekommen, wie wir zusammenarbeiten könnten.«
Mia kräuselte die Lippen. »Du könntest Flyer ins Café legen und irgendein Extra für alle anbieten, die einen Kaffee bei uns getrunken haben.«
Noah nickte begeistert. »Oder ich könnte die Theoriestunden in deinem Kaffee organisieren. Natürlich würden die Leute dann etwas trinken. Außerdem kann ich auch von euch Flyer hinlegen und auf meiner Tafel darauf hinweisen, dass euer Café geöffnet hat. Oder welchen Kuchen es gerade im Angebot gibt.«
»Ja, das klingt nach einigen Möglichkeiten. Warum kommst du heute Abend nicht zum Essen vorbei? Mads ist auch da und wir können es gemeinsam besprechen.«
»Deal.« Wieder hob er den Schraubenzieher. »Dann bringe ich den oder ein Äquivalent mit.«
Die beiden lachten und Noah verließ die Terrasse.
»Mia, ich bin heute Abend nicht da. Ich arbeite.« Ich betonte jede Silbe des letzten Wortes.
»Ich weiß.« Sie gab dem letzten Wort zwei Silben, um mich nachzuäffen.
»Ist dir das egal?«
Sie hob die Augenbrauen. »Im Gegenteil. Ich habe extra einen Abend gewählt, an dem du nicht zu Hause bist.«
»Was?«
»Clara, du musst diese seltsame Abneigung gegenüber Noah ablegen.«
»Nein! Er hätte sich jeden anderen Standort suchen können, aber nein, er hat genau den Platz gewählt, an dem die Leute zu deinem Café hochgehen. Damit er schön Kunden abgreifen kann.«
»Ich hatte eigentlich nicht vor, eine Kitesurf-Schule zu eröffnen, aber jetzt, wo du es sagst.«
»So meine ich das doch nicht.«
»Glaubst du wirklich, dass Leute, die vom Strand zu mir kommen wollen, um einen Kaffee zu trinken, eher einen Schnupperkurs bei Noah abschließen, weil sie zuerst an seinen Fahnen vorbeilaufen?«
»Manche.«
»Ja, und die kommen dann vielleicht trotzdem zu uns. Und vielleicht zieht er auch weitere Gäste an. Mensch, Clara, wir führen dieses Gespräch seit vier Wochen. Können wir es endlich beenden? Ich mag Noah. Mads mag ihn. Vielleicht kannst du ihn nur nicht ausstehen, weil du von Männern gerade nichts wissen willst. Aber ich sehe es als Chance, dass er nur einen Steinwurf entfernt ist. Und jetzt lass uns endlich diese Dinger hier fertig bekommen.« Sie schleppte den Sack Erde zum nächsten Blumenkasten. Ich nahm drei Blumentöpfe von der Palette beim Fenster und folgte ihr. Wortlos. Was sollte ich darauf erwidern?
Vielleicht hatte sie recht, vielleicht lag es wirklich nur daran, dass Noah ein Mann war. Vielleicht durchschaute ich ihn aber auch nur besser. Ich würde ihn zumindest nicht aus den Augen lassen. Ein vierunddreißigjähriger Surferboy, der die letzten fünfzehn Jahre damit verbracht hatte, jede Welle der Welt zu reiten … Was für ein Klischee.
»Wann beginnt deine Schicht?«
»In einer Stunde.«
Sie sah mich an und prustete los. »Vielleicht solltest du schon mal versuchen, dein Gesicht in seinen hübschen Normalzustand zu versetzen. Anderenfalls müssen wir die freien Stellen noch mit Farbe füllen.«
Ich konnte mein Grinsen nicht zurückhalten. Doch bei dem Gedanken, mich für die Arbeit im Hotel umzuziehen, fiel es in sich zusammen. »Lass uns noch die letzten beiden Blumenkästen fertig bekommen.« Mia hatte mich nie gefragt, ob ich ihr half. Ich hatte es einfach getan. Genau wie ich ihr wortlos den gleichen Betrag per Paypal geschickt hatte, den ich für die halbe Monatsmiete für die Wohnung mit Finn gezahlt hatte.
Ich war so dankbar, dass ich bei ihr wohnen konnte, dass ich nicht mal auf die Idee kam, auszurechnen, wie viel ich normalerweise für das kleine Zimmer bezahlen würde, das ihr bis zu meinem Einzug als Arbeitszimmer gedient hatte. Ich hatte mein Bett und den kleinen Kleiderschrank selbst gekauft und wir hatten sämtliche Haushaltsaufgaben irgendwie aufgeteilt.
Auch wenn das Café Mia gehörte, hätte ich mir nicht vorstellen können, ihr nicht zu helfen. Die viele Arbeit hatte uns wieder zusammengeschweißt. Wenn wir nicht gerade mit ohrenbetäubenden Geräten zugange waren, hatten wir über die zehn Jahre geredet, in denen sie in Berlin gelebt hatte. Über die Zeit davor und über das Jetzt.
Dass ich diese wiedergefundene Verbindung Finn zu verdanken hatte, wollte ich mir nicht eingestehen. Und doch, hätte er mir vor zwei Monaten nicht eindeutig gezeigt, dass ich nur seine zweite Wahl war, wäre ich nicht hier eingezogen. Trotzdem hatte ich keine Lust, ihn in einer Stunde zu sehen. Genau genommen graute es mir davor, weshalb ich umso langsamer Löcher in die Erde buddelte und die einzelnen Pflanzen millimetergenau ausrichtete, damit sie den perfekten Abstand zueinander hatten.
Du bist heute fürs Restaurant eingeteilt, Clara.« Sophie, die neue Küchenhilfe, begrüßte mich mit einem mitfühlenden Lächeln. Sie wusste, dass ich nicht gern kellnerte. Und sie wusste auch, dass es reine Schikane von Finn war, mich nicht für die Rezeption einzuteilen.
Doch ich protestierte nicht. Das hatte ich aufgegeben. Ich würde mich nicht von ihm klein machen lassen. Und ich würde auch nicht meinen Job kündigen, weil der Sohn meines Chefs ein Idiot war. Ich arbeitete seit dreizehn Jahren in diesem Hotel und jeder - bis auf eine Person - respektierte mich. Es würde ewig dauern, bis ich mir in einem anderen Haus eine ähnliche Stellung erarbeitet hatte.
Deshalb ging ich in den Umkleidebereich, zog die weiße Bluse, die schwarze Hose und die rote Weste an, band die passende rote Fliege und schlüpfte in die bequemen Sandalen. Das Modell trug ich, seit ich mit sechzehn mein erstes Paar gekauft hatte. Es war sicher schon das siebte. Ich hatte zwischendurch andere Schuhe ausprobiert, aber jedes Mal entweder Blasen bekommen oder wahnsinnige Schmerzen in den Fußsohlen.
An einem regulären Tag im Restaurant zeigte meine Smartwatch mir an, dass ich 30.000 Schritte zurückgelegt hatte. Und auch wenn ich meistens an der Rezeption arbeitete, war ich doch viel im Haus unterwegs, um Gästewünsche zu erfüllen oder etwas zu kontrollieren oder dort zu helfen, wo gerade Not an der Frau war.
Ich liebte meinen Job. Oder ich hatte ihn bis vor zwei Monaten geliebt, denn seitdem ich mich von Finn getrennt hatte, ließ er sich eine Schikane nach der anderen für mich einfallen. Hatte er mich in der Zeit, in der wir zusammen gewesen waren, noch davor bewahrt, zu kellnern, schien er jetzt die Info an die Personalleitung weitergegeben zu haben, dass ich nichts lieber täte, als Biere zu zapfen und Kuchen zu servieren.
Ich hielt diesen Job nicht etwa für unter meiner Würde. Ich achtete die Leute, die im Restaurant arbeiteten sehr. Gerade weil ich es selbst nicht mochte, Getränke und Speisen zu servieren. Es war einfach nicht mein Ding und bisher war ich froh gewesen, dass viele diesen Bereich des Hotelfachs bevorzugten. Die meisten wegen des Trinkgelds. Aber einige auch, weil sie den Job an sich wirklich gern machten.
»Clara.« Mads’ Stimme riss mich auf der Treppe aus dem Keller, in dem sich der Personalbereich befand, aus meinen Gedanken. Er musterte mich. »Restaurant?« Sein Blick war mitfühlend. »Lass mich mit meinem Vater reden.«
»Kommt gar nicht infrage!« Ich hatte diese Bitte schon mehrfach abgewiesen. »Wenn das jemand macht, dann ich. Aber wir wissen beide, dass Finn sich aus jeder Anschuldigung heraus argumentieren wird. Er kann tausend Gründe vorbringen, warum er mich im Restaurant einsetzen lässt.«
»Genau genommen ist das aber nicht sein Job. Dafür hat das Hotel eine Personalleitung.«
Er hatte recht. »Trotzdem. Ich stehe das schon durch.«
Er atmete resigniert ein und aus. »Dann hoffe ich, dass du wenigstens gutes Trinkgeld bekommst.«
Ich richtete meine Fliege und strahlte ihn gewinnend an. »Selbstverständlich.«
Wir lachten beide und hatten dabei das denkbar schlechteste Timing, denn als ich aufsah, stand Finn auf dem Treppenabsatz über uns. Sein Blick war voller Zorn und ohne ein Wort drehte er sich um und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war.
»Habe ich schon erwähnt, wie froh ich bin, dass ich endlich eine eigene Wohnung habe?
