Verlag: C. H. Beck Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Zeitenwende 1979 E-Book

Frank Bösch  

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Im Jahr 1979 häuften sich weltweit Krisen, euphorische Aufbrüche und Revolutionen. Die iranische Revolution, Thatchers Neoliberalismus oder die Öffnung Chinas veränderten ebenso die Welt wie die Aufnahme der BoatPeople, der AKW-Unfall von Harrisburg oder der sowjetische Einmarsch in Afghanistan.
Frank Bösch nimmt uns mit auf eine faszinierende Zeitreise zu den Quellen unserer Gegenwart. 1979 gilt als "das Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts" (Peter Sloterdijk) und wird als der "Beginn der multipolaren Welt von heute" (Claus Leggewie) bezeichnet. Die iranische Revolution brachte den fundamentalistischen Islam auf die weltpolitische Agenda, während der sowjetische Einmarsch in Afghanistan auf die Krisenherde des 21. Jahrhunderts vorauswies. Der Papstbesuch in Polen, der von Millionen gefeiert wurde, beschleunigte den Untergang des Sozialismus. Margaret Thatcher verkündete eine neoliberale, die neugegründete grüne Partei eine ökologische Wende. Und die vietnamesischen Boat People konfrontierten die Deutschen erstmals mit weltweiten Flüchtlingsströmen. Frank Bösch schildert in seinem brillanten Panorama mit bisher unbekannten Dokumenten, wie diese Ereignisse 1979 aufkamen und welche Folgen sie für Deutschland hatten: politisch, kulturell und - mit Energiespar-Appellen, Nicaragua-Kaffee, Fremdenhass und Willkommenskultur - auch für unseren Alltag.

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Frank Bösch

Zeitenwende 1979

Als die Welt von heute begann

C.H.Beck

Zum Buch

Im Jahr 1979 häuften sich weltweit Krisen, euphorische Aufbrüche und Revolutionen. Die iranische Revolution, Thatchers Neoliberalismus oder die Öffnung Chinas veränderten ebenso die Welt wie die Aufnahme der Boat People, der AKW-Unfall von Harrisburg oder der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Frank Bösch lässt uns in seinem anschaulich geschriebenen Buch die dramatischen Ereignisse von damals – und die Welt von heute – besser verstehen.

1979 wurde als «das Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts» (Peter Sloterdijk) und der «Beginn der multipolaren Welt von heute» (Claus Leggewie) bezeichnet. Die iranische Revolution brachte den fundamentalistischen Islam auf die weltpolitische Agenda, während der sowjetische Einmarsch in Afghanistan auf die Krisenherde des 21. Jahrhunderts vorauswies. Der Papstbesuch in Polen, der von Millionen gefeiert wurde, beschleunigte den Untergang des Sozialismus. Margaret Thatcher verkündete eine neoliberale, die neugegründete grüne Partei eine ökologische Wende. Und die vietnamesischen Boat-People konfrontierten die Deutschen erstmals mit weltweiten Flüchtlingsströmen. Frank Bösch schildert in seinem brillanten Panorama mit bisher unbekannten Dokumenten, wie diese Ereignisse 1979 aufkamen und welche Folgen sie für Deutschland hatten: politisch, kulturell und – mit Energiespar-Appellen, Nicaragua-Kaffee, Fremdenhass und Willkommenskultur – auch für unseren Alltag. Eine faszinierende Zeitreise zu den Quellen unserer Gegenwart.

Über den Autor

Frank Bösch ist Professor für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF).

Inhalt

Einleitung: Die Welt im Umbruch

1. Die Revolution im Iran: Der Westen und der radikale Islam

Gute Beziehungen zum Westen und speziell zu den Deutschen

Massenproteste gegen den Schah

Khomeini proklamiert den Gottesstaat

Das Geiseldrama als Machtkampf mit dem Westen

Befreiung mit deutscher Hilfe

Der islamische Fundamentalismus fordert die Weltordnung heraus

Wirtschaftsinteressen und Menschenrechte

2. Papst Johannes Paul II. in Polen: Die Kirche als Herausforderung für den Sozialismus

Ein Pole wird Papst

Verwandlung sozialistischer Räume: «Unser Glaube ist der Sieg»

Päpstliche Auftritte als Event

Folgen des Papstbesuchs in Polen

Politik und Religion in der Bundesrepublik

Parallelen zur DDR?

3. Die Revolution in Nicaragua: Solidarität mit der Dritten Welt

Somoza stürzt und die Weltgemeinschaft taktiert

Globale Euphorie nach der Revolution

Die Mühen der Ebene

Die Sandinisten und die Kirche

Die USA unterstützen die Contras

Solidarität mit Nicaragua im linksalternativen Milieu

Rot-grüne Hilfe mit öffentlichen Mitteln

«Brillen für Nicaragua»: Die DDR-Solidarität

Bürgerliche Solidarität mit Nicaraguas Opposition

Geplatzte Träume von einem neuen Sozialismus

4. Chinas Öffnung unter Deng Xiaoping: Wege in die Globalisierung

Maos Erbe und der Druck der Straße

Erste politische Annäherungen an Deutschland

Der stille «Macher»: Deng Xiaopings Kurswechsel

Ökonomische Reformen unter Deng

Die gescheiterte Demokratisierung von unten

Reisediplomatie und Austausch von Know-how ab 1979

Schwierige Anfänge: China als deutscher Wirtschaftspartner

Leuchtturmprojekt: VW in China

Wirtschaftspartner trotz Menschenrechtsverletzungen

5. Die Boat People aus Vietnam: Rettung von Flüchtlingen

Die Aufnahme der ersten Vietnamesen in der Bundesrepublik

Christdemokratisches Engagement

Die Medien organisieren Hilfsaktionen

Die Linken halten sich zurück

Rettung aus Seenot

Bürokratische Logistik: Vom Durchgangslager in die Bundesrepublik

Die Cap Anamur nimmt Boat People auf

Das Ende der Rettungsaktionen

Angst vor Migranten

Vertragsarbeiter in der DDR

Vietnamesen im vereinten Deutschland

6. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan: Umbruch im Kalten Krieg

Gescheiterte Modernisierungsversuche in Afghanistan

Der Einmarsch: Entscheidung und Rechtfertigung

Weltweite Entrüstung und Sanktionen gegen die Sowjetunion

Der Westen fördert den islamischen Widerstand

Friedensbewegung, Nato-Doppelbeschluss und Afghanistan-Einmarsch

Der sowjetische Rückzug aus Afghanistan

Das Erbe des Krieges

7. Thatchers Wahl und die Gründung der Grünen: Neoliberalismus und Ökologie

Die erste Frau an der Spitze einer Industrienation

Versuche, die British Disease zu heilen

Thatchers Reformen: Eine Bilanz

Die Tories und die «Wende» in Bonn

Zahnlos? Die bundesdeutschen Reformen im Schatten Thatchers

«There is no alternative»: Das Aufkommen von Neoliberalen und Grünen

Richtungweisend, weder rechts noch links

8. Die zweite Ölkrise: Globale Abhängigkeiten und Wege zum Energiesparen

Auftakt: Die Ölkrise 1973

Die Ölkrise 1979 spitzt sich zu

Die Koordinaten im Kalten Krieg verschieben sich

Kleinwagen und Sommerzeit: Energiesparen als Königsweg

«Weg vom Öl»: Der Ausbau alternativer Energien

Ölschwemme statt Ölknappheit

9. Der AKW-Unfall bei Harrisburg: Angst vor der Atomkraft

Global vernetzt: Atomkraft vor dem Harrisburg-Unfall

Die Anti-Atomkraft-Bewegung formiert sich

Kernschmelze in Three Mile Island: Angst und Krisenmanagement

Internationale Stimmungswechsel

«Schwachstelle Mensch»: Krisen-Experten und neue Sicherheitskonzepte

Die parteipolitischen Frontlinien verändern sich

Harrisburg, Tschernobyl und der Atomausstieg

10. Die Fernsehserie Holocaust: «Geschichtssturm» und neue Erinnerungskultur

Nachkriegszeit: Zaghafte Auseinandersetzung mit dem Judenmord

Familie Weiss und SS-Mann Dorf in den USA

Trivial oder lehrreich? Die Serie Holocaust in Europa und Israel

Ängste im Vorfeld der bundesdeutschen Ausstrahlung

Erschütterung in der Bundesrepublik

Kein Strohfeuer. Filmische Nachwirkungen der Serie

Politische Nachgefechte: Amnestie, Aktenzugang und Entschädigung

Gewandelte Geschichtskultur

Epilog: Globale Wendepunkte und der Beginn unserer Gegenwart

Dank

Zeittafel zu 1979

Abkürzungen

Anmerkungen

Einleitung Die Welt im Umbruch

1. Die Revolution im Iran Der Westen und der radikale Islam

2. Papst Johannes Paul II. in Polen Die Kirche als Herausforderung für den Sozialismus

3. Die Revolution in Nicaragua Solidarität mit der Dritten Welt

4. Chinas Öffnung unter Deng Xiaoping Wege in die Globalisierung

5. Die Boat People aus Vietnam. Rettung von Flüchtlingen

6. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan Umbruch im Kalten Krieg

7. Thatchers Wahl und die Gründung der Grünen Neoliberalismus und Ökologie

8. Die zweite Ölkrise Globale Abhängigkeiten und Wege zum Energiesparen

9. Der AKW-Unfall bei Harrisburg Angst vor der Atomkraft

10. Die Fernsehserie Holocaust «Geschichtssturm» und neue Erinnerungskultur

Quellen und einführende Literatur

Archive

Quelleneditionen (Auswahl)

Einführende Literatur

Einführende Literatur zu den Siebziger- und Achtzigerjahren

Die Revolution im Iran

Papst Johannes Paul II. in Polen

Die Revolution in Nicaragua

Chinas Reform und Öffnung unter Deng Xiaoping

Die Aufnahme der Boat People

Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan

Thatchers Wahl und die Gründung der Grünen

Die zweite Ölkrise

Der AKW-Unfall bei Harrisburg

Die Fernsehserie «Holocaust»

Personenregister

Bildnachweis

Einleitung

Die Welt im Umbruch

Wir sind es gewohnt, die Zeitgeschichte von 1945 und 1989 her zu denken. Die deutsche Teilung und Vereinigung gelten als maßgebliche Zäsuren. Eine andere Perspektive auf die jüngste Vergangenheit gewinnt man, wenn man sie von den weltweiten Wendepunkten im Jahr 1979 her betrachtet. Denn in diesem Jahr häuften sich globale Ereignisse, die Türen zu unserer Gegenwart aufstießen. In zahlreichen Ländern kam es zu Revolutionen, Umbrüchen und Krisen, die viele Herausforderungen unserer heutigen Welt ankündigten – wie den islamischen Fundamentalismus, globale Flüchtlingsbewegungen, marktliberale Reformen oder auch Energieprobleme. Meist vollzogen sich diese Ereignisse in weiter Ferne, waren aber zugleich eng mit der Geschichte unserer Gegenwart verbunden.

So betrat 1979 mit der Iranischen Revolution unter Khomeini der fundamentalistische politische Islam die Weltbühne. Bilder von schwarz verschleierten Frauen, Scharia-Strafen und gedemütigten US-amerikanischen Geiseln stimulierten zugleich islamfeindliche Haltungen im Westen. Die hier auftretenden Spannungen im und zum Nahen Osten halten bis heute an. Gleichzeitig kündigten sich mit der Wahl von Margaret Thatcher massive marktliberale Reformen in Großbritannien an. Diese rasch als «Neoliberalismus» bezeichnete Politik entwickelte sich international zum Vor- und Schreckbild. In vielen Teilen der Welt wuchsen die Kritik am Staat und das Vertrauen in die Kräfte des Marktes. Ein noch stärkerer ökonomischer Kurswechsel begann 1979 im sozialistischen China. Dort setzte Deng Xiaoping grundlegende Reformen durch und öffnete die Wirtschaft für den Westen. Symbolträchtig startete sogar der Verkauf von Coca-Cola. Chinas rasanter Wandel stand für eine beschleunigte Globalisierung und den Aufstieg der nunmehr größten Exportnation, die das 21. Jahrhundert prägen wird.

Nicht nur Chinas Reformen nagten 1979 an der kommunistischen Utopie. Auch der real existierende Sozialismus in Ostmitteleuropa geriet in Bewegung. Die Polenreise des neu gewählten Papstes Johannes Paul II. brachte im Juni 1979 rund zehn Millionen Menschen auf die Straßen und förderte das Aufkommen einer breiten Protestbewegung, die weit über Polen hinaus ausstrahlte. Kaum weniger Aufmerksamkeit fand die gleichzeitige Revolution in Nicaragua. Junge Linke aus beiden Teilen Deutschlands und anderen Gegenden der Welt reisten als Aufbauhelfer in das lateinamerikanische Land, das rasch zum weltpolitischen Konfliktfeld wurde und die schwierige politische Emanzipation der «Dritten Welt» zeigte. Die sandinistische Revolution beflügelte den Traum von einer gerechten Gesellschaft jenseits des osteuropäischen Staatssozialismus ebenso wie die aktive Globalisierungskritik.

Derzeit richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen. 1979 erreichte mit den «Boat People» aus Südostasien eine erste große Gruppe außereuropäischer Flüchtlinge die Bundesrepublik, die vor allem aus dem kommunistischen Vietnam flohen. Die Bundesrepublik zeigte eine neuartige Hilfs- und Integrationsbereitschaft: Die Regierung erhöhte mehrfach Aufnahmekontingente, die Deutschen spendeten und halfen, mit dem Schiff Cap Anamur Flüchtlinge aus dem Meer zu retten. Der Willkommenskultur folgten jedoch rasch erste rechtsextreme Anschläge, und der Begriff «Wirtschaftsflüchtling» zog in die politische Debatte ein.

Die Welt schien sich schneller zu drehen, und Deutschland bewegte sich mit. Die Londoner Times vermerkte im November 1979, dass einem von der Häufung der Ereignisse in diesem Jahr ganz schwindlig werde: «Kurz nachdem wir von einem Ereignis überrollt wurden, passierten gleich neue mit doppeltem Tempo.»[1] Tatsächlich folgte kurz darauf Weihnachten 1979 ein weiteres nachhaltiges Weltereignis: Die Sowjetunion marschierte in Afghanistan ein. Dies diskreditierte die kommunistische Großmacht weltweit, auch im Globalen Süden. Der zermürbende Kampf, den viele sofort als «sowjetisches Vietnam» bezeichneten, förderte den Niedergang der Sowjetunion und zugleich den Aufstieg der islamischen Mudschahedin. Afghanistan ist seitdem ein Krisenherd von globaler Bedeutung. Generell rückten die Ereignisse des Jahres 1979 neue Regionen nachhaltig in den Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit. Die Entwicklungen in China, Iran, Afghanistan oder Nicaragua galten zunächst als Teil eines neuen Kalten Krieges, zugleich trugen sie aber zur Auflösung der bipolaren Weltordnung bei.

Das Jahr 1979 war somit nicht nur durch politische Zäsuren gekennzeichnet. Viele Wendepunkte beeinflussten grenzübergreifend den Alltag der Menschen. Jeden Haushalt traf 1979 die zweite Ölkrise. Die Energiepreise stiegen deutlich höher als bei der ersten Ölkrise sechs Jahre zuvor. Zudem galt nun die Atomkraft nicht mehr als unumstrittene Alternative. Denn im April 1979 führte ein schwerer Unfall in einem US-amerikanischen Atomkraftwerk nahe Harrisburg dazu, dass in vielen Ländern die Angst vor der Atomkraft wuchs. Nur zwei Monate zuvor hatte in Genf die erste Weltklimakonferenz getagt, auf der die Erderwärmung durch vermehrten CO2-Ausstoß verhandelt wurde. Mehr Kohle zu verfeuern galt als keine adäquate Lösung mehr, sodass das Sparen von Energie an Bedeutung gewann. In diesem Kontext schlossen sich die gerade entstehenden Grünen für die erste Europawahl im Juni 1979 zusammen, worauf ein halbes Jahr später die Gründung ihrer Bundespartei folgte. Marktliberales und ökologisches Denken formierten sich parallel zueinander.

Die weltumspannenden Ereignisse im Jahr 1979 veränderten auch den Blick auf die Vergangenheit. Dafür stand vor allem der Welterfolg der US-Serie Holocaust, die im Januar in Deutschland ausgestrahlt wurde. Sie erschien wie ein «Geschichtssturm», so der Philosoph Günther Anders 1979,[2] da mit ihr die die nationalsozialistischen Verbrechen und die Opfer des Völkermords ins Zentrum der Erinnerungskultur rückten. Die Geschichte der jüdischen Arztfamilie Weiss stand für einen aufkommenden Geschichtsboom und einen neuen historischen Blick «von unten». Einzelschicksale und die Aussagen von Opfern und Zeitzeugen gewannen generell an Bedeutung

Selbst Umbrüche in bisher wenig beachteten Ländern wie Nicaragua oder Afghanistan sorgten 1979 weltweit für vielfältige Reaktionen mit großer internationaler Tragweite. Der globale Wandel beschleunigte sich, die Welt wurde enger vernetzt, was man damals noch nicht Globalisierung, sondern Interdependenz nannte. Diese «Ausweitung, Verdichtung und Beschleunigung weltweiter Beziehungen», wie die Globalisierung meist definiert wird,[3] wurde nicht nur durch die Wirtschaft oder globale politische Organisationen angetrieben. Auch die Beobachtungen von Ereignissen in anderen Weltgegenden und die Reaktionen darauf intensivierten sich. Der «Shock of the Global»,[4] der für dieses Jahrzehnt ausgemacht wurde, zeigt sich an den Ereignissen des Jahres 1979 besonders deutlich. Nach Anthony Giddens ist ein Merkmal der Globalisierung, dass lokale Handlungen durch weit entfernte Ereignisse beeinflusst werden.[5] Wie dies geschah, verdeutlicht dieses Buch aus deutscher Perspektive.

Den Ereignissen, von denen dieses Buch handelt, ist gemeinsam, dass sie Reaktionen auf Krisendiagnosen waren, die in den Siebzigerjahren eine starke Konjunktur erlebten.[6] Die Krisenwahrnehmung öffnete den Weg für Reformen, Umstürze und politische, ökonomische und kulturelle Paradigmenwechsel. Deren Richtung war meist offen. Schließlich umschreibt der Begriff «Krise» ja nicht einfach einen Niedergang, sondern einen grundlegenden Umbruch, der unter Zeitdruck wegweisende Entscheidungen abverlangt.[7]

Viele der Ereignisse standen für einen Bruch mit den Grundannahmen und Erwartungen der Moderne. Dass die Religion eine neue große Bedeutung gewinnen würde, hatte in den Siebzigerjahren kaum jemand angenommen, man rechnete eher mit dem Gegenteil. Nun gewannen der fundamentalistische Islam, der Papst, evangelikale Christen und die lateinamerikanische Befreiungstheologie neues öffentliches Gewicht.[8] Bisherige Symbole des Fortschritts – wie die Atomkraft – galten vielen plötzlich als Bedrohung. Die zuvor noch erhoffte regulierende Kraft des Nationalstaates geriet in Misskredit. Stattdessen prägten globale ökonomische Verflechtungen den Wandel, sei es bei den Ölkrisen, der Öffnung Chinas oder dem weltweiten Verkauf der Serie Holocaust.

Gemeinsam war vielen Umbrüchen zudem, dass sie für einen Wandel des Politischen standen. In vielen Regionen betraten plötzlich starke Einzelpersönlichkeiten die politische Bühne, die einen grundlegenden Kurswechsel einleiteten. So unterschiedlich Khomeini, Thatcher, Johannes Paul II., Daniel Ortega oder Deng Xiaoping ideologisch auch waren – sie alle setzten nachhaltige Akzente, die bis heute mit ihren Namen verbunden werden. Charakteristisch ist auch, dass die Ereignisse aus der Gesellschaft heraus an Dynamik gewannen. Die Auftritte der charismatischen Persönlichkeiten füllten die Straßen, und der Protest von unten lenkte die politischen und religiösen Führer mit in neue Richtungen. Während 1968 meist nur kleine Studentengruppen von einigen Zehntausend zusammenkamen, waren es nun oft Millionen Menschen, die etablierte Ordnungen herausforderten und für gemeinsame Ziele wie Systemwechsel oder die Abrüstung eintraten. Die Ordnung des Kalten Krieges schwand zugunsten einer multipolaren Welt, in der China, der Nahe Osten oder auch Lateinamerika eine wichtige Rolle spielten.

Die Häufung von globalen Ereignissen Ende der 1970er-Jahre war auch ein Ergebnis des Medienwandels. Die weltweite Ausbreitung des Fernsehens und die nun möglichen globalen Live-Berichte über Satelliten schufen ein «live-broadcasting of history».[9] Journalisten standen mit ihren Kameras bereits dort, wo sie welthistorische Ereignisse erwarteten. Durch die verdichtete Kommunikation trugen die Medien mit dazu bei, dass bestimmte Handlungen überhaupt erst zu globalen Ereignissen wurden. Sie mobilisierten Menschen, aktiv daran zu partizipieren.[10]

Die Ereignisse von 1979 zeigen auch, wie sich das Verhältnis zu Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit wandelte. Während man in den Jahren zuvor noch überwiegend die Chancen und Risiken der Zukunft erörtert hatte, schockierte nun viele eine übermächtig aufziehende Gegenwart, die oft mit einer Sehnsucht nach der Vergangenheit einherging.[11] Angesichts der vielfältigen Umbruchserfahrung erschienen Begriffe wie Modernisierung oder Moderne für die Beschreibung der Gegenwart immer fragwürdiger. Vielmehr kamen nun Begriffe wie «Postmoderne» auf. Prominent machte diese Diagnose Jean-François Lyotards Schrift La condition postmoderne von 1979, die das Ende der großen Erzählungen proklamierte, etwa von der fortschreitenden Emanzipation der Menschheit. Diese hätten ihre Glaubwürdigkeit verloren, und an ihre Stelle seien eine neue Pluralität und das Bewusstsein eines Bruchs getreten.[12] Daran anschließende Postmoderne-Diagnosen der Achtzigerjahre betonten den Zerfall der Einheit und die Förderung von Vielfältigkeit als Zukunftsaufgabe. Die postmoderne Welt sei, nicht zuletzt wegen der Verdichtung der Telekommunikation und des Flugverkehrs, durch Gleichzeitigkeit und Wechselwirkungen gekennzeichnet, sowie durch Brüche und Differenzen.[13] Sozialwissenschaftler brachten Begriffe wie «zweite Moderne» auf, um die neue Unsicherheit im Zeichen der Globalisierung und Transformation der Industriegesellschaft zu umschreiben.[14] Auch der Begriff der «Risikogesellschaft» entstand mit Blick auf Ereignisse wie den AKW-Unfall nahe Harrisburg 1979.[15] In der Wahrnehmung der Zeitgenossen lassen sich die Ereignisse damit als Bruchzonen der Moderne und der Globalisierung verstehen.[16]

Wie ratlos viele Intellektuelle damals auf die Welt blickten, zeigt der 1979 von Jürgen Habermas herausgegebene Band Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Die Beiträge konstatieren ernüchtert eine «neue Unübersichtlichkeit» zwischen dem Utopieverlust der Linken, einer konservativen Tendenzwende und einer Krisenwahrnehmung, die viele an die frühen 1930er-Jahre erinnerte.[17] Die Ereignisse von 1979 stehen für diese Vielfalt synchroner Veränderungen, die viele Zeitgenossen verunsicherten und in ihren Diagnosen beeinflussten.

Einige angelsächsische Historiker haben in den letzten Jahren auf die besondere Bedeutung dieses Jahres hingewiesen. Harold James sah die Ereignisse von 1979 als eine Zäsur, die «die Fragestellungen, die zuvor im Zentrum der Politik gestanden hatten», veränderten.[18] Sein New Yorker Kollege David Harvey sprach von einem «revolutionären Wendepunkt in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Welt».[19] Andere betonten die Bedeutung für gegenwärtige Herausforderungen. Der britische Historiker Jeremy Black deutete 1979 als «das wirklich revolutionäre Jahr» und betonte, dass «seine Krisen und Veränderungen bis heute weltweit einflußreich geblieben sind».[20] Der deutsche Politikwissenschaftler Claus Leggewie deutete 1979 als Beginn der multipolaren Welt von heute.[21] Auch der Historiker Niall Ferguson umschrieb 1979 als «das Jahr, in dem die Welt sich wirklich wandelte», weil Russland trotz des Endes des Kalten Kriegs weiterhin eine unberechenbare Macht blieb und der Islam als Herausforderung aufkam.[22] Peter Sloterdijk bezeichnete 1979 «aus heutiger Sicht als das Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts», aufgrund des Eintritts des Neoliberalismus, Islamismus und Post-Kommunismus mit Blick auf China, Polen und Afghanistan.[23] Als zentrales Jahr für die Geschichte des Nahen Ostens beschrieb der Historiker David Lesch das Jahr 1979; vor allem wegen der Nachwirkungen der Iranischen Revolution, des ägyptisch-israelischen Friedensabkommens und des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan bilde es einen «Wendepunkt in der Geschichte des Nahen Osten».[24] Am ausführlichsten hat sich bisher der US-amerikanische Journalist Christian Caryl mit einigen Ereignissen des Jahres 1979 auseinandergesetzt. Für ihn ist es das Jahr des «great backlash», der «großen Gegenreaktion», in dem die Hoffnung auf Fortschritt endete. Eine «Gegen-Revolution» und pragmatische Reformen seien an die Stelle bisheriger Utopien getreten. Er beschreibt in seinem Buch die Vorgeschichte der Reformen von Thatcher, Khomeini, Deng und Johannes Paul II., verbunden mit Seitenblicken auf Afghanistan.[25] Mein Buch setzt dagegen andere Akzente. Es fragt stärker nach der grenzübergreifenden Bedeutung der Veränderungen, insbesondere mit Blick auf Deutschland. Im Vordergrund stehen weniger einzelne Personen als internationale strukturelle Entwicklungen.

«Wenn man ein Jahr als das ‹Jahr Null› unserer modernen Zeit bezeichnen kann, dann ist es 1979», schrieb Ende 2016 der Internet-Aktivist Julian Assange aus seinem Exil in der Londoner Botschaft Ecuadors auf WikiLeaks.[26] Assanges Interesse an diesen wirkmächtigen Ereignissen 1979 hatte Konsequenzen: Er veröffentlichte über eine halbe Million Dokumente der US-amerikanischen Diplomatie von 1979. Die künftige US-amerikanische Forschung über diese Zeit dürfte dies weiter beflügeln.

Trotzdem ist das Jahr 1979 nicht als alles erklärende Superzäsur misszuverstehen. Der Fokus auf 1979 erlaubt es vielmehr, andere Prozesse und Themen ins Blickfeld zu rücken, als es bei der üblichen Konzentration auf die Jahre 1945 und 1989 möglich ist. Das vorliegende Buch schließt damit an sozialgeschichtliche Studien an, die die Siebzigerjahre als Vorgeschichte grundlegender Herausforderungen der Gegenwart verstehen.[27] Statt der recht gut erforschten bundesdeutschen Politik- und Sozialgeschichte der Siebzigerjahre betrachtet es das Aufkommen und die Wirkung internationaler Ereignisse, die sich aus strukturellen Veränderungen entfalteten.[28] So förderte etwa die gesellschaftliche Liberalisierung im Westen sowohl Reformforderungen als auch Gegenreaktionen im Ausland, die wiederum auf den Westen zurück wirkten. Den kaum einlösbaren Anspruch einer multiperspektivischen Globalgeschichte erhebt dieses Buch dagegen nicht.

Ausgewählt wurden zehn Ereignisse, die bereits für die Zeitgenossen im Jahr 1979 weltweit Bedeutung hatten und für einen wichtigen grundsätzlichen Wandel stehen, der auch unsere deutsche Gegenwart prägt. Jedes Kapitel zeigt das Aufkommen der Ereignisse und deren grenzübergreifende Relevanz. Die Rolle, die sie insbesondere für die Bundesrepublik, aber auch für die DDR spielten, bildet in allen Kapiteln einen Schwerpunkt der Darstellung.

Globalgeschichtliche Bücher beruhen meist auf den Spezialstudien zu einzelnen Regionen, die auch hier eine wichtige Grundlage bilden. Das Buch verbindet deren Befunde mit eigenen umfassenden Archivrecherchen, um insbesondere die Bezüge zu Deutschland auszumachen. Zu den Quellen gehören etwa Dokumente und Berichte von Diplomaten, Journalisten, Wirtschaftsvertretern oder zivilgesellschaftlichen Akteuren, Akten von Organisationen und Ministerien sowie Protokolle der internen und öffentlichen politischen Debatten. Hinzu kommen Fallstudien anhand von Spezialarchiven, etwa zu den Rettungsaktionen der Cap Anamur, den Solidaritätsbrigaden in Nicaragua oder dem Aufbau von Joint Ventures in China. Insbesondere die mitunter täglichen Aufzeichnungen der Botschaften erwiesen sich als hervorragende Quellen für Länder wie Iran oder China, die bis heute keinen freien Zugang zu ihrem Archivmaterial der 1970/80er-Jahre bieten. Bundesdeutsche Botschaftsangehörige in Teheran oder Peking übersetzten etwa flüchtige Zeugnisse wie Wandzeitungen, protokollierten Reden und geheime Gespräche im Land. Zudem wurden einzelne Zeitzeugengespräche geführt, etwa mit Akteuren der Nicaragua-Solidarität, Rettern der Boat People und Iran-Reisenden.

Im Jahr 1979 fanden zahlreiche weitere Ereignisse von weltumspannender Bedeutung stand, die ebenfalls beispielhaft gewesen wären: Der Nato-Doppelbeschluss etwa, der für den umkämpften Umgang mit der atomaren Rüstung steht und hier nur im Rahmen des sowjetischen Afghanistan-Einmarsches thematisiert wird. Das Camp-David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten brachte eine Annäherung Israels an das größte arabische Land, aber keinen Frieden in der Region. Auch ein Kapitel zum Sturz grausamer Diktatoren in diesem Jahr – wie Idi Amin in Uganda, Jean-Bédel Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik oder Pol Pot in Kambodscha – wäre infrage gekommen. Stellvertretend für den Sturz von autoritären Herrschern stehen nun die Kapitel zu Nicaragua und zum Iran. Denkbar wäre zudem gewesen, Ereignisse zu behandeln, die damals nur eine geringe Aufmerksamkeit erhielten, sich aber langfristig als bedeutsam erwiesen – wie die erste Weltklimakonferenz, die 1979 die Erderwärmung zum Medienthema machte; den Start des usenet als erstem zivilen offenen Computernetzwerk der Welt; oder die erste Europawahl und Einführung des Europäischen Währungssystems (EWS) 1979, die wichtige Bausteine zum Zusammenwachsen Europas waren. Der Schwerpunkt soll jedoch auf Ereignissen liegen, die schon von den Zeitgenossen als Zäsuren wahrgenommen wurden.

Der Verlauf von Geschichte ist oft von Zufällen geprägt, meist jedoch von langfristigen Veränderungen, die an bestimmten Punkten verdichtet aufscheinen und ein rasantes Tempo gewinnen. Im Jahr 1979 kulminierten in vielen Bereichen und Regionen derartig rasante Veränderungen. In diesem Sinne lässt sich von einer «Zeitenwende 1979» sprechen, in der sich die Welt unserer Gegenwart abzeichnete.

1. Die Revolution im Iran

Der Westen und der radikale Islam

Am 1. Februar 1979 landete eine Sondermaschine der Air France in Teheran, in der kein Alkohol serviert wurde. An Bord der Boeing 747 befand sich der Geistliche Ajatollah Khomeini, der nach fünfzehn Jahren Exil erstmals wieder Heimatboden betrat. Mit ihm flogen rund hundertfünfzig Journalisten aus aller Welt, darunter etwa der ZDF-Reporter Peter Scholl-Latour und der Spiegel-Korrespondent Volkhard Windfuhr. Sie wussten um die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Flugs und trugen zugleich dazu bei, Khomeini zu einer weltberühmten Persönlichkeit zu machen, auf die nun Millionen von Menschen auf Teherans Straßen warteten. Allein in den vier Monaten im Pariser Exil hatte Khomeini den ausländischen Journalisten rund hundertdreißig Interviews gegeben und zu einigen sogar ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut.[1] So durfte Peter Scholl-Latour ihn während des Flugs beim Beten filmen und bekam einen großen Umschlag überreicht, den er bei einer Verhaftung des Geistlichen verstecken sollte; angeblich befand sich darin die von Khomeini erarbeitete Verfassung für die Islamische Republik Iran.[2] Die Journalisten finanzierten mit ihren Tickets den spektakulären Sonderflug und dienten als menschliche Schutzschilde gegen einen befürchteten Abschuss der Maschine. Vor allem machten sie die Ankunft Khomeinis zu einem globalen Ereignis.

Ob die Landung gelingen würde und was auf sie folgte, war bis zum letzten Moment unklar. Nicht absehbar war etwa, ob das Militär sich gegen Khomeinis Anhänger und auf die Seite des amtierenden iranischen Premierministers Schapur Bachtiar stellen würde, den der Schah vor seiner Abreise als Reformer eingesetzt hatte.[3] Der Flug war immer wieder verschoben worden. Als beim Anflug kurzzeitig ein Triebwerk ausfiel und auch die Landung nicht gleich klappte, glaubten viele schon an einen Anschlag. Der Flughafen selbst war vom Militär weiträumig abgeriegelt und das iranische Fernsehen durfte nur fünf Minuten berichten. Neben einigen Geistlichen warteten auch hier einige hundert internationale Journalisten, um den «historical moment», so ein US-amerikanischer Fernsehreporter im Live-Bericht, für die Welt einzufangen. Das setzte die iranischen Machthaber weiter unter Druck.[4] Mit leiser Stimme und gestützt sprach Khomeini in die Mikrofone, dass er den sofortigen Rücktritt der iranischen Regierung und die Ausweisung ausländischer Berater verlange. Der Gegensatz zu den telegenen Politikern der modernen Mediengesellschaft hätte kaum größer sein können. Als ihn ein Journalist fragte, was er angesichts der Rückkehr fühle, antwortete er schlichtweg: «Nichts».[5]

Ankunft von Khomeini in Teheran am 1. Februar 1979, wo der Geistliche von Millionen Anhängern empfangen wird.

Als Khomeini anschließend, wiederum umrahmt von Kamerawagen, in einem US-amerikanischen Auto in Teherans Innenstadt fuhr, entfaltete sich das Ereignis mit aller Wucht: Millionen von Menschen säumten die Straßen mit Khomeini-Bildern und begrüßten ihn mit frenetischem Jubel wie einen Propheten. Dies war eine der größten Massenversammlungen der bisherigen Weltgeschichte und ein emotionaler Tumult, der seinesgleichen suchte. Menschenmassen drängten sich lebensgefährlich dicht an Khomeinis Wagen und riefen immer wieder allāhu akbar, «Gott ist am größten», und «Tod dem Schah». Schließlich musste Khomeini einen Hubschrauber nehmen, um den Friedhof von Teheran zu erreichen, wo er die Märtyrer der Iranischen Revolution ehrte. Selbst hier warteten Hunderttausende auf den Gräbern, so dass sich Khomeini in einem Krankenwagen in Sicherheit bringen musste, um nicht von seinen Anhängern erdrückt zu werden. Dass das staatliche Fernsehen statt Khomeinis Rede Bilder vom Schah zeigte, während zugleich angebliche Tonaufnahmen des Schahs zu einem Schießbefehl kursierten, verstärkte die Proteste zusätzlich.[6] Angesichts dieser kaum kontrollierbaren Massen erschien nun klar, dass die Tage des alten Regimes gezählt waren und die Macht an den Geistlichen fallen würde. Das Militär hielt sich zurück; nach wenigen Tagen waren die Kasernen von Volksmilizen eingenommen und die alte Regierung abgesetzt.

Khomeinis triumphaler Einzug bildete den Höhepunkt einer Revolution, die diesen Namen verdiente. Nach der Französischen und der Russischen Revolution war sie weltgeschichtlich die dritte große Erhebung, die mit einem eigenen Profil Akzente setzte. Innerhalb von wenigen Wochen stürzte eine Massenbewegung dauerhaft die etablierte politische, soziale und kulturelle Ordnung, ihre Eliten, Gesetze und Normen – und ihr universalistischer Anspruch reichte weit über das eigene Land hinaus.[7] Der französische Sozialphilosoph Michel Foucault, der im Herbst 1978 für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera zweimal nach Teheran reiste, kommentierte damals: «Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme, die modernste und irrsinnigste Form der Revolte.»[8] Vor allem die Schöpfungskraft der politischen Spiritualität faszinierte ihn, da der Widerstand neue soziale Beziehungen entstehen lasse und sich die Revolte jenseits bisheriger Revolutionsmuster entfalte.[9] Im Vergleich zu anderen Umstürzen blieb die Zahl der Toten anfangs tatsächlich gering, auch wenn rasch weltweit Bilder von gehenkten Schah-Anhängern und der eskalierenden Gewalt auf der Straße kursierten. Zu den Schlüsselbildern der Revolution gehören Fotos von schwarz verschleierten Frauen, die den Umbruch als Abkehr von der westlichen Moderne und «Rückkehr ins Mittelalter» erscheinen ließen.[10] Die iranische Revolution galt damit im Westen rasch als ein Umbruch, der für das Aufkommen eines radikalen politischen Islams stand, der westliche Werte herausforderte. Sie stand nicht nur für die neue Bedeutung der Religion. Ebenso zeigte sie den Machtverlust der USA und die Verschiebung der Logik des Kalten Krieges im Rahmen der Globalisierung. Die Bundesrepublik als besonders enger Partner des Irans verstand es, sich hier zu positionieren.

Angesichts der unterschiedlichen Erwartungen an eine Regierung im Iran ist es überraschend, dass sich ausgerechnet Khomeinis geistliches Regime durchsetzte, das auf den Straßen zunächst kaum gefordert worden war.[11]

Gute Beziehungen zum Westen und speziell zu den Deutschen

Der Begriff «Islamische Revolution» ist für die iranischen Proteste Anfang 1979 nicht ganz zutreffend. Auch wenn sie in eine islamische Republik mündeten, beteiligten sich ganz unterschiedliche Gruppen daran: Kommunisten und Sozialisten gingen ebenso auf die Straße wie Liberale oder gemäßigte islamische Gruppen, und welche Strömung sich durchsetzen würde, war zunächst unklar.[12] Was sie in dieser Phase einte, war der Kampf gegen den Schah Mohammad Reza Pahlavi, der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit und ein Nationalismus, der sich gegen den westlichen Einfluss und dessen Profit am iranischen Öl richtete.[13] Die Revolution stand damit in der Tradition der anti-imperialistischen «Third World Revolutions». Ihr Erfolg hing weniger von islamischen Lehren ab als von ihrer Wahrnehmung des Westens. Diese radikalisierte sich im Zuge des Globalisierungsschubs der 1970er-Jahre und verband sich mit einem Nationalismus, den der Schah selbst etabliert hatte und der nun zu seinem Sturz beitrug.

Unter den islamischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens hatte der Iran früh Reformen eingeführt, die sich an den Westen anlehnten. Die bereits 1906 entwickelte Verfassung gilt noch heute vielen Exil-Iranern als Zeugnis für die frühe politische Orientierung an Europa.[14] Besonders unter dem säkular orientierten Schah Reza Pahlavi (1925–1941) rückte der Iran in den 1930er-Jahren, ähnlich wie die Türkei unter Atatürk, kulturell, ökonomisch und politisch an den Westen heran. So wurde der Tschador verboten und für Männer Hut und Hemd üblicher. Die Einführung der Schulpflicht minderte den Einfluss der Geistlichen.

Durch die wachsende Nachfrage nach Öl wuchs der Handel mit dem westlichen Ausland, wobei vor allem die Briten vom Verkauf des Rohstoffs profitierten. Der Unmut dagegen und gegen westliche Reformen insgesamt kulminierte Anfang der 1950er-Jahre in der Verstaatlichung der iranischen Förderanlagen der britischen «Anglo-Persian Oil Company». Unter Beteiligung der CIA und des britischen MI6 wurde daraufhin 1953 der populäre Premierminister Mohammed Mossadegh gestürzt, um die westliche Ölförderung abzusichern. Die folgende autoritäre Herrschaft des Schahs Mohammad Reza Pahlavi (1941–1979) stützte sich auf das Militär und Menschenrechtsverletzungen, wurde aber politisch, ökonomisch und militärisch von den USA gefördert, was sie zum Feindbild der Schah-Gegner machte, auch der Intellektuellen, die sich zunächst an der westlichen Moderne orientiert hatten. Dass der Schah seine Reichtümer durch sein westliches Jet-Set-Leben verschwendete, verstärkte die breite Verachtung für den Schah und den Westen. Sie sprachen von der «Westoxification», der Vergiftung der eigenen Kultur.[15]

Die Bundesrepublik Deutschland war ein wichtiger Teil dieser globalen Verflechtungen und besonders eng mit dem Iran verbunden. Anknüpfend an vorherige Verbindungen entwickelte sich die Bundesrepublik ab 1952 zum stärksten Handelspartner des Irans und die Bundesregierung förderte dies mit Bürgschaften.[16] Seit den 1960er-Jahren stieg zudem der Waffenexport in den Iran an. Deutsche leiteten Unternehmen im Iran und engagierten sich in der dortigen Ausbildung. Zugleich kamen tausende Iraner zum Studium und zur Ausbildung in die Bundesrepublik, und 1977 nahm die deutsch-iranische Universität in Gilan ihren Betrieb auf. Sowohl säkulare Eliten als auch viele Protagonisten der späteren islamischen Revolution erhielten so eine Ausbildung in Westeuropa. Die westdeutsche Boulevardpresse blickte dagegen fasziniert auf den «Pfauenthron» und die deutsch-iranische Frau des Schahs, Soraya, die in den 1950er-Jahren als Ersatzkaiserin der thronlosen Deutschen galt.[17] Im Zuge der Studierendenproteste seit Mitte der 1960er-Jahre nahm jedoch in den Medien die Kritik an der autoritären Herrschaft des Schahs und seinen Folterkellern zu, wozu auch in Westdeutschland studierende Iraner beitrugen.[18] Als besonders einflussreich erwiesen sich die Schriften des Exiliraners Bahman Nirumand, der zuvor bereits die internationale oppositionelle «Konföderation Iranischer Studenten» mit aufgebaut hatte.[19] Die studentischen Proteste gegen den Schah-Besuch 1967, bei dem der Polizist und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras den Demonstranten Benno Ohnesorg erschoss, knüpften daran an und gelten als Bruch der vorherigen Sympathie für das persische Herrscherpaar. Iranischen Oppositionellen galt Ohnesorg als Märtyrer und Opfer des Schahs.

Die ökonomischen Beziehungen wurden von diesen Protesten jedoch nicht beeinflusst. Auch die sozialliberale Bundesregierung stützte in den 1970er-Jahren das Regime des Schahs. Besonders die Ölkrisen intensivierten die Beziehungen. Bis zum Jahr vor der Revolution entwickelte sich der Iran zum größten Öllieferanten der Bundesrepublik, der immerhin ein Fünftel der Ölimporte lieferte.[20] Umgekehrt war der Iran der wichtigste bundesdeutsche Absatzmarkt in der «Dritten Welt», mit jährlichen Exporten von über sechs Milliarden DM vor der Revolution. Zwischen 1974 und 1979 lieferten bundesdeutsche Unternehmen Waffen im Wert von rund einer Milliarde DM in den Iran. Noch während der Unruhen 1978 bestellte der Schah sechs U-Boote und vier Fregatten bei bundesdeutschen Unternehmen, was die Bundesregierung unterstützte.[21] Ebenso erlaubte und förderte die Bundesregierung den Bau von zwei deutschen Atomkraftwerken im iranischen Buschehr, obgleich die USA Bedenken hatten.[22] Ein Abkommen von 1974 vereinbarte, knapp hundert iranische Offiziere und Kadetten an der Bundeswehrhochschule in München auszubilden.[23] Umgekehrt investierten Ölländer wie der Iran ihre «Petro-Dollars» in westliche Unternehmen. So kaufte der Iran 25 Prozent der Fried. Krupp Hüttenwerke AG, also eines besonders traditionsreichen Unternehmens der deutschen Schwerindustrie. Menschenrechte spielten bei diesen Begegnungen kaum eine Rolle. Beim Besuch von Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs im Iran vermerken die Gesprächsnotizen lediglich, dass gegen Schah-feindliche Gruppen in der Bundesrepublik vorgegangen werden müsse.[24]

Auch die DDR versuchte vom Ansehen und den anti-westlichen Stimmungen zu profitieren. Ihr Handel mit dem Iran blieb jedoch gering.[25] Sie nahm seit den 1950er-Jahren kommunistische Exil-Iraner auf, die jedoch recht einflusslos blieben und mitunter in den Westen gingen.[26] Die SED leitete 1975 Handels- und Kulturabkommen mit dem Schah-Regime ein, und im August 1978, als die Proteste gegen den Schah im Iran bereits brodelten, bat Erich Honecker den Schah mit einer Adresse an «Seine Kaiserliche Majestät», die zunehmend guten Beziehungen durch eine Vereinbarung über eine langfristige Wirtschaftskooperation und einen Staatsbesuch zu festigen. Nachdem der Iran zustimmte, wurden kurz vor dem Umsturz tatsächlich Verträge ausgearbeitet.[27] Beide deutsche Staaten setzten damit noch 1978 auf den Iran des Schahs und wurden entsprechend von der Revolution überrascht.

Massenproteste gegen den Schah

Während sich die Industrienationen in West und Ost mit dem Schah-Regime arrangierten, nahmen im Iran die Proteste zu. Diese hatten viele Ursachen – ökonomische, kulturelle und politische. Eine islamische Mobilisierung kam erst vergleichsweise spät in den 1960/70er-Jahren auf und konnte sich dabei auf verschiedene Vorläufer und Vorbilder stützen. Die ägyptische Muslimbrüderschaft, die in den 1930er-Jahren nicht zuletzt durch antijüdische Kampagnen größeren Zulauf erlangte, faszinierte auch iranische Geistliche wie Khomeini und Navvab Safawi, der seit 1945 mit seiner islamistischen Organisation Fedajin-e Islam Attentate auf säkulare iranische Persönlichkeiten organisierte. Mobilisierend wirkte dabei auch im Iran die Verachtung des westlichen «Imperialismus» und westlicher Kultur, von der Sexualmoral über den Konsum bis zur Populärkultur. Der arabisch-israelische Konflikt schuf ein weiteres einigendes Band zwischen Islamisten verschiedener Länder. Die islamischen Geistlichen im Iran hatten lange Zeit einen Modus Vivendi mit dem Schah gefunden. Ihr Protest loderte nach seinen Reformen in den 1960er-Jahren auf.[28] Die «Weiße Revolution» des Schahs, die 1963 ein Referendum bestätigte, sorgte für das aktive und passive Wahlrecht für Frauen, den Ausbau von säkularer Bildung und eine Landreform. Die islamischen Geistlichen bekämpften nun das Frauenwahlrecht als weiteren Schritt der Emanzipation, und die Landreform verurteilten sie als Zwangsmaßnahme, da sie auch Land aus geistlichem Besitz verteilte, um es angeblich Ungläubigen und Juden zu geben.[29]

Nun trat auch Khomeini sichtbarer auf die Bühne der Protestierenden. Khomeinis Reden gegen den Schah führten zu seiner Verhaftung und 1964 zu seiner Verbannung. Im Irak verfasste er 1970/71 sein Werk Der islamische Staat, das einen Gottesstaat ausmalte, der allein auf Allah, dem Koran und der Scharia basieren sollte. Bis zur Wiederkehr des verborgenen Imam, des Mahdi, sollte ein hoher schiitischer Geistlicher stellvertretend als Rechtsgelehrter den Staat leiten, um die islamische Mission des Propheten fortzuführen.[30] Dieser Glaube trug mit zum revolutionären Sendungsbewusstsein der Schiiten bei. Zugleich untersagte Khomeini jede Kooperation mit dem Regime des Schahs.

Für die breiten Proteste waren jedoch die wirtschaftliche Situation und die politische Repression ursächlicher als die Sehnsucht nach einem islamischen Staat. In der Bevölkerung wuchs die Empörung darüber, dass nur die Oberschicht und vor allem die Schah-Familie von den steigenden Öleinnahmen profitierten, während die Lebenshaltungskosten stiegen. 1976/77 war zudem die Versorgungslage trotz erhöhter Einnahmen katastrophal. Ebenso empörten die Versuche des Schah-Regimes, religiöse Traditionen durch nationalistische Selbstinszenierungen zu ersetzen. Alleine seine legendäre Feier zu «2500 Jahre Persisches Reich», die den Iran als Ursprung der Zivilisation zelebrierte, verschlang angeblich 100 Millionen Dollar.[31] Die am Westen orientierte autoritäre Modernisierung führte somit in mehrfacher Hinsicht zur iranischen Revolution – indem sie den Protest gegen die Reformen und die Sehnsucht nach westlichen Formen der Partizipation stärkte.

Der Menschenrechtsdiskurs seit Mitte der 1970er-Jahre verschlechterte das internationale Ansehen des Schahs. Organisationen wie Amnesty International und schließlich auch US-Präsident Jimmy Carter protestierten gegen die Folterkeller im Iran. Dass der Schah sich abwehrend auf den Menschenrechtsdiskurs einließ, schwächte seine Position weiter. Proteste gegen den Schah, wie etwa bei seinem Besuch in den USA 1977, wirkten auf den Iran zurückt. Da zahlreiche Exilanten und Studierende aus dem Iran im Ausland waren, politisierte sich hier eine künftige Elite.

Der Protest im Iran war stark durch städtische Intellektuelle geprägt. Im Herbst 1977 kamen sie auch im Goethe-Institut in Teheran zu Dichter-Lesungen zusammen, die als ein Ausgangspunkt der späteren Revolution gelten.[32] Ebenso vereinigten sich 1977 zahlreiche Juristen, um für eine unabhängige Justiz einzutreten.[33] Hinzu kamen Proteste in Armenvierteln und Streiks, besonders im Ölsektor. Schließlich streikten auch zahlreiche Journalisten und verlangten mehr Pressefreiheit, sodass Zeitungen und Fernsehsendungen ausfielen.[34] Islamischer Widerstand formierte sich Anfang 1978 in der heiligen Stadt Qum, nachdem ein offiziös verfasster Zeitungsartikel Khomeini verunglimpft hatte. Tote durch Polizeieinsätze gegen Demonstranten förderten jeweils neue Proteste, auch bei ihren Begräbnissen. Besonders Predigten mobilisierten massenweise. Aus dem Exil heraus konnte Khomeini über die Moscheen Netzwerke aufbauen und über sie Tonbänder verbreiten. Die Basarhändler lieferten eine weitere kommunikative und finanzielle Infrastruktur, um die islamischen Proteste auszuweiten. Ähnlich wie 1968 im Westen erklären sich die Proteste im Iran auch durch eine starke Verjüngung der Bevölkerung. Diese Generation wurde stärker von den revolutionären Ideen angezogen, die sich auch im Westen entfalteten.[35] Ihre Ideen waren anti-imperialistisch, weniger islamistisch als vielmehr liberal auf Menschenrechte bezogen.

Der Schah reagierte einerseits mit Zugeständnissen. Er tolerierte kritische politische Gruppen und mehr Meinungsfreiheit, um zu besänftigen. Haftbedingungen verbesserten sich, und 1978 nahm die Regierung besonders umstrittene Reformen zurück, wie einen neuen, nicht-islamischen Kalender, die Zulassung von Casinos oder das weiblich besetzte Frauenministerium.[36] Dass der Schah durch seine Krebserkrankung angeschlagen war, mag seine schwankende Haltung miterklären. Westliche Beobachter führten die Unruhen zynisch auf die neuen, angeblich zu großen Freiheiten für die Iraner zurück, die der Schah gewähre. «Es ist zu hoffen, daß das Tempo der Veränderungen verlangsamt wird», hieß es in einer Bonner Ministerialvorlage.[37] Ähnlich urteilte die bundesdeutsche Botschaft in Teheran, die «Zügellosigkeit» spiegele den «politischen Reifegrad der iranischen Massen wider».[38]

Andererseits reagierte der Schah mit Gewalt gegen einzelne Massenproteste. Am 8. September 1978 feuerten seine Truppen auf Protestierende, auch auf verschleiert demonstrierende Frauen, was zu weiteren Demonstrationen führte.[39] Der schwarze Schleier, mit dem viele Frauen nun gegen den Schah protestierten, symbolisierte dabei nicht nur die Sehnsucht nach einer islamischen Republik, sondern war für viele Frauen vor allem ein Symbol gegen das säkulare Regime, das zudem die Anonymität bei der Demonstration sicherte. Vor allem die Streiks in der Ölindustrie, deren Arbeiter mehr Lohn verlangten, brachten das Regime in Bedrängnis, da sie die Wirtschaft lahmlegten. Als sich am 11. Dezember 1978 über eine Million Menschen versammelten, trugen die Sprecher offiziell Khomeini die Führung des Landes an.[40] Durch die Streiks lief nur noch ein Fünftel der Produktion, Banken wurden zerstört, waren nicht mehr liquide, und auch deutsche Unternehmen vor Ort, wie BMW und VW, meldeten Schäden.[41] In vielen Ländern der Welt gingen Exil-Iraner ebenfalls auf die Straße. So versammelten sich in Frankfurt rund 7000 Schah-Gegner, darunter zahlreiche islamische Anhänger Khomeinis und deutsche Linke, wobei es hunderte Verletzte gab.[42]

Als der Schah am 16. Januar 1979 schließlich vor den Massenprotesten ins Ausland floh, überantwortete er Premierminister Shapour Bakhtiar die Regierungsgeschäfte, der Reformen einzuführen versuchte. Dies kam jedoch zu spät. Vor allem Khomeini drängte aus dem Exil darauf, kompromisslos Bakhtiars Regierung abzusetzen. Dass das kommende Jahr 1979 dem islamischen Jahr 1399/1400 entsprach und der Jahrhundertwechsel endzeitliche Erwartungen schürte, förderte den Glauben an einen Umbruch.[43]

Khomeini proklamiert den Gottesstaat

Mit der Flucht des Schahs setzte ein kurzer «Frühling der Freiheit» ein. Zahlreiche politische Gruppen entstanden und neue Zeitungen blühten auf, von denen einzelne schlagartig eine Auflage von bis zu einer Million erreichten.[44] Viele Demonstrationen ähnelten anfangs ausgelassenen Festen. Allerdings währte dieser Frühling kaum bis Ende März, als sich Khomeini und sein islamischer Gottesstaat auf allen Ebenen durchsetzten.

Wie erklärt sich Khomeinis Erfolg? Während seiner langen Exilzeit im Irak hatte er zunächst noch wenig Einfluss auf sein Heimatland. Erst durch die Annäherung der beiden Länder seit Mitte der 1970er-Jahre konnten seine Schriften zum Gottesstaat im Iran eine größere Verbreitung finden. Pilger trugen sie über die Grenze, ebenso Kassetten mit seinen Predigten.[45] Im Westen wurden seine Schriften über einen künftigen islamischen Staat überhaupt erst im Zuge der Revolution rezipiert. Als entscheidender Vorteil Khomeinis erwies sich, dass er, wohl auf Betreiben des Schahs, während der iranischen Unruhen 1978 aus dem Irak ausgewiesen wurde und schließlich mit einem Dreimonatsvisum nach Paris kam. So konnte er sich ungehindert mit zahllosen Beratern austauschen und Pläne für eine künftige Regierung aushandeln, unter anderem mit seinem späteren ersten Premierminister Mehdi Bāzargān.[46] Khomeinis Besucher und Mitarbeiter brachten seine Reden und Aufrufe zum Umsturz auf Kassetten aus Paris in den Iran, wo sie massenweise kopiert und in den Moscheen laut abgespielt und verkauft wurden.[47] Die Pressefreiheit in Frankreich ermöglichte seine Brandreden gegen den Schah, und sie erreichten so die weltweite Öffentlichkeit. Mitunter warteten bis zu 400 Journalisten vor seinem Haus, um ihn bei seinen Spaziergängen abzufangen.[48] Auf diese Weise entwickelte sich Khomeini auch visuell zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts und zu einer Projektionsfigur im Iran. Die US-amerikanische Öffentlichkeit umwarb Khomeini zu Weihnachten 1978 sogar mit einer großen Anzeige in der linksliberalen New York Times, mit einem persönlichen Schreiben, das Christen bat, für die Befreiung der unterdrückten Menschen im Iran zu beten.[49]

In den Interviews entwickelte Khomeini oft erst etwas konkretere Leitlinien für eine künftige Politik. Im Interview mit der Bild-Zeitung verkündete er etwa, alle Wirtschaftsverträge mit der Bundesrepublik neu zu verhandeln, da der Schah nicht demokratisch legitimiert gewesen sei.[50] Ebenso betonte er immer wieder, iranisches Öl als politische Waffe einzusetzen. Im Interview mit Le Monde drohte er etwa an, Israel und Ägypten würden kein Öl bekommen, ansonsten würde der Iran einen «fairen Preis» verlangen, was doppeldeutig Preiserhöhungen ankündigte.[51] In den meisten Interviews versprach Khomeini, das Land gleichermaßen gegen die Amerikaner und Sowjets zu positionieren. Khomeini selbst studierte ebenfalls fortwährend die internationalen Medien: Frühmorgens nach dem Aufstehen las er die internationale Presse, bis spät abends hörte er persischsprachige Auslandssender wie von der BBC.[52] Vielleicht gerade weil Khomeini seine Vorstellungen gegenüber westlichen Journalisten verkündete und jenseits der Tagespolitik im Iran agierte, trat er in seiner Pariser Zeit überraschend gemäßigt und kompromissbereit auf. Vielfach benutzte er die Sprache der Demokratie, der Menschenrechte und des sozialen Ausgleichs, um sich vom undemokratischen Handeln des Schahs abzugrenzen. So versprachen er und seine Berater noch kurz vor seinem Flug nach Teheran freie Wahlen, Pressefreiheit und eine Verfassung, wenn auch islamische Bedingungen für die Kandidatenauswahl.[53] Frauen würden künftig nicht aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Dies ermöglichte, dass er nach seiner Ankunft im Iran sehr unterschiedliche Protestgruppen, von den Sozialisten über die Liberalen bis hin zu den Islamisten, unter seiner Führung vereinen konnte.

Tatsächlich zeigte sich diese Kompromissbereitschaft in der neu gebildeten Regierung nach Khomeinis Rückkehr. So ernannte er mit Mehdi Bāzargān einen Premierminister, der sowohl im islamischen wie im säkularen Widerstand gegen den Schah verankert war und einer liberalen islamischen Richtung angehörte. Der Teheraner Professor, der in Frankreich Ingenieurswissenschaften studiert und in der französischen Armee gekämpft hatte, galt auch den westlichen Diplomaten als respektabel.[54] Im Kabinett fanden sich auch Vertreter unterschiedlicher Protestbewegungen, die moderat auftraten. So versprach etwa Hassan Nahsi, Mitglied des Revolutionsrats und Vertrauter Bāzargāns, den bundesdeutschen Diplomaten, die kommende Republik werde nur dem Namen nach islamisch sein und «sich am freiheitlichen Gedankengut der westlichen Welt orientieren».[55]

Das neue Regime erhielt auch deshalb einen Vertrauensvorschuss. Die westlichen Regierungen erkannten sogleich die revolutionär entstandene provisorische Regierung Bāzargān an, obwohl fortlaufend Berichte über die eskalierende Gewalt auf Teherans Straßen kursierten. Außenminister Genscher erklärte schon in der Kabinettssitzung am 14. Februar 1979 «die Fortsetzung der freundschaftlichen Beziehungen» und Bundeskanzler Schmidt kündigte ein Glückwunschtelegramm an Bāzargān an, den er dem demokratischen Lager zurechnete.[56] Während die SPD-Führung mit anti-amerikanischem Einschlag die Anerkennung forderte, da der «Shah ein undemokratischer Bündnispartner des Westens» gewesen sei, betonte das Auswärtige Amt erleichtert, dass im neuen iranischen Kabinett «links-extreme Kräfte» nicht vertreten seien und Bāzargān eine effektive Kontrolle über das Land erreicht habe.[57] Viele glaubten wie Bundeskanzler Schmidt, Khomeinis Herrschaft sei allenfalls temporär: «Die Ayatollahs können das Land auf Dauer nicht regieren», äußerte er gegenüber Ägyptens Präsident Sadat.[58] Frankreich und Großbritannien erkannten die neue Regierung ebenfalls mit antikommunistischen Argumenten an. Der französische Außenminister Jean François-Poncet bemerkte latent optimistisch über Khomeini: «Wenn er auch nicht die beste Lösung für den Iran sei, so sei er auch nicht die schlechteste», da «die jetzigen Persönlichkeiten im Iran dabei sind, die Dinge verwaltungsmäßig wieder in den Griff zu bekommen.»[59] Noch deutlicher formulierte dies Präsident Giscard d’Estaing gegenüber Schmidt: Da bei einem Sieg der Linken keine Wirtschaftsbeziehungen möglich seien, hoffe er «auf einen Sieg Khomeinis – wenn dieser auch sehr hart und blutrünstig sei, und auf eine Niederlage von dessen Gegenspielern sowie den Kommunisten».[60] Ähnlich urteilten die Außenminister der Nato-Staaten.[61] Auch die Administration von US-Präsident Jimmy Carter bemühte sich in gutem Glauben um ein Auskommen mit den neuen Machthabern.[62]

Dieses Wohlwollen gegenüber Khomeini entstand auch durch die Annahme, die Sowjetunion hoffe auf eine sozialistische Revolution im Iran und wünsche eine instabile Lage.[63] Tatsächlich suchten auch die Sowjetunion und sozialistische Verbündete wie die DDR rasch ein gutes Verhältnis zur neuen islamischen Regierung.[64] Der Anti-Amerikanismus erwies sich als ein Bindeglied, und entsprechend gab das sowjetische Leitorgan, die Prawda, den USA die Schuld an Toten bei den letzten Massendemonstrationen. Auf westlicher Seite kam damit die Angst auf, dass die Sowjets nun eine Einflusszone von Äthiopien über Südjemen bis hin nach Afghanistan um den Persischen Golf und damit die Hälfte der Weltölreserven ausbauten, und so auch Zugang zur Straße von Hormuz erhalten könnten.[65] Tatsächlich forderte die Sowjetunion eine Zurückhaltung der US-Amerikaner und eine Mitsprache in der Golfregion, die in einer gesamteuropäischen Energiekonferenz zu verhandeln sei.[66] Die sowjetische Freude über den Abfall Irans von den USA ging freilich mit einer Verunsicherung darüber einher, dass sich direkt neben dem sowjetischen muslimischen Süden ein politisierter Islam ausbreitete.[67]

Neben dem Anti-Kommunismus verhalfen vor allem ökonomische Interessen zur raschen internationalen Anerkennung der Revolution. Besonders deutlich belegen dies die internen Einschätzungen des Auswärtigen Amts: Wer immer regiere, hieß es hier, «Iran ist und bleibt Erdölexporteur […] Für den Westen bleibt der entscheidende Gesichtspunkt, daß der Iran nicht in den Einflußbereich der Sowjetunion abdriftet.»[68] Nicht minder deutlich unterbreitete der deutsche Botschafter in Teheran dem Revolutionsratsmitglied und Minister für Wirtschaftsplanung, Ezatollah Sahabi, «daß wir Außenhandelspartner brauchen, Iran übrigens auch, und daß Außenpolitik in der Regel nicht mit moralischen Maßstäben zu messen sei.»[69] Der Westen wollte den Umbruch im Iran optimistisch betrachten, um ökonomische Verbindungen zu sichern. Denn längst schnellten die Ölpreise rasant in die Höhe und das Ringen um die Nachrüstung heizte den Kalten Krieg wieder an.

Spätestens ab Ende März 1979 wurde deutlich, wie sehr sich die westlichen Eliten und die sowjetische Führung täuschten. Die islamischen Fundamentalisten spielten die marxistische Linke schnell aus. Ihre anti-imperialistische Rhetorik raubte den Marxisten ihr Mobilisierungspotential. Zudem gelang es den Marxisten nicht, die Sprache der (Land-)Arbeiter zu sprechen, und ihre Verbindung zur Sowjetunion erschwerte ihre Stellung.[70] Die marxistische Tudeh-Partei blieb weiter bestehen, bis 1982/83 auch ihre Anhänger massenhaft als sowjetische Spione verfolgt wurden und die Partei verboten wurde.

Khomeini nach seiner Ankunft vor den Massen an der Teheraner Universität. Die bisher sehr liberalen Studienmöglichkeiten für Frauen wurden rasch eingeschränkt.

Khomeini etablierte die islamische Republik mit scheinbar demokratischen Zugeständnissen, populistischen Versprechungen und Gewalt. So leitete er den Übergang zur islamischen Republik mit einer Abstimmung ein, die eine demokratische Beteiligung vortäuschte. Am 31. März 1979 durften alle Männer und Frauen über die künftige Staatsform abstimmen, wobei 98 Prozent für eine Islamische Republik und gegen die Monarchie votierten. Andere Staatsformen, etwa eine Demokratie oder eine sozialistische Republik, waren nicht auf dem Wahlzettel. Ministerpräsident Bāzargān konnte sich auch nicht mit dem Begriff «Demokratisch Islamische Republik» durchsetzen. Wer für den Schah stimmte, musste zudem die unbeliebte Farbe Rot verwenden, die anderen Wahlkarten waren gut sichtbar patriotisch grün.[71]

Ähnlich verfuhr Khomeini bei der neuen Verfassung, über die er abstimmen ließ. Sie wurde von einer «Expertenversammlung» ausgearbeitet, die zu über zwei Dritteln mit Geistlichen oder ihnen nahestehenden Vertretern besetzt war. Einerseits war der Verfassungsentwurf an vielen Stellen demokratisch geprägt, um unterschiedliche politische Gruppen einzubinden. So durften Männer und Frauen ab 16 Jahren das Parlament und den Präsidenten wählen. Andererseits zementierte sie die Vormachtstellung der Geistlichkeit. So legte sie die islamische Rechtsauslegung fest und gab damit die politische und religiöse Leitung in die Hände Khomeinis, der als Stellvertreter des 12. Imams verehrt wurde. Dieser durfte die Geistlichen des Wächterrats bestimmen, der Gesetze mit Veto-Macht überwachen sollte, über Krieg und Frieden entscheiden konnte und die Personalhoheit über die Wahl der Präsidenten, Richter oder auch die Leiter der Rundfunksender hatte.[72] Diese Verfassung fand am 2. Dezember 1979 eine Zustimmung von 99 Prozent. Da die Stimmzettel mit Rücksicht auf die Analphabeten erneut farblich gekennzeichnet waren und es keine Wahlkabinen gab, mieden Gegner die Wahl, und die Wahlbeteiligung fiel um vier Millionen ab. Durch die Verfassung entstand eine Doppelstruktur von geistlicher Macht und Regierung: Neben dem demokratisch gewählten Parlament und Präsidenten, bei dem sich mit Bani Sadr zunächst ein Gemäßigter durchsetzte, stand die islamische Führung unter Khomeini. Und zugelassen zur Wahl wurden nur ausgewählte Kandidaten, während Oppositionelle schnell als Gegner des Islams aussortiert oder verfolgt wurden.[73]

Zugleich lockte Khomeini mit populistischen Versprechungen. Auf den Einbruch des Öl- und Außenhandels und die Arbeitslosigkeit reagierte er mit einer Mischung aus sozialistischen und marktwirtschaftlichen Versprechen. So unterstützte eine «Stiftung der Unterdrückten» aus dem Vermögen des Schahs die mittellose Unterschicht, während eine Landreform viele mittellose Landarbeiter zu selbstständigen Bauern machte, die sich in Genossenschaften zusammenschlossen. Auch ein größerer Teil der Staatsausgaben floss in die Unterstützung der Armen und in die Förderung landwirtschaftlicher Kooperativen.[74] Zugleich versprach Khomeini, besonders mit Blick auf die Basarhändler, das Privateigentum zu achten, was er als Schutz gegen den Kommunismus ansah. Die Bürokratie des Schahs wollte er abbauen. Tatsächlich verdoppelte sich jedoch die Zahl der Staatsbediensteten in zwei Jahren, wodurch er eine loyale Verwaltung aufbauen konnte.

Parallel dazu wurde der Umbau der Gesellschaft mit Gewalt durchgesetzt. Unverschleierte Frauen, die wie am Internationalen Frauentag (8. März) zu zehntausenden für ihre Rechte und eine säkulare Republik protestierten, trafen immer häufiger auf Männer mit Knüppeln.[75] Die Gewalt auf den Straßen richtete sich zunehmend auch gegen Minderheiten wie die Kurden und die Baha’i, die zahlreiche Verwaltungsposten besetzten. Auch die Juden wurden nun Opfer von Repressionen, nachdem der Iran nach der Staatsgründung Israels eines der wenigen islamischen Länder geblieben war, die die jüdische Bevölkerung tolerierten. Bereits zu Beginn der Revolution floh rund ein Viertel der 80.000 Juden, hunderte kamen in Gefängnisse, viele wurden ermordet.[76] Während in vielen Ländern im Kontext der Fernsehserie Holocaust ein neues Mitgefühl mit dem Schicksal der Juden aufkam, flammte hier ein neuer öffentlicher Antisemitismus auf. Allerdings tolerierte der Iran die Juden, die sich nicht offen für den Staat Israel aussprachen. Während Juden in anderen islamisch geprägten Ländern heute kaum noch zu finden sind, lebten im Iran nach der Jahrtausendwende noch rund 25.000 und bilden damit die größte jüdische Gemeinde in einem islamischen Land.[77]

Im Laufe des Jahres 1979 entfaltete sich eine unberechenbare halbinstitutionalisierte Gewalt. Revolutionsgerichte und islamische Garden richteten öffentlich hunderte politische Gegner hin. Volksmilizen übernahmen Polizei-, Post- und Militärstationen, wodurch zahllose Waffen kursierten. Jugendliche feuerten halb aus Freude, halb als Drohung in die Luft, oft mit dem deutschen Gewehr G 3 von Heckler & Koch.[78] Ministerpräsident Bāzargān protestierte zwar gegen die Hinrichtung des Ex-Premierministers Hoveyda, konnte sich aber nicht gegen Khomeinis Rachewillen durchsetzen. Insgesamt kam es wohl zu knapp fünfhundert Hinrichtungen in den folgenden zwei Jahren. Die westlichen Staaten protestierten zumindest gegen die Hinrichtung von früheren Spitzenpolitikern, doch die diplomatischen Interventionen blieben zahnlos.[79]

Die Einführung der islamischen Republik schränkte zahlreiche Grundrechte ein, für die in den 1970er-Jahren weltweit Politiker und soziale Bewegungen gekämpft hatten. Das galt besonders für die Rechte von Frauen. Bereits im März durften Frauen sich nicht mehr an Gerichtsverfahren beteiligen. Moralkomitees überwachten die neuen Kleidungsvorschriften, was de facto für Frauen das Tragen des Tschadors bedeutete. Bis zum Oktober wurden die familienrechtlichen Reformen des Schahs rückgängig gemacht: Der Ehemann erhielt die Entscheidungsgewalt und das Recht zur Scheidung zurück, das Heiratsalter wurde schrittweise auf neun Jahre gesenkt und schließlich Frauen das Recht abgesprochen, vor Gericht gleichwertige Zeugenaussagen zu machen. Eingeschränkt wurde zugleich ihr Bildungszugang: Im Mai wurden ko-edukative Schulen verboten und verheirateten Frauen der Schulbesuch untersagt.[80] Während 1978 der Anteil von studierenden Frauen dem in den meisten westlichen Ländern entsprach, war es 1983 nur noch ein Zehntel.[81] Ohnehin veränderte sich auch der Bildungs- und Kulturbereich schlagartig. Viele weltliche Schulen und Universitäten wurden geschlossen, da nicht-islamische Studien als Einfallstor für westliche Werte galten.[82] Lehrmaterial wurde «gereinigt» und die Geschichte umgeschrieben, weg von der persischen Geschichte hin zu der des Islams. Kunst und Kultur bedurften nun der Genehmigung des Ministeriums für Kultur und Information. Die kurzzeitige Pressefreiheit wurde ab März 1979 zunehmend eingeschränkt. Viele Autoren und Redaktionen zensierten sich aus Angst selbst. Die Zahl der Zeitungen schrumpfte, ebenso ihre Auflagen.[83]

Für die politische Linke im Westen war die iranische Revolution eine schwierige Herausforderung. Konservativ-religiöse Regime standen ihr eigentlich fern, aber aufgrund der anti-amerikanischen, konsumkritischen und revolutionären Konstellation zeigte sie doch vielfach Sympathie. So pries Joschka Fischer im Februar 1979 im linken Stadtmagazin Pflasterstrand die islamische Revolution als Aufstand gegen die westliche Lebensweise, denn die islamische Revolution «richtet sich auch und gerade gegen das Eindringen des konsumistischen Atheismus der westlichen Industriegesellschaften».[84] In gewisser Weise sah die Linke hier romantisiert jene Revolte, die ihnen daheim nicht gelang. Auch einige westdeutsche Journalisten teilten diesen Grundtenor anfangs. Der Fernsehreporter Gordian Troeller (Radio Bremen) verfasste für die ARD eine Dokumentation, die verständnisvoll von einer kulturellen Revolution sprach, «gegen den fremden Lebensstil, der die Verarmung zur Folge hatte», da Gewinne nur an multinationale Konzerne gingen. Die islamische Regierung «wolle das Konsumfieber beseitigen», und Panik herrsche nur in «Nobelvierteln». Dies untermauerte er mit langen moralischen Reden von Khomeini.[85]

Freilich gab es auch andere Stimmen von linksliberaler Seite. Der Spiegel berichtete von Beginn an äußerst kritisch über die Gewalt und Entrechtung im Iran und verurteilte diese in ausführlichen Titelgeschichten wesentlich härter als die meisten Politiker. So prognostizierten seine Autoren, der «Islamische Staat» werde «eine Mischung sein aus faschistischen Staatsideen und der Praxis eines spätmittelalterlichen absolutistischen Staates», der Frauen und Nicht-Moslems diskriminiert.[86] Kritische Berichte über die blutigen Strafen der Revolutionsgerichte veröffentlichte insbesondere Amnesty International.[87]

Vor allem Teile der Frauenbewegung wandten sich gegen das Geschehen im Iran. Prominente Frauenrechtlerinnen wie Simone de Beauvoir protestierten mit Manifesten in ihren Ländern, und zahlreiche westliche Feministinnen reisten in den Iran, um dort gegen die zunehmende Diskriminierung zu demonstrieren und die Gewalt gegen Frauen öffentlich zu machen. So flog auch Alice Schwarzer Mitte März 1979 in den Iran, um die dortigen Frauen zu unterstützen. Das Regime deutete gegenüber diesen Gruppen Gesprächsbereitschaft an. Das hastig gegründete «Internationale Komitee zur Verteidigung der Rechte der Frauen» wurde sogar von Khomeini und Bāzargān selbst empfangen.[88] Dennoch endete auch hier der «Frühling der Freiheit» im März 1979. So wurde die US-amerikanische Feministin Kate Millet aus dem Iran ausgewiesen, andere reisten mit dem Gefühl ab, dass gegen die männliche Repression wenig auszurichten sei. Damit platzte die Hoffnung, in einer globalisierten Welt mit internationaler Öffentlichkeit weltweit Menschenrechte durchzusetzen. Die westlichen Menschenrechtsgruppen interessierten sich nach 1979 ohnehin kaum noch für den Iran, da ihnen das Land kulturell zu fern war und kaum in etablierte Feindbilder passte.

Das Geiseldrama als Machtkampf mit dem Westen

Westliche Ausländer im Iran brachte die Revolution in eine unsichere Lage. Ende 1978 befanden sich immerhin etwa 55.000 US-Amerikaner dort und rund 13.000 Personen mit deutschem Pass.[89] Die meisten Deutschen waren bei den großen Exportprojekten beschäftigt, besonders bei der Hochtief AG und der KWU/Siemens, in geringerem Maße bei Babcock und der Zimmer AG. Bereits im Dezember 1978 verließen rund 1400 Deutsche das Land, auch, weil deutsche Schulen geschlossen wurden.[90] Seit Ende 1978 kam es bereits zu vereinzelten Morden an westlichen Ausländern.[91] Straßensperren, insbesondere nahe dem Flughafen, an denen man sich vor jungen bewaffneten Garden ausweisen musste, trugen zur Einschüchterung bei. Da der Hass vor allem Amerikanern galt, half es vielen Deutschen, demonstrativ auf ihre Nationalität hinzuweisen, wenngleich dies zu Kommentaren führte wie «Deutschland, Hitler, sehr gut».[92]

Die Bundesregierung und die westlichen Länder bereiteten bereits seit November 1978 Evakuierungspläne vor. Die Lufthansa sollte größere Maschinen bereithalten und die Erhöhung der Flugfrequenz sowie Verbindungen über Nachbarländer wurden überprüft. Neben einer militärischen Luftevakuierung mit den westlichen Verbündeten erwog man mit Unterstützung der Sowjetunion eine Seeevakuierung über das Kaspische Meer.[93] Öffentliche Äußerungen dazu, auch zum Schah, sollten aber unterbleiben, um die Lage der verbleibenden Landsleute nicht zu verschlechtern und die relativ guten Beziehungen nicht zu gefährden.[94] Bis zur Rückkehr Khomeinis hatte rund die Hälfte der Deutschen das Land verlassen. Nach Khomeinis Ankunft rechnete die Bundesregierung mit dem Schlimmsten: Sie hielt zwei Boeing 707 flugbereit, Blutkonserven wurden vorbereitet. Zwei Transall-Maschinen mit Bundesgrenzschützern wurden nach Zypern verlegt.[95] Eine deutsch-britisch-amerikanisch-französische Arbeitsgruppe konkretisierte bald die Evakuierungsplanung, um 20.000 Menschen auszufliegen: 4800 aus Deutschland, 8411 aus den USA – und Japaner, wenn noch Plätze frei bleiben sollten.[96] Während die westlichen Politiker offiziell den Wechsel gelassen beobachteten, war man sich intern der Dramatik bewusst.

Mitte Februar 1979 besetzte eine radikale Gruppe erstmals die Botschaft der USA in Teheran, doch Khomeini sorgte für deren raschen Abzug, da er sich international als Hüter der neuen Ordnung präsentieren wollte. Bis zum Herbst 1979 kam es zwar immer wieder zur Bedrohung von Ausländern, aber insgesamt schien sich die Lage im Laufe des Jahres zu beruhigen. Geschäftsleute reisten wieder in den Iran, da das Öl erneut sprudelte. Aus dem größten deutschen Auftrag, dem fast fertig gestellten und bis heute umstrittenen Atomkraftwerk in Bushehr, zog sich KWU/Siemens zwar im Sommer 1979 aufgrund der ökonomisch und politisch unsicheren Lage zurück, zumal auch Khomeini die Atomkraft nicht förderte,[97] aber andere Großaufträge deutscher Unternehmen wurden bestätigt – etwa der Bau einer Raffinerie in Isfahan (Thyssen), eines Wärmekraftwerks in Neka (BBC/Deutsche Babcock) oder Wasserleitungen für Teheran (Lar-Tunnel-Konsortium Huta Hegerfeld) – im Gesamtwert von drei Milliarden DM.[98]

Die Lage veränderte sich im Oktober 1979, als die USA, vor allem durch die Vermittlung von Kissinger und Rockefeller, den schwer krebskranken Schah Reza Pahlavi zur Behandlung in ihr Land ließen. Da die iranischen Fundamentalisten vergeblich seine Auslieferung verlangten, flammte der Hass gegen die USA neu auf. Gerüchte kursierten, die USA bereiteten wie 1953 einen Putsch vor, um den Schah wieder einzusetzen. Amerikanische Flaggen wurden verbrannt und die US-Botschaft in Teheran zum Zentrum der anti-amerikanischen Proteste, als rund vierhundert iranische Studenten sie erstürmten und die sechsundsechzig Botschaftsmitarbeiter zu ihren Geiseln erklärten.[99] Die Botschaftsbesetzung radikalisierte den Umbau der islamischen Republik und stand für einen deutlichen Bruch zwischen dem Islamismus und der westlichen Welt. Sie war zwar nicht von Khomeini initiiert, aber er tolerierte sie jetzt und setzte ihr kein Ende. Zugleich nutzte er sie im Machtkampf, um die Ausgestaltung der islamischen Republik und die Abstimmung über die Verfassung zu beeinflussen.[100] Denn in den Monaten vor der Besetzung hatten sich gemäßigte Regierungsvertreter wie Premierminister Bāzargān für eine eingeschränktere geistliche Macht eingesetzt. Die neue Revolte gegen die USA stärkte die islamischen Fundamentalisten und ihren Straßenprotest. Als Khomeini die Besetzung tolerierte, reichte Bāzargān sofort seinen Rücktritt ein, was den gemäßigten Flügel schwächte.

Die Stürmung der US-Botschaft in Teheran am 4. November 1979 mündete in eine über einjährige Geiselnahme. Sie war eine der großen Demütigungen der USA.

Offiziell begründete das iranische Außenministerium die Besetzung damit, es handele sich nicht um eine Botschaft, sondern um ein CIA-Spionagenest und die «eigentliche Herrschaftszentrale des Iran».[101] Dass die Besetzer zwischen den rasch geschredderten Dokumenten tatsächlich einzelne iranische Informanten der Amerikaner ausmachten, verstärkte im Iran den Hass und den Glauben an Verschwörungstheorien. Ähnlich wie im Falle des Vietnamkriegs oder 1993 bei der Schlacht von Mogadischu wurden die USA durch weltweit verbreitete Bilder gedemütigt: Botschaftsangehörige mit Augenbinden, die vor laufenden Kameras vorgeführt wurden, zeigten der Welt die Verletzlichkeit der Supermacht und die Stärke der islamischen Revolution, ähnlich wie zuvor in Vietnam die Fluchtbilder der letzten US-Soldaten mit Helikoptern.[102] Die westlichen Fernsehnachrichten hielten diese Demütigung präsent. So beendete der Moderator der CBS Evening News, Walter Cronkite, seine Sendung lange täglich mit der Zahl der Tage, die die Amerikaner in Teheran gefangen seien. Die Besetzer spielten ebenfalls auf der Klaviatur der globalen Medienwelt. Trat ein kanadisches Fernsehteam vor die Botschaft, so riefen sie auf Englisch und Französisch «Tod dem Schah», während eine Iranerin in fließendem Deutsch den Journalisten Peter Scholl-Latour informierte.[103] Selbst Khomeini gewährte dem deutschen Journalisten auch unmittelbar nach der Geiselnahme ein Interview, um die globale Debatte anzuheizen.

Die US-amerikanischen Botschaften waren in der Folge in vielen islamisch geprägten Ländern gewaltsamen Protesten ausgesetzt. Insbesondere nachdem Khomeini im Radio verkündet hatte, die USA