Zettels Raum - André Kieserling - E-Book

Zettels Raum E-Book

André Kieserling

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Beschreibung

Ordnungssystem, Gesprächspartner, externes Bewusstsein: Für Kursbuch 199 hat Armin Nassehi den Soziologen André Kieserling zum Interview über Niklas Luhmanns Zettelkasten getroffen. An der Universität Bielefeld startete 2019 das Forschungsprojekt zur Digitalisierung des Kastens, aber wofür steht er? Kann er seine Intelligenz auch für Leser oder Benutzer des Kastens offenbaren oder ist seine Funktion an den Menschen Niklas Luhmann gebunden? Worin offenbart sich der Intelligenzraum des Zettelkastens? Vielleicht gar darin, gesuchte Dinge nicht aufzufinden, aber dafür auf andere spannende Dinge zu stoßen?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

André KieserlingZettels RaumIm Gespräch mit Armin Nassehi

Die Autoren

Impressum

André KieserlingZettels RaumIm Gespräch mit Armin Nassehi

»Luhmann hat die dabei gemachte Erfahrung so beschrieben, dass der Kasten ihn immer wieder in produktiver Weise überrascht habe – so wie ein intelligenter Gesprächspartner.«

Kursbuch: Luhmanns Zettelkasten ist heute der Gegenstand eines Editionsprojekts an der Universität Bielefeld. Wie ist es dazu gekommen?

Kieserling: Nachdem Luhmann den Zettelkasten mehrfach zum stillen Co-Autor des eigenen Werkes stilisiert hatte, war das öffentliche Interesse an diesem Teil seines Nachlasses natürlich schon immer sehr groß. Aber die Forschung musste warten, da der Kasten zunächst einmal zum Gegenstand eines Rechtsstreits unter den Erben wurde. Die beiden Söhne, denen je ein Haus vermacht worden war, sahen in der Sammlung einen Teil des Mobiliars, ein Denkmöbel sozusagen, und reklamierten es für sich. Dem widersprach die Tochter, der Luhmann die Rechte an seinem wissenschaftlichen Werk zugesprochen hatte, und die den jahrelangen Prozess am Ende gewann. Weitere Jahre vergingen, bis die Universität Bielefeld den Kasten erworben hatte, und dann noch einmal weitere, ehe wir in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste einen Geldgeber für das ehrgeizige, auf 16 Jahre angelegte Projekt der Digitalisierung des Kastens und der Herausgabe des Textnachlasses gefunden hatten. Mit der eigentlichen Arbeit an der Erschließung der Notizen konnten wir daher erst vor einigen Jahren beginnen.

Kursbuch: Denkmöbel ist natürlich eine ganz wunderbare Formulierung, die gewissermaßen ontologische Fragen stellt, was für eine Entität der Zettelkasten ist. Aber was genau haben wir uns unter dieser Zettelsammlung eigentlich vorzustellen?

Kieserling: Genau genommen sind es zwei Sammlungen von Zetteln. Mit der ersten beginnt Luhmann schon Anfang der 1950er-Jahre. Hier sehen wir einen jungen, philosophisch belesenen Juristen auf der Suche nach intellektuellen Grundlagen für ein zeitgemäßes Verständnis von Themen wie Politik, Verwaltung, Organisation schlechthin. Die Anregungen dafür zog er übrigens aus allen nur irgend in Betracht kommenden Disziplinen herbei. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Auseinandersetzung mit der Phänomenologie, in der er damals so etwas wie eine postontologische Grundlagenwissenschaft für interdisziplinäre Forschungen sah. Mit der zweiten, deutlich umfangreicheren Sammlung wird Anfang der 1960er-Jahre begonnen, als aus dem Juristen bereits der publizierende Soziologe geworden war. Sie enthält Einträge zu praktisch allen Themen, über die Luhmann geschrieben hat, und wird bis in die letzten Lebensjahre des Autors in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre gepflegt. In diesen mehr als vier Jahrzehnten haben die insgesamt sechs Karteikästen mit ihren je vier Auszügen die stolze Summe von etwa 90 000 Zetteln aufgenommen.

Kursbuch: Luhmann selbst hat den Zettelkasten ja auch als Kommunikationspartner bezeichnet. Was soll das heißen?

Kieserling: Das ist natürlich eine theoretisch anstößige Formulierung, wenn man bedenkt, dass Luhmann einen Kommunikationsbegriff hatte, der eigentlich für die Operationen sozialer Systeme reserviert war und schon die psychischen Systeme ausschloss. Eine Zettelsammlung als Gesprächspartner? Wir Studenten haben ihn einmal gefragt, ob er sich damit nicht selbst widerspricht, und er hat sich mit einer Einmaligkeitsbehauptung aus der Affäre gezogen: »Mit meinem Zettelkasten und mir ist das etwas anderes!«

Kursbuch: Vielleicht kannst du uns zunächst etwas darüber sagen, wie der Kasten organisiert ist.