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London 1972: Die Spitzen der Konservativen Partei sind im Aufruhr, nachdem sich ein hochrangiger Politiker aus dem Wirtschaftsministerium unerwartet das Leben genommen hat. Einen Skandal gilt es unbedingt zu vermeiden, und so machen sich hinter den Kulissen ein ehemaliger Weggefährte sowie ein vom Inlandsgeheimdienst entsandter Spezialist daran, der Sache auf den Grund zu gehen. Welche Mission hat der ehrgeizige Staatssekretär und intrigante Strippenzieher zuletzt verfolgt? Und wo den Tag vor seinem Tod verbracht? Lässt sich der Schlüssel für das Geheimnis gar in seiner Internatszeit finden, in der er, bis zuletzt unverheiratet, seine wenigen Freundschaften schloss? Im neunten Band seines Gesellschaftspanoramas "Almosen fürs Vergessen" wirft Simon Raven einen weiteren gnadenlosen Blick auf das britische Establishment und den illustren Kreis ehemaliger Schüler eines Eliteinternats. Und wie häufig bei Simon Raven sind es im Getümmel menschlicher Bestrebungen und Begierden die Schicksalsgöttinnen, die zuletzt – und am bösesten – lachen.
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Seitenzahl: 392
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Simon Raven
Zur Leichenschau
Roman
Aus dem Englischen übersetzt
von Sabine Franke
Elfenbein
Titelseite
Impressum
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Die Originalausgabe erschien 1974 unter dem Titel
»Bring Forth the Body« bei Blond & Briggs, London.
Band 9 des Romanzyklus »Almosen fürs Vergessen«
Copyright © Simon Raven, 1999
First published as part of »Alms for Oblivion«:
Volume 3 by Vintage, an imprint of Vintage.
Vintage is part of the Penguin Random House
group of companies.
Die Auszüge aus John Miltons Trauergesang »Lycidas« auf S. 243–244 entstammen der Übersetzung von Immanuel Schmidt, abgedruckt im Band »John Miltons Poetische Werke. Vier Teile in einem Bande«. Hrsg. von Hermann Ullrich. Leipzig: Max Hesses Verlag, 1909.
Die Übersetzung dieses Bandes wurde
mit freundlicher Unterstützung der Hamburgischen Stiftung für Wissenschaften, Entwicklung und Kultur
Helmut und Hannelore Greve
ermöglicht.
© 2024 Elfenbein Verlag, Berlin
Einbandgestaltung: Oda Ruthe
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-96160-048-9 (E-Book)
ISBN 978-3-96160-018-2 (Druckausgabe)
Teil IBEGÄNGNIS EINES MAIENTAGS
Um 10.30 Uhrvormittags, am Mittwoch, dem 10. Mai 1972, beschloss Hauptmann Detterling, seines Zeichens Abgeordneter im Parlament, seinem alten Freund Somerset Lloyd-James, ebenfalls Abgeordneter im Parlament, einen morgendlichen Besuch abzustatten. Da beide Männer Räumlichkeiten im Albany bewohnten, hatte Detterling es nicht weit, doch er ließ sich Zeit und dachte beim Gehen darüber nach, was er bei seiner Ankunft am besten sagen sollte.
Der Anlass seines Besuches war, dass er einem Gerücht auf den Grund gehen wollte, das in Politikerkreisen gerade über das Wirtschaftsministerium kursierte, wo Lloyd-James, seit die Konservative Partei im Juni 1970 wieder ans Ruder gekommen war, einen Posten als Parlamentarischer Staatssekretär bekleidete. Es wurde gemunkelt, dass der Minister, ein entfernter Verwandter von Detterling namens Marquis Canteloupe, erste Anzeichen von geistiger Verkalkung erkennen lasse, und Detterling wollte unbedingt wissen, was Lloyd-James von der Sache hielt. Es war allseits bekannt, dass das Wirtschaftsministerium, seit Canteloupe dort vor beinahe zwei Jahren sein Amt angetreten hatte, unter wachsendem Druck stand und dass die Belastung mittlerweile tatsächlich außerordentlich hoch war. Traf es also zu, dass Canteloupe dem nicht länger gewachsen war, wie es hinter vorgehaltener Hand hieß? Und falls ja, lag es an seiner Gesundheit, dem fortgeschrittenen Alter oder seinem freizügigen Umgang mit Alkohol? Insbesondere hatte Detterling vor, sich zu erkundigen, ob Canteloupe alles Nötige in die Wege geleitet habe für den Auftritt Großbritanniens bei einer bedeutenden internationalen Handelsmesse, die schon bald, Anfang Juni, in Straßburg stattfinden sollte. Detterling hatte zwei Gründe, weshalb er das alles wissen wollte: Zum einen waren das Dinge, über die er aus Prinzip gerne Bescheid wusste, zum anderen wollte er rechtzeitig vorgewarnt sein, wenn, was er befürchtete, sein alternder Verwandter kurz davorstand, sich öffentlich zum Gespött zu machen.
Fürs Erste bestand sein Problem allerdings darin, überlegte Detterling en route, wie er seine Fragen formulieren sollte. Somerset Lloyd-James war keiner, der einfach so Informationen weitergab, nicht einmal an alte Freunde. Er würde eine Gegenleistung erwarten und, auch wenn Detterling zu einer solchen bereit war, außerdem noch wissen wollen, was ihn denn zu seinen Erkundigungen veranlasste. Die Befriedigung reiner Neugier war etwas, dem er sich mit Sicherheit verweigern würde, und eine aus familiärer Sorge vorgebrachte Bitte vermutlich gar nicht ernst nehmen. Denn Detterling wollte sich ja nicht nach dem gesundheitlichen Befinden seines Verwandten Canteloupe erkundigen (was er ohne weiteres anderswo tun konnte), sondern vielmehr danach, ob der Wirtschaftsminister seiner Aufgabe noch gewachsen war – eine ganz andere und sehr heikle Angelegenheit, bei der man wahrlich naiv sein musste, wenn man da eine offene und ehrliche Antwort erwartete.
Wie also, dachte Hauptmann Detterling, soll ich Somerset bloß darauf ansprechen? Soll ich versuchen, ihn aus der Reserve zu locken, indem ich etwa sage: »Wie ich höre, lässt der alte Haudegen sich dauernd volllaufen«? Oder: »Der Premierminister macht sich angeblich ernsthaft Sorgen, ob für Straßburg wirklich alles gut vorbereitet ist«? Aber das wäre zu beliebig, es würde Lloyd-James höchstens dazu bringen, es kurz und bündig zu dementieren, wohingegen Detterling an einer ausführlichen Beurteilung allen Für und Widers interessiert war. Tja dann: Sollte er einen so schweren und konkreten Vorwurf vorbringen, dass Lloyd-James gezwungen wäre, ihn ausführlich zu widerlegen? Die einzelnen Ausführungen würde er anschließend nachprüfen können, und wenn sie sich als unwahr herausstellten, würde sich das als fast ebenso aufschlussreich erweisen, wie wenn sie sich bewahrheiteten; denn eine Aussage, die als Unwahrheit entlarvt war, ließ darauf schließen, in welchen Bereichen es Schwachstellen beim Minister und im Ministerium gab, und vermutlich auch auf mögliche Gründe. Die einzige Schwierigkeit bei diesem Plan war, dachte Detterling daraufhin, dass ihm kein wirklich ernster oder konkret benennbarer Vorwurf einfiel, den er hätte äußern können – nichts, das sich nicht mit wenigen Worten abtun ließ.
Inzwischen stand Detterling vor Somerset Lloyd-James’ Tür und war sich kein bisschen mehr darüber im Klaren, wie er nun vorgehen sollte, als er es noch beim Heraustreten aus seiner eigenen gewesen war. Doch davon wollte er sich nicht abhalten lassen. Er wusste seit langem, dass man, plante man ein bevorstehendes Gespräch im Voraus zu sorgfältig und arbeitete man seine Fragen und Winkelzüge zu genau aus, ganz leicht aus der Fassung geraten konnte – denn der, dem man gegenüberstand, folgte mit dem, was er redete oder wie er sich verhielt, selten dem Drehbuch, und es konnte recht befremdlich enden, wenn man zu sehr daran hing. Viel besser also, wendig und flexibel zu bleiben, wie sie damals bei der Armee immer gesagt hatten, viel besser, aus dem Stegreif zu entscheiden und sich vorsichtig vorzutasten. Hauptmann Detterling sah sich als jemand, der sich sogar ziemlich gut darauf verstand, sich vorsichtig vorzutasten, und war jetzt guter Dinge, dass ihm Glück oder Instinkt schon dazu verhelfen würden, zur richtigen Zeit die richtigen Fragen zu stellen. Er kannte Lloyd-James seit über fünfundzwanzig Jahren (und hatte mal mehr, mal weniger mit ihm zu tun gehabt). Nach so langer Zeit sollte er doch nun wirklich in der Lage sein einzuschätzen, wie die Stimmung bei seinem Freund gerade war, und ihm die Informationen zu entlocken, die er haben wollte. Er lächelte zur eigenen Ermunterung und drückte Somerset Lloyd-James’ Klingelknopf.
Die Tür wurde, nach ungewöhnlich langer Wartezeit, von Somersets Zugehfrau Dolly geöffnet, die sehr geknickt aussah.
»Morgen, Dolly!«, sagte Detterling. »Ist Mr. Somerset da? Oder finde ich ihn im Ministerium?«
»Mr. Somerset ist drinnen, Sir«, sagte Dolly. »Bitte, kommen Sie herein und gehen Sie zu ihm.«
Nachdem Dolly Detterling zu Lloyd-James’ leblosem Körper im Bad geführt hatte (genau auf dieselbe Weise, wie sie ihn sonst immer in den Salon geleitete), war Detterlings erste Reaktion Missbilligung (wie ganz und gar unfein es von Somerset doch war, sich in einem derartigen Zustand auffinden zu lassen), gefolgt von Betrübnis und schließlich einer ergötzlichen Neugier. Somerset war zu Lebzeiten für so manche Überraschung gut gewesen, aber das übertraf nun wirklich alles. Wohl drei oder vier Minuten lang ließ Detterling seinen Blick auf Somersets Gesicht ruhen, beinahe als hoffte er, der Mund könne sich doch noch öffnen und ihm irgendetwas sagen. Dann gab er ein Geräusch von sich, irgendetwas zwischen einem Seufzer und einem Pfiff, und machte sich auf die Suche nach Dolly, die sich diskret in die Küche zurückgezogen hatte.
»Haben Sie die Polizei gerufen?«, fragte er.
»Nein, Sir.«
»Wie lange wissen Sie es schon?«
»Seit ich hier bin.«
»Seit heute früh um sieben!« (Detterling war mit den Abläufen in Somersets Zuhause bestens vertraut.)
»Nicht ganz, Sir. Ein bisschen später – als ich mir das Badezimmer vornehmen wollte.«
»Aber Dolly, meine Beste, es ist jetzt fast elf. Was haben Sie denn die ganze Zeit gemacht?«
»Hier in der Küche gesessen«, sagte Dolly.
»Verstehe«, sagte Detterling behutsam. »Aber Sie hätten schon die Polizei rufen sollen. Die muss hier kommen, Dolly.«
»Aber noch nicht gleich. Wenn sie ihn erst mal weggebracht haben … dann war’s das, oder?«
»Hier kann er nicht bleiben, meine Liebe.«
»Nur noch ein bisschen, Sir?«
»Seien Sie mir nicht böse, aber es ist schon viel zu viel Zeit verstrichen. Es wäre Ihnen doch sicher recht, wenn ich den Anruf mache?«
»Wenn Sie das tun würden, Sir?«
Detterling rief also bei der Polizei an und setzte sich dann neben Dolly an den Küchentisch. Als sie zusammen dort saßen, ließ er es geschehen, dass sie seine Hand hielt, und hörte sich an, wie sie leise von ihrem Mr. Somerset sprach, der in all den Jahren nicht ein einziges Mal ihren Geburtstag vergessen hatte.
»Unterm Strich haben wir also Folgendes, Sir«, sagte Kriminalkommissar Stupples zu Hauptmann Detterling: »Mr. Somerset Lloyd-James, als solcher identifiziert von Ihnen persönlich, werter Herr, liegt tot in der Badewanne in seinem eigenen, vorhanglosen Badezimmer, nackt, abgesehen von seiner Brille. Seine Handgelenke wurden offenbar aufgeschlitzt, eine Rasierklinge wurde am Boden der Wanne gefunden, und das Badewasser ist von einer roten Substanz verfärbt, bei der wir davon ausgehen dürfen, dass es sich um Mr. Lloyd-James’ Blut handelt. Mehr können wir nicht sagen, bevor nicht unsere Rechtsmedizin die Leiche untersucht und uns mit den Ergebnissen der entsprechenden Untersuchungen versorgt hat. Das müsste alles sein … oder, Kriminalmeister Pulcher?«
»Das müsste alles sein, Sir!«, sagte Kriminalmeister Pulcher.
Kriminalkommissar Stupples war ein großer, dünner und drahtiger Kerl mit einem kleinen, länglichen Kopf und sehr hellen Augen, die geschützt hinter kreisrunden Brillengläsern lagen. Kriminalmeister Pulcher war rundlich, aber gestählt, wie ein Mantelrohr. Die beiden Männer trugen Zivilkleidung, Pulcher einen blauen zweireihigen Anzug, Stupples einen Tweedmantel und senffarbene Cordhosen.
»Aber rechtsmedizinische Untersuchungen hin oder her«, fuhr Stupples fort, »es kann nur auf eines rauslaufen.«
»Selbstmord«, sagte Pulcher. »Logische Schlussfolgerung. Kein Hinweis auf Eindringlinge, niemand hat was mitgehen lassen oder beschädigt – jedenfalls, wenn man der Putze glauben kann.«
»Dolly«, sagte Detterling, »ist keine ›Putze‹. Sie ist eine geschätzte Bedienstete, die Mr. Lloyd-James’ Sympathie und Vertrauen genießt. Wenn sie sagt, dass hier nichts angerührt wurde, dann wurde nichts angerührt.«
»Außer Mr. Lloyd-James«, sagte Stupples, »der Hand an sich selbst gelegt haben muss. Hat sich die Pulsadern im Bad aufgeschlitzt. Wie einst die Römer.«
»Aber warum?«, sagte Detterling.
»Sie sind doch angeblich ein alter Freund von ihm«, sagte Stupples. »Was fragen Sie da uns?«
»Die Frage war eher an mich selbst gerichtet, Herr Kriminalkommissar.«
»Und wie lautet die Antwort, Sir?«
»Das«, sagte Hauptmann Detterling, »würde ich auch sehr gerne wissen.«
»Hatte er in letzter Zeit Probleme?«
»Nicht, dass ich wüsste. Er war finanziell immer schon gutgestellt, und seit dem Tod seines Vaters vor einigen Jahren war er richtig reich. Er hatte immer interessante Tätigkeiten – und hat seine Arbeit stets gut gemacht – und unlängst hat er als Politiker große Erfolge gefeiert. Er hat … Er hatte eine große Zahl von Bekannten aus den in jeder Hinsicht allerbesten Kreisen. Was Damenbekanntschaften anging …«
»Er war nicht verheiratet?«, warf Pulcher ein.
»Und keineswegs traurig darüber. Was Damenbekanntschaften anging, so hat er diese, wie ich eben schon sagen wollte, immer … auf ein vernünftiges Maß reduziert.«
Kriminalkommissar Stupples blitzte ihn, nachdem er das gehört hatte, durch seine Brillengläser an, während Kriminalmeister Pulcher auf demonstrative Weise welterfahren nickte.
»Kurz und gut«, schloss Detterling, »auch wenn es einen Grund gegeben haben mag, Selbstmord zu begehen, so hatte er doch eigentlich jeden Grund, es nicht zu tun.«
»Und doch«, sagte Stupples, »es muss Selbstmord gewesen sein.«
»Vermutlich ja«, sagte Detterling, an den Anblick im Badezimmer zurückdenkend.
»Ohne jeden Zweifel«, korrigierte ihn Stupples.
»Trotzdem eigenartig«, grunzte Kriminalmeister Pulcher.
»Und umso eigenartiger«, sagte Detterling, »als Mr. Lloyd-James Katholik war. Die lassen von so was doch normalerweise die Finger.«
»Vielleicht war er kein allzu eifriger Katholik«, sagte Stupples milde.
»Wie gläubig er in spiritueller Hinsicht tatsächlich war, ist schwer zu sagen. Er war weltlichen Dingen zugetan, Herr Kriminalkommissar, und, um es unverblümt zu sagen, frei von religiösen oder moralischen Skrupeln. Aber der wohlerzogenen und formvollendeten Einhaltung aller gemeinhin üblichen Regeln und Riten hat er großen Wert beigemessen … nicht nur der katholischen. Das soll nicht heißen, dass er selbst sie immer brav befolgt hat, wohl aber, dass er es niemals klaren Verstandes zugelassen hätte, sich bei einer Zuwiderhandlung erwischen zu lassen. Das wäre seinem Sinn für das, was sich gehört, gänzlich zuwidergelaufen. Aber welcher Regelbruch könnte unrühmlicher sein und welche Tat auffälliger als ein Akt des Felo de se?«
»Dazu noch so ein unappetitlicher«, sagte Kriminalkommissar Stupples. Und dann zu Pulcher: »Kriminalmeister, würden Sie Dolly reinholen, bitte? Zeit, mal ein Wörtchen mit ihr zu reden.«
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich bleibe?«, sagte Detterling, als Pulcher aus dem Zimmer ging. »Dolly ist auf ihre Weise eine intelligente Frau, aber Fremden gegenüber eher unsicher. Es könnte ihr Halt geben, wenn jemand, den sie kennt, mit im Raum ist.«
»Sehr aufmerksam von Ihnen, Sir.«
»Nun ja. Wie Sie sich schon denken können, frage ich mich natürlich auch so einiges.«
»Und Sie meinen, dass Dolly vielleicht etwas dazu sagt, das von Interesse ist?«
»Durchaus möglich. Genau wie ihr Dienstherr legt sie großen Wert auf geregelte Abläufe. Sollte es in letzter Zeit auch nur die geringste Abweichung gegeben haben, wird ihr das aufgefallen sein.«
»… Das Letzte, was ich von Mr. Somerset gesehn hab – also: so wie immer von ihm gesehn hab, meine ich –, war gestern früh«, sagte Dolly. »Er hatte seinen braunen Anzug an, den, den er immer trägt, wenn er raus aufs Land fährt, und hat gesagt, er wär den Tag über nicht in London. Abends wär er dann zurück – aber erst, wenn ich schon weg bin, das ist immer um fünf –, und wenn irgendwer anruft, sollte ich das so sagen. Er wird irgendwann nach fünf zurück sein, das war’s, was ich sagen sollte.«
»Er hat Ihnen nicht mitgeteilt, wo er hinwollte … oder warum?«, fragte Kriminalkommissar Stupples.
»Aber nein, Sir, und ich hab natürlich auch nicht gefragt.«
»Wann hat er das Haus verlassen?«
»So gegen elf, Sir. Ich hab dann mit dem Putzen weitergemacht und bin ans Telefon gegangen …«
»Haben viele Leute angerufen?«
»Nein, Sir. Seine Freunde wissen alle, dass er normalerweise nach elf im Ministerium ist, drum hätten die, die ihn sprechen wollten, ihn da angerufen.«
»Aber Sie sagten, Sie seien ans Telefon gegangen, es muss also schon jemand hier angerufen haben.«
»Ja, Sir. Bloß das eine Mal. Es war der Sekretär von Lord Canteloupe, Mr. Carton Weir, aus dem Ministerium. Er wüsste, dass Mr. Somerset den Tag über weg ist, hat er gesagt, weil, Mr. Somerset hatte ihnen vorher Bescheid gegeben. Aber ich sollte Mr. Somerset, wenn er dann zurück wär, doch ausrichten, dass der Herr Minister sich unbedingt am Mittwoch mit ihm zum Abendessen treffen will – das wär also heute, Sir –, und dass er alle anderen Termine, die er hätte, absagen soll, weil es nämlich was Wichtiges zu Straßburg zu besprechen gäbe.«
»Wegen der Handelsmesse im Juni?«, erkundigte sich Detterling.
»Ich denke, ja, Sir. Ich weiß, dass Mr. Somerset sehr viel gearbeitet hat, um die vorzubereiten, weil er mir ein bisschen was drüber erzählt hat. ›In Straßburg heißt es alles oder nichts, Dolly‹, hat er gesagt – vielleicht vor einer Woche war das –, ›da geht’s ums Ganze, in Straßburg, das kann ich Ihnen sagen. Die Arbeit dafür bringt mich fast um.‹ Aber ich wusste, dass es ihm eigentlich gefällt, weil er diesen Blick im Gesicht hatte.«
»Und das war alles, was er dazu gesagt hat?«
»Oh ja, Sir. Er hat mir nie viel erzählt – warum sollte er auch? Nur ab und an hat er mal was gesagt, nur ein bisschen was … besonders, wenn ihm was Spaß gemacht hat … damit ich das Gefühl habe, auch mit dazuzugehören zu dem Ganzen.«
»Verstehe«, sagte Stupples. »Lassen Sie uns noch mal auf den Telefonanruf zurückkommen. Wann genau war der?«
»Gegen drei Uhr, Sir.«
»Und Sie sollten Mr. Lloyd-James ausrichten, dass er alle anderen Termine absagen müsse, um am nächsten Abend mit Lord Canteloupe essen zu gehen – also heute, Mittwoch?«
»Stimmt, Sir.«
»Aber Mr. Lloyd-James wollte ja erst zurück sein, nachdem Sie um fünf Uhr gegangen waren. Was haben Sie also unternommen?«
»Ich hatte vor, es ihm heute früh zu sagen, Sir. Ich hätte ihm eine Nachricht schreiben können, aber so was wollte er nicht, nur, wenn es gar nicht anders ging. ›Nachrichten geben Informationen preis, Dolly‹, hat er mir mal gesagt. ›Sie gehen gern verloren – oder geraten in die falschen Hände. Ich verlasse mich da lieber auf Ihr Gedächtnis, Dolly – damit war ich bisher immer vollauf zufrieden.‹ Ich hab mir also überlegt, dass ich ihm das mit dem Abendessen am Morgen sagen werde, gleich als Erstes, und dass ihm dann immer noch genug Zeit bleibt.«
»Und dann?«
»Und dann bin ich um fünf gegangen, wie immer, und bin heute Morgen um sieben wieder da gewesen.«
»Und … dann?«
»Ich bin meinen üblichen Aufgaben nachgegangen, Sir. Mr. Somerset hat abends immer auswärts gegessen, aber ich hab erst mal im Esszimmer nachgesehen, ob er da spät am Abend vielleicht noch was Kleines zu sich genommen hat oder so.«
»Und? Hatte er?«
»Nein, Sir. Ich hab also fürs Frühstück gedeckt und ging ihn dann wecken. Er wurde gern um Viertel nach sieben geweckt, damit er um Viertel vor acht frühstücken konnte – ein Frühaufsteher, das war er. Ich hab ihn also immer um Viertel nach sieben geweckt, und er hat sich dann rasiert und alles, während ich das Frühstück gemacht hab. Zu dem hat er sich erst hingesetzt, wenn er vollständig angezogen war, bereit und hergerichtet für den Tag. ›Es fühlt sich einfach nicht richtig an, Dolly‹, hat er immer gesagt, ›im Pyjama mit Pantoffeln am Frühstückstisch herumzufläzen.‹«
»Aber was ist dann passiert, als Sie ihn heute Morgen geweckt haben?«
»Er hat nicht geantwortet, als ich geklopft hab, und auch beim zweiten Mal nicht, also hab ich die Tür aufgemacht und bin ins Schlafzimmer rein. Das Bett unberührt. ›O je‹, dachte ich, ›er hat sich umentschieden und ist doch über Nacht weggeblieben. Ich hoffe, er kommt rechtzeitig zurück, dass ich ihm das mit diesem Abendessen sagen kann.‹ Aber derweil konnt’ ich ja nichts tun, außer normal weitermachen, wie immer, ich bin also zurück in die Küche und hab die Tasse Tee getrunken, die ich immer trinke, während ich sein Frühstück mache, und dann, als es um Viertel vor acht Zeit für sein Frühstück war, bin ich, wie ich’s sonst auch immer mache, rüber, um das Badezimmer zu machen, beim Rasieren ist er nämlich ein ganz schöner Tollpatsch, macht Flecken auf den Spiegel, und auf den Handtüchern ist hinterher lauter Blut. Der arme Mann … wissen Sie, ihn haben schon immer schlimm die Pickel geplagt.«
»Und als Sie ins Badezimmer kamen«, sagte Kriminalkommissar Stupples, »da haben Sie … das gefunden, was Sie vorgefunden haben. Haben Sie irgendetwas angefasst?«
»Aber nein, Sir!« Obwohl Dollys Gesicht sich kurz verzog, behielt sie doch die Kontrolle. »Ich sagte so bei mir: ›Da sind Sie also gewesen, statt im Bett. Hat sicher keinen Sinn, Ihnen das mit dem Abendessen auszurichten, bevor Sie wieder im richtigen Zustand dafür sind.‹ Ich hab es erst gar nicht richtig kapiert, müssen Sie wissen, Sir. Bin bloß rausgegangen und hab mich in die Küche gesetzt … und hab gehofft, dass sich alles irgendwie wieder einrenken wird und wir so weitermachen können wie sonst auch, und es einfach nicht mehr erwähnen. Und da saß ich, bis um neun die Post eingeworfen wurde … ich hab’s klappern gehört. Aber ich bin nicht hingegangen und hab sie geholt, und ich bin auch nicht ans Telefon gegangen, als das kurz nach der Post geklingelt hat, weil, irgendwie hab ich mir gedacht, dass er sich, wenn ich’s nicht für ihn tue, vielleicht doch noch zusammenreißt und rauskommt und es halt selbst macht. Da konnte er richtig böse werden, wenn man das Telefon hat klingeln lassen, also würde das Klingeln ihn, wenn er es hört, vielleicht doch dazu bringen, aus dieser Wanne rauszukommen.«
Dolly schwieg und schüttelte langsam den Kopf.
»Weiter!«, sagte Stupples forsch.
»Ich saß da also ganz still in der Küche. Und nach einiger Zeit fing das Telefon wieder an zu klingeln, lang und länger, und ich bin immer noch nicht rangegangen, weil ich das gehofft hab, was ich gesagt hab. Aber es hat sich nix getan. Und da hat es schließlich, viel später, an der Tür geläutet, und ich hab mir gedacht: ›Eine letzte Chance gebe ich Ihnen noch, Mr. Somerset. Ich lasse Sie an die Tür gehen … ich lasse Ihnen eine ganze Minute Zeit. Und wenn Sie dann immer noch nicht hingegangen sind, dann werd ich wohl selber aufmachen müssen … und wer auch immer dann draußen steht, wird erfahren müssen, was Sie da angestellt haben.‹ Tja, die Minute ging rum, und ich bin selbst zur Tür gegangen … und es war Mr. Somersets Freund, Hauptmann Detterling …«
»… Genau, wie Sie sagten. Eine Frau mit festen Routinen«, sagte Stupples zu Detterling, während Kriminalmeister Pulcher Dolly zu einem Polizeiwagen brachte, damit dieser sie nach Hause fuhr. »Von der Art, auf die hundertprozentig Verlass ist … bis einmal irgendetwas Ungewöhnliches geschieht. Äußerst seltsam, wie sie sich hierbei offenbar verhalten hat.« Er nahm seine Brille ab, zwinkerte heftig und setzte sie dann wieder auf. »Nicht, dass das irgendetwas ändern würde«, sagte er. »Irgendetwas, das wichtig wäre, meine ich.«
»Hätte es denn geholfen, wenn sie Sie gleich zu Beginn gerufen hätte?«
»Nicht unbedingt … obwohl sie das natürlich hätte tun müssen. Der groben Schätzung des Arztes nach war der Tod bei Lloyd-James etwa zehn bis zwölf Stunden zuvor eingetreten. Hätte man uns früher gerufen, hätte er es vielleicht genauer sagen können. Doch was für einen Unterschied macht es, ob Lloyd-James um Mitternacht oder um zwei Uhr früh gestorben ist? Selbstmord muss es so oder so gewesen sein.«
»Ich frage mich, wo er gestern hingefahren ist«, sagte Detterling. »Für den Tag aus London raus … Wie es scheint, ist er in größter Ruhe abgereist, in einem seiner Anzüge für Landpartien. Er hat Dolly mit ein paar einfachen Anweisungen zurückgelassen und im Ministerium Bescheid gegeben, dass er an dem Tag nicht da sein würde. Alles vollkommen normal und bedacht, nichts davon ist nur im Geringsten merkwürdig – aber dann kommt er heim und macht das!«
»Eine Geschäftsreise war’s nicht«, sagte Stupples beiläufig, als ob das kaum von Belang wäre. »Wäre dem so gewesen, hätte er das Ministerium nicht über seine Abwesenheit informieren müssen. Er muss sich den Tag für private Geschäfte freigenommen haben, oder einfach so zum Vergnügen.«
»Was für Geschäfte, was für eine Vergnügung? Wo ist er hingefahren und wen hat er getroffen? Das könnte uns alles erklären.«
»Möglicherweise.«
»Sie klingen nicht besonders interessiert.«
Stupples zuckte die Schultern. »Vielleicht interessiert es mich, vielleicht auch nicht. So oder so werde ich dahingehend keine Untersuchungen anstellen.«
»Ja, aber verdammt noch mal das müssen Sie! Sie wollen doch herausfinden, warum er das getan hat, und dieser Ausflug, den er unternommen hat …«
»Ah!«, unterbrach ihn Stupples. »Will ich denn wirklich wissen, warum er das getan hat?«
»Selbstverständlich wollen Sie das! Der Gerichtsbeamte, der über diesen nicht natürlichen Todesfall zu befinden hat, wird das wissen wollen, und Ihre Aufgabe ist es, ihm das zu liefern.«
»Dem Gerichtsbeamten wird mitgeteilt … extrem hohe Arbeitslast«, sagte Stupples. »Die Arbeit bringt ihn fast um – das hat er laut Dolly selbst zu ihr gesagt.«
»Aber da hat er bloß scherzhaft übertrieben – so, wie wir das alle dauernd tun. Dolly sagte, seine Arbeit habe ihm wirklich Spaß gemacht, und nach allem, wie ich ihn in letzter Zeit erlebt habe, kann ich ihr da voll und ganz beipflichten.«
»Nichtsdestotrotz läuft das, was er tatsächlich gesagt hat, dem zuwider, Sir. ›Die Arbeit bringt mich fast um‹, hat er gesagt. Der Gerichtsbeamte braucht während des Untersuchungsverfahrens nicht zu erfahren, dass er das scherzhaft meinte … wenn wir Dolly entsprechend vorsichtig anfassen.«
»Was dann aber hieße«, wandte Detterling ein, »dass Sie bewusst beabsichtigen, ihm Lügen aufzutischen.«
»Jetzt hören Sie mal, Hauptmann Detterling. Sie sitzen schon sehr lange im Parlament, und ich habe mir sagen lassen, dass Sie darüber hinaus auch in anderen Bereichen über einige Erfahrung verfügen. Muss ich Ihnen das hier wirklich klitzeklein ausbuchstabieren?«
»Ja, Herr Kriminalkommissar. Ich möchte mich vergewissern, dass Sie alles richtig verstanden haben.«
»Aber gerne doch!«, seufzte Stupples. »Wir haben hier einen Mann aus der Spitze des Wirtschaftsministeriums – den Mann, der gleich nach dem Minister selbst kommt –, und dem wäre bei der demnächst stattfindenden Handelsmesse in Straßburg eine wichtige Rolle zugekommen. So weit alles korrekt?«
»So weit alles korrekt.«
»Nun nimmt dieser Mann sich plötzlich ohne offensichtlichen Grund das Leben. Der Grund, wenn er denn ans Licht käme, könnte politische Sprengkraft haben. Weiterhin korrekt?«
»Ja, aber Sie haben da was übersprungen. Ich möchte bitte die vollständige Version hören.«
»Wie Sie möchten. Hinter den meisten Selbstmorden«, führte Stupples weiter aus, »stehen armselige oder erbarmungswürdige Beweggründe. Was jedoch im Normalfall einfach bloß armselig oder erbarmungswürdig ist, kann bei einem Fall wie diesem einen landesweiten Skandal auslösen. Ein Riesengezeter über die Moral unserer Politiker, das gesamte Volk von Hysterie gepackt, weil es sich nun mit einem Mal nicht mehr sicher fühlt, weiß Gott, was noch. Und daher spielen wir Polizisten – die wir, einfach und bescheiden, wie wir sind, all jene, die über uns stehen, vor Schande bewahren wollen – die ganze Sache herunter. Nein, wir werfen keinen Blick hinter verschlossene Türen, wir tun so, als könnten wir den Schlüssel nicht finden. Nein, wir reißen den Vorhang nicht herunter, weil wir die Ratten dahinter nicht entdecken wollen – oder vielmehr wollen wir nicht, dass die Presse und die Öffentlichkeit sie entdecken. Stattdessen geben wir uns so still und leise wie möglich mit der am wenigsten verstörenden Erklärung zufrieden: In diesem Fall Überarbeitetsein, ein zeitweiliges mentales Ungleichgewicht durch starke Beanspruchung – einer der wenigen plausiblen Gründe, die zudem auch respektabel sind. Er war todmüde und von Sorgen gebeutelt, sagen wir dem ermittelnden Gerichtsbeamten und seinen Leuten klar und deutlich, er ist für einen Tag aufs Land rausgefahren, um sich zu erholen und ein bisschen zur Ruhe zu kommen, es hat nichts geholfen, er kam so deprimiert zurück wie schon zuvor, und daraufhin hat er sich das Leben genommen. Und schon ist’s geritzt: Im offiziellen Abschlussbericht steht, dass es sich um einen Suizid infolge von starken Strapazen und Überanstrengung gehandelt hat, die offizielle gerichtliche Untersuchung ist damit abgeschlossen, die Öffentlichkeit schert sich nicht weiter darum, weil das Ergebnis so wenig spektakulär ist – und aus der Downing Street hört man von jenen, die über uns stehen, einen dankbaren Seufzer der Erleichterung.«
»Sehr gut, Herr Kriminalkommissar. Und vermutlich hat sich damit dann alles erledigt?«
»Mit Ausnahme des wahren Grundes, Sir. Den müssen wir allerdings immer noch finden. Es könnte gefährlich werden, ihn nicht zu kennen, verstehen Sie?«
»Ach ja«, sagte Detterling, »die Wahrheit. Da bin ich aber froh, dass wir dazu noch kommen.«
»Sobald öffentlich bekannt gemacht ist, dass die offiziellen Ermittlungen der Polizei beendet sind«, fuhr Stupples fort, »und sobald der gerichtliche Untersuchungsbeamte sein zahmes und harmloses Abschlussergebnis schriftlich niedergelegt hat, verschwindet die ganze Angelegenheit zusammen mit der Leiche im Untergrund. Anders als der Tote lebt die Angelegenheit aber weiter. Ich gebe alles, was ich habe, an einen kleinen Mann in einem gammeligen Büro in der Jermyn Street weiter, und dann übernehmen seine Leute. Die durchwühlen dann die Mülleimer und holen all den Unrat, der in dunklen Kanälen versickern sollte, ans Tageslicht. Sie finden raus, ob ein Sicherheitsrisiko oder etwas in der Art besteht, um das man sich kümmern muss. Und nach einiger Zeit verfasst der kleine Mann in der Jermyn Street einen streng geheimen Bericht …«
»… das Original zu Händen des Premierministers …«
»… bei dem er die Erlaubnis beantragt, die nötigen Schritte in die Wege zu leiten, um gegebenenfalls entstandenen Schaden zu beseitigen.«
»Und die wird, davon gehe ich aus, gewährt.«
»In der Regel, ja. Und Somerset Lloyd-James, vormalig Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, liegt da längst in seinem Grab und ist praktischerweise von den Zeitungen und deren Lesern schon vergessen …«
»… die genauso wenig von dieser zweiten Post-Mortem-Untersuchung wissen wie er selbst. Ein ausgeklügeltes System«, bemerkte Hauptmann Detterling, »allerdings nicht gerade originell. Und kostspielig in der Ausführung, zudem kann da leicht was ins Auge gehen, würde ich meinen … besonders ganz zu Beginn, wenn Sie, Herr Kriminalkommissar, bewusst dafür sorgen müssen, dass die polizeilichen Vernehmungen falsche Ergebnisse erbringen.«
»Dass die polizeilichen Vernehmungen nicht ausufern, Sir. Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass dieses Vorgehen leicht ins Auge gehen kann, und … ähm … sie … zögern oft, es anzuwenden.«
»Warum sind Sie sich dann so sicher, dass Sie die Anweisung erhalten werden, es hier anzuwenden?«
»Weil ich die Anweisung bereits erhalten habe, Sir. Sie erinnern sich an all die Telefonanrufe, von denen Dolly sprach – die sie nicht angenommen hat? Nun, die – oder die meisten davon – kamen aus dem Ministerium, wie es aussieht. Lord Canteloupes Sekretär, Mr. Carton Weir …«
»Der sich vergewissern wollte, dass Lloyd-James sich auf dieses Essen am heutigen Abend eingestellt hatte?«
»Würde ich denken. Nachdem er es immer wieder versucht hatte, ohne Erfolg, wurde Mr. Weir unruhig. Er wusste, dass Lloyd-James seine Rückkehr für den gestrigen Abend angekündigt hatte, und er wusste auch, dass zumindest Dolly hier sein und ans Telefon hätte gehen müssen. Nach einer Weile rief er also bei uns an, um uns zu bitten, herzukommen und nach dem Rechten zu sehen, falls etwas nicht in Ordnung sein sollte. Genau genommen hat er uns direkt nach Ihnen erreicht, werter Herr.«
»Sie konnten ihm also mitteilen, dass hier in der Tat etwas nicht stimmte …«
»… und auch, was genau es war. Mr. Weir hat einen Laut wie eine Nachteule von sich gegeben, und drei Minuten später, Sir, hatten meine Vorgesetzten telefonische Weisung aus No. 10, dass dieser Fall als Kategorie Sigma zu behandeln sei – also nach dem System, das ich Ihnen eben in groben Zügen erläutert habe.«
»Er wird also eindeutig als hochsensibel eingestuft. Verbindlichsten Dank, Herr Kriminalkommissar. Sie haben mir einen großen Gefallen getan, mir all dies so offen zu erklären. Ich hätte nicht gedacht, dass Ihr Bericht so … so umfassend ausfallen würde.«
»Mir ging es nicht nur darum, Ihnen einen Gefallen zu tun, Sir. Ich erwarte im Gegenzug von Ihnen, dass auch Sie uns einen Gefallen tun.«
»Wie soll das aussehen?«
»Sie funken uns nicht dazwischen, Sir. Wie ich Ihnen sagte, benötigen wir einen unstrittigen gerichtlichen Abschlussbericht, um die ganze Sache herunterzuspielen, bevor unser Freund aus der Jermyn Street sich dann richtig an die Arbeit machen kann. Dollys Zeugenaussage, dass Mr. Lloyd-James ihr erzählt habe, seine Arbeit würde ihn fast umbringen, ist da eine Art Gottesgeschenk … das können wir im Untersuchungsverfahren den Geschworenen auf eine Weise unterbreiten, dass sie denken, er hätte es wirklich so gemeint. Genau genommen ist Kriminalmeister Pulcher gerade dabei, Dolly eben darauf einzuschwören – ihr zu erklären, dass es so am besten sein wird, ›wenn Mr. Somersets guter Ruf nicht leiden soll‹ und all so was. Was Sie jedoch angeht, Sir …«
»… so werde ich wohl kein so fügsamer Zeuge sein, meinen Sie. Ich könnte aussagen, dass Lloyd-James seine Arbeit sehr geliebt hat und alles bestens im Griff hatte.«
»Und da Sie es sind, würde das, was Sie sagen, bei den Geschworenen auf offene Ohren stoßen. Was uns alles andere als entgegenkäme. Denn dann würden diese anfangen, die Untersuchung in ganz andere Richtungen zu lenken …«
»… und zwar in viel interessantere Richtungen, etwa aufs Land hinaus, wohin sein Weg ihn am Tag vor seinem Tod geführt hat. Was mir sehr entgegenkäme, Stupples. Denn wie ich schon sagte: Ich bin an der Wahrheit interessiert. Und habe keineswegs vor, Sie bei der Unterdrückung derselben zu unterstützen.«
»Es ist Ihre eigene Partei, Sir – mit Ihren eigenen Ministern –, die will, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Sehen Sie es nicht als Ihre Pflicht an, da mitzuziehen? Alle anderen werden die Annahme bestätigen, dass Mr. Lloyd-James’ Selbstmord eine Folge seiner hohen Arbeitslast gewesen sein muss. Lord Canteloupe, Mr. Weir – einfach alle. Warum müssen Sie sich da querstellen?«
»Weil ich wissen will, was wirklich passiert ist.«
Kriminalmeister Pulcher kam zurück. »Tut mir leid, dass ich so lang gebraucht habe, Sir«, sagte er zu Stupples, »aber ich dachte, ich begleite Dolly am besten bis ganz nach Hause.«
»Und sie hat Ihre Freundlichkeit zu schätzen gewusst?«
»Das hat sie. Sie versteht, dass wir nur das Beste wollen – und es ist ihr nun doch klargeworden, dass ihr armer Dienstherr tatsächlich sehr müde war in den vergangenen Wochen, und das wird sie auch dem Untersuchungsbeamten so erzählen.«
»Das stimmt aber nicht mit dem überein, was sie uns hier, in diesem Raum erzählt hat«, sagte Detterling.
»Nein, Sir«, sagte Pulcher, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. »Sie hat sich aber inzwischen daran erinnert, wie freundlich und zuvorkommend ihr Mr. Somerset sich stets verhalten hat; und sie ist sich jetzt sicher, dass er tatsächlich meinte, was er sagte, als er erwähnte, dass seine Arbeit ihn noch umbringen würde, und dass ihm nur plötzlich Bedenken kamen, sie eventuell damit zu verstören. Und so habe er im letzten Moment, als der Gentleman, der er war, ein fröhliches Gesicht aufsetzen und so tun wollen, als hätte er es nicht ernst gemeint. Bei der Befragung wird sie natürlich nicht so weit ins Detail gehen, weil sie sich mit mir darüber einig ist, dass das alles ziemlich verwirrend erscheinen könnte. Sie wird also bloß sagen, dass er es gesagt – und es auch so gemeint hat.«
»Sehen Sie, Sir?«, sagte Stupples zu Detterling. »Alle anderen begreifen … nach einiger Abwägung … wie man das Ganze am besten angehen sollte. Warum nur wollen Sie uns dann einen Knüppel zwischen die Beine werfen?«
»Ich will niemandem einen Knüppel zwischen die Beine werfen! Ich will einfach bloß wissen, was wirklich passiert ist. Um mir Beruhigung zu verschaffen.«
»Ach!«, sagte Stupples, »um Ihnen Beruhigung zu verschaffen? Nicht, um pflichtschuldigst das Untersuchungsgericht zu informieren … oder das britische Volk?«
»Das Untersuchungsgericht und das Volk können mir den Buckel runterrutschen! Ich will es einfach nur für mich wissen.«
Kriminalkommissar Stupples hob die Arme gen Himmel und blickte Detterling mit weihevoller, gönnerhafter Miene an, wie ein Mitglied eines religiösen Ordens bei der Begrüßung eines Novizen.
»Na, wenn das so ist, Sir«, säuselte er, »können wir ganz sicher eine Übereinkunft finden. Wenn Sie Rücksicht auf unsere Wünsche nehmen und bei der Befragung unsere Sicht der Dinge bestätigen, kann ich, für meinen Teil, Ihnen garantieren, dass Sie anschließend von den Leuten aus der Jermyn Street persönlich über alles informiert werden, was ihnen bei ihren Untersuchungen begegnet.«
»Warum sollten die sich mir anvertrauen?«
»Weil ich sie darum bitten werde. Und weil ich ihnen sagen werde, dass Sie ihnen äußerst hilfreich sein können, wenn man sich Ihnen gegenüber gefällig zeigt. Genau genommen werde ich Sie denen als zeitweiligen Assistenten empfehlen, Sir.«
»Wie kommen Sie darauf, dass ich mich als solcher eigne?«
»Sie sind auf dem fraglichen Gebiet Experte. Experte für Lloyd-James’ früheres Leben und sein Leben heute – oder ich sollte wohl besser sagen: bis kürzlich. Die werden sich nach meiner Empfehlung richten, das verspreche ich Ihnen. Kann ich unter diesen Bedingungen auf Sie zählen?«
Es klopfte an der Tür, und ein uniformierter Polizist trat ein. Kriminalmeister Pulcher trat zu ihm hin. Sie flüsterten.
»Der Leichenwagen ist da, Sir«, rief Pulcher und drehte sich wieder zu Stupples um.
»Dann sagen sie denen, sie sollen ihn mitnehmen, und veranlassen Sie dann für die Wohnung hier das übliche Prozedere.« Stupples wandte sich Detterling zu. »Ihr Freund muss sein Heim jetzt verlassen«, sagte er, »und ich muss gleich hinterher, da hin, wo man ihn hinbringt. Bevor ich also gehe: Kann ich auf Sie zählen?« Er spitzte die Lippen und blickte fast schon ein wenig schmachtend. »Auf Ihre … diskrete Kooperation mit uns, ab sofort?«, säuselte er. »Dafür, dass Sie danach dann uneingschränkte Aufklärung erhalten?«
Detterling nickte kurz. »Sie können auf mich zählen«, sagte er.
Als Hauptmann Detterling in seiner eigenen Wohnung zurück war, dachte er geraume Zeit über die Vereinbarung nach, die er soeben mit Stupples getroffen hatte. Obwohl der Mann ihm an sich unsympathisch gewesen war, hatte er nichts gegen das verabredete Geschäft (derlei Absprachen waren ihm nicht fremd) und neigte zu der Einschätzung, es gar nicht besser getroffen haben zu können. Im Gegenzug dafür, dass er stillhielt, wenn die Polizei dem Gerichtsbeamten ein falsches Motiv für Somersets Selbstmord unterbreitete, würde er, Detterling, während der anschließenden Ermittlung der wahren Todesursache (ungeachtet dessen, was gemeinhin dafür gehalten wurde) zum Mitwisser – genauer gesagt zum Mitwirkenden – gemacht werden; und da diese mittels heimlicher Aktivitäten ans Licht gebracht werden sollte, die »der kleine Mann in der Jermyn Street« steuerte, bestand seine einzige Hoffnung, die Wahrheit zu erfahren, darin, von dieser Branche als Verbündeter angesehen zu werden. Ein solcher wollte er nun also sein, wenn er darauf vertrauen konnte, dass Stupples alles wie versprochen in die Wege leitete, und im Großen und Ganzen vertraute er ihm. Stupples mochte ein unangenehmer Kerl sein, doch gab es keinen Grund, ihm zu misstrauen – ganz im Gegenteil, denn sollte Stupples seinen Teil der Abmachung nicht einhalten, wäre Detterling mit seinem Wissen über Stupples’ Vorgehen bei der Abwicklung des Falles noch immer in der Lage, ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten.
Na gut, dachte Detterling, sobald die zweite, geheime Ermittlung beginnt, werde ich also mit von der Partie sein. Doch würde es damit noch eine ganze Weile nicht losgehen, so lange nicht (zumindest hatte Stupples das behauptet), bis die offizielle Untersuchung gefahrlos über die Bühne gegangen war. Wenn Detterling selbst gleich jetzt schon beginnen wollte (und das wollte er), musste er sich in den nächsten paar Tagen auf seine eigenen Informationsquellen und seinen eigenen blanken Verstand verlassen. Es mochte sein, dass er mit beidem nicht sehr weit kam, doch konnte er auf diese Weise zumindest, so sagte er sich, seine Hausaufgaben schon mal machen. Es standen einige drängende Fragen im Raum, die sozusagen in seinen Bereich fielen. Zumindest auf ein, zwei davon würde er wohl recht schnell Antworten finden können und hätte so dann hilfreiche Informationen in der Hand, mit denen er die Abgesandten aus der Jermyn Street beeindrucken konnte, wenn die bei ihm anklopften. Er musste Jermyn Street dazu bringen zu erkennen, dass da tatsächlich ein Gehilfe und nicht bloß ein privilegierter Zuschauer zu ihnen stieß.
Die erste Person, an die Detterling heranzutreten gedachte, war sein eigener Verwandter und auf dem politischen Parkett Somersets direkter Vorgesetzter, der Höchst Ehrenwerte Marquis Canteloupe, der derzeitige Wirtschaftsminister. Obwohl sie lediglich über mehrere Ecken miteinander verwandt waren, hatte dieser ihr Verwandtschaftsverhältnis stets gewürdigt und war Detterling darüber hinaus aus persönlichen Gründen zugetan. Sie waren über die Jahre bereits mehrmals gemeinsam in irgendwelche Machenschaften verwickelt gewesen, und Detterling hatte keinerlei Zweifel, dass sein adeliger Verwandter ihm viel von dem, was er über Somersets letzte Unternehmungen im Auftrag des Ministeriums wissen wollte, berichten konnte und auch würde. Ein Abend mit Canteloupe (denn es hatte ein Abend zu sein, so Detterlings Beschluss, da der alte Herr nach Einbruch der Dunkelheit immer viel zugänglicher war) würde ihm auch Gelegenheit geben, den Gesundheitszustand des Ministers eingehender zu beurteilen, sein Trinkverhalten einzuschätzen und sich ein Bild zu machen, ob an den Gerüchten über seinen geistigen und körperlichen Abbau etwas dran war. Um den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte zu überprüfen, hatte Detterling Somerset am Morgen ja eigentlich aufgesucht, dem Anliegen war noch nicht Genüge getan, und nun hatte er noch einen weiteren Grund, es zu verfolgen. Während die Beweggründe für seinen vergeblichen morgendlichen Besuch – familiäres Pflichtgefühl und bloße Neugier – noch genauso dringlich waren wie zuvor, hatte er darüber hinaus nun auch noch eine interessante Hypothese, die er gerne überprüfen wollte: Sollte der Minister tatsächlich nicht mehr ganz auf der Höhe sein und sich dies als der Führung des Ministeriums abträglich erweisen, konnte es dann nicht irgendeinen Kladderadatsch oder Fehltritt oder gar desaströsen Zwischenfall gegeben haben, der durch seine negativen Auswirkungen auf Somersets Position als dessen Stellvertreter direkt oder indirekt mit Somersets Tod in Verbindung stand? Das war, sagte sich Detterling, zwar eine gewagte These, und der Schuss mochte vielleicht ins Leere gehen, doch schien es ihm den Versuch wert zu sein, und sollte das zu weit hergeholt sein, nun, dann gab es immer noch andere, näherliegende und eindeutigere Ziele, auf die er seine Aufmerksamkeit richten konnte. So war er zum Beispiel ganz besonders darauf erpicht, von Canteloupe zu erfahren, welcher Natur und, wenn möglich, von welcher Tragweite die Transaktionen waren, die Somerset in drei Wochen in Straßburg hatte tätigen sollen.
Und so rief Detterling, nach einem Mittagsmahl mit Möweneiern und gefüllten Wachteln gestärkt, im Wirtschaftsministerium an und wurde mit dem persönlichen Sekretär des Ministers, Carton Weir, verbunden.
»Grauenvolle Nachricht, das mit Somerset«, sagte Weir. »Die Presse macht mir hier die Hölle heiß.«
»Sagen Sie denen bloß nicht, dass ich mit dabei war. Ich will die auf keinen Fall hier haben!«
»Tja, nur was könnte ich denen sonst so sagen, Verehrtester?«
»Ich dachte, der offizielle Wortlaut wäre klar und eindeutig: Suizid aufgrund von extrem hoher Arbeitslast und Erschöpfung.«
»Aber das klingt so uninteressant!«
»Ich würde meinen, so ist es auch gedacht.«
»Aber ja, mein Lieber, und daran halten wir uns natürlich auch, aber wir dürfen nicht erwarten, dass die Presse das ungeheuer aufregend findet, und selbstverständlich rücken die mir jetzt nicht von der Pelle und versuchen mich dazu zu bringen, zu sagen, es war irgendwas anderes.«
»Na ja, wenn dem so wäre, gibt es darauf nicht den geringsten Hinweis. Sie sollten eigentlich leichtes Spiel mit ihnen haben.«
»Wir blocken alles ab. Nur werden die so dermaßen gemein und böse! Wie Vampire, mein Lieber, die jemand Saftigen, prallvoll mit süßem Blut entdeckt haben, dann aber feststellen müssen, es ist bloß ’ne Wachsfigur, an der sie da rumzutzeln … Ach du liebe Güte, da kommt schon der nächste Schwung – die kriegen kaum Luft vor Aufregung, hat der Pförtner gesagt. Was kann ich also noch schnell für Sie tun, bevor die mich in Stücke reißen?«
»Ich gehe doch richtig in der Annahme, dass mein Verwandter heute Abend zum Essen nun verfügbar ist?«
»Das ist er. Eigentlich war er mit dem lieben armen Somerset verabredet – nicht, dass ich ihn je besonders gemocht hätte, er war ein fieser, intriganter Mistkerl, aber, nun ja, de mortuis und so weiter.«
»Wo wollten die beiden sich treffen?«
»Im Ritz. So nett dort und schön leer, wissen Sie, wenn man was Dubioses zu besprechen hat.«
»Gab’s denn was Dubioses zu besprechen?«
»Ich wüsste nicht, dass die beiden je über was anderes gesprochen hätten. Und jetzt, wo diese ganz große Sache in Straßburg ansteht, wo sie die anderen so richtig einwickeln wollen …«
»Hören Sie, Carton. Sagen Sie Canteloupe, wenn es ihm recht wäre, heute Abend mit mir im Ritz essen zu gehen, dann würde ich die Rechnung übernehmen.«
»Oh, das wird ihm gefallen! Nicht zahlen zu müssen ist für ihn immer das Allerhöchste. Aber Sie müssen nett zu ihm sein, Detterling, ich meine, auch in anderer Hinsicht. Es hat ihn schwer mitgenommen, was mit Somerset, dem alten Aas, passiert ist – dem lieben, armen, meine ich natürlich –, und er muss dringend auf andere Gedanken gebracht werden.«
»Wie steht’s bei ihm derzeit mit der Trinkerei?«
»So wie immer. Hat sich nicht gemäßigt – aber mehr ist’s garantiert auch nicht geworden. Sie dürfen die ganzen Geschichten, die man über seinen Suff so hört, nicht ernst nehmen, Detterling. Er ist ein reizender alter Herr, wirklich, das ist er, und rundum tipptopp in Form. Aber das mit Somerset deprimiert ihn sehr – auch wenn es mir immer ein Rätsel bleiben wird, warum ihm der zähe Bock dermaßen am Herzen lag –, und Sie müssen deshalb wirklich lieb zu ihm sein.«
»Ist in Ordnung, Carton. Sagen Sie ihm: Um halb neun, gleich am Tisch, wir trinken dann dort was vorneweg …«
Als das erledigt war, entschied Detterling, dass er sich ein wenig vorbereiten sollte, um ganz sicher sein zu können, dass ihm die wichtigsten Hintergründe zu seinem Gesprächsthema geläufig waren. Er nahm den neuesten Band des »Who’s Who« aus dem Regal und schlug ihn bei »L« auf:
LLOYD-JAMES, Somerset: Parlamentarier; seit Okt. 1959 Abgeordneter f. d. Konservative P. (Wahlkreis: Bishop’s Cross, Somersetshire); Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium seit Juni 1970 …
Seltsam, dachte Detterling, manchmal, wenn ich zurückdenke, scheint mir, als wäre er schon ebenso lange im Parlament wie ich, dabei war es natürlich erst 1959, dass er seinen Sitz erhalten hat, bei der Unterhauswahl, fast zehn Jahre nach mir. Wobei er allerdings schon bis zum Kragen in der Politik gesteckt hat, bevor er sein Abgeordnetenmandat erhielt, wahrscheinlich kommt es mir deshalb so vor. Da sieht man, dass es gut ist, alles noch mal nachzuschlagen …
… * 11. Dez. 1927; einz. Sohn von Seamus Lloyd-James (†) und Peregrina Lennox Lloyd-James (geb. Forbes Eden) aus Chantry Marquess bei Bampton, Devonshire …
Peregrina Lennox Lloyd-James, dachte Detterling. Die alte Mutter. Noch am Leben, wie es scheint. Kann mich nicht daran erinnern, dass er je mit irgendwem über sie gesprochen hat (wie auch über seinen Vater nicht, außer als dieser gestorben war). Ich frage mich, wie oft er die alte Dame gesehen haben mag. Vielleicht war sie es, die er am letzten Tag seines Lebens besucht hat? Schafft man es, in einem Tag nach Devonshire und zurück zu reisen? Wohl kaum, wenn man nicht sofort nach der Ankunft auf dem Absatz wieder kehrtmacht. Aber egal, ob er dort war oder nicht, die alte Peregrina konnte vielleicht sachdienliche Hinweise geben. Doch würde man sie mit Samthandschuhen anfassen müssen, in ihrem Alter – das sollte wohl am besten den Experten aus der Jermyn Street überlassen bleiben.
… Ausbildung: St Peter’s Court, Crediton …
Wie kurios! Das habe ich ja noch nie erlebt, dachte Detterling, dass irgendwer seine Grundschule im »Who’s who« angegeben hätte. Jedoch war Somerset sein Lebtag ein Riesensnob gewesen, und St Peter’s Court einst als eine sehr schicke Privatschule angesehen, die sich der Gunst der königlichen Familie erfreute. Sie war allerdings, wie Detterling wusste, eigentlich in Broadstairs ansässig und nach Crediton (in Devon) lediglich für die Dauer des Krieges evakuiert worden. So dass Somerset, wenn er, wie dieser Eintrag andeutete, nur in Crediton Schüler der Schule gewesen war, sie nicht vor September des Jahres 1939 besucht haben konnte, einer Zeit, als er bereits elf Jahre und neun Monate alt gewesen sein musste. Klein Somerset war also, bis er fast zwölf war, entweder zu zart besaitet gewesen, um aufs Internat fortgeschickt zu werden, oder er hatte zunächst eine andere Grundschule besucht – eine, deren Namen er hier nicht zu nennen geruhte. Konnte es sein, dass man ihn dort der Schule verwiesen hatte? Oder ließen Seamus und Peregrina ihren Sohn einfach deshalb die Schule wechseln, weil St Peter’s nun zufällig den Sitz in ihrer Nähe hatte? Und falls ja, war dies eher aus snobistischen oder aus erzieherischen Gründen geschehen? Ohne jeden Zweifel wird Peregrina Lennox die Antwort auf diese Frage wissen, dachte Detterling, falls irgendwer es für nötig hält, sie zu stellen. Der entscheidende Punkt, was den erwachsenen Somerset und seinen Charakter anging, war jedoch der, dass er die Welt wissen lassen wollte, dass er auf einer Grundschule gewesen war, deren hohes Ansehen selbst heranwachsenden Prinzen gerecht wurde … und er wollte die Welt dies so unbedingt wissen lassen, dass er es in Kauf genommen hatte, sich mit dieser demonstrativen Nennung lächerlich zu machen.
Als Ausgleich, dachte Detterling, als er seinen Blick nun wieder ins »Who’s Who« zurückwandte, um seine nächste Schule damit aufzuwiegen, die an sich einen ordentlichen Ruf hat, aber, um es mal so zu sagen, eine Schule für die Mittelschicht ist. Denn wie Detterling bestens wusste und was ihm das »Who’s Who« nun bestätigte, hatte Somerset in den Jahren 1941 bis 1946
