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Im Kürnbergwald stoßen Chefinspektorin Lotta Meinich und ihr Vater Gustav beim Spaziergang auf eine grausam zugerichtete männliche Leiche. Zwei Tage später wird unweit des ersten Tatorts ein weiterer Toter entdeckt. Es scheint keine Verbindung zwischen den Mordopfern zu geben, und alle Verdächtigen verfügen über Alibis. Während Lotta verzweifelt nach einem Muster sucht, stiftet Gustav Chaos: Ausgerechnet mit einer der trauernden Witwen trifft er sich und bringt damit nicht nur die Ermittler, sondern auch Lottas Geduld an ihre Grenzen. Ein rätselhafter Fall, ein Vater mit eigenen Plänen und ein Mörder, der mehr zu verbergen hat, als jemand ahnt.
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Eva Reichl
Zwei Leichen zum Prosecco
Oberösterreich-Krimi
Tödliche Stiche Chefinspektorin Lotta Meinich und ihr Vater Gustav entdecken beim Spaziergang im Kürnbergwald eine Leiche, zwei Tage später findet ein Jäger unweit vom ersten Fundort einen weiteren Toten. Der eine: ein angesehener Juwelier mit Geschäften in Linz und Steyr. Der andere: ein Maurer aus Mondsee. Beide wurden mit über 20 Messerstichen regelrecht hingerichtet. Alles deutet auf denselben Täter hin, doch eine Verbindung zwischen den Toten ist nicht erkennbar. Tatverdächtige gibt es genug, aber alle haben ein Alibi. Bis auf den zwielichtigen Goldschmied, den der Juwelier vor Monaten fristlos entlassen hatte. Während Lotta mit dem zunehmend undurchsichtigen Fall ringt, sorgt Gustav zusätzlich für Turbulenzen. Er trifft sich ausgerechnet mit der Witwe des Juweliers. Und als wäre das nicht genug, steht Lotta selbst unter Druck: Nach einer beinahe misslungenen Polizeiaktion muss sie sich neu beweisen. Sie zögert – und scheitert. Wird sie im aktuellen Fall ebenfalls versagen?
Eva Reichl wurde in Oberösterreich geboren und lebt mit ihrer Familie im unteren Mühlviertel. Schon früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für kreative Ausdrucksformen und hat vieles ausprobiert. Glas- und Materialkunst, Malen. Geblieben ist das Schreiben, da Worte kraftvoll sind und eigene Welten erschaffen können. Mit ihren Krimis und Thrillern verwandelt sie ihre Heimat Oberösterreich in einen Tatort getreu dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse liegt so nah?
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Satz: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
Illustration: Lutz Eberle, unter Verwendung eines Fotos von: © ksl / Shutterstock.com
ISBN 978-3-7349-3614-2
Morgenstund hat Tod im Mund
Elke Froschberger winkte den Kellner herbei, um die Ebbe in ihrem Proseccoglas mit einer frischen schäumenden Gischt zu fluten. Die Stimmung am Tisch im Restaurant Stadtliebe in Linz war gut, beinahe freudig erregt. Die Frauen hatten das Essen bereits beendet, jetzt galt es, den neuesten Klatsch und Tratsch zu verbreiten. Es war eine Kunst, die nicht jeder beherrschte: Die Informationen so in das Gespräch einfließen zu lassen, dass sie die größtmögliche Wirkung entfalteten. Mit jedem Zusammentreffen von Austauschwilligen wurde das Können perfektioniert.
»Habt ihr das von der Hermine gehört?«, fragte Manuela mit ernster Miene, während der Kellner vier Gläser mit perlendem Inhalt auf den Tisch stellte und die leeren unauffällig verschwinden ließ, ohne dass die Spannung der eben ausgesprochenen Frage abriss.
»Nein? Was ist denn mit ihr?«, hakte Elke nach.
Auch Hilde und Margot schüttelten unwissend die Köpfe.
»Sie lässt sich scheiden.« Manuela nippte genüsslich an ihrem Prosecco.
»Schon wieder?«, entfuhr es Margot. »Das ist doch bestimmt das dritte Mal binnen weniger Jahre!«
»Es ist halt nicht leicht, mit ihr auszukommen«, kommentierte Hilde etwas leiser. »Sie duldet nur ihre Meinung, welcher Mann mag das schon?«
»Das mag auch keine Frau«, stellte Elke klar.
»Da gebe ich dir recht.« Margot prostete ihrer Freundin zu. »Auf unsere Männer!«
»Nein, auf meinen stoße ich nicht an«, wehrte Elke das dargebotene Glas auf halbem Weg ab, sodass ein Klirren ausblieb. Anschließend schweifte ihr Blick aus dem Fenster über den Ursulinenhof.
»Wieso nicht?«, fragte Margot naiv. Vielleicht wollte sie auch eine Antwort ihres Gegenübers provozieren, weil dieses sich stets in Zurückhaltung übte, was seine eigene Ehe anbelangte.
Elke stellte das Glas auf den Tisch und schaute ihre Freundinnen der Reihe nach an. Sie kannten sich seit der Schulzeit, jede von ihnen war mehr oder weniger glücklich verheiratet, erfolgreich und hatte Kinder, die entweder bereits erwachsen waren oder kurz davorstanden, das elterliche Nest zu verlassen. Nur bei ihr war es anders. Und zwar alles.
»Martin betrügt mich«, stieß sie aus, nahm das Glas wieder in die Hand und leerte es in einem Zug.
»Mein Gott, das ist ja schrecklich!«, rief Margot erneut viel zu laut.
Doch das war Elke nun egal. Sollte halt jeder wissen, was für ein Arschloch ihr Mann war. Vielleicht lag ihre Gleichgültigkeit auch an dem Alkohol, den sie bereits getrunken hatte.
»Du Arme! Das tut mir so schrecklich leid!« Manuela strich Elke mitfühlend über den Arm.
»Können wir etwas für dich tun?«, fragte Hilde.
»Ihr könnt ihn für mich umbringen.« Elke lachte. Zeitgleich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Ihr Unterkiefer bebte. Stumm hielt sie ihr leeres Glas in die Höhe in der Hoffnung, der Kellner würde die Geste verstehen. Das tat er, eilte herbei und löste zumindest dieses Problem. Jenes mit dem untreuen Ehemann blieb natürlich bestehen.
»Ich würde ihm die Eier abschneiden«, stieß Margot verächtlich aus, »sie am Stern von seinem Mercedes aufhängen und mit dem Wagen durch ganz Linz fahren.«
Keine der Frauen fand das amüsant. Zu tief saß der Schock darüber, dass es nun eine von ihnen erwischt hatte, deren Ehe zu scheitern drohte. Noch dazu ohne eigenes Zutun. Wäre Elke es gewesen, die ihren Mann betrogen hatte, sähe die Sache vielleicht anders aus. So aber … Nicht auszudenken!
»Ich bin für Erschießen. Das geht aus der Ferne, und du musst nicht so nah bei ihm stehen, wenn du … Na, ihr wisst schon. Und wenn dann auch noch das Blut spritzt …« Angewidert verzog Manuela das Gesicht.
»Du darfst bei so etwas halt keine teuren Sachen anziehen. Das weiß doch mittlerweile jeder.« Hilde rollte theatralisch mit den Augen.
»Entschuldige, ich häng halt nicht ständig vor der Glotze und zieh mir einen Krimi nach dem anderen rein, ich muss schließlich arbeiten«, fauchte Manuela beleidigt.
»So hab ich das nicht gemeint«, versuchte Hilde halbherzig zu relativieren, denn natürlich hatte sie ihre Überlegenheit in diesen Dingen ausdrücken wollen. Für sie waren Krimis Fachliteratur, mit der man sich im Unliebsame-Menschen-aus-der-Welt-Schaffen fortbildete. Man wusste schließlich nie, wofür man dieses Wissen eines Tages benötigen könnte. »Ich würde mich für Gift entscheiden. Das ist sauber und wird, wenn du es geschickt anstellst, nicht entdeckt. Ich hab mal gelesen oder gehört, dass es im deutschsprachigen Raum an die 1.000 bis 1.500 Mordfälle gibt, die nicht als solche erkannt werden, und die meisten davon sind Giftmorde.« Verschwörerisch lächelte sie in die Runde.
Elke hatte sich durch das Gerede ihrer Freundinnen wieder ein wenig beruhigt. »Danke, Mädels. Was tät ich bloß ohne euch?« Ein letztes Mal tupfte sie mit dem Taschentuch die Tränen aus ihren Augenwinkeln, zerknüllte es und ließ es mangels Alternativen in ihrer Handtasche verschwinden.
»Dich alleine betrinken«, sagte Hilde und prostete ihr zu. »Aber zu viert ist es viermal so schön.«
»Du hast recht.« Elke stieß mit ihrem Glas dagegen, die anderen folgten ihrem Beispiel.
»Seit wann weißt du es?«, fragte Margot.
»Seit … ach, egal. Das spielt keine Rolle.« Elke seufzte. »Er macht sich auch gar nicht mehr die Mühe, es vor mir zu verheimlichen. Oder er ist wirklich so ein Depp, dass er es nicht besser hinkriegt. Schon vor 100 Jahren reichte ein Lippenstiftfleck am Hemd, um untreue Männer auffliegen zu lassen. Daran hat sich nichts geändert.«
»Mein Gott!« Manuela schüttelte ob dieses dilettantischen Fehlers den Kopf. »Ein Wunder, dass er ein Geschäft führen kann.«
»Das führt nicht er, sondern ich«, stellte Elke klar.
»Hast du ihn auf seine Affäre angesprochen?«, fragte Manuela und erhoffte sich wahrscheinlich, eine aufsehenerregende Szene erzählt zu bekommen. Gebannt hing sie an Elkes Lippen.
»Ja, hab ich. Er hat es abgestritten«, antwortete Elke.
»Nicht einmal die Eier, dazu zu stehen, hat er.« Hilde hieb mit der Hand derart heftig auf den Tisch, dass sie von den anderen überraschte Blicke erntete. »Was?«
»Schnipp, schnapp …« Margot deutete mit den Fingern eine auf- und zugehende Schere an.
Die Frauen lachten.
Dann wurde Elke wieder ernst. »Er hat mich schon öfter betrogen«, offenbarte sie ihren Freundinnen ein lang gehütetes Geheimnis.
»Was? Wieso hast du nie davon erzählt?«, wollte Hilde erfahren. »Wir hätten ihn schon viel früher zum Eunuchen gemacht!«
»Dafür sind Freundinnen doch da«, warf nun auch Margot Elke ihr Schweigen vor, jedoch indirekt. Durch deren Geheimniskrämerei hatten sie so lange auf dieses Gespräch warten müssen, obwohl es allen Beteiligten sichtlich Freude bereitete. Außer Elke natürlich, die ja die Leidtragende war.
»Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll«, versuchte Elke, ihr Verhalten zu erklären. »Ob es besser ist, die Fassade aufrechtzuerhalten oder das Haus einstürzen zu lassen und damit unsere Ehe das Klo hinunterzuspülen.«
»Martin ist derjenige, der Scheiße baut«, zeigte Hilde auf. »Nicht du! Wenn jemand Schuld hat, dass eure Ehe zerbricht, dann ja wohl er!«
»Aber an mir liegt es nun, ob wir weiterhin verheiratet bleiben oder nicht«, glaubte Elke.
»Meinst du das ernst?« Hilde war sichtlich schockiert.
»Ich weiß nicht …« Elke schien unsicher zu sein.
»Nur weil wir Frauen uns immer viel zu viel von solchen Arschlöchern gefallen lassen, ist es überhaupt möglich, dass sie uns betrügen und noch viel schlimmere Sachen mit uns anstellen. Wenn wir nicht dagegen aufstehen, wird sich das nie ändern!« Hildes Faust sauste erneut energisch auf den Tisch hinab, sodass die Gläser klirrten.
»Du Arme!« Manuela legte ihre Hand auf die von Elke und drückte sie. »Du musst dich von ihm scheiden lassen. Unbedingt!«
»Wir haben einen Ehevertrag. Bei einer Scheidung bekomme ich nichts«, erklärte Elke.
»Alles, was ihr während eurer Ehe gemeinsam erwirtschaftet habt, gehört doch euch beiden, oder?«, meinte Manuela. Etwas unschlüssig schaute sie in die Runde.
»Der Ehevertrag ist ziemlich eindeutig. Die Juweliergeschäfte in Linz und Steyr und alles, was damit zusammenhängt, erhält Martin. Ich kriege lediglich eine Abfindung, die im Verhältnis zu den Geschäften geradezu lächerlich ausfällt. Als wir geheiratet haben, war ich einfach zu naiv und hab den Vertrag unterschrieben, ohne mir Gedanken darüber zu machen, was er im Falle einer Scheidung für mich bedeutet. Ehrlich gesagt, hab ich gar nicht in Erwägung gezogen, dass wir uns überhaupt scheiden lassen könnten. Ich war damals ja unsterblich in Martin verliebt.« Elke schluchzte und zog das zerknüllte Taschentuch wieder aus der Handtasche.
Bedrücktes Schweigen lastete auf den vier Freundinnen, eingehüllt vom ausgelassenen Geschnatter der Umgebung. Wie eine isolierte Kapsel wirkte der Tisch in der Stadtliebe, bis Hilde die nachdenkliche Stimmung wie eine Seifenblase zerplatzen ließ.
»Nichts ist unsterblich«, sagte sie.
Chefinspektorin Lotta Meinich kämpfte sich durch die leer stehende Industriehalle, in Händen die schussbereite Glock. Es war dunkel, nur in einem der Büroräume weiter vorne brannte Licht. Sie sah es durch die hohen vollgestopften Regale in der ehemaligen Produktionsstätte schimmern. Längst vergessene Transportkisten, Paletten, Gerümpel und verschiedene Maschinen versperrten ihr die Sicht. Sie trat hinter einem raumhohen Regal hervor. Etwas Dunkles links in ihrem Augenwinkel erregte ihre Aufmerksamkeit. Blitzschnell wirbelte sie herum und zielte … auf einen Gabelstapler.
Mist! Beinahe hätte sie abgedrückt und dadurch ihre Position verraten.
Sie atmete einmal tief durch und verbarg sich hinter einer zwei Meter hohen Transportkiste. Ein gutes Versteck für einen Angreifer, schoss es ihr durch den Kopf. Falls jemand in der Kiste auf sie lauerte, geriete sie in einen Hinterhalt, wenn sie daran vorbeischlich. Also musste sie hineinschauen. Musste prüfen, was sich darin befand.
Aber wie sollte sie das anstellen?
Mit der Waffe in der Hand hochklettern und über den Rand spähen würde sie nicht schaffen, und eine Leiter entdeckte sie nirgendwo.
In der Halle heulte ein Motor auf, wahrscheinlich auf der ihr gegenüberliegenden Seite. Bei den Toren, durch die einst unzählige beladene Fuhrwerke gefahren waren. In den 70er-Jahren waren in dem Gebäude Millionen von Ziegeln produziert worden. Jetzt war es ein Unterschlupf für viele Heimatlose. Unter dem Gebälk nisteten Vögel, ihr Kot zog eine Spur die Wände herab bis auf den Boden und leuchtete hell im fahlen Lichtschein. Aufgeschreckte Fledermäuse flogen über Lottas Kopf hinweg und suchten einen ungestörten Platz. Nachts jagten sie hier Insekten.
So wie Lotta Menschen jagte, die Böses taten.
In der Halle schrie jemand auf. Beschimpfte einen anderen. Zwei Menschen stritten sich. Weswegen, verstand die Chefinspektorin nicht, der Motorenlärm war zu laut.
Nicht weit von ihr entfernt fiel etwas zu Boden, klirrte. Zerbrach wahrscheinlich. Lotta musste es im Gedächtnis behalten, damit sie nicht auf die Scherben trat. Das Knirschen unter ihren Sohlen könnte Aufmerksamkeit auf sie lenken.
Sie stand dicht an die Transportkiste gedrückt, schloss die Augen und lauschte in die Umgebung. Das hatte ihr Vater ihr beigebracht, als sie acht Jahre alt gewesen war. Als sie dem Nachbarsjungen dicht auf den Fersen gewesen war, der ihr zuliebe die Rolle des Verbrechers übernommen hatte, weil sie darauf bestanden hatte, die Polizistin zu spielen. Wenn man überleben wollte, musste man die Umgebung fühlen, hatte Gustav Meinich ihr eingetrichtert. Musste eins werden mit ihr. Musste alles um sich herum sehen, hören und riechen.
Daran erinnerte sich Lotta jetzt.
Das Dröhnen des Motors überlagerte die streitenden Stimmen. Lottas Ohren filterten aus diesem Getöse ein Wimmern heraus, kaum auszumachen war es. Rechts von ihr, in unmittelbarer Nähe. Sie roch das Abgas, das beim Verbrennen des Treibstoffes entstand. Sie musste schnell handeln, bevor das Gefährt verschwand und mit ihm vielleicht die Geisel, die hier irgendwo versteckt gehalten wurde.
Eine Geisel, mehr hatte man ihr nicht gesagt. Nicht, ob es ein Mann war oder eine Frau. Oder gar ein Kind. Nur, dass man die Geisel außer Landes bringen wollte und sie dann auf internationale Hilfe angewiesen wären. Die Chance, die Person wiederzufinden, würde mit jedem Kilometer sinken, den sie sich von der österreichischen Staatsgrenze entfernte.
Lotta öffnete die Augen, streckte die Arme mit der Waffe aus, bereit, abzudrücken. Sie machte einen Schritt aus ihrem Versteck hinaus, zielte und stellte fest, dass hier noch mehr Kisten herumstanden. Sie duckte sich und folgte dem Wimmern. Es wurde lauter. Die streitenden Personen vermutete sie in dem Büroraum, durch dessen Fenster Licht in die Halle fiel.
Hatte sich die Geisel befreien können?
Stritten die anderen, weil sie entkommen war?
Oder war sie gefesselt und konnte nicht laufen? War sie gar verletzt?
Zwischen zwei Kisten entdeckte Lotta eine Gestalt. Sie kauerte mit angezogenen Beinen auf dem Boden. Lockige blonde Haare stachen der Chefinspektorin ins Auge.
Das musste die Geisel sein!
Geduckt schlich Lotta auf sie zu, die Glock weiterhin schussbereit vor sich haltend.
Die Gestalt bewegte sich, wollte sich aufrichten. Ein wenig ungelenk, aber immerhin dürfte sie nicht schwer verletzt sein.
Lotta wollte etwas Beruhigendes sagen und bemerkte erst jetzt den Lauf einer Waffe. Im fahlen Lichtschein blitzte er auf.
Rotes Licht traf Lotta auf der Brust. Ein heller Ton brandete auf und breitete sich in der alten Fertigungshalle aus.
»Scheiße!« Lotta ließ die Arme sinken.
Scheinwerferlichter gingen an, strahlten viel zu hell von der Decke. Lotta blinzelte, ihre Augen mussten sich erst an die Helligkeit gewöhnen.
»Du bist tot, Meinich!« Der Ausbildungsleiter trat hinter einem Regal mit staubigen Boxen und Kartons hervor. Ohne sie anzuschauen, machte er sich in einem Tablet Notizen. »Du hast gezögert, das hat dich dein Leben gekostet.«
Lotta wusste, dass sie es versaut hatte. Sie hatte sich von den blonden Locken täuschen lassen. Nur für einen kurzen Moment hatte sie unsicher verharrt, weil sie geglaubt hatte, ein unschuldiges Kind sitze dort. Bevor sie mit dem Parcours in der alten Industriehalle, die der Polizei für das Training zur Verfügung stand, begonnen hatte, hatte ihr niemand gesagt, wie die Geisel aussah, welches Geschlecht sie hatte oder wie alt sie war, damit Lotta auf alles gefasst war. Aber vor allem: damit sie mit allem rechnete, auch mit einer Falle. »Ich weiß«, seufzte sie.
»Und weißt du auch, was das heißt?« Major Klaus Waggler ließ das Tablet sinken und musterte Lotta. Er war also fertig damit, sein vernichtendes Urteil über ihre Leistung in ihrer Akte festzuhalten, wo es für immer und ewig zu lesen sein würde. Die Tarnuniform brachte seinen durchtrainierten Körper bestens zur Geltung. Sein Bizeps drohte den Stoff um seinen Oberarm zu sprengen. Es war allgemein bekannt, dass er viele Jahre bei den Blauhelmen im Einsatz gewesen war, unter anderem im Libanon und im Kosovo. Sein eisiger Blick bohrte sich in Lottas Augen, die ebenfalls blau waren, aber nicht so kalt wie die des Majors.
»Wann?«, fragte Lotta, da ihr natürlich klar war, welche Konsequenz ihr Scheitern mit sich brachte.
»In zwei Wochen. Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit.« Waggler wandte sich ab und brüllte: »Der Nächste!«
Der Kollege mit den blonden Locken, den Lotta für die Geisel gehalten hatte, kam auf sie zu und zog die Haarpracht vom Kopf. »Tut mir leid«, sagte er und hob entschuldigend die Schultern. »Der Chef hat angeordnet, dass ich die aufsetze.« Er hielt Lotta die Perücke wie einen durch eine Guillotine abgetrennten Kopf hin.
Aus der Nähe erkannte Lotta die Kunsthaare sofort und ärgerte sich noch viel mehr, dass sie darauf reingefallen war. Überhaupt sah das Teil aus, als stammte es von einem Kostümverleih. Sie konnte sich also nicht einmal darauf herausreden, dass die Haare echt gewirkt hätten und sie deshalb gezögert hatte. »Schon gut, du kannst ja nichts dafür.«
»Er hat damit gerechnet, dass du nicht auf ein blondes Kind schießt«, gab der Bursche preis, und Lotta fragte sich, woher Waggler das gewusst hatte. Außerdem fiel ihr auf, dass der Polizeischüler sie geduzt hatte, obwohl sie um einiges älter und ranghöher war als er. Andererseits hatte auch Waggler die vertraute Anrede verwendet. Hier in der Trainingshalle galten wohl andere Regeln.
»Mein Fehler«, sagte sie und ging zum Ausgang. Das würde ihr kein zweites Mal passieren.
Der junge Mann folgte ihr, offenbar war sein Einsatz ebenfalls beendet. »Ich bin übrigens Tim. Tim Waggler.« Er streckte ihr eine Hand entgegen.
Lotta ergriff sie. »Waggler? Wie er da?« Mit dem Kopf deutete sie in Richtung des Ausbildungsleiters, der brüllend Anweisungen erteilte, wie seine Untergebenen die Gegenstände in der Halle neu anzuordnen hatten. Unter den meisten Objekten waren Rollen montiert, sodass der Umbau schnell vonstattenging. Nur die hohen Regale und die alten Fertigungsstraßen mit den Förderbändern blieben an Ort und Stelle, da sie fest im Boden verankert waren. Eine neue kleine Welt entstand, in der eine von Klaus Waggler ausgedachte Bedrohung wie auf einer Theaterbühne inszeniert wurde. Ein frisches Übungsszenario, sodass keiner der Absolventen den vor der Halle Wartenden von den örtlichen Gegebenheiten berichten konnte.
»Mein Vater.« Tim grinste.
Lotta bemühte sich, nicht mit den Augen zu rollen, denn sie mochte Klaus Waggler nicht besonders. Er führte ein strenges Regiment, duldete keine Fehler. Wahrscheinlich hatte er im Laufe seiner Karriere in viele dunkle Abgründe blicken müssen. Einsätze in Kriegsgebieten waren prägend, auch wenn er selbst nicht in Kampfhandlungen verwickelt gewesen, sondern zum Erhalt des Friedens dorthin geschickt worden war. Aber bei solchen Missionen wusste keiner, ob nicht hinter der nächsten Ecke ein Sprengsatz detonierte oder sich ein Radikaler in die Luft jagte, um möglichst viele Ungläubige mit in den Tod zu reißen. Die Abgründe der menschlichen Seele waren so vielfältig wie das Leben selbst. Seine Erfahrungen ließ Waggler wohl in die Trainingspläne einfließen.
Tim tat Lotta leid, weil sie glaubte, dass er in seiner Kindheit wohl nicht viel von seinem Vater gehabt hatte. Als Berufssoldat war dieser wahrscheinlich kaum zu Hause gewesen. Lotta fiel auf, dass sich die beiden gar nicht ähnlich sahen. Tim wirkte zierlich, hatte braune Augen und ein gewinnendes Lächeln. Letzteres konnte man von seinem Vater jedenfalls nicht behaupten.
Ihr Gegenüber schien genau zu wissen, was ihr durch den Kopf ging. »Ich gerate mehr nach meiner Mutter, Klaus war nur der Samenspender.«
»Du nennst deinen Vater Klaus?« Lotta war überrascht. Welches Kind tat so etwas? Sie streifte die Gurtweste und das Stirnband mit den Sensoren ab, die extra für derartige Übungen angefertigt worden waren, um festzustellen, wann jemand getroffen wurde, und warf sie auf den Tisch neben dem Ausgang der Halle. Die Trainingspistole legte sie frustriert obendrauf und löste das Gummiband aus ihren schulterlangen schwarzen Haaren, sodass sie ihr Gesicht nun weich fließend umrahmten. Dann trat sie nach draußen ins Sonnenlicht, um den Ort ihrer Schmach so schnell wie möglich zu verlassen. Sie wollte gar nicht daran denken, dass sie in zwei Wochen wieder hier erscheinen musste und der Kampf von Neuem begann. Natürlich war es kein wirklicher Kampf, aber für sie fühlte es sich so an.
»Er ist nicht mein Vater, er ist mein Erzeuger«, antwortete Tim in ihrem Rücken. Er hatte die Perücke ebenfalls beim Ausgang abgegeben und war ihr gefolgt. »Mein Vater heißt Friedrich. Er hat mich mit meiner Mutter großgezogen und war immer für mich da, was man von Klaus nicht gerade behaupten kann.«
Vor der Halle warteten noch mindestens ein Dutzend Frauen und Männer, denen Klaus Waggler das Leben schwer machen würde, genau wie Lotta. Doch eigentlich war sie gar nicht sauer auf ihn, sie ärgerte sich über sich selbst, da sie die Sache verbockt hatte. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – wollte sie keine Sekunde länger bleiben und steuerte auf ihren Wagen zu, den jungen Mann im Nacken.
Was wollte er von ihr? Warum schilderte er ihr seine Familiensituation, die sie nicht interessierte und auch gar nichts anging? Lotta blieb stehen und drehte sich um.
»Ich weiß, wer du bist«, sagte Tim.
Lotta war überrascht. »Ach ja?« Ihre Neugierde war geweckt. Sie war gespannt, wie das Gespräch weitergehen würde, und hoffte, dass der Bursche nicht mit ihr flirten wollte. Immerhin könnte sie seine Mutter sein. Zumindest, was das Alter anbelangte, denn mit seinem Erzeuger wäre sie niemals ins Bett gestiegen.
»Dein Ruf eilt dir voraus. Du hast den Fall mit dem Sprichwortmörder aufgeklärt. In kürzester Zeit. Wir alle haben davon gehört.« Tim breitete die Arme aus und deutete auf die Umstehenden, von denen einige zu ihnen herüberschauten und jetzt die Köpfe zusammensteckten. Die meisten waren wohl in seinem Alter. Regelmäßige Trainings am Schießstand und hier auf dem Übungsgelände gehörten zur Polizeiausbildung dazu.
Lotta seufzte. Daher wehte der Wind also. Nachdem sie bei ihrem letzten Einsatz schwer verletzt worden war und ohne das rechtzeitige Eingreifen ihres Kollegen Daniel Prischko wahrscheinlich gestorben wäre, musste sie nun ihre Diensttauglichkeit unter Beweis stellen. Das hatte ihr Chef von ihr verlangt. Und bis sie die in der Tasche hatte, musste sie Innendienst schieben. Zwar hatte ihr Chef das nicht offiziell verkündet, aber sie wusste, dass er ihr vorerst nur Fälle wie Falschparken oder Fahrraddiebstahl übertragen würde. »Na, hoffentlich verbreitet sich das Ergebnis meiner heutigen Überprüfung nicht auch überall«, antwortete sie und ging weiter.
»Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, will ich zur Kriminalpolizei«, ließ Tim sie wissen und trabte hinter ihr her.
»Das ist gut. Wir brauchen Leute, die Einsatz zeigen«, erwiderte sie.
»Ich trainiere härter als alle anderen«, verkündete Tim.
Jetzt glich er schon mehr seinem Vater, dachte Lotta und sperrte mit der Fernbedienung ihren Wagen auf.
»Heute ist mein freier Tag, und ich bin trotzdem hier«, legte der Bursche nach, als würde ihn allein das schon für den Dienst bei der Kriminalpolizei qualifizieren.
»Ich hab auch frei und bin da«, erwiderte Lotta und öffnete die Fahrertür. »Aber nicht mehr lange, ich fahre jetzt zu meinem Vater. Ich hatte Glück, er hat sich immer liebevoll um mich gekümmert, und jetzt bin ich dran, das Gleiche für ihn zu tun.«
»Ah ja«, kommentierte Tim lahm, da ihm dieses Thema offenbar nicht als so wichtig erschien. Natürlich, in seinem Alter war es bei Lotta ähnlich gewesen. Da hatte sie anderes im Sinn gehabt als ihren Vater. Sie hatte Karriere machen und sich auf Partys amüsieren wollen. Gustav Meinich, der sie quasi alleine großgezogen hatte, weil ihre Mutter viel zu früh gestorben war, hatte dabei kaum eine Rolle gespielt.
Aber Dinge änderten sich.
Menschen änderten sich.
»Auch wenn er einem manchmal auf die Nerven geht, man hat nur einen Vater, Tim … Wobei – das stimmt in deinem Fall wohl nicht, du Glückspilz hast zwei.« Lotta setzte sich in den zivilen VW Passat. »Und wenn du mit der Ausbildung fertig bist, rufst du mich an.«
Tim hielt beide Daumen hoch, als sie mit dem Wagen auf dem Parkplatz zurücksetzte und anschließend vom Fabrikgelände fuhr. Im Rückspiegel konnte sie sehen, wie der junge Mann ihr nachschaute.
»Papa! Ich bin da!«, rief Lotta zur Tür hinein.
Aufgeregtes Bellen war die Antwort. Johann Strauss stürmte schwanzwedelnd heran, kaum in seiner Freude zu bremsen. Lotta sah deutlich, wie sehr er damit rang, nicht an ihr hochzuspringen.
»Ich bin gleich fertig!« Gustavs Stimme drang aus einem der hinteren Räume des alten Hauses in Steyregg, in dem Lotta aufgewachsen war. Sie kannte hier jede Ecke und jedes Versteck. Beinahe jede Schramme an den Schränken und Türrahmen – viele verursacht von dem Dreirad, mit dem sie durch die Räume geflitzt war – stammte von ihr. Nichts war vor ihr sicher gewesen, als sie inspiriert von ihrem Vater und dessen Beruf sämtliche Winkel in einem Höllentempo nach Verbrechern abgesucht hatte. Nur seinetwegen war sie Polizistin geworden. Die Gedanken an ihre Kindheit und die vertraute Umgebung vertrieben ein wenig die Schmach, bei dem Parcours heute gestorben zu sein – wenn auch lediglich durch den Lichtstrahl einer Laserpistole.
»Ist ja gut«, versuchte Lotta, den Labrador zu beruhigen, und wuschelte ihm durchs Fell. Immer wenn sie ihren Vater besuchte, freute sich der Rüde über die willkommene Abwechslung. Falls ihre Füße so wie heute dann auch noch in Wanderschuhen steckten, ahnte der kluge Vierbeiner, dass ein ausgiebiger Spaziergang abseits der üblichen Gassiroute bevorstand.
»Wir können gleich los, ich muss nur rasch aufs Klo. Du weißt ja, wie das so ist bei alten Herren wie mir.« Gustav Meinich trat in den Eingangsbereich und drückte seine Tochter kurz an sich. Auf seinem Kopf befand sich kein einziges dunkles Haar mehr, und selbst die weißen Haare schienen immer dünner zu werden.
»Grias dich, Papa.«
Johann Strauss bellte. Ihm dauerte die Willkommenszeremonie offenbar zu lange. Ungeduldig wedelte er mit dem Schwanz und tänzelte herum. Wenn Gustav alleine mit dem Labrador unterwegs war, drehten sie höchstens eine Runde durch Steyregg, was zwar beiden guttat, aber für den gerade mal zwei Jahre alten Vierbeiner zu wenig Bewegung war. Auch deshalb, weil Gustav bei jedem Haus stoppte und ein ausgiebiges Schwätzchen mit dessen Bewohner hielt. Lediglich beim Anwesen von Frau Schwarz beschleunigte er seinen Schritt. Über den Grund hierfür schwieg er sich aus. Aber es war jedes Mal das gleiche Schauspiel, das wusste Lotta, weil sie ihren Vater bereits öfter bei seinen Spaziergängen begleitet hatte.
»Ist ja gut. Es dauert nicht mehr lange«, redete Lotta beruhigend auf den Labrador ein, während ihr Vater das stille Örtchen aufsuchte.
Auch für Gustav waren solche Ausflüge wichtig. Der Arzt hatte dem 74-Jährigen bei seiner letzten Untersuchung mehr Bewegung ans Herz gelegt, damit selbiges noch länger fit blieb. Deshalb fuhr Lotta – wenn es ihr Dienstplan zuließ – mit Herrn und Hund ins ländliche Umland, damit beide auf ihre Kosten kamen. Im Gegensatz zu ihrem Vater liebte sie es, lange Wanderungen zu unternehmen, und der Mai war der beste Monat dafür.
Die Klospülung war zu hören.
»Gleich geht’s los«, sagte Lotta zu dem Labrador.
Johann Strauss bellte und lief zur Haustür.
Lotta lächelte. »Kluges Tier.«
Gustav kehrte aus dem Bad zurück. »So, fertig!« Von der Garderobe schnappte er sich die Hundeleine und den Autoschlüssel und spazierte damit aus dem Haus.
Johann Strauss wartete bereits am Heck von Gustavs Wagen. Sobald der Kofferraum aufging, sprang er hinein und machte es sich im Fond des Škodas bequem. Der eigens umgebaute Laderaum war Johann Strauss’ alleiniges Reich.
»Wer fährt?«, fragte Lotta in der Hoffnung, ihr Vater würde ihr den Autoschlüssel in die Hand drücken. Beim Fahren gelang es ihr stets, überschüssiges Adrenalin abzubauen, und durch die vermasselte Überprüfung ihrer Einsatzfähigkeit war ihr Körper damit randvoll gepumpt.
»Ich«, murrte er jedoch. »Solange ich einen Führerschein hab, sitze ich hinter dem Steuer meines Wagens.«
»Einverstanden. Wir haben eh genügend Zeit«, erwiderte Lotta und ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder.
Gustav klemmte sich hinter das Lenkrad und sah seine Tochter von der Seite an. »Was soll das heißen?«
»Dass ich nichts anderes von dir erwartet hab, als dass du selber fahren willst. Aber ich bin eh schon so bald bei dir gewesen, wir haben also reichlich Zeit, bis es dunkel wird«, erklärte Lotta.
»Das hat sich aber so angehört …«
»Lass es gut sein, Papa, und fahr endlich los«, unterbrach Lotta ihn.
Gustav brummte widerwillig, sah allerdings offensichtlich ein, dass es für einen friedlichen Nachmittag besser war, die Sache auf sich beruhen zu lassen. »Was für eine Schinderei hast du dir denn heute für uns ausgedacht?«, fragte er dann aber doch.
»Schinderei?«, echote Lotta. »Ich dachte, du magst es, wenn wir etwas unternehmen.«
»Ja, wenn wir Schach oder Karten spielen …« Gustavs Stimme brach. Mit seinem Freund Rudi hatte er mehrmals die Woche Karten gespielt. Die Erinnerung daran schmerzte ihn gut erkennbar noch immer.
Lotta nahm sich vor, nachsichtiger mit ihrem Vater zu sein. Es war erst wenige Wochen her, dass Rudi gestorben war. »Der Arzt hat doch …«
»Papperlapapp!«, ließ Gustav seine Tochter nicht ausreden. »Der Arzt weiß nicht, was ich wirklich brauche. Nämlich Gesellschaft, deshalb mache ich deine Torturen mit.«
Lotta hatte gehofft, dass sich ihr Vater eines Tages daran erfreuen könnte, wenn sie ihre Gesellschaft mit Bewegung an der frischen Luft verbanden. Dass er erkennen würde, wie gut das seinem Körper und seiner Seele tat. Offenbar hatte sie sich geirrt. »Wieso hast du nie etwas gesagt?«
»Johann Strauss freut sich wie verrückt, wenn wir mit dir wo hinfahren. Wir beide kommen doch sonst nur noch zum Hofer einkaufen, weiter nicht. Oder zum Friedhof, um die Blumen auf Mamas Grab zu gießen. Wann warst du das letzte Mal bei ihr?«
Es war schon eine Weile her, dass Lotta das Grab ihrer Mutter besucht hatte. Sie redete sich ein, dass jedes Mal etwas dazwischenkam, wenn sie es plante, aber in Wahrheit vermied sie es bewusst. Jetzt plagte sie deswegen ein schlechtes Gewissen. »Morgen geh ich hin, versprochen.«
Gustav startete den Motor. »Also, in welche Richtung soll ich fahren?«
»Das Wetter ist schön, es hat ewig nicht geregnet. Ich schlage vor, wir schauen uns ein wenig im Kürnbergwald um. Was sagst du dazu?« Lotta hoffte, dass ihr Vater damit einverstanden war. Das mit dem Schach- und Kartenspielen würde sie jedoch im Hinterkopf behalten.
»Passt«, segnete Gustav ihre Wahl ab.
Lotta war erleichtert. »Das freut mich! Du wirst sehen, es wird dir gefallen.«
In geruhsamem Tempo lenkte Gustav Meinich den Škoda in Richtung oberösterreichische Landeshauptstadt, benutzte auf der Steyregger Brücke ausschließlich den rechten Fahrstreifen, sodass sie für andere Verkehrsteilnehmer kein Hindernis darstellten, und nahm beim Chemie-Kreisverkehr die dritte Ausfahrt hinein in die Stadt. Diese Entscheidung begründete er damit, dass er nicht über die Autobahn fahren wolle, weil es sich dort meist staue und bekanntlich ohnehin alle Wege nach Rom führten. Das sei beim Kürnbergwald gewiss nicht anders. »Ist dir bekannt, dass im Kürnbergwald schon seit Tausenden von Jahren Menschen leben?«, fragte er, als der asphaltierte Weg in eine Schotterstraße überging und sie den Schranken passierten, der offen stand. Das Unterholz nahm mit jedem Meter zu, den sie tiefer in den Wald eindrangen. Um diese Jahreszeit war das Blätterdach der Bäume bereits dicht gewachsen, leuchtete jedoch immer noch in hellem Grün.
»Wie überall anders auch«, antwortete Lotta, die sich nie darüber Gedanken gemacht hatte. »Aber hätten wir nicht auf dem Parkplatz hinter uns halten sollen?«
»Und zu Fuß den langen Weg marschieren?« Gustav starrte durch die Windschutzscheibe auf die Schotterstraße, in der sich durch die Witterung im Laufe der Zeit tiefe Rillen gebildet hatten. »Wir fahren so lange weiter, wie wir können. Wenn nichts mehr geht, stellen wir das Auto ab.«
»Wenn du meinst.« Lotta gab sich geschlagen. Es hatte ohnehin keinen Zweck, mit ihrem Vater darüber zu diskutieren.
»Im Donautal haben sich die Menschen erst sehr viel später angesiedelt, weil es dort zu sumpfig gewesen ist«, redete Gustav weiter. »Aber im Kürnbergwald hat man Gegenstände aus der Jungsteinzeit und sogar ein Hügelgräberfeld aus der Bronzezeit entdeckt.«
»Woher weißt du das alles?«, fragte Lotta. Was vor Tausenden von Jahren passiert war, interessierte sie wenig. Das Hier und Jetzt war wichtiger für sie, gerade heute, weil sie ja diese blöde Überprüfung vermasselt hatte. Sie fragte sich, warum in Gottes Namen sie gezögert hatte. Warum hatte sie nicht abgedrückt? Dann müsste sie Wagglers Parcours durch die alte Fabrik nicht wiederholen.
»Der Kürnberg ist übrigens 526 Meter hoch«, durchdrang Gustavs Stimme ihre Gedanken.
»Keine Bange, wir klettern nicht hinauf«, beruhigte Lotta ihren Vater, da sie glaubte, einen fragenden Unterton vernommen zu haben.
»Das ist gut, ich bin mir nämlich nicht sicher, ob Johann Strauss das schaffen würde.«
Lotta lachte. Und Johann Strauss lugte vom vergitterten Kofferraum nach vorne, weil er seinen Namen gehört hatte.
»Hier gibt es noch ein paar Wehranlagen, Kultplätze und Friedhöfe von alten Siedlungen aus den verschiedensten Epochen«, erzählte Gustav auch das noch. »Irgendwo sollen sogar Überreste eines römischen Wachturms aus dem 2. Jahrhundert sein. Die könnten wir uns doch anschauen.«
»Hast du denn eine Ahnung, wo die sind?«, fragte Lotta.
»Wenn ich gewusst hätte, dass wir hierherfahren, hätte ich das in Erfahrung gebracht«, antwortete Gustav. »Vielleicht googelst du mal. Das macht ihr Jungen doch in solchen Situationen.«
Lotta holte ihr Handy aus der Tasche und schaute auf das Display. »Kein Netz«, stellte sie nicht überrascht fest. Der Wald war dicht geworden und die Schotterstraße schon mehr ein Weg. »Dort vorn können wir anhalten«, schlug sie vor.
»Ein Stückerl fahr ich noch, vielleicht finden wir ja Hinweise auf diese Überreste. Die werden das doch angeschrieben haben. Wenn wir Österreicher etwas können, dann Schilder schreiben und irgendwo in der Pampa aufstellen«, zeigte sich Gustav zuversichtlich.
»So viele Touristen kommen nicht in diese Gegend, Papa«, gab Lotta zu bedenken. Immerhin befanden sie sich mitten in einem großen Waldgebiet.
»Eh nicht für Touristen, sondern für uns Einheim… Hey!« Gustav trat hart auf die Bremse.
Lotta drückte es nach vorne in den Gurt.
Zwei Mountainbiker querten von rechts aus dem Wald kommend den Weg und verschwanden genauso schnell, wie sie aufgetaucht waren, wieder im Gestrüpp.
»Ja, seids ihr denn total deppert!«, schrie Gustav ihnen nach.
Die Reaktionszeit ihres Vaters war noch gut, stellte Lotta beruhigt fest, trotzdem hätte das Manöver der Radfahrer leicht ins Auge gehen können. »Reg dich nicht auf, es ist ja nichts passiert«, versuchte sie, ihn zu beruhigen.
»Ja, aber nur weil ich rechtzeitig gebremst hab«, war Gustav noch nicht bereit, die weiße Fahne zu hissen.
»Soll ich die Radfahrer festnehmen?«, fragte Lotta scherzhaft.
»Sind ja schon weg. Aber ich könnte ihnen Johann Strauss hinterherjagen, dann hätte zumindest einer Spaß.« Gustav fuhr weiter.
»Der würde die beiden zu Tode schlecken, wenn er sie eingeholt hätte, weil er sich immer freut, neue Menschen kennenzulernen«, sagte Lotta.
Nach einem halben Kilometer parkte Gustav den Škoda neben dem Weg. »Da bleiben wir, hier ist es schön.«
»Hier sind genauso viele Bäume wie vorhin«, meinte Lotta.
»Dann ist es ja gut. Vorhin war’s nämlich auch schön.« Gustav ließ Johann Strauss aus dem Kofferraum springen. Der Labrador wartete auf das erste Kommando.
Lotta suchte nach einem Ast und warf ihn in hohem Bogen in Gehrichtung. Der Rüde sauste hinterher.
»An welchem Fall arbeitest du gerade?«, fragte Gustav. Obwohl er schon lange im Ruhestand war, interessierte es ihn, was am Landeskriminalamt los war.
»An keinem.« Lotta wollte ihrem Vater nicht auf die Nase binden, dass sich das auch nicht ändern würde, solange sie nicht als voll einsatzfähig galt.
»Irgendetwas müsst ihr ja machen, du und dieser Briosch«, hakte Gustav nach.
»Sein Name ist Prischko«, korrigierte Lotta ihren Vater. »Und er ist in Wien bei einer Fortbildung.«
»Wo?«
»Beim Bundeskriminalamt, irgendetwas mit Cybercrime.«
»Er? Und wieso du nicht?«
Weil ich diese dämliche Überprüfung absolvieren musste, wollte Lotta in die Welt hinausschreien, sagte aber: »Wir sind gerade einer tschechischen Einbrecherbande auf der Spur. Die haben in Linz einen VW Bus entwendet, mit dem sie gestohlene Fahrräder – natürlich sündhaft teure – über die Grenze gebracht haben, weil Fahrzeuge mit österreichischen Kennzeichen seltener kontrolliert werden. Den VW Bus haben sie in Prag unverschlossen stehen lassen. Die Fahrräder waren natürlich weg, dafür haben wir ihre Fingerabdrücke.«
»Die sind ganz schön dämlich.« Gustav grinste.
Johann Strauss kam mit dem Stock zurück und legte ihn Lotta vor die Füße. Schwanzwedelnd wartete er auf den nächsten Wurf. Lotta tat ihm den Gefallen und schleuderte das Holz in den Wald hinein. So tief im Kürnbergwald konnte der Labrador ohne Leine laufen, da kaum Menschen in der Nähe waren. Zumindest war ihnen außer den beiden Radfahrern noch niemand begegnet.
»Ja, sind sie«, erwiderte Lotta und passte ihre Gehgeschwindigkeit der ihres Vaters an. »Die tschechischen Kollegen haben zwei Männer festgenommen und eine Halle voller gestohlener Räder entdeckt.«
»Die wollten das wohl groß aufziehen«, schlussfolgerte Gustav.
»Ich will gar nicht wissen, wie lange die das schon gemacht haben.«
»Die Einbrecher werden immer dreister.« Gustav blieb stehen und schüttelte den Kopf. »Ich hab in der Zeitung gelesen, dass sie jetzt Löcher in die Dächer von Geschäften schneiden und von der Decke einen Haken hinunterlassen, mit dem sie Fahrräder hochziehen. Eines nach dem anderen holen sie auf diese Weise aus dem Verkaufsraum heraus. Ist das zu fassen? Dadurch haben die Bestohlenen nicht nur den materiellen Schaden durch den Diebstahl, sondern obendrauf kaputte Dächer. Also zu meiner Zeit hat es so etwas nicht gegeben!«
»Zu deiner Zeit gab es auch noch keine E-Bikes oder so teure Rennräder wie heute. Es hat sich nicht gelohnt, in ein Fahrradgeschäft einzubrechen«, erwiderte Lotta. »Komm! Gehen wir weiter.«
Irgendwo im Wald bellte Johann Strauss und zog die Aufmerksamkeit von Lotta und Gustav auf sich. Er schien aufgeregt zu sein.
Lotta suchte die Umgebung ab. Von dem Hund war nichts zu sehen. »Wo ist er?«
Auch Gustav blickte sich um. »Johann Strauss!«
»Willst du ihm nicht mal einen anderen Namen geben?«, fragte Lotta, da es ihr seltsam vorkam, den Hund in aller Öffentlichkeit mit dem Namen eines toten Komponisten zu rufen. Das Gejaule, das der Labrador im Augenblick ausstieß, hatte auch nichts mit Musik zu tun. Am allerwenigsten mit einem Walzer, für den der richtige Johann Strauss ja bekannt war.
»Der Name passt schon«, murrte Gustav und deutete besorgt Richtung Norden. »Ich glaube, das Bellen kommt von dort.«
Lotta überlegte, ob sie den Stock wirklich so weit geworfen haben konnte. Doch wahrscheinlich verursachte dieser gar nicht die Aufregung des Labradors. »Da stimmt etwas nicht.« Die Kombination aus Bellen und Jaulen ließ Lotta Schlimmes befürchten. Beim letzten Mal, als sie vergleichbare Laute gehört hatte, hatte der Rüde den Tod seines Herrchens beklagt. »Ich schau nach und du bleibst hier!«
»So weit kommt’s noch«, erwiderte Gustav und stapfte los durch das unwegsame Gelände.
Lotta seufzte. Ihr Vater war schon immer stur gewesen, und sie hatte das Gefühl, dass sich diese Eigenschaft im Alter weiter verstärkte.
Vater und Tochter kämpften sich durchs Gestrüpp. Das Bellen wurde lauter. Eindringlicher.
»Da vorne ist er«, keuchte Gustav und zeigte in die entsprechende Richtung.
»Ich seh ihn … Und noch etwas anderes.« Lotta beschleunigte ihr Tempo und ließ ihren Vater hinter sich, dem die Puste auszugehen schien.
Johann Strauss stieß ein Geheul aus, das Lotta durch Mark und Bein fuhr. Es bedeutete nichts Gutes, dass sich der Labrador derart aufführte. Als sie etwa 30 Meter von ihm entfernt war, erkannte sie vor dem Hund eine Person auf dem Boden. Sie lag regungslos da, rührte sich nicht. Ihr Oberkörper war blutig.
»Geh weg, Johann Strauss! Geh weg!«, schrie Lotta dem Rüden zu, der daraufhin verstummte und sich widerwillig von dem Leblosen entfernte. »Lauf!«, befahl Lotta ihm und deutete auf ihren Vater, der ein Stück hinter ihr war.
Johann Strauss schaute unsicher und kehrte zu der Gestalt auf dem Boden zurück. Mit seiner Zunge schleckte er ihr übers Gesicht.
Lotta rannte los. »Aus! Aus! Lass das!«
Der Hund bellte, ließ von der Person ab und machte einen Bogen um die Chefinspektorin. Dann sprang er mit großen Sätzen zu seinem Herrchen, das ihn für den Fund lobte, wie Lotta beiläufig hörte. Ihre Aufmerksamkeit galt der Gestalt zu ihren Füßen. Sie fühlte ihren Puls.
Nichts.
Der Mann war zweifelsohne tot. Seine Augen starrten in die Baumkronen hinauf, konnten das Blätterdach aber nicht mehr sehen. Seine Haut fühlte sich kalt an, demnach lag er schon länger hier. Das Hemd, das einst weiß gewesen war, war von Blut durchtränkt. Vom Hals abwärts bis zum Becken befanden sich mehrere Schnitte in dem Stoff, die von Stichen mit einem Messer oder Ähnlichem stammen könnten. Viele Male hatte jemand einen Gegenstand in den Leib des Toten gerammt. Immer wieder. Da war Wut im Spiel gewesen oder Hass. Vielleicht beides. Jedenfalls war es Mord. Kein Selbstmörder ging in den Wald und fügte sich solche Verletzungen zu. Lotta schaute sich um. Nirgendwo lag etwas herum, das als Tatwaffe infrage kam.
Sie holte ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihres Vorgesetzten. Auch wenn sie keine positive Beurteilung in der Tasche hatte: Sie hatte den Toten gefunden. Na gut, eigentlich war es Johann Strauss gewesen, aber der zählte nicht. Also war es ihr Fall!
Mist, immer noch kein Netz!
Lotta würde zum Auto laufen müssen, um von außerhalb des Kürnbergwaldes die Einsatzkette in Gang setzen zu können. Oder besser, ihr Vater und Johann Strauss sollten das erledigen und sie würde bei der Leiche bleiben. Gustav würde es nicht gelingen, den Labrador von dem Toten fernzuhalten, der ihn – seinem Verhalten nach zu urteilen – an sein erst jüngst verstorbenes Herrchen erinnerte.
»Ich glaube, ich brauche einen Hundepsychologen für ihn. Gibt es so etwas überhaupt?«, hörte Lotta ihren Vater in ihrem Rücken sagen.
Sie wandte sich um und sah, wie er den Labrador umklammerte, als tröstete er ihn. So hatte er sie gehalten, wenn sie als Kind geweint hatte. In seinen Armen hatte sie sich beruhigt, selbst als ihre Mutter gestorben war. Seine Nähe strahlte eine große Stärke aus, die einem die Gewissheit schenkte, mit seinen Problemen nicht alleine zu sein. Auch Johann Strauss wurde ruhiger.
»Er hat Rudis Tod noch nicht überwunden, gib ihm ein wenig Zeit, das wird schon«, sagte Lotta und biss sich auf die Zunge. Das war ihrem Vater gegenüber unsensibel gewesen, denn auch er trauerte um seinen besten Freund. »Tut mir leid, Papa. Ich weiß, dass es dir genauso geht«, schob sie rasch nach.
»Du hast ja recht, irgendwann wird es tatsächlich wieder«, sagte Gustav. »Bei deiner Mutter war es zumindest so, aber es hat Jahre gedauert.« Er ließ den Hund los und streichelte ihm über den Kopf.
»Was hältst du davon, wenn ihr beide zum Wagen zurückgeht und die Einsatzkräfte informiert?«, fragte Lotta. Die Entfernung von der Leiche würde dem Labrador sicher guttun. Vielleicht auch ihrem Vater. »Ich hab hier keinen Handyempfang.«
