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Wer sich etwas wünscht, sollte vorsichtig sein bei der Formulierung. Nico jedenfalls war es nicht und landet inmitten einer schrecklich netten Familie im Herzen der Heterosexualität: Häuschen in der Vorstadt, Ehegatte geht morgens brav zur Arbeit, die Kinder quengeln, die Nachbarinnen tratschen ... Da taucht in dieser Heterohölle ein ganz normales (lesbisches) Paar auf, und Nico verliebt sich. Wie kann sie aber in ihre eigene Welt zurückkehren und gleichzeitig diese Liebe aus der anderen Welt bewahren?
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Seitenzahl: 395
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Roman
Originalausgabe: © 2008 ePUB-Edition: © 2013édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-066-0
Coverillustration:
»Ich habe die Nase voll vom Lesbischsein!« Nico starrte ihr Spiegelbild an. »Nur Nachteile hat man davon. Wo sind eigentlich die Vorteile?«
Sie wandte sich ab und fuhr sich durch die kurzen Haare. »Man braucht nur einen Kamm und kann auf Langhaarbürsten verzichten, okay, aber da hört’s dann auch schon auf. Die Frauen legen dich ständig aufs Kreuz«, sie lachte bitter auf, »und das nicht nur beim Sex. Nach kurzer Zeit lassen sie dich sitzen. War schön mit dir, aber du verstehst doch . . .«
Du bist immer für andere da . . . Geld? Aber gern. Liebe? Aber gern. Zuhören? Na, und wie gern. Trösten? Jederzeit. Und was ist, wenn ich mal jemand brauche zum Zuhören, ein bisschen Liebe oder Trost, eine kleine Finanzspritze? Aber nein doch. Wie kannst du so etwas von mir verlangen? Sie sah die Frauen, die das zu ihr gesagt hatten, wie in einem Spiegelkabinett vor sich, von allen Seiten grinsend.
Wütend schlug sie mit der Faust auf den Tisch. »Ich will nicht mehr! Ich habe es einfach satt. Heterofrauen haben es so leicht. Die schicken ihren Mann arbeiten, legen zu Hause die Füße hoch, bis er wiederkommt und das Geld nach Hause bringt, und einmal im Monat oder was weiß ich machen sie die Beine für ihn breit, damit er nicht abhaut. Das muss echt ein tolles Leben sein.«
Sie griff nach ihrer Jacke und zog sie an. In dem Trödelladen auf der Hauptstraße fand sie bestimmt ein kleines Geschenk für Nathalie – zu ihrem einwöchigen Jubiläum.
Ja, man musste sich beeilen, sonst konnte man gar kein Jubiläum feiern.
Der Trödelladen hielt immer wieder neue Überraschungen bereit, Nico mochte es sehr, darin zu stöbern. Der Besitzer kaufte alte Sachen auf, aus Haushaltsauflösungen oder Geschäftsübernahmen, manchmal brachte er wohl auch selbst etwas aus dem Urlaub mit, das eine oder andere Souvenir.
Nico seufzte und drehte eine Münze in der Hand, die ihr gut gefiel, eine griechische Münze mit einem Frauenkopf darauf. Sie war gar nicht einmal teuer, aber sie wusste, dass Nathalie für die Schönheit der Münze keinen Sinn haben würde. Nathalie gehörte nicht gerade zur intellektuellen Sorte und machte sich nichts aus Sachen, die keinen materiellen Wert besaßen, sondern höchstens einen ideellen.
Als sie die Münze noch einmal betrachtete und sie dann seufzend weglegen wollte, wurde sie von hinten von einer alten Frau angesprochen, die ebenfalls in dem Laden herumschaute.
»Das ist aber eine ganz besonders hübsche Münze«, sagte die alte Frau lächelnd.
Nico erschrak und drehte sich um. »Ja, sie gefällt mir auch«, sagte sie und blickte noch einmal auf die Münze in ihrer Hand.
»Manche alte Münzen haben Zauberkraft«, sagte die alte Frau lächelnd. Sie schien immer zu lächeln.
Nico lachte. »An so etwas glaube ich nicht!«
Die alte Frau lächelte weiter. »Glauben ist nicht wissen«, sagte sie. »Probieren Sie es doch einfach aus.«
»Was soll ich ausprobieren?« Nico runzelte die Stirn.
»Haben Sie nicht einen Wunsch? Etwas, das Sie sich immer schon gewünscht haben, aber nie bekommen konnten?«
Nico schaute sie entgeistert an. »Das meinen Sie doch nicht im Ernst, oder?« Sie schüttelte lächelnd den Kopf und betrachtete die Münze. »Aber ich werde die Münze kaufen. Sie ist wirklich sehr hübsch. Ich kaufe sie für mich selbst. Ausnahmsweise einmal.« Sie wollte der alten Frau zunicken, aber die war verschwunden.
Nico kaufte die Münze und nahm sie mit nach Hause. Als sie ihre Wohnung betrat, hörte sie merkwürdige Geräusche. Hatte sie vergessen, den Fernseher auszuschalten? Sie ging durch die Diele. Oh nein, jetzt schon? dachte sie. Die Geräusche kamen eindeutig aus dem Schlafzimmer und . . . na ja, sie passten auch dazu.
Die Tür stand offen, Nico brauchte nur einen Blick hineinzuwerfen. Gut, dass sie kein Geschenk für Nathalie gefunden hatte. »Hättest du das nicht in deinem eigenen Bett machen können?« fragte Nico.
»Oh, Nico.« Nathalie schaute unter der Frau, die nackt auf ihr lag, hervor. »Stört es dich? Ich fand es hier bequemer.«
»Na, das freut mich aber«, sagte Nico sarkastisch. »Würdest du jetzt bitte aufstehen und meine Wohnung verlassen?« Sie drehte sich zum Wohnzimmer um, dann wandte sie sich noch einmal zurück. »Vorher solltest du dich vielleicht noch anziehen«, fügte sie hinzu. »Und sei so gut und nimm deine . . . Freundin mit.«
»Wer ist die Ekeltante denn?« fragte die andere Frau, nachdem sie sich von Nathalie heruntergerollt hatte, und verzog das Gesicht. »Deine große Schwester oder was?«
»Die Ekeltante ist die Besitzerin dieser Wohnung und –« Nico seufzte. »Sonst eigentlich nichts. Eine dumme Kuh. Ich gebe euch eine Minute, dann seid ihr weg.« Sie ging ins Wohnzimmer hinüber und legte eine CD ein, drehte den Lautstärkeknopf bis zum Anschlag. It’s only make believe klang es scheppernd aus den überforderten Lautsprechern. Es ist alles nur Betrug. Was hatte sie denn anderes erwartet?
Sie stellte sich ans Fenster.
Die Lautstärke wurde plötzlich heruntergedreht. »Ich weiß nicht, wieso du dich aufregst«, hörte sie Nathalies Stimme in ihrem Rücken. »Habe ich dir irgendwas versprochen oder so? Du tust ja, als wären wir verheiratet.«
»Geh«, sagte Nico ohne sich umzudrehen. »Und leg den Schlüssel auf den Tisch.«
»Pft.« Nathalie machte das wohl kaum etwas aus. Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss.
Bis jetzt hatte Nico sich beherrscht, hatte die Coole gespielt, aber als sie wieder allein war, war es mit ihrer Beherrschung vorbei. »Ich will das alles nicht mehr!« Sie hob die Hände in die Luft. »Ich habe es satt mit diesen verflixten Frauen! Ich wünschte, ich wäre hetero!«
Sie wusste nicht, wie ihr geschah, alles verschwamm vor ihren Augen, und statt in ihrer Wohnung stand sie plötzlich in einem Vorgarten und jätete Unkraut.
Sie richtete sich auf und drehte sich irritiert um die eigene Achse. Etwas kitzelte sie an der Wange, ein Insekt, sie strich schnell über ihre Wange und – erstarrte. Sie hatte lange Haare?
»Mama, Mama, Nico hat mich gehauen!« Ein Mädchen kam um die Ecke geflitzt wie ein geölter Blitz. Sie war noch ziemlich klein, aber Nico hätte nicht sagen können, wie alt genau sie war. Sie konnte Kinder nicht einordnen, weil sie nie viel damit zu tun gehabt hatte.
»Ich . . . nein«, sagte Nico. »Ich habe dich nicht gehauen.«
Das Mädchen, das mit fordernden Augen vor ihr stand, blickte sie verwirrt an. »Du doch nicht, Mama. Nico.«
Gleich darauf kam ein Junge betont harmlos um die Ecke geschlendert, etwas kleiner als das Mädchen, vielleicht im selben Alter? Nico runzelte die Stirn. Älter, jünger, keine Ahnung.
»Sie lügt«, sagte er, als er Nico sah. »Ich hab’ sie nicht gehauen.«
»Du lügst!« Das kleine Mädchen versteckte sich hinter Nico und drehte dem Jungen eine Nase. »Bäh!« Sie riss an Nicos . . . was? Rock? »Mama!« Ihre Stimme klang schrill und unangenehm.
»Was habe ich damit zu tun?« fragte Nico, immer noch mehr als irritiert. »Geht nach Hause und streitet euch da.«
Das Mädchen kam hinter Nico hervor und stellte sich neben den Jungen. Plötzlich waren sie ein Herz und eine Seele. »Wir sind doch hier zu Hause«, sagten beide wie aus einem Mund.
»Hier?« Nico schaute auf das Einfamilienhaus, in dessen Garten sie stand. »Sind eure Eltern denn nicht da? Seid ihr allein?«
»Mama!« Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich hab’ Hunger!« Sie kam zu Nico und zerrte an ihrem Ärmel. »Kochst du Spaghetti?«
»Ich?« Nico starrte die Kleine an, dann endlich schaute sie an sich hinunter, auf die kleine Gartenhacke in ihrer Hand, auf die dreckigen Schuhe, ihre unbedeckten Knie, den Rock . . . Sie wäre gern in Ohnmacht gefallen, aber das war nicht so ganz ihre Art, mit Problemen umzugehen. »Ich wüsste nicht, warum ich euch etwas kochen sollte«, sagte sie.
»Bäääh!« Das Mädchen heulte los, der Junge setzte sich ins Gras und begann Ameisen zu zerquetschen. Vielleicht wollte er die essen? »Ich hab’ Hunger, ich hab’ Hunger, Hunger, Hunger, Hunger!« brüllte das Mädchen.
»Meine Güte, bettelt eure Eltern an und kauft euch was am Kiosk«, sagte Nico genervt.
»Dürfen wir?« Der Junge sprang sofort interessiert auf. »Gibst du uns Geld?«
»Warum sollte ich euch Geld geben?« fragte Nico. »Was habe ich damit zu tun?«
Der Junge legte den Kopf schief. »Hast du wieder deine komische Zeit, Mama?«
»Komische Zeit?« Nico runzelte die Stirn.
»Na ja, wie Papa immer sagt. Dass wir dich in Ruhe lassen sollen, weil du deine komische Zeit hast. Er müsste dich dann auch in Ruhe lassen.«
»Äh . . .« Nico wusste nicht im entferntesten, wovon der Junge sprach.
»Gibst du uns nun Geld? In der Küche in der Kassette ist noch was, hab’ ich gesehen.«
Na gut, ist ja nicht meine Kassette, dachte Nico. »Dann nimm’s dir doch«, sagte sie.
»Oh nein!« Der Junge schüttelte den Kopf und versteckte seine Hände auf dem Rücken. »Dann kriege ich wieder was auf die Finger. Du hast gesagt, das darf ich nicht. Nur du darfst da ran.«
»Guten Morgen, Frau Müller. Ist schlimm, wenn die Kinder keine Schule haben, nicht? Nerven Ihre Sie auch so? Ich bin froh, wenn die Ferien vorbei sind.«
Nico erkannte erst nicht, dass sie angesprochen worden war. Doch die Frau blieb am Gartenzaun stehen und schaute sie freundlich fragend an.
»Ähm, ja, sie nerven«, sagte Nico.
»Eigentlich sind Ihre zwei ja richtig süß«, erwiderte die andere Frau. »Wenn ich meine Rangen da so ansehe. Sie haben Ihre ganz gut im Griff.«
»Meine?« Nico wandte ihren Blick auf die beiden kleinen Monster, die sie überfallen hatten. Die Frau wollte doch nicht etwa behaupten, dass diese Bälger ihre Kinder waren? Nicos? Woher denn?
»Na, Ihr Mann hilft ja auch«, sagte die andere Frau. »Meiner ja gar nicht. Legt nur die Füße hoch, wenn er nach Hause kommt.«
»Er arbeitet den ganzen Tag«, erwiderte Nico geistesabwesend.
Die Frau starrte sie mit aufgerissenen Augen an. »Ich etwa nicht? Sie doch auch.«
Nico bemerkte, dass sie wohl etwas Falsches gesagt hatte, auch wenn sie nicht wusste, was das sein sollte. »Ja, ich gehe jeden Tag ins Büro«, sagte sie.
»Büro?« Die andere Frau schaute interessiert. »Haben Sie einen Nebenjob angenommen, um etwas dazuzuverdienen? Ist das denn nötig?« Ihre Nase wurde vor Neugierde immer länger. »Verdient Ihr Mann nicht genug? Oder wird er demnächst arbeitslos?«
Nico wusste überhaupt nicht mehr, um was es ging. »Entschuldigen Sie mich«, sagte sie. Sie drehte sich um und schaute auf den Eingang des fremden Hauses.
Langsam kam ihr zu Bewusstsein, was passiert sein musste, aber sie konnte es nicht glauben. Die Münze, die alte Frau . . . das konnte doch nicht sein. So etwas war einfach nur Humbug, Kinderkram. Etwas für Leute, die an solche Dinge glaubten. Aber das passierte doch nicht wirklich.
Sie brauchte eine ruhige Ecke, um nachzudenken. Da ihr hier nichts bekannt vorkam, hatte sie wohl nur die Wahl, im Haus nach einer Ecke zu suchen. Sie ging auf die Tür zu, öffnete sie und schloss sie hinter sich wieder.
Fast unvermittelt setzte draußen Gebrüll ein. »Mama!« Es folgte heftiges Getrommel an die Tür.
Ach, die Bälger, die hatte sie vergessen. Das sollten ihre sein? Was sollte sie mit denen machen? Sie hatte keine Ahnung, wie man mit Kindern umging.
Sie ging zurück und öffnete die Tür wieder. »Geht spielen«, sagte sie. »Ich muss nachdenken.«
Sie wollte die Tür erneut schließen, da ging das Gebrüll wieder los. »Hunger! Spaghetti!«
»Du meine Güte!« Langsam war ihre Geduld erschöpft. Konnten die denn keine Sekunde still sein? Warum mussten sie sie immer belästigen? »Macht euch doch selbst was«, sagte sie und ließ die Kinder stehen.
Sie durchstreifte das Haus wie bei einer Expedition. Hinter der Eingangstür war eine Diele, eine Garderobe mit verschieden hohen Knöpfen zum Aufhängen von Jacken. Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, dass die unpraktischen niedrigen Knöpfe wohl für die Kinder waren, weil sie an die hohen nicht herankamen.
Nachdem sie die Diele durchquert hatte, landete sie bei einer Glastür, die ins Wohnzimmer führte. Diesmal fiel sie wirklich fast in Ohnmacht. Dieses Wohnzimmer war die Spießigkeit hoch zehn. Eine dunkelbraune Schrankwand, eine Polstergarnitur, ein niedriger Couchtisch, ein Fernseher, der das halbe Zimmer einnahm. Fehlte nur noch der röhrende Hirsch an der Wand.
Das Muster der Gardinen war . . . nun ja, gewöhnungsbedürftig. Es schien ziemlich viel Rosa zu enthalten. Nico schloss schaudernd die Tür.
Klirr, knall, bumm! Das kam irgendwo von links. Sie folgte dem Geräusch und landete in der Küche. Zerbrochenes Geschirr lag auf dem Boden, ein Topf kollerte immer noch herum, die halbe Küche stand unter Wasser.
»Was ist das denn?« Nico schüttelte den Kopf.
»Du hast gesagt, wir sollen uns die Spaghetti selbst machen«, rechtfertigte der Junge das Chaos.
»Ich dachte nicht, dass das so schwierig ist«, sagte Nico. »Das kann ja selbst ich.« Sie dachte an die niedrigen Knöpfe im Flur. Der Herd war wirklich etwas hoch für die Kinder und der Geschirrschrank auch. »Holt ein paar Lappen«, sagte sie, »und wischt das auf. Ich mache die Spaghetti.«
Die Kinder blieben stehen und sahen sie an.
»Habt ihr mich nicht verstanden? Ihr sollt das saubermachen. Ich koche ja schon für euch.«
»Aber das machst du doch immer«, sagte das Mädchen.
»Wollt ihr Spaghetti?«
Beide nickten eifrig.
»Dann wischt das auf, sonst gibt es keine.«
Die beiden blickten sich stumm an und flitzten eine Sekunde später los.
Nico hob den Topf vom Boden auf und füllte ihn an der Spüle mit Wasser. Kinder bekochen. Das hätte sie sich nie träumen lassen.
Sie schaute sich in der Küche um. Eine ganz normale Einbauküche. Zu klein, um richtig darin zu arbeiten oder zu essen, gerade nur groß genug, um alle Geräte unterzubringen. Vor der Küche war so eine Art Essecke, ein Tisch mit vier Stühlen, karierte Sitzkissen. Was war das nur für eine Familie?
Sie hob den Topf mit dem Wasser auf den Herd und schaltete die Platte ein. Wasser kochen, das konnte sie noch, aber dann war es mit ihren Kochkünsten vorbei.
Die Kinder kamen mit einem Haufen Handtücher zurück und warfen sie auf den Boden.
»Okay«, sagte Nico. »Seht zu, dass ihr das trockenbekommt, ich werfe das Geschirr weg.« Sie sammelte die Scherben auf und öffnete die Tür unter der Spüle. Wie erwartet befand sich hier der Mülleimer – mit ordentlicher Mülltrennung in drei verschiedenfarbige Untereimer. Nico benutzte dafür nur Plastiktüten. Wenn sie überhaupt daran dachte.
Das Wasser begann zu kochen. »Äh . . . wo sind die Spaghetti?« fragte sie die beiden kleinen Putzteufel, die sich johlend auf den Handtüchern rollten und dadurch auch noch etwas Nässe vom Boden beseitigten.
»Aber Mama . . .« Der Junge stand auf und ging zu einem Schrank. »Hast du doch selbst da reingetan. Du hast wirklich deine komische Zeit.«
»Nico!«
Nico fuhr herum, weil sie dachte, der Ruf gelte ihr, und sah, wie das kleine Mädchen ein klatschnasses Handtuch auf den Jungen warf. Die Kleine kreischte und kicherte vor Vergnügen.
»Du . . .!« Der Junge stürzte sich auf sie, und wieder kugelten sie über die nassen Handtücher. Sie sahen fast schon selbst wie welche aus.
Nico nahm eine Packung Spaghetti aus dem Schrank, riss sie auf und schüttete den Inhalt in den Topf. Das Wasser schäumte, und sie stellte es herunter.
»Ich glaube, das meiste ist jetzt weg«, sagte sie zu den Kindern. »Ihr könnt die Handtücher –«, sie zögerte, »na ja, da hintun, wo ihr sie immer hintut.«
»Ist gut, Mama.« Offenbar verwandelte die Erwartung des kommenden Pastavergnügens die beiden in folgsame Lämmer. Sie sammelten die Handtücher auf und verschwanden damit.
Nico setzte sich an den Tisch mit den karierten Stühlen und legte ihren Kopf in die Hände. Was sollte das jetzt? Was sollte sie tun? Sie konnte doch hier nicht einfach – gelandet sein? Oder war das alles nur ein Traum?
Sie strich sich mit den schweißnassen Händen über ihre Schenkel. Sie schwitzte vor Nervosität. Sie kam mit den Händen am Saum des Rockes an. Ach ja, diesen Mist trug sie ja immer noch. Irgendwo musste doch auch etwas anderes sein. Sie stand auf und blickte sich um. Sicherlich gab es doch einen Kleiderschrank. Es konnte ja nicht sein, dass dieser Rock alles war, was . . . diese Frau besaß.
Diese Frau . . . das war sie selbst, aber sie konnte es immer noch nicht glauben. Sie ging in die Diele zurück und schaute sich um. Wo konnte das Schlafzimmer sein? Sie ging zum Wohnzimmer, aber da war Schluss, auf der anderen Seite war die Küche, so viel mehr war hier nicht, nur noch eine Toilette. Sie ging zurück zum Eingang. Ach ja, da war eine Treppe. Sicherlich waren die Schlafzimmer oben.
Sie ging die Treppe hinauf. Das erste Zimmer konnte sie schon von der obersten Stufe sehen. Es war voller buntem Spielzeug. Kinderzimmer. Sie ging weiter. Am Ende des Ganges war eine geschlossene Tür. Sie öffnete sie. Der Anblick brachte sie zum dritten Mal heute dazu, fast in Ohnmacht zu fallen. Wie konnte jemand in so einem Kitsch schlafen? Sie hätte Alpträume davon bekommen.
Ein großes Ehebett mit einem Baldachin, so einer Art Gardine an den Seiten und Röschen überall.
Aber es nützte ja alles nichts. Sie ging in das Schlafzimmer hinein. Gegenüber vom Bett war eine große Schrankwand, ähnlich der unten im Wohnzimmer, aber mit Spiegeln auf den Türen. Auch das noch. Um den Schrank zu öffnen, musste sie sich von oben bis unten betrachten.
Sie kniff die Augen zusammen, aber ganz konnte sie es nicht verhindern, ihre äußere Erscheinung wahrzunehmen. Ihre langen braunen Haare fielen ihr weich auf die Schultern, die Bluse hatte Rüschen, und der Rock – den hatte sie ja schon gesehen.
In diesem Moment fiel ihr auf, dass ihre dreckigen Schuhe überall auf dem Teppich Spuren hinterlassen hatten, vermutlich auch unten im Haus, überall, wo sie gewesen war. Sah nicht besonders schön aus. Hoffentlich hatte die Familie eine Putzfrau.
Endlich öffnete sie die Tür, aber es war die falsche. Männerhemden, Krawatten, Unterhosen. Wobei, die Hemden, das war ja ganz gut. Sie nahm eins heraus und legte es aufs Bett. Die Hosen waren unsagbar hässlich, alle im Beamtenbüroton, das wollte sie sich nicht antun. Vielleicht hatte die weibliche Hälfte des Schrankes mehr zu bieten. Sie schaute hinein. Tja, wenn man Rosa mochte . . .
Sie seufzte. Das konnte sie unmöglich tragen. Aber vielleicht hatte die Hausfrau ja auch irgendwo eine Hose.
Hatte sie. Sogar mehrere. Elegante Damenhosen ohne Schlitz und Hosentaschen. Sehr praktisch.
Nico nahm die Hosen heraus und zog die am wenigsten hässliche an, nachdem sie den Rock ausgezogen hatte. Die Hose saß hauteng, aber wenigstens hatte sie jetzt nicht mehr das Gefühl, wie ein Clown auszusehen. Sie entsorgte die Rüschenbluse auf dem Boden, warf sich das Männerhemd über und atmete tief durch. Nun fühlte sie sich deutlich besser.
»Mama!« Gekreische im Flur. Gleich darauf stürzten die Monster herein. »Die Spaghetti!«
Die hatte sie ja ganz vergessen. Sie lief die Treppe hinunter und fand im Topf nur noch Matsch vor. War sowieso kein Salz drin, fiel ihr ein. Das hatte sie auch vergessen.
Sie zeigte den Kindern den Topf. »Esst ihr das?«
»Iiihhh!« Die Kinder wandten sich angewidert ab.
»Habt recht. Würde ich auch nicht essen«, nickte Nico, stellte den Topf wieder auf den Herd, machte die Platte aus und schaute sich um. »Pizzadienst?« fragte sie. »Gibt’s hier so was?«
Die Kinder rissen begeistert die Arme hoch. »Ja!«
»Telefonnummer?« fragte Nico.
Beide Kinder liefen los und brachten einen kleinen Faltprospekt an, den sie Nico auf den Bauch drückten.
Nico nahm den Prospekt. »Also, was wollt ihr?«
»Cola!« kam sofort die Antwort.
»Okay, und was noch?«
Die Kinder schauten sie erstaunt an. »Wir dürfen Cola trinken?«
»Ja klar, warum nicht?« sagte Nico. »Ich nehme auch eine. Aber ihr wollt doch auch was essen. Also Pizza, Nudeln, Fleisch – was wollt ihr?« Sie dachte an die Kassette, die der Junge erwähnt hatte, und hoffte, dass genug Geld für die Bestellung darin enthalten sein würde. Ansonsten konnte sie ja die Kinder als Bezahlung mitgeben, dann war sie sie los.
»Spaghetti«, sagte das Mädchen. Sie war wohl sehr unflexibel.
»Döner«, sagte der Junge. »Die haben auch Döner.«
»Gut, Spaghetti und Döner. Und ich nehme eine Pizza. Wo ist das Telefon?«
Die Kinder hatten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ihre Mutter heute anscheinend unter Gedächtnisschwund litt, und führten sie sofort in den Flur.
Nico bestellte das Essen. »Eine gute halbe Stunde, haben sie gesagt«, teilte sie den Kindern mit, nachdem sie aufgelegt hatte. »Sagt mal, Kinder, hat eure Mutter eigentlich auch noch andere Schuhe?« Sie trug immer noch die dreckigen Gartenschuhe.
Das Mädchen zeigte auf einen schmalen Schrank in der Diele.
Nico ging hin und nahm ein paar Pumps heraus. Als sie weitersuchte, fand sie tatsächlich auch noch Joggingschuhe. Sie stellte die Pumps wieder zurück. Gottseidank musste sie die nicht tragen.
»Papa!« Das Mädchen kreischte los und raste zur Tür.
Nico fühlte sich jedesmal halb einem Herzinfarkt nahe, wenn die Kinder so laut schrien und sich so schnell bewegten. Konnten die denn nicht langsam gehen und leise sprechen?
Die Kinder rissen die Tür auf. Nico sah, wie ein Auto von der Straße auf das Grundstück abbog. Sie folgte den Kindern zögernd. Was würde sie nun wieder erwarten?
Ein Mann stieg aus dem Mittelklassewagen. Er sah aus wie die Verkörperung eines Beamten. Kleines Bäuchlein, Halbglatze, unauffällige Kleidung – er trug einen Zwilling der Hosen, die Nico bereits im Schrank gefunden hatte. Er ging um den Wagen herum, öffnete die hintere Klappe und hob etwas heraus.
»Freddy!« Wieder kreischten die Kinder. Sie liefen auf den Mann und das Auto zu.
»Ruhig, ruhig, bleibt im Garten«, rief der Mann. »Ich bringe Freddy rein.«
Die Kinder blieben am Gartenzaun stehen und zappelten ungeduldig herum.
Als der Mann auf das Haus zukam, sah Nico, dass er einen Hund auf den Armen trug. Auch das noch. Sie konnte mit Hunden nichts anfangen. Sie hatte eine Katze . . . gehabt. Sie schloss kurz die Augen. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
»Hältst du mir die Tür auf, Schatz?« fragte der Mann und schaute Nico an.
Wie mein Onkel Emil, dachte Nico. Er sieht aus wie mein Onkel Emil. Sie hatte Onkel Emil gemocht, das machte es leichter.
Obwohl dieser Mann sie Schatz nannte, nahm sie an, dass sie gemeint war, und hielt ihm die Tür so weit auf, dass er mit dem Hund auf den Armen in die Diele treten konnte. Die Kinder hingen an seinen Beinen und brachten ihn fast zum Stolpern.
»Passt doch auf!« sagte Nico scharf. »Er fällt ja noch hin.«
»Ach, lass sie doch.« Der Mann lachte. »Sie haben ihn so lange nicht gesehen.« Er ging mit dem Hund ins Wohnzimmer und legte ihn dort auf eine Decke. »Ihr müsst ganz vorsichtig mit ihm sein«, sagte er ernsthaft zu den Kindern. »Er ist noch nicht ganz gesund. Aber jetzt kann er hier bei uns bleiben.« Er erhob sich und schaute Nico an. »Schatz, wie siehst du denn aus?«
Nico blickte an sich hinunter. »Wie soll ich aussehen?«
»Du hast ja ein Hemd von mir an«, sagte er.
»Ja, ist bequemer als die Blusen«, sagte Nico.
Er zog die Augenbrauen hoch. »So etwas hast du ja noch nie getragen«, sagte er. »Sieht scharf aus.« Er kam auf sie zu. »Willst du mich scharfmachen?« Er nahm sie in die Arme und küßte sie auf den Mund, bevor Nico überhaupt merkte, was er vorhatte.
Seine Zunge versuchte zwischen ihre Lippen zu dringen, aber sie wehrte ihn ab. »Was –?« Sie unterbrach sich. Sie brauchte nicht zu fragen, was er sich da herausnahm, er war offensichtlich ihr Ehemann. Eine unglaubliche Vorstellung. Mit diesem Mann hatte sie zwei Kinder . . . gezeugt? Sie verzog das Gesicht. Schnell überlegte sie. »Nicht vor den Kindern«, sagte sie.
»Ach, du immer«, sagte er.
Na, da hatte sie ja Glück. Ihre Doppelgängerin war anscheinend ziemlich prüde.
»Der Tierarzt hat gesagt, Freddy wird wieder«, sagte der Mann, »aber wenn ich den Autofahrer erwische, der ihn überfahren hat, gnade ihm Gott!« Seine Augen blitzten wütend.
»Ja, das ist schlimm«, erwiderte Nico. Wie jedes Tier in derselben Lage tat der Hund ihr leid, und sie reagierte ganz automatisch, auch wenn der Hund gerade erst in ihr Leben getreten war. »Aber wenn er wieder wird . . .«
»Er wird etwas zurückbehalten«, sagte der Mann. »Ich habe es den Kindern noch nicht gesagt, aber ein Auge ist hin. Und auch sonst . . . so ganz wie früher wird er wohl nie wieder werden.«
»Hätten S- . . . hättest du ihn dann nicht lieber einschläfern lassen sollen?« fragte Nico. »Bevor er sich so quält?«
»Das sagst du?« Er starrte sie an. »Freddy war doch immer dein Ein und Alles. Auch wenn er eigentlich den Kindern gehört, aber er war immer dein Hund.«
»War er das«, sagte Nico. Sie versuchte zu lächeln. »Ich bin froh, dass er wieder wird. Die Kinder sind glücklich.«
»Ja«, sagte der Mann. »Was gibt es zu essen?«
»Äh . . . essen?« Nico schaute ihn verständnislos an.
»Es ist Mittag«, sagte er. »Ich habe Hunger.«
»Wir haben uns etwas bestellt«, sagte Nico. »Die Spaghetti sind leider Matsch.«
»Bestellt? Matsch?« Er wirkte fassungslos.
»Du kannst dir ja auch noch etwas bestellen«, sagte sie. »Vielleicht können sie es dann gleich mitliefern.«
»Mitliefern?« Seine Fassungslosigkeit schien noch zu wachsen. »Ja, hast du denn nichts im Haus?«
Woher soll ich das wissen? dachte Nico. »Ich hatte Lust auf Pizza«, sagte sie. »Das habe ich nicht im Haus.«
»Die machst du doch immer selbst«, erwiderte ihr Mann.
Du meine Güte! Diese Hausfrau . . . »Heute nicht«, sagte Nico.
»Haust du mir schnell ein Kotelett in die Pfanne?« fragte er. »Ich gehe mal nach oben.«
Nico schaute ihm nach, als er die Treppe in den ersten Stock nahm. Was war sie? Seine Köchin? Sein Dienstmädchen? Wenn er etwas essen wollte, sollte er es sich doch selbst in die Pfanne hauen.
Sie ging in die Essecke zurück und setzte sich. Wieder stützte sie ihren Kopf in die Hände. Das war irgendwie nicht das, was sie sich vorgestellt hatte. Zwei Kinder, ein Mann und jetzt auch noch ein Hund . . . das war nicht unbedingt ihr Traum vom Leben.
»Wie sieht es denn im Schlafzimmer aus?« Ihr Mann kam die Treppe wieder herunter. »Haben die Kinder das angerichtet? Diesen ganzen Dreck?«
»Nein, ich«, sagte Nico. Mittlerweile fühlte sie sich ziemlich erschöpft. Sie hätte sich gern ein wenig hingelegt und geschlafen – und wäre dann in ihrer Wohnung aufgewacht.
»Du?« Ihr Mann starrte sie an. »Bist du . . . hast du . . .?«
»Nein«, fuhr Nico auf, »ich habe nicht meine komische Zeit!« Langsam konnte sie das nicht mehr hören. »Ich musste mich einfach umziehen.«
»Und dann bist du mit dreckigen Schuhen nach oben gegangen und hast einfach alles liegenlassen? Geht es dir nicht gut?« Er kam zu ihr und legte eine Hand auf ihre Stirn. »Willst du zum Arzt gehen?«
Sie schüttelte seine Hand ab. »Ich bin kein kleines Kind«, sagte sie. »Ich kann meine Sachen herumliegen lassen, wo ich will.«
»Oh.« Er grinste. »Ich auch? Werde ich nicht mehr ausgeschimpft?«
»Wenn du willst«, sagte Nico. »Soll die Putzfrau es doch wegräumen.«
»Die Putzfrau? Welche Putzfrau? Hast du eine engagiert? Können wir uns das leisten?«
Nico drehte langsam ihren Kopf zu ihm. »Wir haben keine Putzfrau? Wer macht den ganzen Dreck denn dann weg?«
»Na, du.« Ihr Mann schaute sie verständnislos an. »Wie immer.«
»Ach.« Nico hatte immer mehr das Gefühl, sich in einer Welt zu befinden, die sie nicht kannte. Ein anderer Planet vielleicht? »Ich? Tatsächlich? Dieses ganze Haus? Alles?«
»Aber natürlich, Schatz.« Er lachte und nahm sie in den Arm. »Du bist aber heute sehr merkwürdig.«
Sein männlicher Duft, gemischt mit Schweiß, stach ihr in die Nase. Sie drückte ihn von sich weg.
»Die Kinder, ich weiß«, sagte er seufzend. »Aber heute Nacht . . .«, er beugte sich zu ihrem Ohr und flüsterte, »sind keine Kinder im Zimmer.« Er küßte sie auf die Nasenspitze und richtete sich auf. »Was macht mein Kotelett?«
»Nichts«, sagte Nico. »Ich habe keine Ahnung, wo es ist.«
»Du hast keine Ahnung –?« Er starrte sie ungläubig an. »Im Gefrierschrank ist nichts mehr?«
Nico zuckte die Schultern. »Weiß nicht.«
»Schon gut«, sagte er. »Ich mache es mir selbst. Und auch wenn ich es nicht aussprechen darf, du hast sie doch, deine –« Er ging an ihr vorbei in die Küche.
»Mami?« Das kleine Mädchen stand vor ihr. »Kommst du nicht zu Freddy?«
Freddy? Wer war wieder Freddy? Ach so, der Hund. »Nein«, sagte Nico. »Spielt ihr nur mit ihm.«
»Er kann nicht spielen, er ist zu schwach«, sagte das Mädchen und verzog schmollend die Lippen. »Du musst zu ihm gehen.«
»Ich muss –« Nico brach ab. Sie musste gar nichts, aber was sollte sie tun? Immer nur nein sagen? Das war auf die Dauer sehr anstrengend. »Ich komme«, seufzte sie und stand auf.
Kurz darauf klingelte der Pizzabote, und sie setzten sich alle gemeinsam an den Tisch, um zu essen. Es war nicht die Art Essen, die Nico kannte. Die Kinder plapperten ständig, ihr Mann fragte sie, warum sie auf einmal Cola trinken durften, die Kinder schrien, weil er sie ihnen wegnahm. Von ruhigem, gemütlichem Essen keine Spur.
Nico versuchte sich auf ihre Pizza zu konzentrieren und ihren Gedanken nachzuhängen, aber immer wieder wurde sie gestört, gefragt, sollte etwas holen oder bringen. Wer war sie? Langsam kam sie sich wie eine Sklavin vor, die kein eigenes Leben hatte.
Nach dem Essen stürzten die Kinder hinaus, und ihr Mann blieb mit ihr allein. »Du bist schon irgendwie komisch heute«, sagte er und betrachtete sie nachdenklich. »Ich muss los.« Er stand auf. »Mittagspause ist vorbei. Bis heute Abend.« Er kam zu ihr und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.
Sie sah sein Auto aus der Ausfahrt rollen und atmete auf. Endlich Ruhe.
Sie hörte ein leises Wimmern. Was war das denn jetzt wieder? Die Kinder – Ach nein, das kam nicht aus dem Garten, das kam aus dem Wohnzimmer. Der Hund. Er hatte wohl Schmerzen.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Einen Hund hatte sie noch nie gehabt, und ihre Katze war nie krank gewesen. Das Wimmern wurde lauter. Als sie das Wohnzimmer betrat, klopfte der Schwanz des Hundes heftig auf den Boden, und er versuchte aufzustehen.
»Das sollst du doch nicht.« Sie ging zu ihm und hockte sich hin. »Freddy.«
Der Hund hob den Kopf und leckte ihre Hand. Er war glücklich, dass sie da war. Er liebte sie offensichtlich abgöttisch.
»Hast du Schmerzen?« Sie strich ihm über den Kopf. Das Fell war ganz weich. Nicht so weich wie das einer Katze, aber auch weich genug.
Er legte den Kopf zur Seite und schaute sie von unten vertrauensvoll an. Wenn sie da war, hatte er keine Schmerzen mehr. Sie war seine Welt.
»Oh Hund«, seufzte Nico. »Wenn du wüsstest. Ich bin nicht dein Frauchen. Ich habe überhaupt nichts übrig für Hunde.«
Freddy klopfte wieder leicht mit dem Schwanz. Das war sein Frauchen, und ihre Stimme sprach zu ihm, das reichte ihm schon.
»Ihr Hunde seid verrückt«, sagte Nico, setzte sich neben ihn auf den Boden und lehnte sich an die Wand. »Ihr vertraut den Menschen. Warum tut ihr das? Menschen sind böse.« Sie schaute ihn an. »Der, der dich angefahren hat, zum Beispiel. Das ist ein ganz böser Mensch. Du solltest nicht einfach allen Menschen vertrauen.«
Freddy wedelte.
Nico musste lachen und streichelte ihn. »Wenigstens machst du keinen Krach und auch keinen Dreck, das ist schon mal ein Vorteil in diesem Haus. Du bist tausendmal besser als diese Monster da draußen. Warum kann ich nicht nur dich haben und die da draußen nicht?«
Und diesen Mann . . .? Heute Nacht, hatte er gesagt. Das konnte nur eines bedeuten. Wenn er eine Frau gewesen wäre, kein Problem, aber sie hatte noch nie in ihrem Leben mit einem Mann geschlafen, wie sollte das werden?
Nicht dass sie nicht zu Experimenten bereit war. Das hier war nicht real, eine andere Welt, aber das . . . das war schon . . . sehr gewöhnungsbedürftig.
Mit einem Mann zu schlafen . . . normal war das nicht.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, fand sie sich zuerst nicht zurecht. Dann kam die Erinnerung wieder.
Ich bin immer noch hier? dachte sie. Sie hatte gehofft, dass dieser Alptraum nach einer Nacht vorbei wäre. Aber sie sah die rosa gemusterten Gardinen des Wohnzimmers vor sich, und das konnten auf keinen Fall ihre sein.
Sie hatte auf der Couch geschlafen. Trotz aller positiven Überlegungen zum Sex mit Männern – Millionen Frauen taten das, warum nicht auch sie? – hatte sie sich doch nicht überwinden können.
Ihr Mann – ihr Mann, wie das klang! – hatte es seufzend akzeptiert und auf ihre komische Zeit geschoben. Er kannte das wohl schon. Natürlich hatte er sich gewundert, warum sie gleich ins Wohnzimmer umziehen musste, das war sicherlich noch nie vorgekommen, aber anscheinend war er daran gewöhnt, dass seine Frau hin und wieder Entscheidungen traf, die er nicht verstand. Er diskutierte nicht.
Das zumindest war angenehm an Männern, sie redeten nicht soviel, drückten einem keine Beziehungsgespräche aufs Auge, wollten nicht alle gefühlsmäßigen Tiefen erforschen. Ihnen reichte die Praxis.
Darauf hatte er zwar jetzt auch verzichten müssen, aber seine Erfahrung hatte ihm wahrscheinlich gesagt, dass das nicht anhalten würde. Wie wären sonst die beiden Kinder entstanden?
Diese Kinder . . . das war wirklich das, worauf sie am ehesten verzichten konnte. Sie fragte sich, wie Mütter das aushielten. Ständig wollten die Kleinen irgend etwas, kloppten sich, verletzten sich, schrien, liefen herum – keine ruhige Minute hatte man. Erklären konnte man ihnen vieles auch nicht, weil sie es einfach nicht verstanden.
Nico hatte sich deshalb auf reine Befehle verlegt, und das schien ganz gut zu funktionieren. Jedenfalls war ihre wirkliche Mutter kein Weichei, die den Kindern alles durchgehen ließ. Sie hatte eindeutige Regeln aufgestellt.
Eine feuchte Nase stupste sie an.
»Ach, Freddy.« Nico schaute auf den Hund. »Dir geht es ja anscheinend besser.«
Freddy stand neben der Couch und wedelte sie freundlich an. Sie bemerkte, dass eines seiner Augen trüb war. Aber Schmerzen schien er dort nicht zu haben.
»Warum gibt es eigentlich keine Hundeklos in der Wohnung?« fragte Nico ihn. »So wie Katzenklos. Das wäre doch viel praktischer.«
Freddy machte einen Schritt zur Tür, als Nico aufstand, und sie sah, dass er sich immer noch nur mühsam bewegen konnte, aber er konnte es wenigstens.
»Na komm«, sagte sie. »Ich lasse dich in den Garten.«
Sie warf sich das über, was die Hausfrau hier wahrscheinlich als Morgenmantel bezeichnete, rosa natürlich, und nahm sich vor, heute erst einmal einkaufen zu gehen und ein paar Sachen zu kaufen, die man tragen konnte, ohne dabei rot zu werden.
Als sie die Wohnzimmertür öffnete, humpelte Freddy mühsam zur Haustür. Sie ließ ihn in den Garten und ließ die Tür offenstehen, damit er wieder hereinkommen konnte.
In der Küche suchte sie nach einer Kaffeemaschine und fand lediglich das altertümliche Modell eines Kaffeefilters zum Handaufbrühen. »Also kein Espresso«, seufzte sie, füllte Wasser in den Kessel, der auf dem Herd stand, und begann in den Schränken nach Kaffee und Filtertüten zu suchen. Einen Vorteil hatte diese Hausfrauensache ja: Es war alles ordentlich eingeräumt und leicht zu finden.
Nachdem sie die Filtertüte eingelegt und den Kaffee hineingeschüttet hatte, wartete sie darauf, dass das Wasser zu kochen beginnen würde, und schaute zum Fenster hinaus. Es war friedlich hier, um diese Tageszeit zumindest, es musste noch sehr früh sein. Sie hatte keine Uhr. Eigentlich war sie keine Frühaufsteherin, aber diese Familie ging schon am frühen Abend ins Bett, die Eltern nicht viel später als die Kinder. Gestern war sie so erschöpft gewesen, dass sie diese Regelung sehr begrüßt hatte. Es war noch nicht einmal zehn gewesen, als sie eingeschlafen war. Deshalb war sie wohl so früh wachgeworden.
Ein leises Pfeifgeräusch zeigte an, dass das Wasser zu kochen begann. Bevor es lauter werden konnte, stellte Nico die Platte ab und goss das Wasser in den Filter. Sie hoffte, dass die Menge Kaffee, die sie hineingetan hatte, die richtige war. Auf diese Art hatte sie schon lange keinen Kaffee mehr aufgebrüht.
Sie schaute dem Kaffeemehl zu, wie es aufquoll, und hörte den Kaffee langsam in die Tasse tropfen. Ein leise tapsendes Geräusch ließ sie sich umdrehen. »Na, Freddy, wieder da?« fragte sie und wunderte sich darüber, dass sie sich freute, den Hund zu sehen. Er war der einzige in diesem Haus, mit dem sie sich einigermaßen wohlfühlte. Sie lachte leicht. »Was habe ich gesagt? Du machst keinen Dreck? Na, das war wohl ein Irrtum.«
Freddys Pfoten hatten dicke Spuren auf dem Boden hinterlassen.
»Ich nehme einmal an, irgendwo muss auch etwas für dich sein«, sagte sie und versuchte sich zu erinnern, ob sie irgendwo Hundefutter gesehen hatte. Ein Wassernapf stand auf dem Boden. Freddy humpelte hin und trank.
Gestern war Freddy noch zu schwach gewesen, um zu fressen, und nun wusste sie nicht, wo das Futter war. Sie hätte ihren Mann fragen sollen.
Ihren Mann . . . Der war ja nicht einfach verschwunden. Sie schüttelte den Kopf. Schon eine merkwürdige Welt, diese Heterowelt. Diese Selbstverständlichkeit.
Sie fand kein Hundefutter und schaute sich um. Vielleicht im Kühlschrank. Sie goss noch einmal Wasser in den Kaffeefilter und ging zum Kühlschrank hinüber. Freddy humpelte ihr nach. Das schien die richtige Richtung zu sein.
Sie öffnete den Kühlschrank und suchte nach offenen Büchsen. So etwas gab es darin nicht. Die Hausfrau kochte offensichtlich alles selbst. Es gab verschiedene, ordentlich verschlossene und aufgestapelte Plastikdosen mit wahrscheinlich Resten darin. Ob eins davon Hundefutter war?
Sie öffnete eine Dose. Käse. Nein, das war es nicht. Freddy schaute erwartungsvoll zu ihr auf. »Ja, wenn du das selbst machen könntest . . .«, sagte sie. »Du weißt bestimmt, welche Dose die richtige ist.« Freddy wedelte zuversichtlich.
Sie hörte ein laut tropfendes Geräusch und drehte sich um. Der Kaffee! Sie hatte wohl zuviel Wasser in den Filter gegossen. Die Tasse stand in einem braunen See, der langsam von der Arbeitsplatte heruntertropfte.
Sie ließ den Kühlschrank Kühlschrank sein und machte einen Sprung zum Kaffee hin. Irgendwo hatte sie doch – Ja, richtig, da war so ein Küchenrollendings an der Wand. Sie riss ein paar Tücher ab, hob die Tasse hoch und wischte den übergelaufenen Kaffee auf.
Hinter sich hörte sie es poltern. Freddy hatte anscheinend die richtige Dose im Kühlschrank gefunden.
Sie schaute zu ihm hin. »Wusste ich doch, dass du das besser kannst als ich«, sagte sie. »Wenn du sie jetzt auch noch aufmachen könntest . . .«
Sie öffnete den Schrank unter der Spüle und warf das braungesprenkelte Küchentuch in den Mülleimer. In irgendeinen. Mit diesen Unterteilungen kam sie noch nicht klar. Dann ging sie zu Freddy hinüber, der erwartungsvoll vor der heruntergefallenen Dose stand. Sie öffnete die Dose. »Bist du sicher, dass das Hundefutter ist?« fragte sie skeptisch.
Freddy wedelte und nickte freudig. Er hatte langsam Hunger.
Nico nahm das große Stück Fleisch heraus und legte es in seinen Napf.
Freddy schnupperte daran und versuchte es zu fressen, aber es war so groß, dass das schwierig war.
»Soll ich es dir kleinschneiden?« fragte Nico. Sie zog die Schubladen auf und fand ein großes Messer. Sie nahm das Fleisch aus Freddys Napf, zerteilte es in kleinere Stücke und füllte den Napf damit.
Nun machte Freddy sich so schnell darüber her, dass er schmatzte.
Nico setzte den Filter von der Kaffeetasse in die Spüle um, nahm Milch aus dem Kühlschrank und goss sie in ihren Kaffee. Sie probierte und verzog das Gesicht. »Na, das muss ich noch üben.« Trotzdem nahm sie die Tasse und ging in den Garten hinaus. Sie hatte dort gestern eine Bank gesehen. Die Bank war immer noch da, und Nico setzte sich.
Allmählich kam Leben in diese Einfamilienhaussiedlung. Die ersten Männer fuhren zur Arbeit – ausschließlich Männer, sie sah keine einzige Frau –, und langsam schien Haus für Haus zu erwachen. Ein Haus am anderen, fast alle sahen gleich aus. Wie konnte man so leben?
Sie trank ihren Kaffee und beobachtete, wie einige der Männer an der Haustür verabschiedet wurden. Die Frau des Hauses stand oft im Morgenmantel da, während er in Anzug und Krawatte einen Kuss auf ihre Wange hauchte. Sobald er weg war, ging sie ins Haus zurück und schloss die Tür hinter sich.
Machen die das jeden Morgen so? dachte Nico. Immer wieder? 365 Mal im Jahr? Nein, natürlich nicht, jeden Tag arbeitete ja niemand. Also die Wochenenden abgezogen und Urlaub, Feiertage – irgend etwas über zweihundertmal im Jahr, das war realistisch. Zweihundertmal aufstehen, rausgehen, Küsschen auf die Wange, reingehen, Tür schließen. Auf die Sekunde genau.
Nico schauderte.
»Gibt es kein Frühstück?« Ihr Mann stand plötzlich neben ihr. »Was machst du hier draußen? Ich musste dich erst suchen, ich wusste gar nicht, wo du bist.«
»Ich wollte in Ruhe Kaffee trinken«, sagte Nico.
»Was ist nur mit dir los?« Er schüttelte den Kopf. »Die Kinder stehen gleich auf, und es steht nichts auf dem Tisch.«
»Auf dem Tisch?« Nico runzelte die Stirn.
»Frühstück«, wiederholte er ungeduldig. »Toast, Marmelade, Butter, Käse, Wurst«, er schaute auf ihre Tasse. »Kaffee?«
»Danke, ich hab’ schon«, sagte Nico.
»Und meiner?« fragte er. »Wo ist die Kanne?«
»Oh.« Nico runzelte erneut die Stirn. »Es gibt eine Kanne?«
Er verdrehte die Augen. »Machst du jetzt Frühstück, oder soll ich es tun? Ich muss gleich zur Arbeit.«
»Mach du es doch«, sagte Nico. »Das wäre lieb.«
»Ich meinte das ja wohl kaum ernst«, sagte er. »Wo bist du nur mit deinen Gedanken?«
Nico stand auf. Irgend etwas musste sie wohl tun. »Ich fühle mich nicht so gut«, sagte sie. »Wäre es ganz schlimm, wenn du das Frühstück machen würdest? Ich kann dir ja helfen.«
»Helfen?« Er starrte sie an. »Ich glaube, du solltest wirklich einen Termin beim Arzt vereinbaren. Da ist ganz entschieden was nicht in Ordnung bei dir.«
»Hilfst du mir nun?« fragte Nico. »Sonst gibt es vielleicht gar kein Frühstück.«
Er atmete tief durch. »Ich habe keine Zeit mehr«, sagte er. »Ich frühstücke im Büro.« Er ging ins Haus zurück.
Nico folgte ihm und ging in die Küche. Da sie nun schon wusste, wo der Kühlschrank war, öffnete sie ihn erneut und nahm ein paar Sachen heraus. Sie stellte sie auf den Esstisch. Den Toast hatte sie auch irgendwo gesehen, und ein Toaster stand auf der Arbeitsplatte. Langsam fand sie sich zurecht.
Ihr Mann kam erneut herein, genauso herausgeputzt wie seine Geschlechtsgenossen, die bereits zur Arbeit gegangen waren. »Wo ist der Kakao für die Kinder?« fragte er.
Nein, ich frage jetzt nicht: Kakao? dachte Nico. »Mache ich noch«, sagte sie.
Er schüttelte erneut den Kopf. »Ich liebe dich, Schatz, aber manchmal verstehe ich dich einfach nicht.« Ein leichtes Lächeln überzog sein Gesicht. »Aber ich freue mich auf den Braten heute Mittag. Den machst du immer phantastisch.«
Braten? Nico sah ein großes Stück Fleisch vor sich, schön rot und marmoriert. Ja, so sah ein Braten aus. Ihr Blick wanderte zu Freddys Napf. »Äh, ich glaube, den Braten hat Freddy zum Frühstück gefressen«, sagte sie.
»Was?« Er starrte sie an. »Und was gibt es dann heute Mittag?«
»Pizzadienst?« fragte Nico unschuldig.
»Wir können doch nicht jeden Tag etwas beim Pizzadienst bestellen«, sagte er. »Wer soll das bezahlen? Oder willst du dafür arbeiten gehen?« Es klang, als ob er das sehr absurd fände. »Außerdem kochst du sowieso viel besser. Also lass dir was einfallen. Dann gibt es halt keinen Braten.« Er schaute ungläubig auf Freddys leeren Napf. »Wieso hast du Freddy den Braten gegeben?« Aber er erwartete keine Antwort. Er ging zur Tür. »Kriege ich keinen Kuss heute?« fragte er, als er draußen auf dem Absatz stand.
Nico zögerte. »Doch, natürlich«, sagte sie dann.
Und eine weitere Hausfrau in einem rosa Morgenmantel gab ihrem Mann im Anzug einen Abschiedskuss, um ihn zur Arbeit zu schicken.
Nico schloss die Tür und ging in die Küche zurück. Von den Kindern war immer noch nichts zu hören. Sie waren anscheinend keine Frühaufsteher, das war gut. »Was meinst du, Freddy?« sagte sie zu dem Hund, der ihr auf Schritt und Tritt folgte. »Sollen wir in die Stadt fahren, was einkaufen? Eine ordentliche Hose?«
Freddy wedelte. Er würde alles mitmachen, was sie ihm vorschlug.
Aber zuerst einmal musste sie sich anziehen. In diesem Morgenmantel fühlte sie sich langsam wirklich wie eine Hausfrau. Sie ging ins Wohnzimmer zurück. Die Sachen von gestern konnte sie zwar noch einmal tragen, aber wenigstens die Unterwäsche musste sie wechseln, also musste sie nach oben gehen. Die Dessous lagen auch in diesem geschmackvollen Spiegelschrank.
Als sie am Bad vorbeikam, wünschte sie sich spontan eine Dusche und ging hinein. Ah, da waren die Handtücher vom Küchenfußboden gelandet. Die Kinder hatten sie einfach wieder zu den Handtüchern geworfen, die noch im Regal lagen. Sie musste mal fragen, wo die Waschmaschine war.
Sie zog sich aus und trat unter die Dusche. Das Wasser war angenehm, und sie vergaß für einen Augenblick, wo sie war. Sie schloss die Augen.
»Mama?« Das kleine Mädchen – Nico wusste mittlerweile, dass sie Julia hieß – stand im Schlafanzug vor ihr und rieb sich die Augen.
Nico fühlte sich unwohl in ihrer Nacktheit, aber es war ja nur ein Kind. »Ich komme gleich«, sagte sie genervt.
»Warum hast du uns nicht geweckt?« fragte Julia.
»Weil ihr dann gleich wieder losgeschrien hättet und ich mir das ersparen wollte«, sagte Nico. Sie hatte erkannt, dass die Kinder lange Sätze noch nicht verstanden. Sie konnte also alles sagen, wenn der Satz nur lang genug war.
Auch Julia schaute sie jetzt verständnislos an.
»Ich komme gleich«, wiederholte Nico etwas sanfter. Das Kind konnte ja nichts dafür. Sie waren es gewöhnt, morgens von ihrer Mutter geweckt zu werden und dann Frühstück zu bekommen, das konnte sie ihnen schlecht vorwerfen. Schließlich hatte sie das als Kind auch erwartet. »Ich muss mich aber erst anziehen«, sagte sie. »Du kannst ja schon mal deinen Bruder wecken.«
Julia nickte. Das hatte sie verstanden. Sie lief aus dem Bad.
Nico stieg aus der Dusche und suchte ein Handtuch, das noch einigermaßen trocken war. Das unterste im Stapel hatte den Angriff der Kinder überlebt. Sie trocknete sich ab und ging ins Schlafzimmer hinüber, ignorierte die Rosen über dem Bett und die dreckigen Fußstapfen auf dem Teppich und suchte sich neue Unterwäsche heraus. Besonders erotisch war die zwar nicht – darauf legte die Hausfrau wohl keinen Wert –, aber wenigstens passte sie.
Sie ging hinunter. Beide Kinder liefen bereits in Schlafanzügen in der Küche herum. »Wo ist unser Kakao?« fragte der Junge.
»Kommt gleich.« Nico zeigte auf den Kühlschrank. »Nehmt alles raus, was ihr morgens so esst. Ein paar Sachen stehen schon auf dem Tisch. Ach, und wenn etwas zu hoch für euch ist, ruft mich.«
Nico öffnete den Schrank, in dem die Kakaobüchse stand. Sie hatte sie bereits bei ihrer Suche nach dem Kaffee entdeckt. Im Kühlschrank stand Milch, sie nahm sie heraus, goss sie in einen kleinen Topf und stellte den Topf auf die Platte. Kakao hatte sie mindestens ebenso lange nicht mehr zubereitet wie Filterkaffee, aber irgendwie würde es schon gehen.
Die Kinder waren eifrig dabei, die Sachen aus dem Kühlschrank auf den Tisch zu räumen. So wie es aussah, aßen sie alles zum Frühstück, sogar gekochtes Gemüse und Kartoffelbrei. Nico musste lachen. Sie hatte völlig vergessen, wie es war, ein Kind zu sein. Und sie hatte Kinder auch nie besonders gemocht. Sie hatte sich nie mit ihnen beschäftigt. Aber wenn sie die beiden jetzt so eifrig arbeiten sah, damit sie ihr Frühstück bekamen, erschienen sie ihr eigentlich doch ganz nett. Na ja, bis sie wieder rumschreien, dachte sie. Aber vermutlich würde sie sich selbst daran mit der Zeit gewöhnen.
Mit der Zeit? Sie schloss kurz die Augen. Nein. Nein, das konnte sie sich nicht vorstellen. Dieses Leben bis in alle Ewigkeit?
Neben ihr zischte etwas. Die Milch begann überzulaufen. Sie nahm sie schnell vom Herd und stellte sie auf die Spüle. Sie rührte Kakao hinein, bis sie das Gefühl hatte, es wäre genug, und trug den Stieltopf in die Essecke hinüber. Die Kinder hatten zwar den Kühlschrank fast vollständig leergeräumt, aber Teller, Besteck oder Tassen gab es auf dem Tisch noch nicht. Sie trug den Topf zurück, holte Geschirr und Besteck und fand auch einen Untersetzer für den Topf, auf den sie ihn stellen konnte.
