Aus zwei Welttheilen, Erster Band. Gesammelte Erzählungen - Gerstäcker, Friedrich - kostenlos E-Book

Aus zwei Welttheilen, Erster Band. Gesammelte Erzählungen E-Book

Friedrich, Gerstäcker

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The Project Gutenberg EBook of Aus zwei Welttheilen, Erster Band., by Friedrich GerstäckerThis eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and mostother parts of the world at no cost and with almost no restrictionswhatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms ofthe Project Gutenberg License included with this eBook or online atwww.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll haveto check the laws of the country where you are located before using this ebook.Title: Aus zwei Welttheilen, Erster Band.       Gesammelte ErzählungenAuthor: Friedrich GerstäckerRelease Date: October 12, 2015 [EBook #50187]Language: German*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS ZWEI WELTTHEILEN, ERSTER BAND. ***Produced by The Online Distributed Proofreading Team athttp://www.pgdp.net (This book was produced from scannedimages of public domain material from the Google Booksproject.)

Aus zwei Welttheilen.

Gesammelte ErzählungenvonFriedrich Gerstäcker.

Erster Band.

Leipzig, Arnoldische Buchhandlung. 1854.

Inhalt des ersten Bandes.

SeiteHeimweh und Auswanderung1Die Wolfsglocke27Die Ahnung83Schwarz und Weiß137Der Freischütz227Die Schoonerfahrt275Berlin und das Schauspielhaus im Belagerungszustand 401

Heimweh und Auswanderung.Skizze.

Vor Jahren, und noch nicht einmal vor so gar langen Jahren, war eine Reise von mehr als zwanzig Meilen ein Gegenstand, der nicht allein jede nur erdenkliche Vorbereitung erforderte, sondern den Reisenden selbst fast wie einen tollkühnen Wagehals erscheinen ließ, der sein eigenes Leben und die Ruhe seiner Verwandten und Freunde keinen Deut hoch achtete, sondern nur, ein zweiter Robinson Crusoe, Lust habe, seine Tage unter Wilden und Cannibalen zu beschließen. Damals standen noch wohlbeleibte Wirthe mit den dicken, gemüthlichen Gesichtern in der Thür ihrer Gasthäuser und unter den an starken eisernen Stäben hin- und herknarrenden Conterfeys von rothen Drachen oder noch rötheren Potentaten, sahen die alte, wohlbekannte Landkutsche halbe Stunden lang bedächtig auf der ausgefahrenen Straße heranrasseln, und berechneten schon im Voraus, für wie viel Gäste die hochlägerigen, schneeweiß überzogenen Betten hergerichtet, wie viel Paar Pantoffel zum Wärmen an den Ofen gestellt werden müßten.

Jetzt dagegen zischen und schnauben keuchende Locomotiven ihre eiserne Bahn entlang – die Drachen und Potentaten sind (beide jedoch nur von den Wirthshausschilden) verschwunden und haben französirten Hotels – »de Leipsic, de Katzenellenbogen etc.« – Platz gemacht, und langbeinige, dünnleibige Wirthe und Kellner stürzen, mit ganzen Armladungen voll Erfrischungen, von Coupee zu Coupee, um die nie mehr einkehrenden Passagiere zu veranlassen, ihr Geld im Fluge zu verzehren.

Der Ocean hält mit dem festen Lande Schritt; sonst nannte man eine Fahrt von Hamburg nach Helgoland eine »Seereise«, jetzt heißen die, zwischen Newyork und Liverpool »spielenden«, ungeheueren Packetdampfschiffe »Fährboote«, und Pianofortes und Brüsseler Spitzen werden nach Gegenden hingeschafft, in denen noch vor kurzer Zeit Schellen und Glasperlen als Wunderwerke der Kunst galten.

Der Mensch selbst bleibt dann natürlich nicht hinter dem Fortschritt der Länder zurück – der enge Kreis, der sonst den Hausvater an die Scholle bannte die er bewohnte, wird ihm jetzt zu eng, und wenn er die Seinen nicht verlassen kann, ei nun, so nimmt er sie mit zu anderen Zonen. Ein mit dem Vaterland Zerfallener – ein »Weltschmerzdurchtobter« – dachte früher nur selten daran, die alten Ketten und Verhältnisse, die ihn bisher gebunden, abzuschütteln und auf neuem Boden, von der neuen, lebensfrischen Keimkraft einer anderen Welt durchglüht, ein ebenso neues, ein ebenso frisches Leben zu beginnen, – das Wort »Europamüde« stand noch in keinem deutschen Wörterbuch. Jetzt ziehen Tausende von ruhigen Landleuten, die bis dahin von Schiffen keine anderen kannten als Weberschiffe, und das Wasser, außer dem Hausgebrauch, nur noch zum Mühlentreiben verwendbar hielten, mit schwellenden Segeln über brausende Wogen hin, einer neuen, ferngelegenen Heimath zu, und befinden sich auch dort schon, nach ganz kurzem Aufenthalte so wohl, so bekannt, als ob sie zwischen lauter Negern und Mulatten aufgewachsen wären, und von frühester Kindheit an nichts Anderes gegessen hätten, als Maisbrod und Ananas.

Deutschland, das sonst so ruhige, gemüthliche Deutschland, ist auf Reisen gegangen; Michel hat Schlafrock und Pantoffeln ausgezogen, und am Ganges, Nil und Niger, am Amazonenstrom wie am Mississippi verlangt er von dem aufs Aeußerste erstaunten Echo, ihm »Ei du lieber Augustin« und »schöner grüner Jungfernkranz« nachzusingen.

Betritt nun der Deutsche amerikanischen Grund und Boden, und ist ihm selbst die Sprache fremd, die er von lauter fremden Menschen sprechen hört, dann erfaßt ihn gewöhnlich zum ersten Mal jenes Gefühl gänzlicher Verlassenheit, das er selbst bei dem Abschied aus der Heimath, als er den letzten blauen Streifen des Vaterlandes in nebliger Ferne schwinden sah, noch nicht empfand. Damals, in ganz neuer, fremdartiger Umgebung, wo Scene nach Scene wechselte, und jede nachfolgende immer wieder frischeres, lebendigeres Interesse bot, – noch dazu von lauter Landsleuten umgeben, die nur über Sachen sprachen die ihm selbst bekannt, mit denen er selbst vertraut war, fühlte er, glaubte er noch nicht, daß der letzte Faden zerrissen sei, der ihn an vaterländische Erde band, – er war nur eben unterwegs, und das Meer, in dessen wundervolle Bläue er jetzt hineinstarrte, umfluthete ja auch den heimischen Strand.

So vergrößerte sich nach und nach die Entfernung, ohne daß er im Stande war einen Maßstab anzulegen, wie er von Stunde zu Stunde alles Das weiter zurückließ, an dem bis jetzt sein ganzes Herz gehangen, und das ihm durch Liebe und Gewohnheit heilig geworden war.

Der erste Schritt auf fremder Erde zerstört den Wahn – von seinen Reisegefährten trennt ihn gewöhnlich bald irgend ein anderer Plan, trennen ihn andere Interessen, andere Ansichten – er verliert sie in dem ihn umtosenden Gedränge aus den Augen, und erst dann – erst in dem Augenblick steigt mit einem Schlage die ganze starre Wahrheit vor ihm auf: du bist im fernen, fremden Land allein.

In der Zeit schließt er sich an Jeden an, der deutsch spricht – in der Zeit glaubt er einem Jeden, der ihm versichert, daß er es gut und ehrlich mit ihm meine – ach seine ganze Seele hängt ja an dem Glauben. Nur zu häufig fällt er aber auch dann gerade in die Hände listiger Speculanten, die, in der amerikanischen Schule gestählt, jeden fremden Einwanderer, komme er nun aus der eigenen Heimath oder wo anders her, wie einen Schwamm betrachten, den sie so lange drücken und kneten, als noch ein Tropfen Wasser in ihm enthalten ist, und erst dann, nachdem sie sich ihres Erfolgs vergewissert haben, wie ein abgenutztes Handwerkszeug bei Seite werfen.

Der also Mißbrauchte sieht sich so von Jedem, dem er mit treuem Herzen vertraute, hintergangen und verspottet, und jetzt stürmen urplötzlich all die tausend und tausend gehörten und für Märchen gehaltenen Geschichten auf ihn ein, durch die er in der alten Heimath vor solchen Freunden gewarnt worden war. Er gleicht jetzt dem Knaben, der sich, schon unter Wasser, noch deutlich daran erinnert, daß ihm Jemand gesagt hätte, das Eis würde nicht halten. Er ist aber einmal durchgebrochen, und nur starkes, kräftiges Ringen kann und wird ihn wieder an die Oberfläche bringen.

Nun sind es allerdings großentheils Deutsche, die in den Seestädten Amerikas einzig und allein darauf auszugehen scheinen, ihre Landsleute durch falsche Verkäufe, Landspeculationen oder sonstige Betrügereien zu hintergehen; das hat aber hauptsächlich darin seinen Grund, daß der Amerikaner nur selten Deutsch genug versteht, sich des eben Eingewanderten Vertrauen zu erwerben und Vortheil aus ihm zu ziehen, sonst wäre er der letzte, der sich ein Gewissen daraus machen würde, ein greenhorn[1] hinters Licht zu führen.

[1]: Greenhorn – ein unübersetzbares Wort, das der Amerikaner von solchen braucht, die in einer neu unternommenen Sache noch gänzlich unbekannt sind, wie z. B. ein Landbewohner, der Matrose werden wollte, im Anfang stets ein greenhorn genannt werden würde.

Der Amerikaner hat überhaupt, besonders im Handel, wunderliche Begriffe von Ehrlichkeit, und hält Manches für erlaubt, was wir nach unseren Ansichten unmöglich billigen könnten. Ich brauche da nur an die aus Kien gedrehten Muskatnüsse, an hölzerne in Leinwand eingenähte Schinken, an aus Kartoffeln und rothem Flanell gestopfte Würste, und an viele andere Betrügereien zu erinnern, die den Schuldigen vor Gericht allerdings verdammt hätten, denen aber der Amerikaner selbst seine volle Bewunderung zollt und einen solchen Pfifficus höchstens einen »deuced smart fellow«, einen »verwünscht schlauen Burschen« nennt.

Nun ist es aber nicht allein das Vertrauen gegen Andere, vor dem sich der neu eingewanderte Deutsche besonders zu hüten hat, sondern auch das in sich selbst, was ihm nicht selten noch größeren Schaden thut als das erste, denn jenes kostet ihm gewöhnlich nur Geld und er gewinnt dafür Erfahrung, das andere aber kostet ihm seine Zeit und die kann ihm Nichts wieder ersetzen.

Ich möchte hier übrigens nicht mißverstanden werden, denn ich will keineswegs damit sagen, daß der Europäer nicht auf seine eigenen Kräfte, auf seine eigene Ausdauer und Beharrlichkeit vertrauen solle. Nein im Gegentheil, ein solches Vertrauen ist sogar unumgänglich nöthig, er würde sonst untergehen in Zweifel und Unentschlossenheit; er soll sich aber nicht einbilden daß er nach Amerika gekommen ist, um die Eingeborenen durch seine eigene Geschicklichkeit in Erstaunen zu setzen – er soll nicht, ohne vorher zu prüfen, seine Manier zu arbeiten für die bessere, seine Werkzeuge für die einzigen guten halten – er soll seine eigenen Fähigkeiten nicht zu hoch anschlagen und selbst da noch lernen, wo er sich schon vielleicht für geschickter und klüger als Die hielt, mit denen er zusammentraf.

Der Amerikaner ist viel praktischer als der Deutsche – er hat sich aber auch nicht aus dem alten Schlamm, aus geistigem und körperlichem Zwang erst herauszuarbeiten gebraucht, wie wir das noch jetzt mit Händen und Füßen, ja oft auf dem Bauche liegend, im Begriff sind zu thun. Er hat das Joch, was ihn zu drücken erst anfing, abgeschleudert und nun, ein freier Staat, die freie Bahn frisch und fröhlich verfolgt. Nicht durch Zunft oder anderen Zwang niedergehalten, von allen Ländern der Welt die Repräsentanten in seiner Mitte, konnte er prüfen und wählen und der Erfolg hat bewiesen, wie er nicht blind war gegen das Bessere.

Daher geschieht es denn gewöhnlich, daß sich besonders der deutsche Handwerker im Anfang gar nicht in die Behandlungsart seines eigenen Gewerbes hineinfinden kann, und selbst der Meister zu seinem nicht geringen Erstaunen noch lernen muß. Hier in Deutschland kommt es besonders darauf an, daß eine Sache gut und dauerhaft gearbeitet sei; der Vater will ein Stück, das er für sich selber machen läßt, auch noch auf den Sohn vererben, dort hingegen soll nur Alles schnell und in Masse fertig werden, und der Amerikaner wird daher stets den schnellen Arbeiter dem guten vorziehen. Schuhmacher z. B., die zwei bis drei Paar Schuhe in einem Tage machen, gehören keineswegs zu den Seltenheiten. – Hie und da, in großen Städten, findet man Anschläge, wo »schwarze Wäsche« in einer Stunde gewaschen, getrocknet und geplättet wird. – Häuser scheinen über Nacht aus dem Boden zu steigen, ganze Städte wachsen in wenigen Monaten heran und ein ewiges Drängen und Treiben schüttelt die Amerikaner selbst aus einem Staat in den anderen, aus einem Geschäft in das andere.

Der Lebenszweck ist: durch die Welt zu kommen, und womöglich ehrlich, das wie ist aber auf jeden Fall sonst Nebensache. Was also hier in Deutschland einem Menschen zur Schande gereichen, oder über das der Philister wenigstens sehr stark den Kopf schütteln würde, das öftere sogenannte »Umsatteln« wird dort nicht allein für natürlich, sondern sogar für lobenswerth gehalten, weil es beweist, wie der unstät von Einem zum Anderen Wechselnde das für ihn Passende zu finden sucht, und man ist überzeugt, er wird, wenn er es findet, nicht langsam in der Benutzung desselben sein.

Daß Einer heute Zimmermann, morgen Straßenarbeiter, übermorgen Doctor, nachher Landmann, Maler, Schuster, Matrose, Apotheker, Händler u. s. w. ist, fällt Keinem auf, und gerade diese unbegrenzte Arbeitsfreiheit hat Amerika seinen ungeheuern Aufschwung gegeben. Dort treibt ein Jeder nicht etwa Das, wozu ihn die Laune seiner Aeltern oder seiner Geburt verdammte, sondern Das, was seinen eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, und ist daher auch im Stande, es zu einer Vollkommenheit zu bringen, zu der er sich noch mehr durch unbegrenzte Concurrenz getrieben sieht.

Das sollte aber auch den Einwanderer vor einem Fehler warnen, in den er nur zu oft von allem Anfang an fällt – daß er nämlich Dasselbe dort treiben will und es durchsetzen zu müssen glaubt, was er hier im alten Vaterlande getrieben. Es ist gerade so, als ob er nun auch noch immer in das alte Wirthshaus gehen wollte, in das er seit Jahren gegangen; ja lieber Gott, das liegt Tausende von Meilen hinter ihm, und eine neue Welt ist's, die ihn umgiebt, eine neue Welt ist's also auch, der er sich anpassen, der alte Adam ist's, den er mit dem alten Schlafrock ausziehen muß.

Dazu kommt noch, daß viele Gewerke in Nordamerika gar keine Kundschaft haben, so z. B. würden Weber, wenn sie es dort durchsetzen wollten, vor dem Webstuhl ihr Brod zu verdienen, verhungern müssen – was gewebt wird, geschieht auf Maschinen oder von Frauen – Spitzenklöppler dürften ebenso wenig daran denken, ihr Geschäft in Amerika zu treiben – Hufschmiede müßten sich den steinigen Norden oder gebirgige Strecken suchen, da im Süden kein Mensch daran denkt, ein Pferd beschlagen zu lassen u. s. w. Michel muß also, wenn er einmal überhaupt eine so große Reise angetreten hat, total aus sich herausgehen und ein ganz anderer Mensch werden.

Der Arme aber, der hier nur Sklave und Knecht war, der hier wie ein Pferd arbeitete, um zu leben, und für einen Tag Krankheit zwei Tage hungern mußte, um die Sache wieder ins alte Gleis, d. h. auf sein früher reducirtes Nichts zu bringen, wird dort auf einmal finden, daß er mehr als ein bloßer Zahn in einem Maschinenrad ist, daß er auch noch Menschenrechte hat, die dort gelten und anerkannt werden. Er braucht auch nicht mit Thränen auf seine Kinder zu blicken, weil er im Geist voraus sieht, welch fürchterliches Leben sie durch lange endlose Jahre dahin zu schleppen haben; denn gerade die Kinder sind es, die nachher tausendfältig ernten, was die Aeltern, vielleicht immer noch unter Sorgen und Entbehrungen, gesäet haben. Für den Armen, der arbeiten will, ist daher Amerika noch ein Land der Verheißung, und alle die, die es gut mit den Unglücklichen meinen, sollten der Auswanderung derselben nicht allein nicht im Wege sein, sondern sie eher und so viel als möglich unterstützen helfen.

Daß dort Alle gedeihen, daß es dort Allen gut gehen soll, wer könnte das verbürgen – schon ihre ganze Erziehung hier, die Abhängigkeit, in der sie von Jugend auf gelebt, läßt sie dort anfänglich in einer Freiheit umhertaumeln, die sie nicht verstehen, deren Werth sie noch nicht begreifen können. Allerdings sagen sie es sich wohl oft, recht oft laut und in Gedanken vor: »Hier sind wir Alle gleich, hier trennt uns kein Unterschied des Ranges mehr«, aber vor jedem guten Rock bücken sie sich, weil sie den verwünscht schwachsinnigen Gedanken noch nicht abschütteln können, daß in einem bessern Stück Tuch auch nothwendig ein besseres Stück Fleisch stecken müsse, als sie selbst unter ihrer wollenen Jacke tragen. Das verliert sich aber nach und nach, sie lernen ihren eigenen Werth erkennen, und der deutsche Farmer ist durch seine Arbeitsamkeit und offene Ehrlichkeit der geachtetste Bürger der Staaten.

Anders, aber nicht etwa besser steht es dafür mit Denen, die in den Städten kleben bleiben und nun dem Endzweck der Amerikaner huldigen und Geld, nur immer Geld zu verdienen suchen, während ihnen das Wie dabei als eine nicht zu beachtende Nebensache erscheint.

Du kannst im Großen nichts verrichten,
Und fängst es nun im Kleinen an.

Zu dem Großen fehlen ihnen die Mittel, fehlt ihnen der Geist – von klein auf krämern sie sich nach und nach hinauf. Stege, die der Amerikaner ihres Schmutzes wegen nicht einschlagen will, benutzen sie mit Freuden, und haben sie endlich ihr Ziel erreicht – ist es ihnen gelungen ein kleines Vermögen zu erwerben, das sie unabhängig dastehen läßt, dann kriecht aus der Puppe der gemeinen Raupe ein Zwitter-Unding von Amerikaner und Deutschem hervor – ein Wesen, das nur englisch radebrecht, und von seinen Landsleuten mit vornehmen Nasenrümpfen sagt: it isonly a Dutchman (es ist nur ein Deutscher) – und zwar Dutchman noch im allerverächtlichsten Sinn gebraucht.

Die Galle läuft einem ordentlichen Kerl über, wenn er solch Pack sieht, und dann fühlt, daß Jene nur ihre eigene Gemeinheit vor einer so reichlich verdienten Züchtigung schützt.

Auch unter diesen giebt es allerdings eine bessere Klasse, aber sie ist selten; der gebildete Deutsche zieht es – wunderlicher Weise – fast stets vor, sich lieber durch Handarbeit eine Zeitlang fortzuhelfen, bis er Sprache und Sitten des Landes erlernt hat, und wenn er dann mit dem Lande selbst vertraut wird, wenn er die Achse findet, um die sich Alles dreht, und sich nun selber fragt: Weshalb bist Du denn eigentlich nach Amerika gekommen? weshalb hast Du Freunde und Verwandte, weshalb Alles Das verlassen, was Dir einst lieb und theuer war? dann gesteht er sich wohl meistens selber ein: es war jener, vielleicht noch unbewußte Drang nach Freiheit – ein Gefühl, das, wenn auch ungeweckt, in seiner Brust geschlummert, und hinein zieht er nun in den freien, fröhlichen Wald, und als freier Farmer der Vereinigten Staaten verdient er sich sein Brod, zwar im Schweiße seines Angesichts, aber er steht auch selbstständig und unabhängig da, ein souverainer Fürst auf seinem eigenen kleinen Fürstenthum.

Zwei Krankheiten sind es übrigens, denen der Deutsche, denen überhaupt der Auswanderer nach Amerika fast stets anheimfällt – zwei Krankheiten, die, eigentlich sehr von einander verschieden, doch auch wieder einzelne Aehnlichkeit mit einander haben; sie heißen: Seekrankheit und Heimweh.

Die Seekrankheit betrifft allerdings nur hauptsächlich den Körper, das Heimweh dagegen den Geist; das heißt: die eine kommt aus dem Magen, die andere aus dem Herzen – beide sind aber die fast unausbleiblichen Folgen einer transatlantischen Fahrt und ähneln sich auch darin, daß sie manchmal ihr Opfer nur im Anfang, nur in den ersten Tagen mit beiden Fäusten anpacken und recht ordentlich, so recht aus Leibeskräften durchschütteln, es aber dafür auch später ungeschoren lassen, oder – was viel, viel schlimmer ist – leise auftreten und bei jeder neuen Woge, bei jedem etwas stürmischen Meer, wieder- und immer wiederkehren und Herz und Magen gleich stark zur Verzweiflung bringen. Beides sind Krankheiten, die kein Arzt zu curiren im Stande ist, die aber beide, die eine durch jedes feste Land, die andere nur durch den heimischen Boden, augenblicklich gehoben werden, und sonderbarer Weise sich auch nach wiederholter Ursache, d. h. nach wiederholter Seereise oder Trennung vom Vaterlande, selten und nur in außerordentlichen Fällen zum zweiten Male einstellen.

Zwar hat man für das Heimweh allerlei probate Mittel empfohlen, wie z. B. stete Aufregung, ein rastloses Suchen von Geschäften, Reisen, überhaupt Zerstreuung, und das hilft auch für die Zeit vielleicht, in der wir uns zerstreuen; Augenblicke der Ruhe müssen aber kommen und dann – ach selbst die Erinnerung an die ist schmerzlich.

Auch für die Seekrankheit hat man in neuerer Zeit etwas – ein Vomitiv gleich zu Anfang genommen – als von ausgezeichneter Wirkung empfohlen, das ist aber etwa eben so, als ob mich beim Arbeiten das Wagenrasseln auf der Straße störte und ich mir nun ein paar nimmer rastende Trommelschläger vor die Thüre bestellte, damit ich jenes nicht mehr höre. Nein, Heimweh wie Seekrankheit will austoben und beiden muß man daher seinen ruhigen Lauf auch ruhig lassen.

Nun wollen freilich Einige behaupten, das Eine schütze zugleich vor dem Andern, denn wer die Seekrankheit einmal recht ordentlich gehabt, der bekomme nie das Heimweh, oder verlange wenigstens nie heimzukehren, weil er sonst auch jener wieder zum Opfer fiele. Dem ist jedoch nicht so, das Heimweh kann sogar viel eher als eine fortgesetzte, als eine moralische Seekrankheit betrachtet werden. Es ist die Seele, die auf dem sturmgepeitschten fremden, ungewohnten Lebensmeer erkrankt und sich nun, obgleich der Körper durch jede mögliche Anstrengung, durch Beinespreizen und verzweifeltes Balanciren sein Aeußerstes thut dagegen anzukämpfen, nur immer und immer zurücksehnt nach dem festen Land, nach dem Vaterland.

Einen Beweis hierzu liefert ebenfalls wenigstens der bessere Theil der Deutschen in Nordamerika. Dieser nämlich, obgleich vielleicht früher mit den Wörtern Preuße, Baier, Oestreicher, Sachse etc. vollkommen einverstanden, macht jetzt plötzlich keinen Unterschied mehr zwischen dem Rhein und der Donau – er fragt nicht mehr den Deutschen: aus welchem Lande kommst Du? das weiß er, das ist Deutschland; nein, aus welcher Gegend, und selbst die Frage geschieht nur, um vielleicht einen bekannten Ort genannt zu hören und sich an den lieben, ach lange entbehrten Lauten zu erfreuen. – Daher schreiben sich auch die, fast in allen amerikanischen Städten entstehenden Gesellschaften zur Bildung eines einigen Deutschlands in Amerika – Michel versucht ganz urplötzlich in einem total fremden Lande etwas, an das er zu Hause, wo es doch eigentlich hingehörte, mit keiner Sterbenssilbe gedacht hatte, und ärgert sich dann, daß er so wenig »Gemeinsinn«, wie er es nennt, daß er so wenig Anklang unter seinen Landsleuten findet.

Alle diese Versuche sind ebenfalls nur ein Heimweh, das sich auf solche Art seine, tief im Herzen wurzelnde Bahn bricht – es ist das Andenken an liebe, früher so glücklich verlebte Stunden. Der Ausgewanderte will sich dadurch gewissermaßen glauben machen, er lebe noch in den alten, jetzt so schmerzlich vermißten Kreisen, und all das Fremde, Ungemüthliche, was ihn umgebe, sei nur die harte, bittere und keineswegs zum süßen Kern gehörige Schale, wie wir ja wohl vor den hereinbrechenden Winterstürmen Blumen und Blüthen mit in das wohnliche Zimmer flüchten und diese hegen und pflegen, daß sie uns noch recht lange den lieben Sommer erhalten sollen.

Eine Weile geht das auch – die Keime sind noch frisch und kräftig, und wenn gleich draußen der eisige Nord das gelbe verwelkte Laub von den Zweigen reißt, so trotzen die warm gehaltenen Pflanzen lange und glücklich dem starren Vernichter. Nach und nach aber welken sie auch – die Zeit übt ihr Recht – der Winter greift durch jedes zufällig geöffnete Fenster, durch jede Ritze und Spalte herein, nach den armen Kindern einer anderen Sonne, und legt sie erbarmungslos in ihr dunkles Grab.

Doch eines bleibt – eines ist, das der Hitze wie Kälte, der erstickenden Stubenluft wie dem vernichtenden Norde trotzt, das sich mit immer wieder neuen Schößlingen an Herz und Seele rankt und klammert, das frisch und fröhlich keimt, wenn auch draußen die ganze Natur erstarrt, wenn Alles unter weißer Leichendecke todt und begraben liegt, und das ist der Epheu – die Erinnerung an die Heimath, wenn auch die Heimath selbst, ach längst für uns gestorben scheint. In seinen lebensfrischen Blättern sehen wir uns eine neue Frühlingswelt erstehen – aus ihm bauen wir uns Lauben und Grotten – ihn flechten wir um unsere Sitze und zu ihm aufblickend trägt uns sein freundliches Grün zu der Zeit zurück, wo wir draußen im schattigen Wald mit den heißen Wangen den Thau von den Zweigen strichen, wo wir in der Heimath Das fanden, was uns jetzt nur noch, ein schwaches Bild ihrer selbst, geblieben.

Es ist eine eigene Sache um das Heimweh, und ein dem vaterländischen Boden entrissener Mensch ist ebenfalls wie ein aus der Erde, die ihn erzeugte, genommener Baum; er stirbt vielleicht nicht ab im fremden Lande – die Wurzeln schlagen wieder aus, aber die feinen, zarten Theile derselben sind doch noch im alten Bett zurückgeblieben – die tausend kleinen, unbedeutenden Fasern wurden verletzt und getrennt, und wenn sie auch zu dem Leben des Baumes selbst nicht unbedingt erforderlich waren, so thun sie ihm doch recht weh, und ihr Verlust schmerzt noch lange nach.

Ist es aber zur Erhaltung des ganzen Baumes nöthig, daß er in anderen Grund und Boden komme, dann sind eben diese Fasern nur Nebendinge, auf die man nicht Rücksicht nehmen darf und kann – es thut ja auch weh, sich einen Zahn ausnehmen zu lassen, und doch unterzieht man sich dem Schmerz, um künftig Ruhe zu haben und sich wohler zu befinden. So leben wir denn ebenfalls jetzt in einer Zeit, wo die Bevölkerung einzelner Länder mit Dem was sie selbst erzeugen kann, in keinem Verhältniß mehr steht, und entweder muß ein Theil, nach Vorbild der Bienen, schwärmen, oder der ganze Stock Noth und Mangel leiden.

Früher geschah das erstere durch sich selbst; die Völkerwanderungen bedurften eben keiner weiteren Anregung als der Ueberzeugung, daß der bisherige Aufenthaltsort für einen Stamm zu eng ward und die, überdieß nicht an die Scholle gebundenen Nomadenvölker zogen aus, in irgend einer anderen Himmelsrichtung ein besseres, ihrer großen Zahl mehr zusagendes Land zu finden. Jetzt aber fehlen jene ungeheueren, wenig bevölkerten und in der Nähe gelegenen Strecken, oder wo sie liegen, sind die politischen Verhältnisse der Art, daß Jemand, der erst einmal glücklich Sack und Pack zusammengeschnürt hat, gewiß nicht dorthin zieht; es werden daher Mittel erfordert, um einen uns nicht mehr ernährenden Wohnplatz zu verändern, die der Arme nicht besitzt; gleichwohl nimmt die Noth, besonders in einzelnen, übervölkerten Theilen unseres Vaterlandes, wie in den sächsischen, schlesischen und böhmischen Gebirgen, mit jedem Tage zu und mit allen gereichten Gaben ist immer kein Ende derselben zu ersehen, keine dauernde Hülfe zu erzwecken – es ist immer nur ein einzelnes Mahl, dem Hungrigen gereicht, und der morgende Tag wird ihn eben wieder so verschmachtend finden, als der gestrige ihn fand. Daher sollte denn auch der Staat, wenn er es wirklich gut mit den Armen meint, wenn er ihrer Noth wirklich abhelfen und sie nicht nur für den Augenblick durch eine Galgenfrist beschwichtigen will, die Auswanderungunterstützen und leiten. Unterstützen, so weit das in seinen Kräften steht, bedenken daß er in dem Läutern seiner eigenen Kräfte auch sein eigenes Blut reinigt von dem ungesunden Ueberfluß, der ihn zuletzt sonst selbst bewältigt, und nicht fürchten, daß die gesunden Arbeiter alle fortgehen und nur Greise und Krüppel zurückbleiben – denn wäre das wirklich der Fall, so könnte man dann noch immer die wenigen mit dem zehnten Theil dessen thätig unterstützen, was jetzt auch an die arbeitsfähigen, und zwar nur zur augenblicklichen Stillung ihres Hungers verwendet wird, ohne daß es ihre Leiden lindert, sondern sie bloß am Leben erhält.

Aber auch leiten sollte der Staat die Auswanderung und zwar durch tüchtige Männer, die, vom Staate beauftragt, die Auswanderer nicht allein hinüber zu führen hätten in ihre neue Heimath, sondern die auch an Ort und Stelle die Gegenden aussuchen und alles Nöthige einleiten müßten, um ihnen wenigstens einen Anfang möglich zu machen, um ihnen die Gelegenheit zu geben, daß sie beweisen können, wie es ihnen wirklich Ernst ist, selbstständig durch die Welt zu kommen, und sie ihr altes Vaterland nicht allein nicht ganz vergessen, sondern auch mit Freundlichkeit statt mit bitteren Empfindungen daran zurückdenken. Die Zeit war wo wir eine Flotte hatten, – und unsere Nachkommen werden glauben, man erzählt ihnen ein Märchen, wenn sie die Geschichte derselben lesen – wir dürfen deshalb nicht daran denken, unsere ausgewanderten Freunde auch noch in fremden Welttheilen schützen zu wollen. Das edle Recht ist nur den Nationen vorbehalten, aber wir könnten ihnen dadurch doch auch beweisen, daß uns wirklich ihr Wohl am Herzen lag, als wir ihre Taxen und Steuern nahmen, daß wir sie wirklich, wie ihnen das hier oft genug vorerzählt wird, als Kinder des Staates betrachten und nicht als überflüssiges Material, als Kehricht, den man auf die Straße wirft, und von dem man froh ist, wenn ihn der Nachbar gelegentlich mit fortführt.

Diese vom Staat Beauftragten sollten aber nicht, wie das bis jetzt stets der Fall gewesen, Männer sein, die, selbst unbekannt mit Amerika, hinübergehen, dort vielleicht ein halbes Jahr leben, flüchtige Erkundigungen einziehen und dann glauben, sie kennten das Land genug, um ein richtiges Urtheil darüber fällen zu können; solche Leute haben schon unendliches Unheil über arme Auswanderer gebracht, die ihren Worten, ihrer Führung unbedingt vertrauten und dann zu spät einsahen, wie sie von Menschen geleitet waren, denen selbst kaum die obere Rinde der dortigen Verhältnisse bekannt geworden. Allerdings weiß ich, welche Schwierigkeiten es hat, Deutsche zu einem gemeinschaftlichen Zusammenleben zu bewegen; ja ich halte es sogar, außer unter dem strengsten religiösen Zwang, für eine positive Unmöglichkeit. Das darf aber auch gar nicht der Zweck einer Uebersiedelung von Armen sein, der Staat hat genug gethan, wenn er sie hinüber schafft und dort dafür sorgt, daß sie wenigstens im Anfang einen Wirkungskreis für ihre Thätigkeit bekommen, was nur durch Ankauf einer selbstständigen Strecke Landes geschehen kann. Für das weitere Fortbestehen ihres Zusammenlebens wäre es verlorene Mühe sorgen zu wollen – es findet dann später ein Jeder schon seine eigene Bahn, und wer nicht Lust hat, das ihm angewiesene Land zu bebauen, der mag es verlassen und irgendwo anders Beschäftigung suchen. Das Land muß ihm nur im Anfang als Aufenthaltsort gegeben werden, daß er nicht gerade in der Zeit, wo er weder Sprache noch Sitten kennt, als ein Bettler die Staaten durchstreift, und sowohl für sich selbst ein eben so elendes Leben fortsetzt, als er es hier geführt, sondern auch seinen anderen Landsleuten unendlichen Schaden zufügt, indem er sie durch sich selbst in den Augen der Amerikaner herabwürdigt.

Das Alles ist jedoch nur durch Leute möglich zu machen, die Amerika nicht allein vom Bord eines Dampfschiffes aus, oder durch das Coupeefenster eines Bahnzuges kennen gelernt, sondern die sich selbst eine genaue Kenntniß der dortigen Verhältnisse an Ort und Stelle verschafft haben. Ebensowenig wäre es aber auch anzurathen, dortigen Ansiedlern die Wählung eines Platzes zu überlassen; diese werden nie im Interesse der Uebersiedler, sondern stets in ihrem eigenen Interesse handeln und zwar die neue Colonie so viel als möglich in ihre Nähe, wenn nicht gar auf ihr eigenes Land zu bringen suchen, um einen sicheren und bequemen Absatz für ihre Produkte zu finden. Das Alles wird durch einen dabei nicht selbst Betheiligten vermieden, dann aber bietet auch der weite Westen der Vereinigten Staaten einen ungeheueren Abzugscanal für jene Unglücklichen, die hier hungern müssen, während dort Brod wächst sie zu sättigen, die den Quell kennen, der sie vor dem Verschmachten retten würde, ihn aber nicht zu erreichen vermögen, weil ihre Kräfte erschöpft, ihre Glieder erschlafft sind. Jetzt werden sie nur durch dürftige Spenden dürftig am Leben gehalten – eine kräftige Hülfe aber, die das Uebel bei der Wurzel faßte und herausrisse, würde nicht allein Denen einen freieren Blick in die Zukunft gestatten, die jetzt durch das Unglück ihrer Mitmenschen jede Freude verbittert sehen, und immer nur gedrängt und getrieben werden, zu helfen und zu unterstützen, sondern auch für Die, die es selbst betrifft, von segensreichster Wirkung sein.

Nur durch die Auswanderung kann eine wirkliche und nachhaltende Linderung der jetzigen Noth einzelner Klassen ermöglicht werden.

Die Wolfsglocke.

In den Washita-Bergen Nord-Amerikas liegt der Schauplatz auf den ich den Leser führen will. Dort, in den wilden Thälern jener reizenden Hügelketten existirt noch der richtige Backwoodsman; schlicht und ehrlich, rauh und derb, aufopfernd in seiner Freundschaft, aber gefährlich in seinem Haß, und sein Leben großentheils von der Jagd, etwas vom Ackerbau, und meist von der Viehzucht abhängig machend.

Die letztere wird ihm besonders durch das milde Klima jener Gegend, durch die grasreichen Hügel, durch die noch hie und da mit dichten Schilfbrüchen gefüllten Thäler erleichtert, und wenig Mühe ist es, die ihm die Zucht einer oft nicht unbeträchtlichen Heerde kostet. Dann und wann eine Hand voll Salz, nahe zu seiner Hütte hingeworfen, eine häufige und regelmäßige Wanderung von einem der kleinen zerstreuten Trupps zum andern, daß sie den Anblick des Menschen gewohnt blieben und nicht wild wurden – und der Sorgfalt, die er möglicher Weise darauf verwenden konnte, war vollkommen Genüge geleistet.

Einen Feind aber hatte er, den er, so oft er ihm auch nachstellte und ihn mit Büchse und Falle unermüdlich verfolgt und zu vernichten strebte, doch nicht bewältigen konnte, einen Feind, der Nachts in heulenden Schaaren die ängstlich blökende Heerde umschlich, und manch kräftiges Kalb, ja sogar manch einzeln abschweifende Kuh – und wie viel Ferkel und junge Schweine! – überfiel, erwürgte und verzehrte – dieser listige, blutgierige und erbarmungslose Feind war der Wolf.

Durfte man es dem Backwoodsman verargen, wenn er seine ganze List und Jagdkenntniß anwandte, solch schlauem und gefräßigem Diebe beizukommen? – aber so eifrig er auch auf der Lauer lag, so manche Nacht er, Mosquiten und Holzböcken zum Trotz, in den Aesten irgend einer knorrigen Eiche eingeklemmt hing, und beim matten Mondeslicht den scheuen Räuber durch angeschlepptes Aas herbeizulocken und zu belauern gedachte, so selten war er im Stande der höchst umsichtigen Bestie die tödtliche Kugel in den Pelz zu schicken. Die Zahl der Raubthiere mehrte sich, trotz den unermüdlichen Nachstellungen, von Jahr zu Jahr, und im Verhältniß dazu wurden die Heerden gelichtet, so daß wirklich etwas ernstlich geschehen mußte, wenn sich die Viehzüchter nicht genöthigt sehen sollten ihre Weidegründe, nur allein dieser Plage wegen, aufzugeben. – Und ein Hinterwäldler einem Wolf das Feld räumen, – ei Klapperschlangen und Poppkorn! das wäre ja wahrhaftig eine Schmach und Schande für sein ganzes Leben gewesen!

Daß unter solchen Umständen derjenige welcher die meiste Geschicklichkeit auf der Jagd bewies, auch der geachtetste der Jäger war, versteht sich wohl von selbst, und so geschah es auch daß sich Benjamin Holik, der erst seit kurzer Zeit aus Missouri heruntergekommen war, in kaum einem halben Jahre, wo er allein mit seiner Büchse siebzehn der Bestien erlegt hatte, den Ehrennamen »Wolfs Ben« verdiente, und bald für den besten Wolfsjäger im ganzen Reviere galt.

Wolfs Ben war auch noch außerdem ein gar stattlicher und wackerer Bursche; gut seine sechs Fuß hoch, mit wahrhaft riesigen Schultern und Armen und einer Kraft, der es keiner der doch sonst gewiß nicht schüchternen Hinterwäldler, gewagt hätte, im Einzelkampf zu begegnen, zeigte er sich sonst in seinem ganzen Wesen als der gutmüthigste, verträglichste und gefälligste Freund. – Mit einem guten Wort ließ sich von ihm Alles erlangen, die vorletzte Ladung Pulver gab er her und den letzten Bissen den er in seine Decke gewickelt bei sich trug; dabei war er der trefflichste Gesellschafter, wußte Unmassen der abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen, half, wo er einmal irgendwo übernachtete, mit unermüdlichem Fleiße Feuerholz schlagen und zum Haus schaffen, den Mais in der Stahlmühle mahlen, die Thiere versorgen etc., und hatte sich dadurch sowohl wie durch sein männlich schönes Aeußere die Herzen sämmtlicher Frauen der Ansiedlung dermaßen gewonnen, daß er die übrigen jungen Burschen wahrhaft zur Verzweiflung brachte und schon anfing, trotzdem daß er noch Keinem auch nur eines Strohhalms Hinderniß in den Weg gelegt, recht tüchtige Feinde unter ihnen zu zählen.

So still und ruhig aber Wolfs Ben dabei seinen Weg ging und anscheinend harmlos in den Tag hinein lebte, so hatte er doch auch die Augen weit genug offen und wußte selber am besten unter welchem Dach er am liebsten schlief, in welche Augen er am unermüdlichsten schauen konnte, und wo ihn – nicht das freundlichste Gesicht, denn die Mädchengesichter bewillkommten ihn alle freundlich – wohl aber das süßeste Erröthen begrüßte, das ihm bis jetzt noch stets das Blut in rasender Schnelle durch die Adern gejagt.

Doch ich will dem Leser keine langen Räthsel aufgeben, die er jedenfalls schon eine Weile vorher errathen hätte. – Benjamin Holik liebte – wie nur seine treue einfache Seele lieben konnte – so recht aus Herzensgrunde Robert Suttons liebliches und einziges Töchterlein, und die einzige und alleinige Sorge die ihn dabei quälte war, daß Sutton, der die größte Farm- und Baumwollenplantage unten am Washita und Red River besaß, und im Sommer hier nur eigentlich seiner Heerden und seiner Gesundheit wegen in die Berge zog, für einen sehr reichen, und – was noch schlimmer, geizigen Mann galt, und er – armer Teufel! – weiter Nichts auf der weiten Welt besaß als seine Büchse, sein Messer und seinen gesunden Körper. – Sein braves ehrliches und treues Herz schlug er dabei gar nicht an, und doch war das die kostbarste Perle, die in ihrer Umhüllung nur wie in einer weit minder werthvollen Schaale saß.

Ben hatte aber schon oft und lange, und nicht selten mit recht trüben Sinnen darüber nachgedacht, wie er es eigentlich anfangen sollte etwas Geld zu verdienen und einen kleinen »start« wenigstens zu haben, mit dem er beginnen könne – denn sich um Arbeit auszudingen und langsam und mühsam Dollar nach Dollar in schwerer Tages- und Monatsarbeit zu verdienen, das schien ihm ein viel zu langer und weitläufiger Weg und hätte ihn seinem Ziele auch wohl nun und nimmermehr entgegengeführt. – Und doch war es nöthig, denn er wäre nicht der erste Freier gewesen dem der alte Sutton, seiner ärmlichen Verhältnisse wegen, einen Stuhl vor die Thür gesetzt, und wo zeigte sich ihm in dem einfachen, ruhig dahin fließenden Waldleben eine Gelegenheit, so einmal mit raschem Schlage das Glück beim Schopf zu erfassen – und zu halten? –

Er wurde immer nachdenkender und schwermüthiger, mied die geselligen Wohnungen der Ansiedlung, trieb sich Tag und Nacht draußen im Wald herum und hatte als einzigen Gewinn die Scalpe der erbeuteten Wölfe, die ihm der Staat allerdings mit drei Dollar Prämie pro Stück vergütete, die aber immer noch zu keiner Summe erwachsen wollten, um auch nur einigermaßen seine Ansprüche auf der holden Betsy Hand zu begründen.

In dieser Zeit etwa war es daß der alte Sutton einmal einen kleinen Abstecher nach Texas gemacht und dort von eben so abgeschieden wohnenden Viehzüchtern ein Mittel gehört hatte, die Wölfe aus einer Gegend in die sie sich gezogen und wo sie überhand genommen hätten, vollkommen zu vertreiben.

Dies bestand einfach darin daß sie vorher einen Wolf lebendig fingen, ihm dann eine Glocke, wie einem Pferd, um den Hals schnallten, und – ruhig wieder laufen ließen. Der Wolf kehrte hiernach natürlich so rasch er konnte zu seinem Rudel zurück; dort aber hörten sie kaum die fremdartige Schelle als sie auch scheu vor dem früheren Kameraden die Flucht ergriffen und in wilder Eile einem so unheimlichen Gegenstand zu entkommen suchten.

In jedes Versteck das sie annehmen, folgt ihnen nun der beglockte Wolf, dem es mit dem unbequemen Riemen um den Hals und dem ewigen Gebimmel unter seiner Kehle selber unheimlich wird wenn er sich allein sieht. Er glaubt Schutz unter den Brüdern zu finden, schüttelt sich, wälzt sich, springt, schwimmt, kurz thut alles Mögliche seine Qual loszuwerden und ist besonders darüber auf's Aeußerste empört daß er nicht mehr wie früher so leise und geräuschlos seine Beute beschleichen kann, sondern sich jedesmal selbst gleich durch lauten Glockenklang verrathen muß, und flieht nun, hat er das eine Rudel förmlich verjagt, zu einem andern, treibt auch dieses aus den Bergen, die er sich selber bis dahin zum Wohnort erwählt und sieht sich endlich – was er aber auch nur im äußersten Fall und erst dann thut, wenn er wirklich ganz allein zurückgeblieben ist – genöthigt, selbst einen andern Jagdgrund zu suchen, da auch die Heerden sich bald den Ton der Glocke merken, und nicht selten in fest geschlossener Phalanx den nächsten Ansiedlungen zustürmen, sobald sie den klingelnden Feind nur nahen hören.

Der Versuch mußte auch am Washita gemacht werden; Sutton kehrte rasch dorthin zurück, berieth sich mit sämmtlichen benachbarten Farmern und kam mit ihnen darin überein, daß sie eine Prämie von zwanzig Dollar darauf setzen wollten, einen Wolf lebendig überliefert zu bekommen, so daß sie ihm selber die Glocke umschnallen und ihn dann in's Freie wieder hinauslassen konnten.

Der Preis ließ sich aber gut setzen! Die Wölfe waren schlauer als die Jäger, und wenn besonders Wolfs Ben noch manchen Scalp einbrachte, so schien es doch selbst ihm unmöglich zu sein, einen der schlauen Schurken wirklich unbeschädigt und lebendig zu erhaschen, denn seine Fallen, die er stellte, blieben leer und in den Fallgruben die er auswarf, fingen sich nur der Nachbaren Rinder und Schweine.

Da es ihm nicht gelang, waren es die übrigen Jäger noch weit weniger im Stande, und der auf einen lebendig eingebrachten Wolf gesetzte Preis stieg endlich, da die Farmer jetzt auch hitzig wurden, und den Versuch unter jeder Bedingung, und zwar so bald als möglich zu machen wünschten, bis zu der für den Wald ungemein hohen Summe von zweihundert Dollar empor.

Das war ein Sporn für unsern Benjamin. – Zweihundert Dollar, alle Wetter damit konnte er sich eine vollkommen eingerichtete kleine Farm mit einem mäßigen Rinder- und Schweineanfang kaufen – und Betsy – ei wer weiß ob sich der Alte nicht dann doch noch überreden ließ, wenn er nur erst einmal den schwarzen Burschen einbringen und überliefern konnte! Zeit durfte er übrigens dabei auch nicht im geringsten verlieren, denn der Preis hatte natürlich alle Jäger der ganzen Umgegend auf die Füße gebracht, und überall im Wald hallten die Axtschläge der Männer wieder, die sich kleine Baumstämme fällten, um damit die einzig mögliche Art von Fallen zu errichten die man dort kannte, eine solche wilde Bestie wirklich unbeschädigt zu fangen. Stahlfallen durften nämlich nicht angewandt werden, da diese jedenfalls den erfaßten Lauf verwundet, vielleicht gar zerschmettert hätten und die Prämie nur ausdrücklich für ganz gesunde Wölfe garantirt wurde.

In dieser Zeit etwa, war ein Besuch in die Hügel gekommen, der unseren armen Benjamin Holik bald auf das bösartigste beunruhigen – ja was noch schlimmer war – ihm wirklich gefährlich werden sollte. –

Es war dies Niemand Anderes als ein sogenannter »Vetter« von Suttons, ein »Städter« mit blauem Tuchfrack, blanken Knöpfen und »Strippen« an den Hosen. Jesus! wie die Kinder lachten wenn er irgendwo in ein Haus kam und sich niedersetzte; wie sie sich dann mit den schmutzigen Gesichtern zusammendrückten, mit einander flüsterten, dann einen scheuen Seitenblick nach den »Strippen« warfen und plötzlich in ein lautes, mit aller Mühe nicht zu unterdrückendes Gelächter ausbrachen und wild und toll aus dem Hause stürmten! Das blieb sich aber gleich, die Kinder waren dumme Bälger die noch nichts von der Welt verstanden, und am wenigsten beurtheilen konnten ob an einem Manne wirklich etwas sei, oder nicht; – und an diesem war jedenfalls etwas, denn sein Onkel galt für einen der reichsten Pflanzer in Alabama und hatte nur den einzigen Erben. Ist es da ein Wunder daß ihn der alte Sutton freundlich aufnahm, wie den eigenen Sohn behandelte und sich und sein ganzes Haus (die Hand der Tochter mit eingerechnet) zu seiner Disposition stellte?

Mr. Metcamp schien denn auch recht gut einzusehen welch ein Schatz ihm hier geboten wurde, und wenn ihn auch die junge Dame selber scheu, und in der That absichtlich vermied, und ihm auf jede nur mögliche Art zu verstehen gab, es sei ihr an seinen Artigkeiten nicht das mindeste gelegen, so war er – in New-Orleans selber aufgezogen – keineswegs der Mann der sich durch solche »ländliche Sprödigkeit« hätte so rasch und leicht abschrecken lassen. Er wußte sich nur vor allen Dingen kluger Weise bei dem Vater in festeste Gunst zu setzen, lauerte dem alten Mann bald seine Schwachheiten ab, und machte ihn in kürzester Zeit glauben er sei der beste Jäger, der unerschrockenste Reiter und überhaupt das muthigste Herz das nur je unter einem ledernen Jagdhemd geschlagen, also unter einem feinem blauen Tuchfrack doppelten Werth haben mußte, und wußte dabei dem schlichten Hinterwäldler durch seine Gelehrsamkeit und sein tiefes Wissen – lauter solche Sachen von denen dieser bis jetzt noch nicht einmal eine Idee gehabt – so zu verblüffen, daß Sutton endlich schwor, Mr. Metcamp sei der »smartest« und beste Mann in der ganzen »range« und wenn seine Tochter ihm nicht ihre Hand geben wolle, so bekäme sie es mit ihm selber, ihrem Vater zu thun. –

Betsy machte bei einer – der ersten – heimlichen Zusammenkunft mit dem Geliebten, diesen mit Allem bekannt was ihr das Herz abzudrücken drohte, erklärte ihm, nicht ohne ihn leben zu können und behauptete das unglücklichste Wesen zu sein, das die Erde trüge. Benjamin war vollkommen damit einverstanden, hielt der Geliebten Hand fest, fest in der seinen, schaute ihr mit recht wehmuthsvollen Blicken in die treuen Augen und sagte endlich mit leiser, zum Trost bestimmter, aber ach des Trostes selber sehr bedürftiger Stimme:

»Liebe Betsy, verzage nicht – es wird schon noch Alles gut gehen – sieh, ich habe die ganze Nacht gearbeitet und vier neue Fallen aufgestellt und auch in allen schon und zwar treffliche Lockspeise gelegt; fang' ich den Wolf, dann hab' ich ein kleines Capital und kann nachher sagen: Nachbar Sutton, ich möchte Eure Tochter zum Weibe und bin im Stande ihr gleich ein freundliches Obdach zu bieten, so daß ich Eurer Hülfe dabei gar nicht weiter bedarf – und wenn er dann hört daß Du, Betsy, mir wieder so recht von Herzen gut bist –«

»Ach Du wirst gar nicht den ersten Wolf fangen können!« sagte Betsy unter Thränen; »der häßliche Fremde hat dem Vater den ganzen Abend von weiter nichts als den neuerfundenen Fallen erzählt, die er hier anwenden will – der kennt gewiß lauter neue Schliche und Pfiffe, wie sie in den Städten ausgedacht werden, und wird Dir auch da am Ende störend in den Weg treten.«

»Laß nur sein, mein Herz!« beruhigte sie, jetzt aber wirklich in stolzem Selbstgefühl lächelnd, der Jägersmann. »Darum sorge Dich nicht – wo's in den Wald schlägt und mit wilden Bestien zusammenhängt, da laß sie in den Städten getrost sinnen und grübeln: in der Ausführung sollen sie's uns hier schon nicht zuvorthun, oder – es ist unsere eigene Schuld, und wir haben's nicht besser verdient. Da Du mir jedoch sagst, mein Kind, daß er auch von der Jagd etwas zu verstehen vorgiebt, so kommt er mir da auf einen Boden, wo ich ihm meinen Mann stehe, und siehst Du, jetzt – ich weiß selber nicht wie das so eigentlich gekommen ist – hab' ich auf einmal weit mehr Muth und Selbstvertrauen als vorher. Bleib Du mir nur hold, Du gutes Kind! Zwingen kann Dich der Vater zur Heirath doch nicht, und wenn er erst findet daß ich Dich nur zu meinem lieben Weibe haben will, weil ich einmal nicht ohne Dich leben kann, und keineswegs seines Geldes und Gutes wegen, ei so wird er auch einsehen daß ihm ein solcher Schwiegersohn mehr Ehre bringt als der geschniegelte Städter, und vielleicht bekomme ich dann noch ein recht herzliches »Ja« von ihm.«

Es lag eine so freudige, vertrauensvolle Zuversicht in den Worten, daß sie selbst der muthlosen Jungfrau neue Hoffnung gab. Durch das Gerücht von des Fremden Kenntniß im Fallenstellen, war aber auch Benjamin aufgereizt worden seine Anstrengungen zu verdoppeln, daß er nicht etwa durch Lässigkeit sein ganzes Glück versäume. Einen fast fröhlichen Abschied nahm er von dem schwermüthigen Mädchen, küßte ihr die thränenden Augenlider, schulterte seine Büchse, und wanderte frisch und getrost in den dunkeln Wald hinein.

Die Fallen die Ben Holik für Wölfe stellte, befanden sich alle ziemlich in der Nähe der Ansiedlungen, da die wilden Bestien die bewohnten Plätze, wohin sich das Vieh Abends zurückzog, und wo auch die säugenden Sauen ihre Betten hatten, am liebsten aufsuchten. Eine besonders, auf die er seine meiste Hoffnung setzte, da sie nicht weit von einem Wechselpfad der Wölfe, zwischen zwei Hügelrücken lag, war mit außerordentlicher Sorgfalt hergerichtet, und so gestellt daß sie von den Wölfen gesehen werden mußte. Ebenso stak die trefflichste Lockspeise, die ganze Keule eines erst gefallenen Pferdes, daran, und den Vortheil hatte sie noch außerdem vor den übrigen, daß er nicht jedesmal, wenn er nachsehen wollte ob sich etwas gefangen habe, dicht hin zu gehen brauchte, wodurch er gezwungen gewesen wäre Spuren zurückzulassen, sondern von einem nicht fernen ziemlich steilen Hügelrücken aus, der dort in eine starre Felsspitze vorragte, mit seinen Adleraugen den ganzen Platz recht gut übersehen konnte. Ließ sich dann auch nicht gleich bestimmen ob sich etwas gefangen hätte, so ließ sich doch recht gut erkennen ob die Falle noch aufgestellt oder niedergeschlagen wäre.

In der Nacht mochte er freilich den Ort nicht stören, deshalb ging er jetzt geradenwegs zu seinem Lagerplatz, den er sich, bis er sein Ziel erreicht, in den Bergen aufgeschlagen, entzündete dort sein Feuer wieder, verzehrte sein einfaches Abendbrod, rollte sich in seine Decke, und war bald sanft und süß, jeder weiteren Anstrengung für diese Nacht entsagend, eingeschlafen.

Am Morgen bedurfte er des Hahnenschreis nicht, munter zu werden, so wie der »Whip poor will« seine ersten klagenden Laute wieder hören ließ, sprang er auf, kochte seinen Kaffee, den jeder Jäger gebrannt und gemahlen in einem Leinwand- oder Ledersäckchen bei sich führt, und erwartet nun ungeduldig den ersten matten Dämmerschein der sich im Osten zeigen würde.

Endlich, endlich kam das diesmal so heiß ersehnte Licht, mit dem sich der Wolf jedesmal wieder in seine bestimmten und gewöhnlich unzugänglichen Schlupfwinkel zurückzieht – und vorsichtig, dürre Aeste und brechendes Holz meidend, damit das Geräusch nicht etwa noch in der Nähe weilende Bestien aufscheuche, kroch er in der That mehr als er ging, dem Felsen zu der ihm zur hohen Warte diente.

Jetzt hatte er ihn erreicht – jetzt konnte er den flachen, eben von grauem Licht kalt durchgossenen Fleck überschauen – beim Himmel, der ungewisse Schein mußte ihn täuschen – er vermochte das aufgestellte Dach der Falle nicht mehr zu erkennen. – War sie – war sie niedergeschlagen?

Das Herz schlug ihm in fieberhafter Ungeduld, und gewaltsam fast bezwang er sich den heller heraufbrechenden Morgen abzuwarten, ehe er seine Fährte dem Thalgrunde einpresse.

Aber lange hielt er es so nicht aus; weder Ruh noch Rast ließ ihm die Ungeduld und jemehr er jetzt den Blick anspannte die Gegenstände unter sich zu erkennen, desto deutlicher wurde ihm die Thatsache, und der Zweifel endlich zur Gewißheit. – Die Falle war wirklich zugeschlagen und es mußte also ein Wolf in ihr stecken, denn die Kühe, die manchmal auch sehr zum Aerger des Jägers und ihrem eignen Schrecken die Stützen umstoßen, kamen gar nicht in dies felsige grasleere Thal hinunter.

»Betsy!« das war der einzige Laut, den er, sich selbst vielleicht unbewußt, ausstieß, als er mit flüchtigen Füßen den Thalgrund hinab und der Stelle zuflog, wo im Schatten dichter Sassafras und Spicebüsche, gar schlau in einen wilden Haufen des dort von dem manchmal reißend geschwollenen Bergstrom hingeschwemmten Holzes hineingestellt, und von dem klar vorbeisprudelnden Wasser bespühlt, die Falle stand.

»Hurrah!« er konnte sich nicht helfen, er mußte seinem Jubel wenigstens in einem recht herzlichen, recht aus tiefster innerster Seele kommenden Aufschrei Luft machen. – Und er hatte auch wahrlich Ursache darüber zu jauchzen, denn in der Falle saß, scheu und verschämt, als ob er sich genirte, bei dem heller und heller heraufdämmernden Tageslicht hier noch ertappt zu sein, ein prachtvoller rabenschwarzer männlicher Wolf, und die Augen funkelten dunkelglühend, zwischen den wohl eine Hand breit auseinanderliegenden Stämmen nach dem grimmsten Feind durch, dem er in diesem Theile des Waldes hätte in die Hände fallen können – dem jungen Jägersmann entgegen.

»Siehst Du, Bestie, sagte aber der, so habe ich Dir endlich das Handwerk gelegt, Du alter grauer Sünder – wirst die andern wohl gestern von der gefundenen und so vortrefflich geglaubten Beute weggebissen haben, und sitzest jetzt in der beneidenswerthesten Lage von der Welt hinter Glas und Rahmen. Nun warte nur, Dir ist noch weit besserer Spaß aufbewahrt. An's Leben geht es Dir diesmal allerdings nicht gleich, wenn Du aber nur erst einmal mit der Glocke um den Hals spazieren läufst, wirst Du schon finden was es heißt in Ben Holiks Hände gerathen zu sein!«

Der Wolf fletschte, als er sich nach der Falle hinunter bog, ingrimmig die Zähne gegen ihn, behauptete aber seinen Platz und schien, wie ein ärgerlicher Hund nur einen Angriff zu erwarten, um gleich zufahren zu können. Ben dachte aber gar nicht daran ihn weiter zu reizen, sah nur noch einmal lächelnd nach ihm zurück und rief:

»Bin Dir nicht böse, alter Bursche, bist zwar ein gar unwirsch aussehender Brautwerber, sollst mir aber doch zur Braut verhelfen, und da müssen wir schon gute Freunde mitsammen bleiben.«