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Wahre Geschichten aus dem Leben eines Notarztes, authentisch aus dem Leben erzählt. Lustige und traurige Geschichten wechseln sich, wie das Leben sie schreibt ab, eines wird nicht vergessen der Mensch.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Der Inhalt des Buches wurde sorgfältig recherchiert, alle Namen, Orte und Personen wurden aufgrund des Erhalts der Schweigepflicht geändert. Etwaige Übereinstimmungen sind rein zufällig. Nachdruck, auch auszugsweise, in anderen Medien oder Verwendung bei Veranstaltungen, etc. bedürfen der schriftlichen Genehmigung des Verlages.
Für die kommenden Generationen, die den Staffelstab übernehmen,
für meinen Vater, dem vieles erspart blieb,
für die Opfer von Hass
und Verfolgung.
Vorwort
Luftknoten
Der Rücken mit Schmerzen
Hobby mit Bums
Reanimation bei COPD
Fenstersturz
Strandallergie
Verschlossene Tür und Todesfall
Späßchen
Ich räche mich an dir
Erweiterter Suizid?
Bullenkampf
Sekundenreanimation
Schwergewichtige Reanimation
Notarzt zu einer Leiche
Alte Bekannte
Schlachthaus
Messie sein dagegen schwer
Jugendlicher Leichtsinn
Rauchgas
Altenheim mit Service
Lindenhonig
Sommerfreuden
Grillen für Fortgeschrittene
Handwerkerfreuden
Rennsocke
Ebola
Kleine Missgeschicke
Ein schlechter letzter Fall
Nachwort
Vieles ist passiert, seit ich den ersten Teil meines Buches geschrieben habe, und einige Jahre sind seither ins Land gegangen. Erneut gab es viele Erlebnisse, die es wert sind, niedergeschrieben zu werden. Im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass sich die Einsatzfrequenz eher erhöht hat und die Belastung, nicht nur für Notärzte und -ärztinnen, zugenommen hat. Wie immer gilt meine Hochachtung den Kollegen und Kolleginnen vom Rettungsdienst, die häufig Unmenschliches zu leisten in der Lage sind. Ob Unfall oder Erkrankung, ob Alt oder Jung, die Rettungsassistenten und Notfallsanitäterinnen sind immer dann da, wenn Hilfe gebraucht wird. Mit der Zahl der geleisteten Einsätze steigert sich aber auch die Anzahl an Einsätzen, die die niedergelassenen Ärzte und Ärztinnen hätten meistern können, die definitiv nicht für den Rettungsdienst sind – eine Schwäche unseres Systems, denn woher soll ein Patient wissen, dass er lebensbedrohlich erkrankt ist. So landen Herzinfarkte bei einem ambulanten Chirurgen, der Pillen oder eine Erkältung im Rettungswagen mitgibt.
Der Patient, der solange wartet, bis er Hilfe ruft, weil er denkt, dass es von allein kommt und auch wieder geht. Wir alle sind gefragt, unser System besser und sicherer zu machen. Deshalb ist dieses Buch auch ein Appell an die Politik, etwas zu ändern und nicht nur zu „verschlimmbessern“. Die Diskussion über einen Zusammenschluss der Notfallnummern ist wahrscheinlich nicht geeignet, um eine Lösung herbeizuführen, viel besser wäre es, wenn man Notfallpraxen einrichten würde; ob diese an Kliniken angegliedert sind oder eher zentral in Städten oder Dörfern liegen sollten, wird gerade in den Gremien diskutiert. Ein Zusammenschluss der Notfallnummern allein ist Augenwischerei und in keiner Weise dazu geeignet, um das System zu entlasten.
Aber eines bleibt gewiss: Wer am Abend eine Verabredung mit uns hat, weiß dies am Morgen noch nicht – und meist will er es auch nicht wissen. Wir dringen schließlich in das Intimste der Patienten ein, in ihre Wohnung, ihren Bereich, in dem sie sich absolut sicher und geborgen fühlen. Ob es die Villa am See mit Marmorfußboden oder die Hartz-IV-Wohnung eines Alkoholkranken ist – wir gelangen in diesen Bereich und sehen das, was man sonst nur selten zu sehen bekommt.
Auch will ich hier auf die wachsende Aggression und Gleichgültigkeit gegenüber dem Rettungsdienst hinweisen. Zum Glück bleiben mir in meinem Einsatzbereich solche Erfahrungen meist erspart. Es gibt aber auch Gegenden, in denen die Kollegen mit Stich- und Schusswesten ihrem Job nachgehen. Etwas in der Art ist mir bisher einmal passiert und schon einige Zeit her; diese kleine Geschichte werde ich weiter hinten erzählen.
Aufgrund einiger Anregungen wurde von mir der erste Band überarbeitet und teilweise mit Bildern versehen. Dies werde ich hier nicht fortführen, denn ich werde auf keinen Fall Bilder aus Schaulust aufnehmen. Aus einem besonderen Anlass habe ich diesmal sogar eine Geschichte von einem Kollegen aufgenommen, aber auch dazu später etwas mehr. Außerdem habe ich hier auf eine Einteilung der Geschichten in Kategorien und eine genauere Erklärung der Einsatzmittel verzichtet, weil diese aus dem ersten Band bekannt sein dürften.
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.
Es war ein nebliger Herbsttag. Die kalte Luft hatte im Verlauf des Tages immer wieder zu Atemnotfällen geführt, sodass wir mehrfach unterwegs waren. Woran liegt das in der Regel? Die feuchte Luft reizt die Bronchien lungenkranker Patienten und schafft es, selbst bei leicht Erkrankten, eine Atemnot auszulösen. Nach 22 Uhr war eine trügerische Ruhe eingetreten. Mein Assistent schlief schon den Schlaf des Gerechten, und ich vergnügte mich mit einem guten Buch. Die Uhr zeigte zwei Uhr nachts an, als der Pieper ertönte und uns zu einem erneuten Atemnotfall rief. Der Patient wohnte nicht weit entfernt von unserer Wache in einem fünfstöckigen Haus, sodass wir keine zwei Minuten brauchten und am Einsatzort waren. Platte nannte man diese Häuser in der DDR, hier in diesem Block lebten nur die, die wenig hatten, vom Schicksal ausgeschlossen waren. Auch wenn es kein Vorzeichen sein sollte, so hatte es doch den Charakter einer Vorahnung. Die Fenster waren defekt, im Treppenhaus schimmelte es, und die Stufen aus schwarzem Steinimitat waren abgewetzt und dreckig. Es roch nach Müll und Urin, in den Ecken zeigten sich verräterische Flecken, die mich schnell eine andere Blickrichtung suchen ließen.
Leider war eine der zuführenden Hauptstraßen gesperrt und der bei uns stati0onierte Rettungswagen, er hätte in der Regel so lange gebraucht wie wir im NEF, war schon seit etwa einer halben Stunde unterwegs, sodass die Rettungsleitstelle uns einen anderen Wagen aus der entfernteren Nachbarschaft zugewiesen hatte. Aber auch hier waren wir uns sicher, dass wir erst einmal allein die Probleme lösen mussten, denn aus Erfahrung wussten wir, dass dieser mindestens dreißig Minuten zu uns brauchen würde, vor allem aufgrund der Umwege über die Dörfer. Ein Helikopter kam bei den vorherrschenden Witterungsbedingungen nicht in Betracht, denn es stürmte und regnete. Wir waren also erst einmal auf uns allein gestellt. Schon bei der Ankunft erwartete uns auf der Straße eine aufgeregte junge Frau, die uns winkend und wild gestikulierend begrüßte. Ihr Gesichtsausdruck ließ uns das Schlimmste vermuten, Angst und Aggressionen standen ihr ins Gesicht geschrieben. Obwohl ich die Frau im Nachhinein neu beurteilen musste, denn ihr Gesicht war sehr stark geschminkt, was ihr ein unnatürliches fast puppenhaftes Aussehen verlieh. Aufdringlich belagerte sie uns beim Verlassen des Wagens und erklärte uns in unzusammenhängenden Sätzen, wie schlecht es ihrem Mann gehen würde. Sie ließ uns kaum Raum und zerrte an meinem Assistenten herum. Er musste sie tatsächlich anbellen, damit wir unsere Koffer herausholen konnten und wir überhaupt den Platz fanden, aus dem Wagen herauszukommen. Kaum waren wir ausgestiegen, versuchte sie wieder, hektisch zu erklären, dass es ihrem Mann sehr schlecht ginge, er kaum Luft bekommen würde und starke Schmerzen an den Luftknoten hätte. Innerlich fragte ich mich, was sie damit meinte, den Ausdruck hatte ich in all meinen Jahren als Arzt noch nie gehört. Ich schob meine Bedenken über den Ausdruck beiseite und konzentrierte mich auf die Aufgabe, die entsprechenden Koffer aus der Halterung zu lösen.
Dem fragenden, verwunderten Blick meines Assistenten konnte ich gerade noch standhalten, denn seine Blicke durchbohrten mich wie ein Dolch. Zu genau kannten wir solche Personen, die meist himmelweit übertrieben und mehr Unruhe in die Situation brachten, als gut war. Als sich die junge Frau schließlich mit drängenden Aufforderungen, ihr endlich zu folgen, umdrehte, konnte ich nur mit den Schultern zucken und ihr mit einem Teil unseres Equipments folgen.
Schon auf der Straße sprach mich mein Assistent mehrfach an und wollte immer wieder wissen, was die Frau denn meinte. Ich konnte ihm auch nicht helfen und das Niederdeutsch der Frau „übersetzen“, deshalb blickte ich ihn nur ein, zwei Mal scharf an und erstickte seine weiteren Fragen im Keim. Er musste mit seinen Fragen warten, bis wir das EKG und die Sauerstoffflasche aus der Halterung gelöst hatten und der aufgeregten Frau zu ihrem Mann gefolgt waren, um uns ein eigenes Bild zu machen. Rätselnd über die Luftknoten, folgten wir der Frau in deren Wohnung, die zu unserem Glück in der zweiten Etage gelegen war. Wer glaubt, dass ihre Ansprache am Wagen alles gewesen sei, wird überrascht sein. Denn sie berichtete uns auch, dass ihr Mann vor ein paar Tagen massive Probleme mit Gallensteinen im Hals gehabt hätte. Jetzt war unsere Verwirrung komplett: Entweder wollte uns die ansatzweise hysterische Frau sagen, dass es dem Mann besonders schlecht ginge, oder aber, was wahrscheinlicher war, sie bewies uns, dass sie nicht die geringste Ahnung von dem hatte, was sie von sich gab; das implementierte ihre einfache Schulbildung sowie den Aspekt, dass sie keine Ahnung von der menschlichen Anatomie hatte.
Wie immer stapelten sich Schuhe, Schränke und Blumentöpfe im Aufgang – eine Freude für jeden Sanitäter, wenn die Rettungswege zugestellt sind. Dazu gehören auch Kinderwagen, die sich vor dem Eingang der Häuser fast stapeln und uns das Leben besonders schwer machen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass wir erst den Flur freiräumen mussten, um einen Erkrankten aus der Wohnung zu bekommen.
Mit einem Wortschwall an verwirrenden Erklärungen schafften wir es schließlich, in die Wohnung des Betroffenen zu gelangen. Nach Angaben der Frau musste ihr Mann halb tot auf dem Boden liegen und sich vor Schmerzen krümmen. Umso erstaunter waren wir, als wir den Hausherrn in der Wohnstube sitzend und Fußball schauend vorfanden. Es gab sicherlich Menschen, die besser und gesünder aussahen, aber auch sicher einige, denen es schlechter ging. Gerade in Bezug darauf, dass sich dieser Mann wohl gerade eine Zigarette angezündet hatte, denn man roch und sah noch den Rauch in der Luft hängen. Kein Wort kam über seine Lippen, auch dann nicht, als ich ihn fragte, worin denn sein Problem bestünde, ob er Schmerzen hätte oder wir ihm irgendwie helfen könnten – er starrte auf den Monitor und ignorierte uns völlig. Die Frau allerdings lamentierte in einem fort, dass ihr Mann solche Schmerzen in den Luftknoten haben würde, dass er kaum noch Luft bekäme und kein Arzt ihm helfen würde. Hier wurde ich hellhörig und fragte die aufgebrachte Frau, welchen Arzt sie denn meinte. Und sie versuchte, mir zu erklären, dass der Hausarzt ihn heute mit ein paar Pillen nach Hause geschickt hätte und sonst nichts weiter unternommen habe, auch wäre er schon in der Aufnahme eines nahe gelegenen Krankenhauses gewesen, das sie aber nach drei Stunden Wartezeit verlassen hätten.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, seine Wut über diesen sinnlosen Einsatz würde mein Assistent gleich an mir auslassen, denn es wurde immer augenscheinlicher, dass diesem Mann keine Gefahr drohte.
„Etwas für den KV-Dienst“, ging es mir durch den Kopf, und in die hintersten Ecke meines Geistes drang so langsam eine Ahnung von den Problemen, die der Mann hatte, in mein Bewusstsein. Dabei spielte der Ausdruck Luftknoten keine Rolle, sondern es begannen vielmehr Wortfetzen wie Halsschmerzen und Luft in meinen Hinterstübchen zu einem Erkenntnisblitz zusammenzusetzen. Mein Verdacht bestätigte sich schnell, nachdem ich in den Hals des immer noch stummen Mannes geschaut hatte. Es war wie im Film. „Bitte einmal ahhh sagen.“ Ich konnte in seinen Hals schauen, während er seinen Blick nicht einmal vom Monitor wendete. Sofort erkannte ich, dass seine Mandeln dick, gerötet, geschwollen und eitrig belegt waren. Er hatte eine normale Mandelentzündung, die vom Hausarzt behandelt worden war.
Die unausgesprochene Frage meines Assistenten, „Was sollen wir nun tun?“, schwebte im Raum wie ein Damoklesschwert.
Der Rettungsassistent, den ich sehr schätzte, warf mir schon jetzt tödliche Blicke zu, denn uns beiden war bewusst, dass wir wieder angerufen und die Beiden keine Ruhe geben würden, bis der Mann behandelt worden wäre, wir saßen in der Falle. Wir versuchten alles um ihn zu überzeugen morgen zum Hausarzt zu gehen oder zumindest selbständig ins Krankenhaus zu fahren, von Taxi bis Mitfahrgelegenheit, alles wurde von ihm sofort aggressiv abgelehnt. Ich hörte mir Drohungen an, musste die Frau beruhigen und gleichzeitig meinen Assistenten vor Handgreiflichkeiten abhalten. Ich erklärte der Frau sehr geduldig, dass sie die Kosten für die Fahrt übernehmen müsse, weil keine vitale Bedrohung vorlag und dass ihr Mann korrekt von seinem Hausarzt behandelt worden war. Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass sie es nicht verstand. Im Gegenteil, sie drohte mit Anwälten und wurde aggressiv, und zwar so sehr, dass wir wirklich Angst bekamen.
Diese Impertinenz ließ mich kurz schlucken, anscheinend musste man nur wissen, wie man das System zu miss- bzw. gebrauchen hat, damit die Kosten im Rettungsdienst hoch und im alltäglichen Leben niedrig gehalten werden. Ich erklärte der Dame mit Engelsruhe, dass ihrem Mann für dieses Leiden kein Transportschein ausgestellt werden würde. Sie bestand auf einer Behandlung ihres Mannes – und das sogar mit Gewalt. Sie würde hochgehen und ihre Freunde holen, weil ihnen eine kostenlose Behandlung zustand. Jetzt kochte selbst bei mir die Wut hoch. Der Rettungsdienst ist schließlich kein Taxiunternehmen, und ich bin kein KV-Arzt, der mit einem Haufen Antibiotika durch die Gegend fuhr. Die Fahrer des gerade eingetroffenen Rettungswagens schauten still und mit einem kleinen Grinsen zu. Mit Ruhe und Geduld unterbrach ich die immer wilder werdenden Schimpftiraden der Frau und begab mich zu den beiden Assistenten, heckte mit ihnen einen Plan aus. Sie mussten wieder zurück ins Krankenhaus und würden ihn, um der Ruhe willen, mitnehmen. Ich würde jedoch keinen Transportschein ausstellen und damit die schon jetzt hohen Kosten für diesen Fehleinsatz geringhalten. Ich erklärte der jetzt beruhigten Frau, dass ihr Mann mitfahren könne, sie sich aber um den eigenen Transport selbst kümmern, im Zweifel bezahlen oder ein Transportschein des Hausarztes nachliefern müsste. Ich bezweifle, dass sie es verstand, aber dies sollte nicht mehr mein Problem sein, denn wir ließen uns das weitere Spektakel lieber entgehen.
Es ist schon eigenartig, wozu Menschen den Rettungsdienst verwenden, wie dieser Fall mal wieder zeigte. Er ist nicht besonders aufregend, aber typisch für die Situation in Deutschland. Manchmal werden Rettungsdienst und Notaufnahmen mit Nichtigkeiten überrannt, sodass es keine Verwunderung ist, wenn diese überfordert sind.
Es war gegen zwei 22 Uhr, als der Notruf in der Leitstelle eintraf: Unklare immobilisierende Rückenschmerzen stand auf dem Pieper. Allein schon diese Nachricht ließ uns die Augen verdrehen. Immer wieder haben wir Rückenschmerzen als Einsatz, selten aber sind sie wirklich bedrohlich. Meist ist es kein Bandscheibenvorfall oder etwas Schlimmeres, sondern es sind Nichtigkeiten. Also machten wir uns leicht genervt, aber ruhig auf in den NEF, schließlich bestand die Möglichkeit, dass die Rückenschmerzen auf einen Herzinfarkt zurückzuführen waren, und jeder Patient muss neutral untersucht werden, ohne eine vorgefertigte Meinung zu haben, um Schlimmeres auszuschließen. Mein Assistent allerdings hatte keine besonders gute Laune, als er die Nachricht las.
