155 - Hannes Uhl - E-Book

155 E-Book

Hannes Uhl

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Beschreibung

Sie ist inzwischen im Ruhestand, doch der Prozess nach der Seilbahnkatastrophe von Kaprun, der ohne Schuldsprüche endete, ließ ihr keine Ruhe. Als der Vater eines Opfers viele Jahre danach sie der Mitschuld an einer großen staatlichen Vertuschung bezichtigte, konnte sie das nicht mehr hinnehmen. So brach die damalige Staatsanwältin das Schweigen, das seit Jahren über der Kaprun-Katastrophe lag, und unterstützte die beiden Journalisten Hubertus Godeysen und Hannes Uhl gemeinsam mit anderen Insidern bei der tabulosen Aufarbeitung der Katastrophe. Die beiden deklarierten Kaprun-Aufdecker präsentieren Fakten und Zusammenhänge, die ein ganz neues Bild von dem Unglück und seiner Entstehung zeichnen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 238

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Hubertus Godeysen, Hannes Uhl: 155

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: Hidsch

Lektorat: Marion Knobloch

eBook-ISBN 978-3-99001-091-4

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Dieses Buch gibt die jahrelangen Recherchen der Autoren über die Hintergründe der Seilbahnkatastrophe von Kaprun wieder. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Es wurde nicht geschrieben, um einzelnen Personen Schuld zuzuweisen, sondern um die Funktionsweisen eines Rechtssystems zu beleuchten, in dem die Wahrheit eine untergeordnete Kategorie sein kann.

Die im Buch verwendeten Fakten stammen aus dem Gerichtsakt, den Untersuchungsberichten der deutschen Staatsanwaltschaft Heilbronn und der Landespolizei Baden-Württemberg oder aus anderen den Autoren vorliegenden Dokumenten sowie aus Erklärungen, die Beteiligte gegenüber den Autoren abgegeben haben.

Die Autoren haben allen in relevanter Weise Genannten die sie betreffenden Manuskriptauszüge zur Prüfung der Fakten und zu deren allfälligen Richtigstellung vorgelegt. Nur wenige haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Namen wurden teilweise zum Schutz der Privatsphäre beteiligter Personen geändert oder weggelassen. Die im Buch verwendeten Dialoge haben die Aufgabe, die tatsächlichen Ereignisse, Situationen oder Einschätzungen verständlicher zu machen und sind teilweise fiktiv oder vereinfacht.

Die verwendeten Unterlagen, Dokumente und Fotos sind auf der Homepage www.155.at einsehbar.

»Den Lebenden schulden wir Respekt, den Toten nur die Wahrheit.« (Voltaire, 1785)

Prolog

»Wie schön kann das Leben auch ohne beruflichen Alltag sein. Endlich frei«, rief ich damals aus vollem Herzen, als ich bei strahlendem Sonnenschein entlang des Flüsschens Mur radelte.

An diesen Augenblick im Juni 2011 kann ich mich deshalb so gut erinnern, weil mir an diesem Tag meine neue Freiheit erst so richtig bewusst wurde. Zusammen mit meinem Mann und einem befreundeten Ehepaar waren wir von der Stickler-Hütte im Salzburger Lungau zu einer einwöchigen Fahrradtour durch die Steiermark gestartet. Es war mein erster Urlaub im neuen Leben und im noch ungewohnten Ruhestand.

Aus meinem Amt war ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge geschieden. Darüber hatte auch der offizielle Dank nicht hinwegtäuschen können, mit dem ich von meinen Vorgesetzten und Kollegen verabschiedet worden war. Sie sprachen von meinem großen Engagement und einer erfolgreichen 32-jährigen Arbeit für die Salzburger Justiz. Das inkludierte auch das Kaprun-Verfahren, das ab dem Tag der Katastrophe, am 11. November 2000, mein Leben bestimmte und das ich aus meiner Sicht nie als Erfolg sehen konnte, ganz im Gegenteil. Die gut informierte Salzburger Journalistin Sonja Wenger schrieb damals zu meiner Pensionierung: »Sie wurde auf perfide Art gemobbt, berichten wohlwollende Kollegen. Ihr wurde ein Maulkorb verpasst, ständig standen dienstrechtliche Vorwürfe im Raum, man unterstellte ihr sogar, sie würde die Kaprun-Prozesskritiker steuern.«

Ende Mai 2011 wurde ich mit einer kleinen Feier im Kollegenkreis verabschiedet. Jetzt stand ich nicht mehr einer Justiz gegenüber, die der ständig anwachsenden politischen Einflussnahme nur wenig Widerstand entgegengesetzte. Damals, als ich 1971 mit viel Idealismus in den Justizdienst eintrat, hatte ich noch ein anderes Umfeld vorgefunden, das der Rechtsprechung mehr Unabhängigkeit zubilligte. Heute leiden viele meiner Kollegen unter der in Österreich schon länger zu beobachtenden schleichenden Demontage der Gewaltenteilung, die nicht nur den Parlamentarismus schwächt, sondern zunehmend auch die Justiz erfasst. Besonders bedaure ich die Zunahme von parteipolitischem Karrieredenken bei manchen meiner Kollegen.

Unsere Vierergruppe radelte einen kleinen Hügel hoch, hielt an, und wir genossen den weiten Blick. Dieses schöne Bild nahm ich ganz in mich auf und verlor deshalb den Anschluss zu meinen Begleitern. Als ich bemerkte, dass die anderen schon weiter entfernt waren, trat ich in die Pedale. Doch mein Schwung war abwärts zu groß, der Lenker schlingerte. Ich rammte das Rad meines Vordermanns, stürzte und wurde bewusstlos. Als ich wieder erwachte, saß ich am Straßenrand, spürte Schmerzen in der Schulter und blickte auf Hautabschürfungen an den Armen. Mein Mann und das befreundete Ehepaar hatten sofort ein Taxi bestellt, auf das wir nun gemeinsam warteten. Als es kam, brachte es mich in ein nahe gelegenes Krankenhaus, wo ich sehr freundlich aufgenommen und untersucht wurde. Der diensthabende Arzt stellte einen Schlüsselbeinbruch und eine Gehirnerschütterung fest und verordnete eine stationäre Aufnahme.

Am nächsten Morgen wachte ich noch ganz benommen auf und freute mich, als ich meinen Mann und unsere Freunde am Krankenbett sitzen sah. Wir unterhielten uns gerade über das unerwartete Ende der Radtour, als die Zimmertür aufging und ein anderer Arzt hereinkam.

»Wir kennen uns. Kaprun«, sagte er.

Ich erinnerte mich sofort an ihn. Als Staatsanwältin war mir dieser Mann im Gerichtsverfahren mehrfach aufgefallen, der zusammen mit vielen anderen Opferangehörigen den Kaprun-Prozess fassungslos und ungläubig verfolgte und die Freisprüche mit hilflosem Entsetzen erlebte.

»Ich habe in Kaprun meinen Sohn verloren«, sagte er. »Er wollte Mediziner werden und in meine Fußstapfen treten. Nun ist er tot.«

Mit diesem Satz brachen die Emotionen der mehr als zehn Jahre angestauten Ohnmacht und Wut aus dem verzweifelten Vater heraus. Gemeinsam mit den anderen Hinterbliebenen hatte er nicht nur den Tod eines geliebten Menschen verkraften müssen, sondern auch ohnmächtig einen Gerichtsprozess erlebt, bei dem sich die Beschuldigten für sein Gefühl mit trickreichen Anwälten und fragwürdigen Gutachten aus ihrer Verantwortung gestohlen hatten und schließlich freigesprochen worden waren. In seiner verständlichen Wut auf die österreichische Justiz überhäufte er mich mit Anschuldigungen. Er warf mir vor, den Freispruch aller Beschuldigten zugelassen und mit ihnen unter einer Decke gesteckt zu haben. Dann lief er aus dem Zimmer.

Als mein Mann, der selbst Mediziner ist, aufgebracht reagieren wollte, hielt ich ihn zurück. »Wie hättest du dich verhalten, wenn dein Sohn in Kaprun umgekommen wäre und das Gericht diejenigen freispricht, die seinen Tod auf dem Gewissen haben? Er kennt doch meinen Kampf gegen das Urteil gar nicht und sieht mich nur als Teil eines ungerechten Justizsystems, das bei der Kaprun-Katastrophe die Verantwortlichen gedeckt und die Wahrheit unterdrückt hat.«

Da tauchten die Bilder von Kaprun wieder auf, die ich eigentlich verdrängen wollte. So, als ob es gestern gewesen wäre, durchlebte ich nochmals den 11. November 2000, den Tag der schwersten Katastrophe in der Geschichte der Zweiten Republik. Wieder sah ich das Entsetzen der Eltern und Angehörigen, als sie langsam begriffen, dass ihre Kinder und Ehepartner nicht mehr zurückkommen werden. Dann wurden meine Erinnerungen an den Prozess übermächtig und wie im Film zogen die einzelnen Erlebnisse und Gerichtsszenen an mir vorbei. Schließlich durchlebte ich nochmals die Urteilsverkündung, die sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt hatte.

Nochmals erlebte ich den Moment, als die Hinterbliebenen fassungslos erkannten, dass der Richter soeben alle Angeklagten, die wegen des Todes ihrer Lieben vor Gericht gestanden waren, freigesprochen hatte. Nie zuvor hatte ich in einem Gerichtssaal Menschen so geschockt zusammenbrechen, verzweifelt weinen oder wütend hinauslaufen gesehen, wie nach diesem Urteil. Nie zuvor hatte ich ein Urteil erlebt, das mit so großer Verachtung kommentiert wurde, zunächst in Salzburg und dann weltweit.

Ich richtete mich im Bett auf, die Schulter schmerzte noch und der Kopf tat mir weh. »Ich verstehe diesen Mann. Er hat mir soeben klargemacht, dass Kaprun nicht abgeschlossen ist.«

Heute, mit dem Abstand von zweieinhalb Jahren, ist das Erlebnis im steirischen Krankenhaus immer noch präsent. Viele berührende Begebenheiten mit Opferangehörigen, die ich erlebt habe, bleiben wohl immer in meiner Erinnerung wach. Ebenso wie das unvorstellbare Grauen des unvorhersehbaren gewaltsamen Eingriffs in ihr Leben.

Erst der Arzt im steirischen Krankenhaus machte mir bewusst, dass durch mein sachbezogenes Denken und Auftreten bei dem einen oder anderen Opferangehörigen der Eindruck entstanden sein könnte, ich hätte mich zu wenig bis gar nicht engagiert, oder ich hätte den Verfahrensausgang sogar gebilligt. Beide Behauptungen sind unrichtig, aber ich fühle mich dafür verantwortlich, dass es eine solche Einschätzung überhaupt geben konnte. Ich möchte deshalb allen versichern, dass es nach dem rechtskräftigen Abschluss des Kaprun-Verfahrens noch weitere arbeitsintensive Verfahrensschritte gab, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren und auch nicht im Fokus der Opferangehörigen standen.

Die Einstellung des Verfahrens gegen die Gutachter und eine unterlassene Wiederaufnahme des Verfahrens haben aus meiner Sicht verhindert, dass der Kriminalfall Kaprun vollständig und widerspruchsfrei aufgeklärt werden konnte, obwohl deutsche Behörden die österreichischen Gutachten gründlich widerlegt hatten. Darunter leiden viele bis heute, und sie werden es wohl noch in Zukunft tun.

Nach langem Zögern habe ich mich deshalb entschlossen, die beiden Autoren Hubertus Godeysen und Hannes Uhl bei ihren Recherchen zu unterstützen.

Salzburg, im Februar 2014

Kapitel 1

Kaprun, Sommer 1994

»So ein Pfusch.« Der Hydraulikmonteur liegt auf dem Rücken und blickt durch ein kleines Loch auf die Beine der beiden Elektriker über ihm im Führerabteil. »Wie soll ich hier Leitungen verlegen?«

Von oben kommt nur ein Murmeln, das er nicht versteht.

So hat er sich den Tag nicht vorgestellt. Seit Wochen arbeitet Hans Unterweger in Kaprun am Unterbau der Gletscherbahn. Er verlegt mit zwei Kollegen Hydraulikölleitungen im Stahlgerippe. Vier voneinander unabhängige Systeme. Er ist mit seinem Werk fast fertig. Es fehlt nur noch der Oberbau der Zugkonstruktion, an dem in diesem Sommer, keine 200 Kilometer entfernt, in Oberweis im Salzkammergut gearbeitet wurde. Heute ist das Riesenpaket nach Kaprun gekommen, zwei 15 Meter lange Zugteile aus Stahl, Aluminium, Styropor und glasfaserverstärktem Kunststoff. Alles ist vorbereitet. Wie Topf und Deckel sollten Zugaufbau und Fahrwerk aufeinandergesetzt werden.

Die alte Bahn auf dem Schmiedinger Kees, so heißt der Gletscher auf dem Kitzsteinhorn, ist in die Jahre gekommen. In den 1970er-Jahren galt sie noch als Wunderwerk der Ingenieurskunst, das nahtlos an die Errichtung der Tauernkraftwerke anschließen sollte, die an der Ostflanke des Kitzsteinhorns liegen. Die zwei Staudämme in hochalpiner Lage, Limberg und Moserboden, waren zum nationalen Mythos geworden, zum Symbol für den Wiederaufbau Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Seit 1964 ist der Gletscher mit einer Gondelbahn über die Salzburger Hütte erreichbar. Der Skisport boomte in Wirtschaftswunderzeiten, und der Ansturm der Skifahrer war oft nicht zu bewältigen. Verschärfend kam hinzu, dass die Gondelbahn bei Sturm nicht fahren konnte. Dann gelangten die Skifahrer entweder gar nicht auf den Berg oder sie saßen auf 2450 Höhenmetern fest. Lang ist die Liste jener Menschen, die glaubten, alle Warn- und Verbotshinweise ignorieren zu können, auf eigene Faust die Abfahrt ins Tal versuchten und dabei starben. Es gibt hier nämlich keine Abfahrt, nur Felswände, rutschige, steile Wiesen und keinen Halt.

Mit dem Bau der Bahn zwischen 1972 und 1974 sollten diese Probleme der Vergangenheit angehören. Der Gletscher sollte für den Massentourismus geöffnet und gleichzeitig sollte eine von Wetterwirren unabhängige Zu- und Abfahrt geschaffen werden. Ein verwegener Plan, ein noch nie dagewesenes Meisterstück. Ein 3,3 Kilometer langer Tunnel, durchschnittliche Neigung fast 50 Prozent, Maximalneigung in der Bergstation sogar 57 Prozent. Für eine Höchstgeschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde ist die Bahn konzipiert. Das bedeutet, in nur acht Minuten von 911 Höhenmetern im Tal auf 2450 Höhenmeter auf den Gletscher zu gelangen.

Der Hydrauliker Unterweger hat also einen verantwortungsvollen Job. Er operiert am offenen Herzen des Sicherheitssystems der Standseilbahn. Sollte einmal das Seil reißen und der Zug im Tunnel abzustürzen drohen, wird seine Hydraulik mit 190 Bar Hochdruck automatisch zuschnappen. Die Feststellbremse nagelt den Zug an den Gleisen fest. Sie könnte damit eine ganze Horde Elefanten vor dem Absturz bewahren.

Schnittiges Ding, dachte er, als er das erste Mal den neuen Zug am Kran hängen sah. Die Bahn hat sich gemausert, von der alten, klobigen, kantigen Metallgarnitur zum formschön geschwungenen Aushängeschild. »Seht her, hier in Kaprun haben moderne Zeiten Einzug gehalten!«

In acht Minuten auf den Gletscher, in einem Gefährt, das den Vergleich mit dem französischen TGV oder dem deutschen ICE nicht zu scheuen braucht. Zugegeben, nicht annähernd so schnell, aber dafür mit dem Klettervermögen einer Gams. »Kitzsteingams« heißt denn auch einer der beiden Züge. Der andere trägt den etwas mystischeren Namen »Gletscherdrache«.

Millimetergenau ist am Vormittag die neue »Kitzsteingams« auf ihr altes Stahlgerippe aufgesetzt worden. Alles hat gepasst. Nur bei Unterweger und seiner Hydraulik nicht. Dort, wo der erfahrene Techniker seine Messleitungen vom Chassis in das Pult zu den Manometern verlegen soll, ist dafür kein Platz.

Stöhnend schält er sich unter dem Zug hervor, steigt die Leiter hinauf und sieht die beiden Elektriker immer noch in der Führerkabine stehen. Sie tuscheln und vermeiden seinen Blick.

»Leute, da ist ein Heizlüfter im Weg, wo meine Leitungen hin sollen. Der steht einfach aus dem Fahrerpult des Führerstands raus.«

»Ich weiß«, sagt einer der Elektriker genervt. »Es hat geheißen, es ist genug Platz für die Leitungen. Du musst sie halt um den Heizlüfter herumführen.«

»Eine Maßanfertigung trotz Heizlüfter-Hindernis?«, antwortet der Hydraulik-Techniker mindestens so säuerlich wie sein Gegenüber, »das ist nicht dein Ernst. Ich hab’ da nicht einmal Platz, um mich irgendwie zu rühren, geschweige denn, Leitungen zu verlegen.«

»Beruhig dich«, beschwichtigt der Elektriker, »wir bauen den Heizlüfter aus, dann kannst du dich bewegen.« Er nickt seinem Elektrikerkollegen zu.

»Wie kommt der Heizlüfter überhaupt da hin?«, sagt der Hydraulikmonteur, immer noch indigniert, »ich meine, gerade da, wo meine Leitungen hin sollen?«

»Die haben bei der Firma in Oberösterreich, wo der Zug zusammengebaut worden ist, nicht den richtigen Heizlüfter bekommen. Deshalb haben sie diesen da genommen und in der Wand des Fahrerpults versenkt.«

»Aber warum versenkt? Jeder Heizlüfter hat eine Aufhängevorrichtung. Der ist nur an der Pultwand anzubringen, ohne großes Zerlegen und Verschrauben. Und ich hätte Platz für meine Leitungen.«

»Das war der Plan, er hat aber nicht funktioniert. Hätten die den Heizlüfter aufgehängt, wäre die Tür für den Zugführer nicht mehr aufgegangen. Deswegen ist er zerlegt und in der Wand verschraubt worden.«

»Na bravo«, sagt Unterweger, »ihr habt eine schöne Planung beisammen.«

Kapitel 2

In der riesigen Abfertigungshalle des Tokioter Flughafens Narita warten am 6. November 2000 vor den Schaltern der Japan Airlines der 42-jährige Okihiko Deguchi mit seiner 13 Jahre alten Tochter Nao, zwei 14-jährige Mädchen und zwei gleichaltrige Jungen. Sie sind in ihrer Heimat, der Präfektur Fukushima, sehr früh aufgebrochen. Gegen 10:30 Uhr stehen sie am Meeting Point und warten auf die anderen vier Mitglieder ihrer Reisegruppe. Sie alle freuen sich auf eine Woche Skitraining auf dem Kitzsteinhorn in Österreich.

Okihiko Deguchi ist ein bekannter japanischer Skisportler, der nun sehr erfolgreich als Trainer arbeitet und auch die fünf Jugendlichen aus Fukushima ausbildet. Die drei Mädchen und zwei Jungen sind Schüler der Junior High School, gehören zu Japans großen Skihoffnungen und wollen sich für die Olympischen Spiele qualifizieren. Der 14-jährige Tomohisa Saze ist bereits Mitglied der japanischen Skiauswahl und trainiert hart, um für die Weltmeisterschaft nominiert zu werden. Die gleichaltrige Ayaka Katoono gehört zur Jugendauswahl der Skimannschaft ihrer Präfektur, möchte sich für die Aufnahme in das Skiteam ihrer Universität qualifizieren und nach dem Studium Lehrerin werden. Tomoko Wakui hat zwei große Leidenschaften, das Skifahren und die Mode. Sie hofft, später eine berühmte Modedesignerin zu werden. Masanobu Onodera ist ein begeisterter Skifahrer und hat sich noch nicht entschieden, ob er den Skisport zum Beruf machen oder lieber Computer programmieren will. Und Nao ist die jüngste Teilnehmerin, zählt jedoch schon zum hochtalentierten Skinachwuchs und ist der besondere Stolz ihres prominenten Vaters.

Ihr Flugzeug startet um 12:50 Uhr, doch sie müssen nicht lange warten: »Guten Tag, Herr Deguchi! Willkommen in Tokio«, begrüßt Masatoshi Mitsumoto den Trainer, anschließend zwei mitgereiste Väter und die fünf Jugendlichen. Er hat mit seiner 22-jährigen Tochter Saori die kürzeste Anreise. Sie sind zusammen mit einer Kommilitonin seiner Tochter gekommen. Kurze Zeit später erreicht auch Maki Sakakibara den Treffpunkt, sie ist mit 25 Jahren die Älteste und wird von ihrem Freund begleitet. Bald erscheint auch Hirokazu Oyama. Er ist mit dem Flughafenbus angereist und wurde von seinen beiden Eltern an der Busstation Takasaki herzlich verabschiedet. Sein Vater ist Manager bei Japans bekanntem Skihersteller Ogasaka und dessen berühmtem Skiteam. Ogasaka gehört zu den Förderern des Skitrainings dieser Gruppe in Österreich.

Deguchi erwidert die freundliche Begrüßung und macht die Eltern miteinander bekannt, die sich mit einer tiefen Verbeugung vorstellen. Bei den neun Jugendlichen geht es nicht so förmlich zu. Die Mädchen umarmen einander fröhlich, und die Jungen geben sich locker die Hand. Nun hat er seine Gruppe zusammen, die sich erwartungsvoll unterhält und schnell zueinanderfindet. Deguchi schaut auf seine Armbanduhr und rät zum Einchecken. Mit ihrem sperrigen Gepäck geht die japanische Reisegruppe zum Flugschalter, gibt das Gepäck auf, und der Trainer erhält zehn Boardingcards.

Vor der Sperre drehen sich alle noch einmal um, winken ein letztes Mal und der Trainer verbeugt sich tief, dann verschluckt der Flughafen die kleine Reisegruppe.

»Lasst uns auf die Aussichtsterrasse gehen, dann können wir sehen, wie unsere Kinder abfliegen«, schlägt Masatoshi Mitsumoto vor. Die Väter und Makis Freund folgen ihm. Oben angekommen, erkennen sie den Flieger, in dem die Gruppe sitzt. Um 12:35 Uhr wird die Gangway zurückgezogen und das Flugzeug fährt langsam auf die Startposition. Noch einige Minuten, dann dröhnen die Turbinen, die Maschine der Japan Airlines beginnt zu rollen, wird schneller, an den Tragflächen gehen die Startklappen hoch und pünktlich um 12:50 Uhr hebt das Flugzeug ab. Sie wissen, dass sie sie aus dem Flieger nicht sehen können, aber trotzdem winken die Angehörigen der Maschine nach, die mit dem roten kreisrunden Kranich auf der Heckflosse schnell in den Wolken verschwindet. »Itterashai und Sayonara« rufen sie den Jugendlichen nach.

Im Flieger sitzen die drei Jüngsten im Alter von 13 und 14 Jahren zusammen. Sie sind am aufgeregtesten, weil sie ihren ersten großen Langstreckenflug erleben. Auch Saori Mitsumoto und ihre Freundin Ruouko Narahar haben sich zusammengesetzt, sie studieren an der renommierten Keio Universität und gehören dem angesehenen Skiclub ihrer Eliteuniversität an. Beiden Mädchen dürfte nach der Universität eine große Karriere bevorstehen, denn sie sind nicht nur exzellente Skifahrerinnen, sondern haben auch sehr gute Studienabschlüsse geschafft.

Maki will mit dem Skitraining auf dem Kitzsteinhorn die Qualifizierung für die japanischen Skiwettkämpfe im Jänner 2001 erreichen, um anschließend Skisportlerin werden zu können. Später möchte sie die japanische Skifahrerelite coachen. Und Hirokazu hofft, sein Skifahren so zu verbessern, dass er für Ogasaka die neuen Skimodelle präsentieren kann. Später will er Skilehrer werden und träumt davon, ein Skihotel zu managen. Alle neun Jugendlichen sind voller Vorfreude, und nachdem der Flieger seine Flughöhe erreicht hat und die Fluggäste sich abschnallen dürfen, wird der Trainer mit Fragen über ihr Reiseziel und den Skisport in den Alpen bedrängt. Doch erst einmal liegt noch ein langer Weg vor ihnen, bis sie auf die Bretter steigen können. Da sich die japanische Zeit um 8 Stunden verschiebt, haben sie einen Flug von elfeinhalb Stunden hinter sich, wenn sie um 16:30 Uhr Kopenhagen erreichen. Um 17:15 Uhr geht dann ihr Anschlussflug nach München, wo sie um 18:55 Uhr landen. Von hier aus fahren sie mit einem Charterbus direkt nach Kaprun und treffen dort um 22:30 Uhr ein.

Die neun japanischen Jugendlichen. Das Foto entstand am 8.11.2000 auf dem Kitzsteinhorn.

Am 10. November klingelt in Tokio bei Nanae und Masatoshi Mitsumoto das Telefon.

»Ich wollte mich nur mal kurz aus Austria melden«, ruft Tochter Saori in ihr Handy. Die Verbindung ist schlecht, aber die Eltern verstehen sie.

»Wir sind hier mehrfach auf dem Gletscher Ski gefahren und haben abends in Kaprun gegessen, dort haben wir auch unser Hotel. Uns geht’s gut, und morgen fahren wir wieder den Berg hoch. Für morgen ist traumhaftes Wetter angesagt. Auf dem Kitzsteinhorn findet das internationale Snowboard-Opening mit Wettkampf, Party und Feuerwerk statt.«

»Wir freuen uns, dass es euch gut geht, weiterhin viel Spaß! Wir denken an dich. Sayonara«, rufen die Eltern, dann ist das Telefonat zu Ende.

Einen Tag später steht die Gruppe aus dem fernen Japan mit ihrer Skiausrüstung dicht gedrängt vor der »Kitzsteingams«, der Kapruner Gletscherbahn, die um 8.57 Uhr in die Talstation einfährt. Wenige Minuten später schiebt Vater Okihiko Deguchi seine 13-jährige Nao als erste in den Zug, dann folgt er mit den anderen acht Jugendlichen nach.

Kapitel 3

»Raus aus den Federn. Es ist ein Wahnsinnstag.« Matthäus und Tobi sind wie immer als erste wach, während der Rest noch keine Anstalten macht, aufzustehen.

Es ist knapp nach sieben Uhr früh. Keine sechs Stunden zuvor haben die fünf Maturanten noch bei der »Kick-off-Party« für das Snowboard-Opening auf der Burg Kaprun gefeiert. Dank dem »ultimativen Opening Package« um 790 Schilling bekommen sie an diesem Wochenende eine Menge geboten, und zwar die Liftkarte für Samstag und Sonntag mit sämtlichen Events auf dem Gletscher, wie »Endless Winter Snowboard Test« mit mehr als tausend aktuellen Snowboardmodellen, Funpark, Speedmess-Strecke, Jump Contest oder Pipe Contest. Für die passionierten Snowboarder aus Wien ist das ein besonderes Erlebnis.

Es ist ihre erste gemeinsame Reise ohne elterliche Aufsicht. Alle fünf sind in derselben Gegend aufgewachsen, in den Bezirken Währing und Döbling, im äußersten Nordwesten Wiens. Die Begeisterung für das Snowboarden ist nicht die einzige Leidenschaft, die sie verbindet. Es sind fünf beste Freunde, die im Frühsommer ihre Reifeprüfung abgelegt haben und für die nun ein neuer Lebensabschnitt beginnen soll.

Matthäus Stieldorf, geboren am 31. Juli 1982, will zu den Pionieren des Bundesheeres. Der immens sportliche und kräftige junge Mann sucht dort die körperliche und technische Herausforderung. Seine Kurzsichtigkeit verleidet ihm dieses Vorhaben jedoch. Matthäus schwenkt um. Nun soll es Zivildienst werden, genauer gesagt, Gedenkdienst in Mailand oder New York. Schon als Gymnasiast war er ein halbes Jahr in North Dakota zum Austausch, hat Sprach- und Kulturbarrieren überwunden. Nun zieht es ihn wieder in die Ferne. Das Innenministerium aber zeigt sich skeptisch. Dass ein junger Mann sich zuerst freiwillig für ein Jahr beim Bundesheer meldet, um dann aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe zu verweigern, stößt auf Misstrauen. Deshalb inskribiert Matthäus erst einmal auf dem Wiener Juridicum. Er eifert seinem Vater Johannes nach, einem angesehenen Wirtschaftsanwalt in Wien. Sein Ziel ist es, die Kanzlei seines Vaters einmal zu übernehmen, auch wenn der ihm davon abrät: »Das willst du dir antun?«

Matthäus’ Mutter Karin ist Architektin an der Technischen Universität. Um Matti, wie Matthäus von den Eltern gerufen wird, und seine Schwester großzuziehen, hat sie auf die große universitäre Karriere verzichtet. Den Kindern sollte ein guter Start ins Leben ermöglicht werden, in familiärer Geborgenheit. Im Theresianum, einer traditionsreichen Wiener Privatschule, die großen Wert auf Höflichkeit, gutes Auftreten sowie auf die Erziehung zur Internationalität legt, hat Matthäus den menschlichen Feinschliff erhalten. Er maturiert mit Auszeichnung, ohne den Ruf eines Strebers verpasst zu bekommen. Er gilt als konsequent in allem, was er tut. Sein Selbstbewusstsein weiß er mit einer unaufdringlichen Lässigkeit zu verbinden. Trotz seiner physischen Stärke ist er stets der konfliktvermeidende Typ, betont ruhig und gelassen, immer um Ausgleich bemüht. Die Kraft, die er sich bei den Kampfsportarten Taekwondo und Capoeira aneignet, spielt er nie aus.

Matthäus Stieldorf im Sommer 2000 in Griechenland.

Mit drei Jahren steht er schon auf Skiern, ungewöhnlich für ein Kind aus dem ostösterreichischen Flach- und Hügelland. Doch seine Eltern stammen aus Tirol. Der Skiurlaub in der Heimat, nahe Innsbruck oder am Arlberg, ist stets Bestandteil des Ferienprogramms. Für einen Kurzausflug fahren sie auch schon mal zum Hochkar in Niederösterreich, unweit der Bundeshauptstadt. So wird aus dem Stadtkind schnell ein guter Skifahrer. Als junger Gymnasiast schließt sich Matthäus im Skiurlaub am Arlberg einer Tourengruppe an und kommt gleich in die Einsergruppe mit den Besten. Wenig später hängt er seine Skier an den Nagel. Snowboarden ist sein neues Steckenpferd.

In den gemeinsamen Skiurlauben der befreundeten Familien suchen die Jugendlichen jetzt den Kick abseits der Pisten. Kein Aufstieg ist ihnen zu lang, solange sie sich mit einer schönen Abfahrt im unberührten »Powder«, wie der Pulverschnee im jugendlichen Jargon genannt wird, belohnen können. Hier finden sie die große Freiheit, vor allem, wenn sie sich wie ihre Vorbilder auf der Half Pipe mit einem spektakulären »Jump« in Szene setzen können.

Auf dem Gletscher in Kaprun waren die fünf Freunde noch nie. Am Freitagnachmittag fahren sie los. Die Eltern von Franz haben einen geräumigen Van zur Verfügung gestellt, damit sie die Snowboards und das Gepäck für das Wochenende gut verstauen können und die fünf Freunde sicher auf der Autobahn unterwegs sind. Matthäus packte seine Sachen im elterlichen Haus in Wien-Sievering. Der Vater ist an diesem Tag mit dem Lions Club auf Weinverkostung in der Südsteiermark. Die Mutter ist den ganzen Tag in einem Workshop auf der Uni. Die beiden telefonieren noch am Nachmittag, weil Matthäus seine Skihose nicht finden kann. Auch seine juristischen Bücher packt der Erstsemester für das Wochenende in Kaprun ein.

»Komm schon«, sagt Matthäus zu Daniel, der sich noch immer nicht gerührt hat und reißt ihm die Bettdecke vom Körper, »schau raus, keine Wolke am Himmel.«

»Kein Witz?«, fragt Daniel mit einem Krächzen.

»Kein Witz«, antwortet Matthäus.

»Sonne und Powder, hopp auf«, freut sich Tobi.

Keine fünf Sekunden später sitzen Daniel, Stefan und Franz auf der Bettkante.

»Auf geht’s«, ruft Franz, streckt sich noch einmal kräftig durch, um dann regelrecht in den Stand hochzuschießen. »Der Gletscher wartet auf uns.« Mit verkniffenen Augen streckt er den Kopf aus dem Fenster. Die Sonne hängt noch tief hinter dem Imbachhorn, doch die Spitze des Kitzsteinhorns leuchtet schon.

Kapitel 4

Fünf nach halb neun. Das Thermometer zeigt minus 14 Grad auf dem Gletscher, in der Talstation auf einer Seehöhe von 911 Metern fünf Grad plus. Besser können die Bedingungen an diesem Samstag nicht sein, um das große Snowboard-Opening auf dem Kitzsteinhorn über die Bühne zu bringen. Es soll der pompöse Auftakt der Wintersaison werden. Die Tage zuvor waren hektisch für die Gletscherbahnen Kapruns. Das Alpincenter, die Bergstation der Tunnelbahn, war über den Sommer umgebaut worden, und die Vorbereitungen zum Saisonstart sind bis zum letzten Tag gelaufen. Die Betriebsgenehmigung für die Bergstation ist zwar noch ausständig, doch das Gletscher-Skigebiet ist frisch präpariert. Allein 1500 Snowboarder werden an diesem Tag erwartet, außerdem 2500 Skifahrer. Zwischen 55 und 130 Zentimeter Schnee liegen auf dem Schmiedinger Kees. Alles ist bereit für den Ansturm.

Es ist die siebte Fahrt an diesem Tag, als der Maschinist in der Bergstation das Signal zum Starten der Anlage gibt. Dort setzt sich der »Gletscherdrache« mit einem Ruckeln in Bewegung und beschleunigt langsam nach unten in den Tunnel. 3,9 Kilometer und 1500 Höhenmeter weiter unten im Tal startet der Gegenzug, die »Kitzsteingams«, seine Bergfahrt. Die Standseilbahn fährt zwar auf Schienen im Tunnel durch den Berg, funktioniert aber im Prinzip wie eine überirdische Pendelseilbahn: Fährt der eine Zug unten los, startet der andere oben. In der Mitte treffen sich die beiden Züge.

Die »Kitzsteingams« ist bereits gut gefüllt, bis zu 180 Passagiere finden dicht aneinander stehend Platz. Im Zugführerabteil sitzt Siegfried Schwabl, einer der jüngsten Mitarbeiter der Gletscherbahn. Von der Talstation aus geht es zuerst auf eine 600 Meter lange Rampe, dann taucht die Bahn in den Berg ein. 3,3 Kilometer lang ist der enge, unbeleuchtete Tunnel bis zur Bergstation. Acht Minuten dauert die Fahrt in der Regel.

»Was hat’s?«, funkt Siegfried Schwabl nach oben zum Maschinisten. Sein Zug ist mitten im Tunnel zum Stehen gekommen. Keinen Meter parallel daneben hat der zweite Zug, der »Gletscherdrache«, seinen Weg nach unten gestoppt. Es ist die unterirdische Mittelstation, die Breitriesenalpe, wo die sogenannte Abt’sche Weiche dafür sorgt, dass die Züge aneinander vorbeifahren können. Vor sich sieht Schwabl die kreisrunde Tunnelwand, zumindest ein paar Meter weit, beleuchtet von den Lampen der Mittelstation. Rechts hinter ihm liegt der menschenleere Bahnsteig, der in Stufen angeordnet den Breitriesenstollen erschließt, der von der Mittelstation aus 640 Meter weit ins Freie führt.

Siegfried Schwabl (Jugendfoto).

In den Abteilen hinter ihm blicken die Skifahrer aus den von scharfen Skikanten zerkratzten Acrylglasfenstern. Nach der Fahrt durch den unbeleuchteten Tunnel können sie jetzt die Felswände im Detail wahrnehmen. Hier in der Mittelstation sind alle zehn Meter Neonröhren an der Wand montiert, die den grob geschlagenen Fels und seine Kalkablagerungen in ein gespenstisches, kaltes Licht tauchen. Im geschwungenen Kunststoffinterieur der Züge mit seinen Werbebannern, dem Spruch »Ich schau dir auf die Skier, Kleines« neben einem Humphrey-Bogart-Konterfei und unter den bunt gekleideten Skifahrern und Snowboardern mit ihren schnittigen Sportgeräten haben sie vergessen, dass sie sich in einer fremden Umgebung befinden, mitten im Hochgebirge, mitten im Berg. In der Mittelstation schleicht sich eher das Gefühl ein, ein dreckverschmierter Knappe zu sein, der tief im Berg nach Erzen schürft, als ein Freizeitsportler, der gleich in der Gletschersonne seine Schwünge in den frisch präparierten Schnee setzen soll.

Auf dem einen Gleis steht ein voll besetzter Zug, Skifahrer an Skifahrer, die in einer Hand die Skier halten und mit der anderen Halt suchen. An den Schlaufen, die von der Decke baumeln, an den gepolsterten Stangen, die senkrecht und waagrecht durch die Abteile führen, oder am Overall des Nachbarn. Umfallen ist in dem Gedränge eigentlich unmöglich, aber sich festzuhalten gibt Sicherheit. Viele schauen hinüber auf den menschenleeren Zug, in dem nur die baumelnden Haltegriffe davon erzählen, dass er eben noch in Bewegung war.

Gleich soll es weitergehen.

Dass der Zug hier stoppt, kommt öfter vor, meistens, um Jäger oder Skifahrer zusteigen zu lassen, die über den Breitriesenstollen in den Berg eingestiegen sind. Aber so früh am Morgen? Das wundert vor allem die Einheimischen, die schon öfter mit der Bahn gefahren sind.

»Vielleicht laden sie was zu?«, fragt einer. »Geht sicher gleich weiter«, sagt sein Kompagnon.

Weiter oben in der Führerkabine hat Siegfried Schwabl den schwarzen Telefonhörer abgenommen. Die Sprechverbindung mit dem Maschinisten in der Bergstation ist jetzt aktiv: »Hallo, Siegfried?«

Warum der Zug steht, weiß der Zugführer nicht, er weiß nur, dass bei ihm kein Problem feststellbar ist. Hydraulikdruck im vorgesehenen Bereich, alle Signale auf Grün.