17 Jahre Cevennen - Brigitte Rakete - E-Book

17 Jahre Cevennen E-Book

Brigitte Rakete

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Beschreibung

Warum denn gerade da? Diese Frage beantwortet die Autorin in ihrer Erzählung. Sie berichtet über ihre Zweifel und stetige Bemühung, aus einem verlassenen Naturstein-Bauernhaus in den Cevennen ein liebliches Domizil in diesem anderen Frankreich zu schaffen. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick.

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

„Wo?“

Die Entscheidung

Erste Ankunft

Kein Wasser

Die zweite Nacht

Besuch im Krankenhaus

Nachbarschaft

Markttag

Arbeitseinteilung

Wir legen los

Die zweite Woche

Aufklärung

Die Milchstraße

Der Ofen

Severino

Bürgermeister

Abreise

Zurück in Hamburg

Zweite Ankunft Mai

Zweifel

Sommer

Verlegung Wasserschlauch

Sprache

Es wird

Forellen-Dieter

Horst

Upcycling

Nora

Die Schule wird renoviert

Madame Bolze senior

Wildschweine

Besucher

Renovierung Kapelle

Hausschild „La Fusèe“

Stadtwasser

Kräutergarten

Ernte

Katzen

Französische Essgewohnheiten

Meine Pensionierung

Das Fest

Epilog

Quellennachweis

„Wo?“

„Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass ihr da ein Haus gekauft habt? Warum ausgerechnet da?“

Wie oft haben wir das gehört. Da ist in den Cevennen in Frankreich.

„Äh ... und wo da ungefähr?“

„Kennt ihr Avignon?“ Die meisten kennen Avignon.

„Also, circa dreihundert Kilometer nördlich von Avignon in den Bergen.“

Kaum jemand kennt die Cevennen. Wir kannten sie auch nicht. Gar nichts kannte ich von Frankreich. Hatte mich auch nie interessiert, weil die Städtenamen so unaussprechlich sind. In der Schule war mit der Französischen Revolution Schluss gewesen.

Ja. Wie kam es dazu?

Wir haben viele Sommerferien im Hamburger Schmuddelwetter verbracht. Und wovon träumt man dann? Von einem Haus im Süden. „Ich wünsch mir ein Haus im Süden.“ Wie oft hat Dieter das gesagt. Wir sind Italien-Fans. Ein herrliches Land, liebenswerte Menschen. Als man dort noch mit Lire bezahlte, war es auch preiswert. So reisten wir jahrelang in den Märzferien in die Dolomiten zum Skilaufen, in den Herbstferien in die Toskana. In der Toskana wurden wunderschöne Häuser zur Miete angeboten, riesige Anwesen mit Pool und Weinbergen rundherum. Teilte man sich das Objekt mit einer befreundeten Familie, war das alles erschwinglich. „Später kaufen wir uns hier mal ein Haus“, träumten wir.

Aus „später“ wird „15 Jahre später“, und da ist es für die Toskana zu spät. Investoren aus aller Welt haben diese Region entdeckt und attraktiv für die Bauwirtschaft gemacht. Für uns jetzt alles absolut unerschwinglich.

„Wenn ihr einigermaßen preiswert investieren wollt, dann müsst ihr nach Frankreich ins Departement Ardèche gehen“, sagt Horst, Lehrerkollege von Dieter. „Dort stehen jede Menge Häuser leer. Landflucht, alle ziehen in die Städte.“ Horst ist gut informiert. Er hat sich in den 70er-Jahren in Frankreich in eine Kommune eingebracht und verbringt alle seine Freizeit dort. Das Departement Ardèche liegt an den südlichen Ausläufern des Zentralmassivs in den Cevennen. Der Fluss Ardèche, bekannt und beliebt bei Kajakfahrern, hat dem Departement seinen Namen gegeben. „Auf dem Land haben sich die Alternativen niedergelassen“, erzählt uns Horst. Aussteiger, die die Großstädte verlassen, um ab sofort Schafe zu hüten, Käse herzustellen, sich künstlerisch zu versuchen mit Töpferei, Malerei und Kunsthandwerk.

Wir beauftragen einen Immobilienmakler in Le Vans, der Kreisstadt dieser Region, uns Angebote zuzuschicken. Unsere Wünsche an die Immobilie sind: Sie muss bezahlbar sein, es soll sich um ein alleinstehendes Haus handeln, es soll auf einer Anhöhe stehen, damit wir diesen Blick über die Landschaft haben, wie wir es in der Toskana geliebt haben, und der nächste Ort soll nicht weiter weg als drei Kilometer sein. Zwei Jahre lang werden uns Angebote geschickt. Wir grenzen die Auswahl immer enger ein, markieren unsere Favoriten und dann wollen wir besichtigen. Dieter wählt die Herbstferien im Jahr 1995 und fährt allein nach Frankreich. Da ich nicht im Schuldienst arbeite, habe ich auch keine Ferien und bleibe in Hamburg. Wir wissen, was wir wollen, und Dieter wird das schon machen!

Er verabredet sich mit dem Makler, der ihn zu den zahlreichen Objekten fährt, die wir in die engere Wahl gezogen haben. Nach zwei Tagen Exkursion durch die wilde, einsame, verlassene, aber herrlich grüne Landschaft ruft Dieter in Hamburg an. Er ist total verwirrt und frustriert von dem, was man ihm gezeigt hat. Eigentlich alles Ruinen, aus denen schon Bäume wachsen, zerfallene Höfe, zerfallene Mauern, Häuser ohne Dach, ohne Fenster, nass, verrottet, verwildert. Nur eins, eins ist dabei, das den Kriterien fast entspricht. Es hat ein Dach, es hat zwei Zimmer, die bewohnt werden können, es ist alleinstehend an einem Berghang auf 700 Meter Höhe mit grandioser Aussicht über die Berge. Dieter klingt am Telefon ganz angetan, erwähnt aber noch kleinlaut, dass der nächste Ort etwa 25 Kilometer entfernt liegt. Ach du lieber Gott. 25 Kilometer in die nächste Weinstube, 25 Kilometer zum nächsten Laden. Was wollen wir in dieser Einsamkeit? Dieter hört meine spontane Ablehnung, ich spüre seine leise Enttäuschung darüber. „Wir gucken uns zusammen die Fotos an, wir müssen uns noch nicht heute entscheiden“, beenden wir unser Telefongespräch.

Zurück in Hamburg beugen wir uns wieder und wieder über die Fotos und die Kopien, die der Makler Dieter mitgegeben hat. Ein schönes Haus. In meiner Fantasie sehe ich schon, wie es nach zehn Jahren Renovierungsarbeit aussehen könnte. Aber der nächste Ort so weit weg? Und dann jede Ferien da hin? Ist das alles eine gute Idee? Aber wenn wir jetzt nicht das Haus im Süden kaufen, wie lange wollen wir denn dann nochmal warten? Dann laufen uns die Preise wieder davon. Nochmal warten geht nicht, das ist uns klar. Eigentlich mehr im Scherz gesagt meine ich: „Wir kaufen das Haus, aber fahren gar nicht immer hin.“ Das ist die rettende Idee für unsere Entscheidung. Dieter springt auf, rennt zum Telefon und ruft Frankreich an.

Die Entscheidung

Wir wollen uns auf dieses Abenteuer einlassen. Unsere Freunde gucken ungläubig. Warum ausgerechnet da? Die große Frage. Wo ist das überhaupt? Meine Mutter ruft an: „Ihr habt ja einen Vogel. Ich möchte euch bitten, alles rückgängig zu machen. Ich kann keine Nacht mehr schlafen.“ „Von dem Geld kaufen sich andere einen PKW“, sagt unser Sohn Stefan.

Aber wir sind wild entschlossen. Wann sonst, wenn nicht jetzt. Wir kaufen: ein Haus in 0726 Pourcharesse, Departement Ardèche, Frankreich. Einzelhaus, Naturstein, Außenbackofen. Hanglage terrassiert. Bewohnbarer Innenraum ca. 100 qm, bestehend aus einer Wohnküche – mit Kamin und Küchenzeile, antikem gusseisenem Herd, Fußboden aus handgefertigten Tonfliesen – und Schlafzimmern. Zwei weitere Zimmer auf dem Dachboden, ausbaufähig laut Expertise. Ausbaufähige Scheune neben der Küche. Badezimmer. Zum Haus gehören außerdem: zwei Hektar Land und eine Clède auf dem Grundstück.

Was ist denn bloß eine Clède? Horst erklärt es uns. Eine Clède ist ein Steinhaus, in dem Esskastanien über einem Grillfeuer getrocknet wurden. Jahrhundertelang waren Esskastanien die Ernährungsgrundlage der Cevennenbewohner. Und zwei Hektar Land – damit kann man eine Menge anfangen. Swimmingpool? Weinanbau? Wir fangen an zu träumen.

Die nächsten Monate findet man mich bei Obi, Metro oder KWP. Ich kaufe großes Werkzeug, kleines Werkzeug, Schrubber, Spachtel, Wischlappen, Bürsten, Küchenutensilien, Farbtöpfe, Pinsel – alles Dinge, die man immer gebrauchen kann, die nicht zu viel Platz im Auto einnehmen und die wir beim ersten Besuch sicher einsetzen können. Ich melde mich auf Gut Karlshöhe in Hamburg zum Brotback-Kurs an.

Der Plan ist: Wir fahren im kommenden März und wohnen erst mal im Hotel. Sollte das Haus es aber erlauben, dort schon zu übernachten, ohne dass es vielleicht durchs Dach regnet ... dafür nehmen wir auf alle Fälle unsere Campingausrüstung mit. Wir haben alles: Tisch, Stühle, Luftmatratzen, Schlafsäcke, Campingkocher und Geschirr, Campinglampe mit Cartuschen.

Wir würden überleben.

Erste Ankunft

Es ist so weit. Unser Ford Kombi ist randvoll bepackt. Es sind Schulferien und Sohn Christoph kommt mit uns. Die beiden älteren Brüder sind schon im Beruf und hüten das Haus in Hamburg. Per Autoreisezug fahren wir von Hamburg Altona nach Lörrach im Liegewagen und weiter per Auto nach Frankreich. In Frankreich Autobahn zu fahren, macht Spaß. Die Straßen sind in gutem Zustand, man kommt rasant vorwärts, die Raststätten sind wunderbar für Picknick ausgestattet. Allerdings muss man alle paar hundert Kilometer Maut zahlen. Man fährt an die Schranke heran und zieht ein Ticket so wie im Parkhaus. Verlässt man die Autobahn, kommt man wieder an eine Schranke, das Schrankenhäuschen ist mit einer Kassiererin besetzt, die die zu zahlende Summe ausrechnet. Wenn man Pech hat, kommt es hier zu Wartezeiten.

Im März sind wir davon aber noch nicht betroffen. Folglich erreichen wir Joyeuse, den Gemeinde- und Einkaufsort unserer Region, schon recht früh am Nachmittag. Die Sonne scheint, wir sind neugierig. „Wollen wir kurz zum Haus fahren, ehe wir ins Hotel gehen? Nur mal gucken?“ Wir verlassen die Hauptstraße. Es gibt noch keine Navis. Oder jedenfalls haben wir keins und müssen uns nach der Karte orientieren. Eigentlich gibt es auch nur eine Straße, diese will aber nicht enden und wird immer schmaler. Glücklicherweise ist Dieter ein unerschrockener Fahrer. Mit einspurigen Schotterwegen haben wir Erfahrung aus unseren Skireisen. Viele Gäste, die uns später besuchen, sind drauf und dran, umzukehren, weil sie glauben, dass das alles nicht richtig sein kann, wo sie sich befinden. Mir geht es ebenso. Was machen wir hier bloß? Andere haben Häuser in Spanien am Meer oder an der Cote d’Azur, und wir kurven hier durch die Wildnis. Irgendwann flüstere ich Christoph zu: „Christoph, auch wenn wir das Haus völlig daneben finden, wir sagen nichts.“ Es geht weiter, Kurve um Kurve und immer höher. Wir durchqueren einen Weiler nach dem anderen.

„Wo ist dieses Haus denn nun?“

„Ich weiß auch nicht mehr so genau, wir haben so viele besichtigt, muss gleich kommen.“

Und dann: „Das ist es!!“

„Wie, das ist es, direkt am Weg? Das kann doch nicht stimmen, auf den Fotokopien sieht das Drumherum ganz anders aus, wo sind die zwei Hektar Land, auf denen wir Wein anbauen wollen?“

Wir steigen aus, es pfeift ein starker Wind hier oben, es ist kalt, ich fühle mich krank. Da wir noch keinen Schlüssel haben – der soll uns im Hotel in Le Vans übergeben werden, wo wir unser Zimmer gebucht haben –, bleibt uns nur, einen Blick durch die Fenster zu werfen. Diese alten Natursteinhäuser haben aber sehr kleine Fenster, um Hitze und Kälte draußen zu halten.

Für mich ist alles nur grau und deprimierend. Nichts mit lichtdurchfluteten Räumen im Süden. Christoph straft mich mit seinen Blicken, die sagen wollen: „Mama, du hast gesagt, wir sagen nichts!“ In meiner Fantasie kann ich so ein Haus umbauen, bis es meinen Vorstellungen entspricht, aber wo sind die zwei Hektar Land? Und wieso ist hier noch kein Frühling? Direkt neben uns, hangaufwärts, stehen zwei riesige Ruinen, schräg unterhalb gucken wir auf verfallene Dächer einer Gebäudeansammlung. Wo ist hier unser Land? Schweigend fahren wir die Strecke wieder zurück. Bestimmt haben wir einen riesengroßen Fehler gemacht. Ich habe keinen Blick mehr für das, was links und rechts vom Weg zu sehen ist.

In Le Vans haben wir ein wirklich schönes Hotel gebucht, ganz im provençalischen Stil, ein Kaminfeuer brennt, und wir werden mit einem köstlichen Abendessen verwöhnt. Wir sind sehr still. Christoph wirft mir erneut mahnende Blicke zu. Ich glaube, ich habe Fieber. „Morgen wird sich alles aufklären“, sprechen wir uns Trost zu. Ich kann es kaum erwarten, am Morgen den Makler zu sprechen. Ich bin durch und durch misstrauisch. Nach dem sparsamen Frühstück, das die Franzosen zu sich nehmen – Baguette und etwas Marmelade und vielleicht noch ein Croissant, wenn man Glück hat –, warten wir ungeduldig darauf, dass die Agentur öffnet. Es ist ein moderner, heller Büroraum, mit Besucherecke, Stühlen und Bürotischen aus Glas und Chrom, Kaffeeautomat. Eigentlich seriös. Der Makler begrüßt uns herzlich und holt mit sicheren Bewegungen die Unterlagen des Katasteramtes aus der Schublade. Er erklärt uns, wo sich die zwei Hektar Land befinden, die uns gehören. Früher war es absolut üblich und angebracht, das Land in kleineren Einheiten verteilt auf verschiedene Ebenen zu erwerben: der Obstgarten vor dem Haus, die Weide für das Vieh etwas höher gelegen, ein Stück Wald für das Feuerholz am Hang, einige Quadratmeter Land am Wasser für den Nutzgarten und ganz wichtig: ein kleiner Hain mit Esskastanienbäumen. Der große Obstgarten unserem Haus gegenüber gehört demnach zu uns, allerdings gelegen auf der anderen Seite des Weges. Da muss ich sofort einen Sichtschutz pflanzen, ist mein erster Gedanke, weil wir doch von einem Swimmingpool träumen.

Es ist ein schöner, sonniger Tag. Beruhigt durch die Information des Maklers machen wir uns erneut auf den Weg nach Pourcharesse. Jetzt sieht die Welt schon ganz anders aus. Ich habe einen Blick für das, was links und rechts vom Weg zu sehen ist. Von Les Vans führt die D 101 nach Joyeuse, unserem zukünftigen Einkaufsort, von dort Richtung Ribes und dann immer bergauf, entlang der Drobie, durch Pinienwälder, Kurve um Kurve, kleine Weiler, uralte Steinbrücken, Krüppeleichen, terrassierte Gemüsegärten, eine einladende Pizzeria an einer Kreuzung: „Les Deux Aigues“ steht auf einem großen Schild. Das Haus aus Schiefer gebaut, rote Fensterläden, eine große Terrasse mit Holzmöbeln direkt am Brückenübergang. Hier können wir öfter mal hingehen, denke ich, wegen der Weinstube, die ja unbedingt zu unseren Vorstellungen gehört. „Les Deux Aigues“ heißt im alten cevenolischen Sprachgebrauch „Die zwei Wasser“, hier treffen die Flüsse Beaume und Drobie zusammen.

Wir müssen über die Brücke, der D 220 folgend. Ab hier wird der Weg immer schmaler, aber das kennen wir ja schon vom Vortag. Kurz vor unserem Ziel kommen wir durch den Weiler Le Travers, da wird der Weg zwischen zwei Häusern links und rechts so eng, dass wir die Seitenspiegel abklappen müssen. Noch zwei Kurven und: „Sie haben ihr Ziel erreicht“, würde unser Navi heute sagen. Ein Blick auf das Haus, und was sehe ich zuallererst? War das gestern auch schon passiert? Die Mauer, die die Terrasse vor unserem Haus stützt, ist zum Teil abgerutscht. Die Steine liegen verstreut herum. Ein Loch von mindestens fünf Meter Länge klafft in dieser circa fünfzehn Meter langen Mauer.

Ich kraxele über den verwilderten Hang zum Eingangsbereich. Eine Außentreppe führt auf eine kleine gemauerte Terrasse und zur Haustür. Jetzt kommt der spannende Moment. Wer hat schon jemals ein Haus gekauft, ohne es vorher besichtigt zu haben? Vorsichtig trauen wir uns hinein. Keiner sagt was, die Augen schweifen umher. Es riecht nach Ruß.