1920 - 2019 - Erwin Frühwald - E-Book

1920 - 2019 E-Book

Erwin Frühwald

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Beschreibung

Im Alter von 98 Jahren blickt Erwin Frühwald auf seine Begegnungen mit den Tod zurück, welchem er als Pilot und Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg, Ehemann, Freund und Mensch entgegen trat. Zwischen Trauer und Todesangst nahm ihm ein Gespräch mit seinem Cousin schließlich die Angst vor dem Sterben. Mit diesem Buch erfüllt die Schriftstellerin Alexandra C. Eckel den letzten Wunsch des Autors: seine Erinnerungen zu bewahren.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Das Eiswasser der Save

Mutters Albtraum

Sein oder Nichtsein

Der Geruch des Todes

Eine Graue Eminenz tritt ab

Der Felssturz

Der Todeslooping

Die Vernaderung

Zu schwach zum Leben

Die Exekution eines Kameraden

Der Tod eines Helden

Der Tod sitzt hinter mir

Das Fallschirmproblem

Die Wüstenlandung

Die Notwasserung

Sturz ins Meer

Scheidung auf Italienisch

Der Verbandschef stirbt

Flucht in den Tod

Liquidierung eines Betrügers

Enttarnung eines Agenten

Das Gestapo-Verhör

Das SS-Kriegsgericht

Die CIA-Verhaftung

Das Todesduett

Der Besuchertod

Der Tod meiner Eltern

Ein Arzt hängt am Leben

Mein Cousin stirbt

Der letzte Freund entschläft

Erneut dem Tod entronnen

Die Wende zum Lebensende

Auf der letzten Wegstrecke

Nachwort: mens sana in corpore sano?

Nachruf

Das Eiswasser der Save

An einem klirrend kalten Winterabend vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges feierte Rittmeister Gabriel Tesić mit einigen Kameraden den Geburtstag seines besten Freundes, ebenfalls ein Offizier. Die Luft des Kasinos war geschwängert von ausgelassener Stimme und Alkohol und stand im starken Gegensatz zu den goldbetressten Uniformen und würdevollem Aussehen der Soldaten.

Erst als der Morgen graute, wurden sie sich ihrer Umgebung wieder gewahr. Ein kleiner Morgenritt sollte der Ausnüchterung dienen. Die Offiziere torkelten durch den Schnee und saßen mühseliger als üblich auf ihre Pferde auf. Dennoch waren die Militärs für den Sattel bestimmt. Souverän ritten sie im frühen Licht des Morgens durch eine wahre Märchenstadt. Die ganze Landschaft war von glitzerndem, unberührtem Weiß bedeckt und in völlige Stille getaucht.

Tesić war eingehüllt in seine wärmende Uniformjacke, seine Pelzmütze war unternehmungslustig verrutscht. Beschwingt vom Alkohol summte er ein Marschlied vor sich hin.

Es dauerte nicht lange, bis sie das Ufer der Save erreichten, wo sie ihre Pferde in Reih und Glied formierten. Ihnen offenbarte sich ein furchtbar schönes Naturschauspiel mit kleinen Eisschollen, die zwischen den schäumenden Wellen tanzten.

Einer der Offizier überlegte lallend, dass wohl niemand so mutig wäre, in diesen eisigen Fluten zu schwimmen. Durch den Alkohol leichtsinnig geworden, rutschte Tesić kurzerhand aus seinem Sattel, entledigte sich seiner Kleidung und sprang nackt in die Save. Gebannt warteten die anderen auf Tesić’ Auftauchen, und als sie ihn sahen, erschraken sie. Ihr Kamerad spukte Blut und Wasser, nur um in Bewusstlosigkeit zu versinken. Allgemeine Ernüchterung trat ein, bevor seine Kameraden den Rittmeister unter Aufwand all ihrer Kräfte vom Ufer aus vor dem Ertrinken retten, ihn in seinen Mantel und seine Satteldecke wickeln und sein bester Freund ihn vor sich aufs Pferd hieven konnte. Der Verwundete spukte kein Wasser mehr, doch der Blutfluss aus seinen Mundwinkeln sickerte kontinuierlich weiter.

Während einer der Soldaten losritt, um den Militärarzt zu holen, erreichte der Trupp das königliche Schloss in Belgrad, in dem Tesić mit seiner Frau Daniza und seinen beiden geliebten Töchtern Kaja und Natalie lebte. Vorneweg ritt einer der Offiziere mit dem Säbel des verletzten Rittmeisters in der Faust und dessen Rappenhengst am Zügel.

Daniza Tesić wurde lautstark wachgeklopft, um den siechenden Gemahl ins Ehebett zu legen. Der eingetroffene Militärarzt bestätigte nach kurzer Untersuchung die schlimmsten Befürchtungen: Für Rittmeister Gabriel Tesić kam jede Hilfe zu spät.

Schluchzend sank Daniza neben ihrem Mann auf das Bett und bedeckte sein Gesicht mit Küssen, während die beiden Mädchen nur hilflos weinend zusehen konnten. Ein letztes Mal öffnete der Sterbende seine Augen und versuchte sich aufzurichten, doch er sank unter Schmerzen wieder zurück in die Kissen. Erneut quoll Blut aus seinen Mundwinkeln, bis er die Augen gen Himmel richtete und verschied.

Während der Arzt die Augen des Leichnams schloss, sagte er leise: „Seine Lunge ist einfach wie Glas zersprungen.“

Als die Familie alleine war, öffnete die Witwe das Fenster, damit die Seele ihres Gattens ungehindert emporsteigen konnte.

Gabriel Tesić war mein Großvater.

Mutters Albtraum

Nach dem Tod ihres Gatten Gabriel mussten Daniza Tesić und ihre Töchter Natalie und Kaja ihr nunmehr ziviles Leben neu sortieren. Durch die finanzielle Unterstützung der gesamten Großfamilie konnte Daniza die unzureichende Witwenpension aufbessern, denn die Situation entspannte sich erst durch das Eintreten der Mädchen ins Berufsleben. Natalie lehrte Mathematik am Belgrader Gymnasium und Kaja fand nach der Handelsakademie eine gute Anstellung in der königlichen Ordenskanzlei.

Dennoch bedeutete der mittlerweile ausgebrochene Erste Weltkrieg weitere Entbehrungen. Alltägliche Waren konnte man entweder gar nicht oder nur unglaublich überteuert beschaffen und so nutzte man das, was bereits vorhanden war; Tauschgeschäfte waren üblich. Aufgrund dessen beschloss Daniza, zu ihrer Mutter nach Kragujevac zu reisen, um dringend benötigte Bettwäsche zu holen.

Die Fahrt war beschwerlich, da Züge während des Krieges in erster Linie den Soldaten vorbehalten waren; Zivilisten durften sich allenfalls am Gang stehend dazwischenquetschen. Die Wagons mit den versehrten, müden und schmutzigen Kriegern waren fahrende Moloche aus Krankheit und Tod.

Daniza kehrte wenige Tage später mit hohem Fieber nach Belgrad zurück und wieder wurde sie von ihrer Familie aufgefangen. Ein naher Verwandter, der Primararzt war, untersuchte die arme Frau und wies sie ohne Umschweife ins Universitätskrankenhaus ein, von wo aus sie kurz darauf mit der Diagnose Flecktyphus ins Seuchenhospital überstellt wurde.

Damit begann für die beiden Töchter eine nervenaufreibende Zeit: die Mutter in Quarantäne, ihr Zustand ungewiss und die Informationen spärlich. Der einzige Lichtblick war, dass der Primararzt sich weiterhin persönlich um seine Patientin kümmerte. Doch dauerte es nicht lange, bis der Arzt sich selbst mit Flecktyphus infizierte und binnen weniger Tage verstarb.

Die beiden Schwestern hatten kaum noch Hoffnung für ihre Mutter und dennoch gingen sie jeden Abend ins Seuchenhospital, um sich besorgt nach der Dahinsiechenden zu erkundigen.

Eines Abends war Natalie verhindert und Kaja nahm den zermürbenden Weg alleine auf sich. Von ihrer Ankunft an war an diesem Tag alles anders. Wie gewohnt wandte sie sich an den Portier, doch fand sie nicht den ihr bereits bekannten vor. Sein Stellvertreter war mürrisch und wenig hilfsbereit und so musste die junge Frau ihre ganze Überzeugungskraft und ihren ganzen Charme aufbringen, nur um den Portierstellvertreter auch nur zu einem Anruf auf der Station zu bewegen. Dort allerdings wusste man nichts über eine Daniza Tesić, was Kaja in Angst und Panik versetzte und weswegen sie einen weiteren Anruf erbettelte, um herauszufinden, ob seit dem Vorabend jemand im Hospiz verstorben sei.

Ungehalten gab der Portier die Antwort: „Nein, seit gestern Abend ist niemand verstorben. Nur eine alte weißhaarige Frau wird diese Nacht vermutlich nicht überleben.“

Kaja fiel ein Stein vom Herzen, war ihre Mutter doch in der Blüte ihres Lebens und hatte wundervolles schwarzes Haar.

Beim Abendbrot kamen die beiden Schwestern überein, dass die Mutter das Schlimmste überstanden haben musste. Erleichtert gingen sie wenig später erschöpft zu Bett und schliefen tief und fest ein.

Zur unheiligen Stunde jedoch schreckte Kaja hoch. Etwas hatte sie wachgerüttelt. Sie wandte verängstigt den Kopf hin und her, sah aber niemanden. Doch sie hörte etwas klar und deutlich: die Stimme ihrer Mutter. „Kaja, stehf auf! Mein Kind, hörst du mich? Wach auf!“ Erschrocken sprang das Mädchen auf, als sie erneut die eiskalte Hand der Mutter auf ihrer Schulter fühlte.

Erschrocken flüchtete sie zu ihrer Schwester, die sich Kaja verschlafen annahm und der schaurigen Begegnung mit immer mulmigerem Gefühl lauschte. Danach war bei beiden an Schlaf nicht zu denken.

Gezeichnet von der vorangegangenen Nacht, eilten die Geschwister in aller Herrgottsfrüh erneut ins Seuchenhospital, um nach dem Rechten zu sehen. Dort erfuhren sie, dass Daniza Tesić in dieser Nacht verstorben war. Die Krankheit hatte sie binnen weniger Wochen um Jahrzehnte altern lassen.

Sein oder Nichtsein

Meine eigene Geschichte begann – wie wohl jede Lebensgeschichte – lange vor meiner Zeit.

Während des Ersten Weltkrieges wurde Heinrich Frühwald als Artillerist an der Westfront verwundet, woraufhin seine besorgten Eltern alles unternahmen, um ihm einen weiteren Fronteinsatz zu ersparen. Glücklicherweise benötigte ein befreundeter Oberst der Infanterie zu diesem Zeitpunkt einen Offiziersburschen; einen sogenannten Pfeifendeckel. So landete der Soldat im serbischen Belgrad und bei den zwei Schwestern Kaja und Natalie Tesić, zwei junge Offizierstöchter, die Leichtsinn und Krankheit zu Waisen gemacht hatten. Um sich über Wasser zu halten, nahmen die beiden Frau kaiserlich-königliche Soldaten als Untermieter in ihrer kleinen Wohnung auf. Zu Beginn mieden die beiden jungen Damen tunlichst jeden Kontakt zu dem Offizier und seinem Burschen, bis zu dem Zeitpunkt, als Letzterer binnen kürzester Zeit den gesamten Marmeladenvorrat des Haushaltes verzehrt hatte. Kaja, die ältere der Schwestern, stellte ihn erbost zur Rede, doch ihr Zorn verrauchte schnell wieder, konnte Heinrich wohl überaus charmant sein, zumindest, wenn er wollte. Außerdem zeigte sie sich vom österreichischen Großkaufmann und Erben in Wien, wie er nicht müde wurde zu betonen, dann doch beeindruckt.

Das Kriegsende trennte die beiden zwar räumlich, regelmäßige Korrespondenz verband sie aber in ihren Herzen weiterhin, bis einer der Briefe meines Vaters einen Heiratsantrag an Kaja enthielt. Kurzentschlossen packte diese ihre Sachen und folgte ihrem Verehrer in die österreichische Hauptstadt, wo sie der Sitte halber erst ein eigenes Quartier bezog. Dennoch verbrachte sie die meiste Zeit bei ihrer neuen Familie, von der sie herzlich aufgenommen worden war.

Nur einmal drohte diese Idylle zu zerbrechen, als Heinrichs Vater Kaja bat, einen Krug Bier aus dem Gasthaus gegenüber zu holen. Wortlos tat sie, wie ihr geheißen, innerlich aber kochte sie. Zu Hause in Serbien wäre ein Mädchen aus gutem Hause niemals für Botengänge in eine Wirtschaft geschickt worden, wo ungehobelte Männer sich an ihr hätten ergötzen können. Dieser Auftrag konnte nur eine entwürdigende Geringschätzung ihrer Person bedeuten und so nahm sie, nach pflichtbewusster Vollendung der Zustellung, Reißaus. Die Welt verstand keiner mehr: Kaja nicht, Heinrich nicht und dessen Familie auch nicht. Zum Glück eilte der junge Mann seiner Verlobten nach, zeigte sich von seiner charmantesten Seite und konnte dieses kulturelle Missverständnis aufklären. Damit war die Frage über mein Sein oder Nichtsein besiegelt und das baldige Brautpaar wurde zu meinen Eltern.

Kaum ein Jahr nach ihrer Eheschließung kündigte ich am 13. November 1920 mein Kommen an. Zur Geburt ging meine Mutter Kaja ins Sophienspital im zehnten Wiener Gemeindebezirk, wo sie nach der Aufnahme in den Kreißsaal gebracht und untersucht wurde. Dort ließ man sie mit der Begründung alleine, die Geburt würde sich nach allgemeiner Ansicht noch länger hinziehen. Da an diesem Tag auch keine weitere Gebärende auf ihr Zimmer gelegt wurde, war die junge Frau mutterseelenallein, als die Wehen doch früher und heftiger als erwartet einsetzten und ich bereits wenige Augenblicke später zwischen ihren Beinen lag. Mucksmäuschenstill.

Zu meinem Glück befand sich ein Arzt am Gang vor dem Zimmer, hörte die Schmerzensschreie der Gebärenden, eilte zu Hilfe, erfasste die Situation blitzartig, riss mich an meinem linken Unterschenkel hoch und versetze mir einen festen Klaps auf den Po. In diesem Moment nahm ich meinen allerersten Atemzug, begann zu brüllen und war bereits wenige Augenblicke, nachdem ich das Licht der Welt erblickt hatte, dem Tod zum ersten Mal von der Schippe gesprungen.

Der Geruch des Todes

Da meine Mutter Kaja ihre beiden Eltern bereits vor meiner Geburt verloren hatte, blieben mir die Wiener Großeltern väterlicherseits. Großvater war das unumstrittene Familienoberhaupt, das die Schar emotional wie räumlich zusammenhielt, denn mit meiner Geburt zog bereits die dritte Generation Frühwalds in das Familiendomizil ein.

Ihre jüngste Tochter hieß Barbara, aber für mich war sie einfach Tante Wetti, die als Einzige nicht im Elternhaus verblieben war und die in der Wahl ihres Mannes einen Fehler begangen hatte, zumindest aus Sicht der Familie. Denn Tante Wetti hatte sich für Onkel Edi entschieden, einen Textilvertreter, der den Familienunterhalt lieber in teure Maßanzüge und Genussmittel investierte, anstatt für seine Familie und deren Lebensunterhalt zu sorgen. Bei Tante Wettis Besuchen des nahe gelegenen Elternhauses mit ihrem Sohn Herbert steckte ihr meine Großmutter regelmäßig einen finanziellen Zuschuss in die Tasche.