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Mit einem Vorwort von Steffen Kopetzky. Larissa Reissners Deutschlandreise 1924 zeigt ein faszinierendes, farbiges Kaleidoskop des Lebens vor hundert Jahren. Aufgewachsen in Berlin-Zehlendorf, war die Revolutionärin eine einzigartige Beobachterin: Reissner ist schon 1923 beim heute vergessenen Hamburger Aufstand dabei, sie beschreibt die dramatischen Geschehnisse wie die Situation der Arbeiter, dann reist sie ins Ruhrgebiet und nach Berlin, die Motoren und Moloche der Moderne. Sie beleuchtet das kleine Leben und seine Tragödien, die die Mächtigen ignorieren. Auch von diesen erzählt sie. Sie besucht das Verlagshaus Ullstein, erkennt den Geist der neuen Massenmedien. Die Junkers-Werke und Krupp, die mächtige Industrie, beschreibt sie so kritisch wie fasziniert als die «nationalen deutschen Heiligtümer». So entsteht ein hellsichtiges Bild der fünf Jahre alten Republik, durch die sich bereits Risse ziehen. Und, ergänzt durch Reportagen aus anderen Teilen der Welt, das Panorama einer aufgewühlten, so hoffnungsvollen wie zerrissenen Zeit, die uns näher ist, als wir denken. Reissners fulminante Reportagen aus der Epoche der Weltrevolution, ediert und begleitet durch ein Vorwort von Steffen Kopetzky – eine Wiederentdeckung.
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2024
Larissa Reissner
Eine Reise durch die deutsche Republik - und andere Reportagen aus der Epoche der Weltrevolution
Larissa Reissners Deutschlandreise 1924 zeigt ein faszinierendes, farbiges Kaleidoskop des Lebens vor hundert Jahren. Aufgewachsen in Berlin-Zehlendorf, war die Revolutionärin eine einzigartige Beobachterin: Reissner ist schon 1923 beim heute vergessenen Hamburger Aufstand dabei, sie beschreibt die dramatischen Geschehnisse wie die Situation der Arbeiter, dann reist sie ins Ruhrgebiet und nach Berlin, die Motoren und Moloche der Moderne. Sie beleuchtet das kleine Leben und seine Tragödien, die die Mächtigen ignorieren. Auch von diesen erzählt sie. Sie besucht das Verlagshaus Ullstein, erkennt den Geist der neuen Massenmedien. Die Junkers-Werke und Krupp, die mächtige Industrie, beschreibt sie so kritisch wie fasziniert als die «nationalen deutschen Heiligtümer». So entsteht ein hellsichtiges Bild der fünf Jahre alten Republik, durch die sich bereits Risse ziehen. Und, ergänzt durch Reportagen aus anderen Teilen der Welt, das Panorama einer aufgewühlten, so hoffnungsvollen wie zerrissenen Zeit, die uns näher ist, als wir denken. Reissners fulminante Reportagen aus der Epoche der Weltrevolution, ediert von Steffen Kopetzky – eine Wiederentdeckung.
Larissa Reissner, geboren 1895, war schon jung berühmt, als Reporterin, Schriftstellerin, Revolutionärin. Trotzki und Gorki bewunderten sie, Pasternak nahm sie zum Vorbild seiner Lara in «Doktor Schiwago». Reissners früher Tod 1926 beflügelte die Legende. Fulminant und unmittelbar schrieb sie über den Russischen Bürgerkrieg, an dem sie selbst als Kommissarin der Wolga-Flotte teilnahm, oder über Afghanistan, wobei sie die klassische Reisereportage mit Weltpolitik kombinierte. Im Herbst 1923 kam sie in die junge Weimarer Republik. Ihre Texte gehören zum Besten, was über das Deutschland der frühen Zwanziger geschrieben wurde.
Der Herausgeber dankt dem Deutschen Literaturarchiv Marbach für die Unterstützung bei der Sichtung des Nachlasses von Heinar Kipphardt sowie Pia Kipphardt für die freundliche Genehmigung des Abdrucks.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2024
Copyright © 2024 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
Herausgegeben von Steffen Kopetzky
Covergestaltung Frank Ortmann
Coverabbildung Tamara im grünen Bugatti, 1929. Gemälde von Tamara de Lempicka, Tamara de Lempicka Estate, LLC/VG Bild-Kunst, Bonn 2023; Photo © Fine Art Images/Bridgeman Images
ISBN 978-3-644-02000-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Von Steffen Kopetzky
«Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zug reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.»
Walter Benjamin, Thesen zur Geschichte
«Ich kann reiten, schießen, aufklären, schreiben, Korrespondenz verschicken und notfalls sterben.» Mit diesen Worten bewarb sich im Oktober 1917 eine neunzehnjährige Petersburgerin aus guter deutsch-polnischer Familie für eine Mitarbeit bei der gerade an die Macht gekommenen Revolutionsregierung der Bolschewiki. Sie wurde angenommen, und all diese Fähigkeiten, von denen sie mit so frappierendem Selbstvertrauen geschrieben hatte, würde sie in der Tat in den darauffolgenden Jahren benötigen.
Als ich im Sommer 2019 ihre Bekanntschaft machte, wenn man das so sagen kann, recherchierte ich für einen Roman, der sich mit den russisch-deutschen Beziehungen während der Zwischenkriegszeit, also den neunzehnhundertzwanziger Jahren, beschäftigen sollte. Politiker, Revolutionäre, Militärs und Geheimdienstler hatte ich mir dazu als Personal schon zusammengesucht, aber es war dann Larissa Reissners einzigartiges Leben, das mir den Weg zum besseren Verständnis dieser chaotischen Epoche ebnete, sodass ich beschloss, sie in den Mittelpunkt meines Romans zu stellen. Möglich war das, weil sie nicht nur an beinahe allen Brennpunkten dieser Zeit und mit einer unfasslichen Menge signifikanter Persönlichkeiten bekannt gewesen war, sondern vor allem deshalb, weil sie – genau wie in ihrer Bewerbung annonciert – an allen Stationen ihres Lebens unentwegt geschrieben hat: eine Dichterin, Agentin, Reporterin, Provokateurin.
«Eine Krisis? Gewiss. (…) Die deutsche Kohle kann mit der englischen angeblich nicht mehr konkurrieren. Alle Ruhrzeitungen sind voller Nachrichten darüber, dass die russische Kohle, die man bisher nicht ernst genommen hat, die deutsche und englische auf dem Balkan und im Nahen Osten verdränge. Die Gestehungskosten müssten herabgedrückt werden, sonst ginge die Wirtschaft zum Teufel – das ist die Losung der ganzen rechten und sozialdemokratischen Presse. Es geht beim besten Willen nicht anders: die Pensionen der Bergleute müssen abgeschafft werden, Feiertage und Urlaube müssen abgeschafft werden, soziale Gesetzgebung und die Verordnungen für die Sicherheit in Bergwerksbetrieben müssen abgeschafft werden, alle Rechte des Proletariats, die es sich in fünfzigjährigem Kampfe erobert hat, verhindern das Aufblühen Deutschlands und müssen daher abgeschafft werden! Um den Arbeitern den tiefen Ernst dieser kritischen Lage klarzumachen, hat sich die Familie Krupp zu äußersten Maßnahmen entschlossen: ganze vierzig Diener sind aus dem Palais entlassen worden; die Familie verlässt dieses riesenhafte, plumpe Gebäude und bezieht das komfortable städtische Haus, die großmütigen Herren teilen ehrlich mit den Arbeitern Glück und Unglück. Wenn Krupp ein paar seiner Stallknechte auf die Straße gesetzt hat, kann er in aller Seelenruhe weitere zehntausend Arbeiter entlassen.»
Verblüffend und vertraut gleichermaßen kommt dem Leser diese Textpassage aus dem Jahr 1924 vor, ja beinahe unwirklich, weil hier von deutschen Kohlelieferungen in den Nahen Osten die Rede ist, die zu teuer, also nicht mehr konkurrenzfähig geworden seien. Aber es stimmt natürlich – auch wenn auf den Kriegsschiffen der britischen Königsklasse und darauf folgend auch bei den anderen Marinen seit gut zehn Jahren schon das Zeitalter der Ölfeuerung begonnen hatte –, Kohle war nach wie vor der wichtigste Energieträger für Industrie und Privathaushalte und kam zu einem nicht geringen Teil aus Deutschland, das damals also ein Energieexporteur war. Die Ölvorkommen im Mittleren Osten würden erst in den dreißiger Jahren nach und nach entdeckt werden.
So unwahrscheinlich uns das heute vorkommen mag, so vertraut klingt dann wiederum die andere Seite der Schilderung: Der Standort, das Ruhrgebiet als industrielles Herz der deutschen Republik, war gefährdet, die Lohnkosten zu hoch, zu viele Arbeiter, die zu teuer waren, zu viele Privilegien hatten.
Die Reportagen, die Larissa Reissner vor hundert Jahren auf ihrer Reise durch die gebeutelte deutsche Republik geschrieben hat, versammeln jene vielfältigen Eindrücke in großer Fülle. Fern und nah gleichermaßen sind uns ihre Schilderungen – die hintergründige Vision der radikalen Kommunistin, die ganz im Sinne Lenins nichts Geringeres als die Weltrevolution wollte, kommt uns heute vergangen vor, sehen wir doch die ganze Welt fest in der Hand des Kapitalismus. Auf der anderen Seite geht ein energetischer Impuls von ihren Schriften aus, der eine zeitlose Gegenwärtigkeit des Widerstands, der Unbeugsamkeit und eines kämpferischen Optimismus erfühlen lässt, von dem wir heute so dringend mehr bräuchten. Schließlich steht der Planet, auf dem wir leben, nicht zuletzt gerade wegen der auf einem überbordenden Einsatz fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl beruhenden kapitalistischen Wirtschaftsweise und ihren massiven Folgen für die planetarische Ökologie vor einer bedrohlichen, möglicherweise grauenvollen Zukunft.
«Wir sehen uns im Kommunismus oder in der Hölle», dieser Gedankenblitz des slowenischen Denkers Slavoj Žižek spannt sich fragend über das hundertjährige Gewölbe dieser Lektüre, die, in diesem Licht betrachtet, von höchster Gegenwärtigkeit ist.
Vor hundert Jahren also war Larissa Reissner eine Legende. Schwer zu sagen, ob wegen oder trotz ihres frühen Todes im Jahr 1926. Im Dezember jenes Jahres hielt sich der deutsche Philosoph und brillante, wenn auch im Lande Hindenburgs leider nur mäßig erfolgreiche Publizist Walter Benjamin in Moskau auf. Er war der estnischen Regisseurin Asja Lācis hinterhergereist, die er einige Jahre zuvor auf Capri kennengelernt und in Berlin wiedergesehen hatte. Es war, vonseiten Benjamins, Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Nun hatte er in der Hauptstadt der Sowjetunion ein günstiges Hotel bezogen und verbrachte dort mehr von Frustration denn von Erfüllung geprägte Wochen, bereits glücklich, wenn ihm die so verehrte, in Moskau mit Jugendtheaterarbeit beschäftigte Lācis zuweilen einen gesitteten Kuss zugestand. Zumeist aber litt Benjamin unter der Unerfüllbarkeit seiner Sehnsucht, der russischen Kälte und dem alle Unterschiede zwischen Straßen und Bürgersteigen aufhebenden Eis. Auf diesen gingen die Menschen «in Serpentinen», weil sie so übervölkert gewesen seien, wie sonst nur in Neapel. Überhaupt, so schreibt Benjamin, «die Trottoirs geben Moskau etwas Landstädtisches».
Am 18. Dezember erwähnt der liebeskranke Philosoph in seinem Tagebuch, dass er sich nach Theaterkarten erkundigen wollte und dabei den ihm aus Berlin gut bekannten Joseph Roth getroffen habe. Roth war im Auftrag der «Frankfurter Zeitung» auf einer langwierigen Reise durch die Sowjetunion und schrieb Feuilletons in beachtlicher Schlagzahl.
An jenem Abend hat Roth Benjamin möglicherweise von seinem Besuch bei Karl Radek berichtet. Radek war ein Urbolschewik aus Lemberg, der sich – darin ein typischer Vertreter jener revolutionären Kreise – am besten in der Lingua franca der Revolution auszudrücken verstand: dem Deutschen.
Radek und Roth dürften sich gut verstanden haben an jenem Dezemberabend kurz vor Weihnachten 1926, denn Roth stammte aus Brody, das im Oblast Lemberg lag, und er hatte in der prächtigen Bezirkshauptstadt später auch eine ganze Weile studiert. Roth besuchte Radek in dessen privater Wohnung im Kavaliergebäude des Kreml, wo nach 1918 mehr als zweitausend Mitglieder des bolschewistischen Apparats eingezogen waren. Zum Zeitpunkt des Besuches seines galizischen Landsmannes hatte Radek gerade das Vorwort zur ersten Ausgabe der gesammelten Texte und Reportagen von Larissa Michailnowna Reissner beendet, die Anfang des Jahres, dreißig Jahre alt, an einer Typhusinfektion verstorben war. Die Sammlung von Texten, die den Titel «Oktober» tragen würde, erschien bald auch auf Deutsch, im Neuen Deutschen Verlag, der dem kommunistischen Medienmogul Willi Münzenberg gehörte. Das Verfassen des Vorworts für diese Sammlung muss Radek schwergefallen sein – denn Larissa Reissner und ihn verband eine tiefe Seelenverwandtschaft, revolutionäre Kameradschaft und zeitweise auch eine Liebesbeziehung. Mit ihrem Tod war nicht nur das Leben einer bemerkenswerten jungen Frau zu Ende gegangen, sondern das einer bolschewistischen Legende und vielleicht auch die erste Epoche der Revolution.
Ihren Anfang hatte die Legende der Larissa Reissner am 25. Oktober 1917, also an jenem Tag, an dem die Bolschewiki den Winterpalast in Petrograd erstürmten. Sie bekamen dabei Unterstützung durch den Kreuzer «Aurora», der am frühen Abend einen Schuss auf den Palast abfeuerte und damit den Sturm auf dieses Symbol der Herrschaft einläutete. Viele damalige Augenzeugen, etwa auch Vadim, der Sohn des Schriftstellers Leonid Andrejew behaupteten, an Bord des Schiffes eine hochgewachsene junge Frau von überirdischer Schönheit gesehen zu haben. Ihre bleiche Haut habe sie erscheinen lassen wie die lebendig gewordene Statue einer antiken Göttin. Sie hatte leuchtend kastanienrotes Haar, war gekleidet in den Ledermantel der Revolutionärin und mit einem Gewehr bewaffnet. Mit dem habe diese Erscheinung das Zeichen zum Feuer auf den Palast gegeben und damit die Revolution eingeleitet. Ob es wirklich so war, wird sich wohl niemals mehr eindeutig klären lassen, aber Larissa Reissners Identifikation mit dieser «Göttin», dieser überirdischen Erscheinung, blieb der damals Zweiundzwanzigjährigen für den Rest ihres kurzen Lebens erhalten. Das Bild der waffentragenden Schönheit im Ledermantel, die den furchtsamen Matrosen voranstürmt, wurde zu einer immer wieder in sowjetischen Filmen, Gemälden, Theaterstücken und Romanen auftauchenden Ikone.
Sie war die Ausnahme von der Regel und die Verkörperung des Ideals gleichermaßen. Das hat gewiss mit ihrer Herkunft, ihrem Charakter und ihrer Lebensspanne zu tun, welche zusammen eine ziemlich einzigartige Biographie ergeben. Da ist zunächst einmal die Familie. Ihre Mutter Ekaterina entstammte dem polnischen Adel von Lublin, der Urgroßvater war der Literat Michail Alexeijowitsch Krapowitzki, berühmt als Herausgeber der Chroniken Katharinas der Großen.
Die Familie ihres in Vilnius geborenen Vaters Michail wiederum war ein altes baltendeutsches Geschlecht von Pastoren, Ärzten, Juristen und auch Schriftstellern, das sich bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen lässt und immer wieder Berühmtheiten hervorgebracht hat. Nicolas von Reusner zum Beispiel, ein Gelehrter, Dichter und Autor von über sechzig Büchern, der mit Erasmus von Rotterdam befreundet war. Und da ist später auch der Arzt und Anatom Ernst Reissner, der die «Reissner-Membran» entdeckt hat, ein Häutchen im menschlichen Innenohr.
Vom Adel ihrer Vorfahren behielten die Reissners Lebensstil und Sitten bei, politisch aber entfremdeten sie sich von ihrer übrigen weitläufigen Familie. Dabei waren die jungen Eheleute zu Beginn gar nicht so «links» oder «radikal», sondern kritisierten einfach nur die ungerechten und rückständigen Verhältnisse im Reich des Zaren aus einer rechtsstaatlichen Position. Michail Reissner hatte in St. Petersburg Jura bei Alexander Blok studiert, dem Vater des gleichnamigen Dichters, und wagte es 1895, aufmüpfige Studenten, die keinen Treueeid auf den neuen Zaren Nikolaus II. hatten schwören wollen, vor Gericht zu verteidigen. Dieses durchaus gesetzeskonforme Engagement führte ihn dennoch in den Konflikt mit der Staatsmacht, von der die Reissners gleichsam immer weiter nach links gedrängt wurden.
So stand das Leben Larissas von Anfang an im Zeichen der Politik, nachdem sie 1895 in Lublin auf die Welt gekommen war. Von dort ging es mit ihren Eltern zunächst nach Tomsk in Sibirien, wo 1899 ihr Bruder Igor geboren wurde, bevor die Familie, wie viele andere Angehörige der progressiven Elite, ins Auslandsexil ging. Bei den Reissners war das kurz Paris und dann Berlin. In Zehlendorf besuchte Larissa zwischen 1903 und 1907 eine öffentliche Arbeitergrundschule, und Deutsch wurde ihre zweite Muttersprache. Oft ging die finanziell stets klamme Familie auf den Schlesischen Bahnhof von Berlin, um Züge aus Russland ankommen zu sehen und Zügen dorthin nachzublicken, denn das Heimweh war riesig.
Zu den engen Berliner Freunden gehörte unter anderem der führende linke Sozialdemokrat Karl Liebknecht und seine russischstämmige Frau Julia Paradies. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs würde Liebknecht einer der wenigen deutschen Sozialdemokraten sein, der sich im Reichstag gegen die Kriegskredite aussprach – einer der Gründe, warum sich Lenin bei seiner ersten Rede am Finnischen Bahnhof in Petrograd ausdrücklich auf Liebknecht berief.
1907 konnten die Reissners ins Russische Reich zurück, der Vater erhielt eine Professur an einer fortschrittlichen Universität in St. Petersburg, dem Psychoneurologischen Institut, an dem zu der Zeit übrigens auch Asja Lācis studierte. Larissa besuchte ein bekanntes Gymnasium und begann zu schreiben, Gedichte und ein Theaterstück, das unter männlichem Pseudonym erschien, und sie verliebte sich in den Leiter eines Schreibkurses. Es war einer der wichtigen Petersburger Dichter, Nikolai Gumilev, der Ehemann der gleichfalls bedeutenden, später weltberühmten Dichterin Anna Achmatowa. Sie hatten eine Affäre, eine auch juristisch verbotene, denn Larissa war anfangs noch minderjährig. Aber das Petersburg dieser Zeit war ein universaler Moloch aus Palästen, Arbeiterkasernen, feinen Hotels und Elendsvierteln. Unendlich reiche Industrielle, arme Proletarier und ärmste Bettler teilten sich die Stadt, es gab Bordelle und Literatenclubs, Kinderstrich, jede Menge Drogen und modernstes Avantgarde-Theater. Gumilev war ein genialer Dichter und Zyniker, der gleichzeitig noch eine andere außereheliche Affäre hatte und Larissa (wie seiner Frau) das Herz brach. Irgendwo habe ich einmal gelesen, es sei diese bittere Erfahrung mit dem Monarchisten, Champagnertrinker und Kriegsidealisierer Gumilev gewesen, die Larissa Reissner auf die radikale Antikriegsposition der Bolschewiken getrieben habe.
Hier ein Gedicht von ihr aus dieser Zeit:
Rudin gewidmet
Des Leidens letzter Monolog,
lebendig Trug, der Wahrheit ähnelnd
wird immer trauriger, einengend,
füllt jede Silbe mit einem Schmerz
geht fort wie ein befreiter Gott,
um sich vor unbekannten Höhen zu verbeugen.
Doch du – bist anders. Wie einem Bettler gleich, wie ein Passant
der missverstandenen Dichtung Pfand
ständig allein, lachhaft und unbesonnen
auf Barrikaden Rudin ist gestorben.
Dereinst ein ungeheucheltes Gericht
die ungeschriebenen Kapitel wird beenden
und der Gefallenen verkünden Namen
in weiten und vollendeten Oktaven …
(Übersetzung Taisia Vishnewskaija)
Nach Ausbruch des Weltkriegs, Larissa Reissner war neunzehn Jahre alt, bringt sie mit finanzieller Unterstützung ihrer Eltern eine Studentenzeitschrift heraus, die sie nach ebendiesem Rudin benennt, der titelgebenden Figur aus Turgenjews Debütroman, in dem sich ein älterer Mann in eine Siebzehnjährige verliebt. «Rudin» war die einzige in Russland erscheinende Publikation, die sich vehement gegen den Krieg aussprach, dem zu diesem Zeitpunkt nicht nur in Russland, sondern in ganz Europa beinahe alle, mit Ausnahme von Liebknecht oder etwa Rosa Luxemburg, zustimmten. Nur eine kleine Gruppe linker Sozialdemokraten protestierte gleichfalls – es war die verstreut im Exil lebende Gruppe der russischen «Mehrheits-Sozialdemokraten» um Lenin. Sie hießen so, obwohl sie eigentlich in der Minderheit waren. Ihre parteiinternen Gegenspieler waren die «Menschewiki», denen ursprünglich auch einmal Leo Trotzki zugerechnet worden war. 1915 schrieb Lenin in seinem Aufsatz «Sozialismus und Krieg» über die Gründe Russlands für den Krieg:
«Der Zarismus führt den Krieg, um Galizien zu erobern und die Freiheit der Ukrainer endgültig zu erwürgen, um Armenien, Konstantinopel usw. zu erobern. Der Zarismus sieht im Krieg ein Mittel, die Aufmerksamkeit von der wachsenden Unzufriedenheit im Innern des Landes abzulenken und die anschwellende revolutionäre Bewegung zu unterdrücken. (…) Die Möglichkeit, fremde Völker zu unterdrücken und auszuplündern, verstärkt den ökonomischen Stillstand, denn als Profitquelle dient statt der Entwicklung der Produktivkräfte nicht selten die halbfeudale Ausbeutung der Fremdstämmigen.»
Larissa Reissner gehörte nach Lenins Rückkehr im April 1917 zu seinen vehementen Unterstützern. Im Frühjahr und Sommer des Jahres gab sie Schreibkurse für die Matrosenclubs von Kronstadt. Dort lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen. Er war der führende Bolschewik von Kronstadt und nannte sich nach einer keineswegs positiven Figur von Dostojewski – Raskolnikow. Die Noms de Guerre der aus dem russischen Reich stammenden linken Berufsrevolutionäre bilden ein eigenes Kapitel. Lenin, Trotzki, Stalin, Parvus, Radek – hinter jedem dieser bewusst gewählten Untergrundnamen steckt eine interessante Geschichte und oft Literatur. Der groß gewachsene Seemann Raskolnikow, der so etwas wie der Supermann der baltischen Flotte gewesen sein muss, hatte sein Pseudonym aus Bewunderung für Dostojewski und die anarchische Brachialität dieses sprechenden Figurennamens aus «Schuld und Sühne» gewählt. Raskolnikow bedeutet «Schädelspalter».
Zwischen Larissa und dem drei Jahre Älteren muss es Liebe auf eine Zehntelsekunde noch vor dem ersten Blick gewesen sein. Das It-Girl der Petersburger Literaturszene, das zum Entsetzen all ihrer älteren Bewunderer, Verehrer und Kollegen, die sie vergötterten, bekennende Bolschewikin geworden war, fand in ihm ihren Widerpart: den zum Admiral bestimmten revolutionären Bauerssohn, der das beeindruckende Äußere eines Filmstars hatte und nicht nur ein tüchtiger Seemann und Anführer, sondern auch ein passionierter Literaturliebhaber war. Ein Traumpaar.
Doch Reissners erste offizielle Aufgabe war ziviler Natur, sie arbeitete für den Volkskommissar, also Minister, für Bildung und Kultur, Anatolij Lunartscharski. Ihre Aufgabe bestand darin, die Innenausstattungen des Winterpalastes (und damit des Gebäudes, dessen Beschießung sie selbst ein paar Tage vorher herbeigeführt hatte) und der Eremitage – die Statuen, Gemälde und Möbel der Zaren – zu katalogisieren und vor Plünderungen zu schützen. Nach ihr wird schnell auch die restliche Familie Reissner in die Regierung miteinbezogen. Der Bruder Igor geht ins Außenkommissariat. Von Lenin selbst erhält der Vater den Auftrag, eine Verfassung für den neuen Staat zu entwerfen.
Doch bis dieser neue Sowjetstaat existierte, hatte das ehemalige russische Reich und seine vielen Länder, Völker, seine diversen sozialen, politischen und militärischen Gruppierungen durch die Katastrophe des Bürgerkriegs zu gehen. Der «russische» Bürgerkrieg war ein Krieg vieler verschiedener Akteure, politischer Gruppen, aber auch ausländischer Mächte. Die Gräueltaten von allen Seiten geschahen massenhaft, auch die Bolschewiki waren oft grausam und gnadenlos. Man muss sich klarmachen, aus welchen Zeitumständen sich dieser entsetzliche Konflikt entspann: Ihm voraus gingen vier Jahre des industriell geführten Ersten Weltkriegs, den die traditionellen Mächte des europäischen Kontinents unerbittlich hart auch gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung und besonders der männlichen Jugend durchgezogen hatten, gefolgt von der sogenannten Spanischen Grippe, die eigentlich eine Amerikanische war, denn sie wurde von US-Truppen nach Europa gebracht. Dies hatte den Wert des Lebens, die Bedeutung des Individuums, das man ja allerorten hatte massenhaft sterben sehen, negiert. Wer die Grabensysteme mit Trommelfeuer, Giftgas und sinnlosen Infanterie-Attacken überlebt hatte, war nicht selten tief traumatisiert.
Für Larissa Reissner und viele andere Bolschewiken stellte der Bürgerkrieg eine bizarre Wendung dar, die ihnen von ihren mannigfachen Gegnern unumgänglich gemacht worden war. An die Macht gekommen waren sie durch ihre von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützte Forderung nach einem sofortigen Ausstieg aus dem Weltkrieg. Dem folgte ihre zähneknirschende Bereitschaft, auf die in Brest-Litowsk gestellten erpresserischen Forderungen der Deutschen Obersten Heeresleitung unter Ludendorff und Hindenburg einzugehen. Dann sahen sie sich bald danach mit Invasionsplänen der Briten, Amerikaner und Japaner sowie den militärischen Bestrebungen derjenigen konfrontiert. die sie zuvor von der Macht vertrieben hatten: die «Weißen», Truppen unter dem Kommando alter zaristischer Generäle; die Sozialrevolutionäre, eine wichtige, ehedem verbündete Partei, nicht unerfahren im bewaffneten Kampf.
Da waren aber auch etwa 29000 probolschewistische deutsche Kriegsgefangene, deren Anführer Ernst Reuter hieß, welcher später mal Oberbürgermeister von West-Berlin werden würde. Er und seine Leute unterstützten die neuen Machthaber aus tiefster Überzeugung. Neben Bela Kun und Tito arbeitete Ernst Reuter auch für Karl Radeks Kriegsgefangenenzeitung «Die Weltrevolution».
Andererseits gab es da aber auch eine Formation wie die Tschechische Legion, ein knapp fünfzigtausend Mann starkes Gebilde von Tschechen und Slowaken. Sie hatten sich zu Beginn des Weltkriegs auf Betreiben des antihabsburgischen tschechischen Politikers Tomáš Masaryk gebildet und waren von den Ententemächten mit dem Versprechen späterer staatlicher Eigenständigkeit dazu angeheuert worden, gegen die Mittelmächte, also auch gegen Österreich-Ungarn, dessen Bürger sie waren, zu kämpfen. Die Tschechische Legion hatte aufseiten der zarischen Armee gestanden, solange diese existiert hatte, sie blieb nach der Revolution dann aber auf russischem Boden, anstatt sich, wie von ihrer Schutzmacht Frankreich geplant, mit der Transsibirischen Eisenbahn an den Pazifik und mit dem Schiff zurück nach Europa und an die Westfront zu bewegen, und brachte zunächst entlang der TransSib ein gewaltiges Territorium unter ihre Kontrolle. Keine andere militärische Formation zwischen 1914 und 1922 (!) hat ein größeres Gebiet erobert und beherrscht.
Churchill sah mit Begeisterung, wie die Tschecho-Slowaken, die an ihrer wichtigen Rolle im beginnenden Bürgerkrieg Gefallen gefunden hatten, sich entlang von Kama und Wolga Richtung Moskau voranarbeiteten.
Raskolnikow wurde Befehlshaber der roten Wolga-Flottille, und Larissa Reissner, weit davon entfernt, sich mit der Rolle der Admiralsgattin zu begnügen, hatte ihr eigenes Mandat – sie wurde die erste weibliche Kommissarin, eingesetzt im Nachrichtendienst der Flottille. Sie erweiterte unter den nun neuerlich im Krieg befindlichen Matrosen ihre Legende um das nächste Kapitel.
Im Sommer 1918 stand die fragile Herrschaft der Bolschewiki auf der Kippe. Die von Leo Trotzki aus den Resten der längst demobilisierten zarischen Armee und neu eingezogenen Arbeiter- und Bauernrekruten zusammenimprovisierte «Rote Armee» stand vor der Niederlage. Hier an Wolga und Kama entschied sich ihr Schicksal. Die ungeschönten Schilderungen von Larissa Reissner, auch ihre Einschätzungen des Auftretens und Verhaltens von Trotzki, wie man sie im Text «Kasan» findet, werfen ein zuweilen erschütterndes Schlaglicht auf diese Krisenmonate der Roten Armee in statu nascendi.
Dies ist die Erinnerung eines Matrosen, die nach Reissners Tod 1926 in der Armeezeitung «Roter Stern» veröffentlicht wurde:
«Bei Kasan. Die Weißen gehen aufs Ganze. Wir erfahren, dass sie in unserem Rücken (…) die Front durchbrochen und achtzehn Waggons mit Munition gesprengt haben. Unsere Frontabteilung ist durchschnitten. Der Stab ist hier, und was ist mit den Abgeschnittenen? Der Feind bewegt sich auf die Wolga hin, in den Rücken nicht nur der Truppen, sondern auch der Flottille. Bei Swiarsk steht der Zug Trotzkis.
Befehl: In die Lücke der Front einzudringen, alles zu erfahren, die Verbindung mit den Abgeschnittenen herzustellen. Larissa geht, nimmt mit sich Wanja Ribakow, fast einen Knaben, wir gehen zu dritt.
Nacht, du zitterst vor Kälte, Einsamkeit, Unbestimmtheit. Aber Larissa geht mutig den unbekannten Weg. Bei dem Dorfe Kuroczkino werden wir bemerkt, Schießerei, wir müssen schleichen. Larissa sucht die andern aufzuheitern. Von unterdrückter Angst wird nur ihre Stimme weicher. Wir reißen uns aus der Zone des Feuers heraus. ‹Seid ihr nicht müde, Wanja und du?›
Sie stand hoch über uns allen in diesem Augenblick. Man wollte ihr die schmutzigen Hände küssen, die Hände dieser wunderbaren Frau.
Sie ging schnell, mit großen Schritten. Um nicht zurückzubleiben, mussten wir anderen laufen.
Frühmorgens sind wir angelangt.
Brandstätte. Leichen. Tjurljama.
Von dort, halb tot, nach Schichrapy, wo ein lettisches Regiment stand und von wo man sich mit dem Zuge Trotzkis verbinden konnte. Die Verbindung des Frontabschnittes ist hergestellt. Und diese zarte Frau ist der Knoten der Front.
‹Genossen, bringt die Jungens unter! Ich? Ich bin nicht müde.›
Und dann? Die Patrouillen bei Werchnij Uslon, bei Morknaszy, bis zu Pjany Bor. Achtzig Werst zu Pferde ohne Unterbrechung.
In diesen Tagen gab es wenig Freude. Aber in allen diesen schweren Zügen wich das Lächeln vom Gesichte Larissas nicht.
Und dann Enseli, Baku, Moskau.
Und nicht Larissa Reissner ist gestorben, sondern eine Frau von der Barrikade.
Das wollte ein Matrose aus der Flottille in Erinnerung bringen.»
Ein Maschinengewehrschütze auf dem zur Wolgaflottille gehörenden Kanonenboot «Wanja Kommunist» namens Wischnewski, der damals auch schon als Jungautor in Erscheinung getreten war, verfasste in den frühen dreißiger Jahren sein Stück «Optimistische Tragödie» über eine an Bord eines Schiffes kommende Kommissarin, der es trotz konterrevolutionärer Umstände gelingt, die Mannschaft zu einen. Sie selbst bezahlt mit ihrem Leben, aber ihr Opfer für die Revolution ist der Mannschaft leuchtendes Vorbild. Wischnewski selbst gab an, die Kommissarin in seinem Stück sei nach Larissa Reissner gestaltet.
«Optimistische Tragödie» gehörte über Jahrzehnte zu den weltweit meistgespielten Stücken der sowjetischen Dramatik. In der Verpackung des Lehr- und Agitprop-Stücks konnte die Legende weitergetragen werden. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass alles Trotzkistische oder Internationalistische in der UdSSR unter Stalin und auch später absolut verpönt war.
Larissa Reissner selbst schrieb über ihre Erlebnisse während des Bürgerkriegs Reportagen von kaltblütiger Drastik. Man könnte sagen, dass sie eine gewisse Ästhetik des Krieges zu formulieren suchte, die sie literarisch in die Nähe der italienischen Futuristen bringt. Vielleicht war das ihrem literarischen Gepäck geschuldet, der Tatsache, dass sie bis dahin hauptsächlich als Lyrikerin in Erscheinung getreten war, die Majakowski verehrte. Aber ihre Texte bieten auch anrührende, fast zärtliche Momente, etwa in «Markin», wo sie den Kommandanten von «Wanja Kommunist» porträtiert.
Was hier so fordernd an ihrer Geschichte ist, ist der Wandel oder der Übergang von der militanten Kriegsgegnerin zur Kriegskommissarin, wie es für die Bolschewiken allgemein zutrifft: Es verblüfft, wie die Bewegung, die mit der Losung «Frieden, Brot, Land» die Unterstützung breiter Teile der Frauen und der Soldaten errungen hatte und auf der Grundlage dieses Schlachtrufs im Oktober 1917 einen Staatsstreich durchführte, Frieden mit den Deutschen schloss – dann aber bald darauf mit nichts anderem mehr beschäftigt war, als eine Armee aufzustellen und einen Bürgerkrieg zu führen.
Dieser durch die Umstände und die mannigfaltigen internationalen Bestrebungen, die Herrschaft der Bolschewiki zu beenden, herbeigeführte radikale Positionswechsel hatte mit Trotzki zu tun. Der war lange für eine Fortführung des Krieges gewesen, dann aber auf Lenins Friedenslinie eingeschwenkt. Als der Bürgerkrieg unvermeidlich geworden war, reorganisierten Trotzki und seine engsten Mitarbeiter die einige Monate zuvor aufgelöste Armee von Neuem. Dabei war es unumgänglich, auch auf Offiziere der zarischen Armee zurückzugreifen. Um aber nun sicherzustellen, dass diese – unter so kritischen Umständen aufgestellten – Einheiten den Bolschewiki oder der Revolution gegenüber loyal blieben, gab er jeder Einheit einen «Kommissar» an die Seite. Der Kommissar war die Neuerung, der Politoffizier, ein Mann der Partei. Oder eine Frau.
Durch diese Innovation gelang es der Armeeführung ihre von Herkunft, Hintergrund und Ausbildungsgrad so heterogenen Truppen zusammenzuhalten. Ohne die Einführung des «Politkommissars» wäre es einer Frau niemals möglich gewesen, der Armee beizutreten, vom Dienst auf einem Kriegsschiff ganz zu schweigen. Larissa Reissner war die erste Frau auf einem russischen Kriegsschiff, die noch dazu eine Art Offiziersrang hatte. Es hatte zuvor vereinzelte Frauen im Militär gegeben, etwa im preußischen Heer in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, aber diese Soldatinnen hatten sich stets unter männlichem Namen inskribiert. Bei den Briten gab es nur weibliche Hilfskräfte, weshalb ich vermute, dass Larissa Reissner zusammen mit der drei Jahre jüngeren Türkin Kara Fatma die erste aktive, kämpfende Offizierin einer neuzeitlichen Armee überhaupt war.
Als Mitglied der Flottille machte sie Kämpfe auf der Wolga und der Kama mit und gelangte bis zum Kaspischen Meer, wo es den Bolschewiki mit ihrem Flaggschiff «Karl Liebknecht» unter dem Kommando von Raskolnikow gelang, im persischen Enzeli zu landen und eine Art von kleiner sozialistischer iranischer Republik zu etablieren, die zwar nur von kurzer Dauer war, die Briten aber, die Persien als ihre Domäne betrachteten, zum Abzug ihrer Truppen von dort zwang. In den sumpfigen Gegenden der Wolgamündung war es auch, wo sich Larissa mit der Malaria infizierte, einem weitverbreiteten Übel, das ihrer Gesundheit von da an in regelmäßigen Abständen Schläge versetzte und sie grundsätzlich schwächte.
Die Jahre des Krieges blieben nicht ohne Spuren auch bei ihrem Mann, der im Februar 1921 mit einer Lungenentzündung kollabierte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Eheleute zurück in Petersburg. Im Admiralspalast, dem Hauptquartier der Flotte, hatte auch Larissa ein improvisiertes Büro, über dessen Ausstattung ein Besucher festhielt:
«Larissa wartete auf uns in einem kleinen Raum, der mit exotischem Tuch ausgeschlagen war. Bronze- und Messing-Buddhas, kalmückische Götterstatuen und orientalische Majolika-Tische leuchteten in den Ecken. Über dem Boden ausgebreitet war ein weißes kaspisches Nomadenzelt. (…) An der Wand eine Signalflagge eines Schiffes, verziert mit einem Revolver und einem alten Kadettenmantel. Larissa trug einen schweren, mit Goldbändern geschmückten Talar. Hätte sie nicht ihren kastanienbraunen Zopf um den Kopf geschlungen, so würde sie einer buddhistischen Gottheit geglichen haben.»
Orlando Figes schildert in seinem Buch über die Russische Revolution, dass der Admiral und seine Frau sich im schweren Wagen von einem Chauffeur kutschieren ließen und dadurch den Unmut so mancher Matrosen erregten. Doch noch vor dem tragischen Kronstädter Matrosenaufstand, in dem ihre vormaligen treuesten Unterstützer forderten, die Einparteiendiktatur der Bolschewiki zu beenden, und den die Rote Armee unter General Tuchatschewski blutig niederschlug, verließen die beiden Petrograd, um sich einen Monat lang in einem staatlichen Sanatorium in Sotchi zu erholen. Von dort ging es allerdings nicht zurück ins Flottenhauptquartier, sondern weiter nach Osten. Raskolnikow war Ende März 1921 zum Botschafter der Russischen Sozialistischen Sowjetrepublik in Afghanistan ernannt worden, und seine Frau begleitete ihn.
Zusammen mit einer zwanzigköpfigen Delegation, bestehend unter anderem aus Koch, Funker und Ostseematrosen als Wachpersonal ging es in einer zweimonatigen Reise an den Hof des Emirs in Kabul. Es war ein mit typisch bolschewistischem Bedacht gewählter Posten für diesen verdienten Kämpfer, der aus dem Zentrum des Geschehens in weite Ferne abgeschoben werden sollte.
Die Afghanistanzeit, die zwei Jahre dauern würde, war voller Widersprüche und veränderte Larissa Reissners Sicht auf die Welt, aber auch ihr eigenes Leben. Während des Bürgerkriegs hatte sie den Einfluss der westlichen Mächte erlebt, die ihre geopolitischen Interessen auf den Gebieten der vormaligen Imperien des Russischen und des Osmanischen Reichs unter Beweis stellten, wie man etwa am französisch-britischen Sykes-Picot-Plan zur Aufteilung des sogenannten Mittleren Ostens zwischen den beiden Kolonialmächten erkennen konnte. Afghanistan aber befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Herzstücks des britischen Empires: Indien.
Man muss sich verdeutlichen, dass «The Indian Raj», an dessen Spitze als indischer Kaiser der König von England saß, ein in jeder Hinsicht beeindruckendes und vielfach autonom agierendes politisch-militärisches Gebilde war, das man als den bis dahin größten Verwaltungsapparat der Geschichte bezeichnen muss. Es verfügte über ordentliche Finanzämter, Polizei und Gerichte, gut ausgestattete Armeen und effektive Geheimdienste, diente natürlich der systematischen Ausbeutung des Subkontinents, gewährleistete aber auch eine gewisse Stabilität. Ein komplexes System von Sicherheitspuffern war um Indien errichtet worden. Bei diesen handelte es sich um Länder, die nicht direkt als Kolonien zu betrachten, aber deren Herrscher durch Gold und die Furcht vor der Stärke der indischen Armee gefügig gemacht worden waren. Afghanistan hatte sich über die Jahrzehnte mit dieser nachbarlichen Übermacht herumgeschlagen und spielte in Kalkuttas bzw. New Delhis Sicht die Rolle eines beständigen Unsicherheitsfaktors. Mehrfach war eine Eroberung Afghanistans durch die Briten gescheitert. Die von ihnen gezogene Durand-Line führte dafür mit Absicht durch die Siedlungsgebiete der Paschtunen. Heute bildet sie die Staatsgrenze zwischen Afghanistan und Pakistan inklusive des Kyber-Passes und spielt bei allen Operationen der Taliban oder ihrer Konkurrenten eine zentrale Rolle. Die Durand-Line ist insofern eines der unseligsten Relikte der britischen Weltdominanz. Und ein höchst aktives.
Die Durand-Line ist ein typisches Beispiel für die strategische Bedeutung von Grenzziehungen im Imperialismus – man fürchtet die Unsicherheit und erschafft sie gleichzeitig, um jederzeit einen Grund zum militärischen Eingreifen finden zu können.
Dass man Afghanistan unabhängig von diesen präzise kalkulierten Risiken nicht freizugeben beabsichtigte, zeigte man, symbolisch vielsagend, etwa durch die Britisch-Indische Botschaft in Kabul, die die größte und prächtigste Vertretung des Empires in einem anderen Staat überhaupt war.
Für Larissa Reissner war ihre Zeit als russische Botschaftergattin eine Schule der Geopolitik. Sie lernte viele Briten kennen, die sie in ihren Briefen mal als «Aristokrat», «Fuchs» oder als «höflichen Mörder» bezeichnete, die sie aber wohl auch faszinierten, litt unter ihren alltäglichen, drastischen Beschränkungen als Frau in einem Land, auf dessen Straßen sie nur im Tschador unterwegs sein durfte. Sie vermisste Bücher, Dichtung und neue Ideen; sie litt immer wieder unter Malariaschüben, und auch ihre Ehe mit Raskolnikow geriet in die Krise.
Der in den diplomatischen Dienst abgeschobene Kriegsheld war von der schwierigen Situation auf seinem Außenposten überfordert, trank zu viel, unterstellte seiner Frau Affären (auch mit englischen Offizieren), und immer wieder wurde er wohl auch handgreiflich und schlug sie. Unabhängig vom Niedergang Raskolnikows und ihrer Ehe schrieb sie unermüdlich Briefe, Skizzen und auch Artikel für wichtige Blätter über Afghanistan, denen man anmerkt, wie sehr sie ihren erweiterten, internationalen Horizont zum Ausdruck bringen, die Analyse der Kolonialpolitik, die ambivalente Faszination durch die Kultur des fremden Landes, aber auch die Bewunderung für die Freiheitsbewegungen dieser Weltregion. Dies alles versuchte sie zu verbinden.
Doch neben ihrer öffentlichen schriftstellerischen Tätigkeit begann sie in Afghanistan auch vertrauliche Berichte zu schreiben – sie wurde zu einer Informantin der «Kommunistischen Internationale», jener Weltorganisation der kommunistischen Parteien. Die Komintern hatte sich im Jahre 1919 gegründet und verstand sich als die Organisatorin und das Gehirn der Weltrevolution. Die war auch Reissners Perspektive, als sie den Ehemann und Afghanistan im Frühjahr 1923 verließ. Im Mai kam sie alleine in Moskau an. In den zwei Jahren ihrer Abwesenheit hatte sich die kurz zuvor gegründete Sowjetunion gründlich verändert. Nach dem Ende des Bürgerkriegs und seines ungeheuren Blutzolls, seiner Verwüstungen und Hungersnöte hatte Lenin die sogenannte Neue Ökonomische Politik durchgesetzt. Karl Radek, dessen Bekanntschaft Reissner bald nach ihrer Rückkehr vom Hindukusch machen sollte, schrieb darüber im Vorwort zur ersten Gesamtausgabe ihrer Schriften:
«Im Jahre 1923 kehrt sie nach Sowjetrussland zurück. Das Land der Arbeiter und Bauern sieht ganz anders aus, als sie es verlassen hat. Der strenge, mönchisch-soldatische Kriegskommunismus, der ein direkter Sprung vom Kapitalismus zum Sozialismus zu sein schien, hatte der Neuen Ökonomischen Politik (russ. Nowaja ekonomitscheskaja politika, S. K.) Platz gemacht. Larissa verstand wie wir alle die Notwendigkeit dieses Schrittes. Man musste Spielraum für die Initiative der Bauern geben, nicht nur, um Rohstoffe für die Industrie zu bekommen, sondern um nicht zu verhungern. Die Antworten, die sie darauf von der Partei erhielt und die sie sich selbst gab, konnten ihre innere Unruhe nicht aus der Welt schaffen. Sie sah ein, dass der Kriegskommunismus nicht aufrechtzuerhalten war, aber in ihrer Seele trauerte sie nach dem heroischen Versuch, mit bewaffneter Hand die Tore zur neuen Gesellschaft zu stürmen. (…) Wird die kapitalistische Fäulnis nicht in das Gewebe der Partei greifen? Den ganzen Sommer 1923 sah sich Larissa um, aufgewühlt, unruhig. Im September kam sie zu mir mit der Bitte, ihr zu einer Reise nach Deutschland zu verhelfen.»
