1945 – Schüler vortreten! - Rolf Lederbogen - E-Book

1945 – Schüler vortreten! E-Book

Rolf Lederbogen

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Beschreibung

Im Jahr 2025 ist es 80 Jahre her, dass der zweite Weltkrieg zu einem Ende kam. Gedenkfeiern werden auf Soldatenfriedhöfen und anderen Orten der Erinnerung abgehalten. Parallel dazu erreichen uns Berichte grausamer Zerstörung aus dem Gaza-Streifen, der Ukraine und anderswo. – Das vorliegende Buch stellt diesen Nachrichten innere Bilder und persönliche ­Erinnerungen entgegen, die der Autor über seine ­Teilnahme an den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges aufgeschrieben hat. Er hatte sie über 60 Jahre mit sich herumgetragen, ohne darüber sprechen zu können. Er schildert seine persönlichen Erlebnisse neutral, als sachlichen Bericht und bezieht sich oft auf Dinge des alltäglichen Lebens. So findet der Leser rasch in den Bericht und steht einem überwältigenden Dokument eines Jugendlichen gegenüber, der von der Schulbank weg an die Front eingezogen wurde. Den Einsatz und die nachfolgende Flucht nach Hause hat er wie durch ein Wunder überlebt.

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Seitenzahl: 74

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rolf Lederbogen

1945 – Schüler vortreten!

Rolf Lederbogen

1945 – Schüler vortreten!

Erinnerungen an die letzten Monate des Krieges

Aufgeschrieben im Mai 2005

Herausgeber: Florian Lederbogen

R. G. Fischer Verlag

Die Zeichnungen und Aquarelle stammen vom Autor, entstanden in den Jahren 1944–1946, sofern nicht anders vermerkt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 by R. G. Fischer Verlag

Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Palatino

Herstellung: rgf

ISBN 978-3-8301-9400-2 EPUB

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Autors

Schulzeit und Lehrer 1938–1944

— Hildesheim

— Torgau an der Elbe

Fragen

— Hannoversch Münden

— Hildesheim

— Torgau

Musterungen

— Hildesheim

— Torgau

Einberufung

— Uniform

— Stahlhelm

—Schuhwerk

— Marschieren

— Ausrüstung

— Tornister

— Post

— Besuch meiner Mutter

— Brief meiner Mutter

— Verlegung

Brüx in Nordböhmen

— Nissenhütten

— Transport

Frankfurt an der Oder

— Ein Architekturstudent

Fürstenwalde an der Spree

— Die Batterie

— Andere Gewehre

— Der Obstgarten

— Die Mannschaft

— Körperpflege

— Eine Panzerfaust

— Drei Personen

— SCHÜLERVORTRETEN

— Tagesablauf

— Ausgang

— Ein Gutshaus

— Bombenangriffe

— 20. April 1945

— Der Aussichtsturm

Im Kessel

— Ein Tieffiieger

— Bei Halbe

— Bei Mittenwalde

— Die Nuthe

Zivilist

— Luckenwalde

— Jüterbog

Schulzeit und Lehrer 1945–1947

— Hildesheim

— Abitur

Nachworte

— Karlsruhe, 20. Oktober 1983

— Stralsund, 1997

Literaturempfehlungen, ausgewählt vom Autor

Lebensdaten

Vorwort des Herausgebers

Mein Vater hat früher nie vom Krieg erzählt. So ist meine Erinnerung. Ihn schienen andere Fragen zu bewegen: Was ist schön? Was hat dieser hässliche Glascontainer auf dem Bahnhofsvorplatz zu suchen? – Mit 18 Jahren verweigerte ich den Kriegsdienst und musste drei Verhandlungen überstehen, bis meine Begründung anerkannt wurde. In meiner Erinnerung stand mein Vater meinem Entschluss und dem Verfahren neutral gegenüber. Er empfahl mir einen Rechtsanwalt, der mir bei der Vorbereitung auf die Gerichtsverhandlung zur Seite stand. Eine tiefere emotionale Unterstützung, so meine ich, gab er nicht. Aber die Erinnerung kann trügerisch sein, und ich hatte mich damals von meinen Eltern deutlich distanziert. Erst in den letzten Jahren – mein Vater war über 80 Jahre alt – begann er vom Krieg zu erzählen. Aber sein Gedächtnis ließ nach, und die Erinnerungen kamen bruchstückhaft. Einmal musste er ins Krankenhaus und war dort phasenweise verwirrt. In klareren Momenten erzählte er mit großer Intensität von seinen Kriegserlebnissen. Er war kaum zu bremsen. Die Krankenschwestern berichteten, er hätte nachts gerufen: »Die Russen kommen!« Im Jahre 2012 verstarb mein Vater.

Einige Jahre später fand in Hannoversch Münden ein Familientreffen statt. Ich wurde aufgefordert, etwas über meinen Vater zu berichten. Auf der Suche nach einem Thema stöberte ich in einer Kiste aus seinem Nachlass, in der sich Briefe, Dokumente und andere persönliche Unterlagen befanden. Dabei fiel mir ein Manuskript mit dem Titel »1945« in die Hände. Ich begann zu lesen und realisierte, dass er hier die Erlebnisse aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges aufgeschrieben hatte. Das Manuskript war so angelegt, als hätte er es veröffentlichen wollen. Bereits die Stellen für die Abbildungen waren vorgesehen. Von der Schilderung seiner Erlebnisse war ich sehr berührt und erstellte meinen Bericht für das Familientreffen. Nachdem ich dort vorgetragen hatte, erkannte ich an der Reaktion der anderen, dass es ihnen ähnlich ging. Daher entschloss ich mich, diesen Bericht öffentlich zu machen. Ich ließ die Texte transkribieren und suchte die Originalabbildungen. Mir war wichtig, den Text in Form und Inhalt möglichst unverändert zu lassen. Die letzten Abschnitte des Manuskriptes hatte mein Vater nicht ausgeführt, so bleibt es ein Fragment. Das Bild, welches ich von meinem Vater hatte, hat sich durch diesen Text verändert. Es eröffnete sich für mich ein Teil, ja eine ganze Dimension seiner Geschichte und seiner Persönlichkeit, von der ich bislang nichts geahnt hatte. Auch wurde mir klar, dass er sich seiner Zurückhaltung bewusst war, im Text sprach er mehrfach von seinem »Schneckenhaus«. Schließlich verstand ich, warum er im Auto einen Klappspaten aufbewahrte; als Kind hatte ich das nicht hinterfragt. Und mir wurde klar, dass für ihn diese grausame Zeit noch nicht zur Ruhe gekommen war: 1945 – die letzten Monate des Krieges.

Mein Dank geht an Dr. Gerhard Kabierske und Martin Kunz, Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau, für ihre Hilfe. Meiner Familie danke ich für ihre Unterstützung.

Heidelberg, im Januar 2025

Florian Lederbogen

Vorwort des Autors

Diese Erinnerungen an die letzten Monate des Krieges schreibe ich nicht auf, um sie loszuwerden oder sie leichter zu machen. Ich trage die Bilder seit sechzig Jahren ständig mit mir. Ich schreibe die Erinnerungen auf, um sie in eine Art Ablage aufzuräumen und dadurch für mich zugänglicher zu erhalten. Vergessen kann ich die Erinnerungen nicht.

Für diesen Bericht habe ich nichts zur Hand. Die Briefe meiner Eltern und Geschwister an mich sind Ende April 1945 bei Fürstenwalde an der Spree verloren gegangen. Das Soldbuch und die Erkennungsmarke habe ich mit meiner Uniform Anfang Mai 1945 im Stellwerk des Bahnhofes Luckenwalde unter einer Bodenklappe versenkt. – Meine Eltern hatten meine Feldpostbriefe aufgehoben. Nach mehreren Umzügen und Haushaltsverkleinerungen meiner Mutter habe ich nur wenige Briefe von mir wiedergefunden, die ich zitieren kann. Ich habe keine eigenen Unterlagen, die mir bei der Ordnung von Daten, Ortschaften und Namen der Menschen helfen könnten.

Viele Erinnerungen sind noch immer sehr deutlich. Es sind Landschaften, Bauwerke, Räume, Tageszeiten und Vorgänge. Ich sehe Sonnenlicht und Mondschein. Manche Farben der Erinnerungen sind wie bei alten Farbdrucken im Laufe der Jahre verblasst. Dadurch treten Bildteile deutlicher hervor, werden übersteigert wahrgenommen und sicherlich nicht objektiv in diesem Bericht wiedergegeben. Ich bitte, dies zu verstehen.

Vieles fehlt mir völlig, und ich kann es nicht finden: Tage, Nächte, ganze Wochen und Abläufe. Es muss an meiner Veranlagung zum Abschalten liegen, die meine Eltern bei mir schon als Kind erkannten: Ich hätte gern allein an meinem Tisch gesessen. Träumer nannten sie mich, mein Bruder unterstützte mich beim Verkriechen in ein Schneckenhaus. Einige Erinnerungsteile, die ich schon früher in anderen Zusammenhängen festgehalten hatte, füge ich ein. Dazu gehören die Kurzberichte über die Schulzeiten von Ostern 1938 bis Dezember 1944 in der Nazizeit und im Krieg, und die Zeit vom Herbst 1945 bis zum Abitur 1947. Diese Schulzeiten rahmen die Kriegsteilnahme ein.

In den letzten Monaten des Krieges gab mir die stete Gewissheit Rückhalt, in meiner Familie eingebunden zu sein. Das mag hölzern klingen, aber es geht mir hier um einen sachlichen Bericht, nicht um Lyrik.

Ettlingen, im Mai 2005

Rolf Lederbogen

Schulzeit und Lehrer 1938–1944

— Hildesheim

Im Herbst 1937 war meine Familie aus Hannoversch Münden nach Hildesheim umgezogen. Mein Vater galt als politisch unzuverlässig und war auf Grund der Beamtengesetze von 1933 versetzt worden. Er war jetzt Lehrer an der Goetheschule für Mädchen, er durfte keine Schule mehr leiten und keine Klasse zum Abitur führen. Das letzte halbe Jahr ging ich noch in die Grundschule am Fuße des Moritzberges, die sogenannte Brauereischule. Die Klassenräume hatten wie in Hannoversch Münden Einzelofenheizung. In den Pulten der Viererbänke waren aufklappbare Tintenfässer integriert, die der Hausmeister aus einer großen Kanne nachfüllen musste. Das Schulhaus blieb im Krieg erhalten. Ostern 1938 wurde ich in die Scharnhorstschule, eine Oberrealschule für Jungen, aufgenommen. Von den Lehrern nenne ich Studienassessor Jung. Er führte uns in die deutsche Lyrik ein und ermunterte uns, eine Gedichtsammlung in einem Oktavheft anzulegen. Ich empfand das als versteckten Kontrast zu den markigen »Schwertworten« der Hitlerjugend und zu dem aufflammenden Kriegsgeschrei. Im Herbst 1941 bekam er einen Wandertag in den Hainbuch genehmigt. Auf der Kanzel eines hölzernen Aussichtsturmes über den Buchenwipfeln rezitierte er Theodor Storms Oktoberlied: »Der Nebel steigt, es fällt das Laub …« Das Gedicht wurde Teil meiner Lyriksammlung. – Nach dem Kriege wurde Jung Lehrer an einer anderen Schule in Hildesheim, ich habe ihn leider aus den Augen verloren.

Es wird mir nicht gelingen, heute deutlich zu machen, wie sehr die Schulwoche durch die Hitlerjugend bestimmt wurde. Bis 1939 war die Mitgliedschaft freiwillig gewesen, dann wurde sie per Gesetz zur Pflicht, und ich als Letzter meiner Klasse Pimpf in Uniform. Wir hatten an den Nachmittagen von Mittwoch und Samstag Dienst mit Antreten, Strammstehen und Marschieren, Krieg spielen mit Robben und Auf-Auf-Springen, schließlich Austreten zum Pinkeln in Reih und Glied. Der Fantasie für viele Entschuldigungsschreiben gelang es, die Teilnahme an den Diensten auf ein gefährliches Minimum zu reduzieren. Die Einbestellung auf die »Bann-Dienststelle der HJ« zur Vernehmung war die Folge.

— Torgau an der Elbe