2 x 7 oder Eine verhängnisvolle Illusion - Manuel Möller - E-Book

2 x 7 oder Eine verhängnisvolle Illusion E-Book

Manuel Möller

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Beschreibung

2. Selbstmordversuche. 2 x 7. Stock! Mit 20 muss sein Unterschenkel dran glauben, doch Manuel ist tapfer, will die Versäumnisse aus der trostlosen Vergangenheit schnellstmöglich nachholen und endlich, endlich anfangen zu leben. Er lässt sich nicht entmutigen, findet einen beeindruckend selbstbewussten Umgang mit der Behinderung, die zwar doof, aber nicht wirklich tragisch ist. Mit einem zunehmend wachsenden Selbstvertrauen nimmt er sich unerschrocken seiner hunderttausend Probleme an, scheitert, steht wieder auf und erzielt doch unterm Strich beachtliche Erfolge. 12 Jahre später ist Manuel wieder zertrümmert. Diesmal hingegen ist er mit einer gnadenlos - brutalen Realität konfrontiert, die Zuversicht und Hoffnung fast unmöglich machen. Zu schwerwiegend sind die Verletzungen, als dass es möglich wäre, im nächsten Sommer wieder durch die Grüngürtel am Kölner Rheinufer zu streunen, um hier in den lichten Sommerwäldern das wilde Abenteuer zu suchen, was jahrelang sein fragiles Ego gepuscht hatte. Illusionen sind längst zerbrochen. Zu bitter und verstörend waren die ganzen Niederlagen und Erkenntnisse der letzten Jahre. In Traumwelten zu flüchten, hat längst seinen Reiz verloren. Der Arschlochtyp, der ihn fünf Jahre verleugnet hatte, hatte nie die Absicht, sich zu ihm zu bekennen. Eine Niedertracht, die die längst eingetretene Abwärtsdynamik noch massiv beschleunigt. Sexuell geht gar nichts mehr. Und wenn dann doch alle paar Monate ein Typ kommt, wird der Rollstuhl mit letzter Kraft im Wandschrank versteckt. Viele schräge Dinge hat Manuel ja bereits gedreht. Aber mit `nem Rollator in ´nen Schwulenclub zu gehen, wäre doch blamabel, wahrscheinlich unendlich blamabel. Vermeintliche Freunde haben sich abgewandt, was ihn total enttäuscht, aber nicht eben verwundert. Denn Manuel ist schließlich immer einer gewesen, der zum Lachen in den Keller ging. Er war allein, ist allein und fürchtet, für immer allein zu sein. Rauchen und Medikamentenmissbrauch in befremdlichen Ausmaß haben Spuren hinterlassen. Körperlicher und optischer Verfall, Niedergang in jeder Hinsicht und eine nicht geringe Tendenz zur Selbstaufgabe, greifen wild um sich. Doch nun liegt es an Manuel, die Stärke, die Kraft und den Willen aufzubringen, noch einmal aufzustehen, um einen Befreiungsschlag zu wagen und den abgrundtief hässlichen Scherbenhaufen ohne Wehmut hinter sich zu lassen.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Um die Persönlichkeitsrechte der in dieser

Autobiografie vorkommenden Personen zu

schützen, wurden Namen, Details und persönliche

Attribute verfremdet.

Kapitel

Das Gespött der Klasse

Restlos entmutigt

Der erste Freund

Morgens Schüler, abends Stricher

Zweifelhafte Locations

Der Beschützer

Tödliche Liebe

Zertrümmert

Er ist weg

Das Bedürfnis, ihm weh tun zu wollen

Zurück ins Leben

Bein ab

Der Star der Klinik

Uni – nur Chaos!

Auftrieb im Schwarzwald

Selbst Schuld!

Malte

Heiko

Die Katastrophe

Bloß weg!

Der Dreck

Die Lüge

Die Isolation

Die Entgiftung

Gnadenlose Desillusion

Die Benzos

Die Armut

Das Austauschwochenende

Die Demütigung

Die Rettung?

Der 30. Geburtstag

Weihnachten

Allein

Scheiß Rumkrüppelei!

Die Schlechtigkeit

Arndt

Noctamid, Tavor, Valium und Co.

Nichts wird besser

2 x 7

Pflegeheim statt Badesee

Ein Neuanfang?

Das Gespött der Klasse

So etwas wie Halt fand ich in einer Clique, von der ich nicht mal genau wusste, ob ich wirklich dazugehörte oder ob sie mich verarschte. Doch da ich in meiner Schulklasse zunehmend isoliert war und die Zerwürfnisse mit meinen Eltern ständig einen neuen Höhepunkt erreichten, war ich froh, so etwas wie ein Gefühl der Zugehörigkeit zu spüren.

Wir waren um die zwölf Leute und entsprachen so ziemlich dem Standard - Bild, das man von einer Teenie - Clique unseren Alters hatte. Wir rauchten, tranken Wodka - Cola und wenn das Geld knapp war, auch mal Wein aus dem Tetra - Pack, feierten wilde Garagen - Partys und einer nach dem anderen erlebte sein ersten Mal – bis auf ich.

Denn ich war schwul und hätte mich eher vor einen Zug geworfen, als dies offen zu bekennen. In der Mainacht stellten wir Maibäume, an Halloween zogen wir durch die Straßen und machten uns einen Spaß daraus, Kürbisse zu zertrümmern und nachdem man uns unsere Club - Hütte zerstört hatte, gingen wir auch mal auf Verbrecherjagd. Wenn einer sturmfreie Bude hatte, kam es auch schon mal vor, dass ich meinen ganzen Mut zusammennahm und mich nachts aus dem Haus schlich, um die anderen zu treffen.

Meinen Eltern passte dieser Umgang nicht, absolut nicht. Denn sie missbilligten, dass ich mich mit Leuten abgab, die größtenteils die Realschule besuchten und in ihrer Freizeit etwas anderes taten, als ein Instrument zu spielen. Mir war diese Einstellung nicht verständlich, denn ich konnte nicht nachvollziehen, dass es sie nicht freute, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben richtige oder vermeintlich richtige Freunde gefunden hatte. Natürlich blieb auch meiner Clique nicht verborgen, dass meine Eltern diesen Umgang ablehnten, was mir äußerst unangenehm war.

Zu dieser Zeit kam es nicht wirklich selten vor, zu Hause rausgeschmissen zu werden. Jedes Mal war ich total verängstigt, denn meine herrische Mutter wirkte bei ihren Überlegungen, mich in ein Heim zu stecken, stets so entschlossen, dass ich überzeugt war, fällig zu sein. Meist wurde ich dann zu meiner geliebten Oma verfrachtet, bei der ich solange ausharren sollte, bis ein Platz gefunden wäre. Fast immer war es mein Vater, der nach Tagen des Zitterns das Gespräch mit mir suchte, um mir noch einmal eine Chance zu gewähren.

In erster Linie hatte ich nicht Angst vor einem Leben im Heim, dies hätte ich wahrscheinlich noch ertragen können. Vielmehr fürchtete ich, von meinen Mitschülern noch mehr verspottet zu werden, als dass dies ohnehin schon der Fall war. Denn irgendwie war mein Rauswurf immer publik geworden.

Ja, ich hatte einmal 20 Mark geklaut, um mit einem meiner wenigen Freunde ins Kino gehen zu können. Doch dies hatte ich inzwischen aufrichtig bereut und nach dem Kriegsverbrechertribunal, das meine Eltern abgehalten hatten, war ich mehr als genug gestraft. Natürlich wurd´ in der restlichen Verwandtschaft explizit darauf hingewiesen, bloß die Portmonees im Blick zu haben.

Ja, ich war auch mal frech, gab Widerworte, räumte mein Zimmer manchmal nicht auf und beklagte mitunter, nicht genug Geld zu haben. Aber war das für einen Jungen in meinem Alter nicht alles ein Stück weit normal? Als unverschämt, respektlos und verkommen, wie mich meine Eltern zeitweilig abstempelten, betrachtete ich mich jedenfalls nicht.

Ja, manchmal hatte ich bei Schlecker Zigaretten gezockt, wobei ich aber nie erwischt wurde. Aber scheiß drauf, Schlecker war ´n Dreckspuff, dessen Untergang bestimmt nicht an den 7, 8, oder 9 Packungen Kippen gelegen haben wird. Jeder klaute bei Schlecker! Die Regale waren niedrig, sodass man alles überblicken konnte. Kameras gab es nicht und die Kassier – Tante saß meist hinten in ihrem Kämmerchen, weil nie etwas los war. Ideal!

Früher war ich der Schleimer, mittlerweile die Schwuchtel. Es verging kein Tag, an dem ich von meinen Mitschülern nicht aufgezogen wurde. Bedauerlicherweise hatte ich das traurige Los gezogen, derjenige zu sein, über den man sich lustig machte. Ich fühlte mich absolut hilflos, denn natürlich hatten sie Recht mit ihren Vermutungen. Hätten sie mich verdächtigt, sonst was zu sein, hätte ich wahrscheinlich gelacht, weil es jeder Tatsache entbehrte. Somit wehrte ich mich nicht einmal ansatzweise, war total gehemmt, ja fast erstarrt.

So blieb mir nichts anderes übrig, als das Ganze ignorierend zu ertragen in der trügerischen Hoffnung, es würde nicht noch schlimmer. Wurde es aber. Dummerweise tat ich mir keinen Gefallen damit, von meiner Lieblings - Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ in den höchsten Tönen zu schwärmen. Während ich früher stets gern zur Schule gegangen war und mitunter gar nicht genug davon bekommen konnte, musste ich mich zunehmend dorthin quälen. Freitags war es auszuhalten, denn mit dem folgenden Wochenende gab es zwei Tage, in denen ich in Ruhe gelassen wurde.

Trotzdem war das Gefühl massiver Niedergeschlagenheit ein Dauerzustand, dessentwegen ich zunehmend das Interesse an den wenigen Dingen verloren hatte, für die ich mich überhaupt noch begeistern konnte. Meine Noten verschlechterten sich zusehends und ich musste auch noch zweimal Sorge haben, überhaupt die Versetzung zu schaffen – alles Umstände, die die Konflikte mit meinen Eltern nicht entschärften.

Ausgerechnet zum Zeitpunkt, an dem das Beerdigungs - Kaffee meiner Großmutter stattfand, wurde bekanntgegebenen, wer bestand oder wer wiederholen durfte. Zu sehr stand ich unter Strom, als dass ich noch um meine tote Oma trauerte. Meine Englischlehrerin hatte beide Augen zugedrückt, obwohl sie mir locker eine Fünf hätte reinhauen können. Yes!!!

Der Tod meiner Oma kam relativ plötzlich. Magendurchbruch. Noch einige Tage Siechtum im Krankenhaus, ehe sie für immer die Augen schloss. Noch einmal hatte ich sie in der Klinik besucht und in jämmerlicher Verfassung vorgefunden. Völlig zusammengesackt und mit tausend Schläuchen verbunden hing sie da auf den Tod wartend. Unendlich schlimm!! Aber ich war froh, mich noch wenigstens verabschieden zu können.

Im elften Schuljahr wurde – abgesehen von der Tatsache, jetzt auf dem Schulgelände rauchen zu dürfen – nichts besser. Im Gegenteil. Mit meiner Klasse war ich ja schon nicht mehr klargekommen, doch nun in einer vereinigten Jahrgangsstufe musste ich mich mit all den anderen Coolen und Angesagten rumschlagen, die ständig ihre freche Klappe aufrissen.

Als Schwuchtel wurde ich fast täglich bezeichnet. Was kommt morgen? Werde ich das noch bis zum Abi durchhalten? Wie weit werden die gehen?

Dass meine Jugend restlos kaputt war, hätte ich ja noch akzeptieren können, wenn ich wenigstens die Gewissheit erhielte, mein Abi zu packen. Dieses betrachtete ich nämlich als Entschädigung für verlorene Jahre. Niedergeschlagenheit konnte man längere Zeit aushalten. Angst dagegen nur einen gewissen Zeitraum, wenn man nicht gänzlich abdrehen wollte.

Daran, es intellektuell zu packen, zweifelte ich weniger. Meine Leistungsbilanz in Mathematik war zwar beeindruckend grottig. Doch unterm Strich würde es reichen, um zu bestehen. Blieb nur der teuflische Zweifel, ob ich genug Durchhaltevermögen mitbrächte.

Restlos entmutigt

Allmählich entwickelte ich Phantasien absoluter Hilflosigkeit, deren immense Dimensionen mich restlos entmutigten. In den schillerndsten Farben Heiko ich mir aus, was noch alles an Gemeinheiten auf mich niederprasseln könnte und würde. Entweder war ich innerlich erstarrt oder fürchterlich getrieben. Was von beidem ich als weniger höllisch empfand, wusste ich selbst nicht. Aber allmählich schien ich meine Eltern mit meiner Rastlosigkeit in den Wahnsinn zu treiben.

Wenn die Schule vorbei gewesen war, schmiss ich mich erschöpft aufs Bett, um im Schlaf mein Scheiß Leben zu vergessen. Ein 30 qm großes Zimmer im Keller hatte ich, aus dem man eigentlich was hätte machen können. Aber ich war zu fertig, als dass es mir etwas bedeutet hätte, es schön zu haben. Es hingen weder Poster an den Wänden, noch war irgendwas dekoriert und nachdem mein Gummibaum trotz liebevoller Pflege den Geist aufgegeben hatte, gab es auch keinen Neuen mehr. Und mit jeder Treppenstufe, die ich hinabstieg, fühlte ich mich noch deprimierter.

In der Schule stand ich restlos neben mir. Wie im Trance quälte ich mich durch den Schultag. Bei anspruchsvollerem Unterrichtsstoff konnte ich kaum noch folgen, weil meine Gedanken ständig abdrifteten. Ich zitterte, was meine Klassenkameraden zum Glück als Nikotinentzug deuteten, da ich allen als starker Raucher bekannt war. Meine Mimik war starr, mein Blick nicht minder. Neben der Angst, beschämt zu werden, wuchs daher die Besorgnis, man könne mir ansehen, wie krank ich wahrscheinlich schon war, von Tag zu Tag mehr. Glücklicherweise war ich in Deutsch und Geschichte fit, sodass eine Nachbereitung kaum notwendig war. Für Mathe waren alle vier Defizite schon eingeplant. Hier ging es nur darum, den einen Punkt zu bekommen, der mich retten würde.

In meiner Hoffnungslosigkeit war mich nichts Besseres eingefallen, als an meinen Pulsadern herumzuschneiden, um anschließend mein ganzes Zimmer vollzusauen. Mein Vater war es gewesen, der mich entgeistert antraf und mich umgehend ins Krankenhaus brachte. Dort wurden meine Wunden mit zwanzig Stichen genäht.

Ein paar Tage sollte ich noch dort bleiben, weswegen meine Eltern später noch einmal vorbeikamen, um mir Sachen zu bringen und zu klären, was mich bewogen hatte, so etwas zu tun. Inständig versicherten sie mir, für mich da zu sein und mich zu lieb haben. Das tat gut! Ich gestand, zu erwägen, die Schule zu schmeißen, da ich nicht mehr die Kraft hätte, mich der Anfeindungen seitens meiner Mitschüler zu erwehren.

Meine Mutter fühlte mit mir und mahnte gleichzeitig, ich dürfe dies auf keinen Fall. Anderenfalls würde ich mich im Leben mit immer weniger zufrieden geben. Dabei hatte sie so Recht! Von dem dem Gefühl, gescheitert zu sein, hätte ich mich wahrscheinlich nie wieder erholt. Und dennoch waren da die asozialen Typen, derentwegen ich hier lag. Ein Dilemma, aus dem es keinen Ausweg gäbe.

Im Krankenhaus hatte ich eine Überweisung zum Psychiater bekommen, bei dem ich nach kurzer Zeit einen Termin bekam. Ein sympathischer Mann, der einen soliden Eindruck machte und von dem ich glaubte, er könne mein Leiden in seinem Ausmaß ermessen.

Nun, es war keine Psychotherapie, er gab mir ein paar Denkanstöße mit auf den Weg und verschrieb mir „Paroxetin“, ein Antidepressivum der neueren Generation mit weniger Nebenwirkungen. Diese waren mir letztlich herzlich egal. Ich hätte es auch genommen, wenn mir komplett schwindlig oder kotzübel geworden wäre. An einen radikalen Wandel glaubte ich schon längst nicht mehr. Aber nachdem sich nicht einmal der Ansatz einer Linderung meiner Ängste abgezeichnet hatte, verlor ich den letzten Rest an Zuversicht.

Es folgte eine Phase, in der meine Eltern und ich nicht mehr so massiv aneinandergerieten. Anscheinend nahmen sie Rücksicht auf meine angeschlagene Verfassung und sahen mir manches nach. Unendlich lange hatte ich gezögert, ehe ich zu meiner Mutter ging, um ihr aus dem Impuls heraus zu sagen, ich sei schwul. Da war es also ausgesprochen.

Erleichtert war ich trotzdem nicht, denn ich schämte mich immens. Es sei okay für sie, sie komme damit klar und außerdem habe sie es schon seit Jahren geahnt. Stimmt! Überrascht durfte sie nach dem Fund meiner Schwulen - Pornos nicht gewesen sein. Immer, wenn ich meine Tante besucht hatte, war ich am Kölner Hauptbahnhof ausgestiegen. Es hatte meinen ganzen Mut erfordert, das dortige Presse - Center aufzusuchen, einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten, an dem kein Mensch an der Kasse stand, um sich dann aus dem Impuls heraus ein Homo - Magazin zu schnappen, dieses umgehend zu bezahlen und sich schnellstmöglich zu verpissen. Die meisten Pornos kamen aus den USA und waren nicht gerade billig. Doch in meinen Augen waren sie jeden Cent wert, weil sie all das zeigten, was ich geil fand.

In meinem eigenen Zimmer hatte meine Mutter herumgestöbert. Denn andernfalls hätte sie diese nicht finden können. War ja nicht so, dass ich diese Schmierblättchen aufm Schreibtisch hätte liegen lassen. Als ich nachmittags von der Schule nach Hause kam, lagen diese ausgebreitet auf der Dielenkommode. In unendlicher Dimension hatten mich Panik und Scham übermannt und durchdrungen. Meine Mutter hatte mich daraufhin an den Küchentisch gebeten und von mir verlangt, ich solle dies erklären. Ich hätte sie umbringen können! Dabei fand ich es restlos inakzeptabel, in den persönlichen Sachen des fast erwachsenen Sohnes herumzuwühlen.

Mit leuchtend rotem Kopf erzählte ich eine wirre Story, von wegen ich wolle mich an einem verhassten Mitschüler rächen. Diesem wollte ich die Pornos in die Tasche stopfen, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Natürlich glaubte sie mir kein Wort, wobei ich die Geschichte echt gut fand.

Nachdem ich die Elf abgeschlossen hatte, begannen die schrecklichsten Sommerferien meines Lebens. Während andere ihren Urlaub genossen, malte ich mir wieder in glanzvoller Farbenpracht aus, was wäre, wenn ich das Pech hätte, viele meiner Feinde in meinen Kursen sitzen zu haben. Letztlich war es soweit gegangen, dass ich wegen mancher Typen Kurse belegt hatte, die ich in keiner Hinsicht favorisierte. Und das nur, weil ich hoffte, ihnen somit ausweichen zu können. Biologie hatte ich als Leistungskurs gewählt, obwohl ich weitaus stärker in Geschichte war.

Tja, und das Selbstbild? Unendlich feige fand ich mich, weil ich flüchtete und mich klein machte, anstatt zu versuchen, mich zu behaupten und die Brust rauszustrecken. Solange es aber das Abi als Lohn gäbe, war ich bereit, diesen Preis der Selbstverleugnung zu zahlen.

Der erste Freund

Ein paar Mal hatte ich versucht, mit meinem besten Freund über alles zu sprechen. Doch ich zweifelte daran, dass er meine Not in ihrer Dimension erfassen konnte. Daher hatte ich dann auch entschieden, es fortan sein zu lassen. Immerhin erzählte Tom mir von einem seiner ehemaligen Klassenkameraden, der ebenfalls schwul war und es wegen seines Outings zu Schulzeiten auch nicht wirklich leicht gehabt hatte.

Tom bot mir an, den Kontakt herzustellen, wofür ich sofort offen war. Denn es wäre nur hilfreich, wenn ich wüsste, wie es einem anderen Betroffenen in einer ähnlichen Situation ergangen war und sich jener in dieser verhalten hatte.

Es tat gut, sich mit Jan auszutauschen. Ich war total fertig und daher auch für jeden Rat dankbar, den ich bekommen konnte – erst Recht, wenn dieser von einem Leidensgenossen kam. Jan war ein hübscher Kerl, von dem man allenfalls vermuten konnte, schwul zu sein, wenn man ihn auf der Straße treffen würde.

Er war mir gleich sympathisch. Für seinen Mut, sich noch zu Schulzeiten zu outen, bewunderte ich ihn enorm. Jan erzählte von den Anfeindungen, die er erlebt hätte, von seiner Isolation in der Klasse und von dem Gefühl, von niemandem verstanden zu werden. Infolge dessen habe er sich immer weiter von allen zurückgezogen, bis er zum Schluss die meiste Zeit nach der Schule allein vor seinem Computer verbracht hatte. Seine wenigen Freunde, aber vor allem seine Eltern seien diejenigen gewesen, die ihn wieder aufgebaut hätten und ihm neue Zuversicht geschenkt hätten.

Ein paar Tage später besuchte ich Jan zu Hause, wo ich von seinen Eltern freundlich empfangen wurde. Fortan war ich öfter bei ihm und es war keine Seltenheit, dass seine Mutter für uns kochte und ich abends von seinem Vater sogar nach Hause gebracht wurde. So schön dies auf der einen, so unangenehm war mir dies auf anderen Seite. Denn ich schämte mich, da meine Eltern diese Gesten nicht nur nicht erwiderten, sondern sich nicht einmal ansatzweise für Jan interessierten.

Es hatte schon länger unterschwellig geknistert, bevor wir uns zum ersten Mal küssten. Ich hatte noch nie geküsst und dann jetzt auf einmal einen Jungen. Anfangs war ich noch total gehemmt, weil ich Angst hatte, mich blöd anzustellen. Jan aber war sehr einfühlsam, was es mir enorm erleichterte, mich fallen zu lassen.

Es war ein unbeschreiblich tolles Gefühl! Jan hatte es voll drauf und einmal angefangen, konnten wir gar nicht mehr aufhören, intensiv und innig ohne Unterbrechung eng umschlungen auf seinem Bett zu knutschen. Wir warteten noch bis zum Wochenende, bevor wir zusammen ins Bett gehen wollten, auch wenn wir meinetwegen sofort die Hosen ausziehen hätten können. Doch auch diese Tage vergingen und als es soweit war und wir im Kerzenschein miteinander rummachten, fragte ich mich, ob ich das alles nur träumte.

All dies waren wunderschöne Momente, doch ich war nicht wirklich im Stande, sie zu genießen – im Gegenteil! Ich war angespannt und unfähig, mich von meinen Sorgen und Ängsten auch nur ansatzweise zu lösen. Zwar gab ich mir größte Mühe, dies vor Jan zu verbergen, doch es gelang mir nicht, ihm etwas vorzumachen.

Mehrmals hatte er mir eindringlich versichert, er wolle mir helfen, doch ich wünschte, er hätte mein Verhalten einfach ignoriert. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, denn ich fürchtete die Vorstellung, er würde mittelfristig das Interesse an mir verlieren, wenn ich nicht in absehbarer Zeit lockerer würde. Tatsächlich schien mein Freund langsam, aber sicher zu erkennen, es nicht hinzukriegen, mich aufzubauen.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck gewonnen, dass seine Begrüßungen längst nicht mehr so überschwänglich waren wie am Anfang. Mir blieb somit nichts anderes übrig, als zu versuchen, noch besser zu schauspielern, auch wenn ich nicht daran glaubte, dies überzeugend hinzubekommen. Elend fühlte ich mich, denn in meinen Augen war es nur eine Frage der Zeit, bis dass ich wieder allein dastünde.

Als sei diese Erkenntnis nicht schon schlimm genug, musste ich mich auch noch für das in meinen Augen unverschämte Verhalten meines Vaters bei ihm entschuldigen. Als Jan bei mir übernachtet hatte, fiel diesem nichts Besseres ein, uns vormittags aus dem Bett zu schmeißen, weil er meinte, wir hätten lang genug dort rumgehangen.

Den Höhepunkt dieses ganzen Trauerspiels bildete letztlich die Mainacht. Es begann schon vorab damit, dass es mir nicht gelungen war, Geld aufzutreiben, um rausgehen zu können, geschweige denn, dass es ausgereicht hätte, etwas Schönes für Jan zu besorgen. Daher blieb mir auch nichts anderes übrig, als ihm zu offenbaren, dass er sein Maigeschenk erst später bekäme. Ich schämte mich fürchterlich.

Während seine Freunde und er später dann in einer Bar in der Altstadt einen Drink nach dem anderen bestellten und ausgelassen feierten, gab ich die komplette Spaßbremse ab – unfähig, zu lachen, zu unterhalten, einfach Fun zu haben. Hemmungen, mir zu zeigen, dass er von mir enttäuscht war, hatte Jan nicht. Ein Bier nach dem anderen kippte er sich rein, wobei er mich komplett ignorierte. Nachdem wir im Morgengrauen aufgebrochen waren, hatte ich Magenkrämpfe, weil ich mir Vorwürfe gemacht hatte, ein solch jämmerliches Bild abgegeben zu haben. Und als wir später nebeneinander im Bett lagen, offenbarte er mir schließlich jenes, was alles andere als überraschend für mich kam: er wollte die Trennung!

Morgens Schüler, abends Stricher

Nachdem ich nun schon als Partner versagt hatte, fürchtete ich die Vorstellung, ich könne auch das Abitur psychisch nicht mehr packen, noch mehr, als dass dies ohnehin schon der Fall war. Dann hätte ich nämlich ohne alles dagestanden und ich glaubte, dieses komplette Scheitern hätte ich nicht überwunden.

War die Schule vorbei, packte mich sofort die Angst vor dem nächsten Schultag. An ein Leben von Tag zu Tag hatte ich mich inzwischen schon fast gewöhnt. Ich stand enorm unter Druck und brauchte daher schnellstmöglich etwas, um diesen abzubauen. Andernfalls würde ich restlos abdrehen, glaubte ich.

Mit Schneiden und Ritzen hatte ich es probiert, doch ich stellte bald fest, dass ich damit nichts anfangen konnte. Vielmehr wollte ich Sex! Schnellen, derben, anonymen Sex, um meine unerträgliche innere Hochspannung zumindest für einen Augenblick lang zu unterdrücken. Und da ich nicht wusste, wie und wo ich diesen in Aachen bekommen könnte, beschloss ich, in den schwulen Kölner Untergrund zu flüchten.

Etwaige Beklemmung vor dem Fremden verspürte ich nicht – im Gegenteil! Ich brannte darauf, dieses kennenzulernen. Mein erster Trip verschlug mich dann gleich in eine Stricherbar, wobei ich zunächst nicht checkte, was das für ein Laden war.

Das derbe Ambiente sowie die nicht minder bizarren Typen, die dort abhingen, fand ich unheimlich spannend. Der Vermutung, hier träfe sich alles, was gescheitert wäre, konnte man sich nicht ganz erwehren. Trotzdem war ich nicht wirklich beirrt. Denn auf seltsame Art und Weise gab mir dieses Milieu gerade genau das, was ich suchte. Vor Ort hatte es mich doch mitunter etwas Überwindung gekostet, diese Läden aufzusuchen, aber sie reizten mich zu sehr, als dass ich ihnen ferngeblieben wäre. Denn ich fand es cool, von den älteren Männern auf ein paar Bier eingeladen zu werden und mich störte es keinesfalls, mich im Gegenzug mit einer lockeren Unterhaltung zu revanchieren.

Hier fand ich schließlich auch einen Typen, der mir nach einigen Kölsch anbot, ein paar gemeinsame Stunden in einer Schwulen - Sauna zu verbringen. Lange zögerte ich nicht, denn der Kerl war attraktiv und es versprach ein Abenteuer zu werden, auf das ich mich nur allzu zu gern einließ. In dieser Nacht erlebte ich dann auch das erste Mal, was in einer Schwulen - Sauna alles abging. Kabinen und dunkle Nischen luden dazu ein, hier ganz ungeniert Sex zu praktizieren. Vermutlich hatte der Typ mich in eine Sauna geführt, in der nur das ältere Publikum jenseits der 50 abstieg, weil er sonst wohl hätte befürchten müssen, ich könne mit einem Jüngeren durchbrennen, nachdem er den Eintritt für mich gezahlt hatte.

Geilen, sauigen Sex hatten wir, bei dem ich, nachdem wir ein paar Lines Speed gezogen hatten, jegliche Hemmung verlor. Wir machten die ganze Nacht miteinander rum, bevor ich mich am nächsten Morgen total entkräftet auf den Bahnsteig schleppte, um den ersten Zug zurück nach Krefeld zu nehmen.

Speed war zweifelsohne ein geiles Zeug, und trotzdem gleichzeitig auch der absolute Dreck. Noch nie hatte ich so geilen Sex gehabt wie auf Amphetamin. Aber als die Wirkung allmählich nachließ, wünschte ich, ich hätte es niemals angerührt. Denn während ich anfangs nur eine leichte Beklemmung fühlte, hatte ich Stunden, nachdem ich die letzte Line gezogen hatte, nur noch Angst. Mein Herz raste, ich zitterte und ich fühlte mich so unendlich schlapp. Aber dann doch gleichzeitig so gepuscht, dass ich fürchtete, ich würde jede Sekunde vor Schwäche zusammenklappen, während ich durch das Morgengrauen irrte. Als ich schließlich heil zu Hause ankam, war ich unendlich erleichtert. Nachdem ich wieder halbwegs lebendig geworden war, erschrak ich davor, mich auf solch eine gefährliche Sache eingelassen zu haben.

Eigentlich hatte ich nicht beabsichtigt, hier in Köln Geld zu verdienen, obwohl der Gedanke mich reizte. Ich wollte Ablenkung, wollte etwas ausgegeben bekommen und wenn es sich ergab, sehr gern auch Sex.

Eher spontan hatte ich mich dann doch dazu hinreißen lassen, mit einem Typen mitzugehen, der zwar nicht toll aussah, dafür aber zahlte. Obwohl ich das Geld im Gegensatz zu den meisten anderen Strichern nicht zum Überleben brauchte, war es verlockend, schnell mal 50 Euro zu machen - zumal da meine Kohle wegen meiner Raucherei immer chronisch knapp war.

Ekel war mitunter da, doch er war wohl nicht groß genug, als dass er mich davon abhalten konnte – was vielleicht daran lag, dass ich mich nur mit Typen einließ, die mir nicht total widerstrebten. Auch wenn ich bei der Wahl meiner Sexualpartner nicht allzu festgelegt war, wäre ich mit den meisten Typen, die mir Geld boten, nicht freiwillig mitgegangen. Hier half es aber meist, alle Gedanken für eine Zeit lang auszublenden. Und falls das nicht gelang, dann lediglich den Gedanken an das schöne Geld zuzulassen. Nur ein einziges Mal ließ ich mich auf jemanden ein, vor dem ich mich richtig ekelte.

Er war 45 Jahre älter, doch die schönen 130 EURO entschuldigten dies. An jenem Tag hatte ich mich nicht im Stricher - Milieu aufgehalten, sondern war durch einen Grüngürtel am Rande der City gestreift, der dafür bekannt war, dass Schwule hier hinterm Busch die schnelle Nummer suchten. Abgesehen von manchen alten Säcken, die stets mit letzter Kraft angeschlichen kamen, wenn man beschäftigt war, war das eigentlich immer eine spaßige Sache.

Aus vielleicht 50 Metern Entfernung hatte dieser Opa mit den Fingern eindeutige Locksignale in meine Richtung ausgesandt. Und obwohl ich noch kurz gezögert hatte, war ich außer Stande, nicht auf den Lustgreis zuzugehen. Wie im Trance fühlte ich mich, so sehr erschrak ich vor meiner eigenen Courage.

Andere zweifelhafte Gestalten, die hier ihr Camp aufgeschlagen hatten, bekundeten ihre Empörung, indem sie mir angewidert abfällige Kommentare hinterherriefen. Sollen sie doch, dachte ich, wobei ich trotzdem so schnell wie möglich fort wollte. Mit seinem Auto fuhren wir dann einige Minuten bis zu ihm nach Hause irgendwo in ein Viertel, in dem die Besserverdienenden wohnten. Wir hatten ausgemacht, dass er schon einmal vorgehen und ich ein paar Minuten später ihm folgen würde. Denn schließlich durfte die Nachbarschaft ja keinen Verdacht schöpfen.

Alter feiger Kinderficker war das Einzige, was mir dazu in den Sinn kam, doch meinetwegen würde es so laufen, wenn er so wollte. Immerhin konnte ich mir sicher sein, dass er zahlen würde, denn dieser Kerl war ungeoutet und fürchtete wohl nichts mehr, als dass bekannt würde, was er trieb.

Ich hatte echt Hemmungen, meine Hose aufzumachen. Trotzdem wollte ich schnell zur Sache kommen, um das Ganze so rasch wie möglich hinter mich zu bringen. Als er schließlich meinte, er fände es geil, wenn ich ihm seine Titten leckte, hatte ich Mühe, meinen Ekel zu verbergen. Doch irgendwie schaffte ich auch das, indem ich mich zwang, nur an das gute Geld zu denken.

Auch wenn ich mich hinterher schämte, war da ein gewisser Stolz, diese 130 EURO selbst verdient zu haben. Unterschwellig hatte ich Gefallen daran gefunden, solche abgefahrenen Dinge zu reißen. War wohl ganz spaßig, diese Art von Doppelleben zu führen. Und letztlich lenkten mich die starken Reize zumindest zeitweilig von meiner Panik ab, ich könne nicht bis zum Abi durchhalten.

Von dem Geld hatte ich nie wirklich lange etwas, weil ich es meist innerhalb weniger Tage für Zigaretten, T - Shirts, Alkohol, Haargel, Süßigkeiten und dergleichen auf den Kopf haute. Hier in Köln hieß ich Thomas und ich kam auch nicht aus Krefeld, sondern aus Dormagen, denn ich fürchtete, man könne meine Spur bis nach Hause zurückverfolgen, dadurch, dass ich mich so häufig hier herumtrieb.