4 Sterne im Haus der Eule - Swintha Levi-Kleingeld - E-Book

4 Sterne im Haus der Eule E-Book

Swintha Levi-Kleingeld

0,0

Beschreibung

Stell dir vor, du kannst dein Leben mit den Worten "4 Sterne im Haus der Eule" zusammenfassen. Und dann gibt es da noch eine Fledermaus, eine Schildkröte und den Frosch, der auf dem Mond sitzt und die Sterne in den Himmel spuckt. Eine Welt voll alter und neuer Mythen, die gewoben wurden in einem Dorf am Rande des amazonischen Dschungels. Es ist ein buntes Paradies, in dem du da lebst, aber es kann auch mal schnell ein totes Pferd vor deiner Tür liegen. Nicht erst seit Corona stellen wir fest, dass der Tod zum Leben gehört, aber manchmal ist der Tod doch sehr präsent und das Leben schlägt einem so heftig ins Gesicht, dass einem die Luft wegbleibt. Dieses Buch ist mein Abschiedsgeschenk an mich von diesem Paradies und für euch ein Einblick in die Welt der Guarayo in Bolivien. Mein subjektiver Blick versucht die unglaublichen Eindrücke zu beschreiben einer Welt, in der ich leben durfte, die außerhalb des Buchs auch visuell, auditiv, gustatorisch, also über Bilder, Geräusche und Geschmack verlinkt ist. Ihr seht auch, was die Einsamkeit mich für leckere vegane Rezepte gelehrt hat, die gewürzt mit Metal in meine komplexe Welt eintauchen lassen. Kommt doch mal mit in meine Welt! In die Welt der Krokodile, der Vogelspinnen, Papageien, Tukane, der Yaritus und der toten Puppen, wie sie da unter Sonne und Mond tanzen, und ich stelle euch die 4 Sterne vor, die bei der Eule leben. Dieser Roman ist eine Mischung aus Tagebuch und Guarayo-Mythologie, eine Auseinandersetzung mit der Umwelt in einem kleinen Dorf am Rande Amazoniens. Die Episoden sind aus dem Leben gegriffen, zeigen aber auch die Konflikte, die persönlich sein können oder die Überbleibsel der Kolonialisierung aufzeigen. Die Worte sind ehrlich, z.T. hart und sehr direkt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 710

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Prolog

Ich denke, viel muss ich hier nicht auch noch reinschreiben, denn eigentlich ist ja das erste Kapitel eine Art Prolog. Nicht dass ich am Ende zu diesem Prolog hier auch noch ein Vorwort schreibe und die Arbeit wird wieder komplexer und in sich verschachtelt und nimmt nie ein Ende. Danke, dass ihr das Buch lesen wollt!1 Ihr müsst nicht jedes Kapitel lesen. Auch werdet ihr merken, dass viel Tod darin vorkommt, als Kontrast zum hier sehr bunten Paradies. Da es in Europa nicht immer so bunt und grün ist, habe ich auch noch einiges mehr im Angebot hier als die Geschichten allein, die in sich verwoben sind, wie es mein Leben in meinem Kopf eben ist. Erstens also gibt es Geschichten, die nicht chronologisch von einem Leben in einem kleinen Dorf berichten. Im Text selbst gibt es einige Anmerkungen und Fußnoten mit Links oder Quellen, die man lesen kann oder von denen ich spreche. Hinten im Buch gibt es einen Anhang, ein Glossar mit ein paar Wortübersetzungen, Worte, die entweder aus dem Spanischen oder Guarayu oder wie auch immer nicht aus dem Deutschen kommen und ich aber oft benutze. Wenn man also irgendwie die Erklärung im Text verpasst hat, dann steht das hinten im Glossar. Während ich hier wohne, arbeite und schreibe, koche ich auch viel und habe die Rezepte in einem letzten großen Kapitel als Extra-Service zusammengefasst. So kann man auch versuchen, ein paar Situationen aus dem Buch nachzuriechen oder -zuschmecken. Es gibt Verlinkungen zwischen Text und Rezepten – im Text als Fußnote, aber in der digitalen Version auch als interne Echtlinks, so dass man schön dazwischen rumspringen kann. Als zwei weitere Komplexitätsfaktoren und Zutaten zu diesem bunten Buch gibt es Bilder und Soundfiles, die den Eindruck der Authentizität näherbringen sollen. Diese beiden Ordner kann man sich herunterladen, wenn man einen Code bekommen hat. Der muss bei der Autorin gesondert angefragt werden (bitte Mail schreiben an [email protected] und Kaufbeleg dazu, dann schicke ich den Link). Die Sounds und die Bilder sind mit Namen versehen, die den Link zum Text irgendwie erkennen lassen. In einer digitalen Version wird man außerdem mit den Echtlinks – einmal heruntergeladen – automatisch Mediendateien öffnen können. Instruktionen dazu lädt man sich auch mit runter. Ich hoffe damit also, ihr habt Spaß und Interesse, es lohnt sich sicher. Und vor allem unterstützt ihr damit meinen nächsten Schritt, bei dem ich nämlich wieder einmal alles hinter mir lassen muss und komplett (ohne viel auf dem Konto oder in der Tasche) von vorne beginnen muss. Nicht nur ich kann jeden Cent gebrauchen, auch vor allem die Leutchen aus dem Dorf, die weiter immer mit meiner Unterstützung rechnen können. Danke also in jeder Hinsicht! Und jump, hinein geht’s ins bunte Leben…

1 Und danke auch an die Personen, die das Buch bereits gelesen haben und mir wertvolles Feedback gegeben haben!!!!

Inhalt

Prolog

Swintha in der Welt

Chronologie

Das Dorf

Das Haus

Das Paradies

… und die Realität

Jahreszeiten

Der Exotik-Faktor

Die Welt der Dinos

Katzenleben

Vier Sterne im Haus der Eule

Die Nachbarn

Trockenzeit

Feuer und Explosionen

Tote Tiere

Hitzezeit

Mond weg

Weihnachten 2020 hatte ich echt nicht verdient

Freundschaften

Eine junge Tote

Regenzeit

Regenbogen und Schlange im Himmel

Wenn einer da rumliegt …

Coronazeiten

Enthaltsamkeit, Genügsamkeit und Bescheidenheit

Wenn du’s nicht mehr aushältst …

Geschaffte und aufgesparte Pläne

Mission completed

Vögel und immer wieder Vögel oder doch Zauberer?

… und der Alptraum geht weiter oder wird zum Traum

Als das tote Pferd vor unserer Tür lag

Zeit

Tagesablauf

Wenn einem Zeit geschenkt wird

Morgenstille

Müllberge von Kunst, auf denen Insekten sitzen

Ungeziefer, Viecher und Plagen

Lärmverschmutzung und Lichtverschmutzung

Religionen

Der heilige Berg der Guarayo

Als auf der andern Seite der Welt mein Vater starb

Es fliegt als Eis und fällt nieder als Tröpfchen

Jeder Winkel ein Bild

Kinder kriegen

Als die Fledermaus bei uns einzog

Ein Jahr nicht in der Zivilisation

Der Fortschritt

Crocodile Dundee

Zeitreisen

Schokolade zum Frühstück

Besuche im Paradies

Hundeleben

Karneval in Urubichá

Tote Menschen

Auf dem Pantheon

Die tierische Familie wächst

Pichareros

Hexer und Heiler

Lehrreiche Wege

Huhuu hhuuu

Familie und Sozialisation

Dinge, vor denen ich schonmal geflohen bin

Die Unmöglichkeit des Seins

Teure Tiere

Dogdile Dundee

Yasgwasu – der Vollmond

Transguarayos

Alice im Wunderland

Die grüne Hölle

Die Schlangentöterin

Fiesta, Fiesta

La Gringa – haha!

Kältezeit

Tote Puppen

Begegnungen der anderen Art

Einholen der Geschichte

Tagesausklänge

Kauft mich, kauft! und die Selbstdiskriminierung

Poesie ohne Worte

Im Wald wie im Wohnzimmer

Ein Wald ist ein Wald ist kein Wald (eine „Waldphilosophie“)

Touren im Wettlauf mit den Schmetterlingen

Mittagsstille

Pamparunde und andere Applikationen

Die andere Seite der Hundemedaille

Spaziergang mit dem Jaguar

Dorferwärmung

Rote Sonne und roter Mond

Zeitspuren

We’re a happy family

5 Freunde und die Pampa

9 Monate und 80 Tage

Schwarzbrotorgie

Die Nonne und van Gogh

1001 Rezepte aus der Einsamkeit

Glossar

Abschied

Auch nicht schlecht: im Jahre 2000 auf 2001 habe ich Weihnachten und Sylvester mit Schreiben verbracht und nämlich meiner Magisterarbeit begonnen – und im Jahre 2020 auf 2021 schreib ich dieses Buch endlich aus dem Kopf in den Computer. All diese Eindrücke in dieser Welt.

Swintha in der Welt

Nur kurz was dazu, wer diese Swintha ist, die da aus ihrer Welt schreibt. Ich habe mal in Linguistik, also Sprachwissenschaft promoviert, 2007 war das, und davor hatte ich Anglistik mit Schwerpunkt Linguistik studiert, außerdem auch Philosophie und Mathe. Seit ich klein bin, macht es mir Spaß, die Welt zu beobachten und darüber rumzugrübeln. Ich lese die Welt und versuche ihre Zeichen zu deuten, um die Zusammenhänge zu verstehen. Mir macht es darüber hinaus Spaß, auch manchmal neue Zusammenhänge und Geschichten zu schaffen, aber ich bin auch sehr kritisch, nicht überall da Zusammenhänge zu sehen, wo keine sind2 – als Kind war ich dem ein wenig verfallen, habe es aber selbst und ganz allein wieder aufgelöst. Bevor ich die Welt der „Indianer“ kennengelernt hatte, fand ich so Indianerkram eher langweilig (Winnetou, huhuuu) und ich konnte auch an „der“ Mythologie Amazoniens nicht viel finden. Inzwischen habe ich eine klare Sicht auf das, was Indianer sind und waren, und darüber bin ich super dankbar. (Obwohl ich auch vorher schon immer wusste, dass Menschen Menschen sind, aber es gibt da doch einige Details, was Lebenswelt, Verhältnis zur Natur und Umwelt und zur Geschichte angeht, was eben als neu dazukam für mich.) Und ich habe die Mythologie als eine Art Märchenwelt akzeptiert und nehme sie mit auf in dem, was ich so über die Welt denke und an Konstrukten erkenne. Es ist ein weiterer Tropfen Kreativität. Ich war immer schon kreativ, fast wie aus einem Zwang heraus, und auch komplex. Ich glaube, manchen Leuten ist es zu komplex, aber ist ja egal. Ich selbst fühle mich sehr sortiert in all der Komplexität. Leider bin ich schon eher Misanthropin, after all, und keine Philanthropin, also ich schaffe es nicht, die Menschheit so toll zu finden, was man sicher viel in dem Buch herauslesen wird.3 Das ist aber sicher auch ein Generationsding. Umweltverschmutzung, Atomkraft – nein Danke, Klimawandel, Globalisierung, Ausbeutung und nun noch Corona etc. Wie die Welt sich uns zeigt, ist ja nun auch nicht immer so schick. Jedenfalls setze ich hier einen Mikroskopblick an auf eine Welt mit Ameisen und ebensolchen Ameisendingen aus meinem Ameisenleben. Ich habe echt mein Leben lang an meiner ewigen Biographie gebastelt, also als Kind schon habe ich mich ständig selbst interviewt – warum nur? vielleicht war das auch so ein Trend aus dem Radio? – aber ich bin mir auch dessen bewusst, dass nicht jeder Ameisenpfurz wichtig ist für andere oder gar interessant. Es ist aber mein Ansatz der Authentizität der Kunst, den ich schon immer verfolge. Ich gehöre eben zu den Leuten, die sich bei Filmen immer fragen, warum die Leute nicht aufs Klo gehen. Auch wenn ich echt in diesem Buch meine Klogänge z.B. ausgespart habe, soweit ich mich erinnere (ah, nein, einen muss ich erzählen!), da kommen viele andere Kleinteile vor, die als Puzzleteile ein Ganzes – nein: ein größeres Puzzleteil eines angenommenen großen Ganzen, das es als solches ja gar nicht gibt – ergeben. Nicht jedes Teil ist wichtig und daher gibt es Kapitelchen, es gibt Ausschnitte. Jeder Ausschnitt ist wie ein Blick durchs Astloch nach draußen, man sieht immer ein bisschen. Es gibt wenig Absätze, das war mir ein Bedürfnis, Fließtext, massiv, voll, genauso sollte es sein. Und ich erzähle euch hier nicht chronologisch, sondern habe das aus verschiedenen Zeiten zusammengesetzt. Es gibt aber viele Anhaltspunkte, die doch auf eine echte Chronologie hindeuten, nur ist es vielleicht wichtig, die Deixis4 anzunehmen: ein jetzt, hier und heute ist eben nur einmal jetzt, hier und heute gewesen und wird sonst nicht weiter eingeordnet. Und den anderen Jetzts, Hiers und Heutes wird das jetzt, hier und heute Sein nicht abgesprochen. Relativität ist doch was Feines. Gleich kommt aber doch noch was zur grundlegenden Chronologie der großen Dinge im Hintergrund.

2 Soll auch heißen: Esoterik ist nicht nur nicht meins. Ich bin echt ne Esoterikfeindin, Leute. Und hier in meiner Welt und meinem Buch darf ich das sein. Hab ich mir selbst erlaubt. Dass ich einfach ich sein darf.

3 Haha: Vielleicht immer noch besser als Indianerromantisiererin! ;-P

Chronologie

Ich war 2003 zum ersten Mal in Bolivien. Damals habe ich meine Dissertation, also Doktorarbeit, in Linguistik begonnen und bin dafür ins bolivianische Amazonien nach Baures gereist. Bolivien hat ja viele Klimazonen, diese hier ist z.T. waldiges, mit Flüssen durchzogenes und zu Zeiten überschwemmtes Tiefland, wo meist Hitze herrscht.5 Zu der Zeit war das alles noch viel abgelegener, denn die Straße konnte man nicht benutzen; es gab im Dorf kein Internet und nur ein Telefon, das man sich mit allen teilen musste. Ich habe mich dort schon nach einem Monat oft so isoliert von der Welt gefühlt.6 Nun ja, jedenfalls bin ich ja danach so gut wie jedes Jahr in Bolivien gewesen. 2007 hab ich meinen Doktortitel in den Niederlanden verteidigt und danach machte ich einfach weiter mit der gleichen indigenen Sprache (Baure). Später fing ich auch noch an, eine andere Arawaksprache zu dokumentieren, die aber weiter südlich in Santa Cruz gesprochen wird – Paunaka. Und nachdem dieses Projekt 2013 zu Ende ging, wollte ich eigentlich Bolivien hinter mir lassen und was Neues beginnen. Also bewarb ich mich in Addis Abeba und habe dann 2014 dort gearbeitet. Aber zeitgleich hab ich letztendlich doch noch einmal eine Bewerbung für ein Dokumentationsprojekt abgeschickt, und zwar zum Guarayu7 in Santa Cruz, einer Tupi-Guarani-Sprache. Ich dachte, ich hätte nicht besonders große Chancen, da ich schon mehrere große Projekte bekommen hatte. Aber die Logik war wohl andersrum und gerade deswegen bekam ich das Projekt auch noch. Die Zusage kam, als ich in Addis Abeba war. Und gleichzeitig bekam ich auch noch die Zusage für ein kleines Wörterbuchprojekt mit der verwandten Sprache Guarasu. Verrückt. Ich konnte es kaum glauben: also doch wieder nach Bolivien. Ich schloss mein Semester in Äthiopien ab und organisierte dann in kürzester Zeit die neuen Projekte, um so bald wie möglich wieder rüberzufliegen. Im Oktober 2014 war ich also wieder in Bolivien und machte das weiter, was ich schon kannte, nur wieder mit einer neuen Sprache, bzw. mit zwei neuen Sprachen. 2015 beschloss ich dann, ganz nach Bolivien zu ziehen, zumindest wollte ich es ausprobieren, denn ich hatte einen Partner und ich hatte die Projekte dort. Trotzdem sollte es noch bis 2016 dauern, bis mein Freund sich endlich entscheiden konnte, direkt nach Urubichá zu ziehen. Ich sitze gerade in Urubichá und habe lecker Bratkartoffeln mit Frühlingszwiebeln und Krautsalat gegessen. Es ist 2020, fast schon 2021 und ich will bald hier weggehen. Seit 2018 wohne ich bereits alleine hier, da mein Freund weggegangen ist. Ich bin seit Februar 2020 nicht mehr in der sog. „Zivilisation“, also in der Großstadt gewesen – wegen Corona und dann auch, weil ich hier einfach keinen Grund hatte wegzufahren. Inzwischen begleiten mich eine Katze, ein Hund und eine Schildkröte. 2021 werde ich die Zelte hier abbrechen und mein kleines Paradies im amazonischen Dschungel mit schmerzendem Herzen, aber einem großen Aufatmen verlassen.

Kurz will ich jedoch erklären, was ich hier noch alles anbiete – nämlich einmal ist es ja so, dass hier einfach manchmal Fremdworte vorkommen, also Worte, die hier sehr gebräuchlich sind, aber eben nicht aus dem Deutschen stammen. Ich habe mich an einige der Worte sehr gewöhnt und benutze sie auch im Text. Zum Verständnis habe ich dann aber alle in einem Glossar am Ende aufgelistet – manchmal sind es Guarayu-Worte, aber meist wohl spanische. Auch ein paar Kommentare dazu kann man dort finden. Was mich hier am Leben hält, im wahrsten Sinne des Wortes, ist mein gutes Essen. Mein erstes Buch war ja dieses kleine handgeschriebene vegane Kochbuch8, das ich dann dem Packpapierverlag geschenkt hatte. Das habe ich zur Zeit verfasst, als die Band Dystopia durch Europa tourte und ich überall in Konzertküchen für Bands kochte, u.a. auch für Dystopia, obwohl meistens hab ich wohl eher deren Essen mit aufgegessen. Ich bin total dankbar, dass ich in London so gut kochen gelernt habe. Ein bisschen hat die damalige Zeit in den 90ern noch mit der Kochwelt hier gemeinsam, eine Zeit, in der noch nicht alles als Veganvariante gar im Supermarkt angeboten wurde. Hier jedenfalls wohne ich im kleinen Dorf und bin allein schon froh, dass ich überhaupt an frisches Gemüse komme. Wenn ich daran denke, wie das damals in Baures war, als man nur per Cessna-Flugzeug ins Dorf kam… da gab es selten frisches Gemüse, das ja auch nur mit der Cessna kam. Auch konnten manche amazonischen Dörfer letztes Jahr in Zeiten der Pandemiemaßnahmen ähnliche Zustände wieder erleben. Ich habe also schon das Glück, in der nächstgelegenen Stadt und selbst hier im Dorf an viel Gemüse und Obst zu kommen, aber ich muss schon alles von Grund auf herstellen. Nichtmal Brot gibt es, das vegan wäre oder auch nur einem deutschen Brot nahekäme. D.h. ich kann meiner Kochkreativität freien und wilden Lauf lassen. Und ich bin doch froh, dass ich genug Zeit dafür habe und auch Elan und Motivation. Rezepte, die ich hier ausgelebt habe, sind also auch hinten zu finden, weil ich sie eben mit allem anderen zusammen festhalten wollte.

Wenn ich von hier schreibe, dann ist das einzig und allein meine subjektive Erfahrung und mein schiefer oder komischer Blick darauf. Ich erhebe keinen Wahrheitsanspruch auf meine Beobachtungen, Folgerungen und Auswertungen. Außerdem bin ich natürlich wertend, was aber eben auch nur mich persönlich betrifft und keinen Absolutheitsanspruch hat. Fern davon. Ich denke, das ist das Schwierige, etwas über so ein Dorf aufzuschreiben: sobald man wertet und negative Dinge beschreibt, läuft man Gefahr, die Leute in die Vorurteilsschublade zu werfen und den Leuten Argumente zuzuspielen, die denken, „Ah ja, so sind sie, die Dorfindianer“, oder wer weiß was. Nee, es sind Menschen hier, und Menschen haben Fehler, Menschen machen Dinge, und ich berichte das aus meiner Sicht. Ich finde die Guarayo toll. Ich bin teilweise schon auch eine Guarayo. Nicht nur, weil ich mich selbst so identifiziere, sondern auch weil ich von außen so gesehen werde, einfach dadurch, dass ich Leben und Ort mit ihnen teile. So manches, was ich aufschreibe, zeigt meine Verletztheit bzgl. mancher Sachverhalte, z.B. Ausgeschlossenheit und Ignoranz, wobei ich gleichzeitig auch davon profitiere, wie sehr man mich einfach in Ruhe lässt. Neben Verletztheit gibt es unzählige Gefühle, die natürlich durch meine persönlichen Erfahrungen, meine Sicht der Dinge und mein Wertesystem dargestellt werden. Bei manchen Sachen wundere ich mich, weil es anders ist als ich die Welt kenn, aber bei vielen Dingen bin ich sicher kritisch und würde mir die Welt anders wünschen. Aber das ist nur mein Wunsch und eben mein Wertesystem. Die Menschen hier können leben, wie sie wollen. Sie sind mir vor allem in nichts oder zu nichts verpflichtet. Das weiß ich doch. Oft hab ich überlegt, soll ich solche genauen Details überhaupt öffentlich machen, und habe nur unter Freunden kleine Dinge erzählt. Es ist wichtig, das Gesamtbild zu sehen und sich eben bewusst zu sein, dass es die Sicht einer Außenstehenden ist, die eben das berichtet, was sie erfährt, in all seiner Beschränktheit. Andererseits ist es aber auch der Bericht einer Innenstehenden, die sich so integriert fühlt, dass sie sich sehr viel mehr herausnimmt, als wenn sie nur mal kurz zu Besuch gewesen wäre. Ich selbst habe sehr viel Erfahrung darin, solche stark verfärbten Texte zu lesen, denn seit vielen Jahren lese ich Texte von Jesuiten oder Franziskanern, die die Menschen ganz anders gesehen haben. Manchmal tut es richtig weh, ihre Texte zu lesen, die so harte Moralurteile enthalten und zeigen, wie ungerecht und autoritär die Menschen behandelt wurden, während eigenes Verhalten derselben so gut wie gar nicht reflektiert wird (wie z.B. die zahlreichen von katholischen Padres9 vergewaltigten und geschwängerten Frauen und Mädchen). Ich hab die Namen der Leute lieber rausgehalten und es ein bisschen anonymisiert. Die Geschichten sind auch nicht alle aus der gleichen Zeit, da ich schon lange aufschreibe. Es ist also keine chronologische Erzählung, sondern alles durcheinander. Also, liebe Guarayo, verzeiht mir meine Ehrlichkeit und Direktheit, aber bleibt so stolz wie ihr es seid! Danke, dass ich bei euch sein darf.

4 Deixis bedeutet, dass Worte für Zeit und Ort nur im Kontext gültig sind, sowas wie heute, morgen, gestern, hier, etc.

5 s. Jahreszeiten

6 Immerhin hat die Isolation in der Jetztzeit dazu führen können, dass die ersten 2 Coronawellen gar nicht bis ins Dorf kamen!

7 Wir haben uns hier angewöhnt Guarayo zu schreiben, wenn es um die ethnische Gruppe geht und Guarayu bezieht sich auf die Sprache. In einem der Dialekte wird das auch hinten betont, also Guarayú (in Ascensión).

8https://www.packpapierverlag.de

Das Dorf

Urubichá ist ein indigenes Dorf der Guarayo und liegt in der Provinz Guarayos im Department Santa Cruz in Ostbolivien. Nach Santa Cruz de la Sierra, der Millionenstadt, sind es etwa 7 Stunden mit dem Bus. Wir sind mit unserm Dorf schon ganz in der Nähe vom Beni und am Rande des bolivianischen Amazoniens. Unser Dorf liegt am Río Blanco10. Lustigerweise lag das Dorf Baures, in dem ich damals für meine Diss Luftlinie etwa 2-300 km nördlich war, auch ganz in der Nähe des Río Blanco, der dort oben aber schon viel tiefer und größer ist. Hier ist er manchmal fast weggetrocknet, bis auf einen ganz kleinen Strom, wenn Trockenzeit ist. Und letztendlich sieht er so aus wie der Río Negro, an dem Baures liegt. Dieser Río Negro ist auch nicht weit von hier, also fließen beide Flüsse von hier gen Norden. Solche Flüsse heißen ja nicht ohne Grund Negro (schwarz) und Blanco (weiß), denn das bezieht sich ja auf das Wasser und ist abhängig vom Erscheinungsbild und den Schwebstoffen, die im Wasser mitfließen. Manches Wasser ist dunkler und anderes lehmiger heller. So sind die Namen auch so extrem verbreitet, denn es gibt natürlich Weiß- und auch Schwarzwasserflüsse überall in Amazonien. Die beiden, die aber hier vorbeifließen, sind auch dieselben zwei, die an Baures vorbeifließen. Das Dorf hier hat mit den umliegenden Gemeinden etwa 7000 Einwohner, was nicht wenig ist.11 Also, man könnte Urubichá schon fast als ne Art Kleinstadt bezeichnen. Es gibt viele Läden hier, sodass man nicht unbedingt wegfahren muss, aber wenn, dann fahren wir in das 40 km entfernte Ascensión. Mit dem Trufi sind das 40 Minuten, in sehr matschigen Zeiten kann es auch mal mehr als ne Stunde dauern. Jedenfalls ist die Struktur hier doch sehr dörflich, was allerdings in Bolivien oft selbst auf Großstädte oder Teile davon noch zutrifft. Bei uns sind fast alle Wege und Straßen aus Erde und werden in der Regenzeit sehr matschig. Viele Häuser sind noch traditionell mit verschiedenen Palmwedeln bedeckt und die Häuser bestehen oft noch aus Lehmziegeln. Allerdings hat sich das in den letzten 10 Jahren sehr verändert, da es diese staatliche Hausbauförderung gab und in drei Phasen neue Häuser nach jeweils einem Plan gebaut wurden. Oft haben die Leute neben einem solchen neuen Haus aber noch ein Küchenhaus oder ein altes Haus mit Palmdach. Das Dorf war mal eine Franziskanermission. Das heißt, es ist ein bisschen vergleichbar mit den Missionsorten im Beni (Moxos) und in der Chiquitania, wo die Jesuiten die Strukturen schufen, allerdings kamen die Franziskaner erst 100 Jahre später. Ihr Einfluss kann natürlich noch stark bemerkt werden, und auch bis heute ist die Kirche im Ort mit den Franziskanern vernetzt. Die traditionelle Kultur ist verbunden mit einer christlichen Missionskultur, in der z.B. solche Institutionen wie der Cabildo dem Kaziken einen Raum zum Wirken boten, der bis heute existiert und eine Idee schon aus Jesuitenzeiten ist.12 Also, da sind dann traditionelle Handlungen in die katholische Kirche eingebunden. Der Kazike hat keine politische Macht im Dorf, soll aber bei Ereignissen wie großen Festlichkeiten erscheinen und an sein Volk weise Worte richten. Das Kazikenamt ist sehr hoch angesehen und heute gibt es nur noch wenige Menschen, die auch dafür in Frage kämen. Das fiel mir vor allem jetzt auf, da durch Corona nicht nur der Kazike, sondern auch der Vize verstarben, was im Mai/Juni 2020 passierte, und nur ein Kandidat stand eigentlich zur Wahl danach. Dieser soll nun Anfang Januar endlich offiziell eingesetzt werden, wie ich heute erfahren habe. Übrigens hat natürlich jedes Guarayodorf einen Kaziken, also gibt es die Kaziken von Ascensión, San Pablo, Yaguarú und Yotaú. Alle Kaziken zusammen müssen dann auf den jeweiligen jährlichen Dorffiestas13 auftreten.

Ich werde im Laufe des Buchs noch so einiges über Guarayo-Traditionen, ihre Religion und Bräuche einstreuen. Das Dorf ist auf alle Fälle sehr reich an all dem, was man sich wünschen könnte zu erfahren. Auch wenn die Guarayo leider eben christlich missioniert wurden und wir somit natürlich alles als typische Hybriden präsentiert bekommen werden. Aber was soll’s? Ich bin kein Fan von Purismus, und immerhin kennen wir christliche Ideen und können die dann doch gut auseinanderhalten von dem, was anders ist. Am Ende ist es ein Vorteil. Jedoch haben sich ja auch ohne Christentum Menschen immer vermischt und ausgetauscht und kein amazonischer Glaube existiert nur so für sich. Bei den Guarayo erkennen wir Elemente wieder, die die Baure haben und die Chiquitanos oder Paunaka, aber auch andere Gruppen. Ich werde das in diesem Buch nicht auseinanderklamüsern bzw. vergleichen. Das können andere tun. Ich finde, jedes Ideensystem hat in seiner Kombination seine Einzigartigkeit und Geschichte und ist an sich interessant. Die Elemente werden dabei immer wieder von Generation zu Generation neu gedeutet, umgedeutet, neu in die Aktualität eingebettet.

Was auch durch die Kirche ins Dorf gebracht wurde, ist die klassische Musik oder die Musik überhaupt. Es ist jedenfalls bekannt, dass unser Dorf ein sehr gutes Musikinstitut hat, von dem aus vor einigen Jahren auch Konzertreisen des Orchesters durch die ganze Welt unternommen wurden, auch durch Deutschland. Und die Musiker, die hier ausgebildet werden, spielen heute in Orchestern auf der ganzen Welt. Das hat zur Folge, dass man hier immer und von überall super Musik hört, sei es die klassische, weil in jedem Haushalt mehrere Leute Geige, Trompete, Klarinette oder ein anderes klassisches Instrument lernen, oder sei es die traditionelle Guarayo-Musik – auch die beste Band der (Guarayo-)Welt Song Urubichá ist echt gut und gute Musiker sind einfach überall. Ich finde es auch cool, dass es viel Musik, ja, sogar Karaoke auf Guarayu gibt. Ansonsten hören die Leute hier super gerne solche Popmusik aus den Anden, auch die ist sehr angenehm. Musikalisch überzeugt einen das Dorf echt. So eine Nachbarschaft will man doch haben, wo von überall gute hausgemachte Musik ertönt. Ich finde es auch angenehm, am Schreibtisch zu sitzen mitten in Amazonien, Papageiengeräusche, Grillen, Frösche, und im Hintergrund Chor und Orchester, die die Carmina Burana üben. Das hat echt was.

11 Wen die genaue Bevölkerungsstruktur von 2012, dem letzten detaillierten Zensus interessiert – da sieht man auch, welche Zusammensetzung und Altersstruktur wir hier haben: die meisten sind Kinder und Jugendliche. http://censosbolivia.ine.gob.bo/censofichacomunidad/c_listadof/listar_comunidades. Und es gibt sogar noch aktuellere Zensen dort einzusehen aus den letzten Jahren.

12 Kazike schreibt man in der deutschen Ethnologie. Man kennt das Amt besser als „Häuptling“ von den nordamerikanischen Indianern.

13 Fest, Party, Feier

Das Haus

Als wir hier ankamen, war das Grundstück kahl und leer. Es stand das Haus da mit den zwei Zimmern mit den separaten Eingängen. Etwa 2m daneben steht das Badezimmerhäuschen mit großem Waschbecken. Dahin haben wir nach ein paar Monaten die Küche umverlagert und den Vorbau mit Holz verkleiden lassen. Zuerst hatten wir ein Zimmer, das Stauraum für alle Kisten und gleichzeitig Küche war, mit dem Gasherd und dem neuen Kühlschrank. Die Bücherkisten dienten lange als Ablagen, Regale und Tische gleichzeitig. In dem Zimmer haben wir also gekocht und in dem andern stand das große Doppelbett und der Tisch, an dem wir zu zweit arbeiteten mit beiden Computern. Und noch einem großen Bildschirm dahinter. Ja, es war eng. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich auf der Ecke saß und einen Artikel umschrieb, der inzwischen veröffentlicht wurde, der mit Tom Durand.14 So beengt wohnten wir in dem einen Zimmer. Ich habe mich sehr eingeschränkt in der Zeit, aber eigentlich war es auch ok. Auch war es immerhin viel besser als noch bei seiner Familie mit all den Kindern. Bolivianische Verhältnisse. Nein, hier hatten wir letztendlich keine bolivianischen Verhältnisse, denn zu zweit ohne Anhang konnten wir uns hier frei ausbreiten und unser Leben nach Lust und Laune und eigenem Rhythmus gestalten. Die Situation wurde ja auch schnell besser. Erstmal haben wir selbst Möbel gebaut aus dem Resteholz, das wir uns, wie alle immer, vom Sägewerk holten. Allerdings ist das Holz ja frisch und schimmelt dann sehr schnell. Noch viel schlimmer ist, dass es immer sehr viele unterschiedliche Holzschädlinge hat, die im Nu Sägemehl aus dem Möbelstück machen. Eins davon ist noch da, mein kippeliger Druckertisch. Der ist zwar total verzogen, aber immerhin ist er nach mehrmals komplett verschimmeln nicht zerbröselt. Das Holz war also zwar super und umsonst, aber es taugte nicht für unsere Möbel. Also ließen wir uns Stück für Stück von den Tischlern Möbelstücke herstellen. Die nahmen Mahagoni oder Zeder, die so halb getrocknet waren. Inzwischen war unsere Küche an das Waschbecken umgezogen. Drum herum gab es einen Bretterraum mit Tür. Und so hatten wir beide jeder ein Zimmer. Er bekam die ehemalige Küche, welches der viel luftigere Raum ist, der nicht nur nach vorne, sondern auch zur Seite Fenster hat – bei der ständigen Hitze sehr wichtig –, aber er beschwerte sich bis zum Auszug darüber, dass er beim Kühlschrank schlafen musste. Wahrscheinlich hört man den tatsächlich noch bei Aufnahmen wie der Sonntagmorgenstille leise im Hintergrund, aber ich muss echt sagen, ich wohne nun seit fast 2 Jahren in diesem Raum und das Geräusch hat mich echt noch nie gestört. Ich glaube, er hatte einen sehr nervösen Schlaf. Ich blieb drüben in dem Saunazimmer und beschwerte mich nicht drüber. Ich liebte den Ausblick auf das traditionelle Haus gegenüber. Erst war es noch rosa gestrichen mit zwei weißen Streifen und mit Palmdach. Inzwischen ist das Dach erneuert, das Haus erhöht worden und alle Fenster wurden umgesetzt. Es ist viel moderner und wurde schon zweimal neu gestrichen in einem Türkis. So ist das. Aber damals war das ein sehr spektakulärer Ausblick. Besonders beim ersten großen Regen. Da überschwemmte nämlich das gesamte Grundstück gegenüber und das Haus wurde zur Insel. Wir hofften nur, sowas würde unserem Grundstück nicht auch widerfahren. Aber nein, wir liegen einige Meter höher und das Haus gegenüber wurde quasi in einem alten See gebaut. Wir hatten uns schon vorgestellt, wie die Regenzeit wohl wird. Ob man nicht mehr einkaufen fahren kann, ob das Dorf abgeschlossen ist von der Restwelt, aber es kam nie wirklich so schlimm – dank der Brücken durch die Pampa.

Vor dem Haus wurde nach einiger Zeit ein Vordach aus Blech angebaut von der Besitzerin. Das war natürlich gut, so konnte der Regen nicht reinkommen, aber der Lärm war auch sehr groß. Lieber hätten wir ein Palmvordach gehabt. Nicht nur wegen der Geräusche bei aufprallendem Regen, sondern auch wegen der Hitze, die von so einem Blechdach ausgeht. Es wird zu einem echten Ofen vorm Haus. Wir haben es einmal fast geschafft, auf dem Dach in der Sonne Wasser zum Kochen zu bringen. Zu manchen Zeiten muss ich die Fenster nach vorne raus schließen, damit die Wahnsinnshitze zur Mittagszeit nicht so sehr hier reinstrahlt. Aber das Dach gibt auch Schatten. Man kann so vor dem Haus sitzen. Nach ner Zeit hatten wir irgendwann von seinem Bruder alte Korbsitzmöbel geerbt, die noch immer hier stehen.

Alles war immer einsehbar, dadurch dass das Grundstück so kahl war. Und natürlich waren alle im Dorf neugierig, wer hier wohl eingezogen war, und auch wenn mich durch das Projekt seit da bereits 2 Jahren einige schon kannten, kannten uns natürlich die meisten nicht. So kann man sich vorstellen, wie die Motorräder immer vorbeifuhren, immer mit Kopf zur Seite. Jedenfalls ist es unvergleichlich mit jetzt, wo hier so viele Bäume stehen und alles grün, bewachsen und so gut geschützt ist. Vor dem Haus wächst die Baumwolle, die den Blick schützt. Und letztes Jahr war rechts an einem der Balken die ganze Seite lang eigentlich und nach vorne Maracuya gewachsen und hat alles abgedeckt. Inzwischen stehen überall Ananaspflanzen, schon zum vierten Mal neu gepflanzte sogar. Die Avocadobäume sind riesig geworden. Die Yuca (Maniok) wächst immer wieder und steht an mehreren Stellen. Und hinten stehen die traurigen Bananen. Ich sage traurig, weil die echt immer umfallen. Ich denke, sie haben Ungeziefer in den Füßen (Wurzeln) und halten selten Stand, wenn eine Blüte schwer an ihnen herabhängt. Aber jetzt, da es Regen gab, wird es wieder besser und ich kann dann sicher ein paar Bananen ernten. Eine Blüte mindestens noch, bevor ich hier abreise, denke ich. Überall stehen Papayas rum und spenden auch Schatten. Die Kolibris erfreuen sich an ihren Blüten, besonders von den männlichen Papayas.

Ja, und dann hatten wir also ein weiteres Bett, einen weiteren Tisch, Stühle, ein weiteres Regal, und so konnten beide Zimmer bewohnt werden. Ich weiß noch, wie ich erst leicht panisch wurde, weil ich trotz der Enge mich auch an das Aufeinanderhocken als Paar gewöhnt hatte. Ich erinnere mich, wie ich nostalgisch wurde und es fast wie einen Einschnitt für die Beziehung empfand damals. Etwas unvorstellbar heute, aber damals dachte ich ja auch noch, wir würden Kinder kriegen und ein echtes bolivianisches Leben führen. Klar, ich wollte mich voll drauf einlassen. Kein Witz! Naja, es war aber auch nur eine Option, die ich mir vorstellen konnte, ein Leben als Bolivianerin eben.

Um das Grundstück herum gab es eine Begrenzung aus Stacheldraht zu Anfang, die man kaum als Zaum bezeichnen konnte, und ein wackeliges Tor, das sich nicht verschließen ließ. Da im Dorf die Tiere alle frei herumlaufen, liefen morgens draußen die Hühner sämtlicher Nachbarn herum und verschiedene Hähne stellten sich auf den kleinen Erdhügel, um um die Wette zu krähen. Einmal stand morgens ein Pferd vor dem Fenster. Kühe gingen auch ein und aus. Schon allein wegen der Gemüseaussaat versuchten wir, die Hühner fernzuhalten und machten also erst einmal ein engmaschig eingezäuntes Beet. Und darauf wurde der Bretterzaun angebracht. Trotzdem kamen immer noch Tiere durch, Schweine z.B., die dann die Yuca aufessen wollten. Als später der Zaun mal marode wurde, hatte ich mehrmals nachts eine ganze Kuhherde hier im Garten. Seit ich den Hund habe und jetzt noch einen neuen dichteren Zaun, kommen keine Tiere mehr rein. Nichtmal mehr Hunde.

Es gibt ein Foto bei Nacht von außen. Das hat mal einer gemacht, der tatsächlich über Couchsurfing hier herkam. Das war eigentlich lustig, nur dass ich zu der Zeit gar nicht lustig drauf war, da ich gerade alleingelassen worden war und noch in diesem Schockzustand, was jetzt wird etc. steckte. Jedenfalls hat der ein Nachtfoto gemacht von hier. Trotzdem, all die Fotos könnten nicht ausdrücken, wie man sich hier drinnen fühlt. Das ist ja immer das gleiche Phänomen. Das Haus selbst ist echt nicht so fotogen. Ah, für ne Freundin in Kanada hab ich letztes Jahr auch mal Fotos gemacht, weil sie mich drum bat. Und da hatte ich auch festgestellt, dass es außer diesem Nachtfoto kein einziges gab. Klar, man sitzt ja auch immer drinnen. Und das ist der Blick, der nach draußen auf die Welt, den das hier Wohnen ausmacht. Das kann man viel besser mit Fotos nach draußen hin zeigen. Das war damals in Leipzig auch immer so: ich hatte nen super Blick von meiner Wohnung im 4. Stock, fein Richtung Park und auf ein schick saniertes Haus gegenüber. Gefühlt hab ich mich immer, als würde ich in dem schicken Haus dort wohnen. Als ich ein einziges Mal gegenüber in einer Wohnung war, da stellte ich fest, dass der Blick auf unser abgefucktes Haus ganz andere Gefühle auslöste. Da hatte man zwar eine drinnen schön sanierte Wohnung, warm und gemütlich, aber der Blick fiel auf ne schmutzige, hässliche, abbröckelnde Fassade von unserm Haus gegenüber. Was ich nicht so schlecht fand, aber das Gefühl war doch ein total anderes. Und so hatte ich hier ja auch die meiste Zeit den Blick auf das traditionelle lange Haus von gegenüber, was doch eine schöne Idylle schaffte. Darum betraf mich das auch so sehr, als dort abgerissen und umgebaut wurde.

Einmal kam der eine Tischler vorbei, der auch Instrumente baut. Er spricht nur Guarayu eigentlich, obwohl er natürlich Spanisch kann. Einmal meinte er, hier habe er sein Chaco gehabt, also sein Feld. Das ist schon länger her, aber so lang gar nicht, denn wenn man bei Google Maps oder Google Earth auf die Satellitenbilder sieht, dann ist das hier noch Chaco und das Haus steht noch gar nicht. Jedenfalls habe ich mir vorgestellt, wie er hier immer herkam und sein Feld bestellte. Nun wohne ich hier. Ja, irgendwann hat er es verkauft. Dann hat das Grundstück der Tochter dieser Colla-Frau15 gehört, die in Spanien wohnt und es hier von ihrer alten Mutter überwachen und verwalten lässt. Einmal war sie da. Manchmal schreibe ich mir mit ihr. Ich hatte sogar schon vor, das Grundstück zu kaufen, obwohl ich denke, dass es teuer wäre. Dass man hier überhaupt Grundstücke besitzen kann, verstehe ich wiederum gar nicht, handelt es sich doch um indigenes Territorium. Darum wollte ich es auch haben, dann hätte ich es später an die Gemeinde zurückgegeben. Ja, jedenfalls auch immer spannend, wenn man etwas über die Geschichte von dem Haus erfährt, in dem man lebt. Ja, wir waren wohl so gut wie die ersten, die in diesem Haus wohnten. Man denkt das gar nicht, wenn man sieht, wie sehr es überall von Termiten zerfressen wird von unten und hinten. Und früher standen hier die Bananenpflanzen, Reis und Yuca, und der Boden wurde ausgelaugt. Ich denke, das merkt man sehr. Auch wenn wir den Boden aufgebessert haben und viel Tierdung angekarrt haben. Und davor war es einfach Wald hier. Für das deutsche Auge ist es eh ein Paradies, so grün.

14https://www.researchgate.net/publication/342528036_Differential_Subject_Marking_in_Arawakan_Languag-es_Distribution_and_Origins

15 Collas sind Menschen aus dem Hochland, Colla ist aber auch ein z.T. rassistisch gebrauchter Terminus, der dem Wort Camba (Menschen aus dem Tiefland) entgegengesetzt wird. Mein neutraler Gebrauch ist zwar möglich, aber manche meiner Freund*innen wollen das Wort nicht hören und möchten, dass man paisano („Landesgenosse“) sagt, eine politische Lösung der letzten Dekaden, die mir auch nicht ganz einleuchtet.

Das Paradies

Es kann so schön sein, in meinem „Paradies“, mit Papageiengekrächze und tausenden von Vogel- und Froschgeräuschen, dem Zirpen und Ratschen der Grillen und Riesenzikaden, das tägliche sich immer wieder abwandelnde Konzert,16 oder aber eben derselbe Background mit 3 Partys drum herum, Musik seit ewigen Stunden und den Geräuschen von verstrahlten Besoffenen, die auch am nächsten Vormittag noch kein Ende finden, Kotzgeräusche überall, oder eben auch ein totes Pferd vor der Tür. Alles kann sein. Und es kann darum auch so schön sein, dass einem das Herz aufgeht oder so schrecklich, dass es einem tief unter die Haut fährt. Meine Geschichte ist der Abschied aus diesem Paradies und die Hoffnung, mich mit den schlimmen Gefühlen zu versöhnen. Am Ende ist die Erinnerung ja ohnehin fast immer romantisierend positiv und verscheucht das Schlechte, oder zumindest ist es bei mir meist so. Insofern kann es auch heißen, ich will mich ermahnen, das Schlechte und Böse nicht zu vergessen, um nicht eine unrealistische Sehnsucht zu behalten später. Und so oder so weiß ich, dass die Sehnsucht bleiben wird und dass sie nach etwas Unerreichbarem sein wird, und dass sie einfach nur nach den schönen Anteilen sein wird, und selbst wenn man hier ist, kann man sich diese Sehnsucht schon vorstellen, also ich sehe von Anfang an die Dinge schon teilweise mit einer Sehnsucht an, die dann eben aber immer wieder von der harten Realität zerstückelt wird.

Gerade ist die Regenzeit im Gange und alles ist super schön grün draußen. Die Pflanzen blühen, zum Beispiel auch mein Patujú de bandera, diese coole Pflanze mit der großen unwirklichen stabilen Blüte, die fast aussieht wie aus Plastik oder Gummi, in den Farben rot, gelb, grün, etwa 50 cm lang und 20 breit.17 Meine Aussaat geht auf. Ich kann Ananas ernten und Unmengen an Paprika und Chili und bald auch Avocados. Mangos fallen immer noch in Mengen von den Bäumen, nur nimmt sie fast niemand mehr mit nach Hause. Ich nehme mir noch oft eine mit, eine für mich und eine für die Schildkröte, die mag die sehr gerne. Die Guaven sind bald reif. Da freu ich mich, dass sich vor meiner Tür eine wild ausgesät hat und ich auch die zum ersten Mal hier ernten kann, es sei denn, die Kinder kommen mir zuvor und stibitzen sie mir. Als ich eben aus der Küche kam, sah ich eines dieser Bilder, die mich glücklich machen: meine drei Viecher in ihrem Paradies – vorne rechts liegt gemütlich die Katze, blickt leicht den Erdhügel hinauf und sieht, wie die große Schildkröte vorbeischleicht, auf der anderen Seite des Erdhügels der Hund, der schnüffelnd sein Revier abcheckt, welchen Knochen, welches Hautstück oder was auch immer er gerade bearbeiten oder umräumen oder verbuddeln möchte. Alle in ihrer eigenen Welt. Daneben ich. Und ich dachte: wie schön, wir sind also komplett. Morgen ist Weihnachten, das diesmal bei mir nicht so richtig angekommen ist. Nicht so wie letztes Jahr, als ich meine Sternenketten aufgehängt, jeden Abend angemacht und mich dran erfreut habe. Hihi, sie hängen zwar, aber die Batterien sind so gut wie leer. Weihnachten in den Tropen ist sowieso anders, aber letztes Jahr war mein Herz weit, großzügig und gefüllt mit Freude. Da habe ich zig Geschenke eingepackt, die ich dann am 24. verteilt habe, inkl. Bierchen für jeden. Das gibt es aus vielen Gründen dieses Jahr nicht. Trotzdem wird es schön werden. Beschaulich, ruhig (hoffentlich, was man nicht weiß, bei den üblichen Besäufnissen) – meine Hoffnung ist der Regen. Und ich werde es mir so richtig gemütlich mit mir selbst machen. Wie immer. Ich überlege die ganze Zeit, was ich Tolles zu essen machen könnte, aber bisher sind mir nur kleine Dinge eingefallen, und so wird es wahrscheinlich bleiben: Popcorn will ich mir machen, dann wahrscheinlich eine Gemüsepfanne. Aber ich mache mir eh fast jeden Tag spektakuläres Essen. Heute wird es die leckeren doppelt gegarten Backofenkartoffeln im scharfen Gewürzmantel geben. Draußen tröpfelt es leise – leise rieselt der Schnee, hier der Tropenregen – die Tiere sind drinnen und verkrochen, ach, es ist echt schön hier! Und so viel Zeit, immer Zeit. Was für ein Luxus.

Wenn es anfängt, ganz doll zu regnen, mit Gewitter, so ein tosender Tropenregen, haben wir uns angewöhnt, der Hund, die Katze und ich, uns zu dritt aufs Bett zu verkriechen und aneinanderzuschmiegen. Manchmal habe ich wirklich große Angst vor den lauten Donnern, denn es schlägt ja auch manchmal in der Nähe ein, in alte Bäume oder so. Das ist echt laut. Die Tiere haben gar keine Angst, sind aber bei mir. Das ist eine sehr gemütliche Erinnerung. Als mein Hund klein war, da kannte er gar keinen Regen, da er in der Trockenzeit geboren war. Als es dann das erste Mal regnete, da war er schon weit älter als ein halbes Jahr, denke ich, und er hat sich vor den großen lauten Tropfen versteckt. So haben wir uns das mit dem Bett angewöhnt, denn auch wenn man die Fenster ja nicht komplett schließen kann, ist es drinnen mit Tür zu um einiges gedämpfter. Trotzdem hämmert der Regen laut wie Hagel auf das Blechdach, das vor unserem Haus ist.

Wie viele Pflanzen und Früchte hab ich hier kennengelernt, es ist ein Wahnsinn! Und wie schnell alles wächst, ein Traum – und Alptraum mit dem „Unkraut“, das aus dichten Gräsern und Büschen und Bäumen und Schlingpflanzen besteht, die in einem Monat gerne mal einen Meter hoch gewachsen sind in der Regenzeit. Darum geht auch vieles von dem Gesäten darin unter. Aber ein paar Pflanzen kommen durch. Dieses und letztes Jahr vor allem meine Paprika und Chilis. Die sind jetzt schon im zweiten Jahr und geben so super viele Früchte, schon nach einem Monat – Wahnsinn: erster Regen, Blüte, Frucht, reif, so schnell. Der Avocadobaum ist jetzt 4 Jahre alt und hat die ersten Früchte, deren Blüten ich schon gespannt beobachtet habe und deren Früchte ich ängstlich mit dem Auge hüte bei jedem Gewitterregen, aber sie fallen nicht runter. Ja, die hängen da jetzt seit ein paar Monaten schon, einen wird es wohl noch dauern, dann kann ich sie endlich essen! Und nun fiel auch tatsächlich die erste Avocado vom Baum, nach dem einen und vor dem anderen sehr starken Regen. Gut, dass ich’s gehört habe – plom. Sie war köstlich. Es ist eine tolle Sorte, die perfekte. Ja, so etwa 5 werd ich dieses Jahr noch ernten. Mal sehen, ob ich alle mitkriege, wenn sie reif sind. Und Zitronen sind auch an den Bäumchen, die wir vor 4 Jahren ausgesät hatten. Sehr schön! Na, Papayas säen sich ja immer überall aus, aber seltsamerweise sind fast alle meiner neuen Pflanzen männlich, echt komisch. Man lernt so viel über die Pflanzen. Als ich hier herzog, da gab es um die Ecke in der anderen Straße einen uralten Papayabaum, und ich hab mich immer gefragt, wie alt der wohl ist. Sicher hatte ich Zahlen wie 50 Jahre im Kopf, total unrealistisch!!! Ich kannte ja auch dieses eine alte Bild, die Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert, die wir für das Guarasu-Wörterbuch benutzt haben, und irgendwie dachte ich seitdem immer, dass Papayas auch sehr alt werden können.18 Aber nein! Es sind ja gar keine richtigen Bäume und der Stamm verholzt nie. Innen ist der Stamm hohl. Die werden höchstens mal 5 Jahre alt, aber meist haben sie die Leute nur 1-2 Jahre, wie ich beobachtet habe. Es gibt weibliche Pflanzen, das sind die, von denen man immer die Früchte isst. Sie wachsen in der Mitte ganz eng am Stamm. Ihre Blüten (die auch essbar sind, ich finde sie aber zu scharf) sind sehr groß und hellgelb. Die männlichen Papayas haben eine andere Statur, nicht so verästelt, wachsen gerade nach oben und haben dann eine flache Krone. Ihre Blüten sind klein und zahlreich hängen sie an langen Stängeln von der Mitte des Baumes herunter. Die männlichen kriegen auch Früchte, die erstmal monatelang an langen Fäden grün vom Baum hängen und dann tatsächlich noch reif werden, aber nur innen. Und sie schmecken dann sehr gut, haben auch Kerne. Und die Guarayo sagen ja, die männlichen Bäume bringen Unglück, aber wenn man einen hat, dann kommen sie manchmal, um die Früchte abzuholen, die auch Heilkräfte haben sollen. Ich frage mich trotzdem nach wie vor, warum das weibliche und männliche Pflanzen sind. Und warum die andern Leute nur weibliche Pflanzen haben immer. Natürlich muss man immer bedenken, alles, was ich hier mache, kann andere Interpretationen erfahren von den Guarayo, z.B. wenn man männliche Papayas stehen lässt – bin ich etwa eine Hexe? Ich meine, schließlich wohnt hier seit Kurzem auch noch ne Yavochi (Schildkröte), und auch das ist ein unheimliches Zeichen, aber dazu später mehr. Für mich ist sie Teil des Paradieses der Naturbeobachtungen. Denn das ist es wohl, und die Deutschen würden sich immer danach sehnen, nach diesem Wachstum, dem Reichtum der Natur und der bunten Vielfalt von Flora und auch Fauna.

Und so pflanze ich, sähe ich aus, beobachte und lerne einiges kennen. Bananen hat ja jeder. So habe ich auch gleich zu Beginn mehrere Bananen gepflanzt. Eigentlich sollten es glaub ich 8 Pflanzen sein, davon 4 süße Bananen und 4 Kochbananen, die weitaus häufigeren hier. Ich war mit dem einen Bekannten auf sein Chaco hier am Wald- und Dorfrand gegangen und habe die Setzlinge abgestochen und mit der Schublade hergebracht. Im Abstand von 2m etwa haben wir die dann hier tief in den Boden gesteckt. Zwischen den Bananen hatte ich sogar auch jeweils immer eine Ananas gesetzt, so wie ich das bei ihm auf dem Chaco gesehen hatte. Aber von denen hat am Ende nur eine überlebt, da mein Freund beim eifrigen Mähen mit der Machete immer vergaß, dass es diese Pflanzen gab. Er vergaß immer alles, was ich gepflanzt habe, ein ständiges Ärgernis – wie viele Pflanzen habe ich dadurch verloren! Ärger im Paradies. Die Bananen wuchsen gut und ich war so gespannt, die ersten zu ernten. Bananenblüten kannte ich nur aus dem Buch oder dem Tropenhaus, bzw. seit Bolivien (vielleicht auch schon Mexiko und Afrika) natürlich von den Pflanzungen der Leute. Aber es macht immer einen Unterschied, wenn es doch die eigene Pflanzung ist. Und so war es echt spannend, die ersten Blüten zu beobachten. Bei Bananen ist es ja so, sie sind Stauden, aber ein Stamm ist sozusagen nur Hervorbringer einer Blüte, wenn er groß ist, und danach fällt er um und die nächsten Blüten kommen aus den direkt daneben aus der Erde heranwachsenden anderen Stämmen. So ist das immer eine ganze Familie von Pflanzen in verschiedenen Stadien. Wenn die Stämme also dick und hoch sind, dann kommt die Blüte, die mit einer dicken dunkelroten Knolle endet und darüber entstehen aus den Blüten die Bananen. Das dauert so einige Monate. Und da die Stämme dann echt schwer werden, habe ich so oft das Pech, dass die samt Blüte umfallen. Ich stütz die jetzt immer ab. Trotzdem habe ich auch schon so einige geerntet. Einmal aber hing eine Blüte so über den Zaun nach draußen, und als ich von einer kurzen Reise zurückkam, da hatte die einfach wer abgeschnitten. Nein, aber sowas kam sonst fast nie vor. Meine Nachbarn waren ganz empört und meinten, sie hätten das nicht gesehen, als es passierte. Ich habe einen speziellen Verdacht, aber ist ja auch egal. Wichtig ist doch, dass sie am Ende wer gegessen hat. Weggeworfen hat sie niemand oder nur so zum Spaß abgemacht. In Deutschland kennen die Leute meist die Chiquita-Bananen, also solche Pflanzen hatte ich, aber die sind leider am Ende alle eingegangen. Ich glaube, süße Bananen sind empfindlicher hier. Gerne wollte ich auch eigentlich so ne andere Bananensorte haben, deren Früchte kleiner und dicker sind und die manchmal Apfelbananen heißen, weil sie so einen fruchtigen frischen Geschmack haben. Oder die roten Bananen, die auch so lecker sind. Na, jedenfalls sind nach wie vor einige Pflanzen von den Kochbananen da. Ich glaube, es sind jetzt 5 Pflanzen und ein paar Stämme sind so groß und dick, dass da bald ne Blüte aus der Spitze rauskommt. Boah, bin ich immer stolz, wenn ich mit der Machete so ne Blüte abhaue und in die Küche legen kann, um dann die Kochbananen Tag für Tag langsam aufzubrauchen. Eigene Ernte ist echt cool. Kaufen tu ich mir die Kochbananen eher selten. Aber es gibt viele leckere Rezepte natürlich mit den Bananen in den verschiedenen Reifestadien. Alles bis auf Bananen aus der Asche mache ich mir auch oft. Asche habe ich leider nicht, aber manchmal bitte ich die Nachbarin, eine Banane für mich in die Asche zu legen. Weil ich das so selten esse, ist es auch mein Lieblingsrezept für Kochbananen.

Jetzt sind die Guaven reif und der Karneval fast da. Und ich kann kaum glauben, wie wunderschön der Duft dieser Früchte ist. Der Trick ist es, sich ein paar mit nach Hause zu nehmen und die Schale offen im Raum auszulegen. Der Duft entwickelt sich im Laufe der folgenden Stunden, ähnlich wie beim Waldmeister. Es gibt schon ein paar frühe Bäume. An dem einen ging ich neulich vorbei. Als ich zum zweiten Mal hinging, um Früchte herunterzuholen, kam mir ein Kind von gegenüber zur Hilfe mit einem Stab und holte mir so einige runter. Lecker! Die Leute sind oft so hilfsbereit, wenn man einfach von deren Bäumen welche erntet. Meist ernten ja nur Kinder die Früchte.

Es ist ein Paradies, in dem ich morgens mit dem Hund spazieren gehe und mir am Waldrand mit dem Tau der Blätter das Gesicht wasche.

Natürlich darf bei der Beschreibung von unserm Paradies der Wald und der Fluss nicht fehlen. Es ist so schön am Fluss. In der Trockenzeit gehen ganz viele Leute dort baden, jetzt ist es wieder soweit. Einmal habe ich den Weg zum Fluss so beschrieben: Ja, Tukane kann man hier viele sehen. Aber der Anblick gestern war doch schon wie im Traum. Der Himmel war düster, das Licht warm, Sonne und Wolken, also natürlich auch ein Regenbogen. Wir gingen mit meiner Freundin zum Fluss spazieren. Es war heiß, wir wollten auch ins Wasser springen. Mein Freund hatte außerdem die Kamera mit. Auf dem letzten Teil der Straße gingen wir genau auf den doppelten Regenbogen zu, so als würden wir direkt darunter gehen. Dieser Hintergrund also. Und dann fliegen Papageien um die Zeit nach Hause, also die Aras, und auch Tukane. Drei Tukane, erst zwei, flogen an uns vorbei. Oben zwischen den Bäumen umher fliegen die ja immer. Einer blieb noch auf einem Baum sitzen. Was für ein Anblick. Im Licht, das von hinten kam, leuchteten ihre orangen Schnäbel total unwirklich auf, als sie in schlangenförmigem Flug vorbeiflogen. Von rechts nach links. Der dritte hüpfte noch von einem zum nächsten Ast, flog aber dann auch schnell hinterher. Amazonien. Im Fluss war es dann sehr erfrischend. Einmal bis zum starken Strom und ein bisschen geübt, gegen den Strom anzuschwimmen. Meine Freundin in Unterwäsche, so freizügig kennt man sie gar nicht. Und Handyfotos von oben von der Brücke. Hab wieder keine Krokodile gesehen.

Ja, das Paradies hat seine scharfen Schnäbel mit Reißzähnen, denn wenn man bedenkt, dass man doch immer genau aufpassen muss, wohin man tritt, wo man schwimmt, wo man durchgeht. Schlangen, Vogelspinnen, Krokodile, Skorpione, Moskitos, etc. – gibt es eben auch im Paradies. Manchmal denke ich, was für eine Erholung wird es auch sein, mal nicht mehr immer auf jeden einzelnen Schritt zu blicken oder nachzusehen, was unter einem Blatt oder Stein, hinter einem Schrank oder Buch zu finden ist. Auch an der Badestelle mit Strand im Fluss z.B. wurde letztes Jahr dann ein Kind von einem Rochen gestochen. Und das tut echt weh. Es tut lange weh, so zwei Monate, ein pulsierender starker Schmerz mit Fieberschüben, so habe ich es bei einem Freund miterlebt, der beim Angeln gestochen wurde. Oder in dem andern Flussarm, der La Madre heißt, und wo auf der andern Seite diese coolen schwarzen Steine aus dem Wasser aufragen. Dort war ich jeden Tag, als ich 2014 das erste Mal in Urubichá war. Es lag einfach näher, man kann da mal schnell zu Fuß hingehen. Damals hatte ich noch die langen Dreads bis zu den Knien. Mir war eigentlich ständig zu warm, und der Fluss mit der Brücke war zu Fuß viel zu weit weg, so war die Sehnsucht, dort in die Madre zu springen, einfach super groß. Endlich mal erfrischen. Ich hab die Dreads alle hochgewickelt und bin ganz alleine rübergeschwommen zu den Steinen. Davon gibt es sogar Fotos. Und ich bin noch im Kleid geschwommen, da wir mit dem Bekannten dort hingegangen sind und man zieht sich normalerweise in Bolivien nicht einfach so aus. Und neulich bin ich vor ein paar erstaunten Leuten mit dem Hund zusammen rübergeschwommen. Tja, damals haben mir dann später alle Leute verschiedene Versionen der Mythen um den Wassergeist der Madre erzählt. Ein Fischer, den natürlich jeweils die Person, die das erzählt, genau kennt, soll auf der Madre gewesen sein, als eine riesige Anaconda auftauchte. Sie war natürlich gleichzeitig – so wie wir das hier in Amazonien kennen – eine Schlange, ein Monster oder der Wassergeist und sicher auch ein Regenbogen (siehe auch die Bauregeschichte der Regenbogenschlange)19. Die Riesenschlange hat hohe Wellen gemacht und den Mann wahlweise verschluckt oder beinahe verschluckt oder zumindest verjagt. Danach wollte dann niemand wieder dort schwimmen gehen. Das ist die gekürzte Version, an die ich mich gerade erinnere.20

Ich meine, ich bin den Menschen auch dankbar. Was sie alles mit mir geteilt haben, also was ich als Observatorin am Rande miterleben konnte. Da sind schon so einige intimere Details mit bei, und auch so, es sind halt Details aus der indigenen Kultur, die ich sonst gar nicht kennen gelernt hätte. Ich habe es so mitgelebt, dass ich ja schon so manche der Dinge regelrecht selbst verinnerlicht habe. Obwohl, der Besuch beim Schamanen21 vor ein paar Jahren war doch echt so eklig und gruselig, dass ich bis heute mit ein bisschen Grauen daran denke. Ich mag es kaum aufschreiben. Geholfen hat es auch nicht außerdem, und das nicht, weil ich nicht daran geglaubt habe.

Nein, echt, ich bin schon dankbar, manches Mal bin ich durchs Dorf gewandelt – in echt oder in Gedanken – wie in einer heiligen Welt, wie im Kino, wie im Traum, wie in einer eingeschworenen heimlichen Welt. Sie ist eigentlich offen, aber es wird einem niemand so bereitwillig im Detail von allem erzählen. Das muss man schon alles gesehen oder erlebt haben. Dazu gehört der Karneval mit den Yaritus22 (den Karnevalsgeistern), die Beerdigungen und alles um den Tod herum, oder um die Geburt, aber auch so bestimmte Verbindungen der Welt mit den Mythen, sehr spannend. Da habe ich so viel gelernt, dass ich es nicht alles aufschreiben könnte. Es gab mir auch unter anderem diese Idee, die ich dann wohl nicht realisieren werde, mit dem Geschichtenbuch, bzw. der Reihe, mit den zwei Kindern, Zwillingen, mit den Namen Yas und Tas. Aber davon erzähl ich im Kapitel mit den Träumen und Plänen23 genauer.

16 Einige der Geräusche gibt es als Audios begleitend zum Buch.

17 Helikonie ist der Name dieser schönen Pflanze.

18http://www.plantillustrations.org/illustration.php?id_illustration=31496

19 Aus dem Baurebuch Chinepinev 2, das wir noch nicht auf Deutsch publiziert haben; wird aber Zeit!

20 Online steht diese Version in unserm Archiv: https://elar.soas.ac.uk/Record/MPI1223281.

… und die Realität

Was ist eigentlich Realität? Sie ist ebenso relativ wie die Zeit. Relativ und subjektiv. Und die Realität, auf die ich hier hinauswill, ist eine Realität der Kontraste, und da fallen mir vor allem zwei Ursprünge für die Kontraste ein: einmal meine Sozialisation, also was ich als Realität kennengelernt habe; und zum andern, was ich vielleicht an Erwartungen an dieses Tropenparadies hatte oder was man als besonders gravierend dem als paradiesisch Empfundenen gegenüberstellt. Dazu gehört der viele Tod – ich habe echt schon überlegt, es als Dorf des Todes zu bezeichnen – und der Müll, Dreck und Lärm, Gefahren und Unwägbarkeiten und vielleicht auch Uniformität und Exklusion.

Dass der Tod mir hier so auffällt, ich weiß nicht, hat das damit zu tun, dass ich aus einer Gesellschaft komme, in der der Tod tabu ist? Oder eben auch, weil es in der Welt, in der ich groß geworden bin, ein Gesundheitssystem gibt, das die Menschen nicht wegen allem Möglichen sterben lässt. Ein großer Kontrapunkt zum Paradies ist auf alle Fälle, was dieses Dorf auch ist, nämlich der Ort Boliviens mit der höchsten Aidsrate im ganzen Land. Nun gut, vielleicht ist die Statistik bereits überholt, aber am Ende macht das auch keinen Unterschied. Also, seit ich hier wohne, ich weiß gar nicht, wie viele Jugendliche hier schon an Aids gestorben sind, was ich allein mitbekommen habe, ohne groß zu recherchieren. Und trotzdem fliegen die Papageien über unsere Köpfe. Was für ein Wermutstropfen im Paradies, nicht? Ist halt nicht nur „alles so schön bunt hier“. Mehr vom Tod kommt in anderen Kapiteln, es ist nicht zu übersehen. Man fragt sich auch, wieso hier Menschen Selbstmord begehen, aber auch das passiert sehr häufig und auf dramatische Art und Weise. Es hat schon so seine Gründe, weshalb ich mich doch lieber etwas fernhalte von den Menschen. Einerseits ist es natürlich auch, weil ich mich unverstanden fühle als die ewige Gringa, aber andererseits ist es auch, um mich vor den vielen bösen Geschichten zu schützen. Denn irgendwie hält man es etwas leichter aus, von den Toden von Leuten zu hören, die einfach nur „irgendein Verwandter“ eines Nachbarn sind, als wenn man dessen Leben und Familie und alles super gut kennt – obwohl kennen tu ich die Zusammenhänge und Leute ja meist, aber ich bin nicht so in die Familien mit eingebunden, dass ich z.B. jedesmal mit auf die Beerdigung und zum Velorio (also, der Totenwache) vorher muss. Schrecklich, da werden die Toten so hingelegt und alle können sie sehen! Einmal bin ich mitgegangen, als meine Nachbarin mir erzählte, dass ein junges Mädchen gestorben war, erst 17 oder so.24 Sie hatte gerade 3 Monate vorher ein Baby bekommen und war die Tochter meiner anderen Nachbarin, dort, wo die vielen kleinen Frauen wohnen. Und ich bin mit, habe denen eine Schokolade aus Baures geschenkt (völlig unpassend, argh, meine dämliche Hilflosigkeit) und Kerzen (die brauchten sie tatsächlich). Ich fand es grausig, diesen jungen Körper da liegen zu sehen, als würde sie gleich aufstehen, die Haut wächsern. Nein, danke, das will ich nicht wieder erleben. Ich halte mich da lieber raus. Auch, wenn ich nicht so viel mit den Familien zu tun habe, dann erfahre ich nicht so viel über wer mit wem, welches junge Mädchen oder Kind vergewaltigt wurde (hab ich auch so zu viele Geschichten gehört in Bolivien) und wer wen verprügelt, betrügt oder mit wem wo noch Kinder hat. Es ist nicht nur schwer, sich das alles zu merken, sondern auch seine Wut im Zaum zu halten. Sobald man mit den Leuten zu tun hat, muss man außerdem immer Madrina sein, ein total dämliches Konzept, wobei man den Leuten was bezahlen soll für eines der wichtigen Feste: 15. Geburtstag, Schulabschluss, Konfirmation oder Hochzeit. Die Leute sind Padrinos, aber bei denen sind die Leute dann auch wieder Padrinos. Bei mir ist es ja immer nur in eine Richtung. Und am Ende werde ich dann nur wieder traurig und enttäuscht, weil ich immer gebe und nie selbst Padrinos brauche.

Zu Müll und Dreck schreibe ich auch noch etwas. Ich denke, es ist aber auch klar: hier im kleinen Paradies ist eben auch die Realität zu Hause und die besagt, dass man den Müll nicht verstecken kann. Unser Luxus erzeugt Müll. Und Müllbewusstsein ist noch dazu auch ein Luxus. Es wäre schön, wenn es anders ginge. Und in diesem Moment, wo ich hier schreibe, wird mir die ganze Zeit leicht das Hirn vernebelt von verbranntem Plastik – irgendwer von meinen Nachbarn hat Müll verbrannt. In der Welt, in der der Tod ein wenig tabu ist, ist Müll noch viel mehr tabu und funktioniert so „aus den Augen, aus dem Sinn“. Man kann sich den Luxus leisten, den ich hier auch so gerne längst einkehren sehen würde, Plastiklöffel, Plastiktüten zu verbieten, Styropor-Essensverpackungen verbieten – ja, bitte!!!