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"Wer im Leben Träume hat, der sollte sich diese erfüllen. Wer mit 94 Jahren noch einen letzten Traum hat, dem sollten keine Steine in den Weg gelegt werden. Und so haben wir uns in das Abenteuer gestürzt." Torben Kroker Eine Freundschaft wie diese kommt selten vor: Carlos (Karl-Heinz Schulz, 94) hat in seinem hohen Alter noch einen dringenden Wunsch – er will noch ein Mal das Meer sehen. Torben Kroker, sein 22-jähriger Nachbar und Freund will ihm diesen Wunsch erfüllen. Zusammen steigen sie in Torbens alten Mercedes und fahren los - quer durch Frankreich, Spanien, Italien. Sie besuchen die Orte aus Carlos' Jugend, in denen er die Nachkriegszeit verbracht hat und finden sich auf einer Reise wieder, die Carlos' Erinnerungen zum Leben erweckt und Torben die Geschichte und seinen Nachbarn in völlig neuem Licht sehen lassen. Die Europa-Reise der beiden ist der Ausdruck einer Freundschaft über alle Grenzen hinweg. Denn dank des Altersunterschieds der ungleichen Freunde ergänzen sie sich als perfektes Reise-Team und ihre Reise-Erzählung zeigt: Alt und Jung können viel voneinander lernen. Die wahre Geschichte einer berührenden Freundschaft.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2021
Torben Kroker / Karl-Heinz Schulz
Der Roadtrip unseres Lebens
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Eine Freundschaft wie diese kommt selten vor: Carlos (Karl-Heinz Schulz, 94) hat in seinem hohen Alter noch einen dringenden Wunsch – er will noch einmal das Meer sehen. Torben Kroker, sein 21-jähriger Nachbar und Freund will ihm diesen Wunsch erfüllen. Zusammen steigen sie in Torbens alten Mercedes und fahren los – quer durch Frankreich, Spanien, Italien. Sie besuchen die Orte aus Carlos Jugend, in denen er die Nachkriegszeit verbracht hat und finden sich auf einer Reise wieder, die Carlos Erinnerungen zum Leben erweckt und Torben die Geschichte und seinen Nachbarn in völlig neuem Licht sehen lassen. Die Europareise der beiden ist der Ausdruck einer Freundschaft über Altersgrenzen hinweg. Denn dank des Altersunterschieds der ungleichen Freunde ergänzen sie sich als perfektes Reiseteam und zeigen: Alt und Jung können viel voneinander lernen.
1. Wie alles anfing
Wir staunen, immer noch
2016
Der Rasen in Nachbars Garten
Carlos und ich kommen uns näher
Carlos erinnert sich (I)
Ausflug nach Düsseldorf
Carlos erinnert sich (II)
Carlos und ich erobern die Straße
Elführken mit Carlos und Elisabeth
Carlos erinnert sich (III)
2017
Elisabeth II.
Carlos erinnert sich (IV)
Böse Überraschung
Carlos und die Schlacht im Hürtgenwald
2018
Carlos erinnert sich (V)
Soll ich meinen Lebensplan über den Haufen werfen?
Carlos erinnert sich (VI)
2019
Ein zweiter Mercedes muss her
Ein Mensch mit eisernen Grundsätzen
Carlos erinnert sich (VII)
Elisabeth stirbt
Carlos erinnert sich (VIII)
Das Geschenk
2020
Keine leichte Geburt
Carlos erinnert sich (IX)
Wo, um Himmels willen, liegt Lorobotero?
Der Unfall
Otto? Otto!
Die letzte Nacht in meinem Bett
Carlos erinnert sich (X)
2. Die Reise
Donnerstag, 23. Juli: Emmerich – Versailles
Freitag, 24. Juli: Versailles – Nantes
Samstag, 25. Juli: Nantes – Bordeaux
Sonntag, 26. Juli: Bordeaux – Eibar
Montag, 27. Juli: Eibar
Dienstag, 28. Juli: Eibar – San Sebastián
Mittwoch, 29. Juli: San Sebastián
Donnerstag, 30. Juli: San Sebastián – Toulouse
Freitag, 31. Juli: Toulouse – La Grande-Motte
Samstag, 1. August: La Grande-Motte – Marseille
Sonntag, 2. August: Marseille – Monaco
Montag, 3. August: Monaco – Mailand
Dienstag, 4. August: Mailand – Bregenz
Mittwoch, 5. August: Bregenz
Donnerstag, 6. August: Bregenz – Stuttgart
Freitag, 7. August: Stuttgart
Samstag, 8. August: Stuttgart – Göttingen
Sonntag, 9. August: Göttingen – Hamburg
Montag, 10. August: Hamburg
Dienstag, 11. August: Hamburg – Bremen
Mittwoch, 12. August: Bremen – Köln
Donnerstag, 13. August: Köln – Emmerich
Nachlese
Danksagung
Ich hätte niemals gedacht, dass diese Geschichte erzählt werden würde. Nicht in dieser Form, meine ich, also von Anfang an und dann, sobald wir uns auf die Reise gemacht haben, sogar Tag für Tag. Natürlich ist mir diese Fahrt ins Ungewisse selbst ziemlich außergewöhnlich vorgekommen. Natürlich habe ich mich mehr als einmal gefragt, worauf ich mich da einlasse. Natürlich sind mir unterwegs auch die fragenden Blicke aufgefallen: Der eine sehr jung, der andere steinalt, wie passt das zusammen? Trotzdem. Dass unsere Geschichte so viel Aufsehen erregen würde … Nein, hätte ich nicht gedacht.
Carlos hält den ganzen Wirbel sowieso für übertrieben, die Interviews, die Talkshow-Auftritte und jetzt auch noch ein Buch … Für ihn war unsere Reise nur eine gemütliche Spazierfahrt, ein verlängerter Sonntagsausflug, kein Grund zur Aufregung. Na ja, er saß auch nicht am Steuer. Ich habe ihn auch gern in dem Glauben gelassen, dass wir die ganze Zeit auf gut Glück herumgefahren sind, dass sich unterwegs alles mehr oder weniger von selbst ergeben hat, dass wir schlicht nach Lust und Laune durch halb Europa gekreuzt sind. Dass ich dem Zufall kräftig nachgeholfen habe, bleibt unter uns. Carlos würde am liebsten alles einfach auf sich zukommen lassen. Er liebt es spontan; um Himmels willen, bloß nichts im Voraus planen! Dass ihn sein Glück nach dreiundneunzig Jahren doch mal verlassen könnte, käme ihm nie in den Sinn.
Als Abenteurer will er trotzdem nicht gelten. Als Held schon gar nicht. Aber stolz war er doch, als ich ihm am Morgen vor unserem Aufbruch von Eibar nach San Sebastián den ersten Zeitungsartikel über uns und unsere Reise vorlas. Stolz und gerührt, sogar zu Tränen gerührt war er da. Dass man am Ende seines Lebens noch einmal Notiz von ihm nehmen und über ihn schreiben würde, damit hatte er nicht gerechnet, das ging ihm wirklich unter die Haut. Vermutlich beschlich ihn in diesem Moment auch das Gefühl, unsere Reise könnte doch etwas mehr als eine »ganz gewöhnliche Spazierfahrt« sein.
Aber Carlos neigt nicht zu überschwänglichen Gefühlen. Und heute, zahllose Zeitungsartikel und einige Fernsehauftritte später, gefällt ihm vor allem die Vorstellung, mir, dem verwöhnten und behüteten Bürschchen von nebenan, etwas Außergewöhnliches geboten zu haben: »Ich hab dir alles gezeigt. Ohne mich hättest du diese Reise nie gemacht.« Und das stimmt. Die Reise und alles, was sich daraus ergeben hat, verdanke ich ihm. Er hat die Initiative ergriffen. Er hat sich die Tour in den Kopf gesetzt und mich zu seinem Begleiter ausersehen. Und er hat sich überhaupt nicht davon beirren lassen, dass ich zunächst keineswegs in Jubel ausgebrochen bin bei der Vorstellung, mit einem Menschen auf Reisen zu gehen, der mein Urgroßvater sein könnte. Denn schließlich ist es doch ein Unterschied, ob ich ihm den Rasen mähe, für ihn einkaufe und mir hinterher seine Geschichten anhöre – oder ob wir gemeinsam ein paar Tausend Kilometer durch Europa tingeln.
Nun, am Ende ist es genau so gekommen. Und jetzt, wo ich darangehe, unsere Geschichte zu erzählen, bin ich froh, auf Notizen, Tagebucheinträge und kurze Videos zurückgreifen zu können, Momentaufnahmen von unserer Reise auf meinem Handy. Auf Carlos’ Gedächtnis ist leider kein Verlass mehr. Das heißt, er erinnert sich mit bewundernswerter Genauigkeit an alles, was in seiner Kindheit und Jugend, während des Kriegs, später in der Gefangenschaft und dann nach seiner Flucht nach Spanien passiert ist, genauso wie man von ihm nach wie vor alles über seine Zeit als Autohändler in Düsseldorf erfahren kann – aber was gestern oder vor einer Woche, vor einem Jahr passiert ist, das verblasst dagegen. Es ist, als wäre sein Gedächtnisspeicher randvoll, als würde nun wirklich nichts mehr hineinpassen, und wohl deshalb hinterlassen Ereignisse neueren Datums kaum noch Spuren bei ihm, während ihm das weit Zurückliegende völlig präsent ist.
Carlos überlässt es deswegen mir, die Geschichte unserer Freundschaft zu erzählen; ich wiederum überlasse es ihm, an seine dramatischen Kriegs- und Nachkriegserlebnisse zu erinnern, die unserer Reise zugrunde liegen, denn schließlich: Es war eine Reise in seine Vergangenheit. Und dieser Vergangenheit konnte ich mich zu keiner Zeit entziehen. Sie hat mich vom Anfang unserer Bekanntschaft an begleitet, und sie ist unterwegs für mich tatsächlich lebendig und greifbar geworden, in Frankreich und vor allem in Spanien, wo sein Leben die verrücktesten Wendungen genommen hatte. Damals, als er in meinem Alter war …
Doch der Reihe nach. Zwischen Carlos und mir liegen dreiundsiebzig Lebensjahre. Zwei wie wir verreisen schon deshalb normalerweise nicht gemeinsam, weil sie sich erst gar nicht kennenlernen. Auch in unserem Fall hätte das nie geklappt, hätte ich nicht irgendwann angefangen, von einem Motorroller zu träumen.
Mit dreizehn Jahren geht es los. Ich habe das Alter erreicht, in dem man anspruchsvoll wird, in dem man sich was leisten möchte. Ich zum Beispiel will mir den Luxus eines Motorrollers gönnen, sobald ich einen fahren darf, mit fünfzehn wäre das, in anderthalb Jahren also. Von Carlos ist noch keine Rede, obwohl ich vom Fenster meines Kinderzimmers aus durch ein paar Bäume hindurch in seinen Garten sehen kann. Trotzdem hängt das eine mit dem anderen zusammen; man wird gleich sehen, wie.
Motorroller sind nicht ganz billig, und meine Eltern weigern sich, mir einen zu schenken. Das wäre das Einfachste, aber am Mittagstisch heißt es: »Schau mal nach rechts, da sitzt dein jüngerer Bruder, wenn der demnächst auch ankommt und einen Roller haben will, brauchen wir einen Goldesel.« Was jetzt? Selbst wenn sie mir was dazuschießen sollten – und sie werden mir was dazuschießen –, muss ich zusehen, wie ich legal an größere Summen komme. Mein Taschengeld hält mit meinen Wünschen jedenfalls nicht Schritt. Ich brauche Einnahmen. Regelmäßige Einnahmen.
Vielleicht Rasenmähen? In unserem Viertel haben sie alle Rasen, das ist eine Siedlung aus den Sechziger-, Siebzigerjahren am Stadtrand von Emmerich, da ist genug Platz für Rasen und Beete zwischen den Häusern. All diese schönen Grünflächen müssen gepflegt und von Zeit zu Zeit auch gemäht werden – und welcher Gartenbesitzer freut sich schon aufs Rasenmähen? Einen Versuch ist es wert; also kritzele ich den schlichten Satz »Ich biete mich an, Ihren Rasen zu mähen« auf zwei Zettel und werfe sie bei den Nachbarn in die Briefkästen.
Bingo! Trefferquote hundert Prozent! Beide rufen am selben Abend noch an – der eine ist berufstätig und hat für seinen Garten keine Zeit, der andere findet Rasenmähen langweilig. Prima, ich lege los. Am Wochenende ziehe ich mit dem Rasenmäher Schneisen durchs Gras, verwandele Wiesen innerhalb von zwei Stunden in gleichmäßig grüne Flächen zurück, und bald kommt ein Garten zum anderen. Eine Nachbarin betreibt Mundpropaganda für mich, sodass mir das Rasenmähen schon fast über den Kopf wächst; ich bin ja eigentlich noch Schüler.
Das ist typisch für mich. Dauernd nehme ich mir zu viel vor. Auf jeden Fall mehr, als in einen Tag mit vierundzwanzig Stunden hineinpasst. Ab und zu versuchen meine Eltern, mich zu bremsen, aber zwecklos – ich bin so, ich muss immer auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Außerdem habe ich offenbar eine echte Marktlücke entdeckt. Richtige Gärtner sind ein kostspieliges Vergnügen; von daher freue ich mich, dass manche ältere Dame, um deren Garten ich mich kümmere, mir freiwillig fünfzehn Euro pro Stunde zahlt statt der verlangten zehn. In der Schule finden sie, nebenbei bemerkt, meinen Arbeitseifer etwas übertrieben: »Du mit deinem Rasenmähen!« Ich wiederum belächele meine Mitschüler, die stattdessen bei Wind und Wetter Zeitungen austragen und dafür gerade mal siebzig Euro im Monat kassieren – so viel verdiene ich an einem einzigen Samstag, obendrein bei schönem Wetter! (Nicht einmal ich mähe, wenn’s regnet.)
Jedenfalls – mit fünfzehn bin ich stolzer Besitzer eines Motorrollers. Das ist großartig, aber als ich das Geld dafür überweise, erlebe ich eine böse Überraschung: Auf meinem Kontoauszug ist die Eins verschwunden, an der ich so gehangen habe, nämlich die Eins vor den dreihundert Euro, die jetzt noch übrig sind. Kurzfristig bin ich deprimiert, sage mir aber dann: Okay, du hast dir in relativ kurzer Zeit durch Sparen von Taschen- und Weihnachtsgeld und durch Rasenmähen diesen Roller leisten können, also hau weiter rein – dann kommt schnell wieder ordentlich was zusammen.
Ich mache weiter. Ich bin gefragt. Und abgesehen davon, dass diese Tätigkeit lukrativ ist, finde ich das Ergebnis meiner Arbeit auch einfach schön. Mit sechzehn fühle ich mich als ungekrönter König eines Gartenreichs von beträchtlicher Ausdehnung, und niemand macht mir diesen Titel streitig. Da klingelt bei uns das Telefon. Es ist der 6. Mai 2016, ein Freitagmittag, ich weiß es genau. Meine Mutter nimmt den Anruf entgegen, ruft mich und sagt: »Die Helga will dich sprechen.«
Die Helga? Was will denn die? Bisher haben wir uns auf der Straße nur im Vorbeigehen kurz gegrüßt …
Natürlich geht es wieder ums Rasenmähen. Sie arbeite ehrenamtlich bei der Caritas, sagt Helga, sie liefere mittags das Essen aus und komme jetzt gerade von einem Herrn Schulz, der gleich bei uns um die Ecke wohne. »Mir scheint, der braucht deine Hilfe. Sein Garten sieht vielleicht aus … Torben, geh doch mal hin. Da gibt’s sicher was für dich zu tun …«
Schulz. Schulz … Nie gehört. Aber mir schwant etwas. Ist das am Ende der alte Mann mit dem Stock und dem grimmigen Gesicht? Dieser Griesgram, den ich beim Rasenmähen in anderen Gärten schon das eine oder andere Mal vor seiner Tür habe stehen sehen? Der Typ mit dem total verwilderten Grundstück und dem Gespensterhaus, das zur Straße hin dieses komische Schaufenster hat, vollgepfropft mit verstaubten, halb toten Kakteen und vorsintflutlichem Gerümpel? Dieser knurrige Opa, der bis vor wenigen Jahren in seinem uralten Mazda 929 mit Düsseldorfer Kennzeichen durch unsere Straße fuhr? Getroffen haben wir uns nie, und dabei soll es auch bleiben, denn dieser Mensch ist mir nicht geheuer. Schon als ich noch klein war, habe ich mit meinem Gokart über jedes Grundstück in der Nachbarschaft einen Schlenker gemacht, nur nicht über seins.
Trotzdem schwinge ich mich jetzt aufs Rad: »Ich bin mal eben bei Herrn Schulz!« Wer weiß, vielleicht täusche ich mich ja, und er ist es gar nicht.
Helga hat mir die Adresse gegeben. Unsere Straße mündet in seine, und als ich einbiege, mache ich einen bezeichnenden Fehler: Statt nach rechts fahre ich links ab. Aber auf diesem Teil der Straße werden die Hausnummern immer größer, also wende ich, also fahre ich zurück und bete, dass es nicht das Haus des mürrischen Alten sein möge. Aber natürlich, genau das ist es. So von Nahem betrachtet, verliert es allerdings etwas von seinem Schrecken, da wirkt es plötzlich fast wie ein normales, weiß getünchtes Einfamilienhaus aus den Fünfzigerjahren, schmucklos bis auf die große Fensterfront zur Straße.
Also?
Ich reiße mich zusammen und klingele. Aber was hat der Mann nur alles in seinem Wintergarten herumstehen! Hinter der Fensterfront gleich neben der Haustür wimmelt es buchstäblich von Kakteen, knollenförmigen und schlangenartigen, unkontrolliert wuchernden Kakteen, ein botanischer Albtraum, dazwischen Kitschfigürchen, undefinierbare Möbelstücke, in der Ecke eine Schreibmaschine auf einem altertümlichen Schreibtisch, an der Rückwand Bilder und Fotos. Was stellt dieses Durcheinander eigentlich dar? Tut sich hier des Nachts was? Kriecht und flattert es dann? Dekorativ kann das Ganze doch unmöglich gemeint sein …
Da geht die Tür auf. Herr Schulz steht vor mir. Er hat mich erwartet, er weiß, wer ich bin, ich brauche mich gar nicht vorzustellen, im Handumdrehen lande ich in seinem Wohnzimmer, und jetzt sitzen wir uns gegenüber, er im Sessel, ich auf dem Sofa, in einem Raum, genauso vollgestopft wie sein Wintergarten, aber nicht mit Kakteen, sondern mit größtenteils düsteren Möbeln aus allen Jahrhunderten. Nein, das ist übertrieben. Aber mir kommt es in diesem Augenblick so vor, denn hier ist alles alt, der wuchtige Schreibtisch und die gedrechselte Schrankwand und der Fernseher und die Stiche und Fotos an den Wänden und nicht zuletzt eben dieser Herr Schulz selbst, der mal ein ziemlich stattlicher Kerl gewesen sein muss und immer noch ganz imposant wirkt. Wie alt mag er sein? Über achtzig auf jeden Fall. Vielleicht schon neunzig?
Von wegen »Ich bin mal eben bei Herrn Schulz« … Zwei Stunden später sitze ich immer noch da. Inzwischen hat meine Mutter mehrmals angerufen, aber da ich mir erlaubt habe, das Handy zu Hause zu lassen, weiß ich davon nichts. Als wir uns schließlich verabschieden, habe ich das Gefühl, seine komplette Lebensgeschichte zu kennen. In Wirklichkeit habe ich nur einen Bruchteil zu hören bekommen, aber wer soll das ahnen. Schon im Gehen, kommt die Sprache tatsächlich noch aufs Rasenmähen.
»Wir treffen uns dann morgen«, befindet er kurz und bündig.
»Gut. Wann soll ich da sein?«
»Ist mir egal.«
Typisch Carlos. Aber auch das weiß ich natürlich noch nicht.
Auf seinem Klingelschild steht Karl-Heinz Schulz, der deutscheste Name der Welt. Aber der Mensch, der einem dann öffnet, heißt Carlos – ohne irgendwelche Zusätze. Ich habe keine Ahnung, was es mit diesem spanischen Namen auf sich hat, aber dass er ab und zu ganze Sätze auf Spanisch in seine Rede einfließen lässt, deutet auf eine Verbindung zu Spanien, die über Mallorca-Reisen hinausgeht. Vielleicht komme ich noch dahinter. Heute wird aber erst mal gearbeitet.
Von meinen anderen Kunden bin ich ein kurzes Prozedere gewohnt. Da heißt es zur Begrüßung: »Hallo, Torben«, dann werfe ich den Rasenmäher an, und eine Stunde später nehme ich mein Geld entgegen und empfehle mich: »Bis in zwei Wochen. Tschüss!«
Nicht so bei Carlos, denn erstens ist sein Garten eine einzige Wildnis. Also nicht nur, dass alle Bodenpflanzen hier dermaßen gewuchert sind, dass man knietief darin herumwatet, ich zähle darüber hinaus auch vier Autos in unterschiedlichen Graden der Fahruntüchtigkeit, dazu eine große, offenbar selbst gebaute Halle und ein heruntergekommenes Gartenhäuschen, vielleicht ein Stall oder ein Geräteschuppen. Ein Garten der besonderen Art jedenfalls, in grauer Vorzeit wahrscheinlich mal ein Ziergarten, aber längst reine Natur, dekoriert mit den blechernen Überbleibseln aus Carlos’ früherem Leben als Autohändler. Und zweitens bleibt es mit ihm nie beim Austausch unverbindlicher Höflichkeitsfloskeln, aber dazu später mehr.
Zu Punkt eins: Welche Stufe soll ich am Rasenmäher einstellen? Die höchste? Ja! Und den Fangkorb weglassen; einfach nur durchkommen, heißt vorläufig das Ziel. Knapp fünf Stunden später sieht man dem Grundstück zumindest an, dass mal ein Rasenmäher drübergegangen ist; Carlos ist unterdessen die ganze Zeit mit dem Rechen hinterhergelaufen und hat das geschnittene Grünzeug zusammengeharkt. Unglaublich, welchen Einsatz der alte Mann zeigt! Wie kann der noch so fit sein? Woher kommt dieser Elan?
Mit dem macht die Arbeit jedenfalls Spaß, das muss ich sagen. Aber nach fünf Stunden ist selbst Carlos geschafft, deshalb fällt der Abschied heute kurz aus.
»Was kriegst du von mir?«
»Sind zehn Euro die Stunde in Ordnung?«
»Und wie viel wäre das dann?«
Ich zögere. »Fünfzig Euro?«
»Ja, hab ich mir auch so gedacht.« Er reicht mir einen zusammengefalteten Fünfzigeuroschein. »Steck den ein.«
Als ich meinen Lohn zu Hause aus der Tasche ziehe und auffalte, halte ich plötzlich zwei Scheine in den Händen. Zwei Fünfziger. O Mann … Ich bin glücklich und stolz wie Oskar. Das fängt ja gut an. Ich muss der reichste Mensch der ganzen Straße in meiner Altersklasse sein.
Anderntags bin ich schon wieder bei Carlos, mich bedanken. Der gespenstische Wintergarten, das Klingelschild mit Karl-Heinz Schulz, die Enge in dem vollgestellten, düsteren Wohnzimmer, so weit ist alles beim Alten. Aber der Mann, dieser Carlos, der mir gestern in seinem Garten freie Hand gelassen und einfach mitgearbeitet hat, ohne schlaue Bemerkungen zu machen, ohne Anweisungen zu erteilen, so als wäre ich es, der hier das Sagen hat, dieser Mann hat nicht nur seinen Schrecken verloren. Ich fange an, ihn – wie soll ich sagen? – interessant zu finden.
Und jetzt, am dritten Tag unserer Bekanntschaft, lerne ich die wichtigste Lektion: Die zwei Stunden auf seinem Sofa am ersten Tag waren keine Ausnahme. Wenn nicht gearbeitet wird, schlägt er gleich nach seinem Standardgruß »Buenos dias, señor« eine beliebige Seite in einem unsichtbaren Buch mit dem Titel »Aus dem Leben des Carlos Schulz« auf und legt los. Mit unaufgeregter, fast monotoner Stimme erzählt er dann von Begebenheiten lange vor meiner Geburt, in denen es um sehr aufregende Dinge geht wie Leben und Tod, Verwundungen und Lagerhaft, Flucht und Exil. Mit dem Krieg hat er vor zwei Tagen angefangen, dem Thema bleibt er vorläufig treu, und auch wenn er zu Wiederholungen neigt und manches doppelt, manches dreifach erzählt, packt er immer wieder neue Einzelheiten aus, komische, schauerliche, haarsträubende, in jedem Fall faszinierende.
In Zukunft werde ich mehrere Versuche starten, ihn zu einem Vortrag in meiner Schule zu überreden. Ich würde ihn im Geschichtsunterricht über den Zweiten Weltkrieg gern als Zeitzeugen präsentieren, doch davon will er nichts wissen, und später ist mir seine sture Weigerung sogar recht, weil ich es nun als Privileg empfinde, jederzeit exklusiven Zugang zu seinen Geschichten zu haben.
Kurz und gut, ich begreife: Wenn ich zu Carlos gehe, muss ich Zeit mitbringen. Viel Zeit. Anderthalb Stunden vergehen schnell, wenn sich die Schleusen seiner Erinnerung öffnen. Aber hier will ich unterbrechen. Carlos wird seine eigene Version von unserer ersten Begegnung haben, und die soll nicht unter den Tisch fallen.
Den Torben hab ich kennengelernt … der wohnt ja hier um die Ecke. Und gleich gegenüber wohnt eine Frau, die hat mir immer das Essen gebracht. Die meinte zu mir: »Ihr Zierrasen müsste auch mal geschnitten werden.« Das Gras stand vierzig Zentimeter hoch.
Ich sag: »Ich hab keine Zeit. Kennen Sie einen, der so was macht?«
»Ja, da drüben wohnt ein junger Mann, der geht bei verschiedenen Leuten Rasen mähen.«
»Dann sagen Sie dem Bescheid. Er kann bei mir auch den Rasen mähen.«
Mein Rasen war drei Jahre lang nicht geschnitten worden. Und der Torben war froh, dass er einen Kunden mehr hatte. Die anderen hatten alle einen gepflegten Rasen, da konnte er nicht viel verdienen, da ging man einmal mit der Maschine drüber, fertig. Aber mein Rasen war was für einen ehrgeizigen jungen Mann. Da lohnte es sich.
Der Torben kam also und hat gemäht. Hinterher sag ich: »Wie viel nimmst du denn?«
Da druckst er rum – na ja, soundso viel.
»Und für das bisschen hast du den ganzen Rasen gemäht? Hast du was dagegen, wenn ich dir noch einen Fünfziger drauflege?«
Hat er groß geguckt. Aber ich ehre das Handwerk. Ich seh auch, ob sich einer Mühe gibt oder nicht. Und der Torben hat sich Mühe gegeben, hat das prima gemacht und hinterher alles weggebracht.
»Das kannst du jetzt laufend bei mir machen«, hab ich gesagt. »Und wenn du Lust hast, kannst du mir auch sonst noch ein bisschen helfen.«
So ist er bei mir hängen geblieben. Hinterher hat er peu à peu die anderen Kunden abgestoßen und ist nur noch zu mir gekommen. Ich hab immer gefragt, was er haben will, und hab mir dann überlegt: Das ist aber billig. »Arbeit muss bezahlt werden«, sag ich. »Wenn die anderen dir nicht mehr geben, sollen sie ihren Rasen selbst mähen.«
Da ist er ganz bei mir geblieben und hat mir bei allem geholfen.
Ich hab auch eine große Reise mit ihm …
Carlos! So weit sind wir noch nicht.
Um es in einem Satz zu sagen: Auf seine trockene, etwas knurrige Art umgarnt Carlos mich. Er ist, wie er ist, also großherzig, gutmütig und erstaunlich locker drauf, aber er weiß auch, was er will. Er zieht mich an sich heran, wie ein Magnet einen Nagel anzieht. Und ich spiele mit. Warum? Nicht leicht zu sagen. Wahrscheinlich, weil er anders ist. Anders als meine übrigen Kunden, aber auch anders, als ich mir einen alten, uralten Mann vorstelle.
Dieses Jahr, und zwar am 24. Dezember, wird er neunzig, das sollte man nicht meinen. Nicht, dass er jünger aussieht, aber da ist nichts Kauziges, nichts Verhärtetes, auch nichts Melancholisches an ihm. Er macht nicht auf jung – das kann man von Carlos wirklich nicht behaupten –, doch in diesem alten Körper ist mehr Leben als in manchem jüngeren, da gibt es Energiereserven, die noch lange nicht aufgebraucht sind. Und im Übrigen: Sein Garten bleibt eine Daueraufgabe.
Auch das reizt mich. Nachdem der Wildwuchs einigermaßen gezähmt ist, wende ich mich den Beeten auf der Straßenseite zu. Der Rest kann bleiben, wie er jetzt ist, aber die Beete könnten etwas Kosmetik vertragen, also fange ich an, Unkraut zu jäten und den einen oder anderen Strauch zu beschneiden. Ich bin weiß Gott kein Gärtner, aber mittlerweile kann ich eine Hortensie von einem Buchsbaum unterscheiden.
Und Carlos lässt mir weiterhin freie Hand. Dem ist egal, was ich aus seinem Grundstück mache. »Tu, was du willst«, sagt er, und so wird sein Garten zu meinem Experimentierfeld. Ich beschneide irgendwas, und wenn’s geklappt hat, wende ich dieses Verfahren auf die Gärten meiner übrigen Kundschaft an – wenn nicht, fliegt der Strauch raus, geht auf den Anhänger und ist vergessen. Nach kurzer Zeit handele ich mir bei Carlos auf diese Weise den Titel »Obergartendirektor« ein. Mit meinem Vornamen steht er anfangs sowieso auf Kriegsfuß – mal bin ich für ihn Tom, mal Torsten; Torben bürgert sich erst nach einer ganzen Weile ein.
Im Sommer dieses merkwürdigen Jahres 2016 wird der Obergartendirektor, ohne dass er es sogleich merkt, in einen neuen Aufgabenbereich eingeführt: Ich begleite Carlos erstmals nach Düsseldorf. Weil er einen Behindertenausweis besitzt, ist die Zugfahrt für mich gratis – nach einer missglückten Augenoperation sieht Carlos nicht mehr so gut, auch wenn er immer behauptet, Augen wie ein Luchs zu haben. Die hatte er früher wohl auch, aber jetzt ist es damit vorbei; trotzdem braucht er nicht wirklich einen Begleiter, er hat die Reise bislang ja auch immer allein gemacht. Nein, Carlos verbindet mit diesem gemeinsamen Ausflug eine Absicht. Aber welche?
Von Emmerich nach Düsseldorf … nun wirklich keine Weltreise. Eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten ist man unterwegs, dennoch: Ich bin aufgeregt. Einmal, weil Düsseldorf für Carlos ein magisches Wort zu sein scheint. So viel habe ich ja schon mitgekriegt: In Emmerich ist er im Exil. Da kennt er keinen, da langweilt er sich, das ist für ihn bloß ein Rückzugsort, ein Alterssitz, und kein geliebter. In Wirklichkeit ist Carlos Düsseldorfer durch und durch. Sein Herz schlägt für eine Düsseldorferin; das allein ist schon Grund genug, einmal die Woche Emmerich den Rücken zu kehren und die Luft dieser Großstadt zu schnuppern, die ja ebenfalls am Rhein liegt. Sein Herz hängt aber auch an der Stadt selbst und an den fünfzig Jahren, die er hier gewohnt hat, in denen er das Autohaus Schulz aufgezogen und zum Erfolg geführt hat. Mit anderen Worten: In Düsseldorf findet für Carlos das wahre Leben statt, und ich soll heute in dieses wahre Leben eingeführt werden.
Außerdem bin ich aufgeregt, weil … ja, ich weiß, für manch einen schwer zu glauben, aber Düsseldorf ist für mich so etwas wie New York. Oder Paris, Madrid. In meinen sechzehn Lebensjahren war ich nur ein einziges Mal in Düsseldorf; ich meinerseits bin nämlich Emmericher durch und durch. Dort habe ich meine Freunde, meinen Schulalltag, meinen Fußball- und meinen Karnevalsverein, natürlich auch meine Familie, und viel mehr brauche ich nicht, eine Ferienreise dann und wann vielleicht noch … Nein, der Torben Kroker des Jahre 2016 ist kein Abenteurer. Der verspürt normalerweise keinen Heißhunger auf die große, weite Welt. Carlos hat nicht unrecht, wenn er mich für ein behütetes Pflänzchen hält, wie er gelegentlich mit gutmütigem Spott durchblicken lässt. Und deshalb habe ich Herzklopfen, als unser Zug jetzt in den Hauptbahnhof von Düsseldorf einfährt.
Elisabeth erwartet uns auf dem Bahnsteig. Elisabeth ist Carlos’ Freundin, zehn Jahre jünger als er und großzügig geschätzt einen Meter fünfzig groß. Ihr Erkennungs- und Markenzeichen ist, wie ich jetzt schon verraten darf, eine Damenhandtasche von Longchamp. Sie besitzt eine kleine Kollektion dieser Taschen in verschiedenen Farben, und ohne geht sie nicht aus dem Haus; die heutige ist die blaue Version.
»Hallo, Frau Ley«, sage ich, während ich ihr die Hand reiche, als Carlos dazwischengeht: »Jetzt nimm die Dame doch mal ordentlich in den Arm! Die will gedrückt werden!« Uff. Ich bin nun mal kein Draufgänger. Aber Carlos denkt nicht daran, auf meine Schüchternheit Rücksicht zu nehmen, und schon liegen wir uns in den Armen, Elisabeth und ich. Na ja, allzu stürmisch geht es dabei nicht zu, aber Carlos lässt meinen zaghaften Versuch, Temperament zu beweisen, als gelungen durchgehen.
Was soll ich sagen? Ich werde Carlos und Elisabeth noch viele Male auf ihren Streifzügen durch Düsseldorf begleiten, doch schon dieser erste Besuch hinterlässt bei mir den Eindruck, dass die beiden zwischen Rheinufer und Königsallee vollkommen in ihrem Element sind, mit ihrer Stadt sozusagen verschmelzen. In einer Mischung aus jugendlicher Unternehmungslust und eiserner Routine bewegt sich das seltsame Paar durch die Stadt – der groß gewachsene Carlos, auf seinen Stock gestützt, in gemächlichem Trott, die zierliche Elisabeth mit kurzen Schritten energisch vorwärtsstrebend –, und wo die beiden eintreten, gibt es ein Wiedererkennen, warten alte Bekannte.
Es sind traditionsreiche Orte, die wir aufsuchen, das Café Heinemann in der Nähe der Königsallee zum Beispiel, jedem Düsseldorfer ein Begriff und für Carlos und Elisabeth eine von mehreren Stationen, die auf keinen Fall ausgelassen werden dürfen. Das Café Heinemann mit seinem Restaurant im ersten Stock ist eine ganz eigene Welt, Treffpunkt einer Generation, die noch gutbürgerliche Küche zu schätzen weiß, verfeinert allerdings und aufgetragen von leicht unterkühlten Kellnerinnen in weißen Schürzen und schwarz-weißen Blusen – in Emmerich unvorstellbar.
