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Wenn man ein Arschloch war und die Erkenntnis kommt: "Hey, komm mal wieder back to the roads" und es auch tut, dann hat man eine Entwicklung erlebt. Die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich in den Tälern, die man im Leben durchwandert und nicht dann, wenn man versucht von Gipfel zu Gipfel zu springen. Eine Station in meinem Leben, der Knast im "Paradies" Bali. Als Drogenschmuggler zu 15 Jahren Haft verurteilt. Meine Geschichte beginnt 1960 in Berlin. Ich war vieles in meinem Leben: Loser, Friseur in Stuttgart, Fremdenlegionär, Discobesitzer in Ungarn, Schlagersänger auf Mallorca, Biergartenbesitzer in Pattaya. Heute bin ich Strafgefangener in einem der berüchtigtsten Gefängnisse der Welt ̶̶̶̶ im Schatten vom Paradies ̶̶̶̶ dem Hotel K., Bali Prison. Das ist meine Geschichte...
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2020
Patrick Naumann
5447 Tage ImSchatten vomParadies
Ein nicht ganz moralischesLeben
© 2020 Patrick Naumann, Sebastian Rein
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-07876-5
Hardcover:
978-3-347-07877-2
e-Book:
978-3-347-07878-9
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Erste Grenzerfahrungen
Plötzlicher Kindstod im Westen, Eierlikör im Osten
Meine Mutter kam aus der ehemaligen DDR. Dennoch kündigte ich, unter dem Einsetzen der Wehen, am 5. September 1966, in dem schönen Ludwigsburg nahe Stuttgart, mein Kommen an. Ich verließ nun zum ersten Mal meine gewohnte Umgebung und erblickte als uneheliches Kind das grelle Licht der Lampe im Kreißsaal. Für manche ist es das Licht der Welt, aber es ist nur eine Lampe. Diese Einsicht sollte mir auf meinen späteren Mallorca-Auftritten helfen ruhig zu bleiben, als Hunderte Lampen mich anstrahlten und der ein oder andere Schlüpfer auf der Bühne landete. Aber wie schaffte ich als Kind nun damals schon Grenzen zu überwinden?
1960 ging meine Mutter zur Jobsuche in den Westen, genauer gesagt nach Westberlin. Was jedoch keiner ahnen konnte, es sollte für sie kein Zurück mehr geben. Obwohl nach Ulbricht - niemand vorhatte eine Mauer zu errichten -, war sie im August 1961 hoch und lang genug, um ein 72- Millionen-Volk zu trennen. Der Eiserne Vorhang war nun zu und meine Mutter hinterließ zwei Kinder mit all ihren Verwanden in der Obhut des Sozialismus. Ein neues Leben im reichen Kapitalismus, in dem das Wirtschaftswunder schon tobte, sollte entstehen. Und so erblickte ich fünf Jahre später, als Westdeutscher das Leben. Zufall oder nicht, mein Leben sollte später häufiger, Grenzerfahrungen machen. Nur hatte ich nicht immer das Glück auf der richtigen Seite einer »Mauer« zu stehen.
In jungen Jahren hingegen, war es für mich immer ein Abenteuer meine ostdeutschen Verwandten zu besuchen. Als ich zwischen vier bis sechs Jahre alt war, war ich mindestens zweimal im Jahr in der Ostzone, so nannte man früher die DDR auch. Das war immer sehr aufregend für mich. So wie ich es mit Kinderaugen sah, war es gut, dass ich im Westen aufwachsen durfte. Es war alles so schmutzig und es gab nicht viel. Es war überhaupt alles anders bei meinen Verwandten, meinen Geschwistern, Tanten und Onkels, aber alle waren immer super freundlich zu mir.
Ich war etwas Besonderes in ihren Augen, da ich aus dem Westen kam. Und so stand ich damals schon im Rampenlicht, genoss die Party zu Vita oder Stern Cola und ab und zu durfte ich auch mal am Rotkäppchen-Sekt oder ihrem selbstgemachten Eierlikör nippen, den sich die Erwachsenen teilten. Ich hatte ja in dem Alter noch keine Ahnung was DDR und BRD bedeutete. Nur dass die Fahrt lange dauern würde, man eine Grenze überqueren musste mit düsteren Volkspolizisten und meine Mutter mir immer einbläute nicht zu lachen, obgleich die Grenzpolizei ein Lächeln bitter nötig gehabt hätten. In späteren Jahren schenkte ich Ihnen ein Lächeln, zum einen um meine Schmuggelabsichten zu kaschieren und zum anderen aus Erleichterung, wenn alles danach gut ging und ich wieder gen Westen fahren durfte.
Damals war ich aber noch ein ruhiges Kind. Zumindest die ersten neun Monate. Was mich fast mein Leben gekostet hätte. Meine Mutter erzählte mir, sie musste immer erraten wann ich Hunger gehabt hätte, da ich so gut wie nie geschrien habe. So auch an diesen Tag, an dem ich als neun Monate alter Säugling quasi gestorben bin.
Nach Erzählungen meiner Mutter, war ich mal wieder überfällig mit Schreien und sie sah nach mir. Als sie mich in meinem Bettchen sah, erstarrte sie! Ich hatte schon ein blaues Gesicht und bewegte mich nicht. Sie riss mich aus dem Bett schüttelte und rüttelte mich. Sie schrie und rannte mit mir auf dem Arm aus der Wohnung. Wir wohnten im fünften Stock. Stufe für Stufe, Etage für Etage, rannte sie im engen Treppenhaus und schaute in mein totes Gesicht. Alles schoss ihr durch den Kopf, wie sie mir erzählte, bis sie auf einmal stehenblieb. Mein Gesicht bewegte sich wieder, sie bekam große Augen und ich fing zu husten, zu weinen und zu schreien an. Im Krankenhaus teilte man ihr mit, dass ich erstickt war und man einen Herzstillstand im Nachhinein festgestellt hatte. Den Treppen sei Dank, dass mein kleines Herz wohl wieder zu schlagen anfing. Ruhig war ich danach nicht mehr. Eher noch lauter. Vielleicht auch so ein Grund, warum ich später mein Glück als Schlagersänger versuchte - Fahrstuhl fahre ich bis heute nicht, wenn dann maximal metaphorisch, also mein Leben hindurch: auf und ab!
Rübezahl und Himbeereis
Meine Mutter lebte zu diesem Zeitpunkt mit einem Mann zusammen, mit dem sie drei Jahre vor meiner Geburt einer Tochter bekommen hatte, meine Stiefschwester.
Dieser Mann war also nicht mein Vater, jedoch ließ man mich in dem Glauben und es gab auch keinen Grund das Gegenteil zu denken. Er nahm mich in den Arm, hatte mich lieb und ich hatte ihn lieb. Er verhielt sich so wie ein Vater sich seinem Sohn gegenüber verhält. Wir unternahmen viel. In Ludwigsburg gibt es das berühmte »Blühende Barock«, ein wunderschönes Schloss mit einem Märchengarten. Für mich war es ein ganz besonderer Ort. Alle Märchen waren dort dargestellt, von Hänsel bis Gretel im Knusperhäuschen bis hin zu Rapunzel. Dort stand ein Turm und man konnte von unten den bekannten Spruch rufen - und sagenhaft: Rapunzel lies wirklich ihr Haar herunter! Am meisten beeindruckte mich aber Rübezahl. Für meine Kinderaugen war es eine riesige dunkele Höhle, schier eine eigene Welt, in der ich mich festhaltend an der Wand vortastete. Man hörte klirrende, tropfende Geräusche, bis auf einmal eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit herausschallte: »Hoho, ich bin Rübezahl, der Berggeist!«
Mit großen Augen erschrak ich, hatte aber keine Angst vor ihm. Im Gegenteil, ich freute mich, dass ich in der gleichen Stadt wie Rübezahl wohnte, obgleich ich in der Höhle mit ihm nicht hausen wollte.
Die letzten Erinnerungen an meinen Papa zu dieser Zeit hatte ich an Weihnachten. Er schenkte mir eine Carrera-Autobahn. Wenn er von der Arbeit kam, spielten wir mit dieser und am Wochenende gingen wir mit der gesamten Familie einkaufen. Aus dieser Zeit habe ich gute Erinnerungen, aber leider trennte meine Mutter sich von ihm als ich drei Jahre alt war. Ich musste meinen Vater, Schwester und Rübezahl verlassen und zog mit meiner Mutter nach Stuttgart. Sie bekam in Stuttgart-Möhringen einen Job in einer Gaststätte, samt Unterkunft.
Es war ein kleines Zimmer unter dem Dach des Hauses. Spärlich eingerichtet. Zwei Betten an der Wand, ein Waschbecken und ein Holzschrank. Die typische Tapete aus den 60ern durfte nicht fehlen. Beige Hintergrund auf dem tausende gelbe Blumenmotive rankten, die beim längeren ansehen in sich verschwommen und schwindelig machten. Von dem Dachfenster aus konnte man die anderen Dachfenster sehen.
Für mich war es aber ein unheimlicher Ort. Man musste oft leise sein, aber die Dielen knarrten immer, selbst wenn man sich nicht zu bewegen schien. Generell hörte man immer irgendwelche Geräusche. Ich dachte immer an Gespenster. Selbst heute, nach 40 Jahren, kann ich mich an die intensive Angst von damals noch gut erinnern. Aber vielleicht lag es auch an der Tapete.
Meine Mama arbeitete tagsüber in der Küche. Kindergärten waren zu der damaligen Zeit noch nicht so weit verbreitet, sodass ich mich meist selbst beschäftigte.
Von der Gaststätte nicht weit weg gab es eine kleine Schmiede. Der Chef, ein älterer Mann, freute sich immer, wenn ich ihn besuchen kam und so war ich fast täglich dort. Es standen viele Eisenmaschinen herum, es war heiß und roch verbrannt. Regale mit einem Haufen interessanter Dinge, an die ich aber nicht ran durfte, machten den Platz noch kleiner als er vermutlich war. Ich saß auf einen Hocker und schaute mit großen Augen dem Meister bei der Arbeit zu. Zum Schluss durfte ich immer die Schrauben und Muttern sortieren. Die waren für mich etwas ganz Besonderes. Er schenkte mir welche, ich steckte sie in meiner Hosentasche und fühlte mich reich.
Mein Geschäftssinn muss wohl schon damals ausgeprägt gewesen oder eben dort geweckt worden sein. Jedenfalls ging ich schnurstracks mit breiter Brust zu meiner Eisdiele. Der Italiener staunte nicht schlecht, als eine Hand sich den Tresen hochkämpfte und ich ihm auf Zehenspitzen stehend zwei Schrauben hinlegte. Ich wollte eine Kugel Himbeereis. Das war für mich der Gott unter den Eiskugeln, dunkelrosa mit Fruchtstücken, sahnig-cremig. Später sah man mir an, dass es mir schmeckte.
In der Erwartung auf mein Himbeereis muss mir wohl, als er über den Tresen schaute, schon der Zahn getropft haben. Jedenfalls gab er mir die Kugel und ich ging stolz und mit neuem Plan nach Hause. Ich wollte die Eisdiele nun mit Schrauben und Muttern überschwemmen und mir so tausende von Kugeln Himbeereis kaufen. Am nächsten Tag erzählte ich stolz in der Schmiede von meinem Vorhaben. Der alte Chef lachte nur, strich mir übers Haar und gab mir 20 Pfennig. So viel kostete nämlich damals eine Kugel.
Traktor, Flugzeug, Bus oder Liebe, Gürtel und Schmerz
Wie es das Schicksal wollte, war die neue Heimat nicht von langer Dauer. Ich stand kurz vor meinem fünften Lebensjahr, sozusagen mitten im Leben und da hieß es wieder Abschied nehmen von Stuttgart-Möhringen, der kleinen Schmiede, der Eisdiele um die Ecke, von meinen Schrauben und Muttern, von meiner Himbeereisquelle.
Toll fand ich den Tapetenwechsel nur wegen dem unheimlichen Zimmer. Nächster Halt: Weiler zum Stein in der Nähe von Winnenden. Diesmal in einem Zweifamilienhaus, zwar auch wieder unter dem Dach, aber da es eine Dreizimmerwohnung war, hatte ich ein eigenes Zimmer. Dazu bekam ich noch eine Oma. Sie wohnte im ersten Stock mit ihrem Mann. Er war ein alter Landwirt. Hier verbrachte ich einer meiner schönsten Zeiten in meiner Kindheit.
Meine Mutter war nun im Außendienst bei einer Kosmetikfirma angestellt und viel unterwegs. In dieser Zeit passte die Oma auf mich auf. Wir backten zusammen Kuchen, schauten TV und spielten im Garten. Hin und wieder nahm mich ihr Mann mit aufs Feld. Für mich war er ein Held. Er redete zwar nicht viel, aber was er sagte war wichtig. Er steuerte diese riesigen Maschinen auf diesen endlosen Feldern. Das Einzige was er brauchte war sein Stofftaschentuch mit dem er sich ab und zu den Schweiß wegwischte. Ich durfte dann auch mal Traktor fahren und war natürlich stolz wie Oskar. Als wir vom Feld kamen fühlte ich mich selbst wie ein Held, wie ein Cowboy und freute mich auf das leckere Essen bei Oma, der ich aufgebracht meine Heldengeschichte erzählte. Sie hörte mir beim Aufdecken zu, schaute ihren Mann an und lächelte, nachdem sie sich mir wieder zurichtete und mich lobte. Es war eine wunderschöne Zeit, ich hätte nichts mehr gebraucht, keine Schule, kein Verreisen, keine andere Stadt, nur meine Oma, meinen Opa, mein Meerschweinchen, das ich mittlerweile hatte und vor allen Dingen, mein Stofftaschentuch, das ich wie Opa, jetzt aus meiner Tasche stolz raushängen lies.
Doch wie ein Cowboy auch mal vom Pferd fällt, so sollte auch ich hart aufschlagen. Ich wurde mit sechs Jahren eingeschult und machte meine traurigste und schrecklichste Erfahrung zu dieser Zeit. Meine Oma verstarb! Ich wurde in eine Pflegefamilie gegeben.
Wieder in eine neue Stadt ziehen, Schule wechseln, Umfeld ändern und alles zurücklassen. Eine neue Art von Kindheit sollte mir bevorstehen. Meiner Mutter blieb wahrscheinlich nichts anderes übrig, sodass sie das Jugendamt um Hilfe bitten musste. Wer sollte auf mich aufpassen?
Eine Pflegefamilie wurde schnell gefunden. Ein Ehepaar mit einem Jungen, der in dem gleichen Alter war wie ich. Mein neues Zuhause sollte nun Schondorf werden. Vorab gab es ein erstes Treffen mit der Pflegefamilie. Der Mann hatte so viele Modellflugzeuge in der Wohnung, dass ich dachte er sei Pilot, aber er war nur Busfahrer und seine Frau Hausfrau. Zum Anfang lief alles gut und die Eingewöhnungsphase war soweit überstanden. Nach etwa zwei Monaten begann es aber mit den Misshandlungen. Erst war es nur, dass ich das, was ich an einem Tag nicht gegessen hatte, zum Beispiel Grießbrei, ich hasste Grießbrei, dass ich das am nächsten Tag wieder vorgesetzt bekam – so lange, bis es aufgegessen war. Am Wochenende durften wir beiden Jungs nicht vor neun Uhr aufstehen. Ich konnte es aber nicht verhindern, dass sich menschliche Bedürfnisse bemerkbar machten und musste auf die Toilette. So kam es, dass ich ins Bett machte und dafür meine erste Tracht Prügel erhielt. Im Winter wurde ich zur Strafe mit kurzer Hose zur Schule geschickt. Es war kalt und die anderen Kinder hänselten mich. Einmal kamen der Sohn und ich 15 Minuten zu spät vom Spielen heim. Ich kann mich noch erinnern, dass wir die Mutter anflehten nichts dem Vater zu sagen, der auf Spätschicht war. Sie versprach uns nichts zu sagen. Wir schliefen bereits als ich von einem Grölen und Gepolter wach wurde. Ich wusste noch gar nicht recht was los war. Die Türe wurde aufgerissen und wir aus dem Bett gezerrt. Schon spürte ich den Gürtel. Wir bekamen eine ordentliche Tracht Prügel. Weinen und Wimmern animierten ihn nur noch fester zuzuhauen. Sein Sohn jammerte leise, fast lautlos. Er war es schon gewohnt! Seine Mutter hatte uns natürlich verraten.
Ich vermisste meine Mutter in dieser Zeit mehr als je zuvor und fragte mich, warum sie das zugelassen hatte. Auf Besuch fragte sie zwar nach meinen vielen blauen Flecken, aber gab sich mit der Antwort zufrieden, es sei beim Spielen passiert. Ein Jahr musste ich bei der Familie bleiben. Ein Jahr war ich ihnen ausgeliefert. Ich denke nur dem Umstand war es zu verdanken, dass meine Mutter noch einmal geheiratet hatte und ich so dort rauskam. Ihr neuer Freund, ein Angestellter bei einer Krankenkasse im mittleren Dienst, Beamter, meinte es besser mit mir. Statt Pflegefamilie sollte ich nun in einem Internat meine »Erziehung genießen«. Zu diesen Zeitpunkt war ich noch katholisch geeicht. Mit sieben Jahren ging nun meine Reise weiter. Statt nach Hause ging es in ein katholisches Wohnheim mit Nonnen. Gürtel haben die Nonnen nicht am Gewand, das wusste ich, aber sonst keine Ahnung was mich dort erwarten würde.
Beten, Bertram, Umzug und Umtaufe
Der Hölle in Schondorf entflohen, kam ich nun in die Obhut der katholischen Kirche. Dort gab es andere Prioritäten. Beten, beten und nochmals beten. Doch vorab lernte ich nebst der Hausordnung, dass es noch eine andere gab. Eine Hackordnung. Regel Nummer 1: Leg dich mit niemandem an, den du nicht selber umhauen kannst. Zuvor kam ich nie in solche Situationen. Generell hatte ich nach der Pflegefamilie von Gewalt ziemlich die Schnauze voll.
Es gab verschiedene Kindergruppen, die nach Alter aufgeteilt waren. Ich war in die Gruppe der 7- bis 11-Jährigen eingeteilt. Jede Gruppe hatte seine Aufseherin. Meine hieß Schwester Elisabeth. Weiße Haube, graues Kleid. Eine ältere Frau. Sie hatte so viele Falten im Gesicht, dass ich nie sah, ob sie zufrieden war oder gar lächelte, wütend oder böse war. Einzig und allein an ihrem Ton oder ihren Augen konnte man kleine Gefühlsregungen erahnen. Streng war sie auf jeden Fall. Sie stand beim Beten immer hinter mir und korrigierte meine Körperhaltung. Sie nannte es Körpererziehung. Ich stand aber eher steif - verkrampft - als demütig, kerzengerade da.
Welcher Wind wehen würde, sollte ich gleich zu Anfang spüren. Als ich im Speisesaal Platz nehmen wollte, spürte ich plötzlich einen kräftigen Stoß von hinten, der mich zu Boden schleuderte. Als ich aufsah, sah ich, dass der Typ groß war. Wirklich groß. Mehr Zeit hatte ich nicht für die erste Einschätzung. »Hast du was gesagt?«, fragte er mich mit erhobener Stimme. Mir sackte das Herz sofort in die Hose, es ging ein Raunen durch die herumstehenden Zeugen, das konnte ich noch hören, aber alles andere um mich herum schien wie erstarrt. Als hätte jemand die Zeit angehalten und mich gelähmt. Es wurde plötzlich so still, dass ich glaubte das Holz an der Decke knacksen zu hören. Mir wurde kalt, meine Hände zitterten. Sollte ich vom Regen in die Traufe gekommen sein? Plötzlich packte mich jemand von hinten an der Schulter und richtete mich wieder auf. Er sah mich an und sagte zischend: »Kein Wort!«
Gerade war Schwester Elisabeth im Anmarsch. Sie fragte: »Was ist hier los?«
Ich glaube der Typ hieß Bertram. »Ich habe mich nur mit dem Neuen bekannt gemacht«, sagte Bertram. »Ab auf deinem Platz!«, zischte Schwester Elisabeth. Sie fragte mich was los sei. Bertram blickte zurück, ich nickte: »Alles in Ordnung!«
Die anderen hatten sich bereits hingesetzt. Auf den Tischen standen jeweils zwei Eisenkannen mit kaltem Tee, ovale Platten mit Aufschnitt, geschnittenen Broten, Butter und portionierter Marmelade. Zum Essen war mir aber nicht zumute. Noch schlimmer fühlte ich mich als Bertram mich ertappte, dass ich ihn anstarrte. Auf den musst du aufpassen, sagte ich mir. Ich trank ein Glas Tee von gefühlten zigtausend in dieser Zeit. Lauwarmer bis kalter Tee.
Jede Gruppe hatte seinen eigenen Schlafsaal und Waschraum. Die Schule war im Nebengebäude mit externen Lehrern. Ich war froh statt Schwester Elisabeth eine richtige Lehrerin zu haben. Jeden Sonntag war Kirchentag angesagt. Zu meinem Bedauern oder meiner Verwunderung wurde Geburtstag nicht gefeiert. Es gab an meinen achten Geburtstag also nichts. Keine Geschenke, nur einen Anruf von meiner Mutter. Jedoch, wenn Namenstag war, so wurde gefeiert! Wir mussten den Namen zwar nicht tanzen, aber es gab wenigstens mal eine Tafel Schokolade und einen kleinen Kuchen.
Ab und zu kam meine Mutter mit meinem zukünftigen Stiefvater zu Besuch. Meine Frage war meistens bei der Verabschiedung, wann ich wieder nach Hause dürfte? Die Antwort war immer die gleiche. Bald!
Nach 14 Monaten war es dann endlich soweit. Nach gefühlten 4000 Gläsern kaltem Tee, Bertram und zigtausenden Stunden Gebeten, welche ich jetzt fehlerfrei im Schlaf beherrschte, ging es endlich nach Hause. Aber vorher kam noch die Schwester Oberin, eine ältere Dame, mit einem riesigen schwarzen Holzkreuz um den Hals, das schwer schien, jedenfalls lief sie krumm und teilte mir mit, dass ich nun umgepolt werde. Umgetauft: Von katholisch auf evangelisch! Meine Mutter war evangelisch, mein neuer Vater auch, also warum ich nicht. Mir war es egal, Hauptsache weg - vom kalten Tee, von Bertram und den frommen Schwestern.
Die Umtaufe war eine riesige Zeremonie in der Kirche. Ich trug einen Anzug mit Krawatte, hatte eine riesige Kerze in der Hand, bekam Blumen und der Pfarrer tat seinen Job. Schwuppdiwupp war ich nun evangelisch. Und welch Überraschung: Es ging wieder nach Stuttgart-Möhringen. Zurück in den Ort, in dem ich aus Schrauben Himbeereis machte. Diesmal in ein eigenes Haus in der Leinweberstraße 84. Ein Haus mit Garten und ich hatte ein eigenes Zimmer. Ein »Herzlich willkommen« -Schriftzug hing über der Eingangstüre und davor stand ein neues Rennrad von Steiger mit 10 Gängen.
Scheunenrauch, Schafe und Dauerwellen
In Stuttgart-Möhringen lebte ich mich schnell wieder ein. Mit Bernd, dem Sohn von der Schlosserei, Fritz und Hans, den Söhnen vom Landwirt Huber, fand ich gleich Freunde und wir wurden eine kleine Rabaukenclique. Huber hatte noch zwei Töchter, aber mit mittlerweile neun Jahren hatte ich nun ganz andere Interessen. Obgleich ich schon meine ersten Anbandelungsversuche gestartet hatte. Ganz klassisch in der Schule. Sie hieß Bärbel und ich steckte ihr den berühmten Zettel: »Willst du mit mir gehen? Ja oder Nein«, zu. Wenn ich noch bedenke wie aufgeregt ich war. Nach mehreren Testläufen im Gedanken brachte ich es endlich übers Herz. Und ich erhielt den Zettel mit einem Ja zurück. Wir machten ab und zu Hausaufgaben und ich war auf ihren Geburtstag eingeladen. Sie sollte auch später die sein, die mir den ersten Kuss abnahm. Jahre später sollte es leichter werden, da war ich Empfänger statt Endsender von ominösen Zetteln, aber das war in meiner DJ- und Sängerzeit.
Damals aber, zog ich noch mein Rennrad von Steiger und meine Freunde vor. Wir stellten immer irgendwelche Sachen an und starteten wichtige, geheime Aktionen. Eine davon war streng geheim. Wir trafen uns alle vier, Bernd, Fritz, Hans und ich in einer Scheune. Wir mussten unbedingt wissen wie es ist, eine zu rauchen. Zu der damaligen Zeit war das Rauchen noch total angesagt. Ob das nun im Fernsehen, in der Werbung oder auf Plakaten war. Von den Politikern ganz zu schweigen. Es gehörte einfach dazu.
Nur war unsere Aktion nicht so geheim wie wir dachten. Die Töchter Hubers hatten uns, wie so oft, in unserem Vorhaben heimlich beobachtet und uns bei Oma Huber verpetzt, sodass wir unser blaues Wunder erleben sollten. Wir waren gerade dabei uns wie die größten Indianer zu fühlen. Die Zigarette ging im Kreis herum und jeder versuchte seinen Mann zu stehen, als auf einmal unter einem lauten Gezeter Oma Huber in die Scheune stürmte. In der einen Hand eine Mistgabel, mit der anderen wild rumfuchtelnd. Vor lauter Schreck, nahm ich den Zug voll auf Lunge, meine Augen fielen fast raus und noch während dem Rennen fing ich an zu husten, dass ich dachte ich müsste sterben. Entweder durch die Zigarette oder durch Oma Hubers Mistgabel. Gott sei Dank war beides nicht der Fall. Danach wollte ich dieses Teufelszeug nie mehr anfassen. Der Vorsatz hielt im Nachhinein doch sehr lange. Mit 30 fing ich dann aber doch damit an. 24 Jahre später war es mal wieder an der Zeit sich darüber Gedanken zu machen aufzuhören. Gut, Gedanken habe ich mir immer mal wieder darum gemacht, aber eben auch nur Gedanken! Nun bin ich aber – so kann ich stolz berichten – seit Herbst 2019 rauchfrei.
Nach zwei Jahren fing die Ehe meiner Eltern an zu kriseln. Alles wurde irgendwie lieblos. Immer mehr herrschten Gereiztheit und Streit bei uns. Dementsprechend bekam auch ich all die Gefühle und emotionalen Blitze, die zwischen meinen Eltern herumschwirrten, ab und da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Möglichkeiten hatte diese Emotionen zu managen, drohten sie mich zu übermannen. Was bleibt einem als Kind da übrig?
Bestimmte Gefühle werden dann einfach verdrängt, weil es einfach schwer ist sie auszuhalten. Man steckt da in der berühmten Zwickmühle. Auf der einen Seite möchte man, dass die Eltern sehen dass man unter der Situation leidet und sie dadurch ihr Verhalten ändern, auf der anderen Seite möchte man aber auch stark wirken, damit sie sich auf sich konzentrieren können und ihre Probleme wieder in den Griff bekommen. Ich zog mich eher zurück, spielte den Starken und machte gute Miene zum bösen Spiel. Aber nichts war gut, denn meist machen sich die unterdrückten Probleme dann erst auf andere Art bemerkbar. Bei mir waren es die schulischen Leistungen, die sich den Situationen zu Hause entsprechend anpassten.
Heute muss ich aber sagen, ich verurteile meine Eltern nicht. Ich habe mal gelesen, dass neben Genen auch sogenannte »Meme« an die Kinder weitergeben werden. Es sind gewisse Verhaltensweisen, die wir damals von unseren Eltern vorgelebt bekommen haben und die wir unweigerlich, auch wenn wir sie damals verteufelt haben, unbewusst nachahmen. Wenn einem dann selber mal der Satz rausrutscht: »Solange du die Füße unter meinem Tisch hast, so lange…«, erschreckt man vielleicht, fühlt sich aber dennoch zu diesem Zeitpunkt im Recht. Klar gibt es immer welche, die den Kreislauf durchbrechen. Das sind dann die schwarzen Schafe der Familie, die ihren eigenen Weg gehen. So eines war ich zwar auch in meinem weiteren Leben - in anderen Situationen - und viele meiner Entscheidungen würde ich heute auch nicht mehr so treffen, aber was spätere Familienangelegenheiten betrifft, habe ich mich auch nicht immer mit Ruhm bekleckert. Im fortgeschrittenen Alter frisst man ja auf einmal die Weisheit mit Löffeln, während man früher den einen oder anderen vollen Teller mit Empathie hat stehengelassen. Jedenfalls kann ich heute ohne Groll sagen: Meine Eltern waren, wie sie waren. Sie haben ihr Bestes getan, nämlich genau das, was sie in der jeweiligen Lage tun konnten. Sie konnten vielleicht auch nur das geben, was sie selber mit auf den Weg bekommen haben.
Mein Stiefvater hatte nebenbei eine Freundin. Er kam nachts nicht mehr nach Hause. Die Scheidung wurde eingereicht und es war mal wieder soweit. Wir zogen aus. Ich verließ wieder meine gewohnte Umgebung, die Schule und meine Freunde. Neue Schule, neues Glück. Meine Motivation ließ ich aber in Möhringen und so schaffte ich es nach kurzer Zeit beim Schulpsychologen der neuen Schule vorzusprechen. Nach seiner Empfehlung/Anordnung wurde ich weitergereicht zu einer Sonderschule.
Wir wohnten jetzt in Forchtenberg und meine Mutter übernahm dort auch eine Gaststätte. Forchtenberg war ein kleines idyllisches Örtchen im Kochertal. Das schlimmste hieran war, dass ich jetzt jeden Morgen 20 Kilometer mit dem Bus nach Künzelsau zu dieser Sonderschule fahren musste.
Meine neuen Kumpels konnten in Forchtenberg auf die Hauptschule gehen, da blieb es natürlich nicht aus, dass man irgendwie schon dazugehörte, aber dennoch Angriffsfläche für den einen oder anderen dummen Spruch bot. Es half alles nichts. Ich musste mich wieder zusammenreißen. Ich musste wieder kämpfen!
So gab ich in den nächsten sechs Monaten Vollgas. Ich entwickelte mich zum Klassenbesten und konnte noch vor den Sommerferien einen Test für die Hauptschule Forchtenberg machen, den ich bestand und somit wieder ab der sechsten Klasse dort in die Schule gehen durfte.
Währenddessen lief die Gaststätte meiner Mutter gut. Meine Mutter war eine hervorragende Köchin. Ab und zu half ich ihr und konnte so sehr viel von ihr lernen. Das Kochen sollte mich mein Leben lang begleiten. Jahrzehnte später war ich selber Besitzer einer Gaststätte in Thailand. Meine Riesenschnitzel waren dort legendär. Meme, Verhaltensweisen, sind nicht immer schlecht. Hierbei habe ich eine Leidenschaft übernommen. Die des Kochens. Aber das ich auch Jahrzehnte später im Knast eine Kochschule eröffnen sollte, wohlgemerkt als Insasse, der der Todesstrafe entgangen und nun ungewiss zwischen 10-15 Jahren dort hocken musste, ist wohl wieder dem schwarzen Schaf geschuldet, zu dem ich aber in dieser Geschichte unfreiwillig werden sollte.
Vorab: Damals erlernte ich aber noch ein anderes Handwerk, was so nicht zum schwarzen Schaf passen sollte. Nach meinem Schulabschluss, den ich mit 15 Jahren erreichte, fing ich ein Praktikum im Friseursalon Wöhr in der Stuttgarter Königstraße an. Beste Adresse, Kunden wie der ehemalige Ministerpräsident Lothar Späth, ging dort ein und aus. Nach kurzer Zeit entwickelte ich mich wohl zum besten Dauerwellenpapierchenfalter der Welt. Gut, der Welt vielleicht nicht. Die wollte ich erst noch sehen. Mit Marokko fing ich an.
Marokko- jetzt bin ich mal weg!
Wenn an einem Februartag sich das Wetter nicht entscheiden kann, ob es nun regnen oder schneien soll, der Himmel grau, fast dunkel gefärbt ist, im Fernsehen nichts Vernünftiges läuft und aktuell keine Freundin am Start ist, dann sind das Momente, in denen man einfach wo anders sein möchte. Der Gedanke an einem Ort zu sein, wo so gut wie immer die Sonne scheint, muss mich wohl in diesem Augenblick so ergriffen haben, dass ich meine Tasche packte. Mit ein paar Klamotten, einer Flasche Apfelsaft, drei bis vier belegten Broten mit Wurst, ca. 170 DM, dazu noch einen Zettel geschrieben, »Ich melde mich«, stand ich eine halbe Stunde später an der Autobahn mit dem Daumen in der Höhe.
Gegen frühen Abend hielt dann ein LKW-Fahrer. »Wohin?«, fragte er mich.
»Wohin fahren Sie denn?«
»Nach Zürich.«
»Gut«, sagte ich. »Passt«, und stieg ein und war schon mal auf den Weg gen Süden, unterwegs Richtung Sonne. Dennoch war mein genaues Ziel noch nicht so richtig klar.
Kurz vor Zürich fragte mich der Fahrer, ob ich an der nächsten Raststätte aussteigen möchte. In Geografieunterricht war ich nicht so oft Kreide holen, weil es mich interessierte und ich daher gut darin war. Ich wusste, Schweiz, da gibt es zwei Möglichkeiten: Italien oder Spanien. In Italien war ich schon als Kind, also fiel meine Wahl auf Spanien. Ich bedankte mich und stieg an der nächsten Raststätte aus. Mittlerweile war es Nacht, der Himmel sternenklar und somit saukalt. Nun stand ich da, mit meiner Tasche in der Hand und mit den Füssen im Pulverschnee, der hier leicht den Asphalt säumte. Von den warmen Lichtern angezogen, alle Lichter sind warm, wenn man nachts im Schnee mit nicht gerade winterfesten Klamotten dasteht, entschloss ich mich erst mal in das Restaurant zu gehen, einen warmen Tee zu trinken und meine weitere Reise zu planen. Das Restaurant war noch gut besucht für diese Uhrzeit. Die Angestellten füllten das Salatbuffet auf. Ein junger Mann wischte den Boden vor dem Tresen. An einem Tisch saßen vier Männer, sie sprachen Französisch. Das passt, dachte ich mir, ich wusste ja, über Frankreich führt der Weg nach Spanien. Als ich meinen Tee getrunken hatte, ging ich zu dem Tisch und erkundigte mich, ob denn einer der Herren Deutsch spräche. Ich hatte Glück, einer der vier verstand mein Gestammel und bejahte mit einem lustigen Akzent: »Oui, un peu,- ein bisschen!«
Zu meinem Erstaunen verstand ich ihn besser als den jungen Schweizer am Tresen. Ich erklärte ihm, dass ich nach Spanien wollte und eine Mitfahrgelegenheit suchte. Er meinte, er fahre nach Montpellier, das wäre Richtung Spanien und kein Problem. Mein Gott, das läuft, dachte ich mir.
