70 Jahre Lebensfreude - Manfred Lange - E-Book

70 Jahre Lebensfreude E-Book

Manfred Lange

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Beschreibung

Die Schilderung meines recht bunten Lebens lässt mich nach über 70 Jahren zu dem Schluss kommen, dass ich dankbar bin, in diesem Land recht unbeschwert aufwachsen zu dürfen und in einer Zeit gelebt habe, in der das Reisen in alle Welt noch recht einfach war.

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Seitenzahl: 647

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Manfred Lange

70 Jahre

Lebensfreude

Eine Schilderung eines fast normalen Lebens

© 2021 Manfred Lange

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Hardcover:

978-3-347-28701-3

e-Book:

978-3-347-28702-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

70 Jahre Lebensfreude

Von Manfred Lange

Dieses Buch ist meinen Kindern Tobi, David und Shareen gewidmet und allen freundlichen Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin und mit denen ich eine angenehme Zeit verbracht habe. Darüber hinaus soll es einen Einblick in eine Zeit geben, in der ein friedliches und unbeschwertes Leben und problemloses Reisen in alle Welt möglich waren.

Vorwort

Die Geschichten in diesem Buch sollen aufzeigen, wie es in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg mit der Wirtschaft in Deutschland langsam wieder aufwärtsging, wie sich das Leben der einfachen Bevölkerung, zu der ich mich zähle, abspielte. Was ich in siebzig Jahren ab Mitte des 20. Jahrhunderts so alles erlebt habe. Das fängt im ganz kleinen familiären Umfeld an, zeigt den Kontakt zu den Nachbarn auf und wie sich daraus der Aktionsradius immer mehr erweiterte. Von der dörflichen Beschaulichkeit und einer Kleinstadt, hin zu größeren Städten, dem Kennenlernen des Deutschland umgebenden nahen Auslands bis zum Erkunden anderer Erdteile wie Asien, Afrika, Amerika und Australien. Es gibt einen Einblick in ein Leben mit „Blick über den Tellerrand hinaus“ und zeigt auf, dass es nicht nur daheim schön und interessant ist. Es gibt aber auch zu bedenken, dass nicht alle Menschen, denen ich auf der ganzen Welt begegnet bin, die gleichen, guten Lebensvoraussetzungen vorfanden wie ich, und zum Teil in großer Armut und Unsicherheit lebten. Ich möchte Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf eine Zeitreise mitnehmen. Tauchen Sie ein, in eine unbeschwerte Zeit in der vieles was heute nicht mehr möglich ist noch möglich war. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen dieser Erlebnisse.

Aus dem Inhalt:

Vorwort

Vorgeschichte und erste Lebensjahre

Die Nachbarn

Das Alltagsleben und die Spielplätze

Abenteuerspiele

Die ersten Schuljahre

Winterzeit und Weihnachten

Meine kirchliche Prägung

Die Zeit auf dem Bauernhof

Spätere Schulzeit und Lehre

Cornet Tuba und Company

Der Dienst am Volke

Die wilden Siebziger Jahre

Vorbereitung auf die 1. Reise nach Indien

Going East

Wieder daheim

Fortszg d. Studiums und 2. Reise nach Fernost

In den Fängen der Staatswächter

Aufbruch in die Wildnis

Zurück nach Deutschland

Auf ins Land der Kängurus

Neue Aspekte

Mit dem Porsche in die Büsche schlagen

Boris, der Porsche – Ersatz

Immer wieder Hin und Her

Zurück nach Pakistan

Mit Boris zurück nach Deutschland

Die türkische Episode

Die Tee-Galerie

Aus der Vergangenheit in die Zukunft

Hochzeitsvorbereitungen

Bei Miaji und Pali in Karachi

Ein Abstecher nach Indien

Einstieg in die Fliegerei

Familienalltag

Sommerurlaub in den USA

California here we come

Las Vegas

Gran Canyon

Küsten Highway Nummer 1

Umzug aufs Land

Indian Tandoori

Umzug der Tischlerei

Die Wende

Der „Männer suchen Abenteuer

Das Hanno – Flugzeitalter

Eine Außenstelle in Hildesheim

Gastfluglehrer bei Aero-West

Baupläne

AFIT Zeit

Ausflüge nach Florida

Das TELIS Zeitalter

Eine neue Epoche

Zurück zu den Wurzeln

Reisen in alle Welt

Als Eventkoch im Ambiente

Vom Mittelmeer zum Pazifik

Das Golf-Zeitalter

Neue Ernährung

Fazit

Vorgeschichte und erste Lebensjahre

Die ersten Erinnerungen gehen zurück in die fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, die geprägt waren durch die Ereignisse des letzten Weltkriegs. Meine Eltern lebten bis zum Ende des zweiten Weltkriegs seit vielen Generationen in Schlesien am Rande des Riesengebirges. Mütterlicherseits war die Familie in der Landwirtschaft und Weberei tätig, seitens des Vaters lebten sie von Fuhrgeschäften. Nach Beendigung der Gewaltherrschaft der Nazis und dem verlorenen Krieg, musste die Familie die anvertraute Heimat verlassen und befand sich wie viele Millionen Deutsche, auf der Flucht. In Leipzig lernte meine Mutter während des Krieges einen Unteroffizier aus dem Harzvorland kennen, der damals schon das bevorstehende, katastrophale Ende hat kommen sehen und ihr anbot, wenn sie die Heimat verlassen müsse, könne sie bei seiner Familie vorläufig unterkommen.

Dieses Ziel vor Augen, kamen sie mit ihrer dreijährigen Tochter Karin, ihrer Mutter und deren Ehemann, der selbst für den Volkssturm schon zu alt war, im Frühjahr 1946, nach vielen Entbehrungen und völlig ausgehungert, dort an. Der selbständige Schlossermeister richtete zwei Zimmer her, in denen die Flüchtlinge Unterkunft fanden, meine Mutter sollte ihm dafür den Haushalt führen. Der Mann meiner Großmutter, war nach einer üppigen Mahlzeit an Darmverschlingung gestorben, da das reichhaltige Essen sein System nach den Hungerzeiten, nicht verarbeiten konnte. Der leibliche Vater meiner Mutter, war im ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen, bevor er und meine spätere Großmutter heiraten konnten.

Zu diesem Unglück traf es meine Mutter kurze Zeit später erneut sehr hart. Ihr Mann, mein Vater, war in englischer Gefangenschaft als ein Militärfahrzeug im Sommer des Jahres 1946, ihre kleine Tochter, die die mühsame und schicksalsvolle Flucht überstanden hatte, überfuhr. Das kleine Ding spielte an der Straße als sie ein Fahrzeug hörte. Sie hatte gelernt, wenn sich ein solches näherte stehen zu bleiben. Das tat sie auch aber leider auf der Straße. Das Wichtigste, was meiner Mutter während und nach dem Krieg geblieben war, raffte das Schicksal nun auch noch dahin. Die Trauer war riesengroß.

Der damalige Bürgermeister des Ortes versuchte daraufhin, bei dem britischen Militärgouvernement, in dessen Besatzungszone das Unglück passierte, meinen Vater aus der Gefangenschaft vorzeitig frei zu bekommen. Es wurden viele Eingaben gemacht. Da mein Vater kein aktiver Nazi war und weder der SS noch der SA angehörte, vergingen „nur“ weitere zwei Jahre bis er entlassen wurde. Zwischenzeitlich hatte der Schlossermeister meiner Mutter angeboten, ihr eine Summe Geld zu leihen, damit sie ein Haus bauen konnte und war ihr auch bei der Durchführung sehr behilflich. Am Ortsrand in einem Siedlungsgebiet erwarb sie ein Grundstück und der Hausbau begann. Als mein Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte, stand es schon da. Ein Fachwerkhaus, außen und innen verputzt mit einem Keller. Drei Zimmer im Erdgeschoss und zwei im oberen, einem Spitzboden und über einem Stall ein weiterer Dachboden, den mein Vater mit einer Hobelbank bestückte und als kleine Tischler-Werkstatt nutzte. Neben dem Stall ein Plumpsklo. Die Oma und die Mutter waren schon eingezogen.

Im Sommer des Jahres 1949 traf ich dann ein und die kleine Familie führte fortan ein bescheidenes Dasein. Zweieinhalb Jahre später gesellte sich zu mir noch ein Schwesterchen. Zwischendurch hatte meine Mutter eine Zwillingsfehlgeburt.

In meinem dritten oder auch vierten Lebensjahr, erinnere ich mich an einen sehr kalten Winter. Das Erdgeschoss des neuen Hauses war noch nicht vollständig in Gebrauch, zumindest nicht für tiefe Temperaturen hergerichtet, so dass im Obergeschoss in einem kleinen Zimmer mit einem, vom Schlossermeister zur Verfügung gestellten „Kanonenofen“, eingeheizt wurde. Trotzdem „blühten“ Eisblumen an den einfach verglasten Fensterscheiben.

Mein Vater fand als Tischlergeselle bei einem Tischlermeister im Dorf eine Anstellung. Meine Mutter und meine Oma arbeiteten in einer Teigwarenfabrik in der nächsten Stadt im Schichtbetrieb. Den Weg zur Arbeitsstätte legten sie zu Fuß zurück. Ich wurde immer mitgenommen, z.B. von der Oma, wenn sie zur Arbeit ging und dann meiner Mutter übergeben, wenn sie Feierabend hatte und umgekehrt.

Das Haus war das letzte am Ortsrand des Siedlungsgebietes, mit einem wunderbaren Blick auf die nahen Wälder des Harzrandes. Dazwischen verlief die Bundesstraße. Zur anderen Seite erschloss sich die Feldmark. Da die Wohnungsnot nach dem Krieg in Deutschland groß war, zogen bald Mieter ein. Zunächst Frau Lorke, eine Kriegswitwe an die ich mich nicht mehr erinnere. Meine Mutter erzählte mir später, dass sie mich als Baby sehr mochte und mir kleine Aufmerksamkeiten zukommen ließ, wie beispielsweise einen Löffel, mit dem ich gefüttert wurde, der seitenverkehrt gebogen war und so meine Fütterung erleichterte. An diesen Löffel konnte ich mich noch erinnern.

Später bezog eine Familie mit drei Kindern zwei Zimmer im Erdgeschoss. Das alles half, die monatlichen Kreditkosten zusammen zu bekommen und trug so zum Familieneinkommen bei. Im Garten, zwischen Haus und Bundesstraße, wurde Gemüse angebaut und in einem kleinen Stall wurde ein Schwein gemästet. Eine Ziege, die einige Male auch junge Zicklein zur Welt brachte, war im Stall nebenan. Hinter dem Haus hatte der Vater einen Hühnerstall gebaut, in dem fortan so etwa acht Hühner und ein stolzer Hahn, ihr Dasein fristeten und den nötigen Eierbedarf lieferten. Zeitweilig landete auch das eine oder andere Huhn in der Backröhre oder im Suppentopf. Später baute der Vater noch einen Kaninchenstall in dem zwei Kaninchen herangezogen wurden, die im Ernährungsplan mit einkalkuliert waren.

Das Schlachten der Hühner vollzog meine Großmutter. Das ausgewählte Tier wurde gefangen, mit der einen Hand an beiden Flügeln gepackt, mit der anderen wurden die Beine gehalten, ein kurzer Schlag mit dem Kopf an den Hackeklotz betäubte das Huhn. Mit einem Beil ein gezielter Schlag, der Kopf lag daneben und aus dem Hals spritzte das Blut. Es war nicht schön, aber es war normal in dieser Zeit. Danach wurde das Relikt mit heißem Wasser übergossen und fein säuberlich gerupft. Die feinen Restfedern wurden dann über einem Feuer aus zusammengeknülltem Zeitungspapier abgefackelt. Das Ausnehmen und das Zubereiten verstand die Oma perfekt.

Neben unserem Haus lagen Ländereien, die z.T. von einigen Leuten aus dem Dorf beackert wurden. Vornehmlich von anderen Flüchtlingen, die dort ebenfalls Kartoffeln oder Gemüse zum Eigenbedarf anbauten. Als kleiner Steppke hatte ich schon damals keine Berührungsängste und so lernte ich schnell die Nachbarn der ganzen Siedlung kennen und die mich auch. So erweckte ein kleines Mädchen der Familie, die das Feld neben unserem Haus gepachtet hatten, meine Aufmerksamkeit und wir spielten zusammen, während die Eltern beschäftigt waren. Auch meine Eltern pachteten einen kleinen Streifen Land, das am anderen Ende des Dorfes lag und pflanzten dort zusätzlich Kartoffeln an, die nach der Ernte, im Keller als Jahresbedarf, eingelagert wurden. Zu allen Arbeiten wurde ich mitgeschleppt und erlebte schon so, früh den Kontakt zur Natur.

Auf dem gut sechshundert Quadratmetern großen Grundstück unseres Hauses, wurden Bäume gepflanzt. Vor dem Giebel zur Bundesstraßenseite hin, wuchsen zwei Kirschbäume empor, die von uns Kindern später als perfekte Klettergerüste genutzt wurden. Ein Birnbaum, zwei Apfelbäume und ein Fliederbusch ergänzten die Sammlung. Der besondere Stolz meines Vaters war ein Eierpflaumenbaum, der nach einiger Zeit auch eiergroße Pflaumen hervorbrachte. An den Seitenrändern des Gartens waren kleine Büsche angepflanzt, die Stachelbeeren, rote und schwarze Johannisbeeren hervorbrachten. Dazwischen leuchteten im Sommer rot einige Himbeersträucher.

Von der Hintertür des Hauses, führte ein schmaler, grasbewachsener Pfad zwischen den Kirschbäumen bis zum Grundstücksende. Rechts und links davon eine Reihe Ringelblumen, Löwenmäulchen, Astern und Gladiolen. Meine Mutter mochte es, von Blumen umgeben zu sein. Dahinter waren auf der einen Seite Gemüsebeete mit Möhren, Zwiebeln, Porree, Gurken, Radieschen, diversen Küchenkräutern, Weißkohl, Rotkohl und Kohlrabi angelegt. Die andere Seite war zu zwei Dritteln mit Kartoffeln und der Rest mit Erdbeeren bepflanzt. Den Zaun zur Straßenseite verdeckten im Sommer rankende Wicken. Zur Erntezeit waren Mutter und Großmutter immer fleißig mit dem Einkochen beschäftigt. Die Obstsorten wurden zu Kompott verarbeitet, aus den Früchten machten sie Marmelade. In einer Tonkrugge wurde Sauerkraut bevorratet. So war Vitamin C für den Winter vorgesorgt.

Mittlerweile befand sich in dem anfänglich sehr spartanisch eingerichteten Haushalt ein Elektroherd mit Backröhre. Der einfache Kohleherd wurde durch einen Kachel-Kochherd ersetzt. Ein Vertreter verkaufte meinen Eltern eine Universal-Küchenmaschine auf Abzahlung, dem der Vater nur zustimmte, weil ein Zusatzaggregat eine elektrische Bohrmaschine daraus machte. Samstags wurde Kuchen gebacken, meist ein Streusel- und ein Zuckerkuchen, im Sommer ergänzt durch diverse Obsttorten. Sonntagvormittags, während die Oma das Mittagessen kochte, zauberte die Mutter manchmal eine Sahnetorte, von der am Nachmittag zur Kaffeezeit mit großem Genuss gekostet wurde. Der restliche Kuchen wurde im Laufe der Woche verzehrt.

Zu Beginn des neuen Jahres musste auch das angefütterte Schwein dran glauben. Einige Tage vorher zog meine Großmutter, mit einem Leiterwagen und mir im Schlepptau, zum Schlossermeister, der für mich der „Onkel Otto“ war, um den „Schlachtetisch“, den „Brennetrog“ und einige Mollen abzuholen. Früh am nächsten Morgen traf dann der Hausschlachter ein, mit seiner Wurstmaschine, dem elektrischen Fleischwolf und dem dazugehörenden Fleischkasten, seinem Bolzenschussgerät, Schabeglocken, einer Ledertasche mit verschiedenen Messern und einem Wetzstahl. Die Geräte wurden in den Keller gebracht, wo schon der Schlachtetisch bereitstand. Für den Motor, der den Fleischwolf antrieb, brachte der Schlachter seine eigene Sicherung mit, da die üblichen Haussicherungen beim Anlaufen des Motors meist durchbrannten.

Im Stall war der Brennetrog positioniert. Im Keller brodelte schon das heiße Wasser im Waschkessel. Die arme Sau wurde aus dem Stall herausgelassen. Neugierig und unsicher schaute sie sich um. Sobald sie sich neben dem Brennetrog befand, war es auch schon passiert. Ein Knall und das Tier fiel um. Jetzt wurde die Kehle angestochen. Das warme Blut floss in einen Eimer und musste jetzt kräftig gerührt werden. Diese Prozedur durfte ich meist nicht mit ansehen. Nachdem kein Blut mehr aus dem Hals herauslief, wurde der Trog angekippt, die tote Sau hinein gewuchtet und in Position gebracht. Mit kochend heißem Wasser wurde sie nun abgebrüht und mit den Glocken die Borsten abgeschabt. Sie wurde hin und her gedreht, bis das arme Tier splitternackt war. An den Glocken waren spitze Haken, mit denen die Pfoten von den Hornschuhen befreit wurden. Der Schlachter fischte, nachdem das Schwein am Haken hing, alle Borsten aus dem Trog und steckte sie in das Netz, in dem er vorher die Glocken transportiert hatte. Die Borsten nahm er mit und verkaufte sie. Daraus wurden Bürsten und Pinsel gemacht.

Jetzt wurde die arme Sau aufgehängt. Dafür wurde in die Hinterläufe jeweils ein Schnitt zwischen Sehne und Knochen angebracht und ein leicht gebogener Stock mit Einkerbungen am Ende durchgeschoben. Die Männer hievten sie hoch und hängten sie kopfüber an einen Haken. Der erste Job war getan. Es war Zeit für eine Pause. Die Mutter hatte bereits für alle das Frühstück vorbereitet.

Dieses Ereignis rief in unserer Verwandtschaft, besonders bei meinem Onkel Fritz, immer ein großes Interesse hervor. Er bot sich gern als Helfer an. Meist kam er einen Tag vorher und blieb auch bis zum Folgetag. So waren alle am Frühstückstisch versammelt. Vater schenkte erst einmal einen Schnaps ein, getreu dem Motto: „Wenn das Schwein am Haken hängt, wird der Erste eingeschenkt“. Nach dem Frühstück ging es gestärkt weiter, Das Schwein wurde von oben bis unten am Bauch aufgeschlitzt, die Innereien herausgenommen und in den Keller gebracht. Zwischendurch kam der „Trichinenbeschauer“, der winzige Fleischstücke unter dem Mikroskop betrachtete und mit einem Stempel am Schinken des Tieres bestätigte, dass es weiter zum Verzehr verarbeitet werden konnte.

Im Keller hatte unterdessen die Oma den Kessel gut angeheizt Die ersten Fleischteile konnten hineingelegt werden. Der Fleischwolf produzierte frisches Mett. Teilweise zum direkten Verzehr, aber auch für die künftigen Mettwürste, die anschließend mittels der Wurstmaschine und sogenannten „Sanipel-Därmen“ hergestellt wurden. Diese wurden luftgetrocknet und erst verzehrt, nachdem sie gereift und einen gewissen Härtegrad erreicht hatten. In Naturdärmen abgefülltes Mett wurde später gekocht und konnte nach dem Abkühlen direkt gegessen werden. Aus den gekochten Teilen wurden dann Leberwurst, Knackwurst, und Rotwurst gemacht, in die Schweinsblase kam die Sülze hinein. Auch viele Dosen wurden gefüllt, die bei einem Nachbarn, der eine Dosenverschlussmaschine hatte, fachgerecht verschlossen und anschließend im Kessel gekocht wurden.

Zum Mittagessen gab es dann die ers

te Schlachteplatte mit frischem gewürzten Mett, einigen Steekscheiben und gekochtem Fleisch. Besonders beliebt waren das Herz und die Leber, die frisch gebraten und mit etwas Salz gewürzt anscheinend einen Wohlgenuss auslösten. Reichlich Bier und Schnaps gehörte ebenfalls dazu. Die Nachbarschaft wurde mit Fleisch- und Wurstbrühe versorgt. Einige bekamen auch kleine Knackwürste. Das Prozedere wiederholte sich, wenn diese ihrerseits schlachteten. Bis spät in den Abend hinein wurde gewerkelt und anschließend alles saubergemacht. Der Geruch des Schlachtens hielt sich noch mehrere Tage im Haus. Die Würste wurden in der Seitenkammer des Dachbodens sorgfältig aufgehängt und warteten dort auf den späteren Verzehr.

Ein ähnliches Schicksal wie das Schwein, erfuhre

n die Zicklein, die Kaninchen und die Hühner, deren Bruttätigkeit immer wieder Küken hervorbrachten, die später zu Legehennen heranreiften. Die Versorgung der Familie geschah überwiegend aus heimischem Anbau. Zugekauft werden mussten nur die Grundnahrungsmittel, aus dem nahe gelegenen Konsum. Brot gab es beim Bäcker, Milchprodukte wurden aus dem kleinen Molkerei-Kiosk, in dem später ein Schlachter aus der nahen Stadt eine Verkaufsstelle errichtete, geholt.

In der Wohnküche stand unter dem einzigen Fenster eine Nähmaschine auf einem Tisch-Gestell, in dem sie bei Nichtgebrauch versenkt werden konnte. An dem Tretmechanismus befand sich ein großes Schwungrad, das mir als kleiner Knirps als Lenkrad für mein „Auto“ zum Spielen diente. Ich setzte mich auf die große Pedalplatte und fuhr los, immer schön lenkend und entsprechende Geräusche machend, manchmal nahm ich auch meine kleine Schwester mit, die hinter mir auf der Pedalplatte noch Platz fand. Grundsätzlich diente die Nähmaschine aber der Mutter, die damit überwiegend für uns Kinder, passable Kleidungsstücke schneiderte. Besonders stolz war ich auf meinen ersten Anzug, der, aus einem alten Stück gefertigt, so zu neuem Glanz kam. Wenn mal ein großes familiäres Ereignis anstand, zu dem die Eltern eingeladen wurden, ließ sich meine Mutter bei einer im Dorf ansässigen Schneiderin auch mal ein neues Kleid anfertigen, das damals preiswerter war als ein fertiges aus einem Damenbekleidungsgeschäft.

Die weitere Möblierung der Wohnküche bestand aus einem breiten Sofa, mit großem Ausziehtisch davor. Den, so erfuhr ich später, hatte mein Vater in der Tischlerei, in der er arbeitete, nach Feierabend selbst hergestellt. Um den Tisch fanden vier Stühle Platz. Vater saß immer auf dem Sofa, ihm gegenüber die Mutter und meine Schwester, an den Enden saßen meine Großmutter und ihr gegenüber ich. Neben Elektro- und Kachel-Herd befand sich das Waschbecken, das für alle feuchten und nassen Vorgänge benutzt wurde. Mein Vater hatte es mit einem kleinen Schränkchen umbaut. Putzmittel und Waschutensilien konnte darin verstaut werden.

In der Winterzeit saßen meine kleine Schwester und ich mit der Oma oft vor dem Kachelofen. Draußen war es früh dunkel und im Ofen loderte die Glut. Die Oma saß auf einem Stuhl und strickte. Wir hockten neben ihr auf einer Fußbank und beobachteten, wie die Glut in den Aschekasten fiel, während die Oma uns Märchen erzählte. Draußen pfiff der eisige Wind ums Haus. Die Zweige des Sauerkirsch-Baumes, der direkt am Haus stand, schlugen beängstigend gegen die Hauswand.

An der dem Sofa gegenüberliegenden Wand, stand der Küchenschrank, auch Marke Eigenbau. Die Tür daneben führte links zum Stall und Hinterausgang. Rechts dahinter befand sich eine kleine Speisekammer. Ein schmales Holzregal, das die Oma vom Dorftischler auf ihre Kosten hat anfertigen lassen, stand an der Wand neben dem Sofa. Darin wurden alle Sachen untergebracht, für die im Küchenschrank kein Platz mehr war. Verdeckt wurden sie von einem bunten Stoffvorhang. Auf dem Regal stand auch ein Nordmende-Radio, mit einem „Magischen Auge“, das mich besonders faszinierte und in das ich oft hineinsah. Dabei ging meine Fantasie gelegentlich mit mir durch. Besonders dann, wenn ich am Sendersuchknopf drehte und sphärische Klänge zu hören bekam. Der Fußboden war mit Linoleum ausgelegt, auf dem ein orientalisches Teppichmuster aufgedruckt war. Jedes Wochenende wurde das mit Bohnerwachs und einem schweren Bohnerbesen auf Hochglanz gewienert.

Das Fenster gab dem Raum Licht und bot eine schöne Aussicht auf die beiden Kirschbäume und den in der Ferne liegenden Harzrand. In den ersten Jahren war es nur mit einfachen Scheiben verglast, die in den Wintermonaten immer mit dicken Eisblumen geschmückt waren. Wir Kinder hauchten dagegen und malten mit den Fingern Figuren hinein. Später setze mein Vater noch einen Fensterrahmen davor, der als Doppel- oder Kastenfenster nicht die ganze Wärme entweichen ließ. Dafür war die Innenwand zum Hof hin gelegentlich mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Die Außenwände waren in den Anfangsjahren höchstens zwanzig Zentimeter dick. In den frühen sechziger Jahren wurde dann die Hauswand zur Hofseite mit Eternitplatten behängt und in den Siebzigern der Raum von innen mit Dämmplatten isoliert.

In der oberen Etage war das Schlafzimmer meiner Eltern in dem meine Schwester und ich auch mit untergebracht waren. Die Oma hatte ihre Kammer gegenüber. Manchmal kroch meine Schwester zu mir in mein Bett und wir grübelten über die Märchen nach, die uns die Oma erzählt hatte. Gelegentlich ersann auch ich ein eigenes Märchen und erzählte es meiner Schwester.

Auf dem Hof hatte mein Vater in einer Ecke einen Sandkasten zum Spielen gebaut. Mit den Kindern unseres Mieters bauten wir darin Sandburgen, um die herum unsere Spielautos sich bergauf und bergab mühten, verbunden immer mit den entsprechenden Brumm-Brumm- Geräuschen. Doch bald reichte der Sandkasten als Spielhort nicht mehr aus und der Hof wurde mit in Beschlag genommen. Dort fand dann unser Miniaturleben statt. Wir bauten uns aus Pappe und Holzresten einen Bauernhof, hatten hölzerne Spielpferde und andere Tiere, und Holz-Traktoren mit Wagen. So imitierten wir das bäuerliche Leben, das um uns herum im Großen real stattfand.

Die Nachbarn

In der Siedlung lebten zwei andere Jungen in meinem Alter, auch im Sommer 1949 geboren. Norbert wohnte nur drei Häuser weiter und war mein erster Spielkamerad. Kurze Zeit später kam noch Rolf, genannt Rolli, hinzu, der am Ende einer Querstraße wohnte. Norberts Vater war auf dem Bau beschäftigt. Seine Mutter ging mit meiner Mutter und der Oma „stempeln“, so nannte man damals die Zeit ohne Beschäftigung, bei der einmal in der Woche die Arbeitslosen im Amt erscheinen mussten, in das Arbeitslosenheft einen Stempel und das „Stempelgeld“ bekamen. Das war meistens im Winter. Wir Kinder wurden natürlich wieder mitgenommen auf den langen Fußmarsch in die drei Kilometer entfernte Stadt.

Rollis Vater arbeitete als Sprengmeister in einem Steinbruch, und war begeisterter NSU – Max Fan. Er hatte auch ein solches, damals ein sehr beliebtes Motorrad. Seine Mutter war zu Hause und kümmerte sich um den Haushalt. Er hatte noch einen älteren Bruder, Otto, der Ende der fünfziger Jahre eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in einem Fischgeschäft in der Stadt machte. Er versorgte während dieser Zeit, die nächsten Nachbarn mit den Früchten aus Neptuns Reich.

Mal mit dem einen, mal mit dem anderen Spielkameraden verbrachte ich die überwiegend freie Zeit. Bei Norbert war in einem Schuppen neben dem Haus, eine Schaukel angebracht, die wir reichlich abwechselnd nutzten und dabei unseren Spaß hatten, Die meiste Zeit verbrachte ich mit Rolli. Er wohnte mit seinen Eltern und Großeltern in einer Doppelhaushälfte, sie hatten einen großen Garten. Das Grundstück war größer als das meiner Eltern. Seine Oma war blind und Opa Heinrich ein Erster-Weltkriegs-Veteran mit einem kinderfreundlichen Gemüt. Markant war auf dem Grundstück ein Reineclauden-Baum, der zur Erntezeit immer große, süße, gelbe, Pflaumenfrüchte hervorbrachte.

Im Nachbardoppelhaus wohnte eine Familie mit deren Eltern. Auch hier waren zwei Kinder in unserem Alter, ein Mädchen, Veronika, und ein Junge, Gerald. Im Garten stand eine Laube, die von uns Kindern sehr gern als Spielstätte genutzt wurde, nicht immer zur Freude der gestrengen Großmutter Anna.

Nebenan wohnte „Onkel Uhde“, der hatte eine kleine Werkstatt mit für uns sehr faszinierenden Gerätschaften. Auf der anderen Straßenseite wohnten Lunkwitzes, mit Tochter Helga. Nebenan im Haus, „Onkel Horst“, der als Schuhmacher den Nachbarn neue Sohlen unter die verschlissenen Schuhe schusterte. Dort saß ich gelegentlich mit ihm unter dem Schauer und schaute zu, wie er mit seinen Werkzeugen hantierte. Zum Beispiel, wie er mit einem durch einen Pechstein gezogenen Faden und einer Nadel durch die vorher mit einer Ahle gestochenen Löcher die lose Sohle wieder an den Schuh nähte. Er wohnte im Haus seiner Eltern mit seiner Schwester, deren Mann und einer Tochter Inge, die etwas älter war als wir.

Gegenüber wohnte die Kriegerwitwe, Alwine K., mit ihren Töchtern Sigrid und Adelheid. Es trennten uns nur zwei drei Jahre, aber in dem Alter war der Unterschied beachtlich. Wir, als jüngere Kinder, litten immer ein wenig unter der leichten Arroganz der Älteren. Deshalb gingen wir ihnen meistens aus dem Weg. Frau Alwine konnte den Soldatentod Ihres Mannes nicht verkraften und war nervlich immer sehr angespannt. Sie drehte gelegentlich auch mal durch, bis sie später ganz Gagga war.

In dem einen Eckhaus, an der Querstraße zu Rolli, wohnten Bertrams, ein älteres Paar. Bei Ihnen lebte Ingrid, ihre Enkeltochter, deren Eltern beide im Krieg umgekommen waren. Gegenüber Bertrams, an der anderen Straßenecke wohnte Alwin S., bei dem auch die Dosenverschlussmaschine stationiert war. Dort gegenüber wohnten Illemanns, die über das einzige Telefon in der Siedlung verfügten und somit öfter als Kommunikationsboten fungierten. Deren Telefonnummer wurde an die ganzen Verwandten der Siedlungsbewohner weitergereicht und immer wenn ein Anruf ankam, machte sich Frau Illemann auf den Weg, um den gewünschten Gesprächspartner an den Apparat zu holen.

Am Eingang zur Siedlung wohnten „Tante Rosa“, ihr Mann, „Onkel Fritz“, und deren Sohn, für uns „Onkel Willi“. Onkel Fritz war Straßenbauarbeiter, Tante Rosa Hausfrau. Sie war eine sehr redselige Hessin mit einem sonnigen Gemüt. Sie galt im Dorf als „Original“. Jeder kannte sie. Sohn Willi arbeitete in der Dosenfabrik in der Stadt. Er war immer mit dem Fahrrad unterwegs, sehr oft in Schlangenlinien, da er nach Feierabend häufiger eine „After-Work-Party“ dranhing, wie man es heute nennen würde.

Als letzte Siedlungsbewohner waren da nur noch unser direkter Nachbar Josef Volkmar mit seiner Frau Elli Paust und deren Töchtern Eleonore und Waltraut. Als Mieter wohnten im Dachgeschoß Herr und Frau Bochdam, beide pensionierte Lehrer und stets versucht, uns Kindern Kultur zu vermitteln. Herr Bochdam beeindruckte mich einmal dadurch, dass er aus einer Glasflasche, in die ein Korken hineingerutscht war, diesen mit einem Bindfaden, den er mehrfach verknotete, wieder herausholte. Später, als ich schon zur Realschule ging, erschien ich einige Male bei Frau Bochdam zur Deutsch- und Englisch-Nachhilfe, leider ohne den gewünschten Lernerfolg.

Nebenan war das Haus der Wielerts mit Sohn Horst, der ein tolles Motorrad hatte. Seine Schwester Loni war mit einem Glasermeister verheiratet, der aus Hannover kam. In Seesen hatte er seine Glaserei und damit war er einzige selbstständige Unternehmer in der kleinen Siedlung. Sohn Horst kam bei einem Motorradunfall ums Leben. Die Eltern konnten diesen Verlust nicht überwinden. Frau Wielert trug, solange ich sie kannte, schwarze Trauerkleidung.

Alle Nachbarn der kleinen Wohnsiedlung spielten in meinen ersten Lebensjahren immer wieder die eine oder andere Rolle. Ich merkte sehr bald, wer Freund war und wer nicht. Besonders freundlich und nett war unser direkter Nachbar „Onkel Josef“. Als Kinder bezeichneten wir die Erwachsenen meist als „Onkel“ oder „Tante“, obwohl kein verwandtschaftliches Verhältnis bestand. Das blieb dann vielfach auch noch im Erwachsenenalter lange bestehen. Er war Handelsvertreter und hatte einen kleinen Lloyd-Alexander-Kombi. Mit dem fuhr er über Land und brachte seine Waren an den Mann. An seinen freien Tagen am Wochenende, lud er gelegentlich einige Siedlungs-kinder ein und machte mit uns eine Spritztour in den Harz. Unterwegs kaufte er uns auch allen ein kleines Eis, was uns immer besonders glücklich machte.

Seinen Garten hielt Onkel Josef immer gut in Schuss. Im Frühjahr hob er immer eine Grube aus und füllte diese mit dem Inhalt der Sickergrube, die mit menschlichen Ausscheidungen zu dieser Jahreszeit gut gefüllt war. Bis eines Tages, seine kleine Enkeltochter Maria, genannt Mia, sich als vierjähriges Kind zu nah an den Rand wagte und kopfüber hineinfiel. Der Opa war Gott sei Dank in unmittelbarer Nähe und fischte sie heraus. Der Anblick und der Geruch waren nicht so erquickend. Von da an war mit der Grube im Frühjahr Schluss.

Seine Frau, für uns: „Tante Paust“, hatte einen kleinen Außerhaus – Getränkeverkauf, von dem die Nachbarn häufig Gebrauch machten, um sich nach Feierabend die eine oder andere Flasche Bier zu gönnen. Zigaretten gab es auch, und so schickte mich mein Vater auch öfter dorthin, um Zigaretten und gelegentlich auch mal eine Flasche Bier zu holen. Die Zigaretten waren damals noch in Packungen zu sechs Stück verpackt. Die Marke meines Vaters war „Eckstein Nr. 5“, in einer grünen Schachtel und kostete fünfzig Pfennige. Für die Kinder gab es Süßigkeiten im Sortiment. Für ein paar Pfennige durften wir uns gelegentlich ein Leckerli kaufen.

Onkel Josef hatte auch eine musikalische Begabung, er spielte Akkordeon. Gelegentlich konnten wir in der warmen Jahreszeit bei geöffnetem Fenster aus einem Raum schwungvolle Akkordeonklänge vernehmen. Einer meiner späteren Schulfreunde Hilmar, hatte bei ihm das Akkordeon spielen gelernt.

Zu meinem dritten Geburtstag erhielt ich mein erstes Dreirad, das war natürlich ein Geschenk der besonderen Art. Norbert und Rolli hatten schon eins bekommen, deren Räder waren luftbereift. Meine Bereifung hingegen war aus Vollgummi. Zusammen düsten wir mit unseren Rädern die Siedlung auf und ab und erkundeten unsere Umgebung, wobei der Aktionsradius immer größer wurde.

Mitte der fünfziger Jahre wurde neben unserem Haus, ein Neubaugebiet für weitere sechs Siedlungshäuser erschlossen. Durch die einsetzende Bautätigkeit geschahen für mich viele neue Dinge. Zunächst machten sich die neuen Siedler daran, in Gemeinschaftsarbeit die Baugruben per Hand auszuschachten. Im weiteren Verlauf kamen die Baufirmen, die die Fundamente anlegten, die Decken einschalten und so langsam die Häuser in die Höhe zogen. Dabei wurde immer sehr viel Eigenleistung mit eingebracht. Für die örtliche Kanalisation rückten Baumaschinen an, die mir vorher unbekannt waren und die natürlich meine höchste Aufmerksamkeit erweckten. Als Kinder waren wir leider auf den Baustellen nicht gern gesehen, da ein nicht auszuschließendes Unfallrisiko definitiv bestand. Ich betrachtete daher das Geschehen meist aus einiger Entfernung.

Mit den neuen Siedlern freundete ich mich schnell an. Direkt neben unserem Haus baute eine Kriegerwitwe mit Ihren drei Söhnen, Rudi, Lothar und Siegfried. Nebenan zogen weitere neue Siedler ihr Häuschen hoch, Hannelore und Inge waren die beiden Töchter. Am Ende der Reihe Familie E., mit ihren Kindern, Harry und Wally. Hermann S. und Frau mit drei Kindern hatten auf der anderen Straßenseite das erste Haus. Familie Emil F. mit Frau Thea und den Kindern, Erika, Horst und Waltraut, waren die Nachbarn. Otto M. mit Frau und den Kindern Horst und Rosi, hatten den letzten Bauplatz. Herr M. war Maurerpolier und zog das Haus weitgehend selbst hoch.

Es gab überall sehr viel zu sehen und Neues zu entdecken. Mit den Kindern kamen zusätzliche Spielkameraden zu uns in die Siedlung. Als die Häuschen fertig waren, zogen neben den Bauherren auch überall Mieter mit ein. Bei den direkten Nachbarn wohnten im Obergeschoss Herr und Frau Nitsch. Er hatte im Krieg ein Bein verloren und war Geigenbauer von Beruf. Auch mit Kamm und Schere konnte er gut umgehen. Als Kind war ich oft bei ihm zum Haareschneiden. Außerordentlich interessant fand ich eine seiner Geigen, die er aus abgebrannten Streichhölzern gebaut hatte. Manchmal spielte er mir darauf etwas vor. Ein Virtuose war er allerdings nicht, es hörte sich alles ziemlich schräg an.

Ein paar Jahre später baute auch er auf einem noch freien Bauplatz, schräg gegenüber von unserem Haus. Beachtlich war dabei, dass er für die erforderliche Kanalisation unter der Siedlungsstraße hindurch, die zu der Zeit schon neu und befestigt war, einen Kanal per Handarbeit ausstach. Zuerst von der einen Seite bis zur Mitte, dann von der anderen, bis man ganz hindurch gucken konnte. Er brauchte sehr viele Tage dafür. Bewundernswert war seine Ausdauer. Nur mit einem Spaten, den er später bei Bedarf mit einer langen Stange verlängerte, holte er Stich für Stich die Erde heraus. Seine Frau transportierte den Aushub eimerweise ab.

Bei Familie Wille zog Onkel Oskar, wie wir ihn nannten, ein, der Bruder von Frau Elli Rückemann. Als die Töchter Inge und Hanelore später heirateten, zogen auch die Ehemänner Siegfried und Alfred zunächst mit ein. Über diese Verbindung lernte ich auch meine erste Brieffreundin Annette aus Berlin-Charlottenburg kennen, mit der ich viele Jahre freundschaftliche Briefe austauschte.

Im Erdgeschoss bei Familie Engel hatte Frau Schaub, die gehbehindert war, ein Zimmer gemietet. Gelegentlich besuchte ich sie und brachte ihr meine selbst gebastelten Papphäuser mit, die sie sehr zu bewundern schien. Familie Hermann Sonnabend hatte ein Ehepaar als Mieter und bei Emil Fenske zogen Alfred und Hedwig Thiel ein. Alfred war auf dem Bau beschäftigt und auch sie bauten später ein eigenes Haus auf einem Siedlungsbauplatz. Die Familie Otto Müller hatte die Familie Otto Dittrich oben wohnen, die zwei schon ältere Kinder hatten. Dort saßen wir öfter mit anderen Siedlungskindern und sahen Sonntagnachmittags das Kinderprogramm im Fernsehen. Frau Dittrich, eine liebenswerte Mutter, versorgte uns dabei mit Kakao und etwas selbst gebackenem Kuchen.

Direkt gegenüber von uns, baute Erich Bornemann, den ich schon vorher einige Male bei uns zuhause gesehen hatte. Er kassierte den Beitrag für die Feuerversicherung und erzählte mir dabei immer stolz von seinem großen Motorrad. Im oberen Geschoß zogen die Tochter Ilse mit Mann Günter Meyer ein. Mit Günter spielte ich Federball auf der Siedlungsstraße. Nachdem die letzten Grundstücke bebaut waren, wurde die Straße erneuert und mit einer Asphaltdecke versehen. Ich erinnere mich an Lastwagen, Straßenbaumaschinen und die große Dampfwalze, auf der ich einmal mitfahren durfte. Im Sandkasten und auf unserem Hof, spielten wir Kinder dann die Bauarbeiten nach.

Das Alltagsleben und die Spielplätze

Eine magische Anziehungskraft übte der große Mühlenteich auf uns aus, der in unmittelbarer Nähe unserer Siedlung lag. Besonders vielleicht auch deshalb, weil Rollis Bruder Otto, aus diesem immer wieder mit „Schätzen“ nach Hause kam. Nach dem Kriegsende hatten die Engländer, die in der Gegend noch aufgespürten Wehrmachtssoldaten aufgefordert, alle ihre Waffen und sonstiges Kriegszubehör zu vernichten und in dem Teich zu versenken, bevor sie in Gefangenschaft gingen. Das erfuhren wir von den Nachbarn. So kam es, dass, wenn vor Weihnachten das Wasser des Teiches abgelassen wurde um die Weihnachtskarpfen herauszuholen, Otto im Schlamm herumstöberte und die eine oder andere Hinterlassenschaft hervorholte. Mal war es ein Stahlhelm oder eine verrostete 08-Pistole, sogar einen alten Karabiner förderte er zutage. Bei Onkel Uhde, dem Universal-Techniker, versuchten er dann mit seiner Hilfe, diese Teile wieder in Funktion zu versetzen, was hin und wieder auch gelang.

Allein gingen wir im Alter von vier Jahren noch nicht zum Teich. Das wurde uns verboten, aber mit „Onkel Horst“, war es erlaubt. Er hatte auf einem Areal nahe des Teiches ein Grundstück gepachtet, auf dem er Hühner züchtete. Als kleine Jungs nahm er uns gelegentlich mit. Das war immer sehr aufregend. Die vielen Hühner, viel mehr als wir zu Hause hatten, liefen mit ihrem wilden Gegackere um uns herum. An die bedrohlichen Schreie der konkurrierenden Hähne hatten wir uns bald gewöhnt. Ab und zu begleiteten wir Onkel Horst auch mit seinem Leiterwagen in das Dorf bis zur Lehmkuhle. Dort stand die alte Dreschscheune des Raiffeisens, zu der im Sommer die Bauern ihr eingefahrenes Getreide zum ausdreschen brachten. Hinter der Scheune war ein riesiger Haufen vom Dreschabfall, der Spreu, die er in seinen Kasten-Leiterwagen schaufelte und im Hühnergarten verteilte, damit die Hühner dann emsig darin herumscharren und pickten konnten. Auf dem Rückweg kamen wir am Konsum vorbei, einem der drei Lebensmittel-Läden des Dorfes. Hier kaufte er für Rolli und mich manchmal einen „Negerkuss“. Heute heißt das ja „Schokoladen-Kuss“, als Belohnung dafür, dass wir beim Einschaufeln der Spreu mit unseren Spielzeugschaufeln geholfen haben.

Meine Großmutter half bei einem Bauern des Dorfes gelegentlich bei den Feldarbeiten. Im Frühjahr war Rüben hacken angesagt. Mit mehreren Frauen standen sie in sieben bis zehn Reihen nebeneinander und schafften an drei bis fünf Tagen ein ganzes Feld. Später kamen dann die Schulkinder und halfen die Rüben zu verziehen. Dabei durfte immer nur ein Rübensprößling stehen bleiben, die anderen wurde heraus gezupft und vertrockneten dann auf dem Acker. Später war ich selbst mit dabei, und verdiente mir so immer ein kleines Taschengeld.

Im Frühsommer wurde das erste Heu gemacht. Beim Einfahren standen die Frauen auf dem Feldwagen und stapelten das getrocknete Gras, bis ein großes Fuder zusammen war und abtransportiert werden konnte. Mit einem großen Seil wurde es vorher noch festgezurrt, damit auf dem Weg zum Hof nichts herunterfallen konnte.

Ab Juli – August, begann dann die Getreideernte. Der Bauer mähte mit einem 25 PS starken Fendt-Dieselross und einem Mähbinder, auf dem der Jungbauer saß, das Getreide. Die Frauen stapelten es dahinter zu Stiegen auf, damit es noch einige Tage trocknen konnte, bevor es mit einem großen Feldwagen eingefahren wurde. Dabei waren es dann wieder die Frauen, die auf dem Wagen die Getreidegarben, die von Männern auf langen Forken angegeben wurden, geschickt übereinanderstapelten, bis der Wagen voll war. Mit einem Rundholz, das so lang wie der Wagen war und ein paar Seilen, wurde die Ladung vor der Abfahrt gesichert. Da der Bauer nur einen Trecker hatte, wurden auch zwei Zugpferde zum Abtransport eingespannt. Als Kind durfte ich auf dem Traktor gelegentlich mitfahren. Ich war begeistert.

Der Bauer, bei dem die Oma half, hatte eine eigene Dreschmaschine, so wurde sein Getreide zum Hof gefahren und in der Scheune bis zum Winter eingelagert, wo es dann in der wachstumsarmen Zeit wieder mit vielen Helfern, gedroschen wurde. Andere Bauern, die keine eigene Dreschmaschine hatten, fuhren ihr Getreide, wie zuvor erwähnt, in die Lehmkuhle zur Gemeinschafts-Dreschmaschine des Raiffeisens. Dort bildeten sich in der Erntezeit bis spät in die Nacht hinein lange Schlangen mit Erntewagen.

Die abgeernteten Felder konnten dann von Jedermann zum „Ährenlesen“ betreten werden, um abgefallene und nicht abtransportierte Ähren aufzusammeln. Nach der Dreschsaison ließ der Raiffeisenbetreiber für einen Tag die Dreschmaschine noch einmal laufen, damit die „Ährensammler“ die Ähren ausdreschen lassen, und den Ertrag in kleinen Säckchen mit nach Hause nehmen konnten. Dort wurde, meist mit Kaffeemühlen, das Korn zu einem groben Vollkornmehl vermahlen und mit im Haushalt verbraucht. Die Gerstenkörner wurden teilweise geröstet und nach dem Mahlen als Malzkaffee aufgebrüht.

Im Spätsommer erforderte die Kartoffelernte wieder den Einsatz der Oma zum Aufsammeln der Kartoffeln. Ein Kartoffelroder holte sie aus der Erde und verteilte sie hinter sich in der Spur. Die Oma und andere Frauen sammelten sie in Drahtkörben ein. Beim Auflesen der Kartoffeln konnten auch wir Schulkinder gelegentlich unser Taschengeld aufbessern. Nach der Ernte wurde, wie bei den Getreidefeldern, das Feld nochmals nach liegengebliebenen Kartoffeln abgesucht. Da kam für den Eigenbedarf einiges zusammen.

Im Herbst war die Rübenernte angesagt. Mit einem sogenannten „Krummel“, einem Mittelding zwischen einer zweizackigen Heugabel und einem Spaten, wurden zunächst die Futterrüben von den Frauen ausgegraben und in langen Reihen nebeneinander hingelegt. Mit einem „Abstecher“ wurde dann, meist vom Bauern oder einem Knecht, das Rübenblatt von der Frucht getrennt. Ein weiterer Helfer schaufelte dann mit einer „Rübengabel“ die Rüben auf einen Haufen und daneben das Rübenblatt. Die Rüben wurden am Ende des Feldes zu einer sogenannten „Rübendimme“ aufgeschichtet, die ringsherum mit Stroh und dann mit Erde bedeckt wurden, um im Winter für das Nutzvieh Futter zu haben. Das Gleiche geschah mit dem Rübenblatt, das in ähnlicher Aufbewahrung bis zum Winter für das Vieh zu einem leckeren Zusatzfutter vergor. Später erfolgte nach ähnlichem Prozedere, die Ernte der Zuckerrüben, die zur Weiterverarbeitung zu den Zucker-rüben-Fabriken bzw. zur Depotstelle gebracht wurden. Das war in diesem Fall auf dem Gelände der Molkerei in der nahen Stadt. Auf dem Rückweg wurden auf dem Wagen getrocknete Rübenschnitzel als Kuhfutter mitgebracht.

Abenteuerspiele

Meine frühe Kindheit war geprägt durch eine enge Freundschaft zu Rolli. Zusammen hatten wir viele tolle Erlebnisse. Allerdings, aus der Sicht der Erwachsenen, hatten wir auch viel Blödsinn gemacht. Der nahe Mühlenteich war unser „Spielplatz Nummer 1“. Im Alter von neun bis zwölf Jahren bauten wir manches Floß, um damit auf dem Teich auf „Welterkundung“ zu gehen. Ausgediente Ölkanister besorgten wir uns von Onkel Ottos Tankstelle am Ausgang des Dorfes. Darüber nagelten wir einige in der Umgebung des Teiches gefundene Balken und Bretter zusammen und fertig war das Floß. Mit langen Stangen stießen wir uns ab und überquerten den Teich in alle Richtungen. Der Spaß hielt leider immer nur so lange an, bis der Teich-Pächter uns auf die Schliche kam und mit gezielten Beilhieben die Kanister, als tragendes Hauptelement unseres Wasserfahrzeugs, unbrauchbar machte. Von Onkel Otto konnten wir jedoch immer wieder Kanister-Nachschub bekommen. Zum Glück war der Pächter nicht aus dem Dorf, und so dauerte es immer eine Zeit, bis wir wieder neue Kanister brauchten.

Am Ufer des Teiches, hinter aufgeschütteten Lehmhalden, konnten wir, von fremden Blicken verschont, unser kleines Lager errichten. Meist an einem kleinen Lagerfeuer erschufen wir uns unsere abenteuerliche Phantasiewelt. Mal waren wir Piraten, die sicher in einer Bucht vor Anker gingen, mal Fischer, die vom großen Fang zurückgekehrt, sich über dem Feuer erst einmal eine Mahlzeit grillten. Von Rollis Bruder hatten wir gelernt, wie man mit einer Angel umgeht, und so waren wir als „Fischer“ nicht ganz erfolglos.

In der näheren Umgebung des Teiches befand sich ein kleines Pappelwäldchen, das wir auf unseren Expeditionen durchstreiften. Dabei mussten wir aufpassen, dass wir nicht in sumpfige Abschnitte traten. Vom nahen Teich sickerte das Wasser durch die Gestade und sorgte für einen recht feuchten Untergrund. Dort fanden unsere Dschungelabenteuer statt. Nach einer im dichten Unterholz durchstreiften Expedition, bestiegen wir unser Floß und stakelten hinüber zum anderen Ufer.

In der Mitte des Teiches war für das Schwanenpaar, das auf dem Teich angesiedelt wurde, ein Haus auf Stelzen in den Teich gesetzt. Das war für uns unser Trapper Haus nach dem Vorbild amerikanischer Pionierzeit-Geschichten ala Lederstrumpf. Als Kinder passten wir kriechend genau durch den Eingang. Im Inneren leuchteten wir mit Kerzen das Häuschen dann aus und wähnten uns in anderen Welt.

Rollis Eltern hatten in der Nähe des Teiches einen „Beek“, das war ein in einer kleinen Gartenkolonie angelegtes Areal, auf dem Gemüse und Feldfrüchte angebaut wurden. Der Name Beek, deutete darauf hin, dass dieses Gebiet in der Nähe eines Baches lag. Der Weg dorthin führte entweder in einem langen Bogen ums Dorf herum, oder aber über einen kleinen Bach, der „Nette“, vom Teich aus direkt hinüber. Eine Brücke oder einen Steg gab es aber nicht. Das fließende, ca. ein Meter breite Gewässer, musste mit einem kleinen Sprung überquert werden. Für uns war das kein Problem. So waren wir, wenn Rollis Eltern sich aufmachten, um den Kleingarten zu beackern, schon immer früher vor Ort. Auch das war für uns ein Abenteuerspielplatz. Das Überqueren des Baches war immer ein Ritual, das mit abenteuerlichen Phantasien ausgeschmückt wurde. Mal war es ein reißender Strom, der nur mit großem mutigen Einsatz überquert werden konnte. Ein anders mal waren wir Olympioniken, die im Weit- und Stabsprung Rekorde erzielten.

Eine weitere Anziehungskraft übten der in unserer Nähe angelegte Müllplatz und später auch das Gelände eines Schrotthändlers in der Stadt auf uns aus. Der Hausmüll wurde damals jeden Samstag von einem Bauern mit seinem Pferdegespann dort hingebracht. Die Müllmengen waren zu der Zeit im Vergleich zu heute sehr moderat. Verpackungsmüll fiel nur in geringen Mengen an, weil die meisten Lebensmittel noch im Laden in Papiertüten abgepackt und die Milch in mitgebrachten Milchkannen verkauft wurde. Biomüll landete auf dem Komposthaufen. Fast jeder Bewohner hatte einen Garten oder zumindest ein kleines Stück Land. Der Restmüll wanderte dann auf den Müllplatz. Dort konnten wir auf Schatzsuche gehen und noch manches für uns brauchbare Teil ergattern.

Dem Schrotthändler in Seesen statteten wir gelegentlich einen Besuch ab. Unter dem Vorwand, etwas Bestimmtes zu suchen, ließ er uns auf den Platz. Hier fanden wir viele Dinge, die wir gut gebrauchen konnten. Das Problem war nur, dass wir kein Geld für den Kauf hatten. Deshalb trugen wir unsere Beute möglichst unauffällig an den Rand des Geländes. In einem Moment, in dem wir uns unbeobachtet fühlten, warfen wir sie über den Zaun. Durch den Haupteingang verließen wir den Schrottplatz mit der Aussage, dass wir nichts gefunden hätten. Schnell fuhren wir mit unseren Fahrrädern zu der Stelle am Zaun, luden unsere Schätze ein und machten uns aus dem Staub.

Bei Rolli daheim wurden, ähnlich wie bei uns, Haustiere zur Eigenversorgung gehalten. Während ich mit meinem Vater regelmäßig einige grüne Anger in der Nähe unseres Hauses mit Sense und Leiterwagen nach Grünfutter abgraste, hat Rollis Großvater außerhalb des Dorfes, im sogenannten Asseken, für seine Haustiere Heu gemacht. Wir waren bei der Einbringung der Heuernte natürlich dabei. Opa Heinrich und Rolfs Mutter zogen den voll bepackten Leiterwagen, Rolf und ich saßen oben drauf. Der Rückweg führte an einer alten Allee entlang, die mit Kirschbäumen bepflanzt war. Die Heuernte erfolgte zu der Zeit, als die Kirschen in voller Reife standen. So erfreute es uns auf dem Heimweg, dass wir mit ein paar geschickten Griffen so manche schmackhafte Frucht ergattern konnten.

Der Asseken war unser erweitertes Abenteuer-Revier. Inmitten einer großen Weide lag für uns der „Wilde Westen“. Es war eine große Wiese, die von einem schmalen Bach durchzogen war. Ein kleiner Wald lag mittendrin. Für uns als Krönung, befand sich abseits ein Hang mit einem Felsen und einem Plateau obenauf. Dort lagerten wir und hatten einen prima Rundblick über das ganze Gelände. Wir waren dort illegal und konnten frühzeitig erkennen, wenn der Bauer erschien, dem das Areal gehörte. Dann hieß es, schnell abzutauchen und das Feld zu räumen. Wir brachten uns also optisch in Sicherheit.

Rolli hatte von seinem Großvater einen alten Militärtornister aus dem ersten Weltkrieg abgestaubt, einen sogenannten „Affen“, der außen eine Fellabdeckung hatte. In diesem „Affen“ transportierten wir die von Zuhause mitgebrachten notwendigen Sachen für den Feldeinsatz, wie Käse, Butter, etwas Brot, Streichhölzer, eine kleine Pfanne, Trinkbecher und alles was man sonst noch so für eine Outdoor - Aktion zwingend brauchte. Ein ordentliches Fahrtenmesser war natürlich für jeden von uns ein Muss.

Rollis Vater hatte damals einen Hund angeschafft, den er Rex nannte. Rex war ein schöner, schwarzer Mischling, für uns recht groß, aber trotzdem war er immer mit uns unterwegs. In frühen Jahren war er unser „Fury“, wie das Pferd aus der damals bekannten Fernsehserie hieß. Wir konnten auf seinem Rücken regelrecht „reiten“, was uns großen Spaß machte. Als wir dann größer wurden, meinte Rolfs Vater, dass wir zu schwer wären für das Kreuz des Hundes. Wir ließen es von dort an sein.

Im Asseken hatten wir „Rex“ immer dabei. Vor den Bauern mussten wir ihn verstecken, da er als wildernder Hund von ihnen abgeknallt werden durfte, was viele Jahre später leider auch geschah. Mit Rex trapperten wir entlang des Baches. Rolli war der Experte beim Forellenfang. An einem Tag, daran erinnere ich mich gut, hatten wir wohl so fünfzehn bis zwanzig kleine Forellen gefangen. An unserem Lagerplatz auf dem Felsplateau, spießten wir sie auf angespitzte Zweige und schmorten sie über dem Lagerfeuer. Allerdings waren es diesmal so viele, dass wir es nicht schafften, alle zu verzehren. Rex erhielt den Rest. Der freute sich sehr über diese Leckerbissen.

Wir hatten gehört, dass Weinbergschnecken eine besondere Delikatesse sein sollten. In unserem Areal waren reichlich Schnecken vorhanden. So fingen wir einige, grillten sie über dem Feuer und zerbrachen anschließend das Gehäuse um sie zu verspeisen. Aber was war das? Die waren ja zäh wir Gummi, und von einer Delikatesse konnte selbst nach reichlicher Salzzugabe, überhaupt keine Rede sein. Das Thema Weinbergschnecken hatte sich für uns damit erledigt.

Einige andere Fischzüge unternahmen wir in der Mitte des Dorfes, durch das die Nette floss, ein am Ortsausgang entsprungener Bach. Der Betreiber der Raiffeisen Genossenschaft, Herr Ehrhorn, hatte den Bach in den Grenzen des Dorfes gepachtet. Dieses Gewässer war recht fischträchtig und zog unsere Aufmerksamkeit automatisch auf sich. Nur - wie konnten wir, mit möglichst geringem Aufwand, an die Fische herankommen? Rolli hatte schon eine Idee. In mitten des Dorfes überquerte ein Weg die Nette. Vor der Brücke bachaufwärts, konnte ein Schott abgesenkt werden, um den Bach zu stauen. Dahinter floss das Wasser ab und unter den Ufermauern versteckten sich, das hatten wir herausbekommen, die Forellen. Aber wie an das Schott kommen? Herr Hendrix, dessen Frau die Heißmangel im Dorf betrieb und dessen Haus ganz nah an der Nette lag, verwahrte das Schott. Also gingen wir zu Herrn Hendrix und sagten ihm, dass unser Taschenmesser hinter der Brücke in den Bach gefallen sei und wir, wenn wir das Schott bekämen, es wiederfinden könnten. Der gute Mann hatte ein Einsehen und gestattet uns, das Schott mitzunehmen.

Gesagt, getan. Wir sperrten den Bach oberhalb ab und machten uns auf die „Suche nach dem Taschenmesser“. Rein zufällig holten wir dabei sechs mittelgroße Bachforellen aus ihrem Versteck, durchtrennten die Kiemen und verstauten sie in einer mitgebrachten Tüte im Feldrucksack. Wir brachten das Schott zurück zu Herrn Hendrix, bedankten uns höflich und machten uns auf den Heimweg. Zuhause bei Rolf angekommen, übergaben wir Opa Heinrich die Beute und sagten ihm, dass wir Herrn Ehrhorn beim Fischen geholfen hatten. Zur Belohnung hätte er uns dafür einige Fischen geschenkt. Der Opa freute sich, nahm die Forellen aus, wälzte sie in Mehl und briet sie in einer Pfanne auf dem Herd. Es war ein Festschmaus!

Ein anderes Mal endete unser Fischzug nicht so glücklich. Der Pächter erwischte uns beim Wildern und schnappte sich Rollis Fahrrad, mit dem wir unterwegs waren. Das Fahrrad gehörte seiner Mutter. Er rief uns auf der Flucht noch nach, die Eltern könnten das Fahrrad bei ihm persönlich abholen. Puh, er hatte uns nicht am Wickel gekriegt aber das Fahrrad war weg. Wie sollten wir das Zuhause erklären? Opa Heinrich war unser Retter. Wir sagten ihm, dass Herr Ehrhorn uns das Fahrrad weggenommen hatte, weil er dachte wir würden ihm seine Forellen klauen. Das wäre aber gar nicht so geplant gewesen. Opa glaubte uns und machte sich auf den Weg zum Pächter des Baches. Da musste er sich allerdings eine Standpauke anhören. Später erfuhren wir, dass er diese abmindernd kommentierte mit dem Satz: „Es sind doch nur Kinder.“ Damit war Opa Heinrich wieder einmal unser Held und Beschützer gewesen.

Zur Erntezeit setzte der Opa auch immer aus den Früchten des Gartens diverse Obstweine an. Die im Laufe der Zeit vergoren, und nach einiger Zeit aus den Weinballons in Flaschen abgefüllt wurden. Wir halfen dem Opa dabei natürlich gern, wir reinigten die angesammelten Flaschen, hielten die Korken bereit und boten uns auch für das Ansaugen des Weines aus dem Ballon an, der dann mittels Schwerkraft in die bereitgestellten Flaschen floss. Natürlich hatte das Ganze einen Hintergrund. Immer beim Ansaugen gelangte eine geringe Menge statt in die Flaschen zunächst in unseren Schlund. Die dabei zu erwartende Wirkung stellte sich kurze Zeit später auch ein. Es war immer eine lustige Angelegenheit.

Die zwanglose Beziehung zum Alkohol lernten wir schon früh kennen. Opa Heinrich gönnte sich nach dem Tod seiner erblindeten Frau Amalie zum Einschlafen immer einen Schluck Wermut, den er vom „List-Laden“ im Dorf bezog. Gelegentlich schicke er Rolf und mich, um ihm seinen Schlaftrunk zu besorgen. Mit einer leeren Flasche und einer Mark machten wir uns auf den Weg zu Herrn Breustedt, dem Betreiber des Ladens. Dort unsere Bestellung aufgegeben, füllte er aus einem Fass das begehrte Getränk in die Flasche. Den Korken würden wir schon selbst draufmachen, erklärten wir, bezahlten die neunzig Pfennige für den dreiviertel Liter und machten uns auf den Heimweg. Am Friedhof angekommen legten wir erst einmal eine Pause ein, ließen uns auf der Friedhofsbank nieder und probierten mal einen kleinen Schluck aus der Flasche. Gar nicht so schlecht, stellten wir fest. Damit der Opa nichts merkt, füllten wir die fehlende Menge mit Wasser aus der Friedhofswasserleitung auf, stöpselten den Korken auf die Flasche und zogen mit unschuldiger Miene nach Haus. Opa hat den Unterschied nie bemerkt.

Auf Rollis Grundstück hinter dem Holzschuppen bauten wir unsere erste „Bude“. Latten, Bretter und Pappreste, die nicht mehr einer anderen Verwendung zugeführt wurden, konnten wir gut gebrauchen, um daraus eine Hütte zu zimmern. Als Dach verwendeten wir eine alte Aluminiumtafel, die angeblich aus den Resten einer Tragfläche eines Flugzeugs stammte, das während des Krieges in der Nähe abgeschossen wurde. Hatte für uns aber keine besondere Bedeutung, war halt nur das Dach. Für die Tür, auch aus einem Aluminiumblech, schmiedete Rollis Vater uns fachgerechte Angeln, so dass die Tür wie eine Richtige funktionierte. Wir richteten die Bude ein mit allem, was wir uns in unserer Trapper-Fantasie so ausgedacht hatten. Ein Ofen musste natürlich auch sein. Dafür benutzten wir kleine Blechkästchen, die Rollis Vater vom Steinbruch mitbrachte und der Aufbewahrung der Sprengkapseln gedient hatten. Mit einer Kerze als Hitzequelle haben wir da sogar mal ein Spiegelei darauf gebraten.

Später bauten wir uns eine neue Bude in einer anderen Ecke des Grundstücks. Rolfs Mutter arbeitete, wie meine Mutter später, in einer Blechwarenfabrik in der Stadt. Dadurch hatten sie die Möglichkeit verdruckte Blechplatten, die sonst entsorgt worden wären, für ein Taschengeld mitzunehmen. Rolfs Vater nutzte diese für den Anbau eines Werkstattschuppens am Haus. Alles was übrig war, durften wir haben, um kreativ zu werden. In der neuen Bude hatten wir dann zur Herbstzeit auch unsere ersten Erfahrungen mit dem Laster des Rauchens. Die Laubblätter, die überall von den Bäumen fielen, sammelten und trockneten wir. Zeitungspapier diente zum Wicken unserer Zigaretten ähnlichen Gebilde. Nun konnten wir unsere Raucherfahrungen sammeln. Das Ergebnis war grauenhaft. Damals hätten wir eigentlich den endgültigen Entschluss treffen müssen, nie wieder zu rauchen. Leider hielt der Ekel nur vorübergehend.

Die letzte große Bude, bauten wir mit Rollis Vaters an seinen Carport. Das war jedoch schon zu einer Zeit, als Rollis Bruder, Otto, bei der Bundeswehr war und zu Einsätzen nach Fort Bliss in Texas / USA abkommandiert war. Ich erinnere, dass er immer mit diversen Mitbringsel und spannenden Geschichten zurückkam. Für mich fielen damals ein Sheriff-Stern mit der Gravur: „Deputy Marshall Tomstone Arizona“ und ein Paar originale Cowboystiefel ab. Rolli hatte ebenfalls Stiefel erhalten, dazu noch einen Western-Gürtel mit einem original „Buckle“ dem Gürtelschloss, das kunstvoll graviert war. Dazu ein echtes Colt-Halfter mit interessanter Rosettenprägung. In seinem Gepäck hatte Otto auch Schallplatten mit Country-Music und mexikanischen Trompeten-Klängen. Es war alles wahnsinnig faszinierend. Songs von Paul Anka: „If I had a Hammer“ und „La Bamba“ aus Mexiko - wir waren hin und weg. Als Clou, für uns jedoch geheim, hatte Otto in seinem Bundeswehr-Seesack“ ein 17-schüssiges Repetiergewehr mitgebracht, das auseinandergelegt die Einreisekontrollen der Bundeswehr umgehen konnte. So ein „Geheimnis“ entging uns natürlich nicht. Die Feuerwaffe erinnerte uns sehr an das Mehrschuss-Gewehr, den „Henry-Stutzen“, von „Old Shatterhand“ aus „Winnetou“. Erste Bekanntschaft machten wir auch mit dem Kakteen-Schnaps „Tequilla“, den Otto ebenfalls aus den USA mitgebracht hatte. Wir empfanden es als ein höllisches Gebräu.

Bei mir Zuhause fiel die freizügige Lebensweise von Rollis Familie nicht gerade auf große Zustimmung. Meine Erlebnismitteilungen, obwohl natürlich gut gefiltert, fanden trotzdem noch eine erheblich ablehnende Resonanz. An einem Nachmittag veranstalteten Rolli und ich bei ihm Zuhause eine bis in den frühen Abend hinein dauernde amerikanische Versteigerung. Einige Nachbarn, Rollis Eltern, Opa Heinrich, Otto und seine Freundin Rosalinde, waren eingeladen. Ich steuerte ein Glas eingeweckte Kirschen bei, das ich aus dem Vorrat meiner Eltern stibitzt hatte. Allein für dieses Glas wurden acht Mark erzielt, damals ein beachtlicher Wert. Heute entspräche das mindestens zehn Euro. Andere Utensilien, die Otto z.T. aus USA mitbrachte, fanden einen ebenso starken Absatz.

Mit einem dicken Plus verließen wir überaus zufrieden die Versteigerung. Als ich ein ähnliches Unternehmen bei mir Zuhause ankündigte, wurde das mit grenzenloser Abneigung sofort abgeblockt. Leider hatte meine Familie für Späße dieser Art kein Verständnis, so etwas wurde als amerikanischer Quatsch und Unsitte abgetan. Der Nazi-Terror war noch nicht so lange vorbei und Rollis Eltern waren von einer Vertreibung verschont geblieben. Vielleicht erklärte das im Nachhinein die Skepsis. Mir, jedenfalls, gefiel der Lebensstil von Rollis Eltern und Opa Heinrich sehr gut.

Die ersten Schuljahre

Im Jahr 1956 wurde ich eingeschult, zusammen mit Norbert und Rolli von der Siedlung. Unsere erste Lehrerin, Frau Olschewski, war sehr streng aber auch gerecht. Ich hatte einen höllischen Respekt vor ihr. Sie brachte uns die Grundlagen im Schreiben und Lesen bei. Nach der ersten Klasse wurde sie nach Seesen an die dortige Hauptschule versetzt und wir bekamen eine neue Lehrerin Fräulein Freimut. Mit ihr hatte ich dann meine ersten einschneidenden Schulerlebnisse.

Die Sommerferien waren zu Ende. Jeder Schüler sollte berichten, wo er in den Ferien war und was er so erlebt hatte. Ich hatte einen Teil der Sommerferien bei meiner Tante Friedel, der Schwester meines Vaters, verbracht, die in Sarstedt, in der Nähe von Hildesheim, wohnte. Mein Vetter Wolfgang, war zwei Jahre älter als ich und ging schon in die erste Klasse des Gymnasiums. Er brachte mir bei, wie die Zahlen von eins bis hundert auf Englisch heißen. So spann ich der Lehrerin und den Mitschülern vor, dass ich in den Sommerferien in England war und mit meinem Vater Bekannte besucht hatte, die er aus seiner Kriegsgefangenschaft kannte. Das war natürlich die Sensation. Nach dem Krieg waren Reisen höchstens zu den Verwandten in der näheren Umgebung möglich. Eine Auslandsreise konnten sich die wenigsten Leute leisten und meine Eltern natürlich auch nicht. Als Beweis sollte ich die Zahlen von eins bis hundert auf Englisch aufsagen. Das konnte ich und es machte großen Eindruck. In der Mal-Stunde sollte jeder ein Ferienerlebnis festhalten. Ein Schüler hatte mich auf seinem Bild verewigt, wie ich aus einem Bullauge des Schiffes schaute, das uns über den Kanal brachte. Lange hielt sich meine ausgedachte Abenteuergeschichte jedoch nicht.

Es kam, wie es kommen musste, denn Lügen haben kurze Beine. Ein Schulfreund erzählte Zuhause von meiner Schilderung, worauf seine Mutter nichts Eiligeres zu tun hatte, als mich bei der Lehrerin als Lügner anzuschwärzen. Am nächsten Schultag brach über mich ein ungeahntes Donnerwetter herein. Kleinlaut gestand ich, das England für mich in Sarstedt bei meinem Vetter war und ich mir die Geschichte nur ausgedacht hatte. Eine Woche lang, jeden Tag zwei Stunden Nachsitzen war die Strafe dafür. Meine Mutter wurde zur Schule bestellt, ihr wurde von meiner Verfehlung berichtet. Zuhause haben es alle Gott sei Dank lächelnd abgetan. Trotzdem versuchte ich danach, weitestgehend ehrlich zu sein.

Im Unterrichtsplan standen auch einige Ausflüge in die angrenzende Feldmark des Dorfes, um die Natur näher kennen zu lernen. Ich hatte jedoch nur Augen für eine Mitschülerin, die mir sehr gefiel und ich ihr wohl auch. Bei einem Ausflug pflückte ich ein paar Schlüsselblumen vom Wegesrand und schenkte sie ihr. Seitdem gingen wir bei den Ausflügen immer Händchen haltend nebeneinander her, aufgereiht in Marschordnung im Klassenverband. Die Freundschaft hielt an bis zum Ende des Schuljahres. Ihre Eltern wanderten in die USA aus und sie verließ die Klasse.

Die kleine Dorfschule hatte nur zwei Klassenräume, in der alle acht Klassen unterrichtet wurden. In einem waren die Klassen eins bis vier und in dem anderen die „Oberstufe“ von fünf bis acht untergebracht. Um alle Schüler angemessen unterrichten zu können, war auch Nachmittags-Unterricht üblich. Fräulein Freimut verließ uns nach einer kurzen Gastrolle zum Ende des Schuljahres. Der Unterricht wurde jetzt von den beiden Hauptlehrern, Herrn Junge, für die Unterstufe und Herrn Weigel, für die Älteren durchgeführt. Herr Junge war sehr streng, er hatte die ganze Klasse immer voll im Blick, es entging ihm keine, auch noch so kleine Unaufmerksamkeit. Sofort wurde man zur Ordnung gerufen. In besonders schweren Fällen kam auch der Rohrstock zum Einsatz. Bei weniger schweren Verstößen kam man mit einer Ohrfeige davon.

Im Winter lag auf dem Schulhof reichlich Schnee. Was lag da näher, als Schneebälle zu formen und die Mädels damit zu bewerfen. Diese verteidigten sich dann und die schönste Schneeballschlacht war im Gange. So kam es, dass eine Schülerin von mir recht heftig getroffen wurde und das nach Ende der Pause bei Herrn Junge petzte. Ich wurde aufgerufen, musste nach vorn kommen und fing mir eine schallende Ohrfeige ein. „Mach das nicht wieder, klar?“ wurde ich ermahnt. Ich verteidigte mich damit, dass ich von der besagten Schülerin auch beworfen wurde. „Ist das wahr?“, fragte er diese. „Ja, aber nur mit einem ganz kleinen Schneeball“, erwiderte sie. „Komm her“, forderte er sie auf, und ehe sie sich versehen hatte, knallte es auch bei ihr. So war Herr Junge, streng aber auch gerecht.

Zum Ende der vierten Klasse bestand die Möglichkeit auf eine weiterführende Schule zu gehen. Das war mit Aufnahmeprüfungen verbunden. Ich hatte eine Empfehlung zur Mittelschule. Eine ganze Woche wurden wir getestet, mussten Aufsätze und Diktate schreiben, Rechenaufgaben lösen und allgemeine Fragen beantworten. Wir sollten unsere „Intelligenz“ unter Beweis stellen. Letztlich hatte ich alle Tests bestanden und wechselte nach den Osterferien auf die Mittelschule. Ein ebenfalls aus unserem Dorf stammender Schüler hatte es leider nicht geschafft. Erst mehrere Besuche seines Vaters beim Rektor verschafften ihm dann doch noch die Aufnahme. Er ging immer zu Fuß nach Seesen, dabei kam er an unserem Haus vorbei. Man munkelte damals, dass er die Aufnahme seines Sprösslings mit ein paar Dosen hausgemacher Wurst erreicht habe.

Bei uns daheim hatte ich mir auf dem Boden über dem Stall, neben der Hobelbank meines Vaters, eine kleine Werkbank hergerichtet. Zu Weihnachten gab es als Geschenk eine Laubsäge mit Zubehör. Nach den ersten Sägeversuchen beherrschte ich das Werkzeug schon recht gut. Aus alten Katalogen schnitt ich Bilder aus, klebte sie mit Mehlpampe auf eine Sperrholzplatte und sägte das Bild mit den Konturen aus. So entstanden u.a. die Tiere für den Spielbauernhof. In der dritten Klasse sägte ich für einen Freund und mich, mal eine Spielzeugpistole aus, bemalte sie und nahm sie mit in die Schule. Das kam bei den Klassenkameraden super an. Sie baten mich, ihnen auch eine auszusägen. Einige Bestellungen nahm ich an und verkaufte sie je für einen Groschen, damals zehn Pfennige.

Winterzeit und Weihnachten