a Mensch bleiben - Shalom Weiss - E-Book

a Mensch bleiben E-Book

Shalom Weiss

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Beschreibung

In seinen Erinnerungen beschreibt Shalom Weiss, wie es möglich war durch die Hölle zu gehen und trotzdem Mensch zu bleiben. Im Anschluss an seinen Erinnerungen beschreiben seine Töchter und Enkelkinder, wie es für sie war im Schatten der Shoa aufzuwachsen.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Vorwort

Einleitung zum Büchlein ›Einer aus jeder Stadt‹ aus dem Jahr 1988

Erster Teil: Kindheit

Ein auserwähltes Volk

Das Kommen des Messias

Tante Katiza

Reb Leibisch

Kinder

So kommen die Kinder auf die Welt

Bei der Patin

Die Reinheit der Mikwe und die Unreinheit des Hasses

In der Schule

Reb Schlomo Oberländer

Doktor Eisenberg

Unruhen in der Welt

Gastfreundschaft

Der Rat der Gemeindevorsteher

Mit den Gojim

Geld, Geld

Das Zelt der Thora

Brot mit Salz

Pogrome

Unter Nichtjuden

Dieses Pessachfest

Ghetto

Mutter

Vater

Falsche Propheten

Konzentration

Ein Waggon voller Schafe und Vieh

Bella gebiert

Zweiter Teil: Shoa

Am Ende des Gleises

Der Rauch aus dem Schornstein

Das Lager der Zigeuner

Und die Zigeuner sind verschwunden

Wie isst man?

Ein Samstag in Birkenau

Ein Lied über die Latrinen

Eine Unterhaltung unter Jungen

Zusammen

Transporte

Seife

Auf einer grünen Aue

Jungs unter Belagerung

Trzebinia

Essen oder Sterben

Onkel Miklosch

Zwangsarbeit

Todesmarsch

Durst

Sachsenhausen

Bergen-Belsen

Bremen-Farge

Die Rache eines Juden

Bergen-Belsen zum zweiten Mal

Viehfutter

Phantasien

Akiva

Letzte Stunden

Befreiung

Trauerfeier

Avraham, Avraham

Dritter Teil: Auferstehung

Jugoslawen

Nachrichten

Seefahrt

Auf dem Weg ›nach Hause‹

Die Zerstörung des Tempels

Überlebende

Bei Tante und Onkel

Die Tante macht sich Sorgen

Vorbereitungsbrigaden

Vor der Einwanderung

Alija – Einwanderung

Erster Tag im Land

Ein Lied zum Frühstück

Givati

Ein israelischer Soldat

Bunker und Vergnügen

Ein angenehmer Urlaub

Zur Ausbildung

Schön ist das Leben in der Armee

Man fährt nach Amerika

In den Grenzgebieten

Die Geschichte von Lea

Eine eigene Wohnung

Man heiratet

Ruhe und Besitz

Vierter Teil: Mit den Überlebenden aufwachsen – Zweite und dritte Generation: Persönliche Eindrücke

Fünfter Teil: Die Enkel

Anmerkungen

Shalom Weiss 1929 x 2017

Für Lea

Vater, Großvater,

wir, deine Töchter und Enkel, fragen dich,

wir bitten dich, dass du uns erklärst:

Wie konntest du dort sein?

Wie konntest du Mensch bleiben?

Wie konntest du deinen Verstand bewahren?

Wie konntest du den Schrecken entkommen?

Und was gab dir die Kraft, weiterzukämpfen, nicht einfach aufzugeben?

Wozu?

Wir wollen verstehen. Wir wollen versuchen zu verstehen.

Wie bist du zu dem geworden, der du heute bist? Ein kluger Vater und Großvater, stark, neugierig, gebildet, aufgeklärt, lustig und traurig – und voller Liebe für uns.

Schone uns nicht. Halte dich nicht zurück und schütze uns nicht. Wir sind schon erwachsen und alt, also bitte, erzähle alles, von Anfang an.

Auch wir werden dich nicht schützen, werden die Fragen, die aus dem Kopf und aus dem Herzen kommen, offen stellen, und so werden wir vielleicht die Bruchstücke zu einer Antwort auf die gewaltige und beängstigende Frage zusammenfügen können, die uns unser Leben lang begleitet: »Wie?«

Shalom widmete sich also dem Schreiben seiner Lebensgeschichte.

Am Ende fragte sich auch Shalom:

»Wie es war mit uns, den Überlebenden, aufzuwachsen, ohne Familie, im Schatten der Shoa? Wie ist es, die zweite und dritte Generation zu sein?«

Danach schrieben seine Töchter, Ilana und Rivka, und seine Enkel und Enkelinnen Eran, Noa, Tamar und Daniela ihre Erinnerungen auf. Die zweite und dritte Generation versuchen zu verstehen.

Und wir versuchen es immer noch.

Vorwort

1988, etwa 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erschien mein Büchlein Einer aus jeder Stadt. Es war mir ein inneres Bedürfnis, das Schreckliche aufzuschreiben, das mir und meiner Familie in der Shoa passiert ist. Inzwischen ist mir klargeworden, dass mein Leben aus drei Abschnitten besteht, die miteinander verbunden sind. Es beginnt mit einer Jugend, voller Lebensfreude, in einer Diaspora-Gemeinde, die typisch war für das orthodoxe Judentum in Osteuropa. Es setzte sich fort in der Shoa und im Überleben, und es endet in dem Erlebnis der Auferstehung in der alten-neuen Heimat.

Ich wage zu behaupten, dass diese Abschnitte im Großen und Ganzen auch die Geschichte unseres Volkes in den letzten Jahrzehnten widerspiegeln. Deshalb wird durch die Beschreibung meiner Erlebnisse auch ein besonderer (natürlich subjektiver) Aspekt der Ereignisse der ersten Jahre unseres Staates geschildert, indem ich die wundervolle Integration der Diaspora-Juden betrachte. In diesem Buch habe ich meine Erlebnisse in der Jugend und während der Shoa ausführlich ausgebreitet, in meinem Gedächtnis wurden sie im Detail immer klarer, und ich habe die Plagen meiner Wanderungen im Nachkriegseuropa und meine Integration in Israel hinzugefügt, die ebenfalls, wie gesagt, durch die Erlebnisse meiner Jugend und die Schrecken der Shoa beeinflusst sind.

Besonders interessant, so hoffe ich, wird der Leser die Texte über die Erlebnisse und Gefühle der zweiten und dritten Generation finden.

Shalom Weiss, Haifa, 2010

Einleitung zum Büchlein ›Einer aus jeder Stadt‹ aus dem Jahr 1988

Wie ist das geschehen, wie konnte es sich ereignen? Je weiter die Jahre vergehen, desto stärker gehen mir diese Fragen durch den Kopf. Mich interessiert vor allem, wie ich – oder wie einer wie ich, der die Shoa überstanden hat – die Ereignisse erlebte und was meine Gedanken in jener Zeit waren. Man kann selbstverständlich fragen, warum dies erst jetzt, nach etwa 40 Jahren, geschieht, und mit Sicherheit werden die Erforscher der menschlichen Seele die darauf passende Antwort finden.

Tatsache ist, dass während all dieser Jahre zwei entgegengesetzte Bestrebungen in meinem Inneren miteinander rangen: die eine, zu verdrängen und zu vergessen, die zweite, zu klären und zu verstehen. Je mehr Jahre vergingen, desto schwächer wurde nach und nach die eine Tendenz, während die zweite in nicht geringem Maße stärker wurde. Daher versuche ich nach besten Kräften, die Ereignisse von Beginn an zu rekonstruieren, Erinnerungen auch aus den schattigen Ecken meines Bewusstseins hervorzukramen und sie in irgendeiner – nicht immer logischen – Ordnung auf diese Seiten zu bringen. Meine Worte habe ich also an erster Stelle und vor allem für mich selbst aufgeschrieben, aus dem inneren Bedürfnis heraus, eine unerträgliche Last abzuladen. Dennoch hoffe ich, dass meine Kinder daran ein Interesse finden, und wenn darüber hinaus noch jemand anderer sich dafür interessieren sollte, so möge er dies nach eigenem Gutdünken und auf eigene Verantwortung tun.

Weiterhin: Es möge niemand versuchen, hier auf neue Informationen oder geprüfte historische Daten zu stoßen, da doch alle Dinge auf subjektiver Erinnerung und subjektiven Eindrücken basieren, wobei das von mir Geschilderte wahrhaftig so geschehen ist, wie ich es mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Ich habe es am eigenen Leib erlebt, und alles Erlebte wurde tief in mein Gedächtnis eingraviert. Es gibt so viele Narben, die in meiner Seele zurückgeblieben sind.

ERSTER TEIL

Kindheit

Ein auserwähltes Volk

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott,

und der Herr hat dich erwählt, dass du sein Eigentum seist,

aus allen Völkern, die auf Erden sind.

Deuteronomium 14:2

Auch heute Morgen habe ich eine Sünde begangen auf dem Weg zum Cheder.1 Die Schultasche drückt schwer auf meinen Rücken, wenn ich nach dem Morgengebet im Cheder gleich weitergehe zur ersten Klasse der staatlichen Schule unserer jüdisch-orthodoxen Gemeinde. Ich sündigte, als ich an der Reformsynagoge der Neologen2 vorbeiging. Ich schaute rein in die Synagoge und betrachtete in der Morgendämmerung gründlich das prachtvolle Innere. Dies aber ist nicht erlaubt, ja sogar streng verboten, und diese ernste Sünde ist so, als würde man in das ›Unreine‹ der Lutheraner, Evangelisten oder Katholiken blicken. Zwar sind die Neologen auch Juden, Söhne Abrahams, Itzchaks und Jakobs, und Opa Frischmann, der 101 Jahre alt ist, erinnert sich sogar noch an die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern der Neologen, die alle koschere Juden waren, aber wie tief sind ihre Nachfahren gesunken! Sie verließen unsere Gemeinde und gründeten für sich eine neue. Die meisten von ihnen sind wohlhabend, benehmen sich wie Gojim3 und tummeln sich auch noch ausgerechnet in den höchsten Kreisen. Sie achten auf ihre Kleidung und reden leise. Dies alles ist schwer zu verstehen. Warum haben sie sich eine prachtvolle Synagoge gebaut, mit gepflasterten Steinen auf dem Vorplatz, und haben sie Bäume drum herum gepflanzt? Mehr noch: An der Front der Synagoge, zwischen beiden prachtvollen Türmen, steht in großen hebräischen Buchstaben geschrieben: »Macht mir ein Heiligtum! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen.«4

Und mit welchem Recht weisen sie darauf hin, dass in dieser Synagoge, deren Bau, wie gesagt, auch an Samstagen und Feiertagen fortgeführt wurde (natürlich durch nichtjüdische Bauarbeiter), angeblich der Herr wohnt?

Das heißt, der Allmächtige, gepriesen sei sein Name, weilt innerhalb der neologischen Gemeinde oder etwa tatsächlich in ihren Herzen und Seelen? Die Sache ist wirklich verworren, denn wie kann man sie ›Israels Verbrecher‹ nennen, wie man in unseren Kreisen sagt, wenn sie mit ihrer Synagoge prahlen und sie mit dem Wohnsitz Gottes vergleichen und nicht mit einer Höhle von Götzenbildern. Und ihr Friedhof ähnelt ganz gewiss einem Friedhof der Gojim, nur dass statt der Kreuze Davidsterne gezeichnet sind und der Name des Verstorbenen in hebräischen Buchstaben eingraviert ist.

Alles ist so gepflegt und voll mit Sträuchern und Blumen, was doch streng verboten ist, wo schon die Lehrer erklärt haben, dass, wenn wir uns, Gott behüte, anstecken an den Sitten der Gojim und an der Art ihres Kultes und wir das Geschriebene übertreten würden – »Ihre Bräuche sollt ihr nicht befolgen«5 – wir nicht ein auserwähltes Volk sein können, erhaben über alle Gojim und heilig.6 Und warum empfinde ich trotzdem Neugier und eine seltsame Anziehung zu allem, was mit ihnen zusammenhängt? Warum verfolge ich ihre Taten und beobachte ihre Schritte? Es ziehen mich wohl ihre angenehmen Sitten und ihre Strenge bei der Erfüllung der Gebote und Pflichten zwischen einem Menschen und seinen Mitmenschen an.

Hier ein Beispiel: Einmal im Jahr, am letzten Chanukka-Festtag, treffen sich alle bei Malbisch Arumim.7 An diesem Tag kommen alle Kinder, deren Eltern mit diesem gemischten und ›gefährlichen‹ Treffen einverstanden sind, in die große Halle in der neologischen Schule, und dort werden Kuchen, verschiedene Süßigkeiten und sogar warme Schokolade verteilt, alles auf Kosten der neologischen Gemeinde, sicher auch unter Kontrolle der koscheren Orthodoxie. Bei dieser Gelegenheit bekommen die Kinder der Bedürftigen (die meisten sind orthodox) Pakete mit neuen Kleidern, die, wenn man sie berührt, grob und rau sind, aber ihr Geruch ist gut und angenehm.

Bei dieser Gelegenheit sehe ich sein Bild zum ersten Mal, gelehnt an die Brüstung der Terrasse und blickend auf die bergische Landschaft, als prüfe er die Zukunft. Man hört viel über ihn, aber immer nur in Andeutungen und unter strenger Geheimhaltung. Die Erwachsenen dämpfen ihre Stimme, wenn sie über ihn sprechen, damit die Kinder nicht verstehen. Offensichtlich hat er Mut, wenn er so gefährlich ist, und man muss ihn mit allen Bannen belegen. Es ist verboten mit allen Verboten, sich mit ihm zu beschäftigen: beim Zuhören, Zusehen und Nachdenken, Gott behüte. Und dennoch sehe ich sein Bild in natürlicher Größe in der neologischen Schule und sehe ihn mir heimlich, aber gründlich an. Wie schön und vornehm ist er in seinem Frack und mit seinem gepflegten viereckigen Bart. Und wie kann ein solcher Mann ein »Hetzer und Anstifter und ein Beispiel für die andere Seite sein, ein Feind unseres gerechten Messias«, wo doch sein Blick so traurig ist.8 Diese Frage beschäftigt mich schon lange, aber ich wage es nicht, meinem Vater eine solche Frage zu stellen. Meine Frage, warum es das ganze Jahr verboten ist, die Neologen zu besuchen, aber es erlaubt ist, wenn Malbisch Arumim (»Er kleidet die Nackten«) in der Stadt ist, beantwortet mein Vater damit, dass es die Rabbiner so entschieden haben. Diese endgültige Antwort befriedigt mich nicht und lässt mir keine Ruhe. Aber ich soll nicht darüber nachdenken, sagt Vater. Die Rabbiner werden doch wissen, was die Thora von uns verlangt.

Und es sagte doch der Beisitzer im Rabbinergericht:

»In letzter Zeit lassen bestimmte Frauen Reste von Haar auf ihrem Kopf. Es ist bekannt, dass dies Unzucht ist, es grenzt an Taufe und es ist eine Sünde, sei das Haar noch so kurz – man darf in einem jüdischen Haus nicht essen, es sei denn die Haare der Hausfrau sind bis zum Ende geschoren und die Gesetze des Verhaltens während ihrer Blutung werden in allen Einzelheiten eingehalten.« Und er fügt noch hinzu:

»Man darf jungen Männern nicht erlauben im selben Minjan9 zu beten, wie die Burschen von ›Ruhm der Jugend‹, denn es besteht die Gefahr, dass sie sich, Gott behüte, am Zionismus anstecken.«

Das Kommen des Messias

Mein Herz ängstet sich in meinem Leibe, und Todesfurcht ist

auf mich gefallen. Furcht und Zittern ist über mich gekommen,

und Grauen hat mich überfallen.

… Du bist es, mein Gefährte, mein Freund und mein

Vertrauter, die wir freundlich miteinander waren,

die wir in Gottes Haus gingen inmitten der Menge!

Psalmen 55:5-6; 14-15

»Erzähl noch eine Geschichte«, bedränge ich Herschel. »Aber keine so gruselige.« »Alle Geschichten sind am Anfang furchterregend, bis der Gerechte kommt und die Chassidim rettet«, sagt Herschel, der, da er der Sohn des großen Beisitzers im Rabbinatsgericht und ein Jahr älter ist als ich, als Fachmann für weibliche Dämonen, Teufel, böse Geister und allem, was mit der Unterwelt verbunden ist, angesehen wird.

»Und du musst wissen«, so flüstert mir Herschel zu, »dass die Geister Hühnerbeine haben, und wenn du mir nicht glaubst, frag meinen großen Bruder Nachum, der in einer Vollmondnacht um sein Bett Asche gestreut und der am Morgen Fußspuren mit drei Hühnerkrallen gefunden hat, und er hat auch versprochen, eine schwarze Katze zu verbrennen, deren Mutter und Großmutter auch schwarz waren, und dann, wenn er die Asche über ihren Darm streut, könnte er alle Teufel und Geister auf der ganzen Welt sehen.«

So sprechen wir in der Synagoge am Samstag, in der Stunde der dritten Mahlzeit, während die einfachen Bürger gedrängt beieinander am verlängerten Tisch im Hintergrund des Saales sitzen, wegen der Richtung gen Westen, und Herschel und ich verstecken uns unter den prächtigen Sitzen gen Osten, die reserviert sind für die Honoratioren der Gemeinde.

Dunkelheit umschließt uns schon, da doch die Gesänge der dritten Mahlzeit sich weit über die Stunde des Sonnenuntergangs hinziehen, und derweil brennt nichts außer der Dauerkerze in einer rötlich blassen Flamme, die wie vom Irrsinn befallen tanzt und dafür sorgt, dass sich alle Schatten bewegen und unschuldige Tische zu schrecklichen Gestalten werden.

Hinzu kommen die dunklen, sich bewegenden Gestalten der Gemeindevorsteher vor dem Hintergrund der blassen Tischdecke. Die Schatten ihrer spitzen Bärte zeigen nach oben, wenn sie die Hände zum Himmel ausbreiten und seltsame Worte murmeln – all das lässt meine Haut frösteln, und an wen von den Heiligen willst du dich wenden,10 und wer wird dir zur Hilfe eilen in dieser schrecklichen Finsternis, wo doch bei den Gesängen der dritten Mahlzeit gesagt wird: »Gott versteckt sich in der Dunkelheit, dem Verstand bleibt jede Idee verborgen.«

Ich sehe in meinem Geiste, wie Gott selbst, geheiligt werde sein Name, sich einschrumpft und sich in irgendeiner Ecke versteckt. Sein gewaltiger und schrecklich weißer Bart klebt an seiner Brust, seine Augenbrauen rücken zusammen, und seine Augen versprühen Feuerblitze, während die Geister, die Teufel und das Heer der Schädlinge vorbeistolzieren, hüpfend und tanzend, und Laute von sich geben, die die Haare zu Berge stehen und das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Deshalb verstecken sich Herschel und ich in einer dunklen Ecke, wo uns kein Mensch finden kann, und die schrecklichen Geschichten sind für uns eine Quelle der Ermutigung und des Trostes.

In solchen Momenten erinnere ich mich an ein Sehnen, als ich noch ein Baby war und meine Haare noch nicht geschnitten wurden: Mein Vater und meine älteren Brüder gehen in die Synagoge zur dritten Mahlzeit, und ich, der Kleine, verstecke mich vor der Dunkelheit der Dämmerung an der Brust meiner Mutter, die mich an ihr Herz drückt und traurige Lieder von sich gibt, die geheimnisvoll und voller Sehnsucht sind, Lieder, die in fremder Sprache noch aus dem Mund des Gerechten gesungen wurden, so wie sie ihm übertragen wurden durch einen alten Bauern, »er trug einen Mantel aus Ziegenhaaren und hatte einen ledernen Gurt um die Hüften«.11

Szól a kakas már

Majd megvirrad már

Zöld erdöben, sik mezöben

Sétál egy madár

De micsoda madár

De micsoda madár

Zöld a lába kék a szárnya

Engem oda vár

Várj madár várj

Te csak mindég várj

Ha az Isten néked rendelt

Tied leszek már

De mikor lesz az már

De mikor lesz as már

Jibone hamikkdosh ir Tsijajn remale

Akkor lessz az már

De miert nincs az már

De niert nincs az már

Mipne chatoenu golinu mearzenu

Azért nincs az már

Der Hahn ruft schon

Die Sonne steigt schon auf

In einem dunklen Wald – Ebene ohne Schatten

Verirrt sich ein einsamer Vogel

Wie geheimnisvoll seine Erscheinung

Sein Aussehen, seine Gestalt

Golden sein Glied, seine Flügel befleckt

Meine Seele sehnt sich nach seiner Liebe

Ein Flügel für meine Gebete

Warte auf mich, nur auf mich

Wenn Gott mich für dich vorgesehen hat

Dir gehört meine Seele

Wann, wann endlich

Wann und bis wann

»wird der Tempel gebaut und die Stadt Zion bevölkert«

Dann wird er kommen

Warum verzögert er sein Kommen

Unser Herz sehnt sich so sehr

»wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Land vertrieben«

Deshalb ist uns fremd die Fremde

Szól a kakas

Tante Katiza

… der die Unfruchtbare im Hause wohnen lässt,

dass sie eine fröhliche Kindermutter wird.

Psalmen 113:9

Diese Katiza ist gar keine Tante und nicht einmal eine Verwandte der Familie, Gott behüte, da sie eine Christin ist, wenn auch von einer Sekte, die den Schabbat ehrt, und sie hilft uns ab und zu beim Haushalt.

Katiza kennt sich aus mit den Sitten des Judentums, sie achtet darauf, dass unser Haus koscher bleibt, und warnt die Kinder vor leichten und ernsten Sünden. Es ist die Tante Katiza, die uns fragt, wenn wir aufwachen: »Und hast du schon dein Morgengebet aufgesagt?« Und dann deklamiert sie mit einem betont ungarischen Akzent, und die Kleinen sagen ihr nach: »Ich danke dir, lebendiger und existierender König, dass du mir gnädig meine Seele zurückgegeben hast. Reichlich ist dein Vertrauen. Sela.« 12

Die Tante kommt regelmäßig alle zwei Wochen montags (wenn die Arbeiten nach dem Schabbat schon beendet sind und der nächste Schabbat noch fern ist), denn dann findet der ›große Wäschetag‹ statt, den eine Frau unmöglich alleine bewältigen kann. Man muss weiches Regenwasser sammeln, und wenn es fehlt, muss man Wasser in Eimern tragen von einem Brunnen, zwei Straßen entfernt, aus dem warmes Wasser von selbst aufsteigt. Man muss Zweige sammeln und im Hof ein Feuer machen, die Wäsche im Kupferkessel zum Kochen bringen, die Parasiten mitsamt ihren Eiern entfernen (falls man, Gott behüte, welche gefunden hat) und jedes Stück Stoff mit Waschseife und einer groben Bürste reiben. Das Schwierigste ist das Auspressen der Tischdecken oder Laken, da sie aus grobem Leinen gemacht sind. Dabei müssen zwei Frauen die schweren Stoffe an beiden Enden halten und in entgegengesetzte Richtungen drehen. Man muss sie auch in bläulichem Wasser bleichen, Stärke aus Kartoffelmehl kochen, sie von Klumpen befreien und sieben und noch viel, viel mehr, und am Ende, vor dem Aufhängen zum Trocknen, muss man die ganze Wäsche strecken und ordentlich ziehen, damit sie ihre Form behält.

Abgesehen von den Wäschetagen kommt Tante Katiza nach Bedarf vorbei, wie zum Beispiel vor Pessach, dem Osterfest, und anderen großen Feiertagen, und je nach der finanziellen Lage des Haushalts. Denn trotz aller Freundschaft muss man Tante Katiza für ihre Arbeit bezahlen, auch wenn der Lohn gering ist, da man, wie man bei uns sagt, »aus einem durchlöcherten Bündel nicht einmal eine abgenutzte Münze holen kann«.

Tante Katiza, die für uns eine »alte Jungfer« war, mindestens 28 Jahre alt, heiratete am Ende einen dunkelhäutigen Herrn namens Pekete. Sein bescheidenes Auskommen bezog er durch die Reinigung von Schornsteinen im Sommer und mit Schneeräumen von den Dächern der Häuser und den Bürgersteigen im Winter und auch durch den Verkauf von Baigel13 von Haus zu Haus, an den großen Plätzen und an Schulen. Und siehe, was für ein Wunder: Am Tag nach der Hochzeit brachte Tante Katiza einen Sohn zur Welt, Mazel tov! Und wir hatten ihre Schwangerschaft gar nicht bemerkt.

Katiza kommt nun mit dem Baby zu uns. Die Freundschaft zwischen Mutter und Katiza wird noch enger, wenn sie nebeneinandersitzen und jede ihr Neugeborenes stillt.

Allerdings sagte Tante Katiza eines Tages etwas, was meine Mutter so richtig aus der Bahn warf, sodass sie auf Jiddisch zwischen ihren Zähnen zischte: »Wie kann sie nur ihren Bastard mit meinem reinen Engel vergleichen!«

Reb Leibisch

Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen

und Freude den aufrichtigen Herzen.

Psalmen 97:11

Klein und bescheiden ist unsere orthodoxe Gemeinde und in zwei Lager gespalten, die sich beide nicht grün sind. Auf der einen Seite die alten Einwohner, die Aschkenasim,14 die aus ganzem Herzen Gegner der Chassidim sind, vereint in großen, meist vermögenden Familien. Nicht umsonst wurde ihretwegen im ganzen Land der Ruf unserer Gemeinde verbreitet als verschlossen, gefühllos und überaus materialistisch. All das, so die Spötter, als Ergebnis vom Genuss von gemästeten Gänsen, vom Fett der Erde, viel Korn und Most.15 In der Art, wie »Jeschurun fett wurde und bockte«.16

Ihnen gegenüber stehen die Sephardim,17 die erst vor kurzem als vereinzelte Familien aus Galizien und anderen östlichen Gegenden kamen, um hier ihr Auskommen zu finden, und ihre Beziehung zum Chassidismus blieb so wie in den Orten, aus denen sie kamen.

Das Zusammensein zweier entgegengesetzter Welten in einer Gemeinde (allerdings in getrennten Synagogen) hängt am Nichts18 und ist gefüllt von Zwietracht, Streit19 und sogar Hass. Sie sind sich in fast jeder Angelegenheit uneinig, wobei in den meisten Fällen die Aschkenasim obsiegen, weil sie in der Mehrzahl sind und das meiste Geld in die Kasse der Gemeinde geben.

Hinzu kommen die Einstellung und die Urteile des Gemeinderabbiners Reb Itzchak Eisik, der seine unversöhnliche Feindschaft und Abneigung für die Wege des Chassidismus nicht verbirgt.

Ihm gegenüber steht Reb Leibisch, der Richter, der für die Bedürfnisse der chassidischen Gemeindemitglieder kämpft. Aber weil er schwach ist mit seiner Bescheidenheit, seiner Nachgiebigkeit und Kompromissbereitschaft, vermeidet er jede Auseinandersetzung mit dem aggressiven Reb Eisik.

Man hat von diesem Reb Leibisch keinen großen Nutzen. Sogar als Vorleser oder Vorbeter, und bei Trauungen taugt er wegen seines Lampenfiebers nichts. Er traut sich nicht mal, die Neugeborenen zu beschneiden. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit der Reinheit von Lebensmitteln nach der Lehre Hillels20 sowie der Festlegung der Gebetszeiten an Feiertagen.

Dennoch: In Fällen von finanziellen Katastrophen, von Hausunfrieden, bei Krankheiten und bei jedem Unglück, das Gott verhindern möge, wendet man sich an ihn (auch Neologen und sogar Gojim) um Rat und Gebet.

Und überhaupt ein ›seltsamer Vogel‹ (so sagt Mutter) ist Reb Leibisch aus Galizien. Ein empfindsamer Mensch, bescheiden und demütig, ein echter Chassid im wahrsten Sinne des Wortes. Er versucht, freilich ohne großen Erfolg, mit aller Kraft, in der Kleidung und in der täglichen Sprache sich und seine Familie an die Gegebenheiten in unserer anzupassen, obwohl ihn das oft in ein ziemlich lächerliches Licht stellt. Aber bei sich zu Hause ist er frei, so als ob er sich in seinem Geburtsort, im galizischen Schtetl befände. Einige sagen, dass der Reb der Einzige in unserer Stadt ist, der Schtreimel21 trägt, aber nur bei sich zu Hause.

Von Zeit zu Zeit versucht Reb Leibisch, eine ›kleine Schule‹ zu leiten, doch scheitert er immer wieder wegen seiner Zurückhaltung vor den Schülern unserer Gemeinde, die nur dem Stock gehorchen. »Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn.«22

Vor einem Jahr war mein großer Bruder Avraham in der kleinen Schule, und ich saß als kleiner Junge auf der letzten Bank als unangemeldeter Schüler. Avraham erlaubte mir, ihn zu begleiten, wohin er auch ging, und seine Freunde, die anfangs dagegen waren, akzeptierten schließlich diese ›unanständige Sitte‹, mich überallhin mitzunehmen. Mitten in der Unterrichtsstunde kam ein nichtjüdisches Mädchen, eine Schickse, herein, die Gehilfin der Frau des Rebben Faige, und reichte Reb Leibisch den großen Schlüssel des Hauses. Da es nicht erlaubt ist, einen Gegenstand von einem Weib anzunehmen, entwickelte sich folgender Dialog:

Reb Leibisch (in gebrochenem Ungarisch): »Hinlegen auf den Tisch.«

Die Schickse: »Die Hochwohlgeborene hat mir aufgesagt, es dem Herrn zu geben.«

Reb Leibisch: »Gut, leg es auf den Tisch.«

Die Schickse: »Aber die Hochwohlgeborene sagte, es dem Herren zu geben.«

Reb Leibisch: »Gut, leg es auf den Tisch.«

Die Schickse: »Aber die Hochwohlgeborene …«

Dieses Zwiegespräch wiederholte sich unzählige Male zur Freude der Schüler und zum Vergnügen des Mädchens, das sich plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens wiederfand. Das Schauspiel dauerte und dauerte, und am Ende sprang plötzlich mein Bruder Avraham auf, schlug mit seiner Faust auf den Tisch und rief: »Leg endlich den Schlüssel auf den Tisch, bei allen sieben Heiligtümern deiner Mutter!«

»Gut, wenn der junge Herr es sagt«, murmelte das Mädchen, legte den Schlüssel hin und verschwand eilig.

Wir, meine Brüder und ich, sind stets willkommen in Reb Leibischs Wohnung wegen der gesellschaftlichen Nähe zwischen unserer Mutter, die rabbinisch-aschkenasischen Ursprungs ist, und der Frau des Rabbiners Faige, auch sie Sprössling einer Rabbinerfamilie, aber mit chassidischen Wurzeln. Wir lieben es, dort zu sein, besonders an Regentagen in der Winterzeit, wegen der Freiheit, die man hat, in den Räumen wilde Spiele zu spielen und für ein Durcheinander zu sorgen, indem man die Möbel auf den Kopf stellt, was bei meiner Mutter, die sehr auf Ordnung und Sauberkeit achtet, nicht sein darf.

Wenn ich dort bin, verfolge ich mit Bewunderung (und Neid) die Art der ruhigen und zarten Bindung zwischen den Brüdern und besonders zwischen den Eltern und Kindern. Geradezu bezaubert bin ich von der zarten und ruhigen Beziehung zwischen Reb Leibisch und seinen Söhnen (und sein Benehmen gegenüber meinen Brüdern und mir ist übrigens nicht anders). Ihre Unterhaltung schließt nicht nur die regelmäßigen Unterrichtsstunden ein, für die er großes Interesse zeigt, ihre Leistungen überprüft und sie lobt, obwohl geschrieben steht: »Nur wenig lobt man den Menschen direkt.« Die meisten Lehren des Reb Leibisch beschäftigen sich mit den Pflichten der Menschen untereinander. Er stellt uns ruhig und sanft Fragen über die Moral und lehrt sie uns, indem er Geschichten von Gerechten erzählt.

Reb Leibisch begnügt sich nicht mit dem Lehren von Gesetzen und Vorschriften, sondern sorgt auch dafür, dass sie eingehalten werden. Und tatsächlich beteiligte ich mich auch nicht selten mit seinen Söhnen bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Krankenbesuchen und half kinderlosen Alten, Trauernden und vielen mehr.

Da gibt es die Geschichte mit dem Kirschbaum im Hof des Reb Leibisch, dessen Blätter im Frühling blühten, dessen Blüten aufgingen, aber, oh weh, er wird nicht Früchte tragen können, weil Würmer, die jetzt erst zu Tausenden ausgeschlüpft sind, angefangen haben, an ihm zu nagen, und jedes Blatt und jede Frucht zu fressen drohen. Das ist keine seltene Erscheinung, sie passiert in den meisten Höfen in der Stadt, aber statt, wie es erforderlich ist, Gift zu spritzen, bat Reb Leibisch seine fünf Söhne und alle meine Brüder, die Würmer mit zarten Händen aus den Blättern einzusammeln und sie gesund und ganz in Kartonbüchsen aus der Stadt zu bringen, an den Rand des Sumpfes, wo sie sich vermehren können, ohne einem Menschen zu schaden.

So etwas hat sein Ansehen natürlich nicht vermehrt und nur betont, wie schwach Reb Leibisch die Interessen der Gemeinde gegenüber dem aschkenasischen Rabbiner der Gemeinde vertrat. Von Zeit zu Zeit tauchte der Gedanke auf, Reb Leibisch gegen jemanden mit passenden Eigenschaften auszuwechseln, aber angesichts seiner Ehrlichkeit, seiner Bescheidenheit, seiner Gelehrsamkeit und Gottesfurcht – und da er Vater von fünf Söhnen war – kam es nicht einmal zu einer ersten Beratung.

Die Spaßmacher der Gemeinde aber, und davon gibt es unberufen viele, verpassen keine Gelegenheit, über ihn zu spotten und ihm mit ihren lächerlichen Fragen zuzusetzen.

An einem Samstagabend saß Reb Leibisch völlig nackt auf der Bank im Ankleidezimmer der Mikwe23 und störte dadurch Herrn Bremer, den Textilvertreter, beim Ankleiden. Dieser Bremer, der für seine Grobheit bekannt ist, wandte sich an Reb Leibisch mit erhobener Stimme, sodass alle Anwesenden es hören konnten, und sagte in der Sprache der Gojim und in abfälligem Ton: »Seine Heiligkeit möge Ihren fetten und weißen Hintern von hier entfernen!« Diese Geschichte bekam Flügel und amüsierte die ganze Gemeinde – Männer, Frauen und Kinder – den ganzen Samstag über und lange Zeit danach, bis sie durch eine neue Gemeinheit zur Seite verdrängt wurde.

Aber einmal im Jahr ändert sich das radikal – und zwar in der Nacht des Kol Nidre24 am Versöhnungstag. Schon in den zehn Tagen der Umkehr25 und besonders am Abend des heiligen Tages ändert sich alles aus Furcht vor dem »Tag des Gerichts«, der auf die ganze Gemeinde drückt. Alle sind wie Engel (die ja auch vor Gericht stehen), Zittern und Beben erfasst sie, und sie sagen (in ihrem Herzen): Jetzt ist der Tag des Gerichts da.

Eine heilige Atmosphäre legt sich schon seit Beginn des Monats Elul über unsere Gemeinde, wenn man in den Schofar, das Blashorn, bläst und mit großer Inbrunst das Lied singt: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil.«26

Es hat mich immer fasziniert, wie man einem so kleinen Instrument einen so großen und starken Ton entlocken kann. In meiner ungebremsten Neugier beschloss ich, zu lernen, den Schofar wie die Erwachsenen zu blasen. Die Gewissheit, dass man mir nicht einmal erlauben würde, den Schofar zu halten, erst recht nicht, hineinzublasen, hat mich nicht zurückgehalten, sondern im Gegenteil noch stärker angespornt, meinen Plan durchzuführen. Ich wartete (natürlich an einem Wochentag), bis alle Anwesenden die Synagoge verließen (und kam deshalb zu spät in die Schule – halb so schlimm, mir wird schon etwas einfallen), näherte mich mit Ehrfurcht und Hingabe dem Thoraschrein, schob den Vorhang beiseite, öffnete die Tür und griff schnell nach dem Schofar, um nicht den Gedanken an die schreckliche Sünde der vergeblichen Öffnung des Thoraschreins in mir aufkommen zu lassen. Anfangs gab es schwache, weinerliche und abgehackte Töne, aber ich habe nicht lockergelassen, bis ich einen langen Ton, drei kurze Töne und neun sehr kurze Töne, die wie Weinen klangen, spielen konnte.

Und noch eine Sünde, sogar eine noch schlimmere, beging ich einige Tage später. Es war Sitte in unserer Synagoge, am Ende des Gebets ein Gläschen Branntwein zu trinken, um unserer verstorbenen Lieben zu gedenken. Damit es alle bequem haben, bringt der Synagogendiener Reb Scharul eine Flasche und einige Gläser, aus denen man sowohl beim Kidusch27 wie auch bei der Hawdala28 Wein trinkt.

Die Familienväter scheinen den Schluck zu genießen, da sie ein langes »Haaa!« von sich geben. Auch ich will genießen, sagte ich zu mir, auch ich will »Haaa!« sagen. Ich wartete, bis alle die Synagoge verließen, öffnete das Schränkchen, spülte ein Glas gründlich in fließendem Wasser und schluckte. Ich kann nicht sagen, wie viel ich getrunken habe, da ich mich sofort schlecht fühlte und nach Hause ging. Die Straße vor mir samt den Häusern krümmte sich wie eine betrunkene Schlange, und ich glaubte, meinen Vater zu sehen, wie er auf der anderen Straßenseite auf mich zuläuft.

Gegen Mittag wachte ich in meinem Bett auf. Nur Mutter war zu Hause und mit dem Essen beschäftigt. Sofort erinnerte ich mich an das, was ich getan hatte, und ich wollte weiter schlafen auf ewig, aber wie lange kann man das? Als ich Zeichen des Aufwachens von mir gab, kam Mutter zu mir und fragte zärtlich, ob ich Hunger hätte. Nicht ein Wort über mein Tun von gestern oder vielleicht vorgestern. Ist es möglich, dass sie nichts gemerkt haben? Auch Vater kam zurück von seiner Arbeit, meine Brüder kamen zurück aus der Schule und dem Cheder, keiner sagte ein Wort, und die Sache wurde nicht einmal auch nur angedeutet. Vielleicht dachten sie, ich wäre einfach nur krank gewesen – solche Gedanken gingen die ganze Woche durch meinen Kopf. Aber in der Synagoge, sofort nach dem Ausgang des Schabbat, rief mich der Synagogendiener Reb Scharul mit einem Fingerzeig zu sich und streckte mir wortlos seine Hand hin. Sofort verstand ich, dass er von meiner Tat wusste. Ich nahm seine Hand, küsste sie, bat um Vergebung und entfernte mich leise, ein wenig beschämt, aber sehr erleichtert.

Nach so schrecklichen Sünden war es kein Wunder, dass auch ich mit großer Inbrunst und Hingabe Kappores29 schlug. Ich stand neben meinem Vater, der dabei war, den ärgerlichen Hahn zu schwenken, dessen blutroter Kamm und seine wie Schwerter gekrümmten Krallen meinem Gesicht zugewandt waren, und ich wurde aufgefordert, laut den Text aus dem Gebetbuch zu sagen, und nicht einmal, sondern drei Mal hintereinander. Es versteht sich von selbst, dass ich Fehler mache, da ich erst vor kurzem im Cheder angefangen habe, Hebräisch zu lernen. Mein Vater beugt sich nahe an mein Ohr, tadelt mich heftig, und ich weine vor lauter Frust. Mutter, die mit der Vorbereitung des Essens beschäftigt ist, eilt zu meiner Verteidigung. Zumindest glaube ich das, da sie eine fremde Sprache spricht, damit ich sie nicht verstehe, aber mein Vater antwortet ihr in einer Sprache, die ich verstehe, und erklärt, dass er mich absichtlich zum Weinen gebracht hat, da bekannt ist, dass die Tränen eines Kindes alle sieben Himmel aufreißen. Deshalb hat er seine Bitten zu meinem Weinen hinzugefügt. Diese Erklärung hat meine Mutter nicht befriedigt, mich hingegen beruhigt, da ich der Träger des Gebets meines Vaters an Gott, geheiligt werde sein Name, sein durfte.

Zu meiner Frage, warum Mutter sowohl mit einem Hahn wie auch mit einer Henne Kappores schlägt, antwortete Vater, dass man nicht im Voraus weiß, ob der Storch einen Sohn oder eine Tochter bringen wird.

Wir kommen gegen Abend ehrfurchtsvoll zum Kol Nidre in die Synagoge, wo Furcht und Respekt herrschen. Und siehe da, mit festen Schritten, heldenhaft wie ein Löwe und mutig wie ein Tiger, steigt der Richter Reb Leibisch zum offenen Thoraschrein, entnimmt ihm mit Mühe und Zittern die größte Thorarolle, küsst sie, drückt sie an sein Herz, schreitet damit in der Synagoge umher und verkündet mit immer lauterer Stimme in der traditionellen Melodie, die die Seelen erzittern lässt:

»Mit Einverständnis des Ortes und Einverständnis der Gemeinde

In einer Sitzung oben und einer Sitzung unten

Erlauben wir das Beten mit den Sündern.«

Und er fährt fort mit einer gewaltigen, jetzt starken und großen Stimme:

»Ein Licht erstrahlt den Gerechten, und Freude den Menschen mit redlichen Herzen.30 Tränenbäche strömen aus meinen Augen, weil man dein Gesetz nicht befolgt.«31

Reb Leibischs Tränen kullern auf seinen prächtigen Bart und von dort auf den Mantel32 der Thorarolle. Stimmen der Erleichterung und schluchzende Geräusche kommen von den Frauen, und auch die Männer können ihre Tränen nicht zurückhalten – ihr Stöhnen ist unter ihren Gebetsmänteln und Kitteln hörbar.

Auch ich weine bitterlich und denke in meinem Herzen: Gott, geheiligt werde sein Name, sieht sein Leiden und hört das reine Gebet von Reb Leibisch, einem der Gerechten dieser Welt. Die Erlösung ist nahe, und Davids Sohn, der Messias, wird kommen und uns noch dieses Jahr erlösen.

Und als wir zu einer unbeleuchteten Wohnung nach Hause kommen (es brennen nur die Kerzen für die Seelen der Verstorbenen), sagt mein Bruder Avraham mit seinem unscheinbaren Lächeln: »Reb Leibischs Gebet an diesem Abend wird all seine ›Schwächen‹ wiedergutmachen, von diesem bis zum nächsten Versöhnungstag.«

Kinder

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name

in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du

eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du

vertilgest den Feind und den Rachgierigen.

Psalmen 8:2-3

Wann werde ich endlich mit den Großen im Cheder des Lehrers Oberländer sein!

Man sagt, dass dieser Oberländer die Kinder fast nie schlägt, nur hier und da zieht er an den Ohren, kneift an den Wangen, zwickt die Nase und schlägt einem mit seiner Kippa auf den Kopf, was ganz und gar unangenehm ist, da seine Kippa ekelhaft schlecht riecht, weil sie so alt ist und viel fetten Schmutz angesammelt hat.

Im Cheder von Oberländer zu lernen ist fast schon wie in der Jeschiwa,33 der Talmudschule, zu studieren. Die fortgeschrittenen Schüler lernen selbstständig die Gemara34 auswendig und nicht nur die leichten Traktate wie ›Betza‹ oder ›Bava Mezia‹, sondern Traktate wie ›Schabbat‹, ›Pesachim‹ und ›Qidduschin‹. All das lernt man mit den Kommentaren und verschiedenen Interpretationen, und man studiert verschiedene Abschnitte aus dünnen Heften, die speziell dafür gemacht wurden.

Auch das Lernen im Cheder von Altschloss ist keine einfache Sache, da man auch hier die Gemara mit Ergänzungen und den gesamten Wochenabschnitt mit den Kommentaren von Raschi35 lernt, im Gegensatz zu den kleinen Kindern im Cheder von Lehrer Reicher, die nur das Pentateuch36 lesen und Raschi lediglich bis zum zweiten und manchmal bis zum dritten Teil behandeln.

Am ärgerlichsten ist der Unterricht bei David Grün. Er übersetzt nicht wie die anderen Lehrer, die Sprache der Bibel in Jiddisch, sondern er lehrt reines Deutsch, das bei ihm ›Hochdeutsch‹ heißt. David Grün ist allerdings ein sehr interessanter Mensch. Bei ihm besteht die Hälfte der Unterrichtszeit aus abfälligen Bemerkungen über die Sephardim und Lobpreisungen der Aschkenasim, die die Mehrheit der orthodoxen Gemeinde ausmachen. Im Gegensatz zu den anderen Lehrern, die ihre Bärte wild wachsen lassen und nicht auf ihre Kleidung achten, pflegt David Grün ein schönes spitzes Bärtchen und achtet sehr auf seine Kleidung, obwohl er mit vielen Kindern gesegnet ist, hauptsächlich Mädchen in allen Altersstufen, bei denen es sich gehört, vom Tage ihrer Geburt an für ihre Mitgift zu sorgen.

Dieser David Grün ist ein schwerer Raucher, aber da er immer knapp bei Kasse ist, benutzt er billige Zigaretten, und selbst diese teilt er fachmännisch in drei Teile und raucht sie in einem Holzmundstück bis zum Ende. Wenn ihm die Zigaretten ausgehen, schickt er einen der Schüler, den er protegiert, um ihm drei Zigaretten für zwei Groschen zu kaufen, und verkündet laut, damit alle Schüler es hören, dass man trotz der großen Entfernung die Zigaretten im Kiosk der Brüder Schön kaufen soll, die ja aus unserer Gemeinde sind.

Streichhölzer wird David Grün niemals kaufen, und in der Sommerzeit, wenn die Heizöfen nicht befeuert sind, geht er von Klasse zu Klasse und wendet sich direkt an die Kinder (da er nicht mit den sephardischen Lehrern spricht) und fragt in reinem Deutsch nach Streichhölzern. Es versteht sich von selbst, dass diese Streichhölzer irrtümlich ihren Weg in seine Tasche finden und dass er ihre Rückgabe auf ewig vergisst.

Danach lernt er mit seinen Kindern das sehr lange ›Wehu rachum‹-Traktat im aschkenasischen Stil auswendig und schläft in seinem Sessel ein wie einer, dessen Gewissen rein und dessen Sieg über die Sephardim vollkommen ist.

Und die Lehrer sagen: »Wehe dem, der in die kleinen Romane blickt, da sein Ende in der Hölle sein wird.«

Und weiter sagen sie: »Denkt daran, Kinder, der Messias wird erst kommen, wenn alle Juden gottesfürchtig sind, heimlich oder offen.«

Und die Kinder sagen: »Kommt, lass uns ans Kreuz pinkeln, dann wird sicher irgendein Böser sterben.«

Und weiter sagen sie: »Vielleicht verschwinden wir am Samstag nach dem Abendgebet und spielen Lumpenball am Fluss.«

So kommen die Kinder auf die Welt

Wer mit den Weisen umgeht, der wird weise …

Sprüche 13:20

»Nun, Itzchak, was machen wir mit diesem Kind?«, fragte Mutter besorgt meinen Vater, weil ich am Beginn des Schuljahres sechseinhalb Jahre alt sein werde und die erste Klasse für Siebenjährige aufwärts vorgesehen ist. Es wäre schade, ein ganzes Schuljahr zu vergeuden.

»Mach dir keine Sorgen, Rivka, ich habe schon mit Stein gesprochen« – dem Direktor der jüdisch-orthodoxen staatlichen Schule –, »er wird sich beim Lehrer des Bürschchens erkundigen, der sicherlich feststellen wird, dass unser ›Schulem‹37 unbedingt für die erste Klasse geeignet ist.«

Und in der Tat, an einem bestimmten Herbsttag steckte mir Mutter ein Schreibset in die Hand, das eine schwarze Schiefertafel, einen schiefernen Griffel und einen Schwamm enthält (eine abgenutzte ›Erbschaft‹ meiner großen Brüder), und ich bin auf dem Weg in unsere Volksschule im Hof der religiösen Schule, einem Weg, der meinen Füßen schon seit Jahren bekannt ist. Und wer begleitet mich, nachdem ich das Haus verlassen habe? Soltan, der Nachbarsknabe, dessen Weg auch in die erste Klasse führt, zu der er nach der dritten oder vierten Ehrenrunde zurückkehrt.

Dieser Soli wohnt in unserer Nachbarschaft und ist ein Sprössling der Familie Schatz, die aus zwei Großeltern und vier Enkeln besteht, die als Waisen betrachtet werden. Warum sie keine Eltern mehr haben, ist ein strengstes Geheimnis, und es gelang mir bis heute nicht, es zu lösen. Während Opa Schatz sich fromm gibt und in der chassidischen Synagoge betet, beten die Enkel überhaupt nicht und wachsen wild auf, ohne Furcht vor Eltern und ohne Rücksicht auf die Sitten. Sie benehmen sich wie eine einzige Krafteinheit, sind mutig und ziemlich klug, sodass auch die nichtjüdischen Jugendlichen sie nicht besiegen können. Der jüngste von ihnen, Soli, ist drei oder vier Jahre älter als ich, und wir spielen miteinander – sehr zum Verdruss meiner Eltern.

Soli freute sich sehr, mich zu sehen, und schlug sofort vor, dass wir zusammen im Fluss baden gehen – »das macht viel mehr Spaß als Schule«. Tatsächlich haben wir uns gut amüsiert, wie wir da nackt im kalten Flusswasser badeten, und Soli hat mit Hilfe eines Schilfrohrs Frösche aufgeblasen, von denen einige das nicht ausgehalten haben, und der weichherzige Soli hat sie in den Fluss geworfen »als Futter für die armen Fische«. Zusätzlich trat er unbeabsichtigt auf meine neue alte Schiffertafel, die in unzählige Splitter zerbrach.

Als ich hungrig nach Hause kam, wussten die Eltern natürlich von meinem Wegbleiben von der Schule, da es nichts gibt, was sich vor den Augen unserer Bürgerschaft länger als wenige Minuten verbirgt. Und tatsächlich versuchten meine Eltern mir sanft zu erklären und mich davon abzuhalten, mit Soli dessen sündige Wege zu gehen, und ich habe es feierlich versprochen, ohne völlig überzeugt zu sein, dass sie recht haben, denn dieser Soli wusste in meinen Augen ziemlich viel. Am nächsten Tag begleitete mich zur Sicherheit meine Mutter, um festzustellen, dass kein Soli auf mich wartete, und so kam ich rechtzeitig in die erste Klasse, wo mich kein anderer als Soltan höchstpersönlich mit einem strahlenden Grinsen erwartete. Er zeigte auf ein frisches Brötchen, das auf einem Stuhl lag, und fragte mich, ob ich daran interessiert wäre. Sofort griff ich danach und fing an, es mit großer Gier zu verschlingen (wann bekomme ich einen solchen Leckerbissen und ganz besonders an einem gewöhnlichen Wochentag!), als Bondy Klein, ein Riese, zum dritten Mal in der ersten Klasse, auftauchte und zornig mit seiner tiefen Stimme schrie: »Wer hat mein Brötchen genommen?« Mein guter Freund Soli zeigte mit dem Lächeln eines Bastards sofort auf mich, und die Reaktion von Bondy Klein, mir mit aller Kraft eins zu verpassen, ließ nicht lange auf sich warten. Den Leckerbissen konnte ich aber vollständig aufessen, und so lernte ich auf dem harten Weg, wie die Empfehlungen meines guten Freundes Soli zu verstehen waren.

Am nächsten Tag wartet er auf mich an der Straßenecke, von dort gehen wir gemeinsam zur Schule. Soli ist besonders freundlich, offensichtlich voller Schuldgefühle wegen des Vorfalls von gestern mit dem Brötchen. Auf unserem Weg, an der Ecke einer der Straßen, bückt sich Soli plötzlich und hebt eine Goldmünze auf. »Sieh, was ich gefunden habe!«, rühmt sich dieser Glückspilz, und als ob das nicht genug wäre, findet der Freund nach wenigen Schritten eine weitere Münze und dann noch eine! Ich bin verzweifelt und traurig, denn trotz meiner hartnäckigen Bemühungen habe ich nicht eine einzige abgegriffene Münze gefunden. Soli hat Mitleid mit mir, als er sieht, wie niedergeschlagen ich bin, und verrät mir, dass er nur eine Münze hat, die er jedes Mal neu aufhebt, als ob er sie eben erst gefunden hätte. Meine Stimmung ändert sich sofort und verwandelt sich in Ärger auf Soli und seine Späße und, nicht weniger, auf meine eigene Naivität und Dummheit. Um die Stimmung zu heben, beschließt Soli, meinen Frust zu beseitigen und mir stattdessen etwas beizubringen. Daher fragt er mich, ob ich weiß, wie Kinder in die Welt kommen.

Ich muss zugeben, dass ich die Geschichten vom Storch nicht mehr glaube, aber die richtige Antwort nicht kenne. Da fand sich Soli bereit, mir mit Hilfe des Gliedes von Pferden, die vorbeitrabten, zu erklären, was Vater und Mutter Pferd miteinander veranstalten und wie als Ergebnis ein Fohlen aus dem Bauch der Mutter kommt.

So lernte ich auf dem harten Weg, wie Fohlen (und Kinder) zur Welt kommen.

Bei der Patin

… so wird dich der Herr, dein Gott,

zum höchsten über alle Völker auf Erden machen.

Gesegnet wirst du sein in der Stadt, gesegnet auf dem Acker.

Gesegnet wirst du sein bei deinem Eingang und gesegnet

bei deinem Ausgang.

Deuteronomium 28:1-6

»Bald werde ich zu meiner Mutter, deiner Großmutter, und meinen Schwestern, deinen Tanten, fahren.« Aber diesmal ist Tante ›Ruche‹, Rachel Perla, die Ehefrau meines Paten, »damit einverstanden, dass du mitkommst, unter der Bedingung, dass du mir versprichst, dich gut zu benehmen und ihr Haus nicht ohne Erlaubnis zu verlassen«. Das sagte mir Mutter, indem sie mein Kinn mit ihrer Hand anhob und den Zeigefinger der anderen Hand vor meinem Gesicht hielt, während sie mir tief in die Augen sah. Ich habe nichts gesagt und nichts versprochen, aber mich von Herzen gefreut, nicht in die peinliche Lage von damals zu geraten …

Die peinliche Situation ereignete sich vor zwei Jahren, noch vor meiner Schulzeit. Auch damals hatte meine Mutter vor, ihre Familie zu besuchen. Wie üblich bei solchen Gelegenheiten und anderen längeren Abwesenheiten ›verteilen‹ die Hausfrauen ihre Kinder unter den Frauen der Familie, unter Nachbarinnen und Freundinnen, wobei auch sie wiederum bereit sind, eine solche Pflicht zu übernehmen, wenn sie darum gebeten werden. Und so tat es auch Mutter, indem sie meine Brüder mühelos verteilte, gute Kinder, alle gehorsam und beispielhaft. Als aber ich an der Reihe war (ich galt als ›schlechter Junge‹ wegen meines stürmischen Temperaments, meiner Neugier und meiner unkontrollierbaren Unternehmungslust), nahm mich Mutter an der Hand und schleppte mich hin und her zwischen ihren Freundinnen, die eine nach der anderen höflich absagten: »Sieh mal, Rivka: Ich bin bereit, zwei deiner anderen Kinder zu nehmen, aber den bitte nicht.« So ging es fort, bis Tante Rozsika, die Schwester meiner Mutter, mich am Ende beherbergen musste. Die Tante war in meinen Augen eine alte Frau, ihre Kinder hatten schon das Haus verlassen, und auch ihr Ehemann, Onkel Aden, war wegen seiner Geschäfte fast nie da, sodass ich allein mit der Tante blieb, die sich nicht groß um mich kümmerte. Die meiste Zeit verbrachte sie mit dem Lesen von Groschenromanen. Alle Türen der Wohnung waren verschlossen, um eine mögliche Flucht meinerseits zu verhindern. Deshalb überlegte ich, durch eines der Fenster abzuhauen, aber ich ließ es sein, um meine Mutter nicht zu enttäuschen. Und als sie endlich kam, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten, während sie mich in ihren warmen Schoß drückte.

»Letztes Mal, vor zwei Jahren, als ich deine Oma besuchte«, sagte meine Mutter jetzt, »warst du noch ein Baby und hast noch nicht die Schule besucht, aber jetzt, wo du ein großer Junge bist und die erste Klasse besuchst, kannst du versprechen, dass du dich schön benimmst.« Als ich nicht reagierte, fuhr sie fort und erklärte: »Tante Ruche erwartet ein Baby, und sie weiß, dass sie, wenn sie in deiner Nähe ist und du sie lange ansehen wirst, dann sicher einen Jungen bekommen wird, einen guten Jungen, schön und klug wie du, und den wird man Scholem nennen, nach seinem Großvater.« Ich zog es vor, diese unbegründeten Komplimente nicht zu beachten, aber ich fragte, ob das Baby sich schon im Bauch der Tante befinde.

Als der Tag kam, nahm mich Vater mit in das rote Backsteinhaus des Paten in der Hauptstraße. Vater warf mich in die Höhe, und ich zog die Glocke, die an der Eingangstür befestigt war, neben dem Tor aus Schnitzwerk, das für die Pferdekutschen vorgesehen war.

Nach kurzem Warten kommt jetzt ein höflicher Diener (ein Goj), erkundigt sich nach dem Grund unseres Besuches, und schon sind wir im geräumigen Vorzimmer. Sofort öffnen sich staunend meine Augen vor einer riesigen hebräischen Schrift vor dem Eingang zum Hof: »Gesegnet seist du, wenn du kommst …« Da ich dieses Sprichwort aus dem Pentateuch kenne und aus dem Gebet »Und er gibt dir« am Ausgang des Schabbat, entdecke ich sofort die Fortsetzung des Sprichworts über dem Ausgangstor: »Und gesegnet seist du, wenn du gehst.« Ich bin beeindruckt vom Mut meines Paten, eine hebräische Schrift so offen darzustellen, eine Sache, die unabhängig von der Betonung der Pracht des Hauses auch überflüssige Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Gojim reizen könnte.

Der Pate Reb Jecheskehl Perla verschwendet seine kostbare Zeit nicht und verschwindet gleich mit Vater in Richtung des Kontors und seines Federlagers. Ich bleibe bei Tante Ruche, die unaufhörlich mein Benehmen beobachtet. Auch ich beobachte ihr Tun als Hausfrau und vergleiche es mit dem meiner Mutter.

Wir befinden uns jetzt am ›Ende der Tage‹, den Schulferien vor dem Pessachfest und den ›Hohen Feiertagen‹, und ich nehme mir vor, mich nach Herzenslust im Haus herumzutreiben – aber nicht außerhalb. Bei meinem heimlichen Rundgang in der großen Wohnung betrete ich das Lesezimmer und bin überrascht von einem riesengroßen verglasten Bücherschrank, voll mit Büchern über das Judentum, antike Philosophen und rabbinische Autoritäten, allesamt in Leder gebunden und mit vergoldeten Buchstaben geschmückt, geordnet wie Soldaten in neuer Dienstkleidung. Der Bücherschrank meines Vaters ist viel kleiner, und seine Bücher sind gebraucht, ziemlich abgenutzt und nachlässig geordnet. Dieser Unterschied sagt alles!

Mein Hauptinteresse wendet sich gleich den wesentlichen Punkten der Hausordnung zu, die ganz und gar anders sind als bei uns zu Hause. Zum Beispiel die Sache mit dem Wasser. Bei uns zu Hause gibt es drei Wasserquellen: erstens das ›schlechte‹ Wasser, das mit der Hand aus einem Brunnen geschöpft wird, der sich am Rande des Hofes befindet. Dieses Wasser aus der Tiefe ist besonders hart und ungeeignet zum Trinken, Kochen oder Wäschewaschen und eignet sich nur für grobe Arbeiten, wie zum Beispiel zum Bodenwischen oder zum Einlegen von Fleisch in Salzwasser. Wasser zum Trinken, Kochen, Baden, Händewaschen und Ähnlichem wird in besonderen Gefäßen gebracht, aus einem artesischen Brunnen,38 der sich in einer Entfernung von etwa zwölf Häusern befindet. Eine weitere Quelle ist das weiche Regenwasser, das aus den Dächern in Holzfässern gesammelt und hauptsächlich für die Wäsche benutzt wird. Im Haus meines Paten beobachtete ich aber eine wunderbare Sache! Mitten im Hof, der mit Steinplatten bedeckt ist, befindet sich ein tiefer Brunnen mit gutem Wasser, aus dem ein Metallrohr heraufsteigt und bis zum Dachboden reicht, wo es in einem riesengroßen Holzfass endet, bedeckt mit Holzplatten, um das Eindringen von Mäusen und Ungeziefer zu verhindern, die das Wasser unrein machen könnten. Einer der Arbeiter (der auch im Federlager arbeitet) schöpft von Zeit zu Zeit mit der Hand Wasser aus dem Brunnen direkt in das Fass, aus dem es mit einem dünnen Rohr in die Küche von Tante Ruche strömt. Diese wiederum lässt, falls sie will, das Wasser in das Geschirr- oder Spülbecken fließen, indem sie einen Griff am Hahn bewegt. Da der Boden des Spülbeckens durchlässig ist, wird Wasser oder jede Flüssigkeit, die sich darin befindet, in eine Grube im Hof geleitet, wo es nach und nach von der Erde aufgesaugt wird. Das ist auch der Grund für die Anwesenheit und das Quaken von Fröschen im Hof der Tante, Nacht für Nacht.

Während ich das Wunder des fließenden Wassers im Haus des Paten beobachtete, fiel mir eine weitere wunderbare Sache auf. Anfangs fragte ich mich, woher der Diener weiß, wann das Wasser in dem Fass auf dem Dachboden zur Neige geht, da er doch nicht ununterbrochen auf den Dachboden geht. Und siehe da, nachdem ich heimlich auf den Dachboden gestiegen war, entdeckte ich, zusätzlich zu den Möbeln, dem Geschirr und anderen interessanten Kleinigkeiten, in deren Studium ich mich vertiefte, dass auf der Oberfläche des Wassers im Fass eine leere Flasche schwamm, an die ein Faden gebunden war. Dieser Faden reichte durch ein Fenster im Dachboden entlang der Hauswand nach draußen. Und wenn das Wasser im Fass fällt, dann geht auch die Flasche runter und der Faden steigt, und je mehr das Wasser steigt, fällt der Faden runter! Durch dieses ausgeklügelte Verfahren konnte man jederzeit die Menge des Wassers im Fass beobachten und bei Bedarf nachfüllen, ohne dass einer auf dem Dachboden steigen musste.

Ein weiteres Wunder war der große Eiskasten in Tante Ruches Speisekammer. Da ich mir nicht erklären konnte, wo das Eis am Ende des Sommers herkam, wurde ich über die große Eisgrube an einer Ecke des Hofes aufgeklärt, die mit einer großen Schicht Stroh zugedeckt wurde. Gewaltige Tafeln von Eis wurden im Winter aus dem Fluss herausgebrochen und mit Ochsenwagen zur Eisgrube gebracht, wo sie mit einer Schicht von Stroh und mit einer Wagenplane zugedeckt wurden, sodass das Eis erhalten blieb bis zum nächsten Winter. Das habe ich sogar mit eigenen Augen gesehen. Von Zeit zu Zeit, je nach Bedarf, nahm man von dort Eisblöcke in den Eiskasten von Tante Ruche, um Nahrungsmittel für die nächsten Tage frisch zu halten.

Da wir uns, wie gesagt, in den Ferien der ›letzten Tage‹ befinden, weile ich öfters in der Küche der Patin Ruche. Schließlich wurde ich hierhergeschickt, damit sie mich gründlich beobachten kann. Deshalb habe auch ich sie beobachtet, um zu vergleichen, wie unterschiedlich sie und meine Mutter ihren Haushalt führen.

Aber man kann sie gar nicht vergleichen! Hier machen die Hausmädchen alle Putzarbeiten und kochen, und die Tante, die ihre Schabbatkleidung auch an Wochentagen trägt, gibt ihnen nur Aufgaben und jammert, die meiste Zeit mit einer gehörigen Position Selbstmitleid, über ihre Faulheit und die Qualität ihrer Arbeit. Nicht nur einmal hörte ich sie sagen: »Wenn ich möchte, dass in diesem Haus etwas ordentlich gemacht wird, dann muss ich es selbst machen!« Oder: »Wenn ich meine Augen nur für einen Augenblick von ihnen abwende, richten sie sofort einen unvorstellbaren Schaden an.«

Erst jetzt, da ich weit von zu Hause entfernt bin, im Haus von Ruche, verstehe ich die schwere Last, die meine Mutter trägt. Sie ist verantwortlich für die Führung, die Pflege und die Sauberkeit unseres Hauses. Sie hat es schwer mit der endlosen Kocherei und ihrem Bemühen, immerzu den Hunger ihrer sechs Wölfe zu stillen, und das in schwierigen Verhältnissen und mit bescheidenen Mitteln.

Unsere Wohnung hat ein Schlafzimmer, das mit einer Garnitur aus schweren Salonmöbeln glänzt, ein Familienerbstück. In diesem Schlafzimmer finden auch die Sedernächte, der Empfang wichtiger Gäste und die Gespräche von Mutter mit ihren Freundinnen statt. Zusätzlich gibt es eine Speisekammer und eine Küche, die im Grunde auch das Wohnzimmer der Familie ist. Außer dem Spülbecken befinden sich darin ein Schrank für Kochgeschirr und Essgeschirr, ein Bett für die beiden großen Kinder, die im Schlafzimmer keinen Platz haben, ein großer Esstisch und Stühle für zehn Erwachsene. Dieser Tisch dient zum Essen für alle Tage im Jahr, zum Erledigen der Hausaufgaben und für jede alltägliche Angelegenheit. In der Küche sind auch ein kleiner Tisch, zwei Stühle, die für kleine Kinder vorgesehen sind, und ein Eisengestell für die verschiedenen Wasserbehälter zum Hände- und Gesichtwaschen (da ein Waschraum fehlt) und auch ein Nachttopf für kleine Bedürfnisse in dunklen und kalten Nächten, damit man nicht in den verschlammten oder schneebedeckten Hof raus muss, um zur Toilette zu gelangen.

Beim Betrachten der breiten Marmorflächen und Arbeitstische in der Küche von Tante Ruche wird mir plötzlich bewusst, welche Schwierigkeiten meine Mutter in ihrer Küche hat, da freie Fläche fehlt. Zum Beispiel spült Mutter, wenn sie das Geschirr reinigt, jede Tasse und jeden Teller extra und trocknet beides gleich, um es in den Schrank zurückzustellen. Und so bei jeder Routinearbeit, vom Sonnenaufgang bis Mitternacht: das Stillen des eben geborenen Säuglings, das Waschen seiner Windeln, die Speisung der umfangreichen Familie, darunter auch die greise, verwitwete Oma, das Aufrechterhalten von Sauberkeit und Ordnung in der Wohnung, das Flicken der Kleider und das Stopfen der Socken und noch so vieles mehr.

Und sie hat noch andere ehrenvolle Aufgaben, wie das Einkaufen auf dem Markt, um Obst, Gemüse und fettes Geflügel zu besorgen. Dabei muss sie gleichzeitig eine ermüdende Verhandlung über den Preis führen, das Geflügel danach zerteilen und kochen, verschiedene Mehlsorten von der Mühle kaufen, Teig machen und ihn zu verschiedenen Nudeln verarbeiten und einen Hefekuchen mit Zimt für den Schabbat zubereiten.

All das und noch viel mehr macht Mutter alleine, ohne Hilfe von ihren Söhnen – da sie keine Töchter hat – und mit gelegentlicher Unterstützung von Tante Katiza für besondere Fälle. Sie beschwert sich nicht über Müdigkeit und macht uns keine Vorwürfe. Und manchmal findet sie auch Zeit für sich selbst, um die Klassiker der Weltliteratur zu lesen, die sie so mag.

Ich warte jetzt mit Sehnsucht auf ihre Rückkehr, um es ihr Auge in Auge zu sagen.39

Die Reinheit der Mikwe und die Unreinheit des Hasses

Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen …

Levitikus 19: 17

… und will reines Wasser über euch sprengen,

daß ihr rein werdet; von all eurer Unreinigkeit

und von allen euren Götzen will ich euch reinigen.

Hesekiel 36: 25

Nach immer neuen Aufschüben wird endlich die Eröffnung der neuen Mikwe für den kommenden Freitag angekündigt. Diese Nachricht ist aufregend, weil ich bereits von ihrer unglaublichen Pracht und Herrlichkeit gehört hatte, als sie noch gebaut wurde. Man redete von schneeweißen Porzellanfliesen am Boden und an den Wänden und von warmem Wasser, das in einem Wasserfall direkt vom artesischen Brunnen in das Becken der Mikwe fließt und von dort zur Bewässerung des Gemüsegartens im Hof geleitet wird. Dieser Garten soll vom Synagogendiener gepflegt werden, damit er seine riesige Familie ernähren kann. Außerdem war die Rede von Duschen, aus denen warmes Wasser wie Sommerregen auf unseren Kopf prasseln soll. Die Gemeinde wurde bereits im Voraus ausdrücklich dazu aufgefordert, koschere Seife zu benutzen, um das Becken nicht zu verunreinigen.

Mutter ist froh, dass die neue Mikwe sie endlich von der Mühe befreien wird, uns kleine Kinder jeden Donnerstag in der großen Wanne zu waschen, wobei ich diese Wäsche sogar als angenehm empfinde: Meine Mutter schenkt mir besondere Aufmerksamkeit, weil ich unheimlich kitzlig bin und schon bei der kleinsten Berührung mit der Seife wild herumzappele – sehr zu ihrem Vergnügen.

Man sagte, dass es noch viele weitere Neuheiten in dieser Mikwe gebe. Das Aufregendste ist in meinen Augen das ›Englische Klosett‹ – eine Toilette mit Spülung – mitten im Gebäude, welche die alte Toilette am Rande des Hofes ersetzen soll.

Die Debatte um den Bau der Mikwe bleibt ein ständiges Thema in der Gemeinde und verursacht statt Freude und Hochstimmung Streit und Skandale, begleitet von bitterer Feindseligkeit, stärker als die üblichen Reibungen zwischen Aschkenasim und Sephardim. Diese Feindschaft schlägt manchmal sogar in Handgreiflichkeiten zwischen dem ›Unkraut‹ beider Lager um. Und dazu sagt Reb Leibisch tief betrübt zu seinen Freunden: »Es ist zweifelhaft, ob diese Mikwe die Unreinen reinigen wird, aber schon jetzt, noch bevor sie fertig ist, verunreinigt sie die Seelen der Gemeinde.« Die Debatte dreht sich um jedes winzige Detail in der Auslegung der Halacha,40 aber der Hauptstreitpunkt ist die Tür: Die Mikwe ist in einer Straße gelegen, die parallel zur Straße verläuft, wo die chassidische Synagoge steht, sodass die äußere Wand des Ankleideraumes der Mikwe an den Hof der Synagoge grenzt. Es versteht sich für die Sephardim daher von selbst, dass es einen Durchgang von der Mikwe direkt zu ihrer Synagoge geben soll, anstatt sie dazu zu diesem Umweg zu zwingen.

Die Aschkenasim, die niemals eine chassidische Synagoge betreten würden, sind natürlich gegen den Bau dieses Durchgangs. Sie begründen ihre Ablehnung zunächst mit dem Argument, dass durch eine solche Tür kalte Luft in den Ankleideraum gelangt, was zu Erkrankungen führen kann. Die Chassidim akzeptierten diesen Einwand und versprachen, den Eingang auf eigene Kosten mit einer Doppeltür zu versehen. Aber nur kurze Zeit darauf kommt ein neues Gegenargument von den Aschkenasim: Die Tür wäre in der Nähe des Frauenbereichs, sodass es unkeusche Begegnungen zwischen den Geschlechtern geben könnte. Aber auch diesem Kritikpunkt gibt man, nach einigen Beschwerden, schließlich nach. Zu guter Letzt geben sich die Aschkenasim aber keine Mühe mehr, ihre Absichten zu verschleiern, und stellen ihre eigentlichen Bedenken in den Raum: Die Sephardim hätten durch diese Tür einen Vorteil, und das will man nicht. Und so wurde die Debatte über