Abenteuer eines Fotoreporters - Klaus Brenning - E-Book

Abenteuer eines Fotoreporters E-Book

Klaus Brenning

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Beschreibung

Werdegang eines reisenden Fotoreporters. Spannende Stories vermitteln einen Einblick in die weltweite Arbeit für Illustrierte und Zeitungen.

Das E-Book Abenteuer eines Fotoreporters wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Fotojournalismus, Reisen, Global, Abenteuer, Biografie

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALT

IM DICKICHT DER ERINNERUNGEN

PER ANHALTER NACH AMSTERDAM

AUF SEE

ICH GLAUB ICH BIN IM ZIRKUS

MEIN ERSTER JOB – STRANDFOTOGRAF

ALS BORDFOTOGRAF AUF DER EUROPA

BERLIN

WIEDER WAS GELERNT

ALS KAMERAASSISTENT BEIM FILM

DIE WEISSEN KHMER

AUF DIE SCHIEFE BAHN GERATEN

GRANDISON

THEO GEGEN DEN REST DER WELT

30 MINUTEN IN MOGADISCHU

SPRINGFLUT AN DER IRISCHEN ATLANTIKKÜSTE

AUF UND UNTER DER NORDSEE

ISTANBUL

LOOK, HERE COMES PAIN

AU WEIA SAFARI – EIN RITT NACH AL FAYOUM

TAGE UND NÄCHTE IN KAIRO

CAPRI UND MIAMI

LADAKH - HIGH LIFE MIT KOPFWEH

ALGERIEN - ZUR FALSCHEN ZEIT AM FALSCHEN ORT

EIN MEISTERSCHUSS

IN KATHMANDU

NIX WIE WEG

BALI

NICARAGUA

PAPUA-NEUGUINEA

TOKIO

REISEN AUF JAPANISCH

FISCHE FANGEN VOR KUBA

ZU FUSS VON MÜNCHEN NACH BREMEN

IN EINEM FREMDEN LAND

ICH – DER SUPERFOTOGRAF

SAN SEBASTIAN IM BASKENLAND

CATHY SHERMAN UND IHR PETERBILT

EIN JOB IM JANUAR

ALS SCHIESSBUDENFIGUR BEI DER US-ARMY

ZU ASCHE ZU STAUB

IM DICKICHT DER ERINNERUNGEN

1963

Während der Lehrjahre in der Bank lernte ich Ulf kennen, einen Hamburger, der seinen Wehrdienst in Oldenburg leistete. Er war ein Jazzfan wie ich, der die Posaune voller Elan eher laut denn wohltönend blies. Übte ich zuhause, so bekam der unfreiwillig beschallte Nachbar über uns wahrscheinlich Migräne. Ulf war musikalischer als ich und zupfte abends einen Bass oder blies Trompete in einer Dixieland Band im Haus des Studentenbunds. Wir wurden Freunde und er übernachtete an dienstfreien Wochenenden bei mir zuhause.

Als er wieder mal Urlaub bekam, fragte er, was ich davon hielte, nach Paris zu trampen. Viel, sagte ich. Um einige Tage blau zu machen, bat ich eine Bekannte, meine ahnungslose Mutter zu vertreten und mich in der Bank telefonisch krank zu melden. Wir zogen los und erreichten nach zwei Tagen Paris.

Nach sechzig Jahren habe ich meinen aus den Augen verlorenen Freund angerufen und zu unserer Tour befragt. Das Durcheinander seiner und meiner lückenhaften Erinnerungen ist so widersprüchlich wie die Aussagen der Zeugen eines Mordes im Film Rashomon. Einig sind wir uns darin, dass wir damals sehr wenig Geld hatten, ich besaß 70 DM, wieviel Ulf hatte, weiß ich nicht. In bester Soldatenmanier hatte er Fressalien organisiert: Eine Salami und Dosen mit Schwarzbrot.

Ich weiß nicht mehr, wo wir in Paris übernachteten. Baguette war mein Grundnahrungsmittel, dazu gönnte ich mir rote Marmelade. Mein Darm streikte nach wenigen Tagen, was immerhin den Vorteil hatte, das Aufsuchen der ekelhaften Pariser Urinals und Klos zu beschränken, die damals aus Löchern im Boden bestanden.

Ulf erinnert, dass wir eine Nacht in einer Pension in St. Germain in der Rue de la Huchette abstiegen. Uns beiden ist ein Besuch auf dem Flohmarkt im Gedächtnis, wo er bei einem Trödler eine Trompete sah, die er unbedingt kaufen wollte. Weil sie 80 DM kostete und sein Geld nicht reichte, lieh ich ihm zähneknirschend 20 DM. Damals gastierte der Bebop Trompeter Chet Baker in Paris, wo er mit einer Band in unserer Straße im ‘Caveau Du Jazz’ auftrat, einem berühmten Club, der noch heute existiert und bei Leuten in ist, die auf der Suche nach der Atmosphäre des alten Paris sind.

Dort wollten wir unbedingt rein: Einmal Chet Baker live sehen und hören! Leider kostete es Eintritt, keine Ahnung wieviel. Ulf meint, es wären 40 DM gewesen. Der Club war in einem Keller, rein kam man erst nach dem Bezahlen, nach Ulfs Erinnerung bei einem Kassierer, nach meiner bei einer Kassiererin. Reinmogeln ging nicht: Sie war fett, jonglierte einen kleinen Tisch und die Kasse auf ihren Schenkeln, und erst wenn man zahlte, drehte sie sich seitwärts und man konnte sich an ihr vorbei zwängen und die schmale Treppe zum Club hinabsteigen.

Irgendwie überredete Ulf sie, die Trompete unterm Arm, ganz ein Profi auf dem Weg zum Gig. Wir durften nur zehn Minuten bleiben, sonst… Es war gerade Pause und wir gingen zum Podium, wo Chet Baker mit einem Kollegen plauderte. Ulf reckte seinen Arm und reichte die Trompete empor, auf dass der Hohepriester des Bebops sie weihen möge… so kam es mir jedenfalls vor. Chet nahm sie in die Hand, sagte “nice little horn” und gab sie ihm zurück.

Als ich kürzlich meinen Freund anrief und darauf ansprach, sagte er: “Die Erinnerung trügt dich. Das war in Amsterdam, wohin wir auch mal getrampt sind. Auf dem Flohmarkt habe ich ein Tenorhorn gefunden und Du hast mir 20 DM geliehen. Auf unserem Rückweg nach Bremen habe ich auf dem Horn geblasen, während du den Daumen rausgehalten hast. Dann hat einer gehalten, du hast laut gerufen, ich war aber mit dem Tenorhorn zugange. Der Autofahrer wollte schon weiter zu fahren, du kamst genervt angerannt. Den Lift haben wir gerade noch bekommen. Und Chet Baker spielte damals in Paris einen Chorus auf meinem Horn. Das hatte ich als 16-jähriger bei einem Trödler für fünf Mark gekauft und 1962 bei einem Instrumentenbauer restaurieren lassen. Es half mir während meiner Bundeswehrzeit als Vorbote auf die Freiheit nach dem Militär. Nach dem Abend im Cave wollten zwei Typen die Trompete von mir kaufen.

Unsere Rückreise verlief schleppend. Vor Kassel sahen wir auf einem Autobahnparkplatz ein Autowrack, das Ulf befingerte. Unvermutet erschienen zwei Kripobeamte in Zivil. Sie fragten, was wir mit dem Auto wollten, es gehöre uns doch nicht, usw.? Wir mussten in ihr Auto steigen und sie setzten uns irgendwo ab, wo kaum ein Auto vorbeikam und wir keine Chance auf eine Mitfahrgelegenheit hatten, reine Schikane. Am Abend landeten wir in einem Obdachlosenasyl. Wir waren die einzigen Kunden und nächtigten in einem Schlafsaal, der penetrant nach Desinfektionsmitteln roch. Auf den Matratzen der Etagenbetten lagen Plastiktücher, nachts brannte eine blaue Funzel. Als wir uns am Morgen bei der Oberin abmeldeten, gab sie uns Äpfel und mahnte: „Ihr jungen Männer könnt jetzt im Sommer doch eine geregelte Arbeit finden.”

In Amsterdam war ich mehrfach mit verschiedenen Kumpeln. An den Trip mit Ulf kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Dass Chet Baker einen Chorus auf seiner Trompete blies, halte ich für Anglerlatein, doch Ulf widerspricht. Und wie würde Chet Bakers Version der Story lauten? Das wird niemand erfahren, er starb 1988 im Heroinrausch in Amsterdam.

PER ANHALTER NACH AMSTERDAM

1964-65

Während meiner Lehrzeit lerne ich in Lillys Kneipe Horst und Hans kennen. Beide besuchen die Kunstschule und wollen Maler werden, ich selbst habe außer an Büchern kein Interesse an Kunst. Wir treffen uns manchmal und kurz vor Pfingsten fragt Horst, ob ich mit ihnen nach Amsterdam trampen will. Ich bin begeistert von der Idee. Meine Eltern hätten mir das nie erlaubt, gut, dass sie verreist sind. Es ist mein erster Besuch in Amsterdam und ich bin gespannt auf alles Neue: Die Grachten mit den Hausbooten, überall herumkurvende Radfahrer, ein Rotlichtviertel mit Nutten in den Fenstern, Billard Kneipen, viele indonesische und chinesische Restaurants. Wir essen vor allem gebratenen Reis mit Sojasoße: Ohne Ei 1,80 Gulden, mit Ei 2,10. Wir flanieren zum Leidse Plein, zum Rembrandts Plein und sonnen uns im Vondelen Park wie etliche andere Tramper, Gammler und Obdachlose. Amsterdam ist liberal, aber die meisten Typen um uns herum nehmen keine Drogen oder ich bekomme es nicht mit. Die Ära von Heroin hat noch nicht begonnen, nur wenige Typen rauchen Joints.

Da ich mit angehenden Malern unterwegs bin, besuchen wir neben dem Park das Rijksmuseum und latschen stundenlang durch die Säle und Kabinette. Die Kunst der Alten Meister mit überwiegend religiösen Motiven sagt mir nichts. Als wir wieder raus sind, kramt Horst eine winzige hölzerne Statue aus seiner Jacke. Die hat er tatsächlich geklaut. Doch sein Gewissen meldet sich bald, er bringt sie zurück und stellt sie wieder auf ihr Podest. Abends wird es kühl und wir suchen einen Platz zum Schlafen.

Unerfahren wie ich bin, lege ich mich auf einem abgelegenen Anleger an der Amstel auf die Planken. Ein Fehler, ich bibbere die ganze Nacht und bin froh, als die Sonne wieder aufgeht. Tagsüber laufen wir viel herum und besuchen das Stedelijk Museum für moderne Kunst. Auch die abstrakten Werke sagen mir nichts, sind sie bloß Müll der Künstlerseelen? Dann sehe ich eine Installation, eine kleine Kneipe aus Rundhölzern, die ich betreten kann. Drinnen erklingt Jazzmusik von einer Platte. Auf der Theke stehen Flaschen und Gläser, an den Wänden hängen Plakate. Ein uriger Bau, zum ersten Mal gefällt mir moderne Kunst.

So vergehen die Tage. In der folgenden Nacht finden wir Asyl bei einer freundlichen Bardame, die in ihrem Wohnzimmer Matratzen für uns auslegt. Nachts wache ich auf und sehe im Dunkel, wie eine Gestalt über mich hinweg steigt, die ein Rennrad schultert. Das muss ihr Freund sein. In der nächsten Nacht zeigt einer der Gammler uns zwischen einer Häuserzeile eine Bauruine. In die vernagelte Haustür sind Löcher als Tritthilfe geschlagen, so dass wir zu einer Luke klettern können und in die Ruine kommen. Im Obergeschoß sind gammelige Matten unser Schlaflager, es gibt kein Dach, über uns funkeln Sterne am Himmel. Friedlich schlummern wir bis zum Morgen.

Spät am nächsten Abend stößt ein Seemann zu uns. Er ist dunkelblau und hat nichts mehr zu trinken. Weil er so blank wie wir ist, will er von seinem Kapitän einen Vorschuss auf die nächste Heuer holen, und das nachts um zwei Uhr. Wir ziehen los zum Hafen, wo er auf einer Gangway an Bord seines Frachters steigt, ein kleinerer Kümo für Holztransporte. Er verschwindet im Innern und wir warten. Dann: Flüche und Gepolter. Nach einer Weile kommt der Seemann bedröppelt mit einer Zigarrenkiste unterm Arm zurück auf die Pier. Die gibt er uns und sagt: “Hier, damit könnt ihr was kaufen,” dann verschwindet er mit Schlagseite auf seinem Schiff. In der Kiste klimpern Münzen aus verschiedenen Ländern, ob die jemand als Zahlungsmittel akzeptiert?

Leider ist am folgenden Tag unsere Zeit um, wir müssen zurück nach Bremen. Weil das Trampen zu dritt nicht funktioniert, trennen wir uns. Ich schaffe die Rückkehr erst gegen fünf Uhr am nächsten Morgen. In drei Stunden beginnt der Unterricht in der Berufsschule, schlafen ist nicht mehr drin. Gegen 9.30 Uhr nicke ich im Unterricht ein und der Lehrer schickt mich nach Hause. Er kann es sich nicht verkneifen, noch zu sagen: “Das werde ich Ihrer Personalabteilung mitteilen”. Und wenn schon, ich hatte eine tolle Zeit.

AUF SEE

1964

Nach dem Abschluss der Banklehre habe ich den Beruf sogleich aufgegeben, und das sicherlich nicht zum Bedauern der Finanzwelt. Ich will zur See fahren, selbstverständlich auf Großer Fahrt. Diesen Wunsch habe ich seit frühester Kindheit. Mein Vater ist davon nicht begeistert, aber er erzählt es seinem Freund, einem Kapitän beim Norddeutschen Lloyd. Er will mich auf eine Reise nach Yokohama mitnehmen, als Deckshelfer auf seinem Frachter. Die erste Reise, sechs Wochen lang, bis nach Japan! Zuvor muss ich nur eine Hürde nehmen: Die Untersuchung beim Seeamtsarzt. Beim Prüfen meiner Augen fällt er die Axt: “Nee min Jung, dat geit nich.”

Ein Schlag ins Kontor, aus der Traum, bin ich verdammt zum Leben als Landratte? Das Seefahrtsbuch für Große Fahrt habe ich in der Tasche, nur darf ich keine nautische Tätigkeit ausüben. Dafür müssen die Augen völlig okay sein. Ich tröste mich mit einer Heuer als Helfer in der Messe auf einem Frachter der Reederei URAG.

Bald sitze ich im Zug nach Rotterdam und melde mich dort im Hafen beim Bootsmann der ‘Griesheim’, einer ziemlichen Rostlaube. Er ist ab jetzt mein Boss und sagt: “Pack mit an”. Ich reihe mich ein bei den Matrosen, die Proviant im Gänsemarsch die Gangway hochtragen, wie ich sie in den Piratenfilmen im Bahnhofskino als Ersatz für langweilige Schulstunden sah.

Die ‘Griesheim’ ist ein Frachter älteren Typs: Mittschiffs ist die Zentrale mit der Kommandobrücke und dem Ruderhaus. Dahinter sind eine Funker Kabine und die Kabinen des Kapitäns und der Offiziere, Bereiche, die off Limits für mich sind. Ein Deck tiefer ist die Offiziersmesse. Das größte Interesse der Crew gilt der Kombüse. Unter Deck schlägt das Herz des Frachters im Maschinenraum: Dieselmotoren, laute Kolosse, die die Heckschraube über eine Welle antreiben. Vor der Brücke sind zwei Ladeluken, am Bug ist die höher gebaute Back. Achtern vom Mittelschiff reicht das Deck mit einer Luke bis zum Heck mit der Deckskajüte. Darin ist die Matrosenmesse, mein künftiger Arbeitsplatz.

Abends heißt es Leinen los und wir legen ab. Mein Job beginnt in der Kombüse, wo ich den Smutje kennen lerne, einen hageren Typen mit gerötetem Gesicht, unter der Nase hängt ein Tropfen, in der Hand eine Flasche Becks. Der Küchenjunge, ein blasser Hungerhaken, gibt mir Tabletts mit Tellern voller Abendbrot und zwei Kannen mit Kaffee und Tee. Die balanciere ich über Deck bis zur Achterkajüte. Um in die Messe zu kommen, stakse ich über ein 30 cm hohes Schwallbrett, wende mich nach links und wiederhole das Manöver über ein zweites Brett, geschafft. Neun Matrosen sitzen an schmalen Tischen auf Bänken. Sie sprechen wenig: “Salz, Kaffee.” Nach ihrer Mahlzeit trage ich das Geschirr zur Kombüse, wo es gespült wird.

Das Schiff schleicht auf der Schelde Richtung Ärmelkanal. Es nieselt, in der Dunkelheit sehe ich auf dem Wasser und an den Ufern die roten, grünen und blauen Lichtsignale von Bojen und Baken, die die Fahrrinne und Untiefen markieren. Manche erkenne ich nur undeutlich oder sehe sie doppelt. Mir leuchtet ein, dass man als Seemann intakte Augen braucht.

Mein erster Tag ist vorbei, nach einem tiefen Schlaf in meiner gemütlichen Koje beginnt der Alltag auf See. Wir fahren durch die Biskaya mit südlichem Kurs nach Las Palmas auf Gran Canaria. Nach dem Frühstück fege ich die Messe aus, putze die Messingarmaturen und die Geländer des Niedergangs, unten mache ich die Koje vom Bootsmann und hole Nachschub für den Kühlschrank neben der Messe. Wenn die Matrosen Hunger haben, können sie sich jederzeit daraus bedienen. Der Bootsmann ist ein ruhiger Typ, er gibt den Matrosen und mir Anweisungen. Zu mir sagt er: “Das hier ist nichts für Dich. Du gehörst an Land.” Das will ich natürlich nicht hören..

Wenige Tage später kommt ein Herbststurm auf, Windstärke 8 bis 9, weil die ‘Griesheim’ ohne Ladung mit Ballast fährt, liegt sie hoch im Wasser. Deshalb schlingert und rollt das Schiff durch die Wogen; läuft eine große auf uns zu, so hebt sich das Schiff und ich kann vor mir über das ganze Deck und die vorderen Aufbauten schauen. Es geht auf und ab, den ganzen Tag und die folgende Nacht hindurch. Das Essen muss ich trotzdem servieren, morgens, mittags und abends. Wegen des Regens und der Gischt bedecke ich die Tabletts mit Tüchern, das ungewohnte Jonglieren über das schräge Deck ist heikel, geht aber gut. Die Seeluft und die ungewohnte Arbeit zeigen Wirkung: Ich bin müde und habe Muskelkater in den Beinen. Erst allmählich wachsen mir Seebeine. Nachts drücke ich einen Arm und ein Bein gegen die Seitenbretter der Koje zum Ausgleich der Schiffsbewegungen. Das gibt Halt, aber richtiger Schlaf geht anders. Mitten in der Nacht höre ich über mir in der Messe Geräusche. Ich sollte nachsehen, was los ist, aber ich bin zum Aufstehen zu müde. Am Morgen klärt sich das Rätsel auf: Die Tür des Kühlschranks steht offen, in der Messe rutscht und rollt alles munter hin und her: Würste, Käse, die Butterdose und zwei Marmeladengläser.

Während des Sturms meiden einige Männer die Messe. Sie sind gestandene Seeleute, aber trotzdem seekrank und müssen sich übergeben. Dass mir das erspart bleibt, verdanke ich wohl meiner älteren Schwester Ute. Als ich acht Jahre alt war, fuhren unsere Eltern mit uns nach Helgoland. Das Schiff war ein umgebautes Minenboot der Reichsmarine. Auf der Rückfahrt in der Nordsee kreuzten sich die Wellen: “Kabbelwasser”. Das Boot rollte, viele Passagiere kotzten hemmungslos in Tüten, in Eimer und aufs Deck. Überall stank es und mir war übel. Ute sagte: “Stell Dir vor, Du fährst auf dem Freimarkt Achterbahn, das macht doch Spaß!” Das habe ich nie vergessen und bin nie wieder seekrank geworden.

Nach dem Sturm sagt ein Matrose: “Du hast Dich gut gehalten”. Ein Lob, immerhin. Das Wetter klart auf und es wird warm, neben dem Bug tauchen Delfine auf und springen elegant über die Wellen, sieben an der Zahl, die habe ich noch nie gesehen, irgendwie toll. Ein Matrose wirft ihnen leere Kartons zu, die sie mit den Nasen in die Luft stupsen und sich zuspielen wie beim Wasserball. Ich hole aus meiner Kabine eine alte Kamera von meiner Mutter, eine Voigtländer mit Balgen. Ich habe keine Ahnung wie man Fotos macht und knips auf gut Glück ein paar Aufnahmen auf Rollfilm. Später nach dem Entwickeln sehe ich, dass nur ein Bild was geworden ist.

Nach zwei Tagen passieren wir an Backbord den Leuchtturm auf dem spanischen Kap Finistère. Ich genieße die Morgendämmerung an Deck, außer unserem Diesel ist es ruhig. Die meisten Männer schlafen noch. Ich trinke Kaffee und rauche eine zollfreie Camel; für 5 DM habe ich eine Stange beim Bootsmann gekauft. Die Matrosen klopfen meistens Rost und streichen Schutzfarbe auf; auf der Griesheim wird nur noch das nötigste repariert. Allmählich komme ich mit den Männern ins Gespräch, darunter mit dem Maschinisten. Er wirkt wie ein Südländer mit seinen dunklen geölten Haaren und einer Tolle wie Elvis; ich finde, dass er aussieht wie ein Gangster. Er lädt mich ein in seine Kabine und dort stehen viele Regale mit Büchern, es mögen wohl hunderte sein. Eine wahre Leseratte.

Manchmal kommt er abends in die Matrosenmesse, packt einen Stuhl, setzt sich rittlings darauf und erfindet Western Stories, alle lauschen ihm gebannt. Ich habe ihm von der Banklehre erzählt, während der ich einige Wochen in der Vegesacker Filiale arbeitete. Das interessiert ihn und er quetscht mich nach Einzelheiten aus. Sucht er eine berufliche Veränderung? Er revanchiert sich mit seinen Erinnerungen an Bremen, wo er früher in Häuser einbrach, darunter in meiner Nachbarschaft bei Jeffs; mit ihrem Sohn Peter habe ich mit 13 Jahren im Rickmers Park die ersten Lucky Strikes gepafft und auf dem Dachboden seines Elternhauses heimlich mit dem Schrotgewehr seines Vaters ein paar Patronen verballert. Dieser, ein ehemaliger US-Admiral, bestrafte ihn streng. Er musste drei Stunden in der Ecke stehen und hatte Hausarrest. Ich kam ungeschoren davon.

Bald erreichen wir den Hafen von Las Palmas, wo wir wegen einer defekten Maschine mehrere Tage liegen. Ich habe viel Freizeit, in einer Hafenbar trinke ich meinen ersten Cuba Libre, 30 Pfennig das Glas. Eines Abends kommt Matrose Leila zurück an Bord, unterm Arm ein Boxer Hündchen, das mit seinem zerknautschten Maul so hässlich aussieht wie sein Herrchen. Er bekommt einen Schuhkarton als Koje.

Wir laden Erz, dann fahren wir gen Rotterdam, unterwegs ist auch der Boxer seekrank. Er legt sich in der Messe vor die Heizung und kotzt. Die Matrosen nörgeln über das Essen, es braut sich was zusammen. Der Smutje will Frieden schließen und brät eines Mittags Hähnchen, die er in Las Palmas gekauft hat. Leider sind sie mickrig und als ich sie serviere, entlädt sich die Wut der Matrosen. Sie eilen zur Kombüse. Dort fliegen die Teller und fliegen die Hühnchen, diese posthum zum ersten Mal. Eins trifft den Smutje, der ausrutscht und sich die Hand an einem heißen Wasserkessel verbrüht. Tumult. Ein Offizier beendet den Aufstand und nimmt den Koch ins Gebet.

Zurück in Rotterdam schwankt an Land die Erde. Ich bekomme meine erste Heuer. Ich habe fünf Tage frei und fahre nach Bremen zu meinen Eltern, wo leider ein Brief vom Kreiswehrersatzamt auf mich wartet: Der Einberufungsbescheid. Sechs Wochen später bin ich Soldat. Mein Aus bei der Seefahrt? Die Zukunft wird es zeigen.

ICH GLAUBE, ICH BIN IM ZIRKUS

1965-66

Nach meinem kurzen maritimen Ausflug fuhr ich für einen kurzen Urlaub nach Bremen, wo mich der Einberufungsbescheid zuhause kalt erwischte. Das ist es auch jetzt im Januar im niedersächsischen Wesendorf, wo ich den Dienst bei den Panzergrenadieren antrete. Ab jetzt bin ich kein freier Mensch mehr, sondern ein Befehlsempfänger. Politiker bezeichnen Soldaten zwar als “Staatsbürger in Uniform”, aber das ist Schönfärberei. Tatsächlich muss ich allen Befehlen ranghöherer Soldaten gehorchen, auch wenn sie noch so idiotisch sind.

Wir haben einen Ausbilder, der früher als Zivilist ein Maurer war. Ich halte ihn für einen Proleten, muss aber zugeben, dass er einen blühenden Wortschatz hat: So nennt er uns Rekruten “Ganter, “Stoppelhopser”, “Tapper” oder “Muschkoten”. Für einen Ausbilder ist er recht freundlich und schikaniert niemanden. Manchmal kommt er mittags nach dem Essen zu uns in den Keller der Kaserne, wenn wir während der einstündigen Freizeit Tischtennis spielen. Dann spielt er gegen jeweils zwei von uns. Er ist haushoch überlegen und wenn ihm ein Spiel zu langweilig wird, greift er einen Stuhl und benutzt den als Schläger. Das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Die Ausbildung kommt mir vor wie eine Dressur, die bezweckt, aus uns gehorsame Affen zu machen: Nicht denken, nicht auffallen, nur gehorchen. Der Besuch des Gottesdienstes ist freiwillig. Da ich nicht teilnehme, werde ich zum Putzen der Klos und Waschräume eingeteilt, was ich als Schikane empfinde. Sonst ist der Dienst erträglich, nur die Hierarchie finde ich ärgerlich. Das beginnt bereits mit dem Militärjargon: Soldaten sind Männer, die in Stuben wohnen, Offiziere dagegen Herren in Zimmern. Soldaten essen in der Kantine, Offiziere speisen im Kasino usw.

Als Panzergrenadiere gehören wir zur Infanterie und müssen oft marschieren, im frostigen Winter nur etwas für Liebhaber. Zum Hohn nervt mich dauernd ein Hit von Petula Clark, den ich nicht aus dem Ohr bekomme: ‘Downtown… Go Downtown, Where All The Lights Are Bright…’. Und das im öden Wesendorf. Das Latschen fällt mir bis auf das Schleppen schwerer Geräte wie dem abwechselnd geschulterten Maschinengewehr nicht schwer.

Unangenehmer wird es, wenn der Ausbilder “ABC Alarm” brüllt und wir Gasmasken tragen müssen. Falls es gerade schneit, erkenne ich als Brillenträger die Umgebung nur undeutlich und treffe mit dem Maschinengewehr das Ziel kein einziges Mal: Eine Pappfigur, die den Feind darstellen soll, natürlich einen Russen, mit denen wir uns kalt bekriegen. Nur ein einziges Mal schießen wir mit einer Pistole auf eine Scheibe, pro Mann zwei Schüsse mit scharfer Munition. Die Patronen sind abgezählt, die Bundeswehr ist noch jung und es mangelt an allem. Auch mit dieser Waffe verfehle ich die Scheibe.

Und falls aus dem Kalten Krieg ein Heißer wird, könnte die Bundeswehr gegen die russische Armee überhaupt etwas ausrichten? Die nüchterne Einschätzung von Experten: In zwei Tagen würden sie uns überrennen und die französische Atlantikküste erreichen.

Meinen großen Beitrag zum Verteidigen des Vaterlands leiste ich beim Schießen mit der Panzerfaust, nicht auf echte Panzer, sondern auf Autowracks in unterschiedlichen Entfernungen. Panzer sind rar, während meines Wehrdiensts habe ich keinen gesehen. Ich trage die Waffe in der knieenden Position auf meiner rechten Schulter und ziele durch ein optisches Visier mit drei Markierungen für verschiedene Distanzen, die ich schätzen muss. Anscheinend mache ich alles richtig, denn ich treffe als einziger aus meiner zwölfköpfigen Gruppe dreimal. Zur Freude des anwesenden Bataillonskommandeurs, der den Kompaniechef anweist, mir für ein verlängertes Wochenende frei zu geben. Ich, der große Panzerkiller? Zweifel sind erlaubt, und um die Wahrheit zu sagen: Nach dem Schießen kommt raus, dass der für Waffen zuständige Versorgungsunteroffizier außer meiner alle falsch justiert hat.

Mir ist das egal, ich fahre mit einem Kameraden von einer anderen Kompanie auf seinem Motorrad mit nach Bremen, weil ich nicht in der Kaserne bleiben will, in Wesendorf ist überhaupt nichts los. Die Straßen sind glatt, zum Teil liegt Schnee auf der vereisten Fahrbahn, unterwegs beginnt ein Schneetreiben. Eine einzige Rutschpartie, in Bremen angekommen ist mein Winter-mantel völlig mit Schnee verkleistert, ich bin total durchgefroren und so steif, dass ich Mühe beim Absteigen habe.

Zuhause höre ich ein seltenes Lob von meinem Vater: “Der Kompaniechef freut sich, wenn er einen guten Schützen in seiner Truppe hat”. Na und wenn schon. Ich selbst finde es ungerecht, dass ich je nach Gutdünken von Politikern einen Wehrdienst von 12, 18 oder sogar 24 Monaten leisten muss und hätte das gerne verweigert, weiß aber nicht wie. Die Zeit der vielen Verweigerer kommt erst später. Nur ein Rekrut unserer Kompanie weigert sich, eine Waffe anzufassen. Er sitzt wochenlang in Arrest und wird schlussendlich aus der Bundeswehr entlassen. Zwar gefällt mir der Slogan ‘Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin’, aber ich halte das für unrealistisch. Ich glaube nicht, dass man friedlich leben kann, wenn ringsumher geschossen und gebombt wird.

Nach drei Monaten ist die Grundausbildung endlich vorbei und wir werden diversen Einheiten zugeteilt. Da ich bei der Musterung die schwache Tauglichkeitsstufe 3 bekam und in der Grundausbildung außer beim Sport im Laufen keine besonderen Fähigkeiten gezeigt habe, werde ich in die Schreibstube unserer Kompanie versetzt. Das verdanke ich wohl meiner Banklehre, ärgerlich. Ich wäre lieber nach Schwanewede in der Nähe von Bremen versetzt worden, aber Kameraden versichern mir, dass der Dienst in einer Kampfkompanie kein Zuckerschlecken ist: Häufig Alarm, Manöver und danach Appelle, was bedeutet, dass man nach dem Robben im Dreck immer wieder die Uniform, die Ausrüstung und die Fahrzeuge reinigen muss. In der Schreibstube schiebe ich dagegen eine ziemlich ruhige Kugel.

Wir sind zu viert, mein Vorgesetzter sitzt mir gegenüber, ein Stabsunteroffizier mit rosig rundlichem Gesicht und beträchtlichem Leibesumfang. Wir mögen uns auf Anhieb nicht und er genießt es, den Vorgesetzten hervorzukehren. Er droht wiederholt, mich zu den Kraftfahrern nach Schwanewede versetzen zu lassen. Soll er doch, ich hätte nichts dagegen. Im Gegenteil, dort könnte ich alle Führerscheine gratis machen. Aber daraus wird nichts. Stattdessen nehme ich an einem Test beim Generalstab in Oldenburg teil und darf daraufhin nach Euskirchen bei Bergisch-Gladbach fahren, um an der Sprachenschule an einem Lehrgang teilzunehmen. Nach der erfolgreichen Teilnahme käme ich vielleicht zum NATO-Hauptquartier in Brüssel.

Doch dafür verlangen die Vorgesetzten, dass ich mich für vier Jahre verpflichte. Ich habe mich bereits des höheren Soldes wegen für zwei Jahre verpflichtet, aber vier Jahre sind mir zu lang. Ich muss zurück nach Wesendorf, wo mir unser Spieß sagt: “In Brüssel karrst Du sowieso nur Akten durch die Kaserne.”

Der Spieß bzw. Hauptfeldwebel unserer Kompanie ist bereits zu Hitlers Zeiten Soldat gewesen, angeblich bei der berüchtigten Waffen-SS. Im Zweiten Weltkrieg war er an der Ostfront und erzählt mir irgendwann, dass er so manchen Russen getötet hat, auch mit dem Messer: “Beim ersten ist es noch schlimm…” Seit er weiß, dass ich Posaune spiele, interessiert er sich dafür, weil er das früher bei der Wehrmacht auch tat. Er besorgt sich eine Tröte und wenn es mal wieder einen mehrtägigen Bataillonsalarm gibt und alle Soldaten ins Gelände ausrücken, befördert er mich kurzerhand zum vorübergehenden Kompaniechef. Ich darf einen Revolver umschnallen und bewache unseren Kasernenblock. Sind alle Mann ausgerückt, sitzen wir im verwaisten Flur und blasen Posaune.

Auch sonst erleichtert die Musik mein Soldatenleben. Einmal wird für uns sogar eine Dienstfahrt nach Munsterlager angesetzt, um dem Brigadegeneral zu seinem Geburtstag ein Ständchen zu bringen. Es ist saukalt und wir kommen 10 Uhr vormittags durchgefroren vor dem dortigen Kasino an, stellen uns mit unseren Tröten bereit und warten auf den hohen Herrn, der mit den Offizieren im Kasino Drinks kippt. Nach einer Weile erscheint er mit rötlichen Wangen und freut sich auf unser Konzert. Leider sind die Mundstücke unserer Posaunen eiskalt und als wir die ersten Töne blasen, erklingen nur Furze. Peinlich, doch der General ist fast zu Tränen gerührt. Wir wärmen die Mundstücke für einige Zeit unter unseren Mänteln und beim zweiten Versuch klappts.

Jeden Dienstag fahren wir mit einem Feldwebel, der Trompete bläst, in seinem Jeep zu einem Dorf, wo ein alter polnischer Kapellmeister ein Amateurblasorchester dirigiert. Fahren können wir allerdings nur, wenn der Jeep anspringt. Manchmal streikt er, weil mal wieder jemand die Sicherung geklaut hat. Dann klaut der Feldwebel auch eine aus einem anderen Fahrzeug. Das nennt man beim Militär ‘Organisieren’. Die Blaserei macht Durst, den wir hinterher in einer Kneipe löschen. Irgendwann nach Mitternacht sind wir zurück in unserer Kaserne, der betrunkene Spieß entschwindet in seine Dienstwohnung auf dem Kasernengelände.